»Nächstens mehr.«

Lesen. Hören. Und ein bisschen schreiben.

Aus-Lese #33

Es wird mal wie­der höchs­te Zeit für die nächs­te Aus-Lese …

Ben­ja­min Stein: Das Alpha­bet des Rab­bi Löw. Ber­lin: Ver­bre­cher 2014. 286 Seiten. 

stein, alphabetDas Alpha­bet, ganz frisch vom Ver­lag, ist den­noch schon eini­ge Jah­re alt: Denn Stein legt hier ein Über­ar­bei­tung sei­nes Erst­lings vor. Das ist eine sehr auf­wän­dig kon­stru­ier­te, ver­track­te Geschich­te, die ich jetzt gar nicht rekon­stru­ie­ren (oder gar nach­er­zäh­len) möch­te – und wohl auch kaum noch könn­te. Was mich wie­der ein­mal über­zeugt und beein­druckt hat, ist das Erzäh­len des Erzäh­lens als The­ma selbst, mit dem fast schon obli­ga­to­ri­schen Ver­wi­schen von Erzähl­tem und Rea­li­tät, bei dem die Gren­zen zwi­schen erzäh­len­dem und erzähl­ten Ich schnell über­wun­den (bzw. unkenntn­lich gemacht) wer­den. Wo das Wirk­li­che unwirk­lich wird (zu wer­den scheint) – und die Phan­ta­sie auf ein­mal real: Da ist man in einem Text von Beja­min Stein. Sera­phin mit See­len aus Feu­er tau­chen hier auf, Selbst­ent­zün­dun­gen der untreu­en Lieb­ha­ber – über­haupt brennt hier ziem­lich viel -: Engel, Golem und Rab­bis, Wor­te und Namen und ähn­li­ches bevöl­ke­ren die­ses amü­san­te Ver­wir­spiel auf vie­len Ebe­nen der Erzäh­lung und der Wirk­lich­keit (aber ist eine Wirk­lich­keit, in der es Engel gibt, Men­schen, die selbst ent­zün­den, Wie­der­ge­bur­t/-erschei­nen nach meh­re­ren hun­dert Jah­ren als iden­ti­sche Per­son, ist so eine Wirk­lich­keit über­haupt „wirk­lich“?), ange­rei­chert mit reli­giö­sen The­men (und eini­gen Kurio­sa, zumin­dest für mich, der ich mich in der jüdi­schen Reli­gi­on so gar nicht aus­ken­ne). Und wie in Agen­ten­thril­lern/-fil­men/-seri­en wird sozu­sa­gen im nach­hin­ein immer noch eine Ebe­ne der Täuschung/​Illusion/​Erzählung/​Fiktion ein­ge­baut, die jeweils erst sicht­bar wird, in dem sie zer­stört wird, auf­ge­löst wird – und ent­spre­chend rück­wir­kend den gan­zen Text auf­löst, ent­kernt, … Das ist ein alter Erzäh­ler­trick, gewiss, den Stein hier aber durch­aus nett umsetzt. Man­che Pas­sa­gen sind für mei­nen Geschmack etwas kri­mi­haft, manch­mal auch etwas argl plau­de­rend erzählt, zu sehr dar­auf ange­legt, gemein­sa­me sache mit dem Leser machen. Mit Ratio­na­li­tät allein wird man die­sem Buch über Engel, das zugleich ein ver­track­ter Mehrgenerationen-Familiengeschichte(n) im 20. Jahr­hun­dert ist, in der alle mit allen zusam­men­hän­gen, kaum gerecht. Und sehr schön ist es übri­gens auch, mal wie­der ein in Lei­nen gebun­de­nes Buch in der Hand zu haben – das liegt da gleich ganz anders …

Was weißt du schon? erwi­der­te die Stim­me. Und das war der Satz, den er von nun an immer wie­der hören soll­te: Was weißt du schon? Sei nicht dumm. Es gibt ein Bild hin­ter dem Spie­gel und eine Stadt tief unter dir. Es gibt Engel, die wer­den als Men­schen gebo­ren, und Men­schen, die gehen in Flam­men auf, weil die Buch­sta­ben keck ihre Plät­ze tau­schen und die Welt auf den Kopf stel­len, nicht mehr als ein Spiel. (201f.)

