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Lesen. Hören. Und ein bisschen schreiben.

Frankfurter Qualitätsjournalismus

Blöd, wenn Jour­na­lis­ten ihre eige­ne Zei­tung nicht lesen: Die FAZ beschäf­tigst sich gera­de sehr mit dem Abriss zwei­er Brü­cken am Darm­städ­ter Kreuz (A5): Am 30.9. schrieb Hans Rieb­sa­men, was pas­sie­ren wird, am 1.10. erschien ein vom sel­ben Jour­na­lis­ten geführ­tes Inter­view mit dem Chef von „Hes­sen-Mobil“ (wie das Stra­ßen­bau­amt in Hes­sen seit kur­zem heißt), am 1.10. schreibt auch Milan Jae­ger noch ein­mal, was die Blech­büch­sen­fah­rer erwar­tet wird (das war erst eben in mei­nem RSS-Rea­der). Und lus­ti­ger­wei­se sind die Brü­cken immer unter­schied­lich alt: Burk­hard Vieth von Hes­sen-Mobil erläu­tert, dass sie 1965 und 1966 gebaut wur­den – übri­gens auf eine Fra­ge Rieb­sa­mens hin, war­um „Brü­cken aus den sech­zi­ger Jah­ren jetzt schon abge­ris­sen wer­den“ müss­ten. Der sel­be Rieb­sam hat aber am 30.9. noch geschrie­ben, die Brü­cken sei­en in den 1970er Jah­ren erbaut wor­den – ver­bes­sert wur­de das natür­lich nicht. Auch Jae­ger schreibt das noch ein­mal. Das Inter­es­san­te dar­an: Vieth weist dar­auf hin, dass gera­de die frü­he Bau­zeit in den 1960ern für den schlech­ten Zustand der Brü­cken ver­ant­wort­lich sei: Weil erst in den 70ern mit dem Ein­satz von Streu­salz begon­nen wur­de, ist der Beton der alten Brü­cken dar­auf nicht aus­ge­legt (abge­se­hen natür­lich von der nicht zu erwar­ten­den heu­ti­gen Ver­kehrs­be­las­tung). Mich ner­ven an sol­chen Sachen ja weni­ger die Feh­ler – das pas­siert. Aber die feh­len­de Kor­rek­tur der Tex­te, die ja online ganz unpro­ble­ma­tisch wäre, das stört mich doch. Und sol­che Feh­ler wer­den eben ger­ne wei­ter­ge­reicht – die FAZ hat es ja geschrieben …

Parken für Polizisten

So parkt man als Poli­zei­strei­fe, wenn bei­de Poli­zis­ten um 16.10 Uhr an einem Mitt­woch­nach­mit­tag noch etwas im Pen­ny ein­kau­fen müs­sen (drin­gen­der dienst­li­cher Ein­satz also …). Immer­hin muss man froh sein, dass der Pkw nicht auf dem Fahr­rad­weg steht – das pas­siert durch­aus auch mal:

Parkendes Polizeiauto in der Großen Bleiche am 25.9.2013

Par­ken­des Poli­zei­au­to in der Gro­ßen Blei­che am 25.9.2013

Ins Netz gegangen (3.10.)

Ins Netz gegan­gen am 2.10.:

  • Ili­ja Tro­ja­now: „Ich möch­te mit die­ser Bun­des­re­gie­rung nichts zu tun haben“ | ZEIT ONLINE – Die „Zeit“ hat mit Ilja Tro­ja­now gespro­chen. Der ist auf­ge­bracht – nicht so sehr über die ame­ri­ka­ni­sche, son­dern – zu Recht – vor allem über die deut­sche Regie­rung. Denn die hät­te ja eigent­lich die Auf­ga­be, ihn – und uns alle – vor sol­chen Schi­ka­nen und Über­wa­chun­gen zu schüt­zen. Wenn sie denn ihre Ver­pflich­tung auf die Ver­fas­sung ernst näh­me. Aber dass sie das nicht immer tut, ist ja kei­ne Neuigkeit …

    Die Taten­lo­sig­keit der Regie­rung macht mich wütend. Viel wüten­der als das Ein­rei­se­ver­bot. Die Bun­des­re­gie­rung hat die Pflicht, die ver­fas­sungs­mä­ßi­gen Rech­te ihrer Bür­ger zu schüt­zen. Und ich als deut­scher Staats­bür­ger füh­le mich ange­sichts die­ser in ihrem Umfang ja immer noch nicht über­schau­ba­ren Über­wa­chungs­sys­te­me in mei­nen Rech­ten abso­lut ange­grif­fen. Eine Bun­des­re­gie­rung, die einen Eid geschwo­ren hat, die­se Ver­fas­sung zu schüt­zen und über­haupt nichts unter­nimmt, hal­te ich für mehr als skan­da­lös. Das ist ein rich­ti­ger Ver­rat am eige­nen Volk
    […] Ich möch­te mit die­ser Bun­des­re­gie­rung gar nichts zu tun haben. Sie ist so völ­lig unsen­si­bel gegen­über Bür­ger­rech­ten und Frei­heits­rech­ten. Sie ver­tritt mich nicht und des­we­gen will ich sie auch zu nichts auffordern.

  • Schrift­stel­ler als Netz­ver­äch­ter: Vom Gen­re der Bes­ser­halb­wis­se­rei – FAZ – Sascha Lobo nutzt die Aus­ein­an­der­set­zung mit Botho Strauß’ „Plu­ri­mi-Fak­tor“, um sei­ne eige­ne Hoff­nung für das Inter­net als gro­ße Auf­klä­rungs-/Fort­schritts-/Bil­dungs­ma­schi­ne end­gül­tig zu begraben

    Das Netz und vor allem die sozia­len Netz­wer­ke haben unter Schrift­stel­lern vie­le Ver­äch­ter. Jüngst wag­ten sich Gün­ter Grass und Botho Strauß her­vor. Der eine hat’s ver­geigt. Der ande­re weiß: Das Inter­net ist kein Bil­dungs­au­to­mat – man muss schon Bil­dung mitbringen. 

