Ins Netz gegangen (18.8.)

Andrés Canchón

Ins Netz gegan­gen am 18.8.:

  • Müs­sen wir Euro­pa ‚anders‘ den­ken? Eine kul­tur­wis­sen­schaft­li­che Ant­wort | Mein Euro­pa → span­nen­de ana­ly­se der his­to­ri­schen verknüpfung/verbindung von euopra-idee und geschlechts­iden­ti­tät und die kon­se­quen­zen für die gegen­wär­ti­ge euro­pa-idee und –debat­te, z.b.:

    Wenn Kul­tur im gegen­wär­ti­gen plu­ra­lis­ti­schen Gesell­schafts­mo­dell, das in den ein­zel­nen euro­päi­schen Län­dern unter­schied­li­ch stark oder gering greift, nicht mehr an den Mann als auf­grund einer ver­meint­li­chen Geschlechts­iden­ti­tät Kul­tur­schaf­fen­den gebun­den ist oder gebun­den wer­den kann, ist Euro­pa als Kul­tur im Sin­gu­lar nicht mehr als Pro­dukt des kul­tur­schaf­fen­den männ­li­chen Geschlechts kon­zi­pier­bar, sie ist gene­rell nicht mehr im Sin­gu­lar kon­zi­pier­bar.

    Euro­pa“ nicht im Sin­ne des essen­tia­lis­ti­schen Sin­gu­lars der Auf­klä­rung zu den­ken, son­dern als Viel­falt des Dif­fe­ren­ten auf der Grund­la­ge von Kohä­renz und Kohä­si­on ist mög­li­ch und dies auf eine ega­li­tä­re plu­ra­lis­ti­sche Gesell­schaft zu bezie­hen, ist eben­so mög­li­ch.
    […] Kon­se­quent wäre es, EU-Euro­pa von der Gesell­schaft und der anti-essen­tia­lis­ti­schen Per­spek­ti­ve her zu den­ken. Dabei kann nicht mehr auf das Funk­tio­nie­ren eines kol­lek­ti­ven per­for­ma­ti­ven Sprech­akts gesetzt wer­den. Das Erzeu­gen inhalt­li­cher Kohä­renz in Bezug auf Euro­pa braucht die Euro­päe­rin­nen und Euro­pä­er als Kom­mu­ni­ka­ti­ons­ak­ti­ve. Die Fra­ge, wie sich das orga­ni­sie­ren lässt, ist eben­so zen­tral wie sie unbe­ant­wor­tet geblie­ben ist. Von „euro­päi­scher Öffent­lich­keit“ bis „sozia­le Medi­en“ gibt es vie­le Prak­ti­ken, aber die­se wei­sen kei­ner­lei Kohä­si­on auf. Unbe­ant­wor­tet ist auch die Fra­ge, ob Anti-Essen­tia­lis­mus Dezen­triert­heit erfor­dert oder zur Fol­ge hat? Dies wür­de der bis­he­ri­gen EU-Euro­pa­idee umfas­send ent­ge­gen­ste­hen.

  • Euro­päi­sche Uni­on: Anlei­tung zum Natio­na­lis­mus | ZEIT ONLINE → ein­fach wun­der­bar sar­kas­ti­sch …

    Erwe­cken Sie den Ein­druck, mit dem Natio­nal­staat könn­te man auch den Lebens­stil einer unter­ge­gan­ge­nen Epo­che wie­der auf­le­ben las­sen.

  • Vom Über­set­zen“ – Fest­spiel­re­de von Caro­lin Emcke | Ruhr­triii­en­na­le → caro­lin emcke ist rat­los ange­sichts des ent­set­zens der gegen­wart und ver­sucht, die auf­klä­rung (als pro­zess) wie­der stark zu machen

    Es braucht Über­set­zun­gen der Begrif­fe und Wer­te, die aus­ge­höhlt und ver­stüm­melt wor­den sind, es braucht eine Über­set­zung von Nor­men in Anwen­dun­gen, es müs­sen Begrif­fe in Erfah­run­gen über­setzt wer­den, damit sie vor­stell­bar wer­den in ihrer Sub­stanz, damit wie­der deut­li­ch und nach­voll­zieh­bar wird, wor­aus sie bestehen, damit erleb­bar wird, wann und war­um der Rechts­staat einen schützt, dass sub­jek­ti­ve Rech­te nicht nur pas­siv vor­han­den, son­dern dass sie auch aktiv ein­klag­bar sind, dass eine Demo­kra­tie nicht ein­fach die Dik­ta­tur der Mehr­heit bedeu­tet, wie es sich die AfD oder Ukip oder der Front Natio­nal wün­schen, son­dern eben auch den Schutz der Min­der­heit, es braucht eine Über­set­zung der Geset­ze und Para­gra­phen, der Exper­ten­spra­che in demo­kra­ti­sche Wirk­lich­kei­ten, es braucht Erzäh­lun­gen davon, wie die Frei­heit schmeckt, wie die Gleich­heit sich anfühlt, wie die Brü­der­lich­keit klingt.

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Michael Podger

Ins Netz gegan­gen am 10.8.:

  • Nor­bert Blüm: Natio­na­lis­mus ist Idio­tie | Süddeutsche.de → was sind das nur für zei­ten, dass ich einen text von nor­bert blüm zum lesen emp­feh­len muss …

    Natio­na­lis­mus ver­steht etwas von Macht, Glanz und Glo­ria, weni­ger von Mensch­lich­keit. Macht ist die Trieb­fe­der jed­we­der natio­na­lis­ti­scher Poli­tik. War­um soll­te ich dem Natio­nal­staat nach­trau­ern? Er ist ein Zwi­schen­spiel der Geschich­te, weder gott­ge­ge­ben noch natur­ge­wach­sen.

  • Kühl­schrän­ke gibt’s bei Kater Muschi → ein net­ter text über leben und ein­kau­fen arno schmidts in darm­stadt (1955–1958)
  • Wahl­kam­pfro­man 2016. „So wird das Leben.“ – Mar­le­ne Stree­ru­witz → „Bei der Wie­der­ho­lung der Wahl zum öster­rei­chi­schen Bun­des­prä­si­den­ten steht die Ent­schei­dung für oder gegen die Demo­kra­tie an. Mar­le­ne Stree­ru­witz erzählt in ihrem drit­ten Wahl­kam­pfro­man was die­se Ent­schei­dung im wirk­li­chen Leben bedeu­tet.“
  • Jour­na­list: Zeit-Online-Chef­re­dak­teur Jochen Weg­ner: „Wir sind anders“ → ein inter­es­san­tes und teil­wei­se sehr ent­lar­ven­des inter­view. mat­thi­as dani­el fin­det es z.b. (in einem fach­me­di­um! für jour­na­lis­ten) „irre“, dass zeit-online den trai­ner des dfb mit einer nicht­nach­richt (er macht wei­ter) nicht als top­the­ma hat­te …

    und immer wie­der wun­dern mich medi­en­zah­len – so „erreicht“ ze.tt angeb­li­ch 10 % der bevöl­ke­rung in deutsch­land. das erscheint mir irre viel …

    und eine schö­ne bull­s­hit-phra­se: genaue, per­so­na­li­sier­te nut­zer­da­ten sind „ein qua­li­fi­zier­ter Kon­takt zu vie­len Lesern“

  • Lan­gua­ge Stuff – Goo­gle Dri­ve → irre vie­le (eng­lisch­spra­chi­ge) gram­ma­ti­ken irre vie­ler spra­chen, lei­der (in mei­nen stich­pro­ben) ohne ordent­li­che biblio­gra­phi­sche nach­wei­se. teil­wei­se sprach­lehr­bü­cher, teil­wei­se wis­sen­schaft­li­che
  • Ohne Pflug auf den Acker – Land­wir­te pas­sen sich dem Kli­ma­wan­del an | Deu­sch­land­ra­dio Kul­tur → schö­nes fea­ture über den umgang von (vor­wie­gend bio-)landwirten in bran­den­burg mit dem sich ändern­den kli­ma und den damit ein­her­ge­hen­den ver­än­de­run­gen in ihrer arbeit

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  • Wis­sen­schaft­li­che Ana­ly­se: Min­des­tens zehn Pro­zent der Fuß­ball­pro­fis gedopt | FAZ → eine – ers­te – unter­su­chung zum doping im pro­fi­fuß­ball geht von 9,8 bis 35,1 pro­zent gedop­ter sport­ler in deutsch­land aus. kon­trol­liert wer­den fast die hälf­te höchs­tens ein mal im jahr. sehr bezeich­nend auch:

    Er selbst mus­s­te sei­ne Befra­gung in Deutsch­land qua­si heim­li­ch, über sei­ne pri­va­ten Kon­tak­te durch­füh­ren, weil die Bun­des­li­ga-Ver­ei­ne mit dem The­ma nichts zu tun haben woll­ten.

