… ist die beste maxime zur heilung der vorurteile wider nationen, die man nicht kennt“—johann georg zimmermann, vom nationalstolze (1758)
wer es noch nicht getan hat: die petition gegen die internetsperren von u.v.d.l. mitzeichnen. dieser text auf netzpolitik.org setzt sich sachlich, ruhig und überzeugend mit den argumentationen der ministerin und des bka auseinander, die sich ja vor allem dadurch auszeichnen, dass sie unwahrheiten und scheinargumente mit unwissenheit und renitenter beratungsresistenz kombinieren.
… dich, dann denk ihn weg.“—christoph schlingensief, so schön wie hier kanns im himmel doch gar nicht sein!, 15
aus dem heutigen newsletter von frau berg:
„Nicht zum ersten Mal, aber deutlich in Neonfarbe begreife ich: DIE WISSEN ALLE NICHT, WAS SIE TUN. Die Menschheit ist die Rasse, die sich vermutlich am meisten überschätzt.“ -
auch sonst (mal abgesehen von den invektiven gegen marathonläufer ;-) ) ein schönes kleines textlein mit den typischen berg-beobachtungen … es ist ja immer wieder nett, sich selbst und die eigenen beobachtungen und einschätzungen mit diesen sporadisch hereinflatternden textstücken aus der schweiz bestätigt zu wissen. der erkenntniswert ist zwar nicht immer sehr hoch, aber prägnante, oft ätzende und gar nicht so menschenfreundliche (aber dazu besteht ja leider oft genug auch kein anlass) formulierungen finden sich da drin immer wieder schöne – siehe oben.
Sinfonieorchester und Jazz – das sind zwei Welten, die sich oft sehr fremd sind. Und wenn es dann doch zu einem Rendezvous kommt, darf natürlich George Gershwins „Rhapsody in Blue“ auf keinen Fall fehlen. Aber der Klassiker ist wohl nie so zu hören wie beim Konzert des Philharmonischen Staatsorchesters in der Phönixhalle. Doch schon in der ersten Hälfte war eine Menge guter Musik auf der Grenze zwischen Jazz und Sinfonik zu hören. Ohne großes Vorgeplänkel stiegen das Orchester mit der Unterstützung einiger Jazz-Solisten sofot in Earle Hagens „Harlem Nocturne“ ein. Und schon waren sie und das Publikum mittendrin im Hörkino, das direkt nach New York führte – einer Stadt, der die Musiker an diesem Abend noch öfters einen Besuch abstatten würden. Zunächst also Harlem bei Nacht, zu erleben beim eleganten Cruisen durch mehr oder weniger belebte Straßen. Reiche Bilder ziehen hier vorm inneren Auge vorbei. Und das liegt nicht nur am Komponisten, sondern vor allem an zwei Dingen: Den Arrangements von Sebastian Hernandez-Laverny, die die Imagination mit ihrer verschwenderischen Ideenfülle immer wieder zu Höchstleistung anfeuern. Und an den Musikern. Nicht nur das Orchester spielt engagiert swingend auf, auch Saxophonis Oleg Berlin sorgt mit glasklarem Ton und prägnanter Phrasierung für Jazzfeeling und Kurzweil. Drummer Gerhard Stütz und Bassist Götz Ommert liefern derweil ein solides Fundament und Hernandez-Laverny springt zwischen Dirigentenpult und Klavier flink hin und her, ergänzt sein Arrangement immer wieder durch kurze pianistische Einwürfe.
Für mehr besondere Momente sorgt auch Malte Schäfer bei den Standards „Come, fly with me“ und „Fly me to the moon“. Der Bratscher ist diesmal ausschließlich als Sänger im Einsatz – aber dass dies nicht sein Hauptberuf ist, merkt man ihm nicht an: Locker und geschmeidig bringt er die Stimmung wunderbar auf den Punkt. Genau wie der Mainzer Klarinettist Ates Yilmaz, der bei Jorge Calandrellis virtuosem „Solfeggietto/Metamorphosis“ nach einer Vorlage von Carl Philipp Emanuel Bach ein echtes Heimspiel hat.
