Ich ging im Felde So für mich hin, Und nichts zu suchen, Das war mein Sinn.
Da stand ein Blümchen Sogleich so nah, Daß ich im Leben Nichts lieber sah.
Ich wollt es brechen, Da sagt’ es schleunig: Ich habe Wurzeln, Die sind gar heimlich.
Im tiefen Boden Bin ich gegründet; Drum sind die Blüten So schön geründet.
Ich kann nicht liebeln, Ich kann nicht schranzen; Mußt mich nicht brechen, Mußt mich verpflanzen. – Ich ging im Walde So vor mich hin; Ich war so heiter, Wollt immer weiter – Das war mein Sinn.
Ich bin unterwältigt. Aber es ist für mich schwierig, zu Jan Wagners Gedichten eine kohärente Position zu finden. Seinen ersten Band, Probebohrung im Himmel, habe ich mit großem Vergnügen gelesen und sehr gemocht. Bei Australien war ich schon nicht mehr so sicher, ob das Lyrik ist, die mir zusagt. Bei den Regentonnenvariationen bin ich jetzt ziemlich sicher: Das ist Lyrik, mit der ich nur wenig anfangen kann.
Das heißt aber auf keinen Fall, dass sie „schlecht“ ist. Denn ein Könner ist Jan Wagner sicherlich. Ihm gelingen immer wieder, auch in den Regentonnenvariationen, einfach wunderschöne Gedichte, die faszinierende Beobachtungen versprachlichen. Aber, und das ist für mich als Leser ein ziemlich großes Aber, das war’s dann auch schon. Denn trotz der Schönheit der Gedichte einerseits verspüre ich beim Lesen andererseits vor allem eines: Langeweile, gähnende Langeweile.
Woran liegt es, dass ich mich zu keinem echten Lob verführen lassen kann? Ich glaube, es hängt mit der Position des Autors, die sich in den Gedichten zeigt, zusammen – mit seiner Stellung zur Welt, die sich in den Gedichten immer wieder ausdrückt. Da geht es vor allem um die Schönheit der Umwelt. Aber das bietet mir zu viel Glätte und zu wenig Überraschung und Verblüffung. Manches scheint mir fast peinlich banal, wie etwa „laken“ oder „melde“ (die auch noch aufeinander folgen), die sich beide (wie leider viele andere Gedichte auch) im Bestätigen des Bestehenden erschöpfen. Das wird zwar durch schöne Sprache an der Oberfläche aufgehübscht, verrät aber eben einen gesättigten Blick auf die Welt: Da stört nichts, da ist irgendwie schon alles so in Ordnung, wie es ist – und es ist auch alles gut so, wie es ist und wie man es sehen und beschreiben kann. Man muss also nur richtig hinschauen, um die Schönheit der Dinge, Tiere, Pflanzen und Landschaften zu erkennen. Denn darum geht es Wagner offenbar: Um die Poetisierung der Welt (man könnte meinen, er hätte sich den Slogan des J.-Frank-Verlages ausgeliehen …). Das ist aber eben fast immer auch eine poetische Verklärung der Tiere und Pflanzen und Dinge, die ich oft als leichte Melancholie, als eine zumindest unterschwellige Sehnsucht nach Vergangenem lese (wie etwa in „der letzte von zanigrad“). Anderthalb Verse von Seite 69 scheinen mir das ganz gut auf den Punkt zu bringen:
wieder geht dein blick zurück zu dem detail
Und da bleiben der Blick und seine Sprache dann meistens auch: Im Detail – das heißt, in der Beobachtung eines kleinsten Ausschnittes der Welt, der mit dem Rest nicht in Verbindung kommt (und auch nicht mit dem Beobachter, dessen Rolle zu selten reflektiert wird).
Vieles lese ich dabei – und möglicherweise bin ich da zu einseitig – als zumindest tendenzielle Verklärung des Rückzugs, eines Rückzgs ins Private, in sich selbst, in den Kokon der Vergangenheit oder überhaupt in die Idylle … Deutlich wird dieser Innerlichkeitsgestus an vielen Stellen, exemplarisch etwa in den Schlussversen von „portafortuna“ (Seite 48):
doch da war ein moment und das gefühl, daß etwas sich im innersten verband,
mich ahnen ließ, was mir für alle tage erhalten bleibt, was ich stets in mir trage.
