deine eignen knochen mußt du weiter denken, kommata
im satzbau dieser gegend
—Lutz Seiler, im felderlatein, 16

deine eignen knochen mußt du weiter denken, kommata
im satzbau dieser gegend
—Lutz Seiler, im felderlatein, 16
Beste Autorenbiographie ever:
Tilman Rammstedt war bis Ende 2013 CEO bei Tilman Rammstedt und ist seitdem dort als externer Berater tätig. Außerdem ist er amtierender deutscher Vizemeister im Nickerchenmachen.
(auch der Rest des Textes ist ziemlich großartig!)
Ein schöner und guter Roman eines vergessenen Autors zu einem bekannten Thema. Ludwig Winder, in der Zwischenkriegszeit ein berühmter Autor und Journalist, hat mit dem „Franz-Ferdinand-Roman“ Der Thronfolger ein richtig gutes Buch geschrieben, das leider lange Zeit ziemlich vergessen war. Der Wiener Zsolnay-Verlag hat es jetzt (mit einem Nachwort des Spezialisten Ulrich Weinzierl) neu aufgelegt – und so konnte ich auch diesem Roman, der 1937 das erste mal erschienen ist, kennen lernen.
Winder erzählt das Leben des Erzherzogs Franz Ferdinand trotz der ausführlichen Darstellung in strenger Chronologie des Lebens. Und weil er stilistisch dabei erstaunlich locker bleibt, lässt sich das trotz der etwas langatmigen Anlage und Struktur sehr gut lesen. Denn im Kern ist es eben ein starkes, lebendiges Porträt des Erzherzoges – der war ja, wenn man Winder glauben mag (und es gibt keinen Grund, das nicht zu tun), alles andere als ein leibenswürdiger Charakter: Spröde, harsch, krankhaft ehrgeizig und misstrauisch – ein Misanthrop reinsten Geblüts sozusagen. Die radikale personale Perspektive macht das zu einem dichten Porträt einer historischen Figur, ohne sie vorzuführen oder zu verurteilen. Interessant wird das auch dadurch, dass im Hintergrund des Textes immer die Frage mitschwingt: hätte die Geschichte nicht auch ganz anders ausgehen können? Das „faktische“ Ende ist ja bekannt – hier wird aber immer wieder mit der Möglichkeit gespielt, dass die Geschichte des 20. Jahrhunderts in der Figur Franz Ferdinands auch andere Potenzen und Potenziale gehabt hätte – die aber ungenutzt bleiben (und vielleicht auch einfach bleiben müssen).
Unterdessen wurden in den Konferenzsälen der Generalstäbe, Ministerien und Botschaften, in den Salons der Munitionsfabrikanten, in den Schlössern und auf den Vergnügungsyachten der Staatsoberhäupter, in den Klubzimmern der Abgeordneten, in den Spielzimmern der Offizierskasinos, in den armen Mansardenkammern jugendlicher Verschwörer die Pläne ausgeheckt, die zum Kriege führen sollten. Leichtfertige Diplomaten, ehrgeizige Generäle, verbrecherische Geschäftemacher und halbwüchsige Patrioten, deren nationalistischer Rausch sich unversehens in Blutrauseh wandelte, arbeiteten einander in die Hände, ohne es zu wissen. Sie jagten einander Angst ein, um die Vernunft zu töten. Sie wollten die Welt mit Angst erfüllen, um die Verbrechen, die sie planten, zu entschuldigen. Sie sagten den Völkern, der Feind gönne ihnen das Leben nicht und wolle ihnen den Lebensraum verkürzen. Sie forderten den Feind heraus, den ersten Schuss abzugeben, das Signal zum großen Massenmord. Sie hatten Angst vor dem ersten Schuss, den sie inbrünstig ersehnten. (454)