Apropos Heimspiel: Das hat auch Nick Benjamin, der mit launigen Moderationen dafür sorgt, dass Publikum entspannt und gut gelaunt bleibt – was angesichts der Menge guter Musik gar nicht nötig gewesen wäre. Das ganze kuluminiert schließlich in Gershwins „Rhapsody in Blue“. Die alleine wäre Hernandez-Laverny aber offenbar zu langweilig gewesen. Deswegen unterbricht er das Original immer wieder, um gemeinsam mit Ommert und Stütz mit weit ausholenden Improvisationen über Gershwins Themen dem ganzen noch mehr Jazz einzuverleiben. Ein sehr symphatischer Einfall, der – vor allem durch die phantasiereiche, energische und konzentrierte Improvisationskunst der drei Musiker – das Publikum zu Recht zu standig ovations hinreißt.
(geschrieben für die mainzer rhein-zeitung.)
Es hat sich einiges wunderbar gefügt für dieses Konzert: Zum Prolog für den diesjährigen Kultursommer Rheinland-Pfalz zeigte sich die Sonne schon sommerlich. Und es gab noch dazu einige Übereinstimmungen zur Uraufführung des „War Requiem“, die Benjamin Britten sicherlich gefreut hätten. Genau wie die europäische Zusammensetzung der Musiker: Chöre aus Frankreich, Deutschland und Polen nehmen sich gemeinsam mit dem Landesjugendorchester Rheinland-Pfalz unter Klaus Arp des Requiems an.
Genau wie 1962 in Coventry fand auch die Mainzer Aufführung im Rahmen der kleinen Tournee dieses Projektes, die von Frankreich über Rheinland-Pfalz nach Polen führt, in einem im Zweiten Weltkrieg zerstörten Gotteshaus, der Christuskirche, statt. Und genau wie damals stammen die Solisten aus verschiedenen Ländern – gut, statt aus Russland kommt die Sopranistin Justyna Bachowska aus Polen. Aber der Bariton Jens Hamann ist Deutscher, der Tenor Deryck Huw Webb Brite – genau wie vor über vierzig Jaren. Die Voraussetzungen waren also ziemlich gut und bereits sehr sybmolisch aufgeladen. Nur der Raum erwies sich, trotz seiner symbolischen Kraft, als nur mäßig geeignet. Akustisch war die Riesenbesetzung in der Christuskirche nämlich nicht besonders gut aufgehoben.
Klaus Arp tat aber trotzdem sein Bestes, aus Orchester und Chören eine klangliche Einheit zu formen. Und das Ergebnis konnte sich durchaus hören lassen. Das Jugendorchester spielte ausgesprochen diszipliniert und genau. Freilich ließ Arp auch niemand aus dem Blick: Seine Argusaugen und sein fordernder Dirigentenstab hatten die Musiker permanent voll unter Kontrolle. Auch die jugendlich klingenden Chöre: Neben dem heimischen Landesjugendchor und dem Kinderchor Maîtrise de Dijon, der sich stimmlich schon sehr erwachsen präsentierte, war noch der Kammerchor der Musikakademie aus Kattowitz dabei. Doch trotz der starken Besetzung blieb der Chor leider an Durchschlagskraft hinter den Erwartungen zurück – die Sänger hatten es oft schwer, gegen den satten Orchesterklang anzukommen. Dafür entschädigten sie mit ausgesprochen delikaten Feinheiten und zarten Pianissimi.
Zusammen mit den sehr sicher und überzeugend agierenden Solisten enstand so in der Christuskirche eine intensiv mahnende, von der Richtigkeit ihres Anliegens sehr überzeugte Aufführung des „War Requiems“. Und die ließ sowohl die kleinen Unzulänglichkeiten als auch die symbolische Überhöhung des Konzertes vergessen: Denn egal wer und wo und warum das „War Requiem“ aufführt – diese Komposition setzt ihr Programm des Pazifimus, der Trauer über allem Kriegsleid unbedingt durch. Erst recht, wenn sie mit so viel Engagement und Sachverstand musiziert wird wie hier.
(gechrieben für die mainzer rhein-zeitung.)