Das ist poetischer Eskapismus, ein Rückzug in die Gemütlichkeit des trauten Heims (mit seinem Garten und dem entsprechenden Gekreuche und Gefleuche) – und deshalb langweilig.
Auch anderes erschloss sich mir nicht so recht. Die Vorliebe Wagners für Sonette (und einige andere traditionelle Formen) etwa: Die sind hier zwar als Form erkennbar, aber eben doch leer (und auch ohne Reim und Metrum, eigentlich ist vom Sonett nur die Anzahl und Anordnung der Versgruppen (4+4+3+3) übrig geblieben): Dass er sich dieser Form bedient, scheint mir eher Zufall zu sein, oder ein Verweis auf Kenntnisse und Fähigkeiten des Dichters, aber nicht im Gedicht motiviert. Man darf das als Leser erkennen – aber was macht man dann damit? Mir ist keine vernünftige, weiterführende Deutung oder Erklärung eingefallen, warum etwa der „giersch“ oder der „nagel“ gerade in Sonetten gepriesen werden.
Auffallend ist ja auch, dass nur ganz wenig Menschen auftauchen: In einigen Gedichten gibt es ein sehr unspezifisches „wir“, fast nie aber andere Personen als den Beobachter/die Beobachterin, die dadurch eine Gott-ähnliche Stellung in diesem Universum der unbelebten und belebten Dinge hat: Beseeltes gibt es außer ihr (um das etwas auf die Spitze zu treiben) offenbar nicht.
Vielleicht liegt meine eher ablehende Lektüre auch darin begründet, dass ich in letzter Zeit offenbar Lyrik bevorzuge, die stärker mit den Eigenheiten der Sprache als Zeichen- und Bedeutungssystem arbeitet, die ihre eigene Grundlage in der Sprache hinterfragt und damit experimentiert und spielt. Das kann man Wagner natürlich nicht vorwerfen, sein „Dichtungsanlass“, um das mal so geschwollen auszudrücken, ist offenbar ein anderer. Aber wenn ich dann Gedichte wie das „requiem für einen friseur“ lese, merke ich sehr deutlich, dass diese Literatur meine Sache nicht ist. Das fängt so an:
weil montags alles ruht, nun alles montag bleibt, verhängt die spiegel. nehmt der schere ihren schneid.
und mäandert sich dann eine Weile durch den verlassenen Friseursalon und die dort früher ausgeübten Tätigkeiten (mit der „große[n] orgel aus fönen“), um dann tatsächlich so zu schließen:
[…] und wer innehält nicht länger weis, was es zu finden gilt, wonach zu suchen, nur daß die haare weiter wachsen, weiter wuchern.
Das klingt jetzt alles ablehender und negativer, als ich es eigentlich haben wollte. Aber das liegt wohl daran, dass die Gedichte der Regentonnenvariationen mich einfach nicht (genug) berühren – und dann fallen mir eher die Probleme auf, dich ich beim Lesen damit habe, als die schönen und gelungenen Momente, die es freilich genauso gibt: Schlecht ist das nicht alles, nur oft falsch. Aber nun ja, da lese ich dann doch lieber noch ein bisschen in Elke Erbs neuestem roughbook …
Jan Wagner: Regentonnenvariationen. Gedichte. München: Hanser Berlin 2014. 103 Seiten. ISBN 9783446246461
Klaus Wagenbach (Hrsg.): Störung im Betriebsablauf. 77 kurze Geschichten für den öffenlichen Nahverkehr. Berlin: Wagenbach 2014. 143 Seiten.
Eine lustige Edition ist das, die mir zufällig im Buchladen in die Augen und Hände gefallen ist: Klaus Wagenbach hat kleine Texte gesammelt, für die Lektüre unterwegs im ÖPNV. Der Zweck bestimmt auch die Ordnung der Texte nach Anlass und Länge: Kurzstrecken, Bahnhof, Zwei Stationen etc. sind die Kapitel überschrieben. Hinter der witzigen und sympathischen Idee steckt aber vor allem eine schöne und vielfältige Sammlung größtenteils großartiger Kurzprosa: Kurzgeschichten, Parabeln, Anekdoten, Fabeln und vieles mehr. Wagenbachs Auswahl beweist ein sehr hohes Qualitätsniveau ohne Ausreißer: Das ist einfach gut ausgesucht. Und vieles Bekanntes ist dabei, natürlich – aber auch einiges Überraschendes, Unerwartetes. Und auch beim Wiederlesen entwickelt so manches in diesem Zusammenhang neue Aspekte. Das kleine Bändchen ist wirklich eine vortreffliche Lektüre für die Zeit des Bewegt-Werdens – da wünscht man sich manchmal beinahe eine tatsächliche „Störung im Betriebsablauf“ …
Ulrike Almut Sandig: Buch gegen das Verschwinden. Geschichten. Frankfurt am Main: Schöffling 2015. 207 Seiten.
„Es ist so leicht zu verschwinden.“ (35) Das ist das ganze Problem. Denn wir Menschen sind tatsächlich kaum mehr als ein Gras im Wind – einmal hier, bald wieder weg. Und darum geht es in diesem Geschichten-Band (ausdrücklich nicht Erzählungen!): Um das Verschwinden, um das Vergessen. Und darum, wie sich das (vielleicht) doch verhindern oder aufschieben lässt – mit dem Erzählen zum Beispiel. Aber wer sagt dann, dass das Erzählte was mit der vergangenen/verschwundenen Realität zu tun hat? Doch: Das ist keine philosophische Abhandlung, kein Essay – und will es auch gar nicht sein. Sondern eine Feier des Erzählens. Denn Sandig ist eine großartige Erzählerin, deren breites stilistisches Repertoire und deren Sprache ich sehr mag (das war auch schon bei den Flamingos so!). Ich zitiere aus Faulheit mal die Verlagswebseite:
Ein junger Journalist versucht inmitten der Unruhen um den Istanbuler Gezi-Park die Erwartungen seiner Mutter abzuschütteln, die nach dem Mauerfall 1989 das Reisefieber gepackt hat. Ein Wanderer geht während eines Schneesturms in den uralten verwunschenen Wäldern des Engadin verloren. Ein kleines Mädchen wird zum nächsten Venusdurchgang von der Großmutter ans Ende der Welt geflogen. Wohin ihre Spuren führen, ist eines der vielen Rätsel dieser Geschichten.
Rätsel weisen Sandigs Geschichten immer wieder auf. Aber keine Spannungs- oder Krimi-Rätsel, sondern Rätsel, die auf die Frage nach der Wahrheit, der Wirklichkeit der Vergangenheit und der Erinnerung verweisen. Mir ist dann die eigentlich Geschichte oft gar nicht so wichtig – ob es nun um einen Witwer geht, der sich und seine Einsamkeit sowie seine fortschreitende Demenz beobachtet, um einen jungen Journalisten, die Wanderer im Engadin, die den mythisch-verklärten Tamangur-Wald entdecken wollen – die Hauptsache ist immer wieder das Erzählen selbst.
Ja, an diesem Tag und in dieser Minute findet sie plötzlich, dass sie sich diese Geschichte immer wieder anhören könnte und immer wieder in der jeweils aktuellen Version, und jeder Version würde sie Glauben schenken, wohl wissend, dass wir, jede Einzelne von uns, die Erzählerinnen unserer eigenen Geschichten sind und dass es nicht darauf ankommt, was in Wirklichkeit passiert ist, solange wir eine Version haben, die uns das Leben und alle, die darin verschwinden, erträglicher macht. (36f.)
Es gibt auch ein nett gemachtes „Video zum Buch“ von Harald Opel:
Ulrike Almut Sandig – Buch gegen das Verschwinden
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Joachim Zelter: Wiedersehen. Tübingen: Klöpfer und Meyer 2015. 126 Seiten.
Offiziell als „Novelle“ betitelt – und das haut auch hin. Ein kurzer Text für zwischendurch (die 126 Seiten sind recht großzügig gesetzt), mit hohem Spaßfaktor: Der Lieblingsschüler Arnold Litten trifft nach zwanzig Jahren wieder auf seinen immer schon etwas kauzigen Lieblingslehrer Thorsten Korthausen, der ihn, der mittlerweile zum Germanistik-Professor (vermutlich …) geworden ist, damals im Fach Deutsch unterrichtet und für die Literatur begeistert hat. Im Rückblick tauchen die sehr ungewöhnlichen Lehrmethoden Korthausens noch einmal auf (die jeder Ordnung, Vergleichbarkeit oder Planmäßigkeit spotten, aber natürlich höchst genial waren und alle Schülerinnen und Schüler enorm begeisterten …). Jetzt also das Wiedersehen, auf einer von Korthausen extra dafür ausgerichteten Party, bei der Litten auch noch ohne Vorwarnung einen Vortrag halten soll. Das alles geht, fast erwartungsgemäß, fürchterlich schief und gibt allen, vor allem aber Litten selbst, gründlich Gelegenheit, sich selbst, ihre Stellung und ihrer (Lebens-)Ziele, aber auch die gemeinsame Vergangenheit, noch einmal gründlich zu überdenken. Das ist alles sehr liebevoll geschildert, mit wunderbaren Typen (gerade die Nebenfiguren sind herrlich). Die konfrontative Situation steigert sich immer mehr, bis das Ganze schließlich in eine ziemlich wilde Groteske umkippt. Kurz vor dem Schluss (der noch einmal eine absolut unnötige „überraschende Wendung“ bietet) heißt es dann:
Er hätte niemals hierherkommen dürfen. […] Dass es ein Fehler sei, einen Menschen wie Korthausen nach über zwanzig Jahren einfach wiederzusehen. Dass man dabei nur verlieren kann, zuerste einen geliebten Lehrer udn dann sich selbst. Dass man sich dadurch seiner grundlegensten Ebenen beraubt. Und seiner schönsten Bilder. (125)
„Gedichte“ stimmt hier gerade so – es sind nämlich genau zwei Langgedichte, die in diesem kleinen Bänchen zu finden sind: „Werichbin“ (das scheint die bevorzugte Schreibweise des Titels zu sein) und „Über das Zusammenfügen von Teilen“. Beide sind wieder typische Böhmer-Schöpfungen: Auf Mittelachse stehen diese Texttürme, ohne Reim oder festes Metrum, sind sie fortlaufende Ketten von Einfällen und Assoziationen. Formgebend ist beim Titelgedicht „Wer ich bin“ zum Beispiel das „Wie“ – „So“ und „Daß“ am Beginn der einzelnen Versgruppen in den drei Teilen des Titelgedichts.
Wer diesen (Vor-)Namen trägt, muss vielleicht so schreiben: voller Bildgewalt, voller Wissen, immer alles wollend und auch alles sagen wollend, Texte voller Welthaltigkeit (oder vielleicht auch Weltallhaltigkeit?) und Sprachbeherrschung produzierend. Auch „Werichbin“ überwältigt mit dieser Vielfalt, wie immer bei Böhmer ist das alles kaum fassbar. Seine Gedichte hinterlassen bei mir den Eindruck von Größe und auch Erhabenheit (das mag mit dem hymnischen Ton seiner Lyrik zusammenhängen), von Sprachgewalt und wissender Klugheit, die den Leser emporzuheben scheint (auch wenn ich nicht unbedingt sagen könnte, wohin – oder was ich daraus „gelernt“ hätte): Man kann – und das behaupte ich ja gerne von guten Kunstwerken – das nicht lesen (bzw. sehen oder hören), ohne danach ein anderer Mensch zu sein. Und hat immer etwas von permanenter Überforderung: Ich habe beim Lesen immer das Gefühl, dass mir viel entgeht – zugleich aber auch den Eindruck, dass ich ganz viel davon habe, das jetzt zu lesen. Michael Braun hat in seiner Rezension wohl nicht ganz zu Unrecht darauf hingewiesen, dass Böhmers Lyrik als „Überfluss-Produktion“ funktioniere. Das macht sie aber eben schwierig und faszinierend zugleich … Das kleine Bändchen – sozusagen Böhmer für Einsteiger (Kaddish ist da allein wegen seines Umfangs ja schon abschreckender …) – enthält außer den beiden Gedichten noch ein kurzes Nachwort (das mir wenig brachte) und drei Collagen – eine bunte vom Autor auf dem Umschlag, eine schwarz-weiße von ihm im Vorsatz und eine weitere von Lydia Böhmer zu Beginn von „Über das Zusammenfügen von Teilen“.
Marc Degens: Fuckin Sushi. Köln: DuMont 2014. 320 Seiten.
Ein tolles Buch übers Erwachsenwerden in Bonn, die Musik (und den Alkohol), das Leben und den ganzen Rest: intelligent ausgedacht, schnell und flott geschrieben und auch zügig gelesen – und zudem gibt es einereichhaltigecrossmedialeBegleitung für die, die so etwas mögen – die fängt übrigens mit Playlists des Protagonisten (u.a. sein erster Ipod mit „langer“ Musik) schon im Buch selbst an. Mehr zu dieser Leseempfehlung gibt es in einem eigenen Text, nämlich hier.
Ulrich Lappenküper & Ulf Morgenstern (Hrsg.): Dem Otto sein Leben von Bismarck. Die besten Anekdoten über den Eisernen Kanzler. München: Beck 2015. 128 Seiten.
Der Titel ist natürlich selten dämlich. Wieso sich der Beck-Verlag zu so einem Unsinn hinreißen lassen hat, verstehe ich nicht. Denn das Büchlein hat ja durchaus einen hohen Anspruch. Sicher, es geht um Anekdoten. Aber die sollen viel leisten, wie die beiden Herausgeber in der Einleitung betonen:
[…] hegen die Herausgeber die Hoffnung, mitels der hier versammelten Äußerungen von und über Bismarck seiner Persönlichkeit näher zu kommen, als es manch tiefgründige historische Darstellung vermag. (8)
Ich halte das prinzipiell für gewagt und im Falle dieser kleinen Sammlung auch für nicht erfüllt. So viel also zum Negativen. Was bleibt dann? Eine kuriose Sammlung von mehr oder minder amüsanten Begegnungen, Begebenheiten und Erinnerungen Bismarcks und seines Umfeldes. Die ersten Jahre sind naturgemäß schwach vertreten und gerade dort bleibt der Protagonist auch blass, wenn auch seine Genialität natürlich (schließlich wurden die Anekdoten alle Jahrzehnte später niedergeschrieben) schon allen Verständigen sichtbar war. Überhaupt entsteht hier das Bild eines Bismarck, der nicht so sehr „Eiserner Kanzler“ war, sondern vor allem ein gewitzter Draufgänger. Das liegt natürlich (auch) in der Natur der hier versammelten Quellen begründet – wie wahr das ist, kann ich nicht wirklich beurteilen. Feststellen lässt sich aber auch ohne detaillierte Bismarck-Kenntnisse die Neigung zur frühen und ziemlich vollständigen (Selbst-)Stilisierung.
Daneben werden aber durchaus auch schöne Begebenheiten hier berichtet. Zum Beispiel über die Rolle des Rauchens im Frankfuter Bundestag, das schnell als Rangmerkmal, als Statussymbol entdeckt wird (wer darf in den Sitzungen rauchen?) und das fast genauso schnell seine Untauglichkeit dafür erweist, weil schließlich (nahezu) alle rauchen, selbst wenn sie, d.h. die Gesandten, es nur unter größtem persönlichem Widerwillen tun. Auch schön: Bismarcks etwas dämlicher Feldzug gegen die Antiqua-Drucke und sein Bestehen auf Fraktur-Schriften für den Dienstgebrauch. Und hier darf natürlich nicht fehlen: Sein Widerstand gegen die Einführung einer neuen Rechtschreibung (1876). Dazu heißt es in diesem Bändchen, das alles in allem doch eine nette Lektüre für zwischendurch ist:
Er sprach mit wahrem Ingrimm über die Versuche, eine neue Orthographie einzuführen. Er werde jeden Diplomaten in eine Ordnungsstrafe nehmen, welcher sich derselben bediene. Man mute dem Menschen zu, sich an neue Maße, Gewichte, Münzen zu gewöhnen, verwirre alle gewohnten Begriffe, und nun wolle man auch noch eine Sprachkonfusion einführen. Das sei unerträglich. Beim Lesen auch noch Zeit zu verlieren, um sich zu besinnen, welchen Begriff das Zeichen ausdrücke, sei eine unerhörte Zumutung. Ebenso sei es Unsinn, Deutsch mit lateinischen Lettern zu schreiben und zu drucken, was er sich in seinen dienstlichen Beziehungen verbitten werde, solange er noch etwas zu sagen habe. (79)
Bertolt Brecht: Der gute Mensch von Sezuan. Parabelstück. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1964. 144. Seiten.
Gottfried Immanuel Wenzel: Verbrechen aus Infamie. Eine theatralische Menschenschilderung für Richter und Psichologen in drei Akten. Mit einem Nachwort herausgegeben von Alexander Kosenina. Hannover: Wehrhahn 2014 [1788] (Theatertexte, Bd. 43). 64 Seiten.
Das ist – man muss es so direkt sagen – ein grandioses Buch. Vielleicht liegt das gerade an seiner Unscheinbarkeit. Denn eigentlich erzählt Marc Degens etwas, das man so ähnlich schon tausendmal (und in letzter Zeit auch gehäuft) lesen konnte: Das Erwachsenwerden in der Provinz. Nun gut, Provinz ist für Bonn vielleicht zu bösartig, aber es trifft das Gefühl des Protagonisten Niels. Der ist 17 Jahre alt, gerade mit seinen Eltern (von denen wir sehr wenig erfahren) von Gelsenkirchen nach Bonn umgesiedelt und widmet sich zunehmend der Musik. Zunächst vor allem hörend – und zwar nur lange Lieder, keine kurzen (Hit-)Songs -, bald aber auch, zusammen mit seinem Freund René bzw. R@ selbst musizierend. Die starten, das wird nicht so ganz klar, entweder als Genies oder als eine Art „Geniale Dilletanten“ mit einer Mischung aus Konzert, Performance und Happening vor dem Café, das Heino gehört. Daraus entwickelt sich dann schnell großes, nämlich „Fuckin Sushi“, zunächst als Trio, dann als Quartett, und am Schluss wieder als Trio – dann aber ohne Niels. Dazwischen steht ein mehrmonatiger Rausch an und mit der Musik (und jede Menge Alkohol und Zigaretten …). „Fuckin Sushi“ landet mehr oder weniger zufällig einen You-Tube-Hit, tingelt kurz durch Deutschland, zerstreitet sich, zerfällt an Querelen und der Uneinigkeit über die Ausrichtung der Band. Niels verkraftet den Ausschluss nicht so gut, unternimmt auch einen Pseudo-Selbstmordversuch im Hochwasser des Rheins, gammelt lange vor sich hin und findet sich schließlich – wiederum mit Hilfe einer Frau – in New York, wo er sich als Schriftsteller neu erfindet, der Fuckin Sushi niederschreibt.
Das klingt, so erzählt, banal und langweilig. Das Entscheidende am Roman von Marc Degens ist aber das Wie des Erzählens, vor allem seine Sprache: Die ist direkt und unverfälscht – sie lässt den Leser in den Rausch und die Glückseligkeit des Musikmachens sehr unmittelbar eintauchen. Und sie lässt ihn auch die Schwierigkeiten des Älter- oder Erwachsenwerdens von Niels sozusagen hautnah miterleben. Dass Fuckin Sushi nebenbei auch noch eine ziemlich realistische Schilderung der BRD am Anfang des 21. Jahrhunderts, insbesondere Bonns und Umgebung, ist, kann man als nette Zugabe verbuchen. Wichtiger ist aber das Tempo, der Drive und der Witz, mit dem Degens erzählt. Der Kritiker der „taz“, Jens Uthoff, hat das sehr gut auf den Punkt gebracht: „Über weite Strecken ist Fuckin Sushi eine spannend geschriebene Hommage an das Unreglementierte, das Unreflektierte, das Jungfräuliche der Jugend – wobei auch diesbezüglich die Zwischentöne, ein heute anders erlebtes „No future“, stimmen.“
So laut die Band „Fuckin Sushi“ ist, so leise kommt – und doch ziemlich erwartbar – das Ende: Es kommt, wie es kommen muss, die Band zerstreitet sich, Niels wird rausgeworfen, weil, das klang vorher schon immer wieder an, die Band sich stärker an Hits und Rezipienten orientiert und die Begeisterung und das empathische Aufgehen im Akt des Musizierens in den Hintergrund gerät. Damit – und mit den Depressionen Niels’ – gerät allerdings auch das zentrale Prinzip von „Fuckin Sushi“ in Bedrängnis: Mit dem „Abrentnern“ ist es sowohl bei der Band als auch bei Niels nicht mehr so weit her. Dabei klang das vorher doch noch nach so einer tollen Idee: „Weltfrieden und Abrentnern sofort“ ist nicht nur der Slogan der Band, sondern auch ein Ideal ihrer Protagonisten, zumindest von Niels. Der formuliert einmal sehr treffend:
»Abrentern ist gut«, sagte ich warnend. »Aber man darf auf keinen Fall veradenauern.« (269)
Nach der begeisterten Begleitschreiben-Rezension musste ich das auch lesen. Und ich kann Gregor Keuschnig ziemlich vollkommen zustimmen, deswegen brauche ich das hier nicht noch mal alles auszubreiten: Das ist ein guter Roman. Sicher, Degens fokussiert das sehr stark auf seinen Protagonisten Niels. Das hat etwas vom Tunnelblick: alles, was nicht mit ihm, R@ und vor allem eben der Musik, also in erster Linie „Fuckin Sushi“, zu tun hat, wird ziemlich radikal ausgeblendet oder zumindest an den Rand gedrängt. Es geht dem Rest der Figuren (und auch des Lebens Niels) dabei ein bisschen so wie den Band-Mitgliedern im Müll-Tower, ihrem ziemlich abgefuckten Proberaum: Nur sie sind zu erkennen, die Decke – das heißt die Umwelt – bleibt im undurchdringlichen Dunkel verborgen. Und im Müll-Tower wird es ja, ganz furchtbar symbolisch, auch immer dunkler und kälter, je weiter sich Niels und der Rest der Band von einander entfernen (diese etwas platte Symbolik ist nicht das stärkste Moment, aber andererseits auch nicht übermäßig aufdringlich) … Warum es aber diese seltsamen, halbherzigen Versuche gibt, dieses Dunkel zu durchbrechen, mit ziemlich aufwendigen Vorbereitungen und Einkäufen von extrastarken Taschenlampen (aber eben immer nur Taschenlampen, nie Scheinwerfern, obwohl Strom ja da wäre und für die Band-Instrumente ja auch nötig ist …) und so weiter, und zwar sowohl von Niels als auch von Lloyd, die aber beide damit irgendwie sehr vorhersehbar scheitern und diese Ausleuchtungsversuche dann auch nicht weiter verfolgen, bleibt mir recht unklar. Doch das nur nebenbei … Denn der Witz von Fuckin Sushi ist ja eher, dass es sich gar nicht übermäßig um tiefere Bedeutung, große Zusammenhänge, hohen Sinn bemüht, sondern genau die Suche eines jungen Erwachsenen, eines erwachsen werdenden Jugendlichen, nach diesen Zusammenhängen, nach einem Standpunkt, einer Deutung des Lebens, der Welt und des ganzen Rests genau und mitfühlend beschreibt, ohne sentimental oder flach zu werden. Darin liegt die große Stärke und nicht zuletzt das große Vergnügen von Degens’ Roman.
Bonn war eine schöne, alte Frau, in deren Gesicht an manchen Stellen der Schädel durchschien. Nicht durch die Prachtbauten wurde die Stadt veredelt, sondern durch den Schmutz und den Dreck. Die Fixer und Stricher am Hauptbahnhof waren das Geilste an Bonn. Sie schürten die Angst und die Angst war der Motor unserer Musik. Ohne Musik aber gab es nur noch Angst. (292)
Marc Degens: Fuckin Sushi. Köln: DuMont 2015. 320 Seiten. ISBN 9783832197476.[/su_box]
Ich hasse Bücher oder Schriften, die mit einem Geburtsdatum anfangen. Überhaupt hasse ich Bücher oder Schriften, in welchen biografisch-chronologisch vorgegangen wird, das erscheint mir als die geschmackloseste, gleichzeitig die ungeistigste Methode.
Freundlich sein. […] Man sollte es mit allen Mitteln versuchen. Man sollte immer ein paar Melodien im Kopf haben, daß man einfallslosen Straßengeigern Vorschläge machen kann.