Gute Gedichte scheinen mir das zu sein, der „Güte“ schwer zu fassen sind: Da sind starke, anziehende Bilder, die ganz wunderbar selbstverständlich wirken. Da ist die Bewegung der Sprache, die sich ungehindert und wie von selbst enfaltet. Und das Fortschreiten im Text und der Welt, auch in der Zeit: immer weiter, nicht rasten, nicht ruhen … Da ist die szenische Narration, die immer wieder auftaucht. Die Reihung von kurzen Sequenzen, die geschnitten (Cut!) Bilder, die Realität und Sprache miteinander kommunizieren lassen (oder auch nicht), zumindest in Beziehung setzen, sie aufeinander treffen lassen. Schade nur, dass der Band von Dombrowski so kurz ist …
Archivare
Schiffe zu falten den Eisbären
dort unten
wo ihnen die Schollen
wegbrechen
haben
wir jetzt nicht
das PapierSo filmen wir
weiter ihr
polares Treiben
vom Hubschrauber aus (30)
Eine kuriose Erzählung eines kuriosen Geschehens der an Kuriositäten nicht gerade armen deutschen Geschichte: Der Erzähler triff auf die Geschichte, die sich in Form eines Art Führers und Erzählers sowie der traumhaften Vergegenständlichung der historischen Bauten und Ansichten darstellt und zeigt. Es geht um einen etwas ausgeflippten deutschen Herzog des 17. Jahrhundert, den Anton Ulrich von Braunschweig-Wolfenbüttel, der nicht nur (extrem ausufernde) Romane schrieb, sondern auch als Feste-Arrangeur und Mäzen sein kleines HZerzogtümchen zu einem europäischen Zentrum der Künste und der repräsentativen Darstellung machen wollte – und damit so grandios und krachend scheitert, dass es Pleschinski wunderbaren Stoff zum Erzählen gibt. Und auf den wenigen Seiten macht er das ausgesprochen lebendig und sympathisch, mit raffinierten erzählerischen Volten, die dem Gegenstand des Illusionstheaters wunderbar angemessen sind – und zugleich ein Beispiel, wie man kunstvoll Geschichte (nach-)erzählen kann. Also: eine schöne, unterhaltende und auch belehrende Lektüre für zwischendurch (zumal das Büchlein bei Beck auch nett gemacht und um einige Kupferstichen ergänzt wurde).
Deutsches Barock ist den Deutschen am fremdesten, weil’s dort nicht mal um Gemütlichkeit ging (75)
Ein schönes und gelungenes erzählerisches Experiment, dieses Debüt von Maisano: Zwei Erzähler – auch noch beide Architekten – streiten sich um die Wahrheit des Erzählens, der Erinnerung und der Deutung der Gegenwart. Zugleich ist das auch ein Streit zweier Lebensentwürfe: Der geniale, faule und organisierte Architekt gegen den ordnungsfixierten, unternehmerischen, aber ideenlosen Bauingenieur und Planer.
Die Menschen bleiben allein, die Familien tauchen als Idee und Erzählung öfter und wirklicher auf als in der „wahren“ Realität: Patricks trockenes Berichten und Toms unbeschwertes Fabulieren konkurrieren um den Leser – glaubhaft sind natürlich beide nicht, wie sich zusehends herausstellt. Dass beiden Protagonisten und Erzählern am Ende dann ganz symbolisch und reell der Boden und das Fundament unter den Füßen wegrutscht – das Chalet, in dem sie sich befinden, fällt einem Bergrutsch zum Opfer – ist dann fast schon zu offensichtlich. Aber bis dahin hat man beim Lesen an diesem rasanten Text eine Menge Vergnügen gehabt.
