Lesen. Hören. Und ein bisschen schreiben.

Kategorie: literatur Seite 9 von 38

Im Vorübergehn

Ich ging im Felde
So für mich hin,
Und nichts zu suchen,
Das war mein Sinn.

Da stand ein Blümchen
Sogleich so nah,
Daß ich im Leben
Nichts lie­ber sah.

Ich wollt es brechen,
Da sagt’ es schleunig:
Ich habe Wurzeln,
Die sind gar heimlich.

Im tie­fen Boden
Bin ich gegründet;
Drum sind die Blüten
So schön geründet.

Ich kann nicht liebeln,
Ich kann nicht schranzen;
Mußt mich nicht brechen,
Mußt mich verpflanzen.
 –
Ich ging im Walde
So vor mich hin;
Ich war so heiter,
Wollt immer weiter –
Das war mein Sinn.

—Johann Wolf­gang Goe­the, Im Vorübergehn

Kritiker

Das Recht eines Kri­ti­kers ist es, sei­ne Grund­sät­ze einen nach dem ande­ren zu ver­leug­nen, sei­ne Pflicht ist es, kei­ne Über­zeu­gung zu haben.

—Jules Renard, Das Leben wird über­schätzt, 5 [1890]

Wie kann man als Kri­ti­ker zuge­las­sen wer­den und nicht ein­mal die Recht­schrei­be­prü­fung abge­legt haben?

—Jules Renard, Das Leben wird über­schätzt, 59 [1909]

Mailied

Mailied

Wie herr­lich leuchtet
Mir die Natur!
Wie glänzt die Sonne!
Wie lacht die Flur!

Es drin­gen Blüten
Aus jedem Zweig,
Und tau­send Stimmen
Aus dem Gesträuch,

Und Freud’ und Wonne
Aus jeder Brust.
O Erd’! o Sonne!
O Glück! o Lust!

O Lieb’! o Liebe!
So golden-schön,
Wie Morgenwolken
Auf jenen Höhn!

Du seg­nest herrlich
Das fri­sche Feld,
Im Blütendampfe
Die vol­le Welt.

O Mäd­chen, Mädchen,
Wie lieb’ ich dich!
Wie blickt dein Auge!
Wie liebst du mich!

So liebt die Lerche
Gesang und Luft,
Und Morgenblumen
Den Himmelsduft,

Wie ich dich liebe
Mit war­mem Blut,
Die du mir Jugend
Und Freud’ und Mut

Zu neu­en Liedern
Und Tän­zen gibst.
Sei ewig glücklich,
Wie du mich liebst!

—Johann Wolf­gang Goethe

(Johann Wolf­gang von Goethe)

Gedichte

Gedich­te ohne Stu­di­en­ab­schluß zielen
Auf deut­sche Wid­mungs­spra­che, kalkulierte.
Total­aus­fäl­le, die ich stets verneinte. 

—Tho­mas Kunst, Wie Hei­del­berg dahin­ten artig glitzert

Abendlied zu Ostern

Geht nun Heim, bewahrt den Traum
den wir alle hatten:
Erde gibt für vie­le Raum,
so für Mensch und Tier und Baum,
Frie­de ist kein Schatten.

—Gerd Sem­mer, Abend­lied zu Ostern (1965[?])

Regentonnen, Seife und drei Esel: Jan Wagners „Regentonnenvariationen“

wagner, regentonnenvariationenIch bin unter­wäl­tigt. Aber es ist für mich schwie­rig, zu Jan Wag­ners Gedich­ten eine kohä­ren­te Posi­ti­on zu fin­den. Sei­nen ers­ten Band, Pro­be­boh­rung im Him­mel, habe ich mit gro­ßem Ver­gnü­gen gele­sen und sehr gemocht. Bei Aus­tra­li­en war ich schon nicht mehr so sicher, ob das Lyrik ist, die mir zusagt. Bei den Regen­ton­nen­va­ria­tio­nen bin ich jetzt ziem­lich sicher: Das ist Lyrik, mit der ich nur wenig anfan­gen kann. 

Das heißt aber auf kei­nen Fall, dass sie „schlecht“ ist. Denn ein Kön­ner ist Jan Wag­ner sicher­lich. Ihm gelin­gen immer wie­der, auch in den Regen­ton­nen­va­ria­tio­nen, ein­fach wun­der­schö­ne Gedich­te, die fas­zi­nie­ren­de Beob­ach­tun­gen ver­sprach­li­chen. Aber, und das ist für mich als Leser ein ziem­lich gro­ßes Aber, das war’s dann auch schon. Denn trotz der Schön­heit der Gedich­te einer­seits ver­spü­re ich beim Lesen ande­rer­seits vor allem eines: Lan­ge­wei­le, gäh­nen­de Langeweile.

Wor­an liegt es, dass ich mich zu kei­nem ech­ten Lob ver­füh­ren las­sen kann? Ich glau­be, es hängt mit der Posi­ti­on des Autors, die sich in den Gedich­ten zeigt, zusam­men – mit sei­ner Stel­lung zur Welt, die sich in den Gedich­ten immer wie­der aus­drückt. Da geht es vor allem um die Schön­heit der Umwelt. Aber das bie­tet mir zu viel Glät­te und zu wenig Über­ra­schung und Ver­blüf­fung. Man­ches scheint mir fast pein­lich banal, wie etwa „laken“ oder „mel­de“ (die auch noch auf­ein­an­der fol­gen), die sich bei­de (wie lei­der vie­le ande­re Gedich­te auch) im Bestä­ti­gen des Bestehen­den erschöp­fen. Das wird zwar durch schö­ne Spra­che an der Ober­flä­che auf­ge­hübscht, ver­rät aber eben einen gesät­tig­ten Blick auf die Welt: Da stört nichts, da ist irgend­wie schon alles so in Ord­nung, wie es ist – und es ist auch alles gut so, wie es ist und wie man es sehen und beschrei­ben kann. Man muss also nur rich­tig hin­schau­en, um die Schön­heit der Din­ge, Tie­re, Pflan­zen und Land­schaf­ten zu erken­nen. Denn dar­um geht es Wag­ner offen­bar: Um die Poe­ti­sie­rung der Welt (man könn­te mei­nen, er hät­te sich den Slo­gan des J.-Frank-Verlages aus­ge­lie­hen …). Das ist aber eben fast immer auch eine poe­ti­sche Ver­klä­rung der Tie­re und Pflan­zen und Din­ge, die ich oft als leich­te Melan­cho­lie, als eine zumin­dest unter­schwel­li­ge Sehn­sucht nach Ver­gan­ge­nem lese (wie etwa in „der letz­te von zani­grad“). Andert­halb Ver­se von Sei­te 69 schei­nen mir das ganz gut auf den Punkt zu bringen:

wie­der geht dein blick
zurück zu dem detail

Und da blei­ben der Blick und sei­ne Spra­che dann meis­tens auch: Im Detail – das heißt, in der Beob­ach­tung eines kleins­ten Aus­schnit­tes der Welt, der mit dem Rest nicht in Ver­bin­dung kommt (und auch nicht mit dem Beob­ach­ter, des­sen Rol­le zu sel­ten reflek­tiert wird).

Vie­les lese ich dabei – und mög­li­cher­wei­se bin ich da zu ein­sei­tig – als zumin­dest ten­den­zi­el­le Ver­klä­rung des Rück­zugs, eines Rückzgs ins Pri­va­te, in sich selbst, in den Kokon der Ver­gan­gen­heit oder über­haupt in die Idyl­le … Deut­lich wird die­ser Inner­lich­keits­ges­tus an vie­len Stel­len, exem­pla­risch etwa in den Schluss­ver­sen von „por­taf­or­tu­na“ (Sei­te 48):

doch da war ein moment und das gefühl,
daß etwas sich im inners­ten verband, 

mich ahnen ließ, was mir für alle tage
erhal­ten bleibt, was ich stets in mir trage.

Das ist poe­ti­scher Eska­pis­mus, ein Rück­zug in die Gemüt­lich­keit des trau­ten Heims (mit sei­nem Gar­ten und dem ent­spre­chen­den Gekreu­che und Gefleu­che) – und des­halb langweilig.

Auch ande­res erschloss sich mir nicht so recht. Die Vor­lie­be Wag­ners für Sonet­te (und eini­ge ande­re tra­di­tio­nel­le For­men) etwa: Die sind hier zwar als Form erkenn­bar, aber eben doch leer (und auch ohne Reim und Metrum, eigent­lich ist vom Sonett nur die Anzahl und Anord­nung der Vers­grup­pen (4+4+3+3) übrig geblie­ben): Dass er sich die­ser Form bedient, scheint mir eher Zufall zu sein, oder ein Ver­weis auf Kennt­nis­se und Fähig­kei­ten des Dich­ters, aber nicht im Gedicht moti­viert. Man darf das als Leser erken­nen – aber was macht man dann damit? Mir ist kei­ne ver­nünf­ti­ge, wei­ter­füh­ren­de Deu­tung oder Erklä­rung ein­ge­fal­len, war­um etwa der „giersch“ oder der „nagel“ gera­de in Sonet­ten geprie­sen werden.

Auf­fal­lend ist ja auch, dass nur ganz wenig Men­schen auf­tau­chen: In eini­gen Gedich­ten gibt es ein sehr unspe­zi­fi­sches „wir“, fast nie aber ande­re Per­so­nen als den Beobachter/​die Beob­ach­te­rin, die dadurch eine Gott-ähn­li­che Stel­lung in die­sem Uni­ver­sum der unbe­leb­ten und beleb­ten Din­ge hat: Beseel­tes gibt es außer ihr (um das etwas auf die Spit­ze zu trei­ben) offen­bar nicht.

Viel­leicht liegt mei­ne eher able­hen­de Lek­tü­re auch dar­in begrün­det, dass ich in letz­ter Zeit offen­bar Lyrik bevor­zu­ge, die stär­ker mit den Eigen­hei­ten der Spra­che als Zei­chen- und Bedeu­tungs­sys­tem arbei­tet, die ihre eige­ne Grund­la­ge in der Spra­che hin­ter­fragt und damit expe­ri­men­tiert und spielt. Das kann man Wag­ner natür­lich nicht vor­wer­fen, sein „Dich­tungs­an­lass“, um das mal so geschwol­len aus­zu­drü­cken, ist offen­bar ein ande­rer. Aber wenn ich dann Gedich­te wie das „requi­em für einen fri­seur“ lese, mer­ke ich sehr deut­lich, dass die­se Lite­ra­tur mei­ne Sache nicht ist. Das fängt so an:

weil mon­tags alles ruht, nun alles mon­tag bleibt,
ver­hängt die spie­gel. nehmt der sche­re ihren schneid.

und mäan­dert sich dann eine Wei­le durch den ver­las­se­nen Fri­seur­sa­lon und die dort frü­her aus­ge­üb­ten Tätig­kei­ten (mit der „große[n] orgel aus fönen“), um dann tat­säch­lich so zu schließen:

[…] und wer innehält
nicht län­ger weis, was es zu fin­den gilt, wonach zu suchen,
nur daß die haa­re wei­ter wach­sen, wei­ter wuchern.

Das klingt jetzt alles able­hen­der und nega­ti­ver, als ich es eigent­lich haben woll­te. Aber das liegt wohl dar­an, dass die Gedich­te der Regen­ton­nen­va­ria­tio­nen mich ein­fach nicht (genug) berüh­ren – und dann fal­len mir eher die Pro­ble­me auf, dich ich beim Lesen damit habe, als die schö­nen und gelun­ge­nen Momen­te, die es frei­lich genau­so gibt: Schlecht ist das nicht alles, nur oft falsch. Aber nun ja, da lese ich dann doch lie­ber noch ein biss­chen in Elke Erbs neu­es­tem rough­book

Jan Wag­ner: Regen­ton­nen­va­ria­tio­nen. Gedich­te. Mün­chen: Han­ser Ber­lin 2014. 103 Sei­ten. ISBN 9783446246461 

Aus-Lese #40

Klaus Wagen­bach (Hrsg.): Stö­rung im Betriebs­ab­lauf. 77 kur­ze Geschich­ten für den öffen­li­chen Nah­ver­kehr. Ber­lin: Wagen­bach 2014. 143 Seiten. 

wagenbach, störung im betriebsablaufEine lus­ti­ge Edi­ti­on ist das, die mir zufäl­lig im Buch­la­den in die Augen und Hän­de gefal­len ist: Klaus Wagen­bach hat klei­ne Tex­te gesam­melt, für die Lek­tü­re unter­wegs im ÖPNV. Der Zweck bestimmt auch die Ord­nung der Tex­te nach Anlass und Län­ge: Kurz­stre­cken, Bahn­hof, Zwei Sta­tio­nen etc. sind die Kapi­tel über­schrie­ben. Hin­ter der wit­zi­gen und sym­pa­thi­schen Idee steckt aber vor allem eine schö­ne und viel­fäl­ti­ge Samm­lung größ­ten­teils groß­ar­ti­ger Kurz­pro­sa: Kurz­ge­schich­ten, Para­beln, Anek­do­ten, Fabeln und vie­les mehr. Wagen­bachs Aus­wahl beweist ein sehr hohes Qua­li­täts­ni­veau ohne Aus­rei­ßer: Das ist ein­fach gut aus­ge­sucht. Und vie­les Bekann­tes ist dabei, natür­lich – aber auch eini­ges Über­ra­schen­des, Uner­war­te­tes. Und auch beim Wie­der­le­sen ent­wi­ckelt so man­ches in die­sem Zusam­men­hang neue Aspek­te. Das klei­ne Bänd­chen ist wirk­lich eine vor­treff­li­che Lek­tü­re für die Zeit des Bewegt-Wer­dens – da wünscht man sich manch­mal bei­na­he eine tat­säch­li­che „Stö­rung im Betriebsablauf“ …

Ulri­ke Almut San­dig: Buch gegen das Ver­schwin­den. Geschich­ten. Frank­furt am Main: Schöff­ling 2015. 207 Seiten. 

sandig, verschwinden„Es ist so leicht zu ver­schwin­den.“ (35) Das ist das gan­ze Pro­blem. Denn wir Men­schen sind tat­säch­lich kaum mehr als ein Gras im Wind – ein­mal hier, bald wie­der weg. Und dar­um geht es in die­sem Geschich­ten-Band (aus­drück­lich nicht Erzäh­lun­gen!): Um das Ver­schwin­den, um das Ver­ges­sen. Und dar­um, wie sich das (viel­leicht) doch ver­hin­dern oder auf­schie­ben lässt – mit dem Erzäh­len zum Bei­spiel. Aber wer sagt dann, dass das Erzähl­te was mit der vergangenen/​verschwundenen Rea­li­tät zu tun hat? Doch: Das ist kei­ne phi­lo­so­phi­sche Abhand­lung, kein Essay – und will es auch gar nicht sein. Son­dern eine Fei­er des Erzäh­lens. Denn San­dig ist eine groß­ar­ti­ge Erzäh­le­rin, deren brei­tes sti­lis­ti­sches Reper­toire und deren Spra­che ich sehr mag (das war auch schon bei den Fla­min­gos so!). Ich zitie­re aus Faul­heit mal die Ver­lags­web­sei­te:

Ein jun­ger Jour­na­list ver­sucht inmit­ten der Unru­hen um den Istan­bu­ler Gezi-Park die Erwar­tun­gen sei­ner Mut­ter abzu­schüt­teln, die nach dem Mau­er­fall 1989 das Rei­se­fie­ber gepackt hat. Ein Wan­de­rer geht wäh­rend eines Schnee­sturms in den uralten ver­wun­sche­nen Wäl­dern des Enga­din ver­lo­ren. Ein klei­nes Mäd­chen wird zum nächs­ten Venus­durch­gang von der Groß­mutter ans Ende der Welt geflo­gen. Wohin ihre Spu­ren füh­ren, ist eines der vie­len Rät­sel die­ser Geschichten.

Rät­sel wei­sen San­digs Geschich­ten immer wie­der auf. Aber kei­ne Span­nungs- oder Kri­mi-Rät­sel, son­dern Rät­sel, die auf die Fra­ge nach der Wahr­heit, der Wirk­lich­keit der Ver­gan­gen­heit und der Erin­ne­rung ver­wei­sen. Mir ist dann die eigent­lich Geschich­te oft gar nicht so wich­tig – ob es nun um einen Wit­wer geht, der sich und sei­ne Ein­sam­keit sowie sei­ne fort­schrei­ten­de Demenz beob­ach­tet, um einen jun­gen Jour­na­lis­ten, die Wan­de­rer im Enga­din, die den mythisch-ver­klär­ten Taman­gur-Wald ent­de­cken wol­len – die Haupt­sa­che ist immer wie­der das Erzäh­len selbst.

Ja, an die­sem Tag und in die­ser Minu­te fin­det sie plötz­lich, dass sie sich die­se Geschich­te immer wie­der anhö­ren könn­te und immer wie­der in der jeweils aktu­el­len Ver­si­on, und jeder Ver­si­on wür­de sie Glau­ben schen­ken, wohl wis­send, dass wir, jede Ein­zel­ne von uns, die Erzäh­le­rin­nen unse­rer eige­nen Geschich­ten sind und dass es nicht dar­auf ankommt, was in Wirk­lich­keit pas­siert ist, solan­ge wir eine Ver­si­on haben, die uns das Leben und alle, die dar­in ver­schwin­den, erträg­li­cher macht. (36f.)

Es gibt auch ein nett gemach­tes „Video zum Buch“ von Harald Opel:

Ulri­ke Almut San­dig – Buch gegen das Verschwinden

Beim Kli­cken auf das und beim Abspie­len des von You­Tube ein­ge­bet­te­ten Vide­os wer­den (u. U. per­so­nen­be­zo­ge­ne) Daten wie die IP-Adres­se an You­Tube übertragen.
Joa­chim Zel­ter: Wie­der­se­hen. Tübin­gen: Klöp­fer und Mey­er 2015. 126 Seiten. 

zelter, wiedersehenOffi­zi­ell als „Novel­le“ beti­telt – und das haut auch hin. Ein kur­zer Text für zwi­schen­durch (die 126 Sei­ten sind recht groß­zü­gig gesetzt), mit hohem Spaß­fak­tor: Der Lieb­lings­schü­ler Arnold Lit­ten trifft nach zwan­zig Jah­ren wie­der auf sei­nen immer schon etwas kau­zi­gen Lieb­lings­leh­rer Thors­ten Kort­hau­sen, der ihn, der mitt­ler­wei­le zum Ger­ma­nis­tik-Pro­fes­sor (ver­mut­lich …) gewor­den ist, damals im Fach Deutsch unter­rich­tet und für die Lite­ra­tur begeis­tert hat. Im Rück­blick tau­chen die sehr unge­wöhn­li­chen Lehr­me­tho­den Kort­hau­sens noch ein­mal auf (die jeder Ord­nung, Ver­gleich­bar­keit oder Plan­mä­ßig­keit spot­ten, aber natür­lich höchst geni­al waren und alle Schü­le­rin­nen und Schü­ler enorm begeis­ter­ten …). Jetzt also das Wie­der­se­hen, auf einer von Kort­hau­sen extra dafür aus­ge­rich­te­ten Par­ty, bei der Lit­ten auch noch ohne Vor­war­nung einen Vor­trag hal­ten soll. Das alles geht, fast erwar­tungs­ge­mäß, fürch­ter­lich schief und gibt allen, vor allem aber Lit­ten selbst, gründ­lich Gele­gen­heit, sich selbst, ihre Stel­lung und ihrer (Lebens-)Ziele, aber auch die gemein­sa­me Ver­gan­gen­heit, noch ein­mal gründ­lich zu über­den­ken. Das ist alles sehr lie­be­voll geschil­dert, mit wun­der­ba­ren Typen (gera­de die Neben­fi­gu­ren sind herr­lich). Die kon­fron­ta­ti­ve Situa­ti­on stei­gert sich immer mehr, bis das Gan­ze schließ­lich in eine ziem­lich wil­de Gro­tes­ke umkippt. Kurz vor dem Schluss (der noch ein­mal eine abso­lut unnö­ti­ge „über­ra­schen­de Wen­dung“ bie­tet) heißt es dann: 

Er hät­te nie­mals hier­her­kom­men dür­fen. […] Dass es ein Feh­ler sei, einen Men­schen wie Kort­hau­sen nach über zwan­zig Jah­ren ein­fach wie­der­zu­se­hen. Dass man dabei nur ver­lie­ren kann, zuers­te einen gelieb­ten Leh­rer udn dann sich selbst. Dass man sich dadurch sei­ner grund­le­gens­ten Ebe­nen beraubt. Und sei­ner schöns­ten Bil­der. (125)

Pau­lus Böh­mer: Werich­bin. Gedich­te. Frank­furt am Main: Edi­ti­on Faust 2014. 56 Seiten. 

boehmer, wer ich bin„Gedich­te“ stimmt hier gera­de so – es sind näm­lich genau zwei Lang­ge­dich­te, die in die­sem klei­nen Bän­chen zu fin­den sind: „Werich­bin“ (das scheint die bevor­zug­te Schreib­wei­se des Titels zu sein) und „Über das Zusam­men­fü­gen von Tei­len“. Bei­de sind wie­der typi­sche Böh­mer-Schöp­fun­gen: Auf Mit­tel­ach­se ste­hen die­se Text­tür­me, ohne Reim oder fes­tes Metrum, sind sie fort­lau­fen­de Ket­ten von Ein­fäl­len und Asso­zia­tio­nen. Form­ge­bend ist beim Titel­ge­dicht „Wer ich bin“ zum Bei­spiel das „Wie“ – „So“ und „Daß“ am Beginn der ein­zel­nen Vers­grup­pen in den drei Tei­len des Titelgedichts.

Wer die­sen (Vor-)Namen trägt, muss viel­leicht so schrei­ben: vol­ler Bild­ge­walt, vol­ler Wis­sen, immer alles wol­lend und auch alles sagen wol­lend, Tex­te vol­ler Welt­hal­tig­keit (oder viel­leicht auch Welt­all­hal­tig­keit?) und Sprach­be­herr­schung pro­du­zie­rend. Auch „Werich­bin“ über­wäl­tigt mit die­ser Viel­falt, wie immer bei Böh­mer ist das alles kaum fass­bar. Sei­ne Gedich­te hin­ter­las­sen bei mir den Ein­druck von Grö­ße und auch Erha­ben­heit (das mag mit dem hym­ni­schen Ton sei­ner Lyrik zusam­men­hän­gen), von Sprach­ge­walt und wis­sen­der Klug­heit, die den Leser empor­zu­he­ben scheint (auch wenn ich nicht unbe­dingt sagen könn­te, wohin – oder was ich dar­aus „gelernt“ hät­te): Man kann – und das behaup­te ich ja ger­ne von guten Kunst­wer­ken – das nicht lesen (bzw. sehen oder hören), ohne danach ein ande­rer Mensch zu sein. Und hat immer etwas von per­ma­nen­ter Über­for­de­rung: Ich habe beim Lesen immer das Gefühl, dass mir viel ent­geht – zugleich aber auch den Ein­druck, dass ich ganz viel davon habe, das jetzt zu lesen. Micha­el Braun hat in sei­ner Rezen­si­on wohl nicht ganz zu Unrecht dar­auf hin­ge­wie­sen, dass Böh­mers Lyrik als „Über­fluss-Pro­duk­ti­on“ funk­tio­nie­re. Das macht sie aber eben schwie­rig und fas­zi­nie­rend zugleich …
Das klei­ne Bänd­chen – sozu­sa­gen Böh­mer für Ein­stei­ger (Kad­dish ist da allein wegen sei­nes Umfangs ja schon abschre­cken­der …) – ent­hält außer den bei­den Gedich­ten noch ein kur­zes Nach­wort (das mir wenig brach­te) und drei Col­la­gen – eine bun­te vom Autor auf dem Umschlag, eine schwarz-wei­ße von ihm im Vor­satz und eine wei­te­re von Lydia Böh­mer zu Beginn von „Über das Zusam­men­fü­gen von Teilen“.

Marc Degens: Fuck­in Sushi. Köln: DuMont 2014. 320 Seiten. 

degens, sushiEin tol­les Buch übers Erwach­sen­wer­den in Bonn, die Musik (und den Alko­hol), das Leben und den gan­zen Rest: intel­li­gent aus­ge­dacht, schnell und flott geschrie­ben und auch zügig gele­sen – und zudem gibt es eine reich­hal­ti­ge cross­me­dia­le Beglei­tung für die, die so etwas mögen – die fängt übri­gens mit Play­lists des Prot­ago­nis­ten (u.a. sein ers­ter Ipod mit „lan­ger“ Musik) schon im Buch selbst an. Mehr zu die­ser Lese­emp­feh­lung gibt es in einem eige­nen Text, näm­lich hier.

Ulrich Lap­pen­kü­per & Ulf Mor­gen­stern (Hrsg.): Dem Otto sein Leben von Bis­marck. Die bes­ten Anek­do­ten über den Eiser­nen Kanz­ler. Mün­chen: Beck 2015. 128 Seiten. 

lappenküper, bismarckDer Titel ist natür­lich sel­ten däm­lich. Wie­so sich der Beck-Ver­lag zu so einem Unsinn hin­rei­ßen las­sen hat, ver­ste­he ich nicht. Denn das Büch­lein hat ja durch­aus einen hohen Anspruch. Sicher, es geht um Anek­do­ten. Aber die sol­len viel leis­ten, wie die bei­den Her­aus­ge­ber in der Ein­lei­tung betonen:

[…] hegen die Her­aus­ge­ber die Hoff­nung, mit­els der hier ver­sam­mel­ten Äuße­run­gen von und über Bis­marck sei­ner Per­sön­lich­keit näher zu kom­men, als es manch tief­grün­di­ge his­to­ri­sche Dar­stel­lung ver­mag. (8)

Ich hal­te das prin­zi­pi­ell für gewagt und im Fal­le die­ser klei­nen Samm­lung auch für nicht erfüllt. So viel also zum Nega­ti­ven. Was bleibt dann? Eine kurio­se Samm­lung von mehr oder min­der amü­san­ten Begeg­nun­gen, Bege­ben­hei­ten und Erin­ne­run­gen Bis­marcks und sei­nes Umfel­des. Die ers­ten Jah­re sind natur­ge­mäß schwach ver­tre­ten und gera­de dort bleibt der Prot­ago­nist auch blass, wenn auch sei­ne Genia­li­tät natür­lich (schließ­lich wur­den die Anek­do­ten alle Jahr­zehn­te spä­ter nie­der­ge­schrie­ben) schon allen Ver­stän­di­gen sicht­bar war. Über­haupt ent­steht hier das Bild eines Bis­marck, der nicht so sehr „Eiser­ner Kanz­ler“ war, son­dern vor allem ein gewitz­ter Drauf­gän­ger. Das liegt natür­lich (auch) in der Natur der hier ver­sam­mel­ten Quel­len begrün­det – wie wahr das ist, kann ich nicht wirk­lich beur­tei­len. Fest­stel­len lässt sich aber auch ohne detail­lier­te Bis­marck-Kennt­nis­se die Nei­gung zur frü­hen und ziem­lich voll­stän­di­gen (Selbst-)Stilisierung.

Dane­ben wer­den aber durch­aus auch schö­ne Bege­ben­hei­ten hier berich­tet. Zum Bei­spiel über die Rol­le des Rau­chens im Frank­fu­ter Bun­des­tag, das schnell als Rang­merk­mal, als Sta­tus­sym­bol ent­deckt wird (wer darf in den Sit­zun­gen rau­chen?) und das fast genau­so schnell sei­ne Untaug­lich­keit dafür erweist, weil schließ­lich (nahe­zu) alle rau­chen, selbst wenn sie, d.h. die Gesand­ten, es nur unter größ­tem per­sön­li­chem Wider­wil­len tun. Auch schön: Bis­marcks etwas däm­li­cher Feld­zug gegen die Anti­qua-Dru­cke und sein Bestehen auf Frak­tur-Schrif­ten für den Dienst­ge­brauch. Und hier darf natür­lich nicht feh­len: Sein Wider­stand gegen die Ein­füh­rung einer neu­en Recht­schrei­bung (1876). Dazu heißt es in die­sem Bänd­chen, das alles in allem doch eine net­te Lek­tü­re für zwi­schen­durch ist: 

Er sprach mit wah­rem Ingrimm über die Ver­su­che, eine neue Ortho­gra­phie ein­zu­füh­ren. Er wer­de jeden Diplo­ma­ten in eine Ord­nungs­stra­fe neh­men, wel­cher sich der­sel­ben bedie­ne. Man mute dem Men­schen zu, sich an neue Maße, Gewich­te, Mün­zen zu gewöh­nen, ver­wir­re alle gewohn­ten Begrif­fe, und nun wol­le man auch noch eine Sprach­kon­fu­si­on ein­füh­ren. Das sei uner­träg­lich. Beim Lesen auch noch Zeit zu ver­lie­ren, um sich zu besin­nen, wel­chen Begriff das Zei­chen aus­drü­cke, sei eine uner­hör­te Zumu­tung. Eben­so sei es Unsinn, Deutsch mit latei­ni­schen Let­tern zu schrei­ben und zu dru­cken, was er sich in sei­nen dienst­li­chen Bezie­hun­gen ver­bit­ten wer­de, solan­ge er noch etwas zu sagen habe. (79)

außer­dem gelesen:

  • Mar­cel Bey­er: XX. Lich­ten­berg-Poe­tik­vor­le­sun­gen. Göt­tin­gen: Wall­stein 2015 (Göt­tin­ger Sudel­blät­ter). 80 Seiten.
  • Ber­tolt Brecht: Der gute Mensch von Sezu­an. Para­bel­stück. Frank­furt am Main: Suhr­kamp 1964. 144. Seiten.
  • Gott­fried Imma­nu­el Wen­zel: Ver­bre­chen aus Infa­mie. Eine thea­tra­li­sche Men­schen­schil­de­rung für Rich­ter und Psicho­lo­gen in drei Akten. Mit einem Nach­wort her­aus­ge­ge­ben von Alex­an­der Koseni­na. Han­no­ver: Wehr­hahn 2014 [1788] (Thea­ter­tex­te, Bd. 43). 64 Seiten.

Musik, Alkohol – und Bonn: „Fuckin Sushi“ von Marc Degens

degens, sushi
Das ist – man muss es so direkt sagen – ein gran­dio­ses Buch. Viel­leicht liegt das gera­de an sei­ner Unschein­bar­keit. Denn eigent­lich erzählt Marc Degens etwas, das man so ähn­lich schon tau­send­mal (und in letz­ter Zeit auch gehäuft) lesen konn­te: Das Erwach­sen­wer­den in der Pro­vinz. Nun gut, Pro­vinz ist für Bonn viel­leicht zu bös­ar­tig, aber es trifft das Gefühl des Prot­ago­nis­ten Niels. Der ist 17 Jah­re alt, gera­de mit sei­nen Eltern (von denen wir sehr wenig erfah­ren) von Gel­sen­kir­chen nach Bonn umge­sie­delt und wid­met sich zuneh­mend der Musik. Zunächst vor allem hörend – und zwar nur lan­ge Lie­der, kei­ne kur­zen (Hit-)Songs -, bald aber auch, zusam­men mit sei­nem Freund René bzw. R@ selbst musi­zie­rend. Die star­ten, das wird nicht so ganz klar, ent­we­der als Genies oder als eine Art „Genia­le Dil­le­tan­ten“ mit einer Mischung aus Kon­zert, Per­for­mance und Hap­pe­ning vor dem Café, das Hei­no gehört. Dar­aus ent­wi­ckelt sich dann schnell gro­ßes, näm­lich „Fuck­in Sushi“, zunächst als Trio, dann als Quar­tett, und am Schluss wie­der als Trio – dann aber ohne Niels. Dazwi­schen steht ein mehr­mo­na­ti­ger Rausch an und mit der Musik (und jede Men­ge Alko­hol und Ziga­ret­ten …). „Fuck­in Sushi“ lan­det mehr oder weni­ger zufäl­lig einen You-Tube-Hit, tin­gelt kurz durch Deutsch­land, zer­strei­tet sich, zer­fällt an Que­re­len und der Unei­nig­keit über die Aus­rich­tung der Band. Niels ver­kraf­tet den Aus­schluss nicht so gut, unter­nimmt auch einen Pseu­do-Selbst­mord­ver­such im Hoch­was­ser des Rheins, gam­melt lan­ge vor sich hin und fin­det sich schließ­lich – wie­der­um mit Hil­fe einer Frau – in New York, wo er sich als Schrift­stel­ler neu erfin­det, der Fuck­in Sushi niederschreibt.

Das klingt, so erzählt, banal und lang­wei­lig. Das Ent­schei­den­de am Roman von Marc Degens ist aber das Wie des Erzäh­lens, vor allem sei­ne Spra­che: Die ist direkt und unver­fälscht – sie lässt den Leser in den Rausch und die Glück­se­lig­keit des Musik­ma­chens sehr unmit­tel­bar ein­tau­chen. Und sie lässt ihn auch die Schwie­rig­kei­ten des Älter- oder Erwach­sen­wer­dens von Niels sozu­sa­gen haut­nah mit­er­le­ben. Dass Fuck­in Sushi neben­bei auch noch eine ziem­lich rea­lis­ti­sche Schil­de­rung der BRD am Anfang des 21. Jahr­hun­derts, ins­be­son­de­re Bonns und Umge­bung, ist, kann man als net­te Zuga­be ver­bu­chen. Wich­ti­ger ist aber das Tem­po, der Dri­ve und der Witz, mit dem Degens erzählt. Der Kri­ti­ker der „taz“, Jens Uthoff, hat das sehr gut auf den Punkt gebracht: „Über wei­te Stre­cken ist Fuck­in Sushi eine span­nend geschrie­be­ne Hom­mage an das Unre­gle­men­tier­te, das Unre­flek­tier­te, das Jung­fräu­li­che der Jugend – wobei auch dies­be­züg­lich die Zwi­schen­tö­ne, ein heu­te anders erleb­tes „No future“, stimmen.“

So laut die Band „Fuck­in Sushi“ ist, so lei­se kommt – und doch ziem­lich erwart­bar – das Ende: Es kommt, wie es kom­men muss, die Band zer­strei­tet sich, Niels wird raus­ge­wor­fen, weil, das klang vor­her schon immer wie­der an, die Band sich stär­ker an Hits und Rezi­pi­en­ten ori­en­tiert und die Begeis­te­rung und das empa­thi­sche Auf­ge­hen im Akt des Musi­zie­rens in den Hin­ter­grund gerät. Damit – und mit den Depres­sio­nen Niels’ – gerät aller­dings auch das zen­tra­le Prin­zip von „Fuck­in Sushi“ in Bedräng­nis: Mit dem „Abrent­nern“ ist es sowohl bei der Band als auch bei Niels nicht mehr so weit her. Dabei klang das vor­her doch noch nach so einer tol­len Idee: „Welt­frie­den und Abrent­nern sofort“ ist nicht nur der Slo­gan der Band, son­dern auch ein Ide­al ihrer Prot­ago­nis­ten, zumin­dest von Niels. Der for­mu­liert ein­mal sehr treffend: 

»Abren­tern ist gut«, sag­te ich war­nend. »Aber man darf auf kei­nen Fall vera­de­nau­ern.« (269)

Nach der begeis­ter­ten Begleit­schrei­ben-Rezen­si­on muss­te ich das auch lesen. Und ich kann Gre­gor Keu­sch­nig ziem­lich voll­kom­men zustim­men, des­we­gen brau­che ich das hier nicht noch mal alles aus­zu­brei­ten: Das ist ein guter Roman. Sicher, Degens fokus­siert das sehr stark auf sei­nen Prot­ago­nis­ten Niels. Das hat etwas vom Tun­nel­blick: alles, was nicht mit ihm, R@ und vor allem eben der Musik, also in ers­ter Linie „Fuck­in Sushi“, zu tun hat, wird ziem­lich radi­kal aus­ge­blen­det oder zumin­dest an den Rand gedrängt. Es geht dem Rest der Figu­ren (und auch des Lebens Niels) dabei ein biss­chen so wie den Band-Mit­glie­dern im Müll-Tower, ihrem ziem­lich abge­fuck­ten Pro­be­raum: Nur sie sind zu erken­nen, die Decke – das heißt die Umwelt – bleibt im undurch­dring­li­chen Dun­kel ver­bor­gen. Und im Müll-Tower wird es ja, ganz furcht­bar sym­bo­lisch, auch immer dunk­ler und käl­ter, je wei­ter sich Niels und der Rest der Band von ein­an­der ent­fer­nen (die­se etwas plat­te Sym­bo­lik ist nicht das stärks­te Moment, aber ande­rer­seits auch nicht über­mä­ßig auf­dring­lich) … War­um es aber die­se selt­sa­men, halb­her­zi­gen Ver­su­che gibt, die­ses Dun­kel zu durch­bre­chen, mit ziem­lich auf­wen­di­gen Vor­be­rei­tun­gen und Ein­käu­fen von extrastar­ken Taschen­lam­pen (aber eben immer nur Taschen­lam­pen, nie Schein­wer­fern, obwohl Strom ja da wäre und für die Band-Instru­men­te ja auch nötig ist …) und so wei­ter, und zwar sowohl von Niels als auch von Lloyd, die aber bei­de damit irgend­wie sehr vor­her­seh­bar schei­tern und die­se Aus­leuch­tungs­ver­su­che dann auch nicht wei­ter ver­fol­gen, bleibt mir recht unklar. Doch das nur neben­bei … Denn der Witz von Fuck­in Sushi ist ja eher, dass es sich gar nicht über­mä­ßig um tie­fe­re Bedeu­tung, gro­ße Zusam­men­hän­ge, hohen Sinn bemüht, son­dern genau die Suche eines jun­gen Erwach­se­nen, eines erwach­sen wer­den­den Jugend­li­chen, nach die­sen Zusam­men­hän­gen, nach einem Stand­punkt, einer Deu­tung des Lebens, der Welt und des gan­zen Rests genau und mit­füh­lend beschreibt, ohne sen­ti­men­tal oder flach zu wer­den. Dar­in liegt die gro­ße Stär­ke und nicht zuletzt das gro­ße Ver­gnü­gen von Degens’ Roman.

Bonn war eine schö­ne, alte Frau, in deren Gesicht an man­chen Stel­len der Schä­del durch­schien. Nicht durch die Pracht­bau­ten wur­de die Stadt ver­edelt, son­dern durch den Schmutz und den Dreck. Die Fixer und Stri­cher am Haupt­bahn­hof waren das Geils­te an Bonn. Sie schür­ten die Angst und die Angst war der Motor unse­rer Musik. Ohne Musik aber gab es nur noch Angst. (292)

Marc Degens: Fuck­in Sushi. Köln: DuMont 2015. 320 Sei­ten. ISBN 9783832197476.[/su_box]

Biografisch-Chronologisch

Ich has­se Bücher oder Schrif­ten, die mit einem Geburts­da­tum anfan­gen. Über­haupt has­se ich Bücher oder Schrif­ten, in wel­chen bio­gra­fisch-chro­no­lo­gisch vor­ge­gan­gen wird, das erscheint mir als die geschmack­lo­ses­te, gleich­zei­tig die ungeis­tigs­te Methode.

—Tho­mas Bernhard

Freundlich sein

Freund­lich sein.
[…] Man soll­te es mit allen Mit­teln ver­su­chen. Man soll­te immer ein paar Melo­dien im Kopf haben, daß man ein­falls­lo­sen Stra­ßen­gei­gern Vor­schlä­ge machen kann. 

—Chris­toph Meckel, Freund­lich sein (1961)

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