„Die Verwertung der Popularität, des Ruhms zu Lebzeiten, ist heute so groß, daß für den Nachruhm nichts mehr bleibt.“ (Henning Richter, Notizhefte, 294)
„Multipler Roman in Einzelausgaben“ ist der offzielle Untertitel dieses Büchleins von Nanni Balestrini. Meines hat die Nr. 6665 (knapp daneben …) und ist einer von 109027350432000
Romanen. Nun hat Balestrini natürlich nicht eine solch irrsinnige Zahl an Büchern geschrieben: Der Witz am „Tristano“ ist, dass per Zufallsalgorithmus (im Computer) die 20 Abschnitte für jedes der 10 Kapitel neu angeordnet weden. 1966, als Balestrini die Idee dazu hatte, war das drucktechnisch noch nicht wirklich umzusetzen – dank Digitaldruck ist das heute auch für Suhrkamp kein Problem mehr. Die Entstehung der Textblöcke ist dabei übrigens auch schon ein Ergebnis kombinatorischer Prozesse: Balestrini hat aus verschiedenen Quellen Sätze entnommen, sie ihrer inneren Satzzeichen beraubt und mehr oder minder zufällig gereiht. So viel also ganz kurz zu der Entstehung des Romans.
Das ist – ausnahmsweise – nicht belanglos, weil es sich natürlich massiv im Text niederschlägt: Eine „normale“ Geschichte, eine herkömmliche Handlung, ein linerarer Plot – das alles gibt es hier nicht. Wohl gibt es wiederkehrende Motive – die aber in sich und in ihrer Verknüpfung sehr unklar bleiben. Denn alle (!) Eigennamen werden durch ein universelles „C“ ersetzt. Trotzdem lassen sich eine männliche und eine weibliche Figur unterscheiden, die miteinander in Beziehung treten und diese auch wieder verlassen (Tristan!). Viel ließe sich sicherlich konstruieren. Aber das funktioniert natürlich nur bedingt: Zum einen ist ja jedes Buch anders, hat eine eigene „Geschichte“ durch die zufällige Reihenfolge (wie hoch wäre eigentlch die Wahrscheinlichkeit, dass da zwei Mal das gleich Ergebnis herauskommt?), zum anderen ist der Spaß an diesem Experiment eher, zu schauen, was mit Wörtern, Sätzen, Abschnitten passiert – wie sich manchmal „Sinn“ ergibt, wie er sozusagen aus Versehen „passiert“, wie die Signifikanten sich – im Leseprozess des wahrnehmenden Subjekts – eben doch wieder zu einem/mehreren Signifikaten gezwungen sehen, wie Leser und Text danach streben, sinnhaltig zu sein. Das allerdings ist zwar zunächst faszinierend zu beobachten, wird aber auch ermüdend. Dabei umfasst der Tristano gerade mal 120 Seiten. Doch das reicht mehr als genügend aus, das Prinzip und seine Folgen zu verstehen, begreifen und erfahren. Und auch zu erleiden. Denn so spannend das narratologisch, semiologisch – kurz: intellektuell – ist bzw. erscheint, so trocken kann die Lektüre werden: Man hängt oft sehr in der Luft, sucht beim Lesen nach sinnhaltigen Fundamenten oder Horizonten – das ist schon interessant, das an sich selbst zu beobachten. Da aber der Text/die Texte durch die Montage der Sätze aus fremder Urheberschaft und unbekannten Kontexten (manchmal kann man etwas erahnen, z.B. die wiederholten Fragment zu Text und Erzähltheorie1) auch sprachlich nur sehr bedingt faszinieren (zumindest in der deutschen Übersetzung von Peter O. Chotjewitz) ist das letztlich ein eingeschränktes Vergnügen: „Als ich diese Texte las fand ich sie nicht nur bedeutungslos sondern auch ohne irgendein Element das sich auf das vorgegebene Thema bezieht. Ich bin so unglücklich daß ich am liebsten sterben möchte.“
Dafür wird man neben den 120 Seiten „Roman“ (die den für Suhrkamp ausgesprochen hohen Preis von 15 Euro haben) auch noch reichlich mit Paratexten versorgt: Eine Vorbemerkung des Verlags, eine Notiz des Autors eine Vorwort von Umberto Eco (zum Verfahren der Kombinatorik in der Geschichte der Wissenschaften und Künste, weniger zum „Tristano“ selbst), einem nachgestellten analytischen Vorwort zur französischen Ausgabe 1972 von Jacqueline Rist und schließlich noch eine literaturgeschichtliche Einordnung des „Tristano“ in die experimentelle (Prosa-)Literatur des 20. Jahrhunderts und das Lebenswerk Balestrinis durch Peter O. Chotjewitz – fast mehr Para- als ‑Text also …
Nanni Balestrini: Tristano No. 6665 von 109027350432000 Romanen. Ein multipler Roman in Einzelausgaben. Frankfurt am Main: Suhrkamp 2009. 120+XXXII Seiten. ISBN 978−3−518−12579−3.