  • Ili­ja Tro­ja­nows Ein­rei­se­ver­bot: Will­kür und Frei­heit – FAZ – Ilja Tro­ja­now anläss­lich der Wei­ge­rung der USA, ihn ein­rei­sen zu lassen:<blockqutoe>Es ist mehr als iro­nisch, wenn einem Autor, der sei­ne Stim­me gegen die Gefah­ren der Über­wa­chung und des Geheim­staa­tes im Staat seit Jah­ren erhebt, die Ein­rei­se in das „land of the bra­ve and the free“ ver­wei­gert wird. Gewiss, ein klei­ner Ein­zel­fall nur, aber er illus­triert die Fol­gen einer desas­trö­sen Ent­wick­lung und ent­larvt die naï­ve Hal­tung vie­ler Bür­ger, die sich mit dem Man­tra „Das betrifft mich doch nicht“ beru­hi­gen. Das mag ja noch zutref­fen, aber die Ein­schlä­ge kom­men näher. Gegen­wär­tig erhal­ten die­se Bür­ger nur stil­le Post von den Geheim­diens­ten, aber eines nicht so fer­nen Tages wer­den sie die Rech­nung für ihre Arg­lo­sig­keit zuge­stellt bekommen.</blockqutoe>
  • AfD: Ein­fa­che Lösun­gen, vie­le Fra­gen – Inland – FAZ – RT @netzpolitik: FAZ über die Bie­der­män­ner und Brand­stif­ter der AfD: Ein­fa­che Lösun­gen, vie­le Fragen .
  • Das paßt den Deut­schen nicht, Febru­ar 1968 | Schma​len​stroer​.net – Das paßt den Deut­schen nicht, Febru­ar 1968 (via Published articles)
  • Kom­men­tar Grü­ne Wahl­kampf­feh­ler: Das Rich­ti­ge falsch ver­kauft – taz​.de – Ulrich Schul­te ana­ly­siert für die taz in mei­nen Augen sehr schlüs­sig und über­zeu­gend, war­um die Grü­nen bei der Bun­des­tags­wahl so schlecht abschnitten:

    Den Grü­nen kann nun man vor­wer­fen, dass sie zu sehr einen Arbei­ter­klas­sen-Sound bedien­ten, der an der zufrie­de­nen Mit­te vor­bei ziel­te, wie es Ex-Außen­mi­nis­ter Josch­ka Fischer tut. Aber man kann ihnen nicht vor­wer­fen, sie hät­ten die fal­schen Kon­zep­te ent­wi­ckelt. Ihr Pro­gramm war kom­plett gegen­fi­nan­ziert, es war prä­zi­se und ja, es war auch mutig.

    Das ist eine erschüt­tern­de Erkennt­nis die­ser Wahl. Die Grü­nen tra­ten mit dem ehr­lichs­ten Pro­gramm an, und sie wur­den dafür am här­tes­ten bestraft. Eine sol­che Mecha­nik passt gut in post­de­mo­kra­ti­sche Ver­hält­nis­se, sie ist aber für eine so papier­ver­lieb­te Par­tei, wie es die Grü­nen sind, katastrophal. 

    Auch sei­nen Schluss­fol­ge­rung: „Die Wäh­ler wol­len es offen­bar nicht so genau wis­sen. Sie möch­ten nicht gequält wer­den mit Details.“ ist wohl lei­der nicht falsch …

Stellengesuch

Ob man mit so einem Stellengesuch in der taz Erfolg hat?

Ob man mit so einem Stel­len­ge­such in der taz Erfolg hat?

Vorwärts, die Zeit

Sang der Gesänge (Zeit-Marsch)

Sang der Gesänge,
heb dich zur Sonne
über dem Marsch
der roten Kolonne.
Land, sei bereit!
Vor­wärts, die Zeit!

Du, Land der Länder,
brich auf und stürme
tritt in den Staub
das Modergewürme.
Wage den Streit!
Vor­wärts, die Zeit!

Freu­dig, du Land,
der Zukunft verschworen
denn die Kommune
steht vor den Toren.
Hal­te den Eid!
Vor­wärts, die Zeit!

Greif in die Räder
Zahn­rad der Wochen
Tag­schicht und Nachtschicht!
Ununterbrochen!
Spu­te dich heut!
Vor­wärts, die Zeit!

Mei­ne Kommune,
sto­ße vom Thron heut
Faul­heit und Schlendrian,
alte Gewohnheit!
Herz sei erneut!
Vor­wärts, die Zeit!

Wla­di­mir Maja­kow­ski, deutsch von Hugo Huppert

Ernst Busch – Zeit Marsch („Sang der Gesänge“)

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Lieblingstweets September 2013


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Aus-Lese #15

Wolf­gang Fröm­berg: Etwas Bes­se­res als die Frei­heit. Luh­mar: Hab­li­zel 2013. 202 Seiten.