Siebenbürgen ist nicht gerade ein Zentrum deutscher Kirchenmusik. Genauer gesagt, ist es eher ein Zentrum von gar nichts. Manchmal sind aber die Ränder durchaus interessanter als die Mitte. Etwa, wenn dort bestimmte Traditionen überleben, wie zum Beispiel die über lange Zeit weitergegebenen lokalen Passionsmusiken. Das sollte man wissen, wenn man sich die „Siebenbürgische Passionsmusik“ für Chor, Solisten und Orgel von Hans Peter Türk anhört. Denn Türk ist ein siebenbürgischer Komponist.
Eine neue Matthäus-Passion also, als Fortführung noch erhaltener Bräuche – aber dennoch überhaupt nicht bloß bewahrend, sondern eben weiterführend. Denn Türk ist zwar kein Avantgardist, aber doch – trotz seiner geographischen Randlage – als Kompositionsprofessor ein Kenner der Entwicklungen und Techniken in der Musik. Und zwar nicht nur der Musik der letzten Jahre. Denn seine „Siebenbürgische Passionsmusik“ bedient sich bei Formen und Techniken aus eigentlich der ganzen abendländischen Musikgeschichte. Das führt zu einigen eigenartigen und bemerkenswerten Ergebnissen, die die Einspielung mit der Meißner Kantorei 1961 unter Christfried Brödel und mit Ursula Philippi an der Orgel eindrücklich vorführt.
Denn wie immer, wenn sich Bekanntes mit Fremdem, Vertrautes mit Exotischem mischt, entdeckt man reilich Neues und Interessantes – in Beidem. Der Text bleibt ganz auf vertrautem Boden, in der Musik entwickelt der 1940 geborene Siebenbürge aber einen eigenen Ton. Dabei vertraut Türk auf die Worte – und zwar sehr stark. Daraus und damit entwickelt er eine Musik, die sich dem Hörer unmittelbar unmitteilt. Und sie zeigt deutlich: Hier geht es nicht darum, um jeden Preis außergewöhnliche Musik zu finden. Türk strebt offenbar viel mehr danach, der Passionserzählung ein zeitgemäßes musikalisches Gewand zu geben, sie aber zuallererst als Erzählung zu verstehen. Und das kann dann eben auch heißen, sich als Komponist extrem zurückzunehmen. Auch in dieser konzentrierten Form, mit wenigen Einwürfen, behutsam untermalenden Tönen der Orgel etwa gelingt es ihm ohne Weiteres, starke Kontraste und nahegehende Stimmungen zu vermitteln, spannende Rezitative zu schreiben, die natürlich und kunstvoll zugleich wirken. Und vor allem hochgradig einfühlsame, intensiv vibrierende Choräle, die den wahren Kern dieser Passionsmusik bilden.
Das ist dann in der Summe eine durchaus moderne Musik, die verständlich und unbedingt zugänglich auch für Nicht-Kenner der zeitgenössischen Musik ist. Und eigentlich sogar für deren Verächter zu ertragen. Gut funktionierende Kirchenmusik also.
Hans Peter Türk: Siebenbürgische Passionsmusik für den Karfreitag nach dem Evangelisten Matthäus für Chor, Solisten und Orgel. Ursula Philippi, Orgel. Meißner Kantorei 1961, Christfried Brödel. Musikproduktion Dabringhaus und Grimm 2009. MDG 902 1554–6.
(geschrieben für die neue chorzeit)
… bleibt ein reiner Himmelshauch,
Empfunden nur von stillen Erdensöhnen“—j. w. von goethe, etymologie
wunderbar. wahnsinn. schon wieder so ein tee, bei dem ich hoffe, die kanne würde ewig reichen … gut, dieser exquisite darjeeling hat seinen preis (bei kolodziej & lieder ist er aber ganz einfach zu bekommen). aber er ist das geld auch wert. ein wunderbarer tee für den sonntagabende, wenn die arbeit vorerst getan ist und körper und geist ruhen wollen und können. dann diese samtige, den gaumen weich umschmeichelnde spezialität aus dem singell-garten aufgießen und einfach nur noch genießen. dazu eine gute platte (bei mir läuft gerade my brightest diamond (fast in dauerrotation)) und ein gutes buch (z.b. birgit kempkers wahnsinnigen, fast irren text „sehnsucht im hyperbett“ (droschl 2008)) – und der abend ist vollkommen.
zubereitung: 16 g tee für ca. 1,5 liter wasser bei 91 °C 3 minuten ziehen lassen.
