Der Düsseldorfer Historiker Achim Landwehr geht diesen Fragen bis in jene Epoche nach, als die Kalender die Welt eroberten. Die Vorgeschichte unserer zeitlichen Verstrickung in Termine und Daten ist dabei nur ein Beispiel für jene „Geburt der Gegenwart“, von der er anschaulich, anekdotenreich und klug erzählt: In der Frühen Neuzeit büßte die Vergangenheit in bestimmten Bereichen ihre Autorität ein, während die Zukunft noch nicht als Objekt menschlicher Verfügung wirkte. In einer Art Zwischenphase dehnte sich die Gegenwart als „Möglichkeitsraum“ aus und bahnte damit jenes Zeitregime an, dem wir heute unterstehen.
Aber. Der Deutsche Buchpreis ist das fröhlichste Beispiel, wie die quasireligiöse Eindeutigkeit eines Marketinginstruments hergestellt wird. In einer konstruierenden Vorgangsweise wird der Börsenverein selbst zum Autor der Vermarktung der Autoren und Autorinnen im Deutschen Buchpreis.
Das alles erfolgt im Archilexem (der Verwendung der männlichen Form der Bezeichnung, unter der die weibliche Form mitgemeint ist): In den Aussendungen des Börsenvereins gibt es nur Autoren und keine Autorinnen. Auch das gehört zur Strategie der Eindeutigkeit. Es gibt keine Geschlechterdifferenz, sagen solche Formulierungen. Stellt euch unter die männliche Form und lasst differenzierende Kinkerlitzchen wie die geschlechtergerechte Sprache sein. Nur in eindeutigen Formulierungen gelingt ein umfassendes Sprechen, in dem Bücher verkauft werden können. Populismus wird nicht nur in Kauf genommen. Populismus ist erwünscht.
Selbstmord ist ansteckend. Berichterstattung über Suizide erhöht die Zahl der Suizide. Eine neue Studie aus den Vereinigten Staaten liefert weitere Indizien dafür, dass dieser sogenannte „Werther-Effekt“ tatsächlich existiert.
Der derzeitige Umgang mit der algorithmischen Personalisierung ist die Vollendung des Neoliberalismus auf Ebene der öffentlichen Kommunikation. Wenn du etwas nicht gesehen hast, dann bist du selbst Schuld, weil du den Algorithmus von Facebook entsprechend trainiert hast oder dir die Profi-Version mit dem besseren Zugang zu den Daten nicht leisten kannst.
In Deutschland gibt es für eine bestimmte Liga von freien Künstlerinnen und Künstlern kaum Produktionsspielräume. Es gibt zwar ein weltweit einzigartiges Theatersystem, das ist allerdings einer gewissen Monokultur verpflichtet, die sich auf das Opern‑, Schauspiel‑, oder Orchesterrepertoire bezieht – darüber hinaus bleiben wenige Möglichkeiten für freie Kunst. Diese Lücke wollte ich mit der Ruhrtriennale zu schließen versuchen.
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Wolfram Malte Fues: InZwischen. Mit Zeichnungen von Thitz. München: Allitera Verlag 2014 (Lyrikedition 2000). 127 Seiten.
Ein durchaus feiner Lyrikband, der mir mit seinen oft sehr lakonischen, auf brutale Kürze zusammengedampften Gedichten einige Lesefreude bereitete. Fues beschreibt vor allem die Dinghaftigkeit der Welt und ihre Erscheinungen, der Gegenstände und Zustände, Dinge und Geschehen. Sein bevorzugtes Mittel ist es, Beobachtungen oder Tatsachen einfach unvermittelt aufeinanderprallen zu lassen. Das wird auch sprachlich immer wieder deutlich: Fues bevorzugt Kontraste, das schwarz-weiß, den Vorder- und Hintergrund, jetzt und früher, unten oder oben und so weite. Die werden oft direkt gegenübergestellt, ohne Vermittlung, ohne ein Zwischen. Denn genau um dieses „Zwischen“ geht es, um den Raum, der von den Begriffen so eröffnet wird. Dazu passen auch die Vertauschungen, gerade der Kontrastpaare:
Ein Baum wie eine Antenne. Eine Antenne wie ein Baum. Demnächst botschaften Bäume blühen Antennen. (44)
Manchmal sind Sinn und Sprache der kurzen Gedichte dermaßen verknappt und reduziert, dass nur noch Rätsel bleiben – Rätsel, die ein leeres Gerüst der Sprache zeigen, aus dem der Sinn ausgetrieben wurde ((z.b. 32). Dabei treibt ihn neben dieser Arbeit an der Sprache, die zwar reduziert, aber auch sehr konzentriert wird, gerade die Frage der Kausalität oder nur der Korrespondenz, der zeitlichen/räumlichen (sprachlichen) Folge besonders um. Der Titel, das „Zwischen“, das ist auch in seiner Sprache das Spannende: Das da-/in-/-/zwischen in der Abfolge, der Kausalität, der Entwicklung, der Korrelation (oder auch nicht, der nur so scheinenden …). Auf die Strichzeichnungen von Thitz hätte ich gut verzichten können – für mich sind das bloße – oft genug schlechte, weil banale – Illustrationen des im Gedicht vorkommenden, dabei allerdings sehr oberflächlich.
