Die Zukunft der Musik – darunter macht Alvin Curran es nicht. Mit diesem Thema hat sich der amerikanische Pionier der Elektronischen Musik und der Klangkunst in Mainz als Composer in Residence vorgestellt. Curran, auch schon über 70 Jahre alt – was man ihm überhaupt nicht anmerkt – war seit den 1960er Jahren immer wieder maßgeblich an der Weiterentwicklung der vielfältigen Formen elektronische Musik beteiligt. Im Sommersemester ist er nicht nur als Komponist am der Hochschule für Musik, sondern zugleich auch GFK-Fellow des Forschungsschwerpunktes Medienkonvergenz.
Große Probleme wirft er auf, in seiner Vorstellung, die zugleich Vorlesung und Performance, Rückschau und Prognose ist: Nicht nur um die Zukunft der Musik geht es in der Black Box der Musikhochschule, sondern auch um die ganz großen Fragen: Was ist Kunst? Was ist Musik? Mit Beispielen aus seinen eigenen Werken zeigt er, wie seine Antworten aussehen können: Kunst als Befreiung des Menschen zum Beispiel, aber auch einfach als Form der vergnüglichen Nichtigkeiten.
Dass sein Aufenhalt in Mainz nicht nur von der Musikhochschule, sondern auf vom Forschungsschwerpunkt Medienkonvergenz getragen wird, passt wunderbar. Denn Musik, dass ist für Curran viel mehr als Noten oder herkömmliche Instrumente. Musik ist für ihn eine Sprache, die jeder Mensch spricht, ist menschlisch organisierter Klang. Und der kann überall sein. Deshalb bemüht sich Curran auch seit langem, die Musik aus den Konzertsälen zu befreien und in die Welt bringen – als Performance auf der Themse, an den Hängen des Ätnas zum Beispiel. Oder als computergesteuerte Klanginstallationen in einem Schlosspark.
Bei seinen Überlegungen zur Zukunft der Musik verweist er immer wieder auf die einmalige Situation der Gegenwart: So ziemlich die gesamte je gedachte, geschriebene, aufgeführte Musik ist uns zugänglich, per Knopfdruck abrufbar. Darin sieht er große Chance – eben die Zukunft der Musik. Und beweist das am Schluss seines Auftritts in der Black Box der Musikhochschule auch, mit einer kurzen Live-Version seines „TransDadaExpress”. Für das ursprünglich für den SWR entstandene Stück sammelte der Klangforscher Samples mit gesprochenen Worten, Musikfetzen, alltäglichen oder elektronischn Klängen und programmiert sein Keyboard damit – auf dem er dann improvisiert und so den Plan einer Komposition mit der Spontanität der Improvisation verbinden kann.
In den nächsten Monaten wird er nicht nur Studenten der Musikhochschule helfen, gemeinsam Klänge zu formen und Musik zu entdecken. Curran wird außerdem eine Installation für den von Peter Kiefer betreuten Klanggarten in der Bundesgartenschau entwickeln. Und er wird mit einigen Kollegen am 30. Juni im Rahmen von Mainz-Musik mit einem großen multimedialen Konzert zeigen, wie die Zukunft der Musik klingt und aussieht. Zumindest die Zukunft seiner Musik.
Gellend meckern die Klarinetten, von sanft schwingenden Flöten gleich behutsam beruhig. In der Tiefe brummeln die Fagotte und im Hintergrund schrubbt der Kontrabass dazu. Die Oboen wieseln derweil elegant über Hoch und Tief, während die Hörner unaufgeregt zwischen druckvollem Schmettern und gelassenen Kantilenen wechseln.
Ja, es ist eine Menge los, wenn so ein Bläserdezett ein Konzert gibt. Auch wenn, wie beim dritten Kammerkonzert in Kleinen Haus des Staatstheaters, manchmal nur neun oder acht statt der zehn Holz- und Blechbläser aus dem Philharmonischen Orchester im Einsatz sind. Dafür haben sie aber auch nicht nur artfremde Unterstützung durch den Kontrabass – der gehört ja quasi dazu, auch wenn niemand ihn mitzählt. Sondern sie haben für ihr ausgewähltes Publikum auch hochkarätige Unterstützung dabei. Generalmusikdirektorin Catherine Rückwardt setzt sich für das Philharmonische Bläserdezett am Ende ihrer Mainzer Zeit noch einmal an den Flügel. Mit den „Variations sur un thème plaisant“ von Jean Françaix tut sie das für eine angenehme Komposition, bei der nicht nur das Thema gefällt. Gemeinsam mit dem Philharmonischen Bläserdezett lässt sie die neoklassizistischen Variationen immer wieder charmant changieren zwischen Heiterkeit und Nachdenklichkeit. Bläser und Pianistin spielen das mit viel Esprit, immer locker, genau und vor allem ausgesprochen inspiriert.