Fried­helm Rath­jen: Arno Schmidt lesen! Ori­en­tie­rungs­hil­fe für Erst­le­ser und Weg­wei­ser im Lite­ra­tur­dschun­gel. Süd­west­hörn: Edi­ti­on ReJOY­CE 2014. 168 Seiten.

rathjen, schmidt lesenEin schö­ner, kur­zer und kna­cki­ger Über­blick aus der Rath­jen-Werk­statt: Zugleich eine ganz kur­ze Ein­füh­rung in die Bio­gra­phie Schmidts und ein Über­blick über sein Schaf­fen. Das geschieht vor allem im Modus der Kurz­cha­rak­te­ris­tik aller Wer­ke, die Rath­jen chro­no­lo­gisch abhan­delt und so zugleich auch ein biss­chen Rezep­ti­ons­ge­schich­te – vor allem für die nach­ge­las­se­nen Publi­ka­tio­nen und Edi­ti­on – bie­tet. Dazu gehört, den jewei­li­gen Wer­ken zuge­ord­net, ein doch recht aus­führ­li­ches Ver­zeich­nis der (wich­ti­gen?) Sekun­där­li­te­ra­tur – lei­der ohne Kom­men­tar und des­halb also ein doch nicht ganz so poten­ter „Weg­wei­ser“. Als Hilfs­mit­tel und Anre­gung für den (noch) nicht voll­stän­di­gen Schmid­tia­ner ist Arno Schm­dit lesen! aber trotz­dem nütz­lich, auch wenn für mei­nen Geschmack die Text­lein zu den Wer­ken manch­mal doch arg kurz gera­ten sind. Doch weil Rath­jen ein guter Ken­ner des Schmidt­schen-Kos­mos ist, hat das Büch­lein durch­aus sei­nen Wert, der natur­ge­mäß für Schmidt-Ken­ner gerin­ger ist als für Novizen.

Ilma Rakusa: Ein­sam­keit mit rol­len­dem »r«. Erzäh­lun­gen. Graz: Dro­schl 2014. 158 Seiten. 

rakusa, einsamkeitIn Kür­ze: Ganz tol­le Erzäh­lun­gen sind hier zu fin­den, unbe­dingt emp­feh­lens­wert – wenn man klei­ne Geschich­ten zwi­schen Repor­ta­ge und Moment­auf­nah­me aus der Frem­de Euro­pas mit einem Hang zu leich­ter Melan­cho­lie und Trau­rig­keit mag. Meist geben sie kur­ze Ein­bli­cke in Leben und Cha­rak­ter einer Per­son (die den Titel der jewei­li­gen Geschich­te bil­det), oft durch eine nahes­ten­de Erzäh­le­rin, einen Freund etwa. Das hat oft etwas von einer Pseu­do-Repor­ta­ge, wie es etwa ein­ge­ar­bei­te­te Zita­te der Prot­ago­nis­ten einer Erzäh­lung zur Dar­stel­lung ihres Hin­ter­grunds, ihrer Geschich­te nutzt, als stamm­ten sie aus einem Gespräch. Dazu passt auch die Schlicht­heit der Sät­ze – zumin­dest syn­tak­tisch, lexi­ka­lisch ist das durch­aus kunst­voll: Daher kommt auch der lyri­sche, oft leicht schwe­ben­de Ton der Erzäh­le­rin­nen aus der Feder Rakus­as.

Immer wie­der wer­den beschä­dig­te Leben erzäh­len: Hei­mat­ver­lust oder über­haupt Hei­mat­lo­sig­keit, das (ewi­ge) Wei­ter­zie­hen, die Suche nach einem Platz/​Ort (nicht nur, aber auch geo­gra­phisch) im Leben bestim­men den Weg der Prot­ago­nis­ten, die ganz über­wie­gend suchend sind, sich auf dem Weg bein­den, immer unter­wegs – nach Leben, Sinn etc., auch nach Erleuch­tung (mehr­mals suchen sie die ganz pla­ka­tiv in Indi­en): ent­wur­zel­te Men­schen der Moder­ne zeigt Rakusa uns. Momen­tan oder zeit­wei­se, vor­über­ge­hend kann die Ein­sam­keit auf­ge­ho­ben oder sus­pen­diert wer­den – in Freundschaft(en) und Lie­be etwa, wobei die Ent­he­bung aus der Ein­sam­keit immer als sol­che, als nicht dau­ern­de Erleich­te­rung, auch wahr­ge­nom­men und erkannt wird: Das Bewusst­sein der End­lich­keit der „Gesel­lig­keit“ ist immer vor­han­den, ihre Fra­gi­li­tät gewusst. So spie­len sich in den Figu­ren Dra­ma und Trau­ma der Gegen­wart ab: Kapi­ta­lis­mus, Krieg und Krank­hei­ten als Ver­ur­sa­cher der „Stö­rung“. Und: Euro­pa außer­halb Deutschlands/​Mitteleuropa wird gezeigt, mit Krieg und Kriegs­fol­gen, Armut, Lee­re, Ver­zweif­lung, Leid, Trau­er und Trau­rig­keit – ohne des­halb total schwarz zu sein, grun­diert die­se dunk­le Erfah­rung doch nicht nur das Leben der Prot­ago­nis­tin­nen, son­dern auch den Ton der meis­ten Erzäh­lun­gen: dun­kel, aber nicht depres­siv; hart, aber nicht ver­zwei­felt. Auch die Orte sind kei­nes­wegs alles Idyl­len: Kol­jansk etwa wird als rei­ner Höl­len­ort erzählt: Trost­los, aus­sichts­los, ret­tungs­los: „Ein Punkt, der bald ver­schwun­den sein wird. Dort.“ (158) – das sind zugleich die letz­ten Wor­te des Buches – die dem Gan­zen noch einemal einen etwas über­ra­schend düs­ter­nen, trost­los-grau­en Dreh geben

