»Nächstens mehr.«

Lesen. Hören. Und ein bisschen schreiben.

Die Gesell­schaft, in der sie sich vor derm Opern­haus befand, tat nichts, um Vor­ur­tei­le zu ent­kräf­ten. Der ers­te Abend: Tris­tand und Isol­de. Aber wie sah das nur aus? Und wozu muss­te man insze­nie­ren, wenn die Leu­te dann eh nur auf der Büh­ne stan­den uns san­gen. […] War Wag­ner Rock für emo­tio­nal Unter­ent­wi­ckel­te? (Sibyl­le Berg, Die Fahrt, 282f.)

Die zuneh­men­de Ein­sam­keit des Men­schen der Jetzt­zeit beruht zu gro­ßem Maße in der indi­vi­du­el­len Über­schät­zung des eige­nen Markt­wer­tes. (Sibyl­le Berg, Die Fahrt: 97)

einsamkeit und traurigkeit allerorten

so etwas gibt es wohl nur bei sibyl­le berg. auch ihr neu­es­tes buch die fahrt (recht forsch und groß­zü­gig als „roman” eti­ket­tiert) kreist wie­der um ihre ganz eige­nen the­men, die sie immer wie­der neu auf­greift, neu abklopft und in ihrem lako­ni­schen anti-stil vor­führt: die ein­sam­keit des (post-) moder­nen men­schen, das altern, das bewusst­sein bzw. das bewusst-wer­den des alterns. das wirkt, in die­ser man­ches mal fast mons­trös anmu­ten­den bal­lung (und durch­aus auch ein­sei­ti­gen sicht­wei­se …) man­ches mal aus­ge­spro­chen depres­siv und bedrü­ckend. aber sibyl­le berg wäre nicht sibyl­le berg, wenn nicht die mög­lich­keit des glücks doch noch ab und an irgend­wo hin­durch schim­mern wür­de: immer­hin ist sie auch in der fahrt mehr als nur theo­re­tisch gege­ben, eini­ge aus dem reich­hal­ti­gen figu­ren­ar­se­nal schaf­fen es, der sinn­lo­sig­keit (momen­tan zumin­dest) zu ent­rin­nen (wobei mir natür­lich sofort ein ande­rer titel bergs ein­fällt: ein paar leu­te suche das glück und lachen sich tot). aber die stärks­ten momen­te hat die fahrt – und das unter­schei­det sie von den bis­he­ri­gen büchern der autorin – nicht nur dann, wenn sie die sinn­lo­sig­keit und absur­di­tät des urlau­bens und des rei­sens beschreibt, son­dern in den berich­ten aus den elends­ge­bie­ten. denn das sind zwei­fel­los eini­ge der berüh­rends­ten, auf­wüh­lends­ten beschrei­bun­gen des elends des lebens, die hier ein­ge­streut sind – gera­de im kon­trast zu den „luxus”-problemen den ande­ren figu­ren. ihre wirk­mäch­tig­keit ver­dan­ken die­se abschnit­te auch der tat­sa­che, dass berg sie durch nichts mil­dert, nichts erklä­ren will, son­dern nur – als qua­si gesetz­tes gegen­bild – beschreibt – und damit wir­kungs­vol­ler die men­schen anklagt, die so etwas zulas­sen, als es jede streit­re­de ver­möch­te. und das künst­le­risch beein­dru­cken­de ist dann auch noch die tat­sa­che, dass sich selbst die­se zunächst als mut­wil­li­ge fremd­kör­per ein­ge­streut erschei­nen­den pas­sa­gen wun­der­bar in das kon­zept des buches fügen – die (ver­geb­li­che? weil nur zufäl­lig von erfolg gekrön­te?) suche nach sinn und glück im irdi­schen leben … auf jeden fall ein groß­ar­ti­ges leseerlebnis!

gut fin­det die fahrt auch kris­ti­na maidt-zin­ke in der süd­deut­schen zei­tung: „Mit der roman­ti­schen Vor­stel­lung, dass die Men­schen in den Armuts­zo­nen der Erde zufrie­de­ner leb­ten als die über­fres­se­nen Abend­län­der, wird in die­sem Fahr­ten-Buch gründ­lich auf­ge­räumt. […] DIe stärks­ten Momen­te ihrer Pro­sa aber sind nach wie vor die, in denen sie die fort­schrei­ten­de Ver­kom­men­heit und Abge­wrackt­heit des Pla­ne­ten sowie die gras­sie­ren­de Unzu­rech­nungs­fä­hig­keit sei­ner Bewoh­ner mit der ihr eige­nen Hass­lust aus­malt: Die Schär­fe ihres schrä­gen Blicks ist unnach­ahm­lich.” (SZ 232, 9.10.2007, Bei­la­ge zur Frank­fur­ter Buch­mes­se, S. 3)

sibyl­le berg: die fahrt. köln: kie­pen­heu­er & witsch 2007.