Als zweite Solistin hatte das Ensemble die junge Sopranistin Alexandra Samouilidou verpflichtet. Die sang die Fünf frühen Lieder Gustav Mahlers – in einer auch wieder aus Mainz stammenden Bearbeitung für Bläserdezett. Ob die wirklich besser ist als die Orchestrierung von Luciano Berio sei einmal dahingestellt. Im Kleinen Haus ist jedenfalls ein Genuss. Das ist sowohl ein Verdienst der klar artikulierenden Sängerin, die sich eng in den Bläserklang integriert, als auch eben dieser zehn Bläser, die das dicht gewebte Arrangement sehr plastisch ausformen.
Die hatten ihr Hauptwerk und ein echtes Heimspiel aber noch vor sich: Die Suite aus Smetanas Oper „Die verkaufte Braut“, für die das Dezett zur Harmoniemusik schrumpfte. Nun waren sie zwar nur noch zu acht (plus dem einsamen Kontrabass), aber immer noch gewitzt und spielfreudig. Die sichtliche und vor allem hörbare Freude, diese Oper – die ja auch auf dem Spielplan des Großen Hauses stand – mal ganz allein, ohne störende Sänger, Streicher, Dirigenten und den ganzen Kram auf der Bühne in Angriff zu nehmen, zog sich sowohl durch die Tanzstücke als auch die Duette und Ensembles. Andreas Tarkmanns Bearbeitung bietet auch viele reizvolle Möglichkeiten der Entfaltung für die Harmoniemusik – und macht dieser Besetzung, eigentlich vor allem eine Sache des späten 18. Jahrhunderts, auch tscheschiche Nationaloper des späteren 19. Jahrhunderts zu eigen. Und die wiederum klang beim Philharmonischen Bläserdezett so frisch und unverbraucht, als wäre sie erst vor einigen Wochen komponiert worden und nicht schon 155 Jahre alt.
Nach dem recht schönen und erfolgreichen Gutenberg-Marathon war im Mai klar: Das versuche ich nochmal—beim Hessentagsmarathon in Oberursel. Und das war heute. Der Marathon war nicht nur eine gute Gelegenheit für einen langen Lauf, sondern auch mal wieder ein schöne Möglichkeit, andere Läufer zu treffen—vor allem die vom Twitterlauftreff, aber auch einige andere, u.a. Petra von den Streakrunnern und Andi vom MMM.
Zunächst hieß es aber: früh Aufstehen. Sehr früh. Nach dem Schlafmangel der letzten Woche hatte ich zwei Tage hintereinander kaum fünf Stunden Schlaf—das zehrt dann doch irgendwie. Immerhin, die Anreise nach Oberursel von Mainz aus war problemlos: Mit dem Fahrrad schnell hinüber nach Mainz-Kasel, von dort um 5:34 Uhr (!) mit der S9 nach Frankfurt, und dann weiter mit der S5 nach Oberursel—die war heute morgen ein richtiger Läuferzug …
In Oberursel folgte dann ein kurzer Fußmarsch zur Sporthalle der Grundschule Mitte (gerade rechtzeitig zum Hessentag fertig geworden, wie ich von einem Einheimischen erfahre) und der „Check-In“, also Startnummer abholen, Handtuch des Sponsors DAK in Empfang nehmen (mit seltsamen Abmessungen—wofür das wohl gedacht ist?) und natürlich der obligatorische Gang zur Toilette. Dort war @speedrob etwas erstaunt, dass ich ihn in der Warteschlange anquatsche
Dann, beim Umziehen, das Treffen mit den anderen Läufern von Twitterlauftreff, Vorstellen, etwas Quatschen und den Lauf vorbereiten. Nach dem Abgeben des Kleiderbeutels (mit extra „Gaderobennummer“) wieder ein kurzer (sehr kurzer) Fußweg zum Start—so weit, so gut alles. Am Start konnten wir dann noch Joe Kelly bei der Pressearbeit zuschauen und landeten unversehens ganz vorne in der Startaufstellung, weil der Start weiter hinten ist als wir dachten. Das hatte aber schon seine Richtigkeit, speedrob trug schließlich die Startnummer 1.