Wie geht das: im Leben eine Sei­te umwen­den? Aus­stei­gen, weg­ge­hen, auf nichts hof­fen als auf die Rich­tig­keit der Ent­schei­dung. (73)

Wir waren kurz sehr lan­ge weg gewe­sen. (79)

Tim B. Mül­ler: Nach dem Ers­ten Welt­krieg. Lebens­ver­su­che moder­ner Demo­kra­tien. Ham­burg: Ham­bur­ger Edi­ti­on 2014. 174 Seiten.

müller, demokratienDemo­kra­tien sind labi­le Gebil­de, Dau­er­haf­tig­keit gibt es nicht, die Demo­kra­tie muss immer neu her­ge­stellt wer­den. Des­we­gen benö­ti­gen sie Ent­schei­dun­gen, Reagie­ren – und Ent­wick­lung, sie ver­zei­hen aber auch Feh­ler. Ganz beson­ders gilt das für Momen­te der Kri­se. Mül­ler zeigt das anhand „der“ Kri­se der moder­nen Demo­kra­tien nach dem Ers­ten Welt­krieg am Ende der 1920er Jah­re, im Umfeld der Wirt­schafts­kri­se. Dabei zeigt Mül­ler auch, wie eng sozia­le Demo­kra­tie (mit ihrer Umver­tei­lung (die aus dem Gleich­heits­pos­tu­lat resul­tiert), also der „Wohl­fahrts­staat“ und demo­kra­ti­sche Orga­ni­sa­ti­on sowie Gesin­nung (der Bevöl­ke­rung) im 20. Jahr­hun­dert in Euro­pa (und den USA) zusammenhängen. 

Demo­kra­tie will Mül­ler ver­stan­den wis­sen als Pro­zess, stän­di­ge Dis­kus­si­on, Ver­ge­wis­se­rung und Anpas­sung sind not­wen­dig und wesen­haft. Das geschieht nicht in allen Län­dern und Gesell­schaf­ten gleich­zei­tig und auf glei­che Wei­se. Für Deutsch­land stellt er etwa fest:

Demo­kra­tie als Kul­tur und Lebens­wei­se muss­te in Deutsch­land mit beson­de­rem Nach­druck ver­an­kert wer­den, weil Kriegs­ver­lauf und Nie­der­la­ge eine schwie­ri­ge Aus­gangs­la­ge geschaf­fen hat­ten: Die Kriegs­nie­der­la­ge führ­te zur Demo­kra­tie, was die Demo­kra­tie belas­te­te. (81)

Und spä­ter heißt es:

Es bedurf­te einer gewal­ti­gen Erschüt­te­rung, um die­ses Gefü­ge ins Wan­ken zu brin­gen. Die Welt­wirt­schafts­kri­se ließ die Ent­wick­lung, die den Zeit­ge­nos­sen seit dem Ers­ten Welt­krieg unauf­halt­sam erschie­nen war, still­ste­hen. Das war nicht der Unter­gang. Aber die Rou­ti­nen und Kon­ven­tio­nen der Demo­kra­tien, die auch unter gro­ßem Druck so lan­ge so gut funk­tio­niert hat­ten, gerie­ten ins Stot­tern. Jetzt kam es auf klu­ges Regie­ren an, jetzt konn­te jeder fal­sche Schritt in den Abgrund füh­ren, jetzt waren anti­de­mo­kra­ti­sche Kräf­te und Tra­di­tio­nen imstan­de, zur Bedro­hung zu wer­den. Die libe­ra­le und sozia­le Demo­kra­tie war nicht am Ende. Sie ging sogar gestärkt aus der gro­ßen Kri­se her­vor. Nur nicht in Deutsch­land. (112f.)

