»Nächstens mehr.«

Lesen. Hören. Und ein bisschen schreiben.

Universitäres Blutgeld

schön und auch gar nicht wei­ter kom­men­tie­rungs­be­dürf­tig, die­ser Sei­ten­hieb, den Diede­rich­sen (der die Uni­ver­si­tät ja inzwi­schen von innen kennt) in sei­nem Büch­lein zu den „Sopra­nos“ da schnell noch in Rich­tung (privat-)spendenfinanierte Uni­ver­si­tä­ten austeilt:

In die­ser Epi­so­de ist nicht nur end­lich ein­mal befrie­di­gens beschrie­ben wor­den, wie Hoch­schu­len sich dort finan­zie­ren, wo dies der Staat nicht tut – indem sie durch geschul­te Kräf­te Druck auf die ideo­lo­gisch unsi­che­ren und legi­ti­ma­ti­ons­be­dürf­ti­gen Teil­de des pri­vat­wirt­schaft­lich-mafiö­sen Kom­ple­xes aus­üben -, son­dern vor allem sehen wir zu, wie die Akteu­re der „Sopra­nos“ sich ihren See­len­frie­den zurechtkonstruieren 

Died­rich Diede­rich­sen: The Sopra­nos. Zürich: Dia­pha­nes 2012, S. 84

Serien-Wissen

Das (ame­ri­ka­ni­sche) TV-Seri­en gera­de der letz­te kul­tu­rel­le Schrei sind und so ziem­lich alle ander­ne Küns­te zumin­dest in Bezug auf die Auf­ga­be der Welt­deu­tung und ‑erklä­rung abge­löst haben/​ablösen, dürf­te ja inzwi­schen jeder mit­be­kom­men haben, spä­tes­tens seit auch die klas­si­schen deut­schen Feuil­le­tons dar­über schreiben.

Beson­ders viel ernst­haf­te Lite­ra­tur zu die­sen For­ma­ten gibt es in Deutsch­land bis­her aber nicht. Der dia­pha­nes-Ver­lag hat jetzt eine klei­ne Rei­he begon­nen, die dem abhel­fen will: die „book­lets“.

Zwei der jeweils um die hun­dert Sei­ten (bei groß­zü­gi­gem Satz) star­ken Büch­lein habe ich jetzt gele­sen: Simon Rot­höh­lers (der auch die Her­aus­ga­be der Rei­he ver­ant­wor­tet) Über­le­gun­gen zu „The West Wing“ und Died­rich Diede­rich­sens Aus­füh­run­gen zu „The Sopra­nos“ – das ers­te, weil mich „West Wing“ ziem­lich begeis­tert und das zwei­te, weil mich Diede­rich­sen ziem­lich begeistert …

Das sind auch ganz unter­schied­li­che Tex­te. Der Essay – viel mehr ist es ja nicht – von Rot­höh­ler zeigt vor allem, wie „West Wing“ als alter­na­ti­ve zeit­his­to­ri­sche (oder auch poli­ti­sche) Erzäh­lung in Kon­kur­renz zur Gegen­wart funk­tio­niert. Das war mir manch­mal etwas dünn und ande­rer­seits oft etwas pau­schal. Aber viel­leicht bin ich auch nicht der idea­le Leser, weil ich die Serie (zu) gut kenne.

Inter­es­san­ter sind Diede­rich­sens Über­le­gun­gen zu den „Sopra­nos“. Das kann wie­der­um dar­an lie­gen, dass ich die nicht so gut ken­ne, weil ich die Serie nur ein­mal vor eini­gen Jah­ren gese­hen habe. Ande­rer­seits merkt man aber durch­aus den typi­schen Diede­rich­sen-Denk- und Schreib­stil, auf höhe­rem refle­xi­ven und theo­re­ti­schem, auch theo­re­ti­sie­ren­dem Niveau. Und trotz der durch­aus nicht zu ver­ach­ten­den Abs­trak­ti­on schien es mir beim Lesen detail­rei­cher. Vor allem aber facet­ten­rei­cher, weil er die „Sopra­nos“ unter ver­schie­de­nen Gesichts­punk­ten ana­ly­siert und beschreibt: Qua­si (pop-)kulturgeschichtlich, den inter­tex­tu­el­len Hin­wei­sen (den direk­ten Zita­ten zum Bei­spiel oder den Songs, die im Hin­ter­grund und im Abspann sowie in der Titel­se­quenz lau­fen) nach­ge­hend; aber auch als Beschreibung/​Kritik der ame­ri­ka­ni­schen Gesell­schaft der Mit­tel­schicht; und dann aber auch wie­der auf eher indi­vi­du­el­ler Ebe­ne, etwa in Bezug auf Lie­bes­be­zie­hun­gen und Lebens­zie­le. Das – und das ist für mich (wie gesagt, es wird auch an mei­ner stark unter­schied­li­chen Kennt­nis der bei­den Seri­en lie­gen) ein deut­li­cher Unter­schied zu Roth­mül­ler – ist sehr berei­chernd und anre­gend, so dass die nächs­te Schau der Serie gleich mal wie­der auf die Todo-Lis­te gewan­dert ist.

Den Schluss dar­aus möch­te ich mal als Bei­spiel zitieren:

Die „Sopra­nos“ – und mehr noch die spä­te­re Serie „Brea­king Bad“ – haben immer auch den Umstand arti­ku­liert, dass Leu­te, die eigent­lich nichts ande­res wol­len als ein Häus­chen in der Sub­ur­bia, nicht anders über­le­ben kön­nen als durch Kapi­tal­ver­bre­chen. Und umge­kehrt, dass die­je­ni­gen, die gewohn­heits­mä­ßig Kapi­tal­ver­bre­chen bege­hen, nicht anders leben wol­len als der Rest der Mit­tel­klas­se. Dies ist bei Arbeits­lo­sig­keit, Lohn­ab­bau, Deindus­tria­li­sie­rung, Pre­ka­ri­sie­rung nicht mehr mög­lich – daher muss man so leben, wie die Mafia schon lan­ge lebt. Das all­täg­li­che Leben fühlt sich eh schon die gan­ze Zeit an wie ein Kampf gegen das Gesetz. Das ein­zi­ge, was die­ses Leben noch über­strahlt, gele­gent­lich über sei­ne hün­di­sche Imma­nenz hin­aus­weist, sind die Songs, die alle ken­nen, die ihnen fort­ge­setzt zuge­ord­net wer­den: gro­ße Songs, ver­trot­tel­te Songs, klas­si­sche Bal­la­den, Madri­ga­le, Rap, Rock’n’Roll. […] Die Gegen­kul­tur und ihre Über­res­te, aus der die Songs kom­men, die das Leben in einer Ver­bre­chen-um-zu-Über­le­ben-Mit­tel­klas­se mit Trans­pa­renz aus­stat­ten, müs­sen natür­lich unter ihrer Last zusam­men­bre­chen. Am trau­rigs­ten und zugleich beson­ders evi­dent wird das, wenn ein Song so direkt einer Per­son zuge­ord­net wird, dass das Lacan’sche Dik­tum, wonach das Sub­jekt immer im Futur II exis­tiert, sich nicht nur voll­endet, son­dern die­ses Futur II, der auf eine Zukunft, die Ver­gan­gen­heit gewor­den ist, gerich­te­te Ent­wurf, von dem Ent­wer­fen­den wie­der­erkannt wird.(98f.)

Als drit­tes ist übri­gens zum Start der book­let-Rei­he noch ein Text von Dani­el Esch­köt­ter zu „The Wire“ erschie­nen. Aber damit – also mit „The Wire“ – kann ich bis­her gar nichts anfangen.

Simon Rot­höh­ler: The West Wing. Zürich: dia­pha­nes 2012 (book­let). 96 Sei­ten. 10 Euro. ISBN 9783037342121.
Died­rich Diede­rich­sen: The Sopra­nos. Zürich: dia­pha­nes 2012 (book­let). 112 Sei­ten. 10 Euro. ISBN 9783037342114.

Nationalmusikerexperimente: Beethoven, Sibelius & Nielsen

Beet­ho­ven wur­de erst nach sei­nem Tod zum urdeut­schen Kom­po­nis­ten. Carl Niel­sen und Jean Sibe­l­i­us waren schon zu Leb­zei­ten natio­na­le Iko­nen. Beson­ders bei Sibe­l­i­us wird das ganz deut­lich: Die fin­ni­sche Regie­rung gab zu sei­nem 50. Geburts­tag die Kom­po­si­ti­on einer Sym­pho­nie – es wird sei­ne fünf­te – in Auf­trag. Im 9. Sin­fo­nie­kon­zert des Staats­thea­ters erklang sie zusam­men mit der Heli­os-Ouver­tü­re von Carl Niel­sen und dem vier­ten Kla­vier­kon­zert von Beet­ho­ven. Also nicht nur drei ver­schie­de­ne Natio­nal­mu­si­ken, son­dern auch Wer­ke, die mit ihren For­men expe­ri­men­tie­ren. Beet­ho­vens vier­tes Kla­vier­kon­zert ist genau dafür berühmt: Das es neue Mög­lich­kei­ten des Zusam­men­spiels von kon­zer­tie­ren­dem Kla­vier und Orches­ter erprobt. Die Solis­tin in Mainz, Anna Vin­nit­ska­ya posi­tio­niert sich da sehr ein­deu­tig: Schon mit ihren ers­ten ein­lei­ten­den Tak­ten, von Beet­ho­ven erst­mals dem Kla­vier allei­ne anver­traut, zeigt sie sich als über­le­ge­ne Kraft. Nir­gends­wo wird das so deut­lich wie im zwei­ten Satz: Vin­nit­ska­ya spielt das Phil­har­mo­ni­sche Staats­or­ches­ter in Grund und Boden – ganz wie der Kom­po­nist es dach­te. Und nicht etwas, weil Phil­har­mo­ni­sche Orches­ter so schlecht wäre. Nein, die Par­ti­tur ver­langt das gera­de zu. Das wird aber nicht immer so deut­lich wie bei Anna Vin­nit­ska­ya. Ihre Prä­zi­si­on auf allen Ebe­nen macht das mög­lich: Die genau gestuf­te Ton­ge­bung, die über­le­gen ein­ge­setz­te Arti­ku­la­ti­on und ihre natür­li­che Phra­sie­rung bestechen immer wie­der durch hohe Genau­ig­keit, die sich auch im Orches­ter­part wiederfindet.

Denn das Phil­har­mo­ni­sche Staats­or­ches­ter ist kurz vor der Som­mer­pau­se in her­vor­ra­gen­der Form. Das zeig­te schon die kla­re Ton­spra­che der Heli­os-Ouver­tü­re von Carl Niel­sen am Beginn, vor allem aber die fünf­te Sym­pho­nie von Jean Sibe­l­i­us. Er selbst hat sie mal als eine ein­zi­ge, auf den Tri­umph des Schlus­ses aus­ge­rich­te­te Stei­ge­rung beschrie­ben. Und das passt auch auf die Main­zer Auf­füh­rung. Denn Diri­gent Her­mann Bäu­mer zeigt in hörens­wer­ter Klar­heit die Moder­ni­tät der vor fast hun­dert Jah­ren ent­wor­fe­nen Musik. Das beginnt mit der ver­schlei­er­ten Form des ers­ten Sat­zes und erstreckt sich bis in den letz­ten Schluss­klang. Vor allem aber wird Sibe­l­i­us Fünf­te im Thea­ter ein klang­li­ches Fest: Von den fan­tas­tisch klar und ein­präg­sam klin­gen­den ers­ten Abschnit­ten der Holz­blä­ser am Beginn bis zu der gran­di­os unge­heu­er­li­chen Span­nung des letz­ten Sat­zes, die bis in den aller­letz­ten Moment der irr­sin­nig zer­ri­schenen Schluss­ak­kor­de reicht: Unter Bäu­mers Hän­den wird die Par­ti­tur plas­tisch und leben­dig, wie ein erweck­ter Orga­nis­mus, wie zu Leben gekom­me­ne Ideen und wie eine voll­kom­me­ne Nach­bil­dung des mys­ti­schen Natur­er­leb­nis, das Sibe­l­i­us zu die­ser Musik inspirierte.

(geschrie­ben für die Main­zer Rhein-Zeitung.) 

Taglied 3.7.2012

Heu­te was pas­sen­des zur Tages-(bzw. Nacht-)Zeit:


Beim Kli­cken auf das und beim Abspie­len des von You­Tube ein­ge­bet­te­ten Vide­os wer­den (u. U. per­so­nen­be­zo­ge­ne) Daten wie die IP-Adres­se an You­Tube übertragen.

Unboxing eines Kunstwerkes

Unboxing ist ja eigent­lich ein Sport/​Hobby, das sich vor allem bei elek­tro­ni­schen Gerä­ten aus­tobt. Ich habe das lett­zens mal mit einem Kunst­werk gemacht – einem Kunst­werk, zu des­sen Gehalt und Wert ich noch nichts sagen kann (das kommt spä­ter …), das aber immer­hin mit erheb­li­chem Anspruch daher­kommt: XO von Fran­cis Nenik. Das ist kein Buch, son­dern eine Lose­blatt­samm­lung (die übri­gens unter eine CC-Lizenz steht und auch kos­ten­los zugäng­lich ist) mit Text-Tei­len,1 ver­packt in einem Kar­ton, der Teil des Tex­tes ist und so wei­ter – ich lie­be ja sol­che Meta-Spielereien.

Show 1 footnote

  1. Die Idee, die linea­re Lek­tü­re von erzäh­len­den Tex­ten auf­zu­bre­chen, ist ja nicht so wahn­sin­nig neu. Zuletzt den­ke ich da etwa an Benja­min SteinsLein­wand“, die nicht nur die Lek­tü­re­rei­hen­fol­ge der zwei Groß­tei­le in die Ent­schei­dung des Leser stellt, son­dern aus­drück­lich das Wech­seln auch zwi­schen den Tei­len ermu­tigt und vor­schlägt. Oder an Aka Mor­chil­ad­ze, des­sen „San­ta Espe­ran­za“ auch durch die Ver­pa­ckung auf­fällt: eine Tasche mit 36 beli­big kom­bi­nier­ba­ren Ein­zel­hef­ten. Nicht zuletzt kann man auch Kaf­kas „Pro­cess“ so lesen, zumin­dest in der Aus­ga­be bei Wagen­bach, die sich der edi­to­ri­schen Ent­schei­dung der Anord­nung der Text­hef­te Kaf­kas ver­wei­gert. Man sieht: Es gibt also nichts Neu­es unter der Son­ne …

Lieblingstweets Juni 2012

[black­bird­pie id=„208442721541685248“] [black­bird­pie id=„209398963403620353“] [black­bird­pie id=„210687671981441026“] [black­bird­pie id=„210988272334274561“] [black­bird­pie id=„211549588375617536“] [black­bird­pie id=„212263238883221504“] [black­bird­pie id=„213360232481554433“] [black­bird­pie id=„213915237391417344“] [black­bird­pie id=„214679053653913600“] [black­bird­pie id=„216200738689396736“] [black­bird­pie id=„217640504827977728“] [black­bird­pie id=„217930876380655616“] [black­bird­pie id=„217942380953874433“] [black­bird­pie id=„218431616983367680“]

Taglied 1.7.2012


Beim Kli­cken auf das und beim Abspie­len des von You­Tube ein­ge­bet­te­ten Vide­os wer­den (u. U. per­so­nen­be­zo­ge­ne) Daten wie die IP-Adres­se an You­Tube übertragen.

Taglied 30.6.2012

Zum Monats­aus­klang etwas Beru­hi­gung – Borah Berg­mans „Medi­ta­ti­on 1f or Piano“:

Borah Berg­man – Medi­ta­ti­on 1

Beim Kli­cken auf das und beim Abspie­len des von You­Tube ein­ge­bet­te­ten Vide­os wer­den (u. U. per­so­nen­be­zo­ge­ne) Daten wie die IP-Adres­se an You­Tube übertragen.

Taglied 29.6.2012

Zu Ehren des größ­ten Main­zer Schrift­stel­lers – Ror Wolf – eine Visua­li­se­rung zu einem sei­ner Fußball-Hörspiele:

Öster­reich – Deutsch­land, WM 78. Cor­do­ba Juni 13.45 Uhr – Teil 1

Beim Kli­cken auf das und beim Abspie­len des von You­Tube ein­ge­bet­te­ten Vide­os wer­den (u. U. per­so­nen­be­zo­ge­ne) Daten wie die IP-Adres­se an You­Tube übertragen.

Cor­do­ba Juni 13.45 Uhr Teil 2

Beim Kli­cken auf das und beim Abspie­len des von You­Tube ein­ge­bet­te­ten Vide­os wer­den (u. U. per­so­nen­be­zo­ge­ne) Daten wie die IP-Adres­se an You­Tube übertragen.

Cor­do­ba Juni 13.45 Uhr Teil 3

Beim Kli­cken auf das und beim Abspie­len des von You­Tube ein­ge­bet­te­ten Vide­os wer­den (u. U. per­so­nen­be­zo­ge­ne) Daten wie die IP-Adres­se an You­Tube übertragen.

Taglied 28.6.2012

Ein dop­pel­ter Klassiker:

DubX­an­ne – Wal­king On The Moon

Beim Kli­cken auf das und beim Abspie­len des von You­Tube ein­ge­bet­te­ten Vide­os wer­den (u. U. per­so­nen­be­zo­ge­ne) Daten wie die IP-Adres­se an You­Tube übertragen.

Seite 113 von 208

Präsentiert von WordPress & Theme erstellt von Anders Norén