Wer sei­nen Urlaub in Län­dern ver­bach­te, die ärmer waren als sein Hei­mat­land, offen­bar­te ein star­kes cha­rak­ter­li­ches Defi­zit. (Sibyl­le Berg, Die Fahrt: 93)

mainzer rhein-zeitung: bahn & streik

auf­ma­cher der titel­sei­te der rhein-zei­tung heu­te: „Streikt Bahn ab Mon­tag?” – da hat wohl jemand etwas durch­ein­an­der gebracht: ent­we­der wird die bahn bestreikt oder die lok­füh­rer strei­ken – man muss sich aber schon für ursa­che oder wir­kung ent­schei­den, auch bei überschriften

der bache­lor ist der stu­di­en­ab­schluss für stu­di­en­ab­bre­cher. (kon­rad paul liess­man, theo­rie der unbildung)

kein wirk­lich schlech­tes leben, dach­te miki an jenem abend, als sie wie­der nach hau­se fuhr. viel­leicht pas­siert ja noch ein­mal etwas groß­ar­ti­ges, dach­te sie, aber wenn nicht, dann ist das auch nicht wei­ter tra­gisch. (sibyl­le berg, die fahrt: 88)

udo mader: fuchsbaumelodien

ihren weg hat die­se cd zu mir mit der 55. aus­ga­be der bad alche­my gefun­den. und natür­lich war ich sofort ganz beson­ders gespannt – die ton­trä­ger-bei­la­gen, die rigo ditt­mann sei­nen hef­ten bei­legt, haben mich noch nie ent­täuscht. und die­ses mal war es sogar ein namens­vet­ter (noch nie habe ich von einem mader musik gehört …). und die­se cd hat mich nicht ent­täuscht, son­dern mit jedem hören erneut begeis­tert. denn zunächst ist das alles ganz harm­los, was hier in lan­ger arbeit solis­tisch im heim­stu­dio zusam­men­ge­baut wurde.

das sind näm­lich wirk­lich aus­ge­spro­chen syn­the­ti­sche, also im ech­ten wort sin­ne zusam­men gefüg­te schön­hei­ten, die immer wie­der hoch­gra­dig aus­ge­tüf­telt sind und mit ihrer kom­ple­xi­tät (die vor allem die klang­li­che kon­sti­tu­ti­on eines phantastischen/​imaginären fel­des betrifft, weni­ger die ablau­fen­den struk­tu­ren) kaum hin­ter dem berg hal­ten. aller­dings, und das macht das gan­ze wie­der so ange­nehm (und nie nerv­tö­tend-bes­ser­wis­se­risch), stel­len sie ihre kon­struk­ti­on aller­dings auch nicht aus: man darf sie wahr­neh­men (und schät­zen), muss sie aber über­haupt nicht regis­trie­ren, kann sie sogar getrost über­hö­ren und trotz­dem spaß an der musik haben.

über all dem hängt dabei immer eine leicht resi­gna­ti­ve melan­cho­lie: das bewusst­sein, dass die welt damit nicht zu ändern sei – aber was soll’s, davon las­sen wir uns trotz­dem nicht vom musik­ma­chen abhal­ten – das scheint die ein­stel­lung udo maders (bei mam­bo-bar steht ein biss­chen etwas über ihn) zu sein.

zugleich sind die fuchs­baum­me­lo­dien auch ein schö­nes bei­spiel für ent-tabui­sie­rung (um es vor­läu­fig ein­mal so zu bezeich­nen) des akkor­de­ons in der aktu­el­len musik­kul­tur, dem zeit­ge­nös­si­schen musik-dis­kurs (in sei­ner gesam­ten brei­te). was udo mader dar­an offen­bar inter­es­siert, ist gera­de die unvoll­kom­men­heit sei­nes ein­fa­chen, ten­den­zi­ell beschä­dig­ten instru­men­tes (das klang­lich wirk­lich sehr beschei­den ist), dass er mit­samt sei­nen dys­funk­tio­na­li­tä­ten aller­dings wie­der­um per­fekt und naht­los in die klei­nen idyl­len, die minia­tu­ren sei­ner traum-phan­ta­sien einbaut.

der pseu­do-dilet­tan­tis­mus die­ser cd geht aber über die wahl der instru­men­te hin­aus. denn die musik gibt sich ger­ne den cha­rak­ter des unfer­ti­gen, unkon­trol­lier­ten, unbe­zähm­ten, spon­ta­nei­tät – aber das stimmt alles wie­der nur halb, das ist (natür­lich) in lan­ger arbeit genau­es­tens ausgetüftelt. 