Und superpünktlich geht es los—ganz unspektakulär, ohne Startschuss, setzen sich die 400 ?)Marathonis und die Startläufer der 80 Marathon-Staffeln um 8 Uhr in Bewegung. Die Halbmarathonis durften länger schlafen, deren Start ist erst um 9:15 (bei fast 1000 Anmeldungen eine sinvolle Lösung—auch wenn ich mir sicher bin, dass ich mich noch für 9 Uhr angemeldet hatte—bei 8 Uhr hätte ich wohl länger überlegt …). Der Marathon beginnt mit einer kurzen Runde durch die Stadt, einer kleinen Schleife auf den ersten beiden Kilometern. Und dann geht es in den Wald—und gleich mal bergauf. Nicht so sehr schlimm, noch sind die Beine frisch. Aber es bleibt ja nicht der letzte Anstieg.
Die Runde führt uns im Zickzack (zumindest empfinde ich das so, auf der Karte sieht das gar nicht so schlimm aus) über eine Bogen durch die Wälder des Taunusrandes von Oberursel—ganz nett eigentlich, da. Am Rand touchieren wir auch mal kurz zwei zu Oberursel gehörende Dörfer. Und vor allem: Es geht immer auf und ab. Wirklich eben ist—zumindest in meiner Erinnerung—keine 10 % der Strecke. Meist ist es nicht so sehr steil (obwohl es auch einige schon heftigere An– und Abstiege gibt), aber auch das macht sich bemerkbar. So richtig fit fühlte ich mich dabei von Anfang an nicht, einfach etwas schlapp und nicht so knackig. Noch ist das aber überhaupt kein Problem, so nach und nach fielen die Kilometer.
Dann taucht auch schon die erste Verpflegungsstelle auf: Also kurz Wasser fassen. Danach geht es über eine sehr schmale Brücke und ein kurzes Pfadstück weiter durch den Wald. Bald folgt dann auch die kurze Wendepunkt-Strecke, bevor es wieder hinab geht nach Oberstedten, um das wir einen kleinen Bogen schlagen, bevor die zweite Verpflegung erreicht ist, die zugleich auch Staffelwechselzone ist. Dann kommt ein ganz nettes Stückchen, am Feldrand, und dann durch die Tannenalle zum Gotischen Haus, wo es—wieder einmal—im Wald bergauf geht. Und da gings los: Der Magen krampft. Wieso ist mir völlig unklar, das macht er sonst ja auch nicht bei mir. Es wird zwar immer wieder besser, aber auch immer wieder schlechter: So ganz los werde ich das nicht mehr.
