Lesen. Hören. Und ein bisschen schreiben.

Kategorie: literatur Seite 8 von 38

Aus-Lese #42

Viel zu lan­ge gewar­tet mit der nächs­ten Aus-Lese, des­we­gen ist das jetzt eine Aus­le­se der Aus-Lese …

Fried­rich Fors­s­man: Wie ich Bücher gestal­te. Göt­tin­gen: Wall­stein 2015 (Ästhe­tik des Buches, 6). 79 Seiten.

forssman, wie ich bücher gestalte„Ein Buch ist schön, wenn die Gestal­tung zum Inhalt paßt.“ (71) – in die­sem klei­nen, harm­lo­sen Satz steckt eigent­lich schon das gesam­te gestal­te­ri­sche Cre­do Fors­s­mans (des­sen Name ich immer erst beim zwei­ten Ver­such rich­tig schrei­be …) drin. Fors­s­man, als Gestal­ter und Set­zer der Spät­wer­ke Arno Schmidts schon fast eine Legen­de, inzwi­schen auch durch die Neu­ge­stal­tung der Reclam­schen „Uni­ver­sal Biblio­thek“ in fast allen Hän­den, will in die­sem klei­nen Büch­lein – 79 Sei­ten sind nicht viel, wenn es um Buch­ge­stal­tung, Typo­gra­phie, Her­stel­lung und all das drum­her­um gehen soll – zei­gen, wie er selbst Bücher gestal­tet, das heißt, nach wel­chen Kri­te­ri­en er arbei­tet. Ein Werk­statt­be­richt soll das sein – und das ist es auch, nicht nur, weil es so aussieht. 

Locker plau­dert er, könn­te man sagen, über die Arbeit an der Her­stel­lung eines Buches. Das betrifft letzt­lich all die Aspek­te, die über den „rei­nen“ Text als Inhalt hin­aus­ge­hen: Typo­gra­phie, Satz, For­mat, Her­stel­lung, Umschlag und vie­les mehr. Fors­s­man plau­dert, sage ich, weil er sich dezi­diert als Theo­rie-Ver­äch­ter dar­stellt. Letzt­lich sind das alles Regel- und Geschmack­fra­gen: Ein Buch ist schön, wenn es gut ist – und es ist gut, wenn es schön ist. Viel mehr steckt da eigent­lich nicht dahin­ter. Fors­s­man sieht Buch­ge­stal­tung aus­drück­lich als Kunst­hand­werk, das bestimm­ten Regeln gehorcht. Die – und den guten Geschmack bei der Beur­tei­lung ihrer Anwen­dung – lernt man, indem man ande­re Bücher der Ver­gan­gen­heit (und Gegen­wart) anschaut und stu­diert. Frei­heit und Tra­di­ti­on bzw. Regel sind die Pole, zwi­schen denen jeder Kunst­hand­wer­ker sich immer wie­der ver­or­tet. Beim Lesen klingt das oft tra­di­tio­nel­ler und lang­wei­li­ger, als Fors­manns Bücher dann sind. Das liegt wahr­schein­lich nicht zuletzt dar­an, dass er sehr stark auf eine aus­ge­feil­te und kon­se­quen­te Durch­ge­stal­tung des gesam­ten Buches Wert legt – vom Bin­dungs­leim bis zur kor­rek­ten Form der An- und Abfüh­rungs­stri­che hat er alles im Blick. Und, dar­auf weist er auch immer wie­der hin, Regel­haf­tig­keit und Tra­di­ti­on heißt ja nicht, dass alles vor­ge­ge­ben ist: Es gibt Frei­heits­gra­de, die zu nut­zen im Sin­ne einer Inter­pre­ta­ti­on des vor­lie­gen­den Tex­tes die Auf­ga­be des Buch­ge­stal­ters ist. Und dabei gilt dann doch wieder: 

Die Beweis­last liegt immer beim Ver­än­de­rer, in der Typo­gra­phie erst recht. (42)

Ili­ja Tro­ja­now: Macht und Wider­stand. Frank­furt am Main: Fischer. 479 Seiten.

ilija trojanow, macht und widerstandEin ganz schö­ner Bro­cken, und ein ganz schön hef­ti­ger dazu. Nicht wegen der lite­r­a­rir­schen Form, son­dern wegen des Inhalts – der ist nicht immer leicht ver­dau­lich. Es geht um Bul­ga­ri­en unter sozialistischer/​kommunistischer Herr­schaft, genau­er gesagt, um die „Arbeit“ und die Ver­bre­chen der Staats­si­cher­heit. Das erzählt Tro­ja­now auf der Grund­la­ge von Archiv­ak­ten, die zum Teil auch ihren Weg ins Buch gefun­den haben (selt­sa­mer­wei­se wer­den sie – und nur sie – in klein­schrei­bung ange­kün­digt …). Tro­ja­now kon­stru­iert eine Geschich­te aus zwei Polen – Macht und Wider­stand natür­lich – die sich in zwei Män­nern nie­der­schla­gen und recht eigent­lich, das wird ganz schnell klar, per­so­ni­fi­zie­ren. Die sind dadurch für mei­nen Geschmack manch­mal etwas ein­di­men­sio­nal gewor­den: Der eine ist eben die mehr oder weni­ger rei­ne Ver­kör­pe­rung des Prin­zipes Wider­stand, der ande­ren der Macht (bzw. des prin­zi­pi­en­lo­sen Oppor­tu­nis­mus). In abwech­seln­den Kapi­teln wech­selt auch immer die Per­spek­ti­ve ent­spre­chend. Geschickt gelingt Tro­ja­now dabei ein har­mo­ni­scher Auf­bau, der Infor­ma­tio­nen sehr har­mo­nisch und all­mäh­lich wei­ter­gibt. Sei­nen haupt­säch­li­chen Reiz zieht Macht und Wider­stand viel­leicht aber doch dar­aus, dass es sozu­sa­gen Lite­ra­tur mit Wahr­heits­an­spruch ist, den Fik­tio­na­li­täts­pakt also auf­kün­digt (und dar­an im Text durch die ein­ge­streu­ten Akten­über­set­zun­gen, die sonst für den lite­ra­ri­schen Text wenig tun, immer wie­der erin­nert). Das macht die Bewer­tung aber zugleich etwas schwie­rig: Als rein lite­ra­ri­scher Text über­zeugt es mich nicht, in sei­ner Dop­pel­funk­ti­on als Lite­ra­tur und his­to­risch-poli­ti­sche Auf­klä­rung ist es dage­gen großartig.