  • Nach dem Brex­it: Bringt die EU tat­säch­li­ch weni­ger Demo­kra­tie? | NZZ

    Bei einer nüch­ter­nen Ana­ly­se der demo­kra­ti­schen Vor- und Nach­tei­le kommt die EU damit viel bes­ser weg, als im öffent­li­chen Dis­kurs meist ange­nom­men wird. Anders die natio­na­len Demo­kra­ti­en – auch in Bezug auf die direk­te Demo­kra­tie der Schweiz: Wir erle­ben in allen natio­na­len Demo­kra­ti­en eine zuneh­men­de «Tyran­nei der Alt­ein­ge­ses­se­nen».

  • Fin­tech: Das nächs­te klei­ne Ding | brand eins → lan­ger (und etwas aus­ge­walz­ter) text über die (v.a. die deut­schen) fin­tech-star­tups, ihr ver­hält­nis zu bestehen­den ban­ken und den kun­den sowie ihren momen­ta­nen zukunfts­chan­cen (eher über­sicht­li­ch, offen­bar)
  • Hugo Ball im Zunft­haus zur Waag: Wie die Nach­welt Dada erfand | NZZ → magnus wie­land über das (ex post) so genann­te „eröff­nungs-mani­fest“ des dada von hugo ball und sei­ne edi­ti­ons­ge­schich­te

    Der Erst­druck erschien 1961 in Paul Pört­ners ver­dienst­vol­ler Antho­lo­gie «Lite­ra­tur-Revo­lu­ti­on», die­sem war es von Emmy Hen­nings‘ Toch­ter Anne­ma­rie Schütt-Hen­nings zur Ver­fü­gung gestellt wor­den. Sie betreu­te den Nach­lass von Ball und bemüh­te sich beim Ben­zi­ger-Ver­lag um die Her­aus­ga­be sei­ner Brie­fe und Schrif­ten. Brei­te­re Auf­merk­sam­keit dürf­te das Mani­fest aber erst erhal­ten haben, als es fünf Jah­re spä­ter zum 50-Jah­re-Jubi­lä­um der Dada-Bewe­gung in der Kul­tur­zeit­schrift «Du» erneut abge­druckt wur­de, wie­der­um von Schütt-Hen­nings zur Ver­fü­gung gestellt, die sehr wahr­schein­li­ch auch die maschi­nel­le Abschrift für die Druck­vor­la­ge besorgt hat­te.

    Dort taucht nun zum ers­ten Mal die heu­te geläu­fi­ge Bezeich­nung «Eröff­nungs-Mani­fest» auf. Ohne his­to­ri­sche Grund­la­ge wird dem Text eine Funk­ti­on zuge­schrie­ben, die ihm sei­ne her­aus­ra­gen­de Stel­lung als Grün­dungs­do­ku­ment sichern soll. Und mehr noch: Neben dem neu­en Titel weist die Abschrift stre­cken­wei­se auch erheb­li­che Ver­än­de­run­gen und sinn­ent­stel­len­de Feh­ler auf, was umso gra­vie­ren­der ist, als sie bis­her mit weni­gen Aus­nah­men als Refe­renz für zahl­rei­che Antho­lo­gi­en und For­schungs­ar­bei­ten dien­te.

  • Wie ich Keith Jar­retts Feind wur­de | Frei­text → ein wun­der­ba­rer text (der titel sagt ja schon fast alles …) von cle­mens setz über die hybris und arro­ganz von keith jar­rett, anläss­li­ch eines kon­zer­tes in wien

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  • Faking it – the great unmen­tionable of orches­tral play­ing | the strad → Given today’s high stan­dards of musi­ci­anship, you might think top orches­tral string play­ers can play any­thing, but the­re are times when the best they can do is give the impres­si­on of play­ing every note as writ­ten
  • Igor Levit: „Es ist so unheim­li­ch geil“ | ZEIT ONLINE → der groß­ar­ti­ge igor levit lässt sich von moritz von uslar fra­gen zu beet­ho­ven stel­len und hat ein paar coo­le ant­wor­ten auf teil­wei­se etwas dümm­li­che fra­gen (die sich uslar nicht mal selbst über­le­gen konn­te …)
    krank aller­dings ist der angeb­li­che anlass: das beet­ho­ven-jubi­lä­um 2020 – sind ja nur noch vier jah­re, aber was soll’s, damit war die „zeit“ bestimmt das ers­te medi­um, das das jubi­lä­um ein­ge­läu­tet hat …
  • Aaron Sor­kin Con­ju­res a Mee­ting of Oba­ma and Bart­let – The New York Times → erst jetzt gefun­den: aaron sor­kin hat sich für die NYTi­mes ein tref­fen von oba­ma und dem west-wing-prä­si­dent bart­lett 2008 aus­ge­malt.
  • Koh­leaus­stieg ver­tagt | klimaretter.info → aus kurz­fris­ti­gen poli­ti­schen über­le­gun­gen (und angst) ver­gei­gen die regie­run­gen deutsch­lands die ener­gie­wen­de immer mehr, schie­ben sie immer wei­ter in die zukunft und hin­ter­las­sen immer grö­ße­re pro­ble­me
  • Kli­ma­wan­del: Der unglaub­li­che Eier­tanz der Meteo­ro­lo­gen | FAZ → joa­chim mül­ler-jung hat genug vom eier­tanz der mete­ro­lo­gen:

    Aber wie lan­ge sol­len sich Meteo­ro­lo­gen, die wie kaum eine zwei­te For­scher­gil­de öffent­li­ch Gehör fin­den, hin­ter einem omi­nö­sen sta­tis­ti­schen Rau­schen ver­ste­cken, nur weil sie das Offen­kun­di­ge – den beschleu­nig­ten Kli­ma­wan­del – als poli­ti­sche Kor­rekt­heit und des­we­gen als unan­ge­mes­se­ne wis­sen­schaft­li­che Inter­pre­ta­ti­on betrach­ten? Die meteo­ro­lo­gi­sche Exper­ti­se steckt selbst in einem Tief­drucksumpf. Sie täte auch des­halb gut dar­an, ihre ver­quas­ten kli­ma­to­lo­gi­schen Sprach­re­gu­la­ri­en auf­zu­ge­ben, weil sie mit zwei­deu­ti­gen Aus­flüch­ten die anti­wis­sen­schaft­li­chen Res­sen­ti­ments nur mehr schürt.

  • Vor 10.000 Jah­ren waren die Euro­pä­er schwarz“ – Johan­nes Krau­se im Gespräch | Migra­ti­on → sehr inter­es­san­tes und span­nen­des inter­view mit dem paläo­ge­ne­ti­ker johan­nes krau­se über migra­tio­nen, aus­se­hen etc.