Robert Seethaler: Ein ganzes Leben. Berlin: Hanser Berlin 2014. 77 Seiten (ebook)
Den Trafikant habe ich ja mit großem Vergnügen und Gewinn gelesen. Deswegen hat mich Ein ganzes Leben ziemlich enttäuscht. Meine Lektürenotizen sind sparsam: reichlich lahm fand ich das während des Lesen, auch erzählerisch einfach langweilig und charakterlos. Der Text beginnt etwas wie Stifter (auch sachen wie der am Beginn und Ende auftauchende Hörnerhannes und die sagenhafte „Kalte Frau“ weisen auf die Verwandschaft hin), dann kommt noch ein bisschen Wimscheider und eine gehörige Portion Franz Innerhofer dazu. Seethaler erzählt ein Leben (aber ist das in irgend einer Hinsicht ein ganzes? Da sind viele Lücken …) eines Mannes, der als Waise in ein österreichisches Gebirgstal kommt und dort – mit Ausnahme des Zweiten Weltkrieges – und einem späten, versickernden Ausbruchsversuch nicht herauskommt. Dafür arbeitet er nach seinem Beginn als landwirtschaftlicher Tagelöhner am Einzug des Fortschritts in das Tal in Form von Seilbahnen mit – eines Fortschrittes, der aber mindestens so unmenschlich ist wie das harte Leben zuvor. Das ist tatsächlich so klischeehaft und einfallslos, wie das hier klingt … Ich verstehe ehrlich gesagt die Begeisterung der Rezensenten nicht so ganz – das ist mir alles zu banal und zu behäbig erzählt.
Elfriede Jelinek: Rein Gold. Ein Bühnenessay. Rowohl 2013. 223 Seiten.
Eine Art Streitgespräch zwischen Wotan und Brünhilde am Schluss des „Ring des Nibelungen“. Aber Gespräch ist fast schon zu viel gesagt: Die beiden Stimmen monologisierend mehr anklagend abwechselnd auf einander zu oder gegen einander. Es geht um alles, nämlich die gesamte Welt und ihre Geschichte. Dabei kommen beide immerzu von einem zum anderen, vom Hölzchen aufs Stöckchen – manchmal ist es der Klang bestimmter Wörter, der den Anschluss sichert, manchmal ein thematischer Zusammenhang, manchmal ein systematischer oder ein personaler. Das macht das Lesen so anstrengend und schwierig: Wie eigentlich immer bei Jelinek ist auch Rein Gold total überfrachtet. Man muss sich selbst eine Schneise durch diese Textlandschaft schlagen, seinen Weg suchen und dabei so manchen Irrgang nicht in Kauf nehmen. Dafür bekommt man eine Anklage der Macht, des auf (unbedienten) Schulden beruhenden Kapitalismus, der Ausbeutung überhaupt, dem Verhältnist von Männern und Frauen und dem von Töchtern und Väter im besonderen. Das ist oft witzig, treffend und genau, manchmal aber auch absurd und manisch, wie hier alles – also wirklich Gott und die Welt, schließlich ist Wotan ja nicht irgendwer, wie er gerne betont, und Brünhilde natürlich auch nicht – durch den Textwolf gedreht wird.
Ich verstehe noch immer nicht, was ich sage, muß es aber sagen. (210)
Dieses ewige Texband hat mir den Zugang hier vor allem auf den ersten paar Dutzend Seiten ziemlich erschwert: Wenn man nicht reinkommt in den Rhythmus der Gedanken und Worte, dann bleibt man aber auch wirklich draußen. Die schlechte Typographie macht das Lesen des unbändigen Textes allerdings auch nicht leichter und versagt damit total – die unpassende Type ohne Ligaturen ist der Anfang, dann ist der Satzzeichen-Clash „!,“, der oft vorkommt, erstaunlich hässlich und vor den Ausrufe- und Fragezeichen so viel Luft, dass man manchmal kaum weiß, wo die hingehören.
Es gibt nichts vom Geld Verschiedenes, denn es gibt nur Geld, es gibt Verschiedene, aber auch von ihnen kommt nur Geld, falls sie es schon vorher hatten, sonst sind sie gar nicht so verschieden. Sonst sind sie die gleichen wie wir. (89f.)
Alles Geld ist nichts ohne Ware, und die Ware ist nichts als ein beschnittener Jude, unvollständig, aber unbestreitbar tüchtig, immer tüchtig, das sehe ich voraus, bis auch er endet, ach, ich weiß nicht, das sage ich, ein Gott, und die Ware ist das Wunderbare, die Ware ist das Wunder, die wunderbare Vermehrung von allem, nicht nur Brot und Fischen, Jesus auch ein Pfosten, klar, verschenkt wird nichts, der hat das gemacht, aber er war ein Dillo, daß er geglaubt hat, das bringt ihm was, das bringt ihm Anhänger oder wie oder was, ich seh sie nicht, ich sehe sie noch nicht, was wollte ich sagen: Also die Ware ist das wundertätige Mittel, um aus Geld, das wandern muß, das zu einem bestimmten Zweck, nämlich diesem, wandern muß, sonst kann man sich dafür nichts kaufen, weil dann ja oft die Waren ganz woanders sind als das Geld, das eben wandern muß, um aus Geld mehr Geld zu machen, um mehr aus sich zu machen. Um aus Geld mehr Geld zu machen. Mehr Geld zu machen und aus. (125f.)