Der Rezen­sent der taz war von Fröm­bergs zwei­tem Roman ziem­lich begeis­tert, ich nicht so sehr. Es fiel mir schwer, da über­haupt rein­zu­kom­men, in den Text über den Text über den Text: Die (Erzähl-)Ebenen ver­schwim­men hier per­ma­nent (im Roman gibt es z.B. einen Roman, der heißt wie der Roman). Das wäre ja noch kein Pro­blem (eher ein Plus­punkt), aber Fröm­bergs sprö­der Stil, sei­ne tro­cke­ne Spra­che mach­ten es mir schwer, den ver­schie­de­nen Hand­lungs­strän­gen und Figu­ren­kon­stel­la­tio­nen, die lose immer mal wie­der mit ein­an­der ver­knüpft wer­den, ohne dass das beson­ders deut­lich wird, zu fol­gen – dazu kom­men noch ver­schie­de­ne Zeit-Hand­lungs-Ebe­nen und Träu­me und Erin­ne­run­gen. Viel­leicht lag’s auch an mei­ner Lese­si­tua­ti­on – aber ich sehe nicht recht, was Fröm­berg hier eigent­lich will. Es geht irgend­wie um die Alt-68er und deren Kin­der. Der Sohn zwei­er 68er und Kom­mu­nar­den, Leo, ist so etwas wie die Zen­tral­fi­gur. Er beschäf­tigt sich ableh­nend mit der Geschich­te sei­ne Eltern, das als „Künst­ler“ ver­ar­bei­tend, sei­ne Frau/​Ex, die als „Detek­ti­vin“ zu den 68ern unter­wegs ist/​war, die aber auch schon tot sind, spielt auch eine Rol­le. Und dazu kommt noch die gesam­te neu­es­te Geschich­te Deutsch­lands und der Welt, vom Anfang des 20. Jahr­hun­derts bis in die Gegen­wart, die unbe­dingt ind en Text hin­ein gepackt wer­den muss­te. Das führt zu ent­spre­chend lan­gen Erklä­run­gen und Abschwei­fun­gen, tro­cken und zäh macht es den Text. Und wie­der mal schrei­ben alle Figu­ren: Wer­ner und sein Sohn Leo, Ursu­la und auch der extri­mis­ti­sche Akti­vist Andre­as, selbst die „Geo­lo­gin“ Vic­to­ria – da kann man schön immer dar­aus zitie­ren, ohne sich die Zita­te zu eigen machen zu müs­sen. Des­halb ist Etwas Bes­se­res als die Frei­heit auch vol­ler gewich­ti­ger Sät­ze, die als phi­lo­so­phi­sche Erkenntnisse/​Sätze/​Wahrheiten daher­kom­men, meist aber Pla­ti­tü­den sind. Und natür­lich endet das wie­der im Schrei­ben: „Vic­to­ria schloss die Augen, setz­te den Stift aufs Papier, öff­ne­te die Tür und stürz­te sich in eine neue Welt.“ (196)

Außer­dem ist das Buch ganz schlecht gesetzt: ungüns­ti­ger Sei­ten­spie­gel, schlech­ter Block­satz (teil­wei­se rich­ti­ge Löcher in den Zei­len) – das sind hand­werk­li­che Feh­ler, die beim Lesen ermü­den, vor allem weil der Text selbst nur sehr grob geglie­dert ist. 

Ange­li­ka Mei­er: Stür­zen, drü­ber schla­fen. Klei­ne Geschich­ten und Stü­cke. Zürich: Dia­pha­nes 2013. 194 Seiten.

Sku­ri­les und Absur­des mischt sich in Mei­ers klei­nen Geschich­ten mit Gro­tes­kem und auch Lus­ti­gem: Das sind Minia­tu­ren, die unse­re ach-so-bekann­te Welt ein­fach auf den Kopf stel­len und mög­li­che Wel­ten erzäh­len. Da sich oft nur eine klei­ne Bedin­gung oder Bege­ben­heit ändert, kann man wun­der­bar sehen, was dann pas­siert – und hat erzähl­te Wel­ten, die der „Rea­li­tät“ unwahr­schein­lich glei­chen und doch ganz anders sind.

Wun­der­bar ist auch die Erzähl­tech­nik Mei­ers, die ich schon in Heim­lich, heim­lich mich ver­giss bewun­der­te. Zum Bei­spiel die Raf­fi­nes­se der Infor­ma­ti­ons­ver­ga­be, die (meis­tens) sehr zurück­hal­tend, unauf­dring­lich, fast unmerk­lich geschieht. So kann Mei­er etwa lan­ge offen las­sen kann, ob die Erzäh­ler­stim­me weib­lich oder männ­lich ist (wenn es eben kei­ne Rol­le spielt). Eine sou­ve­rä­ne Erzähl­tech­nik, die hier oft im Dienst des Wun­derns und Ver­wun­derns steht, des Auf­merk­samm­a­chen auf die Gestalt der Welt, die wir immer wie­der als gege­ben und „nor­mal“ hin­neh­men, die ja aber oft auch ganz kon­tin­gent ist und durch­aus auch (ganz) anders sein könn­te – zum Bei­spiel so, wie Mei­er es uns hier mal vor­führt und wor­über wir dann stau­nen dür­fen oder rat­los und per­plex sein dür­fen. „Ihre Minia­tu­ren sind ver­gnüg­lich zu lesen­de Etü­den in Sar­kas­mus, alle­samt dazu geeig­net, die Zumu­tun­gen der Wirk­lich­keit auf Distanz zu hal­ten“ hat Jörg Mage­nau das in sei­ner Kri­tik genannt – und das stimmt. Auch wenn manch­mal – etwa und vor allem in den bei­den Thea­ter­stü­cken am Ende des Ban­des das Moment der Fin­ger­übung etwas arg deut­lich wird – die bei­den Tex­te hin­ter­las­sen mich etwas rat­los, vor allem Was­ser! Ele­ment! Pen­the­si­lea liest Kleist scheint mir in ers­ter Linie eine sol­che (sti­lis­ti­sche) Fin­ger­übung – aber viel­leicht über­se­he ich ein­fach den ent­schei­den­den Punkt …

Bert­hold Seli­ger: Das Geschäft mit der Musik. Ein Insi­der­be­richt. Ber­lin: Edi­ti­on Tiamat 2013. 352 Seiten.