    Vor der Eis­zeit hat­ten die bis­her unter­such­ten Men­schen in Euro­pa alle brau­ne Augen, nach der Eis­zeit waren die Augen blau. Die Ureu­ro­pä­er, die vor zehn­tau­sen­den Jah­ren in Euro­pa leb­ten, hat­ten eine dunkle Haut­far­be. Das ent­spricht nicht dem übli­chen Bild. Wenn ich ins Muse­um gehe, sind die Jäger und Samm­ler von vor 10.000 Jah­ren meist weiß dar­ge­stellt – dabei waren sie schwarz und hat­ten blaue Augen. Sie wie­sen kei­nes der Gene auf, die heu­te eine hel­le Haut­far­be ver­ur­sa­chen. Die heu­ti­ge hel­le Haut hat sich erst in der Bron­ze­zeit in Euro­pa aus­ge­brei­tet, also vor zir­ka 5.000 Jah­ren.

  • Read more blogs | Seth’s blog → seth godin:

    rea­ding more blogs is one of the best ways to beco­me smar­ter, more effec­tive and more enga­ged in what’s going on. The last great online bar­gain.

    – sehr rich­tig. und wirk­li­ch so ein­fach umzu­set­zen. rss und sei­ne rea­der sind mei­nes erach­tens immer noch die am meis­ten unter­schätz­te tech­nik im inter­net

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  • Kleist-Edi­ti­on: Ein trau­ri­ges Ende | Süd­deut­sche → kleist-exper­te und –her­aus­ge­ber klaus mül­ler-sal­get berich­tet vom sehr unrühm­li­chen umgang des han­ser-ver­la­ges mit der offen­bar grot­ten­schlech­ten, aber als ulti­ma­ti­ven ange­prie­se­nen kleist-lese­aus­ga­be von roland reuß und peter sta­en­gle – nach­dem der ver­lag eine revi­si­on ver­sprach, die feh­ler­haf­te aus­ga­be aber mun­ter wei­ter ver­kauf­te, stellt er sie nun gänz­li­ch ein (das sind übri­gens die ver­la­ge, die über die vg wort geld von den urhe­bern haben wol­len – für ihre uner­setz­li­chen leis­tun­gen …)
  • re:publica 2016 – Thors­ten Schrö­der & Frank Rie­ger: Ad-Wars → span­nen­der vor­trag von frank rie­ger & thors­ten schrö­der über adblo­cker, mal­wa­re und gefah­ren­ab­wehr im netz (mit lösung­vor­schlä­gen!)
  • Muse­ums­di­rek­tor Köh­ne im Gespräch: Wir müs­sen es wagen! | FAZ → eck­art kröh­ne, direk­tor des badi­schen lan­des­mu­se­ums, will sein muse­um öff­nen – die faz spricht im inter­view von einer „revo­lu­ti­on von unten“:

    Muse­en sind eigent­li­ch so ange­legt, dass sie die wis­sen­schaft­li­ch fach­li­che Deu­tungs­ho­heit für ihre Inhal­te haben. Wir ver­su­chen, neben die­sem kura­to­ri­schen Strang einen zwei­ten Strang zu ent­wi­ckeln, bei dem wir sel­ber nicht mehr deu­ten, son­dern die Nut­zer und Nut­ze­rin­nen des Muse­ums das tun.

  • Kri­se des Libe­ra­lis­mus: Ein auto­ri­tä­res Ange­bot | Zeit → tho­mas ass­heu­ser ver­sucht sich in der „zeit“ an einer ana­ly­se der situa­ti­on des libe­ra­lis­mus – und so viel er rich­tig beob­ach­tet, fra­ge ich mich doch, ob sein aus­gangs­punkt – dass näm­li­ch „unse­re“ moder­ne libe­ra­le gesell­schaft so eng mit dem libe­ra­lis­mus zusam­men­hängt, wirk­li­ch rich­tig ist. ich ten­die­re ja eher zur annah­me, dass die poli­tik der letz­ten jahre/jahrzehnte gen­au das – näm­li­ch den libe­ra­lis­mus – ver­lo­ren hat, auch ohne in das auto­ri­tä­re geham­pel der rech­ten zu ver­fal­len.

    Man kann sich leicht aus­ma­len, wel­ch kleb­ri­ge Attrak­ti­vi­tät eine sol­che Apart­heid­ge­sell­schaft ent­wi­ckelt, wenn Bür­ger das Gefühl haben, sie sei­en Moder­ni­sie­rungs­ver­lie­rer und könn­ten sich für ihre libe­ra­le Frei­heit nichts kau­fen. Die rech­te Alter­na­ti­ve ver­spricht dage­gen die Befrei­ung von der Befrei­ung und den Abschied von Euro­pa sowie­so. Sie malt die Nati­on als gute Stu­be mit Hirsch­ge­weih und kugel­si­che­ren But­zen­schei­ben, als Trutz­burg gegen Ter­ror, Kli­ma­ka­ta­stro­phe und Flücht­lin­ge, kurz: als wet­ter­fes­ten Herr­gotts­win­kel für Men­schen mit apo­ka­lyp­ti­schen Vor­ge­füh­len, die nicht zu Unrecht fürch­ten, die „Welt drau­ßen“ kön­ne über ihren Köp­fen zusam­men­bre­chen. Das auto­ri­tä­re Ange­bot ver­fängt.

  • Exzel­lenz­in­itia­ti­ve: Pri­vat ein Las­ter, öffent­li­ch eine Tugend | FAZ → jochen höri­sch über den „dou­ble­speak“ in bezug auf die exzellenziniative,die auch vie­le (betei­lig­te) wis­sen­schaft­ler für sub­op­ti­mal bis unsinn hal­ten, das aber selten/kaum öffent­li­ch sagen

    Man muss kein appro­bier­ter Medi­en- und Kom­mu­ni­ka­ti­ons­wis­sen­schaft­ler sein, um die all­täg­li­che Kom­mu­ni­ka­ti­on an den Uni­ver­si­tä­ten über die alte wie die neu auf­ge­leg­te Exzel­lenz­in­itia­ti­ve auf­fal­lend und ana­ly­se­be­dürf­tig zu fin­den. Denn immer wie­der macht sich ein pro­fa­nes Dilem­ma bemerk­bar. Im ältes­ten Medi­um, der face-to-face-com­mu­ni­ca­ti­on, wird noch sehr viel stär­ker als son­st gänz­li­ch anders über die Exzel­lenz­in­itia­ti­ve gespro­chen als in der publi­zier­ten Schrift­form. Antrags­pro­sa oder Ver­laut­ba­run­gen von offi­ziö­sen Uni­ver­si­täts­zeit­schrif­ten begrü­ßen die Erneue­rung der Exzel­lenz­in­itia­ti­ve, ansons­ten aber hört man zumeist läs­ter­li­che Reden.

  • Corporate’s Child | text­dump → zur lage der poli­tik eini­ge schar­fe beob­ach­tun­gen und anmer­kun­gen in guen­ter hacks text­dump:

    Der Staat gibt vor, alles sehen zu kön­nen (sie­he Punkt 2), wenn er aber han­deln soll, tut er so, als sei­en ihm die Hän­de gebun­den, von der bösen EU, durch inter­na­tio­na­le Ver­trä­ge, durch Res­sour­cen­man­gel, durch die all­ge­mei­ne Wirt­schafts­lo­gik, die halt nun mal so ist. Wenn der Staat agiert, dann nur mit noch mehr Repres­si­on nach unten, weil das halt ein­fa­cher ist, als Steu­ern von Ama­zon zu ver­lan­gen. Die­se Dis­kre­panz führt zu einer Art Theo­di­ze­e­ge­fühl, die schon ziem­li­ch mas­si­ve Welt­re­li­gio­nen hat abschmel­zen las­sen.

    Die neo­na­tio­na­lis­ti­schen Par­tei­en sind nicht des­we­gen so erfolg­reich, weil sie dis­rup­tiv wären, son­dern weil sie bestehen­de Leit­li­ni­en der Main­stream-Poli­tik der letz­ten 30 Jah­re kon­se­quen­ter und skru­pel­lo­ser wei­ter­den­ken als die Cor­po­ra­te-Poli­ti­ker selbst.

Ins Netz gegangen (30.3.)