Der Schwarzwald in nicht allzu ferner Zukunft: deindustrialisiert, aufgegeben, verlassen, nur noch eine Restbevölkerung schaut zu, wie die riesigen Transporter auf der Autobahn vorbei nach Norden donnern, in die Städte. Da lebt auch die klassische Familie – Vater, Mutter, Tochter, Sohn – von Liba, der 13jährigen Erzählerin in Nawrats kleinem, aber durchaus feinen Roman Unternehmer. Die Familie, das ist der Witz, hat die Logik des Kapitalismus aufgesogen und übernommen, bis ins Letzte des Familienlebens hinein. Die Kinder sind damit Teil des Unternehmens – eines ziemlich dürftigen Resteverwerters, der in verlassenen Fabriken und Kraftwerken nach Wertstoffen sucht. Das ist eine nicht ganz ungefährliche Aufgabe, der Sohn hat schon einen Arm verloren und wird während des Romans auch noch seiner Beine beraubt. Nawrat führt hier also gewissermaßen die neoliberalistische Spielart des Kapitalismus nach dem Ende der Produktion vor. Und er zeigt wunderbar, wie hohl die Phrasen der Ideologie (geworden) sind. Dazu dient ihm eine faszinierende Sprache, die – wie die Motive der Erzählung – zwischen Naivität und Raffiniertheit, zwischen Spiel und tödlichem Ernst, zwischen Lockerheit und Strenge (in Ton und Satzbau gleichermaßen) pendelt. Gerade dadurch, dass nicht alles expliziert wird, sich der Leser einiges dieser seltsamen Welt und Gesellschaft und Familie zusammenreimen muss und auch oft genug auf Lücken stößt, bleibt Unternehmer interessant. Schön auch, dass Nawrat seine Idee dann auch nicht übermäßig auswalzt und sich mit 137 Seiten bescheidet – mehr ist auch überhaupt nicht nötig, der Punkt ist dann schon längst klar: „Unternehmertum“ ist eine leere Worthülle, die man noch als Spiel betreiben kann, die aber, wenn sie zur alleinigen Ideologie geworden ist, die Leere ihrer selbst vorführt – und das Fehlen der „wahren“ Werte wie Emotionen und Gefühle nur noch deutlicher werden lässt.
Die Garantie hierfür ist der Erfolg unserer täglichen Arbeit. Also hängt alles vom Erfolg unserer täglichen Arbeit ab, sagte Berti. Und diesen wiederum haben wir selbst in der Hand, sagte ich. Es handelt sich um einen Erfolgskreislauf, den wir mit unserer Arbeit in Bewegung halten.
Kilian Jornet: Lauf oder stirb. Das Leben eines bedinungslosen Läufers. München: Malik 2013. 222 Seiten.
Zu diesem schönen und tollen Laufbuch oder besser: Läuferbuch eines außerordentlichen Läufers habe ich drüben im Laufblog schon alles notwendige gesagt: Viel Licht, ein bisschen Schatten: Leseempfehlung für alle Ultra-Trail-Lauf-Interessierten.
außerdem noch:
Friedrich Hölderlin, Hyperion oder der Eremit in Griechenland (Re-Lektüre, weil August ist)
schöne Klangarbeit mit einer alten, ungepflegten Orgel von Stefan Fraunberger: Quellgeister #1, hier ein Auszug auf YouTube:
Stefan Fraunberger /Quellgeister #1
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Fünf Kapitel zwischen Wien und Berlin, in denen Lottmann seinen Protagonisten die Euphorie des Rauschgifts und (weniger stark ausgeprägt) den Absturz des Entzugs anhand der als überall verfügbare und überall genutzen Modedroge Kokain (der Titel macht ja kein Geheimnis daraus) erfahren lässt. Dabei steht aber nicht der Rausch im Mittelpunkt (und am Ziel des Drogenkonsums), sondern die „Nebeneffekte“: Das Abnehmen, das geänderte Sozialverhalten, die anders er- und ausgelebte Sexualität – und das Geld. Die durchaus komischen und amüsanten Schilderungen der Erlebnisse, die dem Helden auf dieser, nun ja, Irrfahrt begegnen, ergänzt Lottmann etwas motivationslos (und für den Text auch ausgeprochen folgenlos) sowie nicht sehr geschickt mit dem „Wissenschaftlichen Tagebuch“ des Protagonisten, dessen Eintragungen ganz stereotyp mit „Liebes wissenschaftliches Tagebuch,“ beginnen, die vom Erzähler brav zitiert werden und vor allem durch ihre unglaubwürdige Naivität auffallen. Ansonsten besticht der heterodiegetische Erzähler vor allem durch sein entspanntes, leicht distanziertes Plaudern, das mit Sympathie für seine Hauptfigur Stephan Braumer erzählt, dabei dessen Neugier und auch Befremden angesichts der „Perversionen“ der anderen teilend. Endlich Kokain ist aber nicht nur ein Drogenroman – das wäre Lottmann wohl zu wenig. Zugleich will der Text auch noch eine Kunstbetriebssatire sein. Das klappt so halbwegs, versandet aber in der netten Harmlosigkeit. Und auch eine Anti-Entwicklungsroman (allerdings mit versöhnlichem Happy-Ende soll das noch sein. Da aber überhaupt alles nett und flockig bleibt, nirgends hart (auch sprachlich nicht), klappt das, was über den unterhaltsamen Bericht der täppischen Unternehmungen Braumers hinausgeht, auch nur selten. Bartels fasst das in seiner Rezension ganz gut zuammen:
Am besten ist es, „Endlich Kokain“ wie im Rausch in einem Zug zu lesen, dann ist der Spaß am allergrößten. Sonst könnte man leicht auf den Gedanken kommen, schon bessere Drogenromane und Kunstbetriebssatiren gelesen zu haben.