Über lange Geraden kommen wir wieder zum Nadelöhr der Strecke bei der Verpflegungsstelle. Da kommen mir nicht nur die führenden Halbmarathonis entgegen, sondern auch schon der erste Marathon—ein beachtliches Tempo hat er drauf, er wird mit einer sehr guten 2:39 ins Ziel kommen. Die Verpflegung ist in dieser Richtung etwas unpraktisch, direkt am Ausgang der Station geht’s nämlich steil hoch auf die Hohe Mark. Gut, das lässt sich alles deichseln, noch machen die Beine mit. Aber ein anderes Problem taucht auf und wird nach der Hohen Mark, auf dem sanften Bergab-Stück, doch deutlich zu einem Problem: Mein Kreislauf solidarisiert sich mit dem Magen und fängt auch schon zu spinnen. Das hatte ich ja noch nie … Das sind keine wirklich ernsten Probleme, aber immer wieder wird mir zeitweise etwas schummrig im Kopf, etwas unangenehm fühlt sich das beim Laufen an. Vielleicht/hoffentlich liegt das am Schlafmangel—mein Körper und mein Geist ist müde, die wollen jetzt nicht auch noch einen Marathon laufen. Da ich ja nichts riskieren will, heißt das: Immer wieder Tempo raus nehmen. So langsam finden die Beine das auch eine akzeptable Idee. Auf den letzten Kilometern der erste Hälfte erwäge ich sogar, Schluss zu machen—mir ist das alles zu seltsam heute. Aber dann siegt doch wieder die Unvernunft und der Kampfgeist
Vorerst geht es aber weiter bergab, zurück nach Oberursel. An den Ortsrand kommen wir beim Kreisel nach einem kurzen Wasserfassen durch die Wende in die zweite Runde nach 22 Kilometer. Ich habe für die erste Hälfte (also den Halbmarathon) so ca. 1:57 gebraucht—gar nicht so schlecht eigentlich. Aber wohl doch zu schnell. Denn bergauf wird es zur jetzt immer mehr Qual. Meine drei Probleme des Tages addieren sich: Die erst Gehpause ist nach 23 Kilometern am Berg fällig. Und sie bleibt nicht die letzte. Denn der Magen grummelt und krampft immer öfter—so richtig viel Spaß macht das nicht mehr. Die Gehpausen häufen sich—alle Anstiege bewältige ich so: Die höhere Anstrengung des Bergauf-Laufens mag nämlich weder Kreislauf noch Magen noch tolerieren. Aber es geht weiter. Und so langsam werden die Zahlen auf den Kilometerschildern höher, irgendwann steht auch mal eine 3 vorne. Aber dann noch einmal der lange, sanfte Anstieg, vorbei am Gotischen Haus, hoch in den Wald. Das zieht sich jetzt verdammt lange … Vor allem zieht es sich bis zur nächsten Verpflegungsstelle. Da versuche ich, ob Cola (nehme ich gerne kurz vor Schluss) heute ok ist—es scheint zumindest nichts zu verschlimmern. Dann der letzte steile Hang hoch zur Hohen Mark, die letzten 4,5 Kilometer … Inzwischen mag mein Forerunner dieses elende Gewürge, das ich jetzt Laufen nenne, mehr mit ansehen und protokollieren und hat sich abgeschaltet (offenbar hat er sich in der Nacht mal wieder selbständig angestellt—gestern abend war der Akku voll).
Und dann endlich Kilometer 40, der letzte Abstieg nach Oberursel. Jetzt noch einmal alles mobilisieren, um laufend ins Ziel zu kommen! Das gelingt auch, die Uhr steht bei 4:24 irgendwas. Das ist—mit Abstand—meine schlechteste Zeit. Angefühlt hat sie sich aber verdammt hart—der Hessentagsmarathon kam mir vor wie der härteste Marathon in meiner Sammlung bisher. Das lag aber nicht nur an meiner wackligen Konstitution heute, sondern natürlich auch am fehlenden Training—irgendwann merkt man’s halt doch
Im Ziel habe ich erstmal ordentlich gebechert—Wasser, Apfelsaft, eine Banane—und das obligatorische Bier. Dann bin ich zurück in die Grundschule gewandert, geduscht und umgezogen (alles problemlos—kaltes Wasser ist ja ok, so lange es noch nass macht), das Finisher-Shirt abgeholt und die anderen wiedergetroffen. Zumindest einen Teil …—die meisten Halbmarathonis waren des Wartens schon überdrüssig geworden … Tja, und das war’s ja dann auch schon wieder: Ab zum Bahnhof und heim—genug geschafft für heute.
Der Ausrichter TSG Oberursel hat mit dem Hessentagsmarathon—immerhin das erste Mal, dass er stattfand—eine ordentliche Arbeit geleistet. Die Organisation war insgesamt sehr zuverlässig und gut (schön auch die sehr ausführliche „Vorbereitungs-E-Mail“ mit allen wesentlichen Daten zum Ablauf), die Strecke perfekt ausgewiesen und abgesperrt, die Kilometer alle schön markiert, eine Menge Helfer waren unterwegs. Deshalb die folgende Kritik bitte nicht zu hoch hängen: Eine Verpflegungsstation mehr auf der Runde wäre nicht verkehrt gewesen, die Abstände waren grenzwertig (und ich habe gehört, für manche auch schon zu groß—es gab wohl den einen oder anderen Problemfall). Für die Marathonis hätte ich mir—z.B. am Kreisel bei der Wende—auch ein paar Bananen oder so gewünscht: Der Start war recht früh, nicht jeder hat vorher wirklich ausgiebig gefrühstückt. Und dann habe ich noch nie bei einem Lauf, ob Marathon oder weniger, so wenig Sanitäter gesehen—nämlich eigentlich nur an einer Stelle und im Ziel. Vielleicht standen die in Bereitschaft gut versteckt, aber das hat mich schon gewundert. Sicher, bis auf einen Abschnitt im Wald waren die Helfer ziemlich gut verteilt und sehr präsent, so dass es nicht allzu schwierig gewesen wäre, Hilfe anzufordern.