John Hirst: Die kür­zes­te Geschich­te Euro­pas. Ham­burg: Atlan­tik 2015. 206 Seiten.

hirst, europaEine inter­es­san­te Lek­tü­re bie­tet die­se Geschich­te Euro­pas, sie ist durch­aus erfri­schend, die extre­me Ver­knap­pung. Aber halt auch immer wie­der pro­ble­ma­tisch – vie­les fehlt, vie­les ist unge­nau bis feh­ler­haft. Aber um Voll­stän­dig­keit (der behan­del­ten The­men oder der Dar­stel­lung) kann es in einer „kür­zes­ten Geschich­te“ natür­lich über­haupt nicht gehen. 

Hirst geht es im ers­ten Teil – „Die kür­zes­te Ver­si­on der Geschich­te“ über­schrie­ben – vor allem um die For­mie­rung Euro­pas: Wie wur­de Euro­pa das, was es heu­te ist (oder vor weni­gen Jah­ren war)? Er stützt sich dabei vor allem auf drei Phä­no­me­ne und sie­delt das maß­geb­lich im Über­gang von Anti­ke zu Mit­tel­al­ter an: Euro­pa ist die Ver­bin­dung von der „Kul­tur des anti­ken Grie­chen­lands und Roms“, dem Chris­ten­tum und der „Kul­tur der ger­ma­ni­schen Krie­ger“. Immer wie­der betont er, dass Euro­pa als Idee und Gestalt eben maß­geb­lich eine Mischung sei. Und die ver­steht man nur, wenn man ihre Gene­se im Blick hat (das alles gilt übri­gens für ihn bis in die Jetzt­zeit – ich bin mir nicht sicher, ob er dabei nicht doch die Macht & Not­wen­dig­keit der Geschich­te über­schätzt …): Nur mit Kennt­nis die­ser Wur­zeln ver­steht man also die Gegen­wart. Er fasst sei­ne Über­le­gun­gen zum Zusam­men­wir­ken sei­ner Grund­fak­to­ren immer wie­der in schö­nen Dia­gram­men zusam­men, die dann zum Bei­spiel so aussehen: 

Die ers­ten Tei­le – wo es um die eigent­li­che Geschich­te und For­mie­rung Euro­pas als Euro­pa geht – sind dabei gar nicht so schlecht: Natür­lich ist das alles sehr ver­kürzt, aber übri­gens auch gut les­bar. Danach, wo es unter Über­schrif­ten wie „Ein­fäl­le und Erobe­run­gen“, „Staats­for­men“, „Kai­ser und Päps­te“ um Lini­en und Ten­den­zen der euro­päi­schen Geschich­te in Mit­tel­al­ter und Neu­zeit geht, wird es für mei­nen Geschmack aber zu epi­so­disch und auch his­to­risch oft zu unge­nau. In der Kon­zep­ti­on fehlt mir zu viel Kul­tur und Kul­tur­ge­schich­te: Hirst geht wei­test­ge­hend von klas­si­scher poli­ti­scher Geschich­te aus, ergänzt das noch um etwas Phi­lo­so­phie und ein biss­chen Reli­gi­on. Und: Hirst denkt für mei­nen Geschmack auch zu sehr in moder­nen Begrif­fen, was manch­mal zu schie­fen Bewer­tun­gen führt (übri­gens auch ande­ren bei His­to­ri­kern (immer noch) ein belieb­ter Fehler …) 

Man­che Wer­tung und Ein­schät­zung stößt bei mir auf grö­ße­ren Wider­stand. Manch­mal aber auch ein­fa­ches hand­werk­li­ches Pfu­schen, wenn Hirst etwa Davids Zeich­nung „Schwur im Ball­haus“ unhin­ter­fragt als getreu­es Abbild einer wirk­li­chen Hand­lung am Beginn der Fran­zö­si­schen Revo­lu­ti­on liest und inter­pre­tiert (dass er den Leser sonst mit Quel­len nicht wei­ter behel­ligt, ist natür­lich dem For­mat geschul­det). Selt­sam fand ich auch sein Bild der mit­tel­al­ter­li­chen Kir­che vor Gre­gor VII und ihr Ver­hält­nis zur Poli­tik: „Ört­li­che Macht­ha­ber und die Mon­ar­chen Euro­pas hat­ten sie [die Kir­che] unter­gra­ben, schlecht­ge­macht und aus­ge­plün­dert.“ (149) – ein­deu­ti­ger kann man kaum Posi­ti­on beziehen …

Damit ist Hirst ins­ge­samt also sicher nicht die letz­te Auto­ri­tät zur Geschich­te Euro­pas, nichts­des­to­trotz aber durch­aus eine sti­mu­lie­ren­de Lek­tü­re. So weit wie Gus­tav Seibt, der das in der SZ ein „Meis­ter­werk der Ver­ein­fa­chung“ nann­te, wür­de ich aller­dings nicht gehen.