Jens Dittmar: So kalt und schön. Ein Sonderweg. Aus dem Nachlass von Hildegard Kleinschmidt (Temuco/Chile) herausgegeben, kommentiert und mit Anmerkungen versehen von Jens Dittmar. Hohenems: Bucher 2014.
Einen postmodernen Schelmenroman verheißt der Umschlagtext. Den bekommt man allerdings nicht. Lesen kann man So kalt und schön am besten als Versuch, einen solchen zu schreiben – ein Versuch, der nicht so richtig glückt. Denn auf beiden Ebenen bleibt Dittmar vor dem Ziel stehen: Weder ist das ein gelungener Schelmenroman – die Elemente sind da, der Witz fehlt … -, noch kann der postmoderne Aspekt überzeugen. Der erschöpft sich nämlich im Auf- und Vorführen von möglichst vielen Namen, die im Kulturleben (vor allem im literarischen Teil) der Bundesrepublik eine Rolle spielten. Das geschieht aber regelmäßig ohne besondere Motivation, so dass es leere Geste bleibt. Typisch für diese Halbherzigkeit, die viel von dem Text durchzieht, ist die Tatsache, dass die Herausgeberfiktion den Verlag überforderte oder der sie nicht mitmachen wollte und sie deshalb gleich auf dem Titelblatt „zerstört“ – dann kann man sich so etwas auch gleich sparen. Ähnliches gilt für die „Anmerkungen“, die bloß belanglos sind und willkürlich ein paar Fakten im Wikipedia-Stil hinzufügen.
Der Erzähler ist ein penetrant dozierender Erzähler, der mehr erklärt (und vorführt, gerade an Büchern und Gestalten und Autoren) als er erzählt: „Und Andrea versuchte, sich das vorzustellen, aber es ging nicht.“ (67) heißt es einmal – so ähnlich geht es dem Leser (d.h. mir) auch.
Horst Brunner (Hrsg.): Von achtzehn Wachteln und dem Finkenritter. Deutsche Unsinnsdichtung des Mittelalters und der Frühen Neuzeit. Stuttgart: Reclam 2014. 163 Seiten.
Dieses schmale Reclam-Bändchen ist wunderbare lustige und lustvolle Lektüre für zwischendurch: Kuriosa aus der Litaturgeschichte des Mittelhochdeutschen und vor allem der Frühen Neuzeit. Brunner schreibt im Nachwort:
Auch im Mittelalter und in der Frühen Neuzeit gab es Menschen, die gern und entspannt gelacht haben, weder dachten sie unausgesetzt an das Jenseits, noch an den Sinn ihrer ständischen Existenz, noch an Rebellion und Aufrühertum. Die Texte, die ihnen gefallen haben, können durchaus auch uns heute noch erfreuen. (163)
In der Tat, die Dichtungen über Tiere, Unmöglichkeiten und verkehrte Welten sind erfreulich, im wahrsten Sinne des Wortes. „Das Schlauraffen Landt“ von Hans Sachs ist wohl der bekannteste Text dieser Sammlung. Sehr schön aber auch der „Finkenritter“ in der Tradition des Ritterromans und mit Verwandschaften zum Schelmenroman (Christian Reuter könnte sich hier durchaus bedient haben, denkt man beim Lesen manchmal, zum Beispiel bei der Schilderung der Geburt, die doch einige Ähnlichkeiten zum Schelmuffsky aufweist). Ansonsten: Viel Umkehrung des Sinns, ohne dass immer und unbedingt neuer Sinn daraus wird und auch nicht werden soll – also Un-Sinn im wahrsten Sinn des Wortes. Die Mittel sind zum Beispiel die verkehrte Sprachwelt, in der konsequent Subjekt und Objekt der Verse vertauscht werden. Oder einfach Unmöglichkeiten der Welt, in denen immer wieder der Triumph der Schwachen über Starke, der Gejagten über Jäger hervorblitzt. Sprachlich spielen natürlich auch Mittel der Verkehrung wie die contradictio in adiecto, das Paradoxon oder der ad absurdum getriebene Reimzwang eine große Rolle.
Ein Beispiel aus dem anonymen „Puch von den Wachteln“, ca. 1380:
geflogen kam ain regenwurm, der hub den aller grösten sturm mit ainem igel, der waz plos herr dietrich von pern schoz durch ain alten enuen wagen, herr hildeprant durchn kragen, herr Ekk durch den schüzzelkreben - Chriemhilt verloz da ir leben, da plut gen mainz ran. herr vasolt kaum entran, des leibs er sich verwak. sibentzehen wahteln in den sak!
Sie musste durchsetzen, dass das ein Roman war und kein Buch und dass es richtig war, dass es Romane gab, und dass es um die Wahrheit ging. Um die vielen Möglichkeiten davon. (313)
Streeruwitz schreibt weiter an ihrem Projekt zu Wahrheit und richtigen Leben, zum Verhältnis der Geschlechter, und, hier sehr deutlich, zum Problem der Ausbeutung. Im Gegensatz zu so manchen Rezensionen geht es in Nachkommen. gar nicht so sehr um den Literaturbetrieb – das ist kein Schlüsselroman. Der Betrieb um die Ware Buch, gemacht aus Romanen und anderen Texten (der Unterschied ist schon entscheidend, für Streeruwitz und ihre Protagonistin Nelia Fehn), ist eigentlich nur das Setting, der Rahmen, vor/in dem sich das Entscheidende abspielt.