Ins Netz gegan­gen am 30.3.:

  • Wel­che Ursa­chen das Töten im Namen Got­tes hat | FAZ – ein sehr guter gast­bei­trag von fried­rich wil­helm graf (der ja meis­tens sehr klu­ge din­ge sagt …) in der „faz“ über ursa­chen des reli­giö­sen ter­rors

    Es dient nicht der Ent­schul­di­gung der der­zeit im Namen Allahs aus­ge­üb­ten Ver­bre­chen, mög­li­che his­to­ri­sche Par­al­le­len sicht­bar und auf die Gewalt­po­ten­tia­le in allen Reli­gio­nen auf­merk­sam zu machen. Aber es ver­hin­dert eine fal­sche, essen­tia­lis­ti­sche Sicht auf den Islam, den es so wenig wie das Chris­ten­tum gibt. Die mus­li­mi­schen Reli­gi­ons­kul­tu­ren in Euro­pa sind in sich höchst viel­fäl­tig und durch ganz unter­schied­li­che kol­lek­ti­ve Erfah­run­gen geprägt. Mus­li­me in Kreuz­berg, deren Eltern oder Groß­el­tern ein­st aus der Tür­kei kamen, tei­len nicht die trau­ma­ti­sie­ren­den Erin­ne­run­gen an kolo­nia­le Fremd­herr­schaft, die für vie­le fran­zö­si­sche, noch vom Alge­ri­en-Krieg gepräg­te Mus­li­me kenn­zeich­nend sind.

    Nach den Anschlä­gen von Paris und nun auch Brüs­sel ließ sich im poli­ti­schen Betrieb eine Reak­ti­on beob­ach­ten, die nur als fal­sches seman­ti­sches Invest­ment bezeich­net wer­den kann: Staats­prä­si­den­ten, Regie­rungs­chefs und Par­tei­vor­sit­zen­de beschwo­ren ein­hel­lig „die Wer­te Euro­pas“ oder „des Wes­tens“, die man gegen alle ter­ro­ris­ti­schen Angrif­fe ver­tei­di­gen wer­de.
    […] Aber mit Wer­te-Rhe­to­rik ist nie­man­dem gehol­fen.

    Wert“ war ursprüng­li­ch ein Begriff der öko­no­mi­schen Spra­che, und sei­ne Ein­wan­de­rung in ethi­sche Debat­ten und juris­ti­sche Dis­kur­se hat nur dazu geführt, die frei­heits­dien­li­che Unter­schei­dung von gesetz­li­ch kodi­fi­zier­ten Rechts­nor­men und mora­li­schen Ver­bind­lich­kei­ten zu unter­lau­fen. Des­halb ist es fatal, wenn Ver­tre­ter des Rechts­staa­tes die­sen im Kampf gegen den Ter­ro­ris­mus nun als eine „Wer­te­ge­mein­schaft“ deu­ten.

    für einen theo­lo­gen auch fast über­ra­schend, aber natür­li­ch abso­lut rich­tig und ein punkt, der immer wie­der gestärkt und ver­deut­licht wer­den muss (weil er so ger­ne ver­ges­sen wird): 

    Für wirk­li­ch alle gilt allein das Recht, und des­halb sind Rechts­bre­cher zu ver­fol­gen und zu bestra­fen.

  • Aus dem Tage­buch eines Bene­dik­ti­ner­pa­ters: Wie man 1684 im Dom in Mainz den Oster­sonn­tags­got­tes­dienst fei­er­te | All­ge­mei­ne Zei­tung – die main­zer „all­ge­mei­ne zei­tung“ bringt eine moder­ni­sier­te fas­sung eines tage­buch­be­richts über die oster­fei­er 1684 in mainz, ver­fasst von einem rei­sen­den bene­dik­ti­ner­pa­ter jose­ph diet­rich aus dem klos­ter ein­sie­deln in der schweiz
  • My Heroic and Lazy Stand Again­st IFTTT | Pin­board Blog – der pinboard-gründer/betreiber maciej cegłow­ski erklärt, war­um es sei­nen (übri­gens sehr emp­feh­lens­wer­ten) ser­vice nicht mehr bei ifttt gibt. die kurz­fas­sung: deren unver­schäm­ten, erpres­se­ri­schen bedin­gun­gen für ent­wick­ler
  • Wer­bung – für 6 Euro | Über­me­di­en – peter breu­er blät­tert sich auf „über­me­di­en“ durch die vogue – und ist wenig ange­tan

    Das The­ma der „Vogue“ ist: „Lan­ge­wei­le“. Sowohl in den Anzei­gen als auch in der Foto­stre­cke. „Komm Baby, stell Dich mal so hin und schau so pikiert, als wür­dest Du an einen völ­lig ver­koch­ten Grün­kohl den­ken.“ Die Mäd­chen sind dünn, die Gesich­ter leer, die Kla­mot­ten teu­er. In den Sech­zi­gern gab es einen Dr. Oet­ker-Spot, in dem eine Frau am Herd steht, ein Fer­tig­ge­richt zau­bert und ein Spre­cher sagt: „Eine Frau hat zwei Lebens­fra­gen: Was soll ich anzie­hen? Und was soll ich kochen?“ Die Frau­en der „Vogue“ haben sogar nur eine Lebens­fra­ge, und selbst die macht ihnen offen­sicht­li­ch kei­nen Spaß.

  • Inge­borg Bach­mann: „In mir ist die Höl­le los“ | ZEIT ONLINE – der ger­ma­nist Jose­ph McVeigh durf­te frü­he brie­fe von inge­borg bach­mann benut­zen und zitie­ren und ist nun sicher, dass man das werk der auto­rin nur bio­gra­phi­sch ver­ste­hen kann. zum glück ist die „zeit“ gegen­über sol­chem metho­di­schen unsinn etwas skep­ti­scher …

    Ich habe kei­ne Matrat­zen­schnüf­fe­lei betrei­ben wol­len“, sagt Bio­graf McVeigh, „aber wenn man die zer­stö­re­ri­sche Wir­kung der bei­den kata­stro­phal geschei­ter­ten Bezie­hun­gen auf das Leben von Inge­borg Bach­mann nicht berück­sich­tigt, kann man ihr spä­te­res Werk kaum ver­ste­hen.“

  • Pres­se­mit­tei­lun­gen als Gen­re: Ein-Bli­ck in die uni­ver­si­tä­re Akten­kun­de der Neu­zeit | Uni­BloggT – was eine sehr knap­pe und schnö­de pres­se­mit­tei­lung einer uni­ver­si­tät dem akten­kund­li­ch ver­sier­ten his­to­ri­ker alles ver­ra­ten kann …

Aus-Lese #42

Viel zu lan­ge gewar­tet mit der nächs­ten Aus-Lese, des­we­gen ist das jetzt eine Aus­le­se der Aus-Lese …

Fried­rich Fors­s­man: Wie ich Bücher gestal­te. Göt­tin­gen: Wall­stein 2015 (Ästhe­tik des Buches, 6). 79 Sei­ten.

forssman, wie ich bücher gestalteEin Buch ist schön, wenn die Gestal­tung zum Inhalt paßt.“ (71) – in die­sem klei­nen, harm­lo­sen Satz steckt eigent­li­ch schon das gesam­te gestal­te­ri­sche Cre­do Fors­s­mans (des­sen Name ich immer erst beim zwei­ten Ver­su­ch rich­tig schrei­be …) drin. Fors­s­man, als Gestal­ter und Set­zer der Spät­wer­ke Arno Schmidts schon fast eine Legen­de, inzwi­schen auch durch die Neu­ge­stal­tung der Reclam­schen „Uni­ver­sal Biblio­thek“ in fast allen Hän­den, will in die­sem klei­nen Büch­lein – 79 Sei­ten sind nicht viel, wenn es um Buch­ge­stal­tung, Typo­gra­phie, Her­stel­lung und all das drum­her­um gehen soll – zei­gen, wie er selbst Bücher gestal­tet, das heißt, nach wel­chen Kri­te­ri­en er arbei­tet. Ein Werk­statt­be­richt soll das sein – und das ist es auch, nicht nur, weil es so aus­sieht.