Roland Bar­thes: Der Eif­fel­turm. Ber­lin: Suhr­kamp 2015. 80 Seiten.

barthes, eiffelturmZum 100. Geburts­tag des gro­ßen Roland Bar­thes hat Suhr­kamp sei­nen klei­nen Text über den Pari­ser Eif­fel­turm in einem schön gemach­ten Büch­lein mit ergän­zen­den Fotos ver­öf­fent­licht (das bei mir aller­dings schon beim ers­ten Lesen zer­fiel …). Bar­thes unter­sucht nicht nur, was der Eif­fel­turm eigent­lich ist – näm­lich ein (annä­hernd) lee­res Zei­chen -, son­dern vor allem, was er bedeu­tet und was er mit Paris und dem Beob­ach­ter oder bes­ser Betrach­ter macht. So kon­sta­tiert er unter ande­rem, dass der Eif­fel­turm einen neu­en Blick (aus der Höhe eben) auf die Stadt als neue Natur, als mensch­li­chen Raum ermög­licht und eröff­net. Und damit ist der Eif­fel­turm für Bar­thes die Mate­ria­li­sa­ti­on des­sen, was die Lite­ra­tur im 19. Jahr­hun­dert schon längst geleis­tet hat­te, näm­lich die Ermög­li­chung, die Struk­tur der Din­ge (als „kon­kre­te Abs­trak­ti­on“) zu sehen und zu ent­zif­fern. Der beson­de­re Kniff des Eif­fel­turms besteht und dar­in, dass er – im Unter­schied zu ande­ren Tür­men und Monu­men­ten – kein Innen hat: „Den Eif­fel­turm besich­ti­gen heißt sich zu sei­nem Para­si­ten, nicht aber zu sei­nem Erfor­scher machen.“ (37), man glei­tet immer nur auf sei­ner Oberfläche.

Damit und durch die Eta­blie­rung eines neu­en Mate­ri­als – dem Eisen statt dem Stein – ver­kör­pert der Eif­fel­turm einen neu­en Wert – den der funk­tio­nel­len Schön­heit. Gera­de durch sei­ne Nutz­lo­sig­keit (die ihn vor sei­ner Erbau­ung so suspekt mach­te) befä­higt ihn beson­ders – weil kei­ne tat­säch­li­che Nut­zung sich mit ein­mengt -, zum Sym­bol der Stadt Paris zu wer­den: „Der Eif­fel­turm ist durch Met­ony­mie Paris gewor­den.“ (51) – und mehr noch, er ist „die unge­hemm­te Meta­pher“ über­haupt: „Blick, Objekt, Sym­bol, der Eif­fel­turm ist alles, was der Mensch in ihn hin­ein­legt.“ (63). Genau das ist es natür­lich, was ihn für den struk­tu­ra­lis­ti­schen Semio­ti­ker Bar­thes so inter­es­sant und anzie­hend macht. Und die­se Fas­zi­na­ti­on des Autors merkt man dem Text immer wie­der an.

Micha­el Fehr: Sime­li­berg. 3. Auf­la­ge. Luzern: Der gesun­de Men­schen­ver­sand 2015. 139 Seiten.

Grau
nass
trüb
ein Schwei­zer Wetter
ziem­lich ab vom Schuss (5)

fehr, simeliberg- so fängt das „Satz­ge­wit­ter“ von Micha­el Fehrs Sime­li­berg an. Die Metho­de bleibt über die fast 140 Sei­ten gleich: Die Sät­ze der har­ten, schwei­ze­risch gefärb­ten Pro­sa wer­den durch ihre Anord­nung der Lyrik ange­nä­hert (das typo­gra­phi­sche Dis­po­si­tiv ist sogar ganz unver­fälscht das der Lyrik), statt Satz­zei­chen benutzt Fehr Zei­len­um­brü­che. Die­se zei­len­wei­se Iso­lie­rung von Satz­tei­len und Teil­sät­zen ver­leiht dem Text nicht nur eine eigen­ar­ti­ge Gestalt, son­dern auch ein ganz eige­nes Lese­er­leb­nis: Das ist im Kern „ech­te“ Pro­sa, die durch ihre Anord­nung aber leicht wird, den Boden unter den Füßen ver­liert, ihre Fes­tig­keit und Sicher­heit (auch im Bedeu­ten und Mei­nen) auf­ge­ge­ben hat: Sicher im Sin­ne von unver­rückt und wahr ist hier kaum etwas, die Form lässt alles offen. Dabei ist die erzähl­te Geschich­te in ihrem Kri­mi­ch­a­rak­ter (der frei­lich kei­ne „Auf­lö­sung“ erfährt) bei­na­he harm­los: Ein abge­le­ge­ner Hof, selt­sa­me Todes­fäl­le, eine gigan­ti­sche Explo­si­on, eine Unter­su­chung, die Kon­fron­ta­ti­on von Dorf und Stadt, von Ein­hei­mi­schen und Zuge­zo­ge­nen. Genau wie die Geschich­te bleibt alles im Unge­fäh­ren, im Düs­te­ren und Schlam­mi­gen – die Figu­ren sind Schat­ten­ris­se, ihre Moti­va­ti­on wie ihre Spra­che bruch­stück­haft. Und genau wie die Men­schen (fast) alle selt­sa­me Son­der­lin­ge sind, ist auch der Text son­der­bar – aber eben son­der­bar fas­zi­nie­rend, viel­leicht gera­de durch sei­ne Här­te und die abgrün­di­ge Dun­kel­heit, die er aus­strahlt. Und die Fehr weder mil­dern will noch kann durch eine „ange­neh­me­re“, das heißt den Leser­er­war­tun­gen mehr ent­spre­chen­de, Erzählweise.