Schön war aber auch: Es gab erstaunlich viel Stimmung für so eine einmalige, erstmalige Veranstaltung—klar, das meiste war im Wald, aber in den bewohnten Gebieten gab es viel Anfeuerung für die Läufer. Und interessant: Die Staffeln waren erstaunlich langsam—da sind tatsächlich einige mit und nach mir ins Ziel gekommen. Ich hatte eigentlich erwartet, dass die spätestensnach 3,5 Stunden alle durch wären.
Das Kernargument von Holger Noltze, , ist simpel: „Klassische“ Musik – wie viele andere Kunst – ist komplex. Um sie erfolgreich genießen, verstehen, erleben zu können, darf die „Vermittlung“ – durch Didaktik, Projekte, Events, Aufführung – diese Komplexität nicht – wie es gerne geschieht – übermäßig stark reduzieren, weil dadurch der Kern des Kunstwerkes verloren ginge. Und das war’s dann auch schon – eigentlich. Der Rest der 275 Seiten dieses Buches ist aufgeblasenes, etwas geschwätziges Hin und Her zum Stand der Bildung, zur Situation des Marktes der Musik (ganz, ganz schlecht, dieser Teil), zu den Medien und so weiter – ein kulturkritischer Rundumschlag also, der aber erstaunlich seicht bleibt, finde ich. Und der natürlich sehr genau weiß, wie problematisch solche Generalabrechnungen sind und deshalb ständig die entsprechenden Sicherungen einbaut. Aber der andererseits auch wieder nur bekannte Versatzstücke arrangiert und wenig selbst denkt. Und auch nie wirklich in die Tiefe geht, sondern zwar nicht an der verabscheuten Oberfläche, aber doch sehr nahe zu ihr bleibt. Warum das „das beste Musikbuch des Jahres,vielleicht das beste Musikbuch der letzten Jahre überhaupt“ sein soll, wie Arno Lücker in der nmz ausweichlich des Schutzumschlages behauptet hat, erschließt sich mir nun überhaupt. Zumal es um die Musik selbst ja gar nicht (bzw. nur sehr anektdotisch am Rande) geht und auch gar nicht gehen soll. Wahrscheinlich is das so ein Fall von Betriebsblindheit oder übermäßigem Verharren im kleinen Zirkel der Musikvermittler, der so ein Buch so herausragend findet. Naja, zum Glück habe ich es nur aus der Bibliothek und nicht selbst gekauft …
Holger Notze: Die Leichtigkeitslüge. Über Musik, Medien und Komplexität. Hamburg: edition Körber-Stiftung 2010.294 Seiten. ISBN 978−3−89684−079−0.
Irgendwie, so habe ich manchmal den Eindruck, gibt es über die deutschsprachige Gegenwartsliteratur zu viel und zu wenig Untersuchungen. Geschrieben wird viel und viel geschrieben über das Geschriebene. Aber nur ganz, ganz wenig davon gelingt überzeugend. Richard Kämmerlings Buch über „Das kurze Glück der Gegenwart“, in dem er sich der duetschsprachigen Literatur sein 1989 widmet, ist so ein Fall: Schön, dass ein Kritiker versucht, mehr zu tun als einzelne Bücher beim Erscheinen zu besprechen und in der Rückschau noch einmal zu ordnen. Schade, dass er es so tut.