Locker plau­dert er, könn­te man sagen, über die Arbeit an der Her­stel­lung eines Buches. Das betrifft letzt­li­ch all die Aspek­te, die über den „rei­nen“ Text als Inhalt hin­aus­ge­hen: Typo­gra­phie, Satz, For­mat, Her­stel­lung, Umschlag und vie­les mehr. Fors­s­man plau­dert, sage ich, weil er sich dezi­diert als Theo­rie-Ver­äch­ter dar­stellt. Letzt­li­ch sind das alles Regel- und Geschmack­fra­gen: Ein Buch ist schön, wenn es gut ist – und es ist gut, wenn es schön ist. Viel mehr steckt da eigent­li­ch nicht dahin­ter. Fors­s­man sieht Buch­ge­stal­tung aus­drück­li­ch als Kunst­hand­werk, das bestimm­ten Regeln gehorcht. Die – und den guten Geschmack bei der Beur­tei­lung ihrer Anwen­dung – lernt man, indem man ande­re Bücher der Ver­gan­gen­heit (und Gegen­wart) anschaut und stu­diert. Frei­heit und Tra­di­ti­on bzw. Regel sind die Pole, zwi­schen denen jeder Kunst­hand­wer­ker sich immer wie­der ver­or­tet. Beim Lesen klingt das oft tra­di­tio­nel­ler und lang­wei­li­ger, als Fors­manns Bücher dann sind. Das liegt wahr­schein­li­ch nicht zuletzt dar­an, dass er sehr stark auf eine aus­ge­feil­te und kon­se­quen­te Durch­ge­stal­tung des gesam­ten Buches Wert legt – vom Bin­dungs­leim bis zur kor­rek­ten Form der An- und Abfüh­rungs­stri­che hat er alles im Bli­ck. Und, dar­auf weist er auch immer wie­der hin, Regel­haf­tig­keit und Tra­di­ti­on heißt ja nicht, dass alles vor­ge­ge­ben ist: Es gibt Frei­heits­gra­de, die zu nut­zen im Sin­ne einer Inter­pre­ta­ti­on des vor­lie­gen­den Tex­tes die Auf­ga­be des Buch­ge­stal­ters ist. Und dabei gilt dann doch wie­der:

Die Beweis­last liegt immer beim Ver­än­de­rer, in der Typo­gra­phie erst recht. (42)

Ili­ja Tro­ja­now: Macht und Wider­stand. Frank­furt am Main: Fischer. 479 Sei­ten.

ilija trojanow, macht und widerstandEin ganz schö­ner Bro­cken, und ein ganz schön hef­ti­ger dazu. Nicht wegen der lite­rar­ir­schen Form, son­dern wegen des Inhalts – der ist nicht immer leicht ver­dau­li­ch. Es geht um Bul­ga­ri­en unter sozialistischer/kommunistischer Herr­schaft, genau­er gesagt, um die „Arbeit“ und die Ver­bre­chen der Staats­si­cher­heit. Das erzählt Tro­ja­now auf der Grund­la­ge von Archiv­ak­ten, die zum Teil auch ihren Weg ins Buch gefun­den haben (selt­sa­mer­wei­se wer­den sie – und nur sie – in klein­schrei­bung ange­kün­digt …). Tro­ja­now kon­stru­iert eine Geschich­te aus zwei Polen – Macht und Wider­stand natür­li­ch – die sich in zwei Män­nern nie­der­schla­gen und recht eigent­li­ch, das wird ganz schnell klar, per­so­ni­fi­zie­ren. Die sind dadurch für mei­nen Geschmack manch­mal etwas ein­di­men­sio­nal gewor­den: Der eine ist eben die mehr oder weni­ger rei­ne Ver­kör­pe­rung des Prin­zi­pes Wider­stand, der ande­ren der Macht (bzw. des prin­zi­pi­en­lo­sen Oppor­tu­nis­mus). In abwech­seln­den Kapi­teln wech­selt auch immer die Per­spek­ti­ve ent­spre­chend. Geschickt gelingt Tro­ja­now dabei ein har­mo­ni­scher Auf­bau, der Infor­ma­tio­nen sehr har­mo­ni­sch und all­mäh­li­ch wei­ter­gibt. Sei­nen haupt­säch­li­chen Reiz zieht Macht und Wider­stand viel­leicht aber doch dar­aus, dass es sozu­sa­gen Lite­ra­tur mit Wahr­heits­an­spruch ist, den Fik­tio­na­li­täts­pakt also auf­kün­digt (und dar­an im Text durch die ein­ge­streu­ten Akten­über­set­zun­gen, die son­st für den lite­ra­ri­schen Text wenig tun, immer wie­der erin­nert). Das macht die Bewer­tung aber zugleich etwas schwie­rig: Als rein lite­ra­ri­scher Text über­zeugt es mich nicht, in sei­ner Dop­pel­funk­ti­on als Lite­ra­tur und his­to­ri­sch-poli­ti­sche Auf­klä­rung ist es dage­gen groß­ar­tig.

John Hirst: Die kür­zes­te Geschich­te Euro­pas. Ham­burg: Atlan­tik 2015. 206 Sei­ten.

hirst, europaEine inter­es­san­te Lek­tü­re bie­tet die­se Geschich­te Euro­pas, sie ist durch­aus erfri­schend, die extre­me Ver­knap­pung. Aber halt auch immer wie­der pro­ble­ma­ti­sch – vie­les fehlt, vie­les ist unge­nau bis feh­ler­haft. Aber um Voll­stän­dig­keit (der behan­del­ten The­men oder der Dar­stel­lung) kann es in einer „kür­zes­ten Geschich­te“ natür­li­ch über­haupt nicht gehen. 

Hirst geht es im ers­ten Teil – „Die kür­zes­te Ver­si­on der Geschich­te“ über­schrie­ben – vor allem um die For­mie­rung Euro­pas: Wie wur­de Euro­pa das, was es heu­te ist (oder vor weni­gen Jah­ren war)? Er stützt sich dabei vor allem auf drei Phä­no­me­ne und sie­delt das maß­geb­li­ch im Über­gang von Anti­ke zu Mit­tel­al­ter an: Euro­pa ist die Ver­bin­dung von der „Kul­tur des anti­ken Grie­chen­lands und Roms“, dem Chris­ten­tum und der „Kul­tur der ger­ma­ni­schen Krie­ger“. Immer wie­der betont er, dass Euro­pa als Idee und Gestalt eben maß­geb­li­ch eine Mischung sei. Und die ver­steht man nur, wenn man ihre Gene­se im Bli­ck hat (das alles gilt übri­gens für ihn bis in die Jetzt­zeit – ich bin mir nicht sicher, ob er dabei nicht doch die Macht & Not­wen­dig­keit der Geschich­te über­schätzt …): Nur mit Kennt­nis die­ser Wur­zeln ver­steht man also die Gegen­wart. Er fasst sei­ne Über­le­gun­gen zum Zusam­men­wir­ken sei­ner Grund­fak­to­ren immer wie­der in schö­nen Dia­gram­men zusam­men, die dann zum Bei­spiel so aus­se­hen:

Die ers­ten Tei­le – wo es um die eigent­li­che Geschich­te und For­mie­rung Euro­pas als Euro­pa geht – sind dabei gar nicht so schlecht: Natür­li­ch ist das alles sehr ver­kürzt, aber übri­gens auch gut les­bar. Dana­ch, wo es unter Über­schrif­ten wie „Ein­fäl­le und Erobe­run­gen“, „Staats­for­men“, „Kai­ser und Päps­te“ um Lini­en und Ten­den­zen der euro­päi­schen Geschich­te in Mit­tel­al­ter und Neu­zeit geht, wird es für mei­nen Geschmack aber zu epi­so­di­sch und auch his­to­ri­sch oft zu unge­nau. In der Kon­zep­ti­on fehlt mir zu viel Kul­tur und Kul­tur­ge­schich­te: Hirst geht wei­test­ge­hend von klas­si­scher poli­ti­scher Geschich­te aus, ergänzt das noch um etwas Phi­lo­so­phie und ein biss­chen Reli­gi­on. Und: Hirst denkt für mei­nen Geschmack auch zu sehr in moder­nen Begrif­fen, was manch­mal zu schie­fen Bewer­tun­gen führt (übri­gens auch ande­ren bei His­to­ri­kern (immer noch) ein belieb­ter Feh­ler …)