Hans-Jost Frey: Hen­ri­ci. Solo­thurn: Urs Enge­ler 2014. 84 Seiten.

frey, henriciAuch wie­der ein net­tes, sym­pa­thi­sches Büch­lein: In über 60 kur­zen Geschich­ten, Anek­do­ten, Skiz­zen hin­ter­fragt Hen­ri­ci (den man sich wohl als alter ego des Lite­ra­tur­wis­sen­schaft­lers Frey vor­stel­len darf) den All­tag der Gegen­wart, unser Tun und unser Spre­chen. Das ist ein­fach schön ver­spielt, ver­liebt ins Spie­len, genau­er gesagt, ins Wort­spiel: Durch das spie­le­ri­sche Arbei­ten mit gedan­ken­los geäu­ßer­ten Wor­ten und Sät­zen, mit Gemein­plät­zen, hin­sicht­lich ihres Klan­ges und ihrer Seman­tik bringt Frey immer wie­der die Bedeu­tun­gen zum Tan­zen. Das sind oft oder sogar über­wie­gend gar kei­ne welt­ver­än­dern­den Beob­ach­tun­gen, die die­se Minia­tu­ren erzäh­len. Aber sie haben die Kraft, das All­täg­li­che, das Nor­ma­le, das man immer wie­der als Gege­ben unhin­ter­fragt ein­fach so hin­nimmt und wei­ter­führt, für die Beob­ach­tung und Inspek­ti­on zu öff­nen: Denn im spie­le­ri­schen Ver­dre­hen der Wor­te zeigt Frey immer wie­der, was die eigent­lich leis­ten (kön­nen), wenn man sie nicht bloß unbe­dacht äußert, son­dern auch in bana­len Situa­tio­nen auf ihre Mög­lich­kei­ten und Bedeu­tun­gen abklopft – da kommt Erstaun­li­ches, oft aus­ge­spro­chen Komi­sches dabei her­aus. Eine sehr sym­pa­thi­sche (und leicht zugäng­li­che) Art des (Sprach)Philosophierens …

Titus Mey­er: Mei­ner Buch­sta­be­neu­ter Milch­wucht­ord­nung. Leip­zig: Rei­ne­cke & Voß 2015. 84 Seiten.

Zu die­sem ganz wun­der­ba­ren Büch­lein mit dem zau­ber­haf­ten Titel Mei­ner Buch­sta­be­neu­ter Milch­wucht­ord­nung von Titus Mey­er, das vol­ler fas­zi­nie­rend artis­ti­scher Sprach­kunst­wer­ke steckt, habe ich schon vor eini­ger Zeit ein paar Sät­ze ver­lo­ren: klick.

Wolf­gang Herrn­dorf: Bil­der dei­ner gro­ßen Lie­be. Ein unvoll­ende­ter Roman. Her­aus­ge­ge­ben von Kath­rin Pas­sig und Mar­cus Gärt­ner. RM Buch und Medi­en 2015. 141 Seiten.

herrndorf, bilder deiner großen liebeBil­der dei­ner gro­ßen Lie­be ist ein unver­öf­fent­lich­tes und auch unfer­ti­ges Manu­skript aus dem Nach­lass Wolf­gang Herrn­dorfs, das Kath­rin Pas­sig und Mar­cus Gärt­ner (die mit Herrn­dorf eng bekannt/​befreundet waren) zur Ver­öf­fent­li­chung „arran­giert“ haben. Denn das vor­han­de­ne Text­ma­te­ri­al setzt an ver­schie­de­nen Stel­len des geplan­ten Romans an und ist auch unter­schied­lich stark aus­ge­ar­bei­tet. Das merkt man auch beim Lesen – eini­ges passt (etwa chro­no­lo­gisch und topo­gra­phisch) nicht zusam­men, an eini­gen Stel­len bre­chen Epi­so­den mit Stich­wor­ten oder Halb­sät­zen ab. Trotz­dem liest man eben Herrn­dorf: Wie­der eine Art Road-Novel, dies­mal von der „ver­rück­ten“ Isa auf ihrem Weg durch das Land berich­tend, wobei sie eini­ge span­nen­de Begeg­nun­gen erlebt. Ein sehr bun­ter, etwas chao­ti­scher und deut­lich unfer­ti­ger Text – ich bin mir nicht sicher, ob Herrn­dorf damit ein Gefal­len getan wur­de, das noch zu ver­öf­fent­li­chen. Sicher, das ist nett zu lesen. Aber in die­ser Form ist es eben über­haupt nicht auf der Ebe­ne, auf der Herrn­dorfs ande­re Tex­te ange­sie­delt sind. Für Herrn­dorf-Fans sicher ein Muss, die ande­ren kön­nen das ohne gro­ßen Ver­lust auslassen.

Ver­rückt sein heißt ja auch nur, dass man ver­rückt ist, und nicht bescheu­ert. (7)

außer­dem noch gelesen:

  • Iris Hanika: Wie der Müll geord­net wird. Graz, Wien: Dro­schl 2015. 298 Seiten.
  • Ulri­ke Almut San­dig: Grimm. Gedich­te. Nach den Kin­der- und Haus­mär­chen von Jacob und Wil­helm Grimm, hg. von Bri­git­te Labs-Ehlert. Det­mold: Wege durch das Land 2015 (Wege durch das Land 23). 32 Seiten.
  • Urs Faes: Und Ruth. Frank­furt am Main, Wien, Zürich: Bücher­gil­de Guten­berg 2001 [Suhr­kamp 2001]. 181 Seiten.
  • Moni­que Schwit­ter: Eins im Andern. 5. Auf­la­ge. Graz: Dro­schl 2015. 232 Seiten.
  • Tho­mas Mel­le: Raum­for­de­rung. Erzäh­lun­gen. Frank­furt am Main: Suhr­kamp 2007. 200 Seiten.
  • Man­fred Mit­ter­may­er: Tho­mas Bern­hard. Eine Bio­gra­fie. Wien: Resi­denz Ver­lag 2015. 452 Seiten.
  • Peter Stamm: Nacht ist der Tag. Frank­furt am Main: Fischer Taschen­buch Ver­lag 2014. 253 Seiten.
  • Sig­mar Scholl­ak: Nar­ren­rei­se. Hal­le: Mit­tel­deut­scher Ver­lag 2015. 159 Seiten.
  • Sabi­ne Scholl: Wir sind die Früch­te des Zorns. Zürich: Seces­si­on Ver­lag für Lite­ra­tur 2013. 288 Seiten.
  • Anke Stel­ling: Boden­tie­fe Fens­ter. 4. Auf­la­ge. Ber­lin: Ver­bre­cher 2015. 249 Seiten.
  • Gun­nar Gun­n­ars­son: Advent im Hoch­ge­bir­ge. Erzäh­lung. Stutt­gart: Reclam 2006. 103 Seiten.
  • Hans Joa­chim Schäd­lich: Ver­such­te Nähe. Pro­sa. Rein­bek: Rowohl 1992.