Das fängt schon ganz vorne an, mit der falschen Prämisse – und ist dann leider auch noch schlecht durchgeführt. Also: Kämmerlings verlangt, 1 dass die deutschsprachige Literatur gegenwartshaltig sei und ihren Leserinnen und Lesern die Welt der Gegenwart erklärt. Das ist natürlich irgendwie ein hehrer Wunsch, der zunächst einmal schlüssig scheint, aber doch Unsinn ist: Warum soll die Literatur das tun? Und warum soll sie es – das ist nämlich Kämmerlings Folgerung – unbedingt und aussschließlich mit Stoffen der angeblichen Gegenwart tun? Ist Literatur nicht etwas mehr als bloße Weltbeschreibung? Sollte sie es nicht sein? Ist das die „Aufgabe“ der Kunst: Uns die Welt zu zeigen und zu erklären? Oder sollte sie sich nicht mehr um „uns“ kümmern – wenn sie überhaupt irgend etwas „soll“?
Jedenfalls geht es für Kämmerlings darum: Autoren sollen ihre Stoffe aus den Erscheinungen der Gesellschaft der Gegenwart übernehmen und entwickeln, sie sollen die Kriege der letzten Jahre thematisieren, soziale Ungleichheiten, wirtschaftliche Entwicklungen, politisches Geschehen. Und sie sollen das offenbar gefälligst in lesbarer, nicht zu ausgefallener Prosa tun – etwas anderes kennt Kämmerlings in diesem Buch nicht: Romane sind – trotz des damit als großsprecherisch sich erweisenden Untertitels – seine Form, mit einigen Ausflügen in kürzere Formen der erzählenden Literatur. Dramatische Texte haben zur Gegenwart nichts zu sagen? Und Lyrik auch nicht? – Das sieht wie ein typischer Fehlschluss eines Zeitungs-Kritikers aus, würde ich sagen, der mit seinen beruflich bedingten (?) Scheuklappen liest – in der Tat kommt in den deutschen Zeitungen die Lyrik schon nur extrem wenig vor, die dramatischen Texte als Texte (abseits der Performanz der (Ur-)Aufführung) eigentlich überhaupt nicht. Begründbar ist das in den Kunstwerken nicht, höchstens in der vermeintlichen Größe des Interesses der Leserschaft – selbst wenn man Gegenwartshaltigkeit als Maßstab anlegt, sollte man erkennen, dass dazu auch Lyrik und Drama einiges zu sagen haben können.
Leider klebt Kämmerlings dann auch noch über den allergrößten Teil der zweihundert Seiten bloß am Stoff der besprochenen Bücher: Über bloße Inhaltsangaben, knappe Referate des beschriebenen Geschehens mit ein paar Beispielsätzen geht er so gut wie nie hinaus. Sowie es um die eigentliche künstlerische Gestaltung geht, um Stilfragen, um Strukturen der Texte, ihre Formen und Gestalten, wird Kämmerlings ausgesprochen ungenau und nebulös – vielmehr als der „Ton“ eines Autors bleibt meist nicht übrig von seiner Analyse. Das ist natürlich schade und ausgesprochen unbefriedigend. Denn es ist ja nicht so, dass er schlechte Bücher vorstellt …
Dafür spielen intertextuelle Netze, die Beziehungen – inhaltliche und temporale – zwischen den Texte, also auch so etwas wie „Schulen“ des Schreibens, eine ganz große Rolle. Auch echte oder vermeintliche Vorbilder sind für Kämmerlings sehr wichtig – meist kommen sie aus der amerikanischen Gegenwartsliteratur. Was dieses Nacheifern, dieses Schreiben auf Anregung anderer Texte, allerdings bedeutet, bleibt er wiederum gerne schuldig: Was heißt es denn, das diese Beziehung erkennbar ist? Für Kämmerlings scheint das eher ein Vorteil zu sein, ein Lernen von den (richtigen) Meistern. Aber warum soll mich das interessieren, ob Autor A jetzt B gekannt hat oder nicht? Neben diesen Beziehungen der Texte untereinander sucht Kämmrlings auch gerne äußere Anlässe für das Entstehen von literarischen Werken auszumachen. Und wieder ist mir nicht ganz klar, was das für das Verstehen (oder auch nur Erfahren) des Kunstwerkes helfen soll. Für ihn ist das aber wichtig, weil damit ja sein Gebot der Gegenwartsnähe erfüllt wird (bzw. zu werden scheint).