Das ist genau der Punkt, um den die­ser Essay kreist: Die Ent­wick­lung der Geschich­te war – auch in Deutsch­land – kei­ne zwangs­läu­fi­ge, der Weg aus der Kri­se hät­te auch anders aus­se­hen kön­nen. Ver­sa­gen sieht Mül­ler hier vor allem bei Brü­ning, dem er bescheinigt: 

Vom Blick­win­kel der Geschich­te der Demo­kra­tie aus war es nicht die­se oder jene Maß­nah­me der Brü­ning-Regie­rung, die den Unter­gang der Demo­kra­tie ein­lei­te­te, nicht das Spa­ren selbst, son­dern ein fun­da­men­ta­les intel­lek­tu­el­les Ver­sa­gen, die Unfä­hig­keit, Poli­tik in einer der Demo­kra­tie ange­mes­se­nen Kom­ple­xi­tät zu den­ken. (120)

Die Modi, Lösun­gen oder Stra­te­gien zur Bewäl­ti­gung der Kri­se der Demo­kra­tie, dar­auf weist Mül­ler aus­drück­lich hin, hät­ten aber gera­de das zur Bedin­gung gehabt: Die Beherr­schung des „Thea­ters der Demo­kra­tie“ (127) – das scheint für Mül­ler nicht nur der/​ein wesent­li­cher Unter­scheid zwi­schen Brü­ning und Roo­se­velt zu sein, son­dern ein wesent­li­ches Ele­ment erfolg­rei­cher Kri­sen­be­wäl­ti­gung. Zumin­dest kann man sein Lob von Roo­se­velts „demokratische[m] Expe­ri­men­tie­ren“ (129), das Mül­ler wohl als ange­mes­sens­tes Ver­fah­ren, die Kri­se zu be-/über­wäl­ti­gen, ansieht, so sehen.

Im Grun­de ist das auch schon ein wesent­li­cher Teil des Haupt­ar­gu­ments: „Wirt­schafts­wachs­tum, Wohl­fahrts­staat und Demo­kra­tie waren unauf­lös­lich mit­ein­an­der ver­wo­ben.“ (138f.). Und da sind, gera­de in Kri­sen­zei­ten, für Mül­ler han­deln­de Per­so­nen gefragt, Indi­vi­du­en (hier eben Poli­ti­ker (& Keynes ;-))), die die­se Kom­ple­xi­tät erken­nen und zugleich im demo­kra­ti­schen Dis­kurs (dem „Thea­ter“) ange­mes­sen argu­men­tie­ren kön­nen. In allen sei­nen Bei­spie­len macht Mül­ler Akti­ve aus, die die Demo­kra­tie „ret­ten“ (oder im fal­le Brü­nings, eben nicht). Ange­legt ist das dabei durch­aus in Struk­tu­ren, aber die Not­wen­dig­keit der/​einer Ent­schei­dung und – das ist im demo­kra­ti­schen Han­deln eben immer genau­so wich­tig – des Über­zeu­gens bleibt (als vor­nehm­lich indi­vi­du­el­le Leistung!).

Als kon­kre­te Über­le­bens­stra­te­gien von Demo­kra­tien iden­ti­fi­ziert Mül­ler dann vor allem drei Momen­te: Ers­tens die „sozia­le Sta­bi­li­sie­rung durch Sozi­al­po­li­tik“ (das heißt auch, in wirt­schaft­li­chen Kri­sen­zei­ten die staat­li­chen Inves­ti­tio­nen aus­zu­wei­ten statt blind zu spa­ren), zwei­tens die „poli­ti­sche Inte­gra­ti­on durch demo­kra­ti­sches Pathos, durch Par­ti­zi­pa­ti­on und Mobi­li­sie­rung der Bür­ger“ und drit­tens eine Wirt­schafts­po­li­tik mit inten­si­vem ein­grei­fen in öko­no­mi­sche Struk­tu­ren, „ohne Rück­sicht auf öko­no­mi­sche Effi­zi­enz“, d.h. hier v.a. Arbeits­be­schaf­fungs­maß­nah­men (152). Das kann man übri­gens, so deu­tet Mül­ler sehr vor­sich­tig an, durch­aus auch für die gegen­wär­ti­ge Kri­se als Lösungs­fak­to­ren anneh­men … Über alle Kri­sen hin­aus aber gilt: 

Demo­kra­tien muss­ten sich ihrer stän­di­gen Gefähr­dung auch in guten Zei­ten bewusst blei­ben. Unter allen Umstän­den galt es, ihr zivi­li­sa­to­ri­schen Mini­mum zu bewah­ren. (152)