Der wundersame Wort- und Buchstabendreher Titus Meyer

meyer, meiner buchstabeneuter milchwuchtordnungDas ist mal ein Buch, das mir wirk­lich so man­che Nuss zu kna­cken gege­ben hat: Mei­ner Buch­sta­be­neu­ter Milch­wucht­ord­nung von Titus Mey­er, erschie­nen im rüh­ri­gen klei­nen Ver­lag Rei­ne­cke & Voß, des­sen Pro­gramm lau­ter so absei­ti­ge Kost­bar­kei­ten ent­hält (und der mir freund­li­cher­wei­se ein Rezen­si­ons­exem­plar zur Ver­fü­gung gestellt hat). Sel­ten war (und bin) ich mir so andau­ernd unklar, wie ich zu den hier ver­sam­mel­ten Tex­ten ste­he. Und das ist zunächst mal ein sehr gutes Zei­chen – heißt es doch, dass die Tex­te anre­gen: zum Den­ken, zum Prü­fen, zum Über­le­gen und auch zum Kno­beln. Denn alle Tex­te in Mei­ner Buch­sta­be­neu­ter Milch­wucht­ord­nung beru­hen auf einer palin­dro­mi­schen und/​oder ana­gram­ma­ti­schen Struk­tur. Und die muss man (wenn man will, gnä­di­ger­wei­se gibt der Band auch eine „Auf­lö­sung“ an) erst ein­mal ent­schlüs­seln, um das zugrun­de­le­gen­de Form­prin­zip zu erken­nen und zu verstehen.

Zu einem Ende bin ich damit immer noch nicht gekom­men, wei­ter­hin habe ich eigent­lich kei­ne wirk­li­che Posi­ti­on: auf der einen Sei­te steht die Bewun­de­rung ob der Kunst­fer­tig­keit und die Begeis­te­rung am Rät­seln. Auf der ande­ren Sei­te aber auch viel Rat­lo­sig­keit, weil ich (mich) oft nicht so recht ent­schei­den kann, ob die Gedich­te wirk­lich für sich allein ste­hen kön­nen oder doch nur ein Bei­spiel für abs­trak­te Form­über­le­gun­gen und ‑spie­le­rei­en sind. Viel­leicht ist das falsch gedacht, aber wenn ich ihre Pro­duk­ti­ons­be­son­der­hei­ten und damit aber auch ihre for­ma­le Bedingt­heit pro­be­wei­se außen vor las­se, sind mir vie­le Tex­te auch nach mehr­ma­li­gem Lesen noch fremd: Ich fin­de kei­nen Ansatz­punkt, der mir eine Annä­he­rung ermög­licht. Ande­re zün­den sofort, machen Spaß oder öff­nen neue Per­spek­ti­ven – tun also genau das, was ich mir von Gedich­ten erhoffe.

Also doch alles wie bei einem gewöhn­li­chen Lyrik­band? Durch­aus (auch der Titel ist ja durch­aus vor­stell­bar) – aber schon der Ver­gleich ist ja wie­der­um eigent­lich falsch. Denn was ist denn so außer­ge­wöhn­lich an Mey­ers Wer­ken? Doch eigent­lich nur die Sel­ten­heit und Kon­se­quenz ihrer for­ma­len Gestalt und deren Ent­ste­hung, die in gro­ßen Tei­len aktu­el­ler Lyrik so nicht vor­kom­met. Und schon gar nicht so offen­ge­legt vor­kommt: Denn Mey­er gibt im Inhalts­ver­zeich­nis zu jedem Text das Bau- & Form­prin­zip an, mit dem Ver­weis auf sein Ord­nungs­sche­ma legt der Dich­ter sozu­sa­gen sei­ne Werk­statt bloß und macht damit auch deut­lich, dass sei­ne Tex­te immer eine dezi­dier­te Form haben (und hat mir in eini­gen Fäl­len über­haupt erst ver­ra­ten, wie der Text funk­tio­niert …). Das ist viel­leicht der größ­te Unter­schied zu manch ande­rer aktu­el­ler Lyrik, die sich um for­ma­le Momen­te wenig bis gar nicht küm­mert (mit Aus­nah­me von rhyth­mi­schen und klang­li­chen Aspek­ten even­tu­ell) oder aus ande­ren Grün­den auf gewöhn­li­che­re, tra­di­tio­nel­le­re Momen­te setzt. Was Mey­er aber davon abge­se­hen auf jeden Fall aus­zeich­net, ist der Umstand, dass sei­ne Lyrik ihre Schrift­lich­keit kon­se­quent ernst nimmt, sie fast schon zele­briert, den Buch­sta­ben (und manch­mal auch grö­ße­re Enti­tä­ten wie etwa Sil­ben) als für sich ste­hen­de Wer­te in der und für die Lyrik ins Zen­trum rückt. Von Buch­sta­ben-Palin­dro­men über Zei­len-Buch­sta­ben-Palin­dro­me, Sator-Qua­drat und das ver­rück­te Ver­ti­kal­pa­lin­drom (bei dem der Text nach einer 180°-Drehung den glei­chen Text gibt!) über Sil­ben- & Wort-Palin­dro­me zu Ana­gramm­ge­dich­ten, Pan­gramm­ge­dich­ten (mit allen Buch­sta­ben des Alpha­bets) und Schüt­tel­rei­men reicht die Band­brei­te der kon­struk­ti­vis­ti­schen Gedich­te (wenn ich die mal vor­über­ge­hend so nen­nen mag) bei Mey­er denn auch – man kann Mei­ner Buch­sta­be­neu­ter Milch­wucht­ord­nung denn auch durch­aus als Kom­pe­di­um der sel­te­nen For­men lesen.