„daheim an den gedichten“ ist Lutz Seiler: Auch wenn er jetzt für seinen Roman „Kruso“ so sehr gelobt ist: Er ist vor alledem ein vortrefflicher und ausgesprochen kluger Lyriker. Schon pech & blende hat das gezeigt, im felderlatein gelingt es erneut: Hier ist eine eigene Stimme und ein eigener Denke. Seilers Gedichte machen immer wieder die Zeit selbst zum Thema:
[…] immerin der schwebe, die
schätze dieser zeit
- eine Zeit, die sich in der Erinnerung zeigt oder als Gegenwart der Vergangenheit im Augenblick der Empfindung und Wahrnehmung. Vor allem aber geht es ihm immer wieder um die Verbidungen und Verknüpfungen von Natur, Mensch und eben Zeit. Ein Gedicht wie „im felderlatein“ macht das besonders deutlich. Schon der Titel verknüpft alle drei Bereiche: Den Menschen mit seiner Sprache – aber einer Sprache, die „ausgestorben“ ist, die Sprache der Vergangenheit ist, aber in unserer Gegenwart immer noch lebt; und diese Sprache der Menschen eben schon im Kompositum verknüpft mit der Natur der „Felder“ – die, sobald sie Felder sind, ja auch schon mit dem kultivierenden und abgrenzenden Menschen in Verbindung stehen. Dort, also „im felderlatein“, heißt es:
im nervenbündel dreier birken:
umrisse der existenz & alte formen
von geäst wie
schwarzer mann & stummer
stromabnehmer. alldie falschen scheitel, sauber
nachgezogen im archiv
der glatten überlieferung. gernsagst du, es ist die kälte, welche
dinge hart im auge hält, wenn
große flächen schlaf wie
winkelschleifer schleifen in
den zweigen. sosagt man auch: es ist ein baum
& wo ein baum so frei steht
muß er sprechen
Und das zeigt sich auch in Versgruppen, die deutlich machen, dass dem Menschen (noch) längst nicht Zugriff auf alles eigen ist:
du weißt noch immer
nicht, daß es dich gibt, doch
was geschieht
ist begriffen, ins brüchige dunkel
entleert sich das haus (48)
In seinem flanierenden Streifen durch Landschaften, Vergangenheiten und Typen (Rückkehr ist der entscheidende Begriff heir, nicht die Ankunft!) gelingen Seiler jedenfalls immer wieder großartige Gedichte, die als konzentrierte, starke Schöpfungen der Sprache und des Denkens so etwas wie Bestandsaufnahmen sind (nicht ohne Grund ist „inventur“ eines der besten gedichte in diesem band):
[…] & unter der erdeliegen die toten
& halten die enden wurzeln im mund (49)
Wie schon bei Helle Verwirrung und Hasenhass belässt es Rinck auch hier nicht bei der Schrift, beim Text allein, sondern arbeitet mit Zeichnungen zuammen. Genauer gesagt: Sie arbeitete mti der Zeichnerin Nele Brönner zusammen. Die legte täglich eine von 24 Zeichnungen vor, zu der Rinck textete, was wiederum Brönner zur nächsten Zeichnung veranlasste etc: Die gegenseitigen Rückkopplungen entwickeln sich hier Seite für Seite zu einer Fabel – einer fabelhaften, phantastisch-spielerischen Geschichte. „Irritierte Verheißung“ heißt es einmal im Text – und das passt recht gut: Gegenseitige Irritation beflügelt die Phantasie, die immer neues, anderes, ungeplantes verheißt. Und das dann nicht unbedingt einlöst: Dieses Buch (ich scheue mich, nur vom Text zu sprechen, die Zeichnungen sind schließliche elementarer Teil des Werkes) ist nie langweilig, weil die Entwicklung zwar zu beobachten ist, aber nie vorhersehbar wird. Und weil dazu noch die Sprache Monika Rincks zwischen Prosa und Lyrik schwankt, wenn man das so sagen darf, ihre poetische Qualtiät des Klangs und der Nicht-Alltäglichkeit besonders betont, ist das ein Werk ganz nach meinem Vergnügen: Ein Buch, das mit dem Untertitel Geschichten vom inneren Biest gar nicht so schlecht umschrieben ist.