Man­che Wer­tung und Ein­schät­zung stößt bei mir auf grö­ße­ren Wider­stand. Manch­mal aber auch ein­fa­ches hand­werk­li­ches Pfu­schen, wenn Hirst etwa Davids Zeich­nung „Schwur im Ball­haus“ unhin­ter­fragt als getreu­es Abbild einer wirk­li­chen Hand­lung am Beginn der Fran­zö­si­schen Revo­lu­ti­on liest und inter­pre­tiert (dass er den Leser son­st mit Quel­len nicht wei­ter behel­ligt, ist natür­li­ch dem For­mat geschul­det). Selt­sam fand ich auch sein Bild der mit­tel­al­ter­li­chen Kir­che vor Gre­gor VII und ihr Ver­hält­nis zur Poli­tik: „Ört­li­che Macht­ha­ber und die Mon­ar­chen Euro­pas hat­ten sie [die Kir­che] unter­gra­ben, schlecht­ge­macht und aus­ge­plün­dert.“ (149) – ein­deu­ti­ger kann man kaum Posi­ti­on bezie­hen …

Damit ist Hirst ins­ge­samt also sicher nicht die letz­te Auto­ri­tät zur Geschich­te Euro­pas, nichts­des­to­trotz aber durch­aus eine sti­mu­lie­ren­de Lek­tü­re. So weit wie Gus­tav Seibt, der das in der SZ ein „Meis­ter­werk der Ver­ein­fa­chung“ nann­te, wür­de ich aller­dings nicht gehen.

Roland Barthes: Der Eif­fel­turm. Ber­lin: Suhr­kamp 2015. 80 Sei­ten.

barthes, eiffelturmZum 100. Geburts­tag des gro­ßen Roland Barthes hat Suhr­kamp sei­nen klei­nen Text über den Pari­ser Eif­fel­turm in einem schön gemach­ten Büch­lein mit ergän­zen­den Fotos ver­öf­fent­licht (das bei mir aller­dings schon beim ers­ten Lesen zer­fiel …). Barthes unter­sucht nicht nur, was der Eif­fel­turm eigent­li­ch ist – näm­li­ch ein (annä­hernd) lee­res Zei­chen -, son­dern vor allem, was er bedeu­tet und was er mit Paris und dem Beob­ach­ter oder bes­ser Betrach­ter macht. So kon­sta­tiert er unter ande­rem, dass der Eif­fel­turm einen neu­en Bli­ck (aus der Höhe eben) auf die Stadt als neue Natur, als mensch­li­chen Raum ermög­licht und eröff­net. Und damit ist der Eif­fel­turm für Barthes die Mate­ria­li­sa­ti­on des­sen, was die Lite­ra­tur im 19. Jahr­hun­dert schon längst geleis­tet hat­te, näm­li­ch die Ermög­li­chung, die Struk­tur der Din­ge (als „kon­kre­te Abs­trak­ti­on“) zu sehen und zu ent­zif­fern. Der beson­de­re Kniff des Eif­fel­turms besteht und dar­in, dass er – im Unter­schied zu ande­ren Tür­men und Monu­men­ten – kein Innen hat: „Den Eif­fel­turm besich­ti­gen heißt sich zu sei­nem Para­si­ten, nicht aber zu sei­nem Erfor­scher machen.“ (37), man glei­tet immer nur auf sei­ner Ober­flä­che.

Damit und durch die Eta­blie­rung eines neu­en Mate­ri­als – dem Eisen statt dem Stein – ver­kör­pert der Eif­fel­turm einen neu­en Wert – den der funk­tio­nel­len Schön­heit. Gera­de durch sei­ne Nutz­lo­sig­keit (die ihn vor sei­ner Erbau­ung so suspekt mach­te) befä­higt ihn beson­ders – weil kei­ne tat­säch­li­che Nut­zung sich mit ein­mengt -, zum Sym­bol der Stadt Paris zu wer­den: „Der Eif­fel­turm ist durch Met­ony­mie Paris gewor­den.“ (51) – und mehr noch, er ist „die unge­hemm­te Meta­pher“ über­haupt: „Bli­ck, Objekt, Sym­bol, der Eif­fel­turm ist alles, was der Men­sch in ihn hin­ein­legt.“ (63). Gen­au das ist es natür­li­ch, was ihn für den struk­tu­ra­lis­ti­schen Semio­ti­ker Barthes so inter­es­sant und anzie­hend macht. Und die­se Fas­zi­na­ti­on des Autors merkt man dem Text immer wie­der an.

Micha­el Fehr: Sime­li­berg. 3. Auf­la­ge. Luzern: Der gesun­de Men­schen­ver­sand 2015. 139 Sei­ten.

Grau
nass
trüb
ein Schwei­zer Wet­ter
ziem­li­ch ab vom Schuss (5)

fehr, simeliberg- so fängt das „Satz­ge­wit­ter“ von Micha­el Fehrs Sime­li­berg an. Die Metho­de bleibt über die fast 140 Sei­ten gleich: Die Sät­ze der har­ten, schwei­ze­ri­sch gefärb­ten Pro­sa wer­den durch ihre Anord­nung der Lyrik ange­nä­hert (das typo­gra­phi­sche Dis­po­si­tiv ist sogar ganz unver­fälscht das der Lyrik), statt Satz­zei­chen benutzt Fehr Zei­len­um­brü­che. Die­se zei­len­wei­se Iso­lie­rung von Satz­tei­len und Teil­sät­zen ver­leiht dem Text nicht nur eine eigen­ar­ti­ge Gestalt, son­dern auch ein ganz eige­nes Lese­er­leb­nis: Das ist im Kern „ech­te“ Pro­sa, die durch ihre Anord­nung aber leicht wird, den Boden unter den Füßen ver­liert, ihre Fes­tig­keit und Sicher­heit (auch im Bedeu­ten und Mei­nen) auf­ge­ge­ben hat: Sicher im Sin­ne von unver­rückt und wahr ist hier kaum etwas, die Form lässt alles offen. Dabei ist die erzähl­te Geschich­te in ihrem Kri­mi­cha­rak­ter (der frei­li­ch kei­ne „Auf­lö­sung“ erfährt) bei­na­he harm­los: Ein abge­le­ge­ner Hof, selt­sa­me Todes­fäl­le, eine gigan­ti­sche Explo­si­on, eine Unter­su­chung, die Kon­fron­ta­ti­on von Dorf und Stadt, von Ein­hei­mi­schen und Zuge­zo­ge­nen. Gen­au wie die Geschich­te bleibt alles im Unge­fäh­ren, im Düs­te­ren und Schlam­mi­gen – die Figu­ren sind Schat­ten­ris­se, ihre Moti­va­ti­on wie ihre Spra­che bruch­stück­haft. Und gen­au wie die Men­schen (fast) alle selt­sa­me Son­der­lin­ge sind, ist auch der Text son­der­bar – aber eben son­der­bar fas­zi­nie­rend, viel­leicht gera­de durch sei­ne Här­te und die abgrün­di­ge Dun­kel­heit, die er aus­strahlt. Und die Fehr weder mil­dern will noch kann durch eine „ange­neh­me­re“, das heißt den Lese­rer­war­tun­gen mehr ent­spre­chen­de, Erzähl­wei­se.