Der Kon­zer­ver­an­stal­ter Seli­ger schreibt, war­um das Musik­ge­schäft (womit er in ers­ter Linie das des Pop & Rock meint) so ist, wie es ist: Ver­kom­men, kor­rupt, unbe­frie­di­gend. Eine „Streit­schrift für eine ande­re Kul­tur“ (so nennt der Klap­pen­text das) ist die­ser Bericht. Und er ist zunächst mal ernüch­ternd und des­il­lu­sio­nie­rend: Seli­ger hat vie­les zusam­men­ge­tra­gen zum Zustand der Kul­tur­in­dus­trie, des „Geschäfts mit der Musik“ – vie­les, das dem auf­merk­sa­men Zeit­ge­nos­sen durch­aus schon bekannt sein dürf­te (GEMA, Ein­kom­men, Kon­zen­tra­ti­ons­pro­zes­se im Label- & Ver­lags­we­sen, Musi­ker­ga­gen, Spon­so­ring & Wer­bung), hier aber noch mal geballt und zusam­men­ge­führt, detail­liert an vie­len Bei­spie­len auf­ge­zeigt. Beson­ders beschäf­ti­gen ihn die viel­fäl­ti­gen Kon­zen­tra­ti­ons­pro­zes­se im Geschäft rund um die Musik und die Fra­ge: „Doch was bedeu­tet das [die oli­ga­ri­sche Kon­zen­tra­ti­on] für die Kul­tur, was bedeu­tet das für unse­re Gesell­schaft? Was bringt unse­re Gesell­schaft vor­an? Ist es die Quo­te, die zäh­len soll, oder ist es die Qua­li­tät von Kul­tur?“ (14). Das ist nicht nur ein Vor­wurf an den ver­sa­gen­den Markt – auch wenn des­sen Neu­au­rich­tung (share­hol­der-value statt stake­hol­der-value) seit den 1980er wesent­li­cher Antrieb für den „Ver­fall“ ist, son­dern auch eine Ankla­ge an die die­se Pro­zes­se unter­stüt­zen­de will­fäh­ri­ge Poli­tik, die dem Aus­ver­kauf der Kul­tur nicht nur nichts ent­ge­gen­setzt, son­dern ihn auch vor­an­treibt und finan­zi­ell unter­stützt. Seli­ger prag­nert das als Ver­lust der Viel­falt an – und zwar eben nicht nur musi­ka­lisch, musik-intrin­sisch sozu­sa­gen, son­dern auch auf gesell­schaft­li­cher Ebene.

Statt­des­sen wünscht Seli­ger sich eine Kul­tur der Dis­si­denz – markt­kon­form ist aber immer nur der Gehor­sam, wes­halb die rei­ne Markt­ori­en­tie­rung der Kul­tur (als gan­zes) scha­den muss, weil das Moment des Gegen­läu­fi­gen weg­fal­len muss (dazu gezwun­gen wird …): „Heu­te dage­gen beherrscht der Quo­ten­ter­ror unser kul­tu­rel­les Leben, ob beim öffent­lich-recht­li­chen Rund­funk und Fern­se­hen, bei der staat­li­chen Film­för­de­rung oder bei unse­ren musi­ka­li­schen Frei­zeit­ver­gnü­gen. Wir leis­ten uns ein hoch­sub­ven­tio­nier­tes Kul­tur­sys­tem, unter­wer­fen es aller­dings frei­wil­lig dem Dik­tat der Quo­te. Es zählt nur, was ver­kauft.“ (20), oder: „Dis­si­denz ist in den moder­nen Geschäfts­mo­del­len der Kul­tur­in­dus­trie nicht als Mög­lich­keit vor­ge­se­hen.“ (21). Das ist kei­ne neue oder über­ra­schen­de Erkennt­nis – nicht ohne Grund ist Ador­no (mit sei­nen Arbei­ten über die Kul­tur­in­dus­trie) sein Kron­zeu­ge -, aber weil Seli­ger viel aus sei­nen lang­jäh­ri­gen Erfah­run­gen mit den ver­schie­dens­ten Musi­kern, Ver­an­stal­tern etc. erzählt, – manch­mal hat das auch ein biss­chen etwas von „Opa erzählt von frü­her“ … – ist das eine durch­aus span­nen­de und anre­gen­de Lek­tü­re. Er klagt dabei auch so ziem­lich alle Betei­lig­ten an, von der Musi­ke­rin bis zum Hörer/​Konsumenten, vom Label über Kon­zern­ver­an­stal­ter, Wer­ben­de bis zu Jour­na­lis­tin­nen oder Medi­en­ar­bei­ter. Und natür­lich auch die Poli­tik (Urhe­ber­recht! För­der­gel­der!). Er sieht das Pro­blem aber immer als eines des Sys­tems, nicht des Indi­vi­du­ums – ohne die­sem aller­dings Hand­lungs­mög­lich­keit und Ver­ant­wor­tung abzu­neh­men oder abzu­spre­chen (dafür führt er ja auch Gegen­bei­spie­le an, die sich dem Zwang zur abso­lu­ten Unter­wer­fung unter den Markt und sei­ne (schein­ba­ren) Geset­ze ver­wei­gern). Letz­lich hängt auch für ihn alles an der „Hal­tung“ des Indi­vi­du­ums: „In einer Zeit, in der das Men­schen­recht auf kul­tu­rel­le Teil­ha­be welt­weit durch mul­ti­na­tio­na­le Kon­zer­ne mas­siv gefähr­dert ist, kommt es mehr denn je dar­auf an, Hal­tung zu zei­gen.“ (348) – das ist so etwas wie der Kern, Aus­gangs- und End­punkt des Buches.

Chris­ti­an Hwa­key: Sonet­te mit eli­sa­be­tha­ni­schem Maul­wurf. Über­tra­gen von Ulja­na Wolf. Ber­lin: hoch­roth 2010. 38 Seiten.

Eigent­lich ganz span­nen­de und viel­fäl­ti­ge Gedich­te, die Sonet­te von Haw­key. Die Über­tra­gung von Wolf ist eigent­lich eine Über­set­zung, die fast eine inter­li­nea­re ist – extrem nah an dem Ori­gi­nal. Das ist mal derb und ver­spielt, mal hoch­ge­mut und ordi­när zugleich – ein selt­sa­mes sic-et-non, ein Pen­deln zwi­schen den Wel­ten und Spra­chen macht die Sonet­te Haw­keys aus – und im Umschlag des Pen­dels pas­siert die Kunst, dort, wo die Spra­che glit­zert und glänzt und funkelt …

& they slept, sound­ly. sleep was a sound & /​they floa­ted into it – sie leg­ten sich aufs ohr & schlaf war ein laut. /​sie schweb­ten hin­ein (36÷37)

The­re comes a time when you rea­li­ze that ever­y­thing is a dream, and only tho­se things pre­ser­ved in wri­ting have any pos­si­bi­li­ty of being real.
James Sal­ter, All That Is (Mot­to)

Ins Netz gegangen (27.9.)