Das Entscheidende, um dem es in Nachkommen. geht, ist in meiner Lesart auch nicht das, was der Klappentext verheißt, nämlich „ein Roman über die Ordnung der Generationen“. Eigentlich – und ich finde das so deutlich, dass es schon fast übertrieben ist ist Nachkommen. ein Roman über Ausbeutung. Es geht darum zu zeigen, wie eine junge Frau (das Geschlecht ist nicht unwichtig!) das kapitalistische „Funktionieren“ (ein-)übt, erkennt und – an sich, ihren eigenen Handlungen und denen anderer Menschen wie dem schmierigen Verleger, den Mäzenen, den Kritikerinnen etc – reflektiert und kritisiert. Wobei „Kritik“ vielleicht schon zu viel verspricht, nämlich die Idee einer Alternative, einer verheißungsvollen Idee oder so. Darum geht es aber nicht, das weiß Nelia Fehn (die eigentlich Cornelia heißt) auch. Es geht aber darum, erst einmal zu zeigen, wie die An-/Einpassung in ein (übermächtiges) ökonomisches System funktioniert und was das für Folgen für das Individuum hat, wenn dieses System (nur) nach ökonomischen Kriterien funktioniert und nicht ein sinnhaftes, menschenfreundliches ist. Die Handlung – die Buchpreiszeremonie, die Frankfurter Buchmesse, die Interviews, die Trauer um die Mutter, die Begegnung mit dem absenten Vater – zeigt also die Ausbeutung auf verschiedenen Ebenen, als Selbst-Ausbeutung, als Ausbeutung durch den Verlag, durch die Medien, durch die Familie, aber auch die Ausbeutung anderer (etwa in Form billiger Abeitskräfte, hier v.a. anhand der Textilproduktion in Fernost, der Krise in Griechenland etc.): Ausbeutung ist sozusagen ein omnipräsentes Motiv im Text. Das funktioniert gerade deshalb so gut, weil der Roman eben keinen Ausweg zeigen will und kann: Er will das Problem bewusst machen und nicht einfache Lösungen propagieren. Die Absurdität und Komplexität und Unentrinnbarkeit der Schlechtigkeit der Welt, die sich auch in der Generationenungerechtigkeit spiegelt (nicht nur als ein Machtproblem im direkten Verhältnis, sondern grundsätzlich!) kann der Text aufzeigen. Aber ein Schlüsselroman des Literaturbetriebs ist das natürlich nicht – höchest so, wie die Buddenbrooks ein Schlüsselroman des Getreidehandels sind. Es geht nicht um dem Literaturbetrieb. Literatur ist unwichtig (geworden) – gerade das erfährt und bemerkt und zeigt die Protagonistin ja immer wieder: die Leere, die nur noch Betrieb und nicht mehr Literatur ist. Vor allem geht es in Nachkommen. aber um anderes: Frauen (und Männer) und ihre Rollen, Generationen, und, ganz wichtig, das Funktionieren in der kapitalistisch organisierten und durchdrungenen Gesellschaft als ein Funktionieren (der Menschen bzw. ihrer jeweiligen derzeitigen Rollen) im kapitalistischen Sinne, das trotz Krise die Ver-Wertung, also: die Ausnutzung nicht behindert. Oder anders gesagt: es geht darum, die totale Durchdringung der kapitalistischen Normen in der Gesellschaft mit all ihren Bereichen (wie etwa der Kunst) zu zeigen. Und das in der von Streeruwitz gewohnten präzisen, manchmal harten, immer faszinierenden Sprache.
Der Roman, so ist meine Erfahrung, gewinnt ungeheuer, wenn man dazu sich (noch einmal) die Poetik-Vorlesungen der Autorin zu Gemüte führt, die Fischer gerade noch einmal zusammen miteinem her schwachen Interview herausgegeben hat – da steht eigentlich schon alles drin, was man zur Ästhetik und den literarischen Zielen von Streeruwitz wissen muss. Großartig. Wie eigentlich alles von Marlene Streeruwitz.
Warum wollte sie ein gutes Ergebnis sein. Überhaupt. Warum wollte sie schön ausschauen. Es ging doch darum, dass es sie gegeben hatte. Schon immer. Und lange bevor sie so groß und dünn geworden war. Sie war schon immer da gewesen, und es hätte gleichgültig sein sollen, wie sie aussah. Überhaupt. Sie war ja erst groß und dünn geworden, nachdem die Mami. Es wäre schön gewesen. Schöner. Viel schöner. Es wäre überhaupt nicht zu vergleichen gewesen. Sie hätte sich gewünscht, die Mami. Ihre Muter. Sie könnte sie sehen. Könnte etwas sagen. Dazu, wie sie aussah. Nur sehen. Sie anschauen. Es wäre schon genug gewesen. Es wäre das Schönste gewesen. Und selbst Marios verstand das nicht. Dass das so wichtig gewesen wäre. Aber Marios wollte, dass er das Wichtigste für sie war. Und sie wollte ja auch, dass Marios das wollte, und sie hatten bald aufgehört, darüber zu reden. Das war alles so weit innen. Das behielt sie da. Und warum fürchtete sie sich vor dem Treffen. Warum hatte sie dieses Chaos im Bauch. Fürchtete sie sich vor diesem Mann. Dieser Mann. Er war sinnlos. Er war mehr als sinnlos. Er war nicht einmal ein Ersatz. (158)
Birk Meinhardt: Brüder und Schwestern. Die Jahre 1973–1989. München: Hanser 2013. 700 Seiten.