Hans-Jost Frey: Hen­ri­ci. Solo­thurn: Urs Enge­ler 2014. 84 Sei­ten.

frey, henriciAuch wie­der ein net­tes, sym­pa­thi­sches Büch­lein: In über 60 kur­zen Geschich­ten, Anek­do­ten, Skiz­zen hin­ter­fragt Hen­ri­ci (den man sich wohl als alter ego des Lite­ra­tur­wis­sen­schaft­lers Frey vor­stel­len darf) den All­tag der Gegen­wart, unser Tun und unser Spre­chen. Das ist ein­fach schön ver­spielt, ver­liebt ins Spie­len, genau­er gesagt, ins Wort­spiel: Durch das spie­le­ri­sche Arbei­ten mit gedan­ken­los geäu­ßer­ten Wor­t­en und Sät­zen, mit Gemein­plät­zen, hin­sicht­li­ch ihres Klan­ges und ihrer Seman­tik bringt Frey immer wie­der die Bedeu­tun­gen zum Tan­zen. Das sind oft oder sogar über­wie­gend gar kei­ne welt­ver­än­dern­den Beob­ach­tun­gen, die die­se Minia­tu­ren erzäh­len. Aber sie haben die Kraft, das All­täg­li­che, das Nor­ma­le, das man immer wie­der als Gege­ben unhin­ter­fragt ein­fach so hin­nimmt und wei­ter­führt, für die Beob­ach­tung und Inspek­ti­on zu öff­nen: Denn im spie­le­ri­schen Ver­dre­hen der Worte zeigt Frey immer wie­der, was die eigent­li­ch leis­ten (kön­nen), wenn man sie nicht bloß unbe­dacht äußert, son­dern auch in bana­len Situa­tio­nen auf ihre Mög­lich­kei­ten und Bedeu­tun­gen abklopft – da kommt Erstaun­li­ches, oft aus­ge­spro­chen Komi­sches dabei her­aus. Eine sehr sym­pa­thi­sche (und leicht zugäng­li­che) Art des (Sprach)Philosophierens …

Titus Mey­er: Mei­ner Buch­sta­be­neu­ter Milch­wucht­ord­nung. Leip­zig: Rei­ne­cke & Voß 2015. 84 Sei­ten.

Zu die­sem ganz wun­der­ba­ren Büch­lein mit dem zau­ber­haf­ten Titel Mei­ner Buch­sta­be­neu­ter Milch­wucht­ord­nung von Titus Mey­er, das vol­ler fas­zi­nie­rend artis­ti­scher Sprach­kunst­wer­ke steckt, habe ich schon vor eini­ger Zeit ein paar Sät­ze ver­lo­ren: kli­ck.

Wolf­gang Herrn­dorf: Bil­der dei­ner gro­ßen Lie­be. Ein unvoll­ende­ter Roman. Her­aus­ge­ge­ben von Kath­rin Pas­sig und Mar­cus Gärt­ner. RM Buch und Medi­en 2015. 141 Sei­ten.

herrndorf, bilder deiner großen liebeBil­der dei­ner gro­ßen Lie­be ist ein unver­öf­fent­lich­tes und auch unfer­ti­ges Manu­skript aus dem Nach­lass Wolf­gang Herrn­dorfs, das Kath­rin Pas­sig und Mar­cus Gärt­ner (die mit Herrn­dorf eng bekannt/befreundet waren) zur Ver­öf­fent­li­chung „arran­giert“ haben. Denn das vor­han­de­ne Text­ma­te­ri­al setzt an ver­schie­de­nen Stel­len des geplan­ten Romans an und ist auch unter­schied­li­ch stark aus­ge­ar­bei­tet. Das merkt man auch beim Lesen – eini­ges passt (etwa chro­no­lo­gi­sch und topo­gra­phi­sch) nicht zusam­men, an eini­gen Stel­len bre­chen Epi­so­den mit Stich­wor­ten oder Halb­sät­zen ab. Trotz­dem liest man eben Herrn­dorf: Wie­der eine Art Road-Novel, dies­mal von der „ver­rück­ten“ Isa auf ihrem Weg durch das Land berich­tend, wobei sie eini­ge span­nen­de Begeg­nun­gen erlebt. Ein sehr bun­ter, etwas chao­ti­scher und deut­li­ch unfer­ti­ger Text – ich bin mir nicht sicher, ob Herrn­dorf damit ein Gefal­len getan wur­de, das noch zu ver­öf­fent­li­chen. Sicher, das ist nett zu lesen. Aber in die­ser Form ist es eben über­haupt nicht auf der Ebe­ne, auf der Herrn­dorfs ande­re Tex­te ange­sie­delt sind. Für Herrn­dorf-Fans sicher ein Muss, die ande­ren kön­nen das ohne gro­ßen Ver­lust aus­las­sen.

Ver­rückt sein heißt ja auch nur, dass man ver­rückt ist, und nicht bescheu­ert. (7)

außer­dem noch gele­sen:

  • Iris Hani­ka: Wie der Müll geord­net wird. Graz, Wien: Dro­schl 2015. 298 Sei­ten.
  • Ulri­ke Almut San­dig: Grimm. Gedich­te. Nach den Kin­der- und Haus­mär­chen von Jacob und Wil­helm Grimm, hg. von Bri­git­te Labs-Ehlert. Det­mold: Wege durch das Land 2015 (Wege durch das Land 23). 32 Sei­ten.
  • Urs Faes: Und Ruth. Frank­furt am Main, Wien, Zürich: Bücher­gil­de Guten­berg 2001 [Suhr­kamp 2001]. 181 Sei­ten.
  • Moni­que Schwit­ter: Eins im Andern. 5. Auf­la­ge. Graz: Dro­schl 2015. 232 Sei­ten.
  • Tho­mas Mel­le: Raum­for­de­rung. Erzäh­lun­gen. Frank­furt am Main: Suhr­kamp 2007. 200 Sei­ten.
  • Man­fred Mit­ter­may­er: Tho­mas Bern­hard. Eine Bio­gra­fie. Wien: Resi­denz Ver­lag 2015. 452 Sei­ten.
  • Peter Stamm: Nacht ist der Tag. Frank­furt am Main: Fischer Taschen­buch Ver­lag 2014. 253 Sei­ten.
  • Sig­mar Schollak: Nar­ren­rei­se. Hal­le: Mit­tel­deut­scher Ver­lag 2015. 159 Sei­ten.
  • Sabi­ne Scholl: Wir sind die Früch­te des Zorns. Zürich: Seces­si­on Ver­lag für Lite­ra­tur 2013. 288 Sei­ten.
  • Anke Stel­ling: Boden­tie­fe Fens­ter. 4. Auf­la­ge. Ber­lin: Ver­bre­cher 2015. 249 Sei­ten.
  • Gun­n­ar Gun­n­ars­son: Advent im Hoch­ge­bir­ge. Erzäh­lung. Stutt­gart: Reclam 2006. 103 Sei­ten.
  • Hans Joa­chim Schäd­li­ch: Ver­such­te Nähe. Pro­sa. Rein­bek: Rowohl 1992.

Ins Netz gegangen (21.12.)

Ins Netz gegan­gen am 21.12.:

  • 39. Besu­ch auf dem Fried­hof oder Ein Kreu­zungs­punkt der Zei­ten – achim land­wehr über die mög­lich­kei­ten & gele­gen­hei­ten, die ein gang auf den fried­hof bie­ten kann:

    Der Fried­hof ist dann nicht mehr nur ein Ort des Geden­kens, son­dern auch des Beden­kens der Zeit(en), die wir haben oder die wir mög­li­cher­wei­se haben wol­len. Hier ist nicht nur die Trau­er über die Toten zu Hau­se, son­dern auch die Hoff­nung ande­rer Zeit­mo­da­li­sie­run­gen, weil sich gen­au hier die sehr unter­schied­li­chen Ver­zei­tun­gen begeg­nen, über­kreu­zen und gegen­sei­tig durch­ein­an­der­brin­gen.

  • Wolf­gang Benz : „Ich bin schon froh, wenn es nicht schlim­mer wird“ | ZEIT – sehr gutes inter­view mit wolf­gang benz, der ziem­li­ch ernüch­tert über sei­ne for­schun­gen, den zustand der deut­schen gesell­schaft und die mög­lich­kei­ten der geschichts­wis­sen­schaf­ten spricht:

    Man kann sagen: Die Sache mit Natio­nal­staat und Natio­nal­be­wusst­sein ist in Deutsch­land gründ­li­ch schief­ge­gan­gen.
    […] Es hat doch ohne­hin <em>niemand<em> wirk­li­ch Inter­es­se an Geschich­te. Fürs Fami­li­en­al­bum viel­leicht, aber wenn es dar­um geht, poli­ti­sche und sozia­le Her­aus­for­de­run­gen in den Griff zu bekom­men, spielt der Bli­ck in die Geschich­te kaum noch eine Rol­le. Da wird der His­to­ri­ker allen­falls abge­wehrt. Von Geschich­te und der Mög­lich­keit, sie zu nut­zen im Sin­ne eines huma­nis­ti­schen Fort­schritts, will die Mensch­heit nichts wis­sen. Son­st wür­de es näm­li­ch seit lan­ger Zeit kei­ne Krie­ge mehr geben, kei­nen Völ­ker­mord und wahr­schein­li­ch kei­ne Ver­trei­bun­gen.
    […] [Die Auf­klä­rung] war und ist der ein­zi­ge Ansatz­he­bel gegen das Freund-Feind-Den­ken und die Dehu­ma­ni­sie­rung des Ande­ren. Aber wie müh­sam schritt nach dem Jahr­hun­dert der Auf­klä­rung die Jude­n­eman­zi­pa­ti­on vor­an und mit wel­cher Halb­her­zig­keit! Und wie viel stär­ker ist das Irra­tio­na­le, das an Ängs­te appel­liert; wie viel leich­ter tun sich die Dem­ago­gen als die Auf­klä­rer … </em></em>

    – sehr lesens­wert!

  • The Inter­na­tio­nal Postal Sys­tem Is Pro­found­ly Broken—and Nobo­dy Is Pay­ing Atten­ti­on – Paci­fic Stan­dard – span­nend: ein text über die UPU, die Uni­ver­sal Postal Uni­on, die den brief­ver­kehr und vor allem des­sen bezah­lung zwi­schen staa­ten & pos­ten orga­ni­siert – und die mit eini­gen gro­ßen pro­ble­men zu kämp­fen hat, aber anschei­nend kaum/nicht zu refor­mie­ren ist …
  • Ver­fah­ren gehö­ren zum Beruf des Jour­na­lis­ten dazu – Das Netz – hans ley­en­de­cker im gespräch mit irights.info, über die netz­po­li­tik-lan­des­ver­rats-affä­re, geheim­diens­te, deutsch­land und euro­pa
  • Secret Code Found in Juniper’s Fire­walls Shows Risk of Govern­ment Back­doors | WIRED – ein real-life-pro­blem, an dem man sehr schön sehen kann, dass hin­ter­tü­ren bei ver­schlüs­se­lung etc. über­haupt kei­ne gute ide­en sind – schließ­li­ch kann die jeder fin­den (nicht, dass das bis­her undenk­bar gewe­sen wäre …)
  • Kill Your Airbnb’s Hid­den WiFi Came­ras With This Script | Mother­board – ein skript, mit dem man (mit ein biss­chen glück) unlieb­sa­me über­wa­chungs­ka­me­ras im wlan aus­schal­ten kann (aber nicht darf ;-) …)
  • Flücht­lings­for­schung gegen Mythen 2 – Netz­werk Flücht­lings­for­schung – das netz­werk flücht­lings­for­schung hat zum zwei­ten mal wis­sen­schaft­ler unter­su­chen las­sen, was an häu­fi­gen behaup­tun­gen über flücht­lin­ge dran ist. und wie­der zeigt sich: poli­ti­ker haben oft über­ra­schend wenig ahnung (oder sie tun zumin­dest so)
  • Stop­pen wir lügen­de Poli­ti­ker! | NZZ Cam­pus – ser­van grü­nin­ger zeigt sehr deut­li­ch, dass björn höckes ras­sis­ti­sche erklä­rung der repro­duk­ti­ons­stra­te­gi­en der „afri­ka­ner“ und der „euro­pä­er“ nach dem stand der wis­sen­schaft ein­fach fal­scher unsinn ist.

    Das Pro­blem liegt nicht dar­in, dass er ein Ras­sist ist. Das Pro­blem liegt dar­in, dass er ein Ras­sist ist, der die Wis­sen­schaft für sei­ne Ideo­lo­gie ein­span­nen will – im Wis­sen dar­um, dass ein sol­ches Vor­ge­hen sei­ne Aus­sa­gen stützt.

  • Baye­ri­sches Kabi­nett erlaubt Ver­fas­sungs­schutz Zugriff auf Vor­rats­da­ten­spei­che­rung | netzpolitik.org
  • ohne worte.

  • Archiv Arbei­ter­ju­gend­be­we­gung – Rea­der – ein (quellen)reader zur arbei­ter­ju­gend­be­we­gung zwi­schen 1904 und 1945. sieht auf den ers­ten bli­ck ganz inter­es­sant und gut gemacht aus (auch/gerade, weil ich von dem the­ma kei­ne ahnung habe …)
  • Wenn Spi­cken erlaubt ist | Bob Blu­me – bob blu­me über den ver­su­ch einer arbeit, bei der spi­cken erlaubt ist

Europa herrschet

Die Wahl

Euro­pa herr­schet. Immer geschmei­chel­ter
Gebie­test du der Herr­sche­rin, Sinn­lich­keit!
Die Blu­men­ket­te, die du anlegst,
Klir­ret nicht, aber umrin­gelt fes­ter,

Als jene, die den blei­chen Gefan­ge­nen
Im Tur­me las­tet. Zau­be­rin Sinn­lich­keit,
Du tötest alles, was erin­nert,
Daß sie nicht Leib nur, daß eine See­le

Sie auch doch haben! Von der Erha­be­nen,
Von ihrer Grö­ße red ich nicht, sage nur:
Du schlä­fer­st ein, daß sie in sich nichts
Außer der schla­gen­den Ader füh­len.

Das soll nun end­li­ch enden! Der edle Krieg
Der gro­ßen, lie­bens­wür­di­gen Gal­lier
Raubt bis zum letz­ten Scherf. Euch sin­ket
Wel­kend vom Arme die Blu­men­ket­te.

Die Don­ner­stim­me schallt euch der eiser­nen
Not­wen­dig­keit! Ihr strau­chelt des Lebens Weg
Ver­armt: wie wär es mög­li­ch, daß ihr
Nun in der Zau­be­rin Schoß noch ruh­tet?

Doch wenn ein Fun­ken See­le viel­leicht in euch
Auf­glim­met, wenn ihr zürnt, daß ihr Knech­te seid …
Was frommts? Ihr habt zum Flin­ten­stein die
Pfen­ni­ge nicht, noch zu einer Kugel!

Ihr saht es wel­ken, hör­tet die eiser­ne
Not­wen­dig­keit. Was wol­let ihr tun? Wohl­an,
Zur Wahl: Ver­zwei­felt! oder macht euch
Glück­li­cher, als es der Zau­ber konn­te.

Wer, was die Schöp­fung, und was er selbst sei, forscht;
Anbe­tend forscht, was Gott sei, den hei­tert, stärkt
Genuß des Geis­tes: wen nach die­sen
Quel­len nie dürs­te­te, der erlie­get.

Der Küns­te Blu­men kön­nen zur Hei­ter­keit
Auch wie­der wecken; führt euch des Ken­ners Bli­ck.
Die Far­be trü­get oft; der Blu­men
See­len sind laben­de Wohl­ge­rü­che.

Fried­rich Gott­lieb Klopsto­ck

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