Ins Netz gegan­gen am 27.9.:

  • Monas­ti­sche Sehn­sucht? Ein Rück­blick auf die Bun­des­tags­wahl – Digital/​Pausen – Auch gro­ße Geis­ter kön­nen irren. Hans Ulrich Gum­brecht meint:

    Die CDU und die SPD ste­hen mit nur schwach nuan­cier­ten Unter­schie­den für das, was in Deutsch­land schon längst und zuneh­mend auch im ver­ein­ten Euro­pa ohne­hin der Fall ist, näm­lich für eine Kon­fi­gu­ra­ti­on aus his­to­risch maxi­ma­lem Schutz indi­vi­du­el­ler Frei­hei­ten und einem eben­falls his­to­risch maxi­ma­len Grad an sozia­ler Sicherheit.

    Da kann man durch­aus auch ande­rer Mei­nung sein …

  • Auto­trans­por­ter-Fall: Bun­des­kri­mi­nal­amt ras­tert 3.800.000 Auto-Kenn­zei­chen und 600.000 Mobil­funk-Daten – „Die Nor­ma­li­sie­rung der Ras­ter­fahn­dung mit hun­dert­tau­sen­den betrof­fe­nen Unschul­di­gen ist besorgniserregend.“
  • Le Mon­de diplo­ma­tique, deut­sche Aus­ga­be – Ulri­ke Herr­mann über die Eurokrise(n) und ihre Hin­ter­grün­de – sehr infor­ma­tiv und span­nend, aber auch deprimierend …

    Die Euro­kri­se ist eine Kri­se ohne Vor­bild. Sie ist nicht nur ein­zig­ar­tig, weil sich 17 Staa­ten in einer Wäh­rungs­uni­on ver­ei­nigt haben – neu ist auch, dass eine eigent­lich klei­ne Kri­se so kata­stro­phal gema­nagt wird, dass sie als größ­te Depres­si­on aller Zei­ten enden könnte.

  • Gast­bei­trag von Ger­hart Baum : Ich will, dass wir bei­ßen kön­nen – Feuil­le­ton – FAZ – Ger­hart Baum, von 78–82 Innen­mi­nis­ter, wünscht sich und for­dert (auch von sei­ner Par­tei, der FDP) mehr Bewusst­sein für die Bedro­hun­gen der Pri­vat­heit und des Daten­schut­zes, um die Frei­heit zu bewahren:

    Die Gren­zen zwi­schen Unschul­di­gen und Schul­di­gen, zwi­schen Ver­däch­ti­gen und Unver­däch­ti­gen, zwi­schen Poli­zei und Ver­fas­sungs­schutz sind immer wei­ter ver­wischt wor­den. Auch wir haben einen Prä­ven­ti­ons­staat auf­ge­baut, und der ist uner­sätt­lich. ln sei­ner Logik liegt es, den Men­schen immer mehr Frei­heit zu neh­men und ihnen dafür Sicher­heit zu ver­spre­chen. Am Ende kommt es gar dazu, dass sie ihre Nicht­ge­fähr­lich­keit bewei­sen müs­sen. Bür­ger, die über­wacht wer­den oder sich nur über­wacht füh­len, wer­den zögern, ihre demo­kra­ti­schen Rech­te wie das Ver­samm­lungs­recht wahrzunehmen.

Mit dem Tsunami an den Bodensee

Mainz – Stah­rin­gen: Eine klei­ne Mehr­ta­ges­tour mit mei­nem „Tsu­na­mi“ genann­ten Lie­ge­rad (so wild ist es aber gar nicht …) von Mainz bis (fast) an den Boden­see. Das war zugleich mei­ne längs­te Fahrt mit dem Lie­ge­rad: 360 Kilo­me­ter in drei Tagen, so viel habe ich noch nie gemacht. Geplant habe ich die Stre­cke mit zwei prak­ti­schen Sei­ten für Rad­ler: rad​weit​.de und rad​rei​se​-wiki​.de. Ulrich Lamm hat auf Rad­weit eine sehr gute und umfang­rei­che Samm­lung von erprob­ten Rou­ten. Die haben gegen­über den „nor­ma­len“ Rad­we­gen den Vor­teil, dass sie wo immer mög­lich auf asphal­tier­te Wege oder Stra­ßen set­zen, bei feh­len­den Rad­we­gen Rou­ten mit mög­lichst gerin­ger Ver­kehrs­be­las­tung auf Neben­stra­ßen nut­zen und das gan­ze in eine ziem­lich augeklü­gel­te Kar­te über­tra­gen. Da ich fürs Fahr­rad kein ver­nünf­ti­ges GPS-Rou­ten­sys­tem habe, schien mir das die bes­te Navi­ga­ti­ons­mög­lich­keit. Und es hat auch ziem­lich gut geklappt. Benutzt habe ich die Rou­ten Mainz-Hei­del­berg, Hei­del­berg-Karls­ru­he und Karls­ru­he-Kon­stanz von Rad­weit, ergänzt um die Hei­del­berg-Umfah­rung aus dem Radreise-Wiki.