In gewisser Weise ist das wieder ein typischer Sibylle-Berg-Roman – und das ist ja schon einmal ein guter Start. Der Klappentext des übrigens sehr schön gemachten und in feinem Leinen gebundenen Buch verheißt:
Chloe und Rasmus sind seit fast zwanzig Jahren verheiratet, und ja, alles bestens, man hat sich entwickelt, man ist sich vertraut. Aber dass dieses Leben nun einfach so weitergehen soll, ist auch nicht auszuhalten. […] Sibylle Berg stellt die Frage, die alle Paare irgendwann einmal beschäftigt: Ist Sex lebensnotwendig? Oder doch eher die Liebe?
Und das passt schon ganz gut: Berg erzählt (wieder einmal) aus der Hölle der Selbstfindung eines ziemlich frustrierten Paares. Es geht in wechselnder Perspektive aus der Sicht der beiden Protagonisten Rasmus und Chloe um das Abnutzen der Gefühle, um das Leiden am Leben, um die unendliche ernüchternde und nüchterne Ausweglosigkeit des Alltags. In kurzen Kapitel und klarer, knapper und präziser Prosa beschreibt Berg die aufdämmernde Katastrophe der Paarbeziehung, das Umschlagen, die völlige Zerstörung und Neuschaffung. Das ist Literatur, die kurzfristig unterhält und nachhaltig verstören kann, wie Richard Kämmerlings ganz richtig beobachtet hat. Und genau diese Kombination aus Unterhaltung und Verstörungspotenzial, aus Humor und tiefem, dunklem Ernst ist es, was mir an Bergs Büchern immer wieder zusagt.
Die Aufregung. Hat sich abgenutzt, wie alle Gefühle, ich hatte jedes schon einmal. Es wird kein neues dazukommen. Das ist das Grauen der mittleren Jahre. Die Langeweile und die noch allzu nahe Erinnerung an Zeiten, in denen alles zum ersten Mal passierte. (50)
außerdem gelesen:
fast 1000 seiten text in gut 643 minuten: das ist die Ästhetik des Widerstands von peter weiss als hörspiel. karl bruckmaier hat sich der nicht gerade leichten aufgabe gestellt, diesen großen, wichtigen, gewaltigen text – den zu lesen sich immer (wieder) lohnt! – für das radio zu bearbeiten. das ist schon vor einiger zeit geschehen, 2007 für den bayerischen und den westdeutschen rundfunk. jetzt kann – und muss – ich das aber zum hören empfehlen, denn der br hat die gesamte Ästhetik des Widerstands in zwölf teilen dankenswerter weise zum download in seinem hörspielpool bereitgestellt.
es ist ja nicht ganz einfach, aus einem roman (oder roman-essay) wie der Ästhetik des Widerstands (zu der es übrigens auch einen recht guten und umfangreichen wikipedia-artikel gibt) mit seinen formalen und inhaltlichen eigenheiten ein überzeugendes hörspiel zu machen, das auch ohne die schrift funktioniert. bruckmaier ist das zu meiner überraschung erstaunlich gut gelungen. mir jedenfall hat es die umsetzung angetan. sicher, da fehlt einiges – muss ja auch fehlen, es sollte ja kein reines hörbuch werden (wie lang das wohl dann dauern würde?). die organisation in zwölf thematisch fokussierten teilen macht die textmasse aber auch hörend recht gut zugänglich. schade nur, dass gerade die listen, die langen aufzählungen von namen, fast alle fehlen. und leider auch einige der großartigen bildbeschreibungen peter weiss’. dafür hat diese Ästhetik des Widerstands in ihrer bewussten konzentration auf das wort aber ihren eigenen wert. bruckmaier und sein komponist david grubbs lassen den text sehr für sich sprechen, nutzen die musik (und geräusche) zum glück nicht zur untermalung, sondern eher als gestaltungs- und strukturierungselement. und da bruckmaier auch auf gute leserinnen und leser zurückgreifen konnte (u.a. robert stadlober, michael troger, katharina schubert und hanns zischler), hat mich das ergebnis sehr überzeugt.
im sowieso sehr empfehlenswerten hörspielpool ist die gesamte Ästhetik des Widerstands (alle 643 minuten) in zwölf mp3-dateien kostenlos herunterzuladen. und das kann ich nur unbedingt empfehlen (fast so sehr wie die lektüre der Ästhetik des Widerstands)!