Alex­an­der Gumz: aus­rü­cken mit model­len. Ber­lin: kook­books 2011. 88 Seiten.

gumz, modelleSelt­sam: das fes­selt oder berührt mich so gar nicht – ohne dass ich sagen könn­te, war­um. Irgend­wie zün­den die Bil­der nicht, die Spra­che (Stil und Form) setzt sich nicht fest, die Inhal­te inter­es­sie­ren mich nicht. Die Form­lo­sig­keit (ger­ne in lan­gen Zwei­zei­ler) ist zwar irgend­wie gefühlt kook­books-typisch, aber ich erken­ne nichts, was die Tex­te für mich inter­es­sant mach­te. Viel­leicht braucht’s noch­mal eine Re-Lek­tü­re in ein paar Wochen – wer weiß, mög­li­cher­wei­se sieht der Lese­ein­druck dann schon ganz anders aus … 

Net­te Momen­te hat das näm­lich schon – zum Bei­spiel im ers­ten Zyklus, „zer­beul­tes gelän­de“: Der Wald, der wie auf Dro­gen scheint. Über­haupt spie­len Zei­chen (in) der Natur eine Rol­le: das heißt nicht zufäl­lig „zer­beul­tes gelän­de“, geht es doch immer wie­der um die Ein­wir­kung und die Ein­grif­fe der Men­schen in die Natur bzw. den Wald. Aber dann lese ich eben auch vie­les, was mir nur selt­sam und gewollt erscheint: wie gesagt, die Reso­nanz fehlt bei mir (was durch­aus an die­sem spe­zi­fi­schen Leser lie­gen kann): das sind nur lose gereih­te gewoll­te Bil­der für mich, nach den ers­ten Sei­ten ist aber auch die­ser Reiz weg.

wir leh­nen an der gren­ze zum gewitter,
schüt­teln die köpfe.

unter unse­ren füßen
dehnt sich der steg. (11, zer­beul­tes gelände)

Chris­toph Ban­gert: War Porn. Hei­del­berg, Ber­lin: Keh­rer 2014. 189 Seiten.

bangert, war pornEin har­tes, sehr har­tes und grau­sa­mes Buch. War Porn sam­melt Kriegs­fo­to­gra­fie aus Irak und Afgha­ni­stan vor allem, die in Zei­tun­gen und Zeit­schrif­ten nicht gedruckt wird. Sie zeigt näm­lich vor allem die Opfer, die Res­te, die von Men­schen manch­mal nur noch übrig blei­ben, nach dem der Krieg über sie hin­weg gegan­gen ist. Aber das ist eben auch emi­nent wich­tig, so etwas zu sehen, sich selbst zuzu­mu­ten – Krieg, Gewalt pas­siert ja nicht ein­fach, son­dern wird gemacht. Von Men­schen. Über­all und immer wie­der. Dar­an muss man erin­nern: wie das aus­sieht – abseits der schi­cken Kampf­jets oder der harm­los ver­nied­lich­ten „Droh­nen“. Klug ist das inso­fern, als Ban­gert sehr wohl um die „Nor­ma­li­tät“ sei­ner Bil­der weiß: Die sind – und das gilt eben lei­der auch für das dar­ge­stell­te – kei­nes­wegs außer­ge­wöhn­lich. Unge­wöhn­lich ist nur, dass sie gezeigt wer­den. Das – als Buch – zu loben, hat einen bit­te­ren Bei­geschmack: Denn das ist zwar durch­aus ein schö­nes Buch, schö­ner wäre es aber, wenn es War Porn gar nicht gäbe.

What you see in this book is my per­so­nal expe­ri­ence. And in a way it’s yours, too, becau­se the­se things hap­pen­ed in your life­time. You as a view­er are com­pli­cit. (3)

außer­dem:

  • Peter Weiss, Ästhe­tik des Wider­stands – groß­ar­tig und erschla­gend, fes­selnd und lang­wei­lend ohne Ende (je nach dem, wo man gera­de ist – im 2. Buch hat­te ich ganz schö­ne Durchhänger …)
  • Johann Beer (das „Tage­buch“, Jucun­di Jucun­dis­si­mi wun­der­li­che Lebens-Beschrei­bung u.a.)
  • Chris­ti­an Reu­ter, Schmel­muff­skys wahr­haff­ti­ge curiö­se und sehr gefähr­li­che Rei­se­be­schrei­bung zu Was­ser und Lande
  • Joseph Roth, Das fal­sche Gewicht. Die Geschich­te eines Eichmeisters
  • Max Frisch, Tage­buch 1966–1971

Ins Netz gegangen (11.7.)