Mons­trum, dies aufgrund
see­lischs­ter Meis­ten vergaste
Zaum­tier Palin­drom.April­mond (die Schlussverse)

Viel­leicht zei­gen Mey­ers Tex­te aber doch mehr als nur den kunst­fer­ti­gen Umgang mit Spra­che, der eine gewis­se arti­fi­zi­el­le Freu­de am ver­track­ten Rät­sel­haf­tig­keit mei­nes Erach­tens nicht ver­ber­gen kann. Viel­leicht geht es hier auch um die Negie­rung oder bes­ser noch, die Zer­stö­rung von Sin­n­erwar­tun­gen: Man könn­te viel­leicht sagen, erst sol­che Gedich­te sind der Free Jazz der Lyrik, denn sel­ten (na gut, Dada funk­tio­niert auf die­ser Ebe­ne ähn­lich) bis gar nicht wird die Mate­ria­li­tät der Spra­che der Lyrik so radi­kal gedacht und umge­setzt. Viel­leicht kommt ja daher mei­ne initia­le „Unzu­frie­den­heit“ (blö­des Wort, viel zu viel …) mit vie­len Tex­ten – weil sie ein­fach sind, was und wie sie sind und nicht irgend­was ver­mit­teln, erzäh­len, zei­gen, bewei­sen sol­len und wol­len – und dar­an schei­tert dann mein kryp­to-her­me­neu­ti­sches Lesen zumin­dest beim ers­ten Durch­gang regel­mä­ßig, es stol­pert sozu­sa­gen beim Gang auf der „Her­me­neu­tik­trep­pe“ (um einen der schö­nen Mey­er­schen Neo­lo­gis­men zu ver­wen­den). Aber das macht gar nichts: Denn ers­tens ist das ein guter Anlass, mal wie­der über Lek­tü­re­er­war­tun­gen und Lese­tech­ni­ken nach­zu­den­ken und ande­re Her­an­ge­hens­wei­sen zu pro­ben, und zwei­tens zeigt es eben, dass Lite­ra­tur mehr sein kann als nur sinn­haf­tes Erzäh­len oder Beschrei­ben in Pro­sa oder Lyrik (und dann sogar rich­tig gut wird). Gut, das ist natür­lich über­haupt kei­ne neue Beob­ach­tung und gera­de in zeit­ge­nös­si­scher Lyrik merkt man das auch an ande­ren Stel­len – aber eben nicht so wie bei Mey­er, der das Lesen auf sei­ne Form viel stär­ker zurück­wirft als ande­re Autorin­nen das vermögen.

Der Ver­gleich mit dem Free Jazz passt viel­leicht auch inso­fern, als aus die­sen Gedich­ten immer wie­der eine gro­ße Frei­heit spricht. Das ist natür­lich para­dox: Frei­heit in einer künst­li­chen, stren­gen Form – aber gera­de sie ist es, die sie ermög­licht, weil sie das Sinn­dik­tat ein­fach auf­hebt. Auch wenn ich das in mei­ner Lek­tü­re sehr stark mache, heißt das aber auch nicht, dass die Mey­er­sche Lyrik voll­kom­men sinn­be­freit ist. Mit etwas Spür­sinn und Krea­ti­vi­tät kann man hier durch­aus fas­zi­nie­ren­de Zusam­men­hän­ge fin­den (ganz egal, ob die vom Autor inten­diert oder gese­hen wur­den …) – nicht immer gelingt das für gan­ze Gedich­te, aber doch für ein­zel­ne Wort- und Vers­grup­pen. Dann kom­men aber wie­der Brü­che, „ent­täusch­te“ Erwar­tun­gen, Wider­sprü­che und Kon­fron­ta­tio­nen ins Spiel. Und in die­sem Zusam­men­spiel aus stren­ger (nach­ge­ra­de mathe­ma­ti­scher) Kon­struk­ti­on und Inko­hä­ren­zen auf allen Sin­ne­be­nen ist das Lyrik, die unbe­dingt heu­tig, aktu­ell ist.

Und noch ein Gedan­ke, der beim Lesen in die­sem Band immer wie­der kommt: Spra­che ist eine Wun­der­tü­te. Und das ist natür­lich ein Punkt, für den ich mich immer wie­der neu begeis­tern kann … Mey­er löst Spra­che wie nur wenig Lite­ra­tin­nen aus dem Kor­sett der All­tags­ver­wen­dung und ihrer „nor­ma­len“ Bedeu­tung: Das ist ja immer die Krux für Sprach­ar­bei­ter, dass ihr Medi­um und Mate­ri­al so nor­mal, so all­täg­lich ist (und des­halb so wenig kunst­voll – aus­wei­chen nur im „Stil“) – oder es wird schnell sehr fremd (Joy­ce oder Schmidt zum Bei­spiel, selbst dem in die­ser Hin­sicht viel harm­lo­se­ren Jirgl wird das immer wie­der vor­ge­hal­ten). Mei­ner Buch­sta­be­neu­ter Milch­wucht­ord­nung ist auch in ande­rer Hin­sicht eine sprach­li­che Wun­der­tü­te – und dar­an zeigt sich viel­leicht erst die Meis­ter­schaft Mey­ers: Auch wenn die Kon­struk­ti­ons­prin­zi­pi­en gleich oder ähn­lich sind, so haben doch alle dar­aus resul­tie­ren­den Gedich­te ihren eige­nen Ton, ihr eige­nes Set­ting, ihren spe­zi­el­len Klang, ihren indi­vi­du­el­len Stil von ver­spiel­ten Clow­ne­rei­en bis zu düs­te­ren Nachdenklichkeiten.