Lesen macht schon den größten Spaß, aber über Literatur zu reden ist fast genauso gut.
—Rainald Goetz, loslabern, 114
Elementargeschwätz, windklug wie
Sand
—Stefan Popp, Dickicht mit Reden und Augen, 7
[…]Den 20. Jänner ging Lenz durchs Gebirg. Die Gipfel und hohen Bergflächen im Schnee, die Täler hinunter graues Gestein, grüne Flächen, Felsen und Tannen.
Es war naßkalt; das Wasser rieselte die Felsen hinunter und sprang über den Weg. Die Äste der Tannen hingen schwer herab in die feuchte Luft. Am Himmel zogen graue Wolken, aber alles so dicht – und dann dampfte der Nebel herauf und strich schwer und feucht durch das Gesträuch, so träg, so plump.
Er ging gleichgültig weiter, es lag ihm nichts am Weg, bald auf‑, bald abwärts. Müdigkeit spürte er keine, nur war es ihm manchmal unangenehm, daß er nicht auf dem Kopf gehn konnte.
Anfangs drängte es ihm in der Brust, wenn das Gestein so wegsprang, der graue Wald sich unter ihm schüttelte und der Nebel die Formen bald verschlang, bald die gewaltigen Glieder halb enthüllte; es drängte in ihm, er suchte nach etwas, wie nach verlornen Träumen, aber er fand nichts. Es war ihm alles so klein, so nahe, so naß; er hätte die Erde hinter den Ofen setzen mögen. Er begriff nicht, daß er so viel Zeit brauchte, um einen Abhang hinunter zu klimmen, einen fernen Punkt zu erreichen; er meinte, er müsse alles mit ein paar Schritten ausmessen können. Nur manchmal, wenn der Sturm das Gewölk in die Täler warf und es den Wald herauf dampfte, und die Stimmen an den Felsen wach wurden, bald wie fern verhallende Donner und dann gewaltig heranbrausten, in Tönen, als wollten sie in ihrem wilden Jubel die Erde besingen, und die Wolken wie wilde, wiehernde Rosse heransprengten, und der Sonnenschein dazwischen durchging und kam und sein blitzendes Schwert an den Schneeflächen zog, so daß ein helles, blendendes Licht über die Gipfel in die Täler schnitt; oder wenn der Sturm das Gewölk abwärts trieb und einen lichtblauen See hineinriß und dann der Wind verhallte und tief unten aus den Schluchten, aus den Wipfeln der Tannen wie ein Wiegenlied und Glockengeläute heraufsummte, und am tiefen Blau ein leises Rot hinaufklomm und kleine Wölkchen auf silbernen Flügeln durchzogen, und alle Berggipfel, scharf und fest, weit über das Land hin glänzten und blitzten – riß es ihm in der Brust, er stand, keuchend, den Leib vorwärts gebogen, Augen und Mund weit offen, er meinte, er müsse den Sturm in sich ziehen, alles in sich fassen, er dehnte sich aus und lag über der Erde, er wühlte sich in das All hinein, es war eine Lust, die ihm wehe tat; oder er stand still und legte das Haupt ins Moos und schloß die Augen halb, und dann zog es weit von ihm, die Erde wich unter ihm, sie wurde klein wie ein wandelnder Stern und tauchte sich in einen brausenden Strom, der seine klare Flut unter ihm zog. Aber es waren nur Augenblicke; und dann erhob er sich nüchtern, fest, ruhig, als wäre ein Schattenspiel vor ihm vorübergezogen – er wußte von nichts mehr.