Ins Netz gegan­gen am 11.7.:

  • Wal­ter Ben­ja­min – Pas­sa­gen­pro­jekt – coo­le idee: wal­ter ben­ja­mins „pas­sa­gen“ nach stich­wör­tern und sym­bo­len geordnet
  • Emser Depe­sche: Die Ber­li­ner Ent­zif­fe­rung | Akten­kun­de – Hol­ger Ber­win­kel schrei­tet in sei­ner detail­lier­ten akten­kund­li­chen ana­ly­se der emser depe­sche fort – inzwi­schen ist das tele­gramm schon zu bis­marck gelangt.

    Akten­kund­lich zu arbei­ten bedeu­tet bei aller Akri­bie das genaue Gegen­teil von Akten­gläu­big­keit, die unter His­to­ri­kern lei­der ver­brei­tet ist.

  • NSA-Affä­re: Einen Diplo­ma­ten aus­wei­sen? Wie nied­lich. | ZEIT ONLINE – „Der Ele­fant NSA steht mit­ten in den bun­des­deut­schen Wohn- und Schlaf­zim­mern, und nie­mand in der Bund­e­re­gie­rung will dar­über reden.“
  • Nach­ge­rech­net: Bringt die Pkw-Maut wirk­lich 600 Mio. /​Jahr? » Zukunft Mobi­li­tät – so etwas hat der media­len bericht­erstat­tung zu den maut-plä­nen (ent­schul­di­gung: „infra­stru­kur­ab­ga­be) dob­rindts (bis­her) gefehlt – und es wäre eigent­lich nötig gewe­sen: mal nach­rech­nen, ob dob­rindts ange­kün­dig­te ein­nah­men über­haupt mög­lich, wahr­schein­lich und rea­lis­tisch sind. dann könn­te man näm­lich auch zu dem ergeb­nis kommen:

    Es darf daher bezwei­felt wer­den, ob dem Bun­des­haus­halt durch die Ein­füh­rung einer Infra­struk­tur­ab­ga­be pro Jahr wirk­lich über 600 Mil­lio­nen Euro zuflie­ßen (unter der Prä­mis­se der voll­stän­di­gen Kom­pen­sa­ti­on in Deutsch­land Kfz-steu­er­pflich­ti­ger Kfz-Halter).

  • SPRENGSATZ _​Das Poli­tik-Blog aus Ber­lin » Zir­kel des Irsinns – Jeder weiß, dass es irr­sin­ni­ger Unsinn oder unsin­ni­ger Irr­sinn ist (je nach Prä­fe­renz) – und kei­ner stoppt es:

    Die PKW-Maut ist ein Mus­ter­bei­spiel dafür, wozu popu­lis­ti­sche Wahl­ver­spre­chen einer Regio­nal­par­tei am Ende führen. 

Erziehungsanstalt des Ausdrucks

Die Ortho­gra­phie ist die Erzie­hungs­an­stalt des frei­en schrift­li­chen Aus­drucks. Es soll Kor­rek­to­ren geben, die über der Ortho­gra­phie das Lesen ver­lernt haben. Wenn es sie nicht gäbe, wür­de jeder in jedem geschrie­be­nen Satz die Ent­wick­lung sei­ner Spra­che und die Struk­tu­ren sei­ner Intel­li­genz doku­men­tie­ren – wie Fried­rich II., wie Qui­ri­nus Kuhl­mann, wie noch Goe­the und Schil­ler gelegentlich.

— Hubert Fich­te, im Gespräch mit Die­ter E. Zim­mer
(zitiert nach Tho­mas Becker­mann (Hrsg.): Hubert Fich­te. Mate­ria­li­en zu Leben und Werk. Frank­furt am Main: Fischer 1985, S. 91)

Was ist fahrradfreundlich?