Die abschließende Liste der 10 besten Bücher der letzten 20 Jahre ist dann ja, nun ja, ein etwas seltsamer Gag. Irgendwie habe ich den Eindruck, das war eine Verlagsidee, der sich Kämmerlings auch nur etwas widerwillig gebeugt hat. Die Liste selbst bietet eine etwas merkwürdige Mischung, finde ich. Das sind ohne Zweifel gute Bücher – aber die besten? Rainald Goetz ist zum Beispiel mit „Abfall für alle“ vertreten – warum „Klage“ oder „Loslabern“ schlechter sein sollen, erschließt sich mir nicht. Aber die beiden Bücher kennt Kämmerlings offenbar nicht, muss man vermuten – im Text selbst kommen sie nämlich auch nicht vor – und das ist mir völlig unverständlich. Ingo Schulzes „Simple Story“ halte ich tendenziell ja auch für etwas überschätzt – das ist, genau wie Marcel Beyers „Flughunde“ etwa so ein Buch, das jeder irgendwie gut finden kann. Warum Thomas Lehr ausgerechnet mit „Nabokovs Katze“ auf der Liste gelandet ist, das ist mir auch wiederum nicht ganz klar – ich halte das nicht für sein bestes Buch.
Was bleibt als von Kämmerlings Versuch, die (?) deutschsprachige Literatur seit ’89 zu erfassen und zu erklären? Eine Menge Bücher werden angerissen, kurz vorgestellt, referiert – von denen mir durchaus einige wohl durch die Lappen gegangen sind (und durchaus einige sich vielversprechend anhören). Aber ganz, ganz vieles – und leider eben vieles unheimlich Gutes – fällt durch das Raster. Unverständlich bleibt mir einiges: Warum zum Beispiel Reinhard Jirgl nur einmal nur nebenbei erwähnt wird (die Kunst des name-dropping beherrscht Kämmerlings ziemlich gut …) – gerade in das Kapitel zum erinnernden Roman hätte er wunderbar gepasst. Und fraglich bleibt dann doch auch, ob man aus Büchern wie denen von Kurzeck (der etwas mehr Gnade findet als Jirgl, aber natürlich vor allem durch das unvermeidliche „proustsche“ Erzählen charakterisiert wird) nicht genauso viel oder sogar mehr über uns und die Gegenwart lernen kann als aus vermeintlich aktuellen Büchern (was bei Kämmerlings ja nur und vor allem aktuelle Stoffe meint), die sich den spezifischen Situationen der Gegenwart, d.h. der letzten ca. 10 Jahre, widmen.
Aber das führt mich ja wieder an den Anfang: Die Forderung der Gegenwartshaltigkeit der Literatur ist meines Erachtens kunstfremder Unsinn, der – wie Ina Hartwig in der Süddeutschen ganz richtig anmerkte – der Literatur eine Stellvertreterfunktion zuweist: Sie soll erleben, was wir selbst nicht tun. Der Anspruch, Literatur müsse uns unsere „Gegenwart“ irgendwie erklären, ist aber ein falscher, der den Kunstwerken auch nur selten gut tut. Dafür gibt es Journalisten. Und bezeichnenderweise ist Kämmerlings von journalistischen Schreibweisen wie Moritz von Uslars „Deutschboden“ eben auch sehr angetan – logisch, denn sie erfüllen eben seine Bedingung der Gegenwartsnähe und ‑beschreibung. Aber Kunst sollte doch etwas mehr sein. Und ist es ja auch immer wieder – Kämmerlings zum Trotz sozusagen.
Richard Kämmerlings. Das kurze Glück der Gegenwart. Deutschsprachige Literatur seit ’89. Stuttgart: Klett-Cotta 2011. 208 Seiten. ISBN 978−3−608−94607−9.
Ja, er verlangt das wirklich – er will, dass das die Autoren tun, er will ihnen vorschreiben, wie Literatur zu sein hat. Auch wenn er natürlich klug genug ist, eine solche präskriptive Ästhetik mit genügend Caveats zu versehen: Im Kern geht es ihm darum, eine bestimmte Art von Literatur als die (einzig) richtige zu setzen. ↩
„Die Gegenwart von einst – nachträglich spukt sie immer noch herum in der Gegenwart von heute, fremd und vertraut zugleich, wie traumatisiert.“ (Rayk Wieland, Ich schlage vor, dass wir uns küssen, 89)