Ja, es ist natürlich reine Manipulation des Käufers … Aber deswegen gefällt sie mir trotzdem. Und ich finde sie gut gemacht – und auch passend zum Produkt. Wenn auch Innocent seit der Coca-Cola-Beteiligung nicht ganz so unschuldig ist, wie die Verpackung glauben macht:

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Recycling …
Johan Schloemann hat sich für die Süddeutsche drei Bücher über das Fahrrad und seine Fahrer, über seine Geschichte und seine Wirklichkeit angeschaut. Zwei davon – ausgerechnet die beiden englischen (ob das einen Grund hat?) – findet er gut, das dritte Exemplar mit dem blödsinnigen (Unter-)Titel „Fahrradhasserbuch“ hält er für ziemlichen Mist. Sein schöner Text, changierend zwischen Rezension und Aufruf zum Radeln, fängt schon ganz wunderbar und ganz klar und deutlich an:
Es ist Frühling, und so kommen auch alle Schlechtwetterfahrer aus ihren Löchern. […] Auch die Autofahrer zeigen sich wie jedes Jahr verblüfft, dass es Fahrräder gibt […]
Da läuft sie also wieder heiß, diese lächerliche Konfrontation im Straßenverkehr: Rüpelhafte Radfahrer, die es gibt, werden für repräsentativ erklärt, als wäre die Anzahl rüpelhafter Autofahrer nicht viel höher. Und anstatt einen Gedanken darauf zu verschwenden, dass das Kampfverhalten von Radfahrern vielleicht nur durch jene Kampfbedingugen entsteht, die ihnen Autoverkehr und kommunale Verkehrspolitik diktieren, anstatt also ein Mindestmaß an Zívilität walten zu lassen, schlägt gerade in den wärmeren Monaten wieder die Stunde der abgestumpften Autopendler, die auf dem Asphalt kraft ihrer Verbrennungsmotoren kleinbiirgerliche Cäsarengefühle ausleben […]
Dem ist dann eigentlich nichts mehr hinzuzufügen, die Position des Autors ist klar. Und sie stimmt natürlich, auch wenn sie schon fast einen Tick zu ausgewogen argumentiert ;-). Ich finde es ja immer wieder erstaunlich (und bedauerlich …), dass solche schönen Texte bei der Süddeutschen den Weg ins Netz nicht finden, ich hätte das ja gerne verlinkt. Das fände ich viel interessanter als die Nachrichten … Aber immerhin habe ich so noch Gründe, jeden Tag das schmutzige Papier in die Hand zu nehmen.
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Es geht tatsächlich. Aber, um das gleich klarzustellen, vernünftig ist das überhaupt nicht. Und empfehlenswert auch nicht so richtig.
Aber von vorne: Nach langem Überlegen hatte ich mich im September doch wieder für den Mainzer Gutenberg-Marathon angemeldet. Ich war mir zwar noch nicht sicher, ob ich den auf neue Bestzeit laufen würde oder einfach so. Aber Training hatte ich schon geplant. Dann wollte aber zunächst meine Ferse nicht so recht. Und dann war Winter. Und dann … Ehe ich mich versah, war jedenfalls schon wieder Februar—und ich ging beim 5. Mainzer Maaraue-Marathon auf den letzten Runden ziemlich kläglich unter (kein Wunder, die langen Läufe fehlten einfach). Aber irgendwie war das immer noch nicht genügend Motivation, endlich mal wieder in ein richtiges, geregeltes, ordentliches Marathon-Training einzusteigen. Stattdessen spielte ich querfeldein herum und begann, öfters in den Fivefingers zu laufen—was natürlich, vor allem zu Beginn, gehöri auf die Distanzen ging. Immerhin hielt mein Streak noch: So kurz vor der Drei-Jahres-Marke wollte ich nicht klein beigeben. Und dann war der April auch schon wieder fast zu Ende und ich stand endgültig vor der Entscheidung: Was mache ich nun am 8. Mai? Laufe ich trotz allem versuchsweise einen Marathon? Oder höre ich nach der ersten Runde auf? Ganz ausfallen lassen wollte ich das nicht, dafür war mir die Startgebühr eigentlich zu hoch. Also mein vorläufiger Beschluss: Ich laufe zunächst den (sowieso schon geplanten und gemeldeten) Frankensteinlauf mit den Fivefingers. Und am Wochenende danach stelle ich mich einfach an den Start, laufe los und schaue, was dabei rauskommt—durchaus mit dem Ziel, die 42 Kilometer auch voll zu machen.