über­haupt bie­tet udo mader mit sei­nen fuchs­bau­me­lo­dien immer eine viel­zahl der hör­mög­lich­kei­ten (viel­leicht passt der von win­ter & win­ter so gern ver­wen­de­te und gepräg­te begriff „hör­film“ hier in beson­de­rer wei­se: als hör-kurz­film sozu­sa­gen …). denn sei­ne melo­dien sind vor­wie­gend kur­ze ein­drück, oft kaum mehr als klei­ne ein­fäl­le, die nie in grö­ße oder umfas­sen­de for­men gezwun­gen wer­den. das hat auch des­halb immer etwas anar­chis­tisch-archai­sches: die unbe­küm­mert­heit um wir­kung und posi­tio­nie­rung im geschicht­li­chen und ästhe­ti­schen feld scheint das klang­li­che ergeb­nis wesent­lich zu bestim­men: just for fun sozu­sa­gen, kein ziel ist damit beab­sich­tigt (schon gar nicht das des pop, näm­lich star-sta­tus/­be­rühmt­heit …), ein­fach für eige­nes ich gemacht (was natür­lich nie wirk­lich stim­men kann, denn dann wäre es nicht ver­öf­fent­licht wor­den – aber indem es im eigen­ver­lag, völ­lig selbst bestimm­ter her­stel­lung pro­du­ziert, erscheint, wird das pro­blem zumin­dest extrem redu­ziert, nahe ins unwahr­nehm­ba­re verschoben …)

es bleibt aber kate­go­ri­al doch sehr schwer zu fas­sen: alles, was mir dazu ein­fällt, stimmt immer nur halb oder teil­wei­se. mei­ne kon­zep­te pas­sen alle nicht rich­tig. viel­leicht macht das die­se cd so reiz­voll: obwohl sie eigent­lich doch so unspek­ta­ku­lär ist: dass sie in kei­ne schub­la­de passt. und dass ich mir auch kei­ne lade für sie kon­stru­ie­ren kann, die wirk­lich passt.

udo mader: fuchs­baum­me­lo­dien.

großes mysterium im chorklang

Dass Mor­ten Laur­di­sen ein Ame­ri­ka­ner ist, muss man nicht wis­sen, um es zu hören. Sei­ne Chor­mu­sik zeich­net sich näm­lich durch typisch ame­ri­ka­ni­sche Tugen­den aus: Leicht ver­ständ­lich, sinn­lich über­zeu­gend, tech­nisch aus­ge­feilt – frei­lich ohne irgend­wel­che avant­gar­dis­ti­schen Ansprü­che. Der Cham­ber Choir of Euro­pe ver­sam­melt auf „O Magnum Mys­te­ri­um“ die gera­de in den USA sehr belieb­ten Cho­ral­zy­klen des dänisch-stäm­mi­gen Kom­po­nis­ten. Die schwel­len­den Klangchön­hei­ten der fas­zi­nie­rend schlich­ten und zar­ten Sinn­lich­keit kann der Cham­ber Choir of Euro­pe auch aus­ge­zeich­net umset­zen. Dass bei den sich ganz orga­nisch ent­fal­ten­den Har­mo­nien und des­halb beson­ders inten­si­ven Ril­ke-Ver­to­nung „Les Chan­sons des Roses“ die Text­ver­ständ­lich­keit nicht opti­mal ist, kann man des­halb schnell ver­ges­sen. Auch das „Lux Aeter­na“, hier in der Ver­si­on für Orgel und Chor auf­ge­nom­men, ver­brei­tet eine mehr als andäch­ti­ge Stim­mung: Ihr Mix aus alten und uralten Kom­po­si­ti­ons­tech­ni­ken und moder­ne­ren Har­mo­nien ermög­licht eine außer­or­dent­li­che Viel­falt inner­halb der kon­stant mys­ti­schen Andacht. Das ist in der Tat sim­pel – aber auf gute und über­zeu­gen­de Wei­se. Am deut­lichs­ten mani­fes­tiert sich Lau­rid­sens Talent zu wei­he­vol­ler Stim­mungs­mu­sik aber in „O Magnum Mys­te­ri­um“ – das ist ein ein­zi­ges Schwel­gen im Unge­fäh­ren, gefasst in den schlicht-kon­kre­ten Melo­die­li­ni­en, die so pri­mi­tiv schei­nen und doch nicht nur einen siche­ren Chor, son­dern auch einen über­le­gen gestal­ten­den Diri­gen­ten for­dern. Und der Cham­ber Choir of Euro­pe unter Nicol Matt, der durch sei­ne kla­ren, glat­ten Klang­for­men ohne Wider­ha­ken Lau­rid­sens Wer­ken zu ihrem Klang­recht ver­hilft, hat des­halb gro­ßen Anteil an der über­wäl­ti­gen­den Wir­kung die­ser CD

Mor­ten Lau­rid­sen: O magnum Mys­te­ri­um. Cham­ber Choir of Euro­pe, Nicol Matt. Häns­s­ler Clas­sic 98.272.

erschie­nen in der neu­en chor­zeit, sep­tem­ber 2007.

china fancy white peony

der tee nr. 532 aus dem hau­se geschwend­ner. gera­de trin­ke ich die ers­te kan­ne davon – zube­rei­tet laut anlei­tung: ca. 14 g tee für 1,5 liter was­ser, etwas über 70 °, 2 minu­ten zie­hen las­sen. ein wun­der­bar ent­span­nen­der tee: sehr aro­ma­tisch, fül­lig, aber nie auf­dring­lich, aus­ge­spro­chen har­mo­nisch und bekömm­lich – da ver­heißt das eti­kett wirk­lich nicht zu viel, wenn es von „spit­zen­qua­li­tät” spricht. so einen per­fek­ten, feh­ler­lo­sen tee habe ich noch nicht getrunken.

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