Auf jeden Fall kann ich nur raten, das unbe­dingt selbst aus­zu­pro­bie­ren – weni­ge Lek­tü­ren sind so anre­gend im eigent­li­chen Sin­ne. Mei­ner Buch­sta­be­neu­ter Milch­wucht­ord­nung ist fas­zi­nie­rend und schön, streng und ver­spielt, spa­ßig und tief­sin­nig. Und damit ist es ein­fach ein gutes Buch, denn es nötigt der Lese­rin viel Akti­vi­tät ab: Das kann man nicht ein­fach so weg­kon­su­mie­ren, hier muss man mit­ar­bei­ten. Aber auch: Hier darf und kann man das! Und sicher ist auch: Mey­ers Tex­te bie­ten vie­le Mög­lich­kei­ten, eige­ne Zugän­ge zu fin­den, über die kon­struk­ti­ve Schär­fe natür­lich, aber auch über das Moment der Klang­lich­keit und der sprach­li­chen Raf­fi­nes­se über­haupt, aber auch für Wort­bil­dungs­fans gibt es hier ganz tol­le Ent­de­ckun­gen (der Titel ver­weist ja schon dar­auf, dar­über allei­ne – der Schluss­vers aus „Wurm­loch­dich­tung“ – lie­ße sich noch aus­gie­big nach­den­ken …) zu machen – da ist für (fast) jeden etwas dabei …

Staatsexamensangst?
Staat, Sex, Amen sangst
du Rabe. Leben?
Dura­bel eben!18

Titus Mey­er: Mei­ner Buch­sta­be­neu­ter Milch­wucht­ord­nung. Leip­zig: Rei­ne­cke & Voß 2015. 83 Sei­ten. ISBN 9783942901154.

Gedichtfalle

Der groß­ar­ti­ge Jürg Hal­ter zeigt sein Werk­zeug: Gedicht­fal­le und Pro­sa­sche­re. Außer­dem stellt er sei­ne Inspi­ra­ti­on und sei­ne Muse vor:

Jürg Hal­ter, Dich­ter und Den­ker im Umbruch

Beim Kli­cken auf das und beim Abspie­len des von You­Tube ein­ge­bet­te­ten Vide­os wer­den (u. U. per­so­nen­be­zo­ge­ne) Daten wie die IP-Adres­se an You­Tube übertragen.

Europa herrschet

Die Wahl

Euro­pa herr­schet. Immer geschmeichelter
Gebie­test du der Herr­sche­rin, Sinnlichkeit!
Die Blu­men­ket­te, die du anlegst,
Klir­ret nicht, aber umrin­gelt fester,

Als jene, die den blei­chen Gefangenen
Im Tur­me las­tet. Zau­be­rin Sinnlichkeit,
Du tötest alles, was erinnert,
Daß sie nicht Leib nur, daß eine Seele

Sie auch doch haben! Von der Erhabenen,
Von ihrer Grö­ße red ich nicht, sage nur:
Du schlä­ferst ein, daß sie in sich nichts
Außer der schla­gen­den Ader fühlen.

Das soll nun end­lich enden! Der edle Krieg
Der gro­ßen, lie­bens­wür­di­gen Gallier
Raubt bis zum letz­ten Scherf. Euch sinket
Wel­kend vom Arme die Blumenkette.

Die Don­ner­stim­me schallt euch der eisernen
Not­wen­dig­keit! Ihr strau­chelt des Lebens Weg
Ver­armt: wie wär es mög­lich, daß ihr
Nun in der Zau­be­rin Schoß noch ruhtet?

Doch wenn ein Fun­ken See­le viel­leicht in euch
Auf­glimmet, wenn ihr zürnt, daß ihr Knech­te seid …
Was frommts? Ihr habt zum Flin­ten­stein die
Pfen­ni­ge nicht, noch zu einer Kugel!

Ihr saht es wel­ken, hör­tet die eiserne
Not­wen­dig­keit. Was wol­let ihr tun? Wohlan,
Zur Wahl: Ver­zwei­felt! oder macht euch
Glück­li­cher, als es der Zau­ber konnte.

Wer, was die Schöp­fung, und was er selbst sei, forscht;
Anbe­tend forscht, was Gott sei, den hei­tert, stärkt
Genuß des Geis­tes: wen nach diesen
Quel­len nie dürs­te­te, der erlieget.

Der Küns­te Blu­men kön­nen zur Heiterkeit
Auch wie­der wecken; führt euch des Ken­ners Blick.
Die Far­be trü­get oft; der Blumen
See­len sind laben­de Wohlgerüche.

Fried­rich Gott­lieb Klopstock

Aus-Lese #41

Wolf­gang Sof­sky: Wei­sen­fels. Ber­lin: Matthes & Seitz Ber­lin 2014. 236 Seiten.

sofsky, weisenfels„Unab­ding­ba­re Erschüt­te­rung“, „ver­fal­le­ne Gemäu­er“, „die Begeg­nung zwei­er Men­schen im Zenit des Unter­gangs einer ver­lo­re­nen Welt“ – der Umschlag­text hält sich nicht zurück. Dabei ist Wei­sen­fels eigent­lich ein ziem­lich selt­sa­mer Roman: Zwei (ehe­ma­li­ge) Freun­de tref­fen sich im Fami­li­en­sitz des einen, einem ver­fal­len­den Schloss, dass gefüllt ist mit Arte­fak­ten der abend­län­di­schen Kunst- und Kul­tur­ge­schich­te – aber nicht mit Men­schen. Die bei­den wan­deln durch die Gemäu­er und durch die Samm­lun­gen und durch die Erin­ne­rung an eine Welt oder eine Epo­che, die nicht mehr ver­füg­bar ist – eine Unter­neh­mung, die ganz fol­ge­rich­tig nur mit dem Tod enden kann. Es war nicht so sehr der plot, der mir schwer­fiel, son­dern die sehr selt­sa­me Pro­sa, die Sof­sky hier pflegt. Das ist ein unent­weg­tes Dekla­ri­en, Dozie­ren und Dekla­mie­ren, sowohl der Figu­ren als auch des Erzäh­lers. Über­haupt die Figu­ren, die sind auch sehr selt­sam – näm­lich eigent­lich nur (noch) als Mas­ke, als Rol­le oder als Platz­hal­ter prä­sent und damit unto­te Hül­len, leb­lo­se Über­res­te einer einst leben­di­gen Welt (dem christ­li­chen Abend­land, das mit sei­ner Tra­di­ti­on und Bil­dung so ger­ne beschwo­ren wird, aber schon lan­ge nicht mehr leben­dig ist …). Reli­gi­on und ihre Anzie­hungs­kraft, aber auch ihre Aus­prä­gun­gen, Pra­xen und Theo­lo­gien spie­len eine gro­ße Rol­le, vor allem aber ein ganz wört­lich genom­me­nes Leben „in“ Kul­tu­ren: Wenn hier über­haupt noch Leben ist, dann im Über­rest der Kul­tur, nicht aber in dem, was man Welt nen­nen möchte.