Aber so einfach war es dann doch nicht. Beim Frankensteinlauf ging nämlich etwas schef (was, das weiß ich immer noch nicht): Am Ende der netten 15 Kilometer hatte ich riesige Blasen unter den beiden Fersen. Vor allem der linke Fuß (und links ist sowieso die Seite, wo bei mir alle Unfälle passieren) sah gar nicht gut aus. Den Anfang der Woche habe ich die Füße also mit kurzen Läufen geschont. Beim ersten etwas „längeren“ Lauf, der Dreibrückenrunde mit ca. 12 Kilometern, am Donnerstag hatte ich wohl doch die falschen Schuhe erwischt. Jedenfalls hat es links noch einmal etwas gerieben und die Blase—die ja nicht nur auf der Sohle war, sondern sich auch auf den Außenrist hochzog—fing an, sich zu öffnen. Das war jetzt wirklich blöd, die neue Haut unter der Blase war nämlich noch reichlich empfindlich. Also wieder alles in Frage stellen? So schnell nicht, es gibt für alles eine Lösung. Und der Plan bestand weiterhin. Zumal ich mich inzwischen einer kleinen Gruppe Mainzer Läufer angeschlossen hatte, die beim Marathon mit entsprechenden T‑Shirts für den Ausstieg aus der Atomenergie werben wollten—ein Rückzug war jetzt also nicht mehr möglich.
Und dann war es auch schon Sonntag. Der Wecker klingelte um acht Uhr, das sollte mir genügend Zeit geben, mich vorzubereiten. Denn das Wichtigste heute war: Tapen ohne Ende. Alle halbwegs kritschen und gefährdeten Stellen der Füße wurden großzügig mit Leukotape gesichert.
Trotzdem war ich mir immer noch nicht im Klaren, wie das ausgehen würde … Kurz vor Neun machte ich mich dann auf den kurzen Fußweg zum Start an der Rheingoldhalle. Eigentlich waren die Läufer „gegen Laufzeitverlängerung“ am Ende des ersten Startblockes verabredet. Aber das war offensichtlich keine gute Idee gewesen—gefunden haben wir uns da nämlich nicht. Da ist auch kein Wunder: Die Startaufstellung in Mainz ist zwar theoretisch gut und genau geordnet, löst sich aber jedes Jahr spätestens um 9.20 Uhr in totales Chaos auf. Im ersten, roten, Startblock waren dann auch wirklich alle Farben zu sehen: Grün, Blau, Gelb, Orange. Und das merkt man auf den ersten Kilometern, die ja sowieso ein ziemliches Gewusel sind, doch sehr deutlich.
Irgendwann war es dann wieder soweit: Die hämmernde 08/15-Technomusik durfte schweigen, der Marathon wurde gestartet. Selbst für den ersten Block dauert das natürlich immer etwas, bis man wirklich an der Startlinie ist und loslaufen kann. 12000 Läufer seien am Start, hieß es im Feld. Kein Wunder, bei strahlendem Sonnenschein und schon morgens angenehmen 20 °C gibt es kaum Ausreden … Also, es ging los. Ich schwamm zunächst einfach mal im Feld mit, schaute, was so passiert—mit mir und meinen Füßen. Und meinen untrainierten Muskeln. Bald hinterm Start holte mich der erste Anti-Atom-Läufer ein, zog aber bald weiter, weil er einen zügigeren Halbmarathon geplant hatte. Etwas später wiederum hatte ich auf einmal eine Geisterhand an der Schulter: Ronald, auch mit gelben T‑Shit, hatte mich gefunden. Das war eine gute Fügung, wir blieben bis kurz vor der Halbmarathonmarke zusammen. Bis dahin lagen aber noch ein paar Kilometer vor uns. Bei der ersten Verpflegung auf dem Weksgelände von Schott war großes Chaos—angesichts der Wärme wollten die meisten Läufer gleich von Anfang an trinken, was die hilfsbereiten Wasserausschenker gut in Anspruch nahm. Denn noch war das Feld sehr dicht, wir waren ja auch erst einige Kilometer unterwegs. Und es blieb auch recht voll auf der Strecke: In unserem Tempo waren ziemlich viele unterwegs. So spulten wir also Kilometer für Kilometer ab, meist zwischen 5’20 und 5’30. Meine Taktik sah eigentlich gaaaaanz anders aus: Da ich meine Form überhaupt nicht einschätzen konnte, hatte ich mir das vollkommen willkürliche Ziel der Vier-Stunden-Marke gesetzt, was—vor allem am Anfang—eher 5’40 pro Kilometer bedeutet hätte. Aber irgendwie liefs einfach locker und angenehm—durch’s Mombacher Gewerbegebiet und dann wieder durch den großen Hotspot Mombach—die ganz selbstbewusst, aber nicht völlig zu Unrecht behaupteten, die beste Stimmung an der Strecke zu haben, zurück in Richtung der Mainzer Innenstadt. Bis dahin gab’s natürlich wieder einige Schlenker und Kurven durch die Wohngebiete der Neustadt. Aber inzwischen, nach sieben, acht Kilometern, machte das Laufen in diesem Tempo richtig viel Spaß. Auch wenn ich anfing zu grübeln, wie wohl meine zweite Runde aussehen würde—Roland wollte ja irgendwo bei Kilometer 30 aussteigen um seine Kräfte für den Rennsteig-Marathon zu sparen.