700 Seiten für 16 Jahre Familiengeschichte – kurz fassen ist offenbar nicht die Stärke von Meinhardt. Brüder und Schwestern will ein breit erzähltes Panorama einer „Jahrhundertfamilie“ sein (diesen Anspruch merkt man auf fast jeder Seite), die mit Rückblenden bis in die Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg zurück reicht, vor allem aber die „Endphase“ der DDR im Blick hat. Dabei, das ist schon ein erstes Problem, zerfällt die Familiengeschichte aber in seriell erzählte Einzelgeschichten: von Willy Werchow, dem Drucker und Betriebsleiter, der sich durch Kompromisse immer mehr der Partei- und Staatslinie annähert und kompromittiert, seiner Söhne Erik und vor allem Matti, der sozusagen aussteigt und „bloß“ Binnenschiffer wird, dafür aber einen Roman schreibt (der hier auch mitgeteilt wird), den seine ehemalige Jugendliebe, die inzwischen als Lektorin in der BRD arbeitet, im „Westend-Verlag“ (soll wohl Suhrkamp sein?) veröffentlicht, und Britta, die bei einem privaten Zirkus landet und dort mit einer neuartigen Akrobatiknummer Furore macht. Das alles ist umständlich und weit ausholend erzählt, ohne dass mir die Notwendigkeit dafür klar würde. Vor allem ist es im Detail manchmal – trotz der Recherchen und dem Bemühen um historische Authentizität – eher schwach und nachlässig, wirkt oft ungenau (zum Beispiel in der zeitlichen Fixierung). Eine Tendenz ins Allgemeine, zum Ausweichen ins irgendwie geartete „Über-Zeitliche“ macht sich öfters unangehm bemerkbar. Dabei kann Meinhardt durchaus erzählen und beschreiben, detailliert und voller Faszination für den eigenen Stoff. Genauigkeit und Witz stecken da durchaus drin – aber eingebettet in große Längen und dürre Strecken. Denn andererseits verliert er sich immer wieder zu sehr im Detail. Es gibt einfach zu viel davon – und dabei wird nicht klar, warum (und wofür) das eigentlich alles notwendig sein soll, wo der Text hinwill (über die bloße Beschreibung hinaus). „– wird fortgesetzt –“ steht auf der letzten Seite: soll das alles denn immer noch nicht genug gewesen sein?
Hans-Jost Frey & Franz Josef Czernin: Sätze. Zürich, Rettenegg, Solothurn: roughbooks 2014 (roughbook 030). 132 Seiten.
Da hat roughbooks mir wieder etwas beschert. Einerseits ist das faszinierend ohne Ende, kann man sich in diesen „Sätzen“ wunderbar verlieren. Andererseits kann man aber auch aus dem Kopfschütteln kaum noch heraus kommen … – ein typisches roughbook also, in gewisser Hinsicht. Hans-Jost Frey und Franz Josef Czernin spielen sich hier gegenseitig Sätze zu – der jeweils andere muss darauf reagieren, mit Sätzen, die Wörter des Ausgangssatzes enthalten. Und Sätze sind hier ganz buchstäblich zu verstehen, es geht fast nur um einzelne Sätze. Und es sind „Sätze“, also Setzungen. Die sind oft axiomatisch, spielen immer wieder mit der Sprache, mit der Oberfläche und ihren Bedeutungen, häufen (scheinbare) Paradoxien, schmeißen mit Zitaten und Allusionen und Verfremdungen berühmter Aussagen berühmter Männer (Kant, Hegel, Nietzsche, Lacan, Freud, Kafka und so weiter) nur so um sich. Manchmal verselbständigt sich das, dann sind die „Regeln“ auch nicht mehr so wichtig. Manchmal läuft sich das auch ein bisschen tot. Zumindest empfand ich das beim ersten Lesen so. Vermutlich würde eine wiederholte Lektüre ein ganz anderes Ergebnis zeigen, da wären vermeintliche Dürrestrecken dann vermutlich reich an wunder- und wertvollen Sätzen. Davon gibt es aber immer schon genug, auch nach dem ersten Lesen finden sich unzählige Anstreichungen in meinem Exemplar. Wieder ein Buch also, das mit einmaligem Lesen nicht ansatzweise abgetan ist …
Voß, Florian (Hrsg.): Weltkrieg! Gefallene Dichter 1914–1918. München: Allitera 2014 (Lyrikedition 2000). 70 Seiten. Anz, Thomas & Joseph Vogl (Hrsg.): Die Dichter und der Krieg. Deutsche Lyrik 1914–1918. Stuttgart: Reclam 2014. 103 Seiten.
Zu diesen beiden Anthologien mit Lyrik aus den Jahren 1914–1918, dem Weltkrieg beziehungsweise seinem Umfeld in Deutschland, habe ich kürzlich schon ein paar Sätze geschrieben. Jedenfalls auch lohnende Lektüre – und gar nicht so schwer oder lang …
Sarah Schmidt: Eine Tonne für Frau Scholz. Berlin: Verbrecher 2014. 217 Seiten.