Der Main­zer AStA hat gera­de eine Peti­ti­on lau­fen, um auf dem Cam­pus den Ver­kehr stär­ker zu tren­nen. Das gan­ze läuft unter dem Titel „Fahr­rad­freund­li­cher Cam­pus“ und for­dert vor allem die Ein­rich­tung – und natür­lich ent­spre­chen­de Kenn­zeich­nung – von dezi­dier­ten Rad­we­gen auf dem Cam­pus. Im Moment ist die Situa­ti­on ja sehr unter­schied­lich: Auf eini­gen Tei­len hat der Cam­pus ganz „nor­ma­le“ Stra­ßen mit Fahr­bahn, Bür­ger­steig und an eini­gen Stel­len auch Rad­weg, an ande­ren Stel­len gibt es shared spaces. Genau die will der AStA sozu­sa­gen los­wer­den und damit die Fahr­rad­freund­lich­keit erhö­hen. Ich hal­te das aus zwei Grün­den für nicht sinn­voll. Zum einen bin ich grund­sätz­lich kein Freund von Fahr­rad­we­gen – die Pro­ble­me an Kreu­zun­gen, Ein­mün­dun­gen etc. sind ein­fach zu groß. Zum ande­ren wür­den auch Rad­we­ge auf dem Cam­pus dort, wo es jetzt schon pro­ble­ma­tisch ist mit dem Zusam­men­kom­men von Fuß­gän­gern und Rad­fah­re­rin­nen – grob gesagt zwi­schen Ein­gang am Forum und Phi­lo­so­phi­cum, viel­leicht noch vor bis zur Men­sa -, die Situa­ti­on ver­mut­lich nicht ver­bes­sern. Das Haupt-„Problem“ ist an die­sen Stel­len näm­lich: Zu Stoß­zei­ten ist die Ver­kehrs­flä­che ein­fach knapp bemes­sen. Da wird es immer eng wer­den. Rad­we­gen kön­nen da des­halb nicht hel­fen, weil der Ver­kehr auch nicht schön gera­de­aus in zwei Richun­gen geht, son­dern an meh­re­ren Stel­len – etwa vor dem neu­en Georg-Fors­ter-Gebäu­de 1 – auch Que­run­gen hat. Genau die wür­den durch Rad­we­ge eher noch gefähr­li­cher. Denn irgend­wo müs­sen Fuß­gän­ge­rin­nen die dann über­que­ren. Und auf den Rad­we­gen wären – so ist zumin­dest die Erwar­tung – die Rad­ler ver­mut­lich schnel­ler unter­wegs als sie es jetzt sind, weil sie ja „unter sich“ wären. Die Pro­ble­me wür­den also nur gefähr­li­cher wer­den. Und das ist bestimmt nicht fahr­rad­freund­li­cher. Auf der ande­ren Sei­te mer­ke ich selbst als Rad­ler, dass es manch­mal etwas frus­tie­rend sein kann, wenn man nicht zügig fah­ren kann, weil über­all Fuß­gän­ger (Autos sind da zum Glück kaum wel­che) im Weg her­um lau­fen ;-). Aber dann den­ke ich halt: Das sind nur ein paar hun­dert Meter. Und mit etwas Geschick fin­det man auch immer eine Lücke ;-). 

Übri­gens bin ich nicht der ein­zi­ge, der oder die den AStA-Vor­stoß kri­tisch sieht – die Peti­ti­on hat trotz Ver­län­ge­rung und Wer­bung auf dem Cam­pus immer noch recht weni­ge Unter­schrif­ten und dafür mehr Con­tra- als Pro-Argu­men­te.

Show 1 footnote

  1. Das die Analpha­ben der Johan­nes Guten­berg-Uni­ver­si­tät beharr­lich Georg Fors­ter-Gebäu­de schrei­ben, aber das ist ein ande­res The­ma …

Nachrechnen: Die Notwendigkeit von Blogs

vor­ges­tern hat dob­rindt die pkw-maut, die er beschö­ni­gend „infra­struk­tur­ab­ga­be“ genannt wis­sen will (gibt’s nicht auch ande­re infra­struk­tur als stra­ßen?), vor­ge­stellt. die ein­zi­ge kri­tisch-kon­trol­lie­ren­de nach­rech­nung, ob es über­haupt wahr­schein­lich ist, dass er mit sei­nen plä­nen (die ja wahr­schein­lich sowie­so nicht eu-recht-kon­form sind) wirk­lich die ange­streb­ten sum­men erlö­sen kann, habe ich in einem blog gefun­den. die zei­tun­gen beten alle nur die zah­len der poli­tik nach, ohne das mal selbst zu kon­trol­lie­ren (aber viel­leicht haben sie es auch nur so gut ver­steckt, dass ich es nicht gese­hen habe?). ob die zah­len von mar­tin ran­del­hoff nun rea­lis­ti­scher sind als die offi­zi­el­len oder nicht, das kann ich nicht beur­tei­len (sie schei­nen mir aber immer­hin in sich stim­mig und schlüs­sig argu­men­tiert, auf schwach­stel­len weist er auch selbst hin). aber wäre so eine rech­nung (ran­del­hoff kommt zu dem skep­ti­schen ergeb­nis: „Es darf daher bezwei­felt wer­den, ob dem Bun­des­haus­halt durch die Ein­füh­rung einer Infra­struk­tur­ab­ga­be pro Jahr wirk­lich über 600 Mil­lio­nen Euro zuflie­ßen“) nicht auch von den medi­en, die sich doch ger­ne als „vier­te gewalt“, als „kon­trol­le“ der poli­tik, ver­ste­hen, zu erwar­ten? schließ­lich haben die doch auch (noch) spe­zi­el­le wirt­schafts- und ver­kehrs­re­dak­teu­re, die soll­ten doch so weit auch selbst rech­nen kön­nen – oder jeman­den fin­den, der es für sie tut. also wie­der ein grund, die ach so unjour­na­lis­ti­schen blogs zu lesen.