Ruckzuck waren wir dann um die Christuskirche herum und eilten schon wieder auf die Altstadt zu. Sehr schön immer wieder der Moment, wenn man von der Langgasse auf die Ludwigstraße einbiegt, und in die Publikumsmassen eintaucht—da war schon ziemlich viel los. Auch auf dem Gutenbergplatz und durch die Augustinerstraße war wieder klasse Stimmung. Dann, hinter dem Südbahnhof, beginnt ja der etwas abschreckende Teil der ersten Runde: Die ewig lange Gerade nach Weisenau, die man nach der Wende—die ja tatsächlich erst kurz vor der Autobahn ist—auf der anderen Straßenseite wieder zurücklaufen darf. Das heißt ja auch, dass man vor allem stadtauswärts immer schon sieht, wer alles schon zwei, drei Kilometer weiter ist … Wenn man das aber mal kennt, verliert auch diese Gerade ihren Schrecken. Und auf dem Rückweg ist ja der Halbmarathon schon fast geschafft (nagut, drei, vier Kilometerchen sind das auch noch). Wir blieben unserem Tempo aber weiterhin treu. Klar, inwzsichen merkte ich schon, dass die muskuläre Belastung stieg—über 16 Kilometer bin ich in diesem Jahr ja nur sehr selten hinausgelaufen. Und da war ich inzwischen schon durch. Aber das Tempo war noch immer gut zu laufen. Bei der letzten Verpflegung vor dem Halbmarathon verlor ich Roland dann leider total—keine Ahnung, wo der abgeblieben ist.
Mir jedenfalls ging’s jetzt richtig gut. Mein neuer Plan hieß jetzt: Tempo halten, den—von mir als unvermeidlich erwarteten—Einbruch so lange wir möglich hinauszögern. In der Tat konnte ich dann auf dem Beginn der zweiten Runde das Tempo sogar noch erhöhen: Jetzt lag der Schnitt eher um die 5’10. Die Strecke wird ja in Mainz nach dem Passieren der Rheingoldhalle immer schlagartig leer: Von den 8021 Zieleinläufen in diesem Jahr entfallen 6776 auf den Halbmarathon, nur 1245 laufen den Marathon (und davon wiederum sind gerade einmal 170 Frauen—beim Halbmarathon ist der Geschlechterunterschied nicht ganz so krass). Auch auf der zweiten Runde machte mir das Laufen noch viel Spaß. Jetzt kam auch noch—psychologisch ganz vorteilhaft—hinzu, dass ich kontinuierlich Läufer überholte (mit Ausnahme der frischen Staffelläufer natürlich, von denen sind einige an mir vorbei gezogen). Da es imme noch so ausgezeichnet vorran ging, modiizierte ich meinen Plan noch einmal. Vorsorglich (ohne wirklich davon überzeug zu sein) hatte ich morgens noch 4 Hammergels mitgenommen und in die Hose gesteckt. Die kamen jetzt peu-a-peu zum Einsatz. Das erste Gel irgendwo bei Kilometer 24 oder 25, in Sichtweite der nächsten Verpflegung. Denn für die Dinger braucht man ordentlich Wasser. Davon hatte ichheute eh‘ schon einiges geschluckt: Bei jeder Verpflegungsstelle habe ich mir versorgt,die Hitze wollte ich nicht als Entschuldigung gelten lassen. Wo möglich, habe ichauch meine Mütze ins kühle Nass (das war wirklich vergleichsweise sehr kühl) getaucht und so meinen Kopf etwas abgekühlt—auch wenn das nie lange vorhält. Die Entscheidung für den Geleinsatz war aber sehr richtig: Die DInger geben einfach noch einmal einen Schub—sie ermöglichen, wirklich das Letzte aus den Muskeln herauszuholen.