Der Ver­lust der Bil­dung und der Kul­tur ist sozu­sa­gen die Grund­the­se, von der aus die­ser Text geschrie­ben ist. Der koket­tiert aber zugleich selbst auf allen Ebe­nen und auf­dring­lich per­ma­nent damit, mit dem Bil­dungs­wis­sen sei­ner Prot­ago­nis­ten bzw. deren Erzäh­ler: Tabak, Whis­key, Renais­sance-Male­rei, Kunst­mu­sik des 19. Jahr­hun­derts, Lite­ra­tur, Enzy­klo­pä­dis­tik, Skulp­tu­ren – alles ist hier da, prä­sent und wird erzählt. Man könn­te auch sagen: Das ist lau­ter bedeu­tungs­schwan­ge­res Wis­sen-Geklin­gel … Denn die Idee ist schnell klar, eben­so schnell zei­gen sich Län­gen im Text, der manch­mal recht zäh daher­kommt. Denn auch ihm gelingt natür­lich nicht das, was im und mit dem Schloss ver­sucht wird: Der Ver­such, den ewi­gen Pro­zess des Zer­fal­lens und Ver­falls anzu­hal­ten, den Ver­lust zu ver­mei­den: Des­halb das mani­sche Sam­meln und Rekon­stru­ie­ren ver­lo­re­ner Bil­dungs- und Kul­tur­gü­ter – ein Ver­such, der nahe­zu zwangs­läu­fig mit dem Ver­lust der Erin­ne­run­gen, des Selbst und des Lebens – also dem Tod – enden muss. 

Bern­hard Stro­bel: Ein dün­ner Faden. Erzäh­lun­gen. Graz, Wien: Dro­schl 2015. 152 Seiten.

bernhard strobel, ein dünner fadenMit dem „dün­nen Faden“ konn­te Stro­bel mich nicht so recht begeis­tern. „Schnör­kel­lo­se Schil­de­run­gen des müh­sam unter­drück­ten Alp­traums im Häus­chen im Grü­nen“ ver­spricht der Schutz­um­schlag. Das trifft die Erzäh­lun­gen auch ziem­lich genau, ver­schweigt aber, dass sie dabei eher fad her­über­kom­men – unter ande­rem, weil das Mus­ter schnell erkannt ist: Es geht um ein­bre­chen­de Gefah­ren, Dro­hung, Andro­hun­gen und Streit. Immer wie­der wird der All­tag durch ein plötz­lich über die Prot­ago­nis­ten her­bre­chen­des Unheil, ein Unglück und Tra­gik, in der Rea­li­tät des Figu­ren­le­bens oder auch nur in Gedan­ken, Träu­men und Ahnun­gen, unter­bro­chen. Das beson­de­re bei Stro­bel ist dabei, dass gera­de die Momen­te der Erwar­tung des Unheils, das spür­ba­re, aber (noch) nicht zu benen­nen­de (und damit auch nicht zu hegen­de) Bro­deln unter der Ober­flä­che des gewön­li­chen All­tags eine gro­ße Rol­le spielt. Vie­les ist und bleibt dabei auf­fal­lend unspe­zi­fisch – nicht nur Ort, Raum und Zeit, son­dern vor allem die Figu­ren selbst. Das kann man natür­lich aus dem erzähl­ten Gesche­hen – etwa dem Neben­ein­an­der­le­ben der Paa­re, der aus­ge­stell­ten Nicht-Kom­mu­ni­ka­ti­on – moti­vie­ren. Das wird auch dem­entspre­chend ganz unauf­fäl­lig erzählt, in unmar­kier­tem Stil und unmar­kier­ter Form. Lau­ter Nor­ma­li­tät – oder eben lei­der oft: Mit­tel­maß – also. Klar, der „müh­sam unter­drück­te Alp­traum“ ist da: unter den Ober­flä­chen bro­delt es gewal­tig. Aber der Text ver­rät das kaum, sei­ne „schnör­kel­lo­se Schil­de­run­gen“ blei­ben selbst schreck­lich ober­fläch­lich und vom Gesche­hen oder des­sen Ahnung und Ankün­di­gung gänz­lich unbe­rührt. Wofür dann die Stil­ver­knap­pung, die künst­li­che Kunst­lo­sig­keit gut ist, erschließt sich mir also nicht wirk­lich. Alles in allem über­zeu­gen mich die­se Erzäh­lun­gen also lei­der über­haupt nicht.

Die Spra­che. Sie ist ein unzu­rei­chen­des Hilfs­mit­tel, und sie ist das ein­zi­ge Hilfs­mit­tel. Ein schö­nes Dilem­ma. (131)

Peter Neu­mann: geheu­er. Dres­den: edi­ti­on azur 2014. 88 Seiten.

neumann, geheuerEine mari­ti­me Gedicht­samm­lung. Das Meer mit sei­ner Bewe­gung, der Gren­ze zwi­schen Land und Was­ser, der (mög­li­chen) Frem­de und den unbe­herrsch­ten und unbe­herrsch­ba­ren Gewal­ten spielt hier – der Titel weist dar­auf hin und das Titel„bild“ unter­stützt das noch – eine gro­ße