Taglied 8.7.2014

Man­ches von Arvo Pärt kann man sich sogar mal anhö­ren ;-). Die Pas­sa­ca­glia zum Bei­spiel war mir noch neu. Und weil sie nur vier Minu­ten dau­ert, wird es auch nicht so langweilig …


Beim Kli­cken auf das und beim Abspie­len des von You­Tube ein­ge­bet­te­ten Vide­os wer­den (u. U. per­so­nen­be­zo­ge­ne) Daten wie die IP-Adres­se an You­Tube übertragen.

Stille beim Rundfunkchor Berlin

nein, das ist kei­ne beson­de­re per­for­mance (ich sage nur: cage …), son­dern bit­te­rer ernst: zum ers­ten mal in der geschich­te des ensem­bles – also seit 89 jah­ren – sahen sich die sän­ge­rin­nen und sän­ger des rund­funk­chors ber­lin heu­te gezwun­gen, in den streik zu tre­ten. das ers­te opfer: ein auf­nah­me des brahms-requi­ems – davon gibt’s frei­lich auch schon mehr als genug ;-). aber scherz bei­sei­te: die geschich­te ist eigent­lich ziem­lich unglaub­lich für ein rei­ches und kul­tur-tra­di­ti­ons-rei­ches land wie die bun­des­re­pu­blik: seit 21 jah­ren (!) arbei­tet der chor ohne gül­ti­gen tarif­ver­trag, seit zehn jah­ren gab es kei­ne gehalts­er­hö­hung mehr. und chor­sän­ger zäh­len sowie­so nicht zu den groß­ver­die­nern im musik­ge­schäft. und seit zwei jah­ren wur­de nun ver­han­delt, ein unter­schrifts­rei­fer ver­trag lag vor – aber die roc gmbh (die ber­li­ner kon­struk­ti­on, in der der rund­funk­chor, der rias-kam­mer­chor, das deut­sche sym­pho­nie­or­ches­ter und das rso ber­lin ver­ei­nigt sind) hat sich gewei­gert, den ver­trag zu unter­zeich­nen, wie der chor­vor­stand mit­teilt. bla­ma­bel.

Königskino

zwi­schen­durch mal eine klei­ne musik­emp­feh­lung für die entdecker-fraktion:

https://​sound​cloud​.com/​i​n​s​u​b​-​r​e​c​o​r​d​s​-​n​e​t​l​a​b​e​l​/​j​o​n​a​s​-​k​o​c​h​e​r​-​g​a​u​d​e​n​z​-​b​a​d​r​u​t​t​-​c​i​n​e​m​a​-​r​e​x​-​i​n​s​u​b​4​2​-​e​x​c​e​rpt

das ist ein aus­zug aus dem kon­zert­mit­schnitt cine­ma rex von jonas kocher (akkor­de­on) und gau­denz bad­rutt (elec­tro­nics), den insub net­ter­wei­se kos­ten­frei unter einer cc-lizenz zur ver­fü­gung stellt – her­un­ter­la­den und kopie­ren und ver­brei­ten ist also ganz legal. kocher & bad­rutt, die mich vor zwei jah­ren schon mit stra­tegy of beha­viour in unex­pec­ted situa­tions bein­dru­cken konn­ten, zei­gen hier wie ich fin­de sehr schön, wie span­nend musik immer noch sein kann … ich mag ja so gef­ri­ckel, geknir­sche und gekrusch­pel – vor allem, wenn es nicht nur so dahin­blub­bert, son­dern auch form und span­nung hat
cinema rex, cover

Ins Netz gegangen (8.7.)

Ins Netz gegan­gen am 8.7.:

Taglied 5.7.2014

Zum hun­ders­ten Geburts­tag der wun­der­ba­ren Annie Fischer ihre Auf­nah­me der „Pathé­tique“:

Annie Fischer plays Beet­ho­ven: Sona­te in c (Pathé­tique) full!

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