Und zum Schluss noch ein feines Buch aus dem vorzüglichen Verbrecher-Verlag: Eine Tonne für Frau Schulz ist ein ausgezeichneter, präzise beobachtender und beschreibender Roman voller Witz und Esprit. Sicher, Gattungs- oder gar Literaturgeschichte wird der nicht schreiben. Aber es ist vorzügliche, niveauvolle Unterhaltung. Neben dem schön trockenen, präzisen und unaufdringlichen Humor der Erzählering hat mir auch die Gewöhnlichkeit des Settings und der Personen gut gefallen. Das sind ganz normale Menschen mit ganz normalen Problemen und ganze normalen Gedanken. Dabei wird das nicht anklagend oder vorführend erzählt, sondern sehr sympathisch. Das Leben an sich reicht schon, ist schön und erfüllend genug, da braucht es keine Besonderheiten, vielleicht auch keinen Ehrgeiz nach Individualität oder Besonderheit: Das Sein reicht schon, kann auch schön sein und glücklich machen (wenn man sich damit bescheidet, wie die Erzählerin). Die titelgebende Frau Scholz, eine alte Dame, mit der sich die Erzählerin, die mit ihrer Familie (Vater, Mutter, Sohn, Tochter – ganz normal eben …) im gleichen heruntergekommenen Berliner Mietshaus wohnt, anfreundet, verschafft sich dann aber doch noch eine Besonderheit, in dem sie sich einen Sohn erfindet, der Fluchthelfer an bzw. unter der Berliner Mauer war – offensichtlich eine Lüge, auch wenn das nie ganz eindeutig geklärt wird. Unter anderem, weil sie vor dem entscheidenden Interview mit der seltsam (für die Ich-Erzählerin) zielstrebigen Tochter einfach so stirbt … Den Freundinnen und Freunden guter, niveauvoller Unterhaltung jedenfalls wärmstens empfohlen.
Mir fehlen zwar oft eigene Worte, so viel verschwindet, wird absorbiert und zu häufig benutzt, und für vieles in mir drin habe ich überhaupt keine Wörter, noch nie gehabt, aber »Lebensqualität«, das gehört nicht zu mir. Ich will nur in der Küche sitzen und rauchen und weigere mich, dabei ein Lebensgefühl zu entwickeln. Ich will keinen Lebensstandard, keine Lebenslust, keinen Lebenstraum, keine Lebensphilosophie. (39)
außerdem:
Thomas Meinecke, Lookalikes (Re-Lektüre)
Hubert Fichte, Detlevs Imitationen »Grünspan« (Re-Lektüre – und immer wieder begeistert von diesem großen Text!)
Kam eine rote Wolke gezogen, Entstürzten ihr drohend Gestalten, Wir riefen, um sie aufzuhalten, schon war sie durch uns geflogen Und hinterließ einen Brandgeruch, Bestürzung rinsum wie nach einem Fluch,
und dann war Krieg.
Die Träume sind aus uns getreten, Sie zeigen fletschende Zähne und winken, Wir mochten in die Kniee sinken, Die Angst und Wut in Ruh‘ zu beten. Die wachen Träume haben uns umringt, Wir hören, noch fremd, die eigene Stimme, die singt:
Gleich zwei Anthologien mit deutscher Lyrik aus der Zeit des Ersten Weltkriegs sind zufällig fast zusammen bei mir aufgeschlangen: Florian Voß’ Sammlung „Weltkrieg! Gefallene Dichter 1914–1918″ und „Die Dichter und der Krieg“, ein von Thomas Anz und Joseph Vogl herausgegebenes Reclam-Bändchen.
Auch wenn mir die im Allitera-Verlag erschienene Edition zunächst sehr gut gefallen hat: Anz & Vogl liefern die bessere Anthologie. Dabei sind die beiden Bände ganz unterschiedlich angelegt und durchaus auch beide verdienst- und wertvoll. Aber trotzdem empfehle ich das Reclam-Heft eher – nicht nur wegen des besseren Preis-Leistungsverhältnisses (7,4 Cent pro Gedicht vs. 19 Cent). Anz & Vogl haben allerdings auch einen anderen Anspruch. Während Voß nur Dichter berücksichtigt, die im Krieg umgebracht wurden und auch diese personale Auswahl noch ästhetisch weiter einschränkt:
Ich habe in dieser Anthologie ausschließlich deutschsprachige Lyriker versammelt, die der Moderne zugehörig und zudem im Ersten Weltkrieg gefallen sind oder an dessen Folgen starben. Lyriker‚ die in ihren Gedichten den Krieg verherrlichten, wurden von mir nicht in Betracht gezogen. (64)
Dagegen bemühsen sich Anz & Vogl um große Bandbreite, mögliche Repräsentivität der „Literaturlandschaft“ bzw. der deutschsprachigen Lyrikproduktion zwischen 1914 und 1918. Natürlich legen sie auch ästhetische Kriterien an (die sie im Gegensatz zu Voß freilich nicht deutlich offenlegen) und natürlich bleibt die Auswahl – bei so knappem Umfang (1982 hatten die beiden Herausgeber das gleiche Thema schon einmal ausführlicher bearbeitet), der bei beiden Sammlungen den Abdruck von etwas mehr als 50 Gedichten ermöglichgt – problematisch. Aber die Übeschneidungen sind gering: Zwei Gedichte finden sich in beiden Sammlungen, Kurd Adlers „Geschütz“ und Georg Trakls „Grodek“ – beides natürlich auch Gedichte, die man nicht einfach auslassen kann. Noch ein kleiner Punkt gefällt mir bei Reclam besser: Jedes Gedicht hat einen Quellennachweis – bei Voß gibt es das überhaupt nicht. Und das Nachwort von Anz und Vogl ist auch deutlich substanzieller als das von Voß.