Tag 1: Mainz-Karlsruhe

Am lan­gen ers­ten Tag mit einer fla­chen Etap­pe, die dafür die meis­ten Kilo­me­ter hat – nach mei­ner Rech­nung 140 Kilo­me­ter – ging es nach einem locke­ren und kur­zen Mor­gen­lauf um 8.15 in Mainz los. Das Wet­ter war noch ver­hal­ten freund­lich: Wol­ken mit eini­gen kur­zen Son­nen­fens­tern, aber immer­hin kein Regen. Und mit um die 15 °C am Mor­gen auch ange­neh­me Temperaturen.
Den Anfang der Stre­cke kann­te ich immer­hin schon, so dass ich zunächst mei­ne Kar­te gar nicht brauch­te. Die steck­te prak­tisch und griff­be­reit in der Ober­schen­kel­ta­sche – auf dem Lie­ge­rad kann ich die ja nicht so ein­fach am Len­ker befestigen …

So ging es also los: Über Mainz-Kost­heim nach Gus­tavs­burg, wo ich mich erst ein­mal durch eine rie­si­ge, aber lang­sa­me Rad­ler­grup­pe drän­geln muss­te, die auf mein Klin­geln so über­haupt nicht reagier­te, nach Gins­heim, wo ich den Rhein­rad­weg schon wie­der ver­ließ. Denn mei­ne Rou­te kürz­te sozu­sa­gen ab, um erst in Erfel­den wie­der auf den (Alt-)Rhein zu sto­ßen. Von dort ging es ohne Pro­ble­me wei­ter nach Stock­stadt, Gerns­heim in Rich­tung Berg­stra­ße. Bei Erfel­den, wo ich eine klei­ne Frü­stücks­pau­se mach­te, merk­te ich dann auch: Mist, das Han­dy ist gar nicht in der Pack­ta­sche! Das lag fried­lich noch in Mainz auf dem Schreib­tisch … Blöd, damit hat­te ich nicht nur kei­nen Foto, son­dern auch mei­ne „Not-Navi­ga­ti­on“ fiel aus.

In Lorsch hat­te ich das ers­te klei­ne Navi­ga­ti­ons­pro­blem, weil ich wohl ein­fach zu schnell durch die Innen­stadt rausch­te und dabei den Abzweig ver­pass­te. Das konn­te ich aber schnell kor­ri­gie­ren und den Rad­weg nach Hüt­ten­feld und Viern­heim wie­der fin­den. Da pas­sier­te wie­der ähn­li­ches: In den Städ­ten ist die Navi­ga­ti­on mit einer Kar­te im Maß­stab 1:100.000 gewöh­nungs­be­dürf­tig, das hat­te ich noch nicht so recht raus. Auch in Viern­heim ver­pass­te ich jeden­falls wie­der einen Abzweig, merk­te das aber zum Glück auch sehr bald, so dass ich nur wenig zurück­fah­ren muss­te. Hin­ter Viern­heim war es dann ein­fach, durch die Fel­der vor­bei an Muckens­turm, durch Hed­des­heim nach Laden­burg, wo ich am Neckar erst ein­mal Mit­tags­pau­se mach­te. Von dort folg­te ich dann der Rad­rei­se-Wiki-Rou­te, die mich über Plank­stadt und Ofters­heim nach Wall­dorf führ­te, wo ich wie­der auf eine Rad­rei­se-Rou­te (Hei­del­berg-Karls­ru­he) sto­ßen woll­te. Zwi­schen Ofters­heim und Wall­dorf muss­te ich noch ein­mal kurz pau­sie­ren, weil ich den Wol­ken­bruch abwar­ten woll­te. Das war ziem­lich hef­tig, dau­er­te aber zum Glück nicht lan­ge, so dass ich bald wie­der auf dem Rad saß und durch Wall­dorf radel­te. Das erwies sich aber als schwie­rig, weil das Orts­zen­trum von Wall­dorf eine gro­ße Bau­stel­le war, die mich ziem­lich durch­ein­an­der brach­te. Dann waren die Rad­weg-Schil­der auch noch so selt­sam auf­ge­stellt, dass ich an der SAP vor­bei kom­plett in die fal­sche Rich­tung radel­te und mir wie­der ein biss­chen Umkehr­weg ein­fing. Aus der ande­ren Rich­tung kom­mend waren die Rad­weg-Schil­der durch die SAP-AG etwas bes­ser zu erken­nen, auch wenn die Weg­füh­rung eine gro­ße Kata­stro­phe war – kreuz und quer durch das Fir­men­ge­län­de bzw. sei­ne Rän­der, mit stän­di­gen Rich­tungs­wech­seln und Abzwei­gun­gen … Aber nach­dem ich da durch war, ging es dann wie­der etwas vor­an – durch St. Leon-Rot (mit einer kuri­os-kata­stro­pha­len Brü­cke über die A6), und dann ers­te ein­mal lan­ge – kilo­me­ter­weit – schnurgeradeaus.

Karls­dorf und Spöck (wo ich noch ein­mal kurz pau­sier­te und mei­ne Geträn­kevor­rä­te auf­frisch­te) sorg­ten noch ein­mal für ein paar Kur­ven, bevor es von Fried­richs­thal aus wie­der kilo­me­ter­weit gera­de­aus durch den Wald nach Karls­ru­he ging. Dort stieß ich dann auf den Kon­rad-Ade­nau­er-Ring und ver­such­te mein Glück, den Haupt­bahn­hof zu fin­den. Wäre die ent­schei­den­de Kreu­zung (wo ich abbie­gen muss­te) nicht wie­der eine gro­ße Bau­stel­le gewe­sen, hät­te ich das viel­leicht ohne Nach­fra­gen geschafft. Aber auch so ging es dann und ich lan­de­te am Bahn­hof, wo mein Bett im A&O‑Hostel war­te­te. Das ist zwar ver­gleichs­wei­se güns­tig, aber auch sehr laut (durch die Stra­ßen­bah­nen vor allem) und ein biss­chen abzo­cke­risch: Statt dem gebuch­ten 4er-Zim­mer war ich im 6er ohne ver­nünf­ti­gen Schrank, Lam­pen oder Steck­do­sen … Aber für eine Nacht reich­te es. Und es gab immer­hin die Mög­lich­keit, mein Rad in der Gara­ge unterzustellen.