Die Schleife durch Hessen, durch Kostheim, finde ich ja immer sehr schön. Gut, viel Betrieb ist da nicht. Aber dafür läuft man auf kleineren Straßen durch die Wohngebieten. Und unheimlich viele Anwohner sind im Vorgarten und feuern an. Oder spenden mit dem Wasserschlauch eine kleine Dusche—bei mittlerweile gut 25 °C (und weiterhin wolkenlosem Himmel) eine sehr willkommene Abkühlung. Der Rückweg nach Mainz wurde mir dann aber recht lang: Die letzte Wasserstation lag schon wieder zwei Kilometer zurück, ich hätte ein paar Schluck Feuchtigkeit vertragen. Dann auch noch der Anstieg auf die Theoor-Heuss-Brücke. Allein die Tatsache, dass ich weiterhin überholte, gab mir noch etwas Kraft. Hinter der Brücke fiel ich dann aber doch in ein kleines Loch: Jeztt wurde es richtig schwer. Und bis zur Verpflegung bei Schott zog es sich—die Rheinallee ist da, mit den paar versteuten Läufern, auch nicht wirklich spannend. Doch irgendwie hielt ich durch, auch wenn ich schon mit dem Abbruch-Gedanken spielte.
Auf dem Werksgelände kam dann das nächste Gel zum Einsatz. Zum Glück spielte mein Magen mit: Die Hammergels—heute hatte ich nur „Espresso“ dabei—schmecken zwar auch nicht besonders lecker, sind für mich aber sehr gut verträglich. Trotz Energieschub durch Gl pendelte sich der Schnitt wieder etwas tiefer ein—bzw. es wurde härter, das Tempo hoch zu halten. Die Schleife durch das Mombacher Gewerbegebiet ging dann überraschend schnell herum—davor hatte ich eigentlich mehr Angst. Mombach selbst war dann ok, langsam ging es allerdings doch spürbar an die Substanz. Vor allem der Weg in die Altstadt zog sich jetzt deutlich mehr als auf der ersten Runde. Und das Tempo sank Kilometer für Kilometer ein bisschen—unaufhaltsam, aber in kleinen Schritten. In der Bauhausstraße dann schließlich das vierte Gel—bei Kilometer 39 eigentlch fast zu spät. Ich glaube aber, das war gar nicht schlecht. So hatte ich nämlich noch ordentlich Kraft und Pep die riesige Steigung von geschätzten zwei Metern der Langgasse hochzulaufen und vor allem in Angesicht des großen Publikums nicht doch noch Gehpausen einlegen zu müssen. Und wenn man zum zweiten Mal über den Gutenbergplatz ist, dann hat man es eigentlich geschafft—keine zwei Kilometer sind es dann noch. Noch schnell die Augutinerstraße hinunter, am Südbahnhof diesmal gleich links zurück zur Rheingoldhalle. Der letzte Kilometer, die schön lange Zielgerade, zieht sich natürlich etwas. Aber hier ist man ja nicht allein. Und nach 3:49:32 war ich dann unter dem Zielbogen durch.
Jetzt fing das wahre Leiden aber erst an. Meine Beine waren nciht sehr damit einverstanden, plötzlich nicht mehr in Bewegung zu sein. Ich blieb zwar beim Gehen, merkte aber tortzdem, dass die Muskeln völlig leer waren und von Schritt zu Schritt steifer wurden. Und auch der REst des Körpers wusste offenbar nicht so recht, was er mit der plötzlichen Änderung machen sollte. Ein Krug kaltes Wasser über den Schädel tat ganz gut. Eigentlich woltle ich ja auch was trinken, aber das ging kaum noch. Wasser konnte ich nich mehr sehen, Frubiase war jetzt einfach nur eklig, Cola ging halbwegs. Essen ging schon gar nicht … Da mein Baumwoll-T-Shirt und meine Hose ja von Schweiß und Wasser triefnass waren und ich im Ziel auch niemand Bekanntes traf, bin ich ziemlich bald die paar Hundert Meter nach Hause stolziert. Dort wollte ich mich eigentlich nur mal kurz Hinsetzen, die Kompressionsstrümpfe auszuziehen. Jetzt aber entschied mein Kreislauf, dass er die Schnauze voll hatte und sackte erst einmal deutlich weg. Ein paar Minuten später war ich dann weigstns wieder fit genug für die Dusche … Aber so richtig erholt war ich erst zwei Stunden später wieder—und freue mich schon auf den sicherlich mörderischen Muskelkater, den ich morgen haben werde .. Aber immerhin gehörte ich nicht zu den durchaus zahlreichen Läufern, die im Krankenwagen landeten—die Rettungsdienste hatten nämlich heute so einigs zu tun.
Also: Marathon ohne entsprechendes Training geht durchaus mal. Ist aber auch—im Vergleich zur erlaufenen Zeit—ziemlich anstrengend …
Und noch ein paar Bilder:
Literatur ist Simulation von Literatur.
Alles andere ist Simulation von Unsinn.
Gut, so ganz neu ist es nicht mehr. Aber manchmal dauert es eben etwas, bis Musik aus dem Alpenland den Weg zu mir gefunden hat ;-). Kürzlich bekam ich also endlich die neue Scheibe des Low Frequency Orchestra (LFO) in die Hände: „Mole“ (bei chmafu nocords). Es hat ja eine gute Weile gedauert, seit S aus dem Jahre 2007 (damals noch bei einklang records), bis die Mannen und Frauen mal wieder was von sich hören ließen. Oder auch nicht: Denn der Kern zu Mole wurde auch schon 2007 gelegt, mit der Aufnahme der Mole im ORF-Studio – die natürlich noch erheblich weiter bearbietet wurde. Dafür haben sie für Mole nun noch den meinerseits sehr geschätzen Komponisten und Organisten Wolfgang Mitterer dazugeholt (bei dem Albumtitel (und der entsprechenden Cover-Art) müsste man wohl sagen: Ins Boot geholt.).
Was bietet die „Mole“ also? Fünf slugs und eine Mole ausweichlich des Tracklistings. Die slugs sind kurze Impressionen von zwei bis vier Minuten, jeweils von einem Mitglied des LFO verantwortet. Die eigentliche „Mole“ ist dann ein großes, halbständiges Gemeinschaftswerk. Man kann vielleicht sagen: „S“ hatte mehr Detailreichtum, mehr Plastizität des Klangs – zumindest in der Erinnerung auch mehr ausgeglichene Ruhe, die den ausgefeilten, minimalistischen Expeditionen in unbekannte Klangwelten erst die notwendige Basis, den hilfreichen Anker, einen festen (Bezugs-)Punkt gaben. Ich habe gerade noch einmal nachgehört: Die Erinnerung trügt nicht.
Die „slugs“ sind da etwas anders: schon der heftige Einstieg bei Angélica Castelló, der uns vollkommen unvorbereitet (immer wieder …) ins kalte Wasser schmeißt, die Unmittelbarkeit, mit der es hier zur Sache und um alles geht – das ist neu. Und spannend, und überraschend, und ganz oft unerwartet: Es scheint fast so, als suchte LFO hier jetzt im Raum des Klanges möglichst abrupte Wendungen. Das geht in den kurzen Stücken ziemlich kreuz und quer – langweilig ist das keinesfalls. Vielleicht liegts ja an der kleinteiligen, konzentrierten Form: Aber die Imagination scheint mir einige Grade wilder, ungezähmter, blühender zu sein als vor einigen Jahren. Vielleicht daher auch der sehr diskontinuierliche Eindruck, der manchmal verdächtig nach fehlendem Ziel, abwesendem Formprinzip klingt … Wenn man aber weiß, dass das so etwas wie Visitenkarten oder Konzeptpapiere der einzelnen Musiker sind/sein sollen, wird manches klarer. Aber erstaunlich bleibt: Irgendwie sind das fünf vollkommen eigenständige, total verschiedene Dinge. Und doch bilden sie dann – gleich im Anschluss – so etwas wie eine Einheit: Im Modus des LFO ist der Einzelne kaum noch zu entdecken, sind Klänge udn Spielweisen nicht (mehr) einer Person zuzuordnen (Auch die Instrumente bieten da kaum Hilfestellungen – wann klingen sie hier schon mal alleine und pur?). Mathias Kochs slug ist z.B. unvergleich locker, dünnschichtig, hellscheinend und ‑sichtig. Maja Osojnik gibt sich grundierter, moduliert mehr als Klänge (ab- und aufzu-)brechen, lässt die Ideen schweifen. Thomas Grill verliert sich in den endlosen Feinheiten Digitaliens ganz wunderbar bräsig bruzzelnd und knisternd. Matija Schellander schließlich verknüpft digitales und anloges Tiefenscharfes auf ganz bestimmt sehr bedeutungsvolle Weise.
Im großen „Mole“ ist das sozusagen klassischer: komplexer vor allem zunächst mal, ungeheuer dicht geschichtet – woran Mitterer ausweichlich der benutzten Klangerzeuger keinen geringen Anteil hat. Viel Spannung, viel Erwartung spielt hier mit, auch der Wille zum Ausdruck und die unbezähmte Freiheit in genau diesem brechen ganz deutlich hervor. Manchmal bilden sich dann gehörg skurile Momente aus diesem Konglomerat, vor allem aber spannende Entdeckungen. Auch der „Freude schöne Götterfunken“ klingt von Ferne wieder an und durch, genau wie am Schluss von „S“. Musik hören wird hier (bzw. kann!) zur Selbstbefragung: Was hat das gewurschtel da mit mir zu tun? Oder überhaupt mit irgend jemanden? Was löst das aus? Was ändert das? .….… Ganz vergessen gerät dabei die sowieso blödsinnige Frage: Was will der/die Künstler damit sagen? – Vermutlich gar nichts, er will, dass ich was sage/denke …
Jedenfalls: Auch wenn es auf der „Mole“ nicht wenige Momente der vorübergehenden/scheinbaren/täuschenden Ruhe gibt, ist Bewegung, Veränderung, Fluktuation das Wesentlichere – wie auf einer Mole halt. Klar, diese Gemeinsamkeit von Ruhe und Bewegung in einer Musik, das ist irgendwie paradox. Aber was soll’s? Wer, wenn nicht Kunst, darf Paradoxe paradox sein lassen? Der Hörer muss es halt aushalten (diejenigen, die sich so etwas anhören, haben mit so etwas meist wenig Probleme) und irgendwie mitmachen.
Man kann dann sagen, das sei subversive Musik (Bad Alchemy deutet das an und verweist gleicht noch auf den Maulwurf, der hier sein Unwesen treibe). Aber das ist doch irgendwie egal. Denn die „Mole“ von LFO und Mitterer ist jedenfalls ganz sicher Musik/Klang/Ereignis, das selbst nur ganz wenige Konstanten kennt und anerkennt, das sich die Freiheit nimmt, frei zu sein – was in der Praxis der Realität ja blöderweise wahnsinnig schwierig und anstrengend ist. Dafür kann man den Musikern kaum genug danken: Dass sie hier – im Klang (wo auch sonst? in der Sprache geht so etwas wahrscheinlich gar nicht (mehr)) – Wege, Löcher, Möglichkeiten im Leben und um es herum zeigen – ob man was draus macht, bleibt jedem selbst überlassen …
Low Frequency Orchestra & Wolfgang Mitterer: Mole. Chmafu Nocords 2010.
Irgendwie ist das alles wieder ganz traurig und pervers: Da hat jemand die Idee, die Netzgesellschaft (was auch immer das ist) als Lobby zu organisieren und gründet mit wahnsinnigem Tamtam einen Verein. Einen Vorstand hat man auch schon – Mitglieder möchte man aber möglichst keine. Die könnten ja auch eine Meinung haben (das man das in einem Verein nicht zu hoch hängen sollt mit der vollen Beteiligung aller Mitglieder dürfte jeder wissen, der bei so etwas schon mal mitgemacht hat …) – deswegen bittet man nur um Unterstützer und Helfer, nicht aber um Mitglieder. Was soll dieser Mist? Wie will eine Lobbyorganisation Gehör finden, wenn Sie niemanden vertritt, niemandem zeigen kann, dass sie eine mehr oder minder bedeutende Gruppierung im Volk ist? Einen Verein Mitgliedern zu öffnen heißt ja noch lange nicht zwangsläufig, über alles basisdemokratisch abzustimmen. Auch der hat ja einen geschäftsführenden Vorstand. Aber den kann man als Mitglied wenigstens (ab-)wählen und nicht nur „unterstützen“. Kein Wunder, dass man sich bei solchen Unternehmungen ganz vornehm „Digitale Gesellschaft“ nennt und das „Verein“ nicht so gerne herausstellt. Das Vorbild Greepeace hat das meines Wissens etwas anders gehandhabt – die waren/sind zwar auch oft mehr als ein Verein (über ihre etwas aufdringlich-gewalttätige Kommunikationsstrategie – will man das in der Netzpolitik wirklich nachahmen?), aber sie waren eben doch – auch – ein normaler Verein mti allem Drum und Dran. Hier wird das – so sieht es im Moment, der zugegebenermaßen noch sehr früh ist – (wieder) nur ein elitäre Kreis, der sich mit Namen und (Pseudo-)Organisation den Anspruch gibt, für viele zu sprechen – diese Viele aber auf keinen Fall hören mag oder ihnen gar Möglichkeiten der Mitbestimmung der Richtung „ihrer“ Vertretung einzuräumen. Und weil ich mich zumindest am Rande doch zu den Vielen zähle, rege ich mich hier gerade etwas sehr auf …
Der schicke Name hat auch noch den Vorzug, so schön schillernd vieldeutig zu sein: Gibt es eine digitale Gesellschaft? Ist das ein Ziel? Ist das eine Gesellschaft wie die Deutsche Tischgesellschaft Achim von Arnims oder meint das Gesellschaft hier den soziologischen Begriff? Fragen über Fragen – ein paar Antworten hätte man sich da doch schon gewünscht – denn eigentlich will ich das ja gut finden, was die Recken um Markust Beckedahl da anzapfen. Aber so geht das irgendwie nicht so richtig. Und Leute, die so sehr in alltägliche Kommunikation eingebunden sind wie die Gründer dieser Gesellschaft sollten doch solche grundlegenden Kommunikationen im Griff haben. Wie kann man sie sonst ernst nehmen? Und natürlich stellt sich auch gleich wieder die Frage: Ist das gut, hier über die Mängel der Organisation zu meckern? Oder sollte man das ob des hehren Ziels lieber lassen um der Politik nicht in die Hände zu spielen?
Mit großen Worten spart Viktor Mayer-Schönberger nicht: Eine „Tugend des Vergessens“ beschwört er. Und will sie auch in „digitalen Zeiten“ umsetzen. Aber eigentlich ist dieses – ziemlich positiv besprochene – Buch eine Mogelpackung. Denn Idee, Thema und Argument Mayer-Schönbergers ließe sich auf einigen wenigen Seiten ausreichnd genau darstellen – genauer wird er hier auch nicht. Er bläst das nur unheimlich und fast unerträglich auf.
Worum es geht ist schnell gesagt: Mayer-Schönberger hätte gerne, dass digitale Daten ein Verfallsdatum mit auf den Weg bekommen, an dem sie (automatisch) gelöscht, nicht mehr zugänglich werden. Sein Argument geht ungefähr so: Die über Zeit und Raum nahezu unbeschränkte (das nahezu fehlt bei ihm schon meistens) Verfügbarkeit von Informationen ist schädlich. Schädlich für Individuen und auch für Gesellschaften. Deswegen eben das automatische Löschen digitaler Daten (also z.B. Fotos, Zeitschriftenartikel, Suchdaten, Profile, Einkäufe etc.), um so das „analoge“, vor-digitale „Erinnern“ zu simulieren. Das ist so weit eine ganz sympathische und auch überhaupt nicht verkehrte Idee, auch wenn alternative Strategien im Umgang mit der Ubiquität digitaler Daten (etwa die Anpassung des Verhaltens an diesen Umstand) bei ihm arg forsch beiseite gewischt werden.
Geärgert an dem Buch hat mich aber zum einen, dass er ewig weit ausholt, eine gesamt Geschichte der Schrift als Medium der Erinnerung noch einbaut (die auch furchtbar ungenau und teilweise nicht auf dem aktuellen Stand der Forschung ist, so weit ich das überblicken kann). Und dann natürlich sein Hauptproblem: Die fehlende Genauigkeit im Umgang mit den Begriffen. Gedächtnis – Erinnerung – Archiv ist hier ein einziger Mischmasch, in dem nichts unterschieden wird. So spricht Mayer-Schönberger z.B. unentwegt davon, dass wir digitale Daten erinnern (und durchs Löschen eben vergessen). Genau das ist aber falsch: Sicher, wir archivieren die. Aber sie sind dann noch lange nicht zwangläufig ein Teil unserer Erinnerung. Sie können es wieder werden, müssen es aber nicht. Diesen Unterschied zwischen (Individuums-)internen und externen Informationen macht er einfach nicht (bzw. nicht ausreichend genau). Daher kommt dann auch die Verwirrung von Gedächtnis und Erinnerung und Informationen, die digital verfügbar sind. Macht man diese Unterscheidung, nimmt man ihm einen Großteil seiner großsprecherischen kulturellen Geste: „Während wir früher mit der Zeit das meiste vergaßen, haben wir heute die Möglichkeit, uns an das meiste zu erinnern.“ (199) – genau das bezweifle ich eben.1 Das Problem, das muss man ihm zugestehen, bleibt aber dennoch: Digitale Daten sind einfacher, länger, ortsungebundener verfügbar, das Archiv und die Findemittel werden immer umfangreichr, schneller und bequemer.
Mir jedenfalls scheint ein Plädoyer für eine Art des „digitalen Erinnerns“, die sich der Speichermöglichkeiten der Computer und Netzwerke bedient, aber auch deren Problematik bewusst macht (sowohl beim Speichern eben als auch beim erinnernden/rekonstruierenden Abrufen) eine interessantere, angemessenere Reaktion als das bloße Simulieren der Ungenügsamkeiten bisheriger Aufzeichnungsmethoden im digitalen Raum. Ich bin mir nämlich überhaupt nicht so sicher wie Mayer-Schönberger, dass die „analoge“/vor-digitale Form des Gedächtnisses/Erinnerns eine evolutionäre Leisung ist, die allein dem Menschen gemäß ist. Aber das wird sich noch zeigen …
Viktor Mayer-Schönberger: Delete. Die Tugend des Vergessens in digitalen Zeiten. Berlin: Berlin University Press 2010. 264 Seiten. ISBN 978−3−940432−90−2.