Dafür kann Voß für sich geltend machen, mehr von den (fast) vergessenen Dichtern (bei ihm kommen naturgemäß keine Frauen vor, bei Anz & Vogl sind immerhin drei Dichterinnen aufgenommen worden) zu zeigen: Kurd Adler eben, aber auch Hans Ehrenbaum-Degele oder Georg Hecht und Walter Ferl, um nur einige wenige zu nennen.
„Die Dichter und der Krieg“ ist dagegen deutlich vielfältiger: In den thematisch gegliederten Kapiteln – z.B. „Beginn“, „Krieg und Kunst“, „Kriegsmaschinen“, „Vaterland – Menschheit“ und „Schuld und Trauer“ – sind eben auch kriegsbegeisterte Lyriker vertreten und auch propagandistische Verse wie Ernst Lissauers „Haßgesang gegen England“ oder Will Vespers „Liebe oder Haß?“ sind abgedruckt. Aber obwohl alle drei Herausgeber auf ein ungeheuer großes Lyrikrepertoire zurückgreifen können – während des Krieges erlebte die Versdichtung eine enorme Konjunktur – sind in beiden Auswahlbänden nur ganz wenig bekannte Gedichte vertreten, die auch unabhängig von Kriegsjubiläum und Erinnerung noch gelesen werden. Ich vermute, dass hängt einerseits mit ästhetischen Gründen zusammen – vom frühen Expressionismus, der modernen Literatur überhaupt der 1910er und 1920er Jahre wird heute nur noch wenig rezipiert -, hat andererseits sicherlich aber auch thematische Gründe: Kriegsdichtung (oder auch Antikriegsdichtung) entspricht nur bedingt dem heute vorherrschenden Anspruch an Lyrik und ihre Themen … Das beides zu ändern, dazu sind diese zwei Sammlungen zur Lektüre unbedingt zu empfehlen.
Sexismus ist wie Regen. Er ist einfach da, manchmal schwächer, manchmal stärker. Manchmal können wir uns irgendwo unterstellen, manchmal hört er vielleicht sogar für ne Weile auf. Manchmal kommt er aus heiterem Himmel und mit einer Gewalt, mit der wir nicht rechnen konnten. Aber, und das ist mein Punkt: Wenn es regnet, können wir nichts dagegen unternehmen. […] Sexismus strukturiert die symbolische Ordnung, die uns umgibt, er lässt sich durch Argumentationen nicht wegkriegen. Sexismus ist eine Tatsache, keine Meinung. Feminismus bedeutet die Arbeit an dieser symbolischen Ordnung, und das funktioniert in der Tat hauptsächlich durch Sprache. […] Es ist keine Frage der Logik, sondern eine der Kultur, tief verwurzelt, unsichtbar, normal. Es funktioniert nicht so, dass wir die sexistische Struktur unserer symbolischen Ordnung nur erst einmal lückenlos beweisen müssten, und dann geht sie weg.
Im Tunnel beschleunigen ist mühsam, wie Peter Müller, Projektleiter von Siemens, berichtet […]. Denn unter der Erde schiebt der Zug eine Luftsäule vor sich her.
Elfriede Brüning hat als kleines Kind noch den Ersten Weltkrieg erlebt. Als Erwachsene kämpfte die Schriftstellerin für eine bessere Welt, wurde von der Gestapo verhaftet und eckte in der DDR an. Drei Monate vor ihrem Tod erzählte die Sozialistin der SZ aus ihrem außergewöhnlichen Leben.
Periodic Table of Storytelling – coole idee, coole umsetzung: alle (…) notwendigen elemente des geschichtenerzählen, gesammelt von tvtropes.org
Rudertrainer, dachte Matti: der einzige unwürdige Beruf hier auf dem Wasser, denn ob man Fischer war, oder Stegmacher, oder Fahrrinnenbaggerführer, man mußte beständig und hart zugreifen, um das Seinige zu tun; das einzige aber, wonach so ein Rudertrainer zu greifen hatte, war dieser Trichter, der, aus der Ferne gesehen, dem Kopf etwas Mißgebildetes gab, ein widerwärtiger Auswuchs war das, ein vorgestülpter Schlund, in dem noch das gewöhnlichste Wort mit einem rabenartigen Krähen und Krächzen behängt wurde. Theoretisch war Matti durchaus bewußt, daß diese Männer, denen er da und dort immer wieder begegnete, auch Trainingspläne erstellten und Wettkampfstrategien entwarfen, daß sie wahrscheinlich sogar eine spezielle Klugheit besaßen, aber so wie sie sich ihm hier auf dem Wasser zeigten, erschienen sie ihm wie Schinder und Schmarotzer, wie Nachfahren jener salz- und seelenverkrusteten Antreiber, die einstmals auf den Galeeren der Weltmeere zugange gewesen waren.