Im Hos­tel merk­te ich dann erst so rich­tig, wie anstren­gend der Tag doch war: Knapp 160 Kilo­me­ter waren es gewor­den, außer den Brü­cken fast topf­eben, aber den­noch ein­fach ziem­lich lang … Mei­ne Ober­schen­kel waren ziem­lich kaputt, was mich den nächs­ten Tag mit etwas Ban­gig­keit erwar­ten ließ. Denn dann soll­te es eigent­lich erst anstren­gend wer­den, weil mei­ne Rou­te mich dann in den Schwarz­wald füh­ren sollte …

Aber mit viel Nacht­ru­he wür­de das schon klap­pen … Dar­aus wur­de es dann aber nicht so recht etwas, ich bin zwar früh im Bett gewe­sen, aber auch super früh auf­ge­wacht, näm­lich schon gegen 5 Uhr. Frück­stück gab es da noch nicht, aber schla­fen konn­te ich auch nicht mehr … Das Früh­stück habe ich dann genos­sen, das war auch ganz soli­de. Um kurz nach 8 war ich dann aber doch wie­der auf dem Rad, die Taschen gepackt und start­be­reit für einen neu­en Tag.

Die gefah­re­ne Stre­cke (mit­samt den Ver­fah­rern) als gpx-Datei: Mainz-Karls­ru­he

Tag 2: Karlsruhe-Schömberg

Der zwei­te Tag wur­de hart. Der Start in Karls­ru­he war aber noch harm­los. Erst ein­mal durch die frem­de Stadt. Das ist mit dem Lie­ge­rad nicht immer das größ­te Ver­gnü­gen, weil die Über­sicht über Ver­kehr und Schil­der doch etwas weni­ger gut ist. Die­ses Mal hat es aber ohne Ver­fah­ren gut geklappt, ich habe den Weg durch den Park gefun­den und war schnell in Ober­reut, wo mir der Wind ganz schön kräf­tig ent­ge­gen­blies. Über­haupt war das Wet­ter nicht mehr ganz so schön: Die Tem­pe­ra­tu­ren waren nied­ri­ger, die Wol­ken bedroh­li­cher und dich­ter, der Wind deut­lich fri­scher. Hin­ter Neu-Forch­heim ver­schwand ich dann im Hardt­wald – so ziem­lich die schlech­tes­te Teil­stre­cke, weil der Wald­weg unbe­fes­tigt war und mich des­we­gen etwas aus­brems­te. Zum Glück ging es bei Malsch wie­der auf die Land­stra­ße, da kommt man ein­fach zügi­ger vor­an. Hin­ter Mug­gen­sturm muss­te ich dann aller­dings anhal­ten und die Klei­dung wech­seln: Es fing an zu reg­nen. Dabei hat mir der Wind dann auch noch das etwas unsta­bil abge­stell­te Rad umge­schmis­sen und mei­ne Klin­gel zer­dep­pert (naja, von beson­ders gro­ßem Nut­zen war sie eh nicht …). Den rest­li­chen Tag bin ich dann in Regen­ja­cke gefah­ren – so rich­tig hör­te das näm­lich nicht mehr auf mit dem Nie­seln und Reg­nen. Viel Was­ser war das zwar nicht, was von oben kam – aber von unten kam es auch, und von vor­ne. Mei­ne Bril­le jeden­falls wur­de nicht mehr tro­cken – das ist fast das ner­vigs­te an dem Wet­ter gewe­sen, dass die Sicht immer so beschei­den war.

Vor mir sah ich jetzt schon den Schwarz­wald ganz schön bedroh­lich auf­stei­gen. Und es wur­de auch hüge­li­ger. Hin­ter Mug­gen­sturm (nicht zu ver­wech­seln mit dem Muckens­turm bei Viern­heim!) ging es über Bei­schwei­er nach Gag­ge­nau, wo ich auf die Murg stieß. Und damit war ich auch auf der „Tour de Murg“, dem Rad­weg, der den gesam­ten Fluss­ver­lauf beglei­tet, mehr oder weni­ger nah am Was­ser. Und jetzt ging es berg­auf, kon­ti­nu­ier­lich fast den gan­zen Tag. Manch­mal fla­cher, manch­mal stei­ler – und manch­mal sehr steil: so steil, dass ich gescho­ben habe. Von Gag­ge­nau aus bin ich dann erst Mal eini­ge Zeit dem Rad­weg gefolgt, durch Gerns­bach und Wei­sen­bach bis Lan­gen­brand. Da habe ich mich dann ver­tan auf mei­ner Rad­weit-Kar­te und bin auf dem Rad­weg geblie­ben, obwohl der Rou­ten­vor­schlag hier ein Stück Stra­ße vor­schläg – zu Recht, denn der Rad­weg ist zunächst im Ort saus­teil (habe ich gescho­ben …) und führt dann auch außer­halb des Ortes sehr weit hoch in den Wald bei ent­spre­chend beschei­de­nem Weg­zu­stand. Und die gan­zen Höhen­me­ter ver­liert man dann wie­der in einer Abfahrt nach Gaus­bach hin­un­ter, die wegen des holp­ri­gen Weges aber auch nicht beson­ders schnell war. Nun ja, jetzt schau­te ich wenigs­tens wie­der genau­er auf die Karte …