Er saß mit kalter Resignation im Wagen, wie sie das Tal hervor nach Westen fuhren. Es war ihm einerlei, wohin man ihn führte. Mehrmals, wo der Wagen bei dem schlechten Wege in Gefahr geriet, blieb er ganz ruhig sitzen; er war vollkommen gleichgültig. In diesem Zustand legte er den Weg durchs Gebirg zurück. Gegen Abend waren sie im Rheintale. Sie entfernten sich allmählich vom Gebirg, das nun wie eine tiefblaue Kristallwelle sich in das Abendrot hob, und auf deren warmer Flut die roten Strahlen des Abends spielten; über die Ebene hin am Fuße des Gebirgs lag ein schimmerndes, bläuliches Gespinst. Es wurde finster, je mehr sie sich Straßburg näherten; hoher Vollmond, alle fernen Gegenstände dunkel, nur der Berg neben bildete eine scharfe Linie; die Erde war wie ein goldner Pokal, über den schäumend die Goldwellen des Mondes liefen. Lenz starrte ruhig hinaus, keine Ahnung, kein Drang; nur wuchs eine dumpfe Angst in ihm, je mehr die Gegenstände sich in der Finsternis verloren. Sie mußten einkehren. Da machte er wieder mehrere Versuche, Hand an sich zu legen, war aber zu scharf bewacht.
Am folgenden Morgen, bei trübem, regnerischem Wetter, trat er in Straßburg ein. Er schien ganz vernünftig, sprach mit den Leuten. Er tat alles, wie es die andern taten; es war aber eine entsetzliche Leere in ihm, er fühlte keine Angst mehr, kein Verlangen, sein Dasein war ihm eine notwendige Last. –
So lebte er hin …
—Georg Büchner, Lenz (1835)
Ich. Ja, das bin ich, das kann sein, und wenn ich spazieren gehe, mit meiner Mütze, sehe ich rechts und links wilde gewaltige Bäume, udn alles platzt jetzt und spritzt, und es würde mich nicht überraschen, wenn es ganz anders wäre.
—Ror Wolf, Raoul Tranchirers Notizen aus dem zerschnetzelten Leben, 105
Ablauf. Am 10.Dezember entdeckte ich plötzlich, daß der Ablauf der Vorgänge wahrscheinlich durch ein bestimmtes Prinzip reguliert wird. Das ist das Vollständigste, was ich über den Ablauf sagen kann, hier, zwischen den feuchten Tischen, den hohlen Schränken, den schwitzenden Fenstern, in diesem dunklen Geruch, der aus dem Hinterhaus kommt. Während ich also über den Ablauf der Vorgänge nachdenke, höre ich das Aufstöhnen der Küchengeräte, den Gesang der Zerkleinerungsmaschinen, die Geräusche der Tortenschaufeln, der Topfdeckel, der Brottrommeln, ich höre das Löffelklappern und das plötzliche Platzen der Pellkartoffeln. Und während ich diese Geräusche höre, betrete ich das gefährliche Gebiet der Vermutungen. Vor dem Fenster sehe ich die Stampfmühlen, die Sodafabriken, die ausgedehnten Überblutungsgebiete. Kurzum, ich glaube in diesem Moment, am l0.Dezember ein unerschrockener Forscher zu sein, ohne die Angewohnheiten des Stubenmenschen, der sich ein Loch in die Welt schlägt, um es sich darin gemütlich zu machen. Das ist meine Meinung über den Ablauf der Vorgänge am l0.Dezember und ich schreibe das jetzt in großer Gelassenheit nieder. – Nachts nasser dunkler Geruch.
—Ror Wolf, Raoul Tranchirers Notizen aus dem zerschnetzelten Leben, 9
Ein Autor, der sein Buch darstellt, gibt, wenn dies Gedanken enthält, die er, wo nicht erfand (denn wie weniges läßt sich in unsrer Zeit eigentliches Neues erfinden?) so doch wenigstens fand und sich eigen machte, ja in denen er Jahre lang wie im Eigentum seines Geistes und Herzens lebte: ein Autor dieser Art, sage ich,gibt mit seinem Buch, es möge dies schlecht oder gut sein, gewissermaße einen Teil seiner Seele dem Publikum Preis.
—Johann Gottfried Herder, Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit, Vorrede (1784)
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