Die „Tour de Murg“ führ­te mich nun in lan­gen, halb­wegs sanf­ten Stei­gun­gen vor­bei an For­bach und Raum­ünz­ach über Schön­münz­ach nach Bai­er­s­bronn, wo ich mich noch ein­mal ver­pfleg­te, bevor ich mich auf den Rest des Weges mach­te. Nun ging es erst ein­mal nach Freu­den­stadt. Und so lang­sam wur­de es wirk­lich hart, die Stei­gun­gen wur­den wirk­lich anstren­gend für mei­ne Bei­ne … Bei Freu­den­stadt bin ich mir auch nicht sicher, ob Ulrich Lamm den bes­ten Weg gefun­den hat: Um eine stei­le Stre­cke zu ver­mei­den, blieb ich auf der Tal­stra­ße im Chris­tophs­tal, die aber auch weit und hoch berg­auf ging. Man, das zog sich viel­leicht, die­ses klei­ne Tal! Dafür führ­te sie mich an Freu­den­stadt vor­bei. In Freu­den­stadt war aber noch nicht Schluss für mich, 8 Kilo­me­ter lagen noch zwi­schen mir und dem Tages­ziel. Und die waren extrem hart. In Freu­den­stadt ging es ein­fach immer noch wei­ter berg­auf, da bin ich schwer ins Schwit­zen und Keu­chen gekom­men. Immer­hin hat­te ich mich jetzt schon auf über 800 Meter hoch gear­bei­tet. Und da oben war es auch nicht flach, son­dern hüge­lig – Schwarz­wald eben. Aber auch die letz­ten Kilo­me­ter schrumpf­ten, die letz­ten klei­nen Hügel erklomm ich in noch klei­ne­ren Gän­gen und erreich­te schließ­lich Schöm­berg, wo ich in der „Son­ne“ übernachtete.

Vor dem Schlaf stand aber noch ein kur­zer Lauf auf dem Pro­gramm, rund ums Dorf, das ja nicht so beson­ders groß ist. Das war zwar super­lang­sam, aber für die Bei­ne doch mal eine ganz net­te Abwechs­lung und wenigs­tens ein klei­nes biss­chen Lockerung.

Danach bin ich dann aber auch ziem­lich schnell weggedämmert …

Die gefah­re­ne Stre­cke als gpx-Datei: Karls­ru­he-Schöm­berg

Tag 3: Schömberg-Stahringen

Der drit­te und letz­te Tag soll­te eigent­lich wie­der easy wer­den, so hat­te ich mir das gedacht. Schon beim Auf­ste­hen und der klit­ze­klei­nen Mor­gen­lauf­run­de war aber klar, dass es so ganz ein­fach nicht wer­den wür­de: Die Bei­ne waren jetzt so rich­tig müde, viel Rest­kraft war da offen­bar nicht mehr vor­han­den. Dafür war es rich­tig frisch auf dem klei­nen Hoch­pla­teau von Schöm­berg – als ich um halb neun auf mei­nem Lie­ge­rad Platz nahm, waren es gera­de mal 8 °C. Und so rich­tig warm wur­de es den gan­zen Tag auch nicht mehr. Dafür erfrisch­te mich der Mor­gen erst ein­mal: Mit einer span­nen­den Abfahrt nach Loß­burg hin­un­ter begann die Fahrt auf der schlech­ten Land­stra­ße rich­tig auf­re­gend. Und kurz hin­ter Loß­burg fing es dann in den wel­li­gen Hügeln des Schwarz­wald erst ein­mal kräf­tig an zu reg­nen. Und es reg­ne­te eine gute Stun­de ziem­lich viel. Aber immer­hin hör­te es dann auch wie­der auf und blieb den Rest des Tages zwar trüb und feucht-kalt, aber wenigs­tens regen­frei. Von Loß­burg aus fuhr ich auf klei­nen und nicht ganz so klei­nen Stra­ßen – in man­chen Abschnit­ten waren da erstaun­lich vie­le LKWs unter­wegs – dann durch die Hügel­land­schaft des Schwarz­wal­des. Eine sehr schö­ne Stre­cke eigent­lich, nur mach­te es wegen dem Regen zunächst nicht ganz so viel Spaß. Von Loß­burg aus ging es über Fluorn-Win­zeln und Dun­nin­gen dann zwi­schen Vil­lin­gen-Schwen­nin­gen und Tros­sin­gen vor­bei in Rich­tung Tutt­lin­gen. Da waren zwar kei­ne wirk­lich har­ten Stei­gun­gen dabei (bis auf das Stück in Nie­de­reschach, das ich nur schie­bend bewäl­tig­te), aber es ging eben doch immer mal wie­der berg­auf. Dafür waren auch schö­ne Abfahr­ten dazwi­schen, so dass die Durch­schnitts­ge­schwin­dig­keit nicht ganz in den Kel­ler sank. Denn bei den „Berg“-Fahrten merk­te ich zuneh­mend, das die Kraft in den Bei­nen zu Nei­ge ging.

Nach der Mit­tags­pau­se in Tutt­lin­gen nahm ich dann den letz­ten Anstieg in Angriff: Hin­auf zum Wind­egg, noch ein­mal auf knapp 850 Meter hoch. Das war bru­tal … Oben ange­kom­men, begrüß­te mich eine stei­fe Bri­se, die dem Namen alle Ehre mach­te. Und das Wis­sen, dass es ab jetzt fast nur noch berg­ab gehen wür­de. Und zwar rich­tig schön: Zunächst führ­te mich der Rad­weg nach Emmin­gen udn von dort durch den Wald nach Eigel­tin­gen. Die Stra­ße dort hin­un­ter war zwar eigent­lich wegen Bau­ar­bei­ten gesperrt, der Rad­weg aber offi­zi­ell nicht – obwohl er auf der Stra­ße ver­läuft ;-). Also habe ich mich ein­fach nicht um die Sper­rung geschert und mein Glück ver­sucht. Und das war auch gut so, die Stra­ße war näm­lich gera­de kom­plett neu gemacht wor­den – und schon fer­tig. Nur ein paar Bäu­me wur­den am Stra­ßen­rand noch besei­tigt – aber das stör­te mich nicht wei­ter, ich genoss es, die gan­ze neue glat­te Stra­ße für mich allein zu haben. Und dann war ich ja auch schon fast am Ziel: Hin­ter Eigel­tin­gen geht es noch durch ein paar klei­ne Dör­fer und dann ist man schon in Stah­rin­gen ange­langt. Und ich war froh, dass ich am nächs­ten Tag nicht mehr wei­ter­fah­ren muss­te: Mei­ne Bei­ne brauch­ten drin­gen mal etwas Ruhe.

Die gefah­re­ne Stre­cke als gpx-Datei: Schöm­berg-Stah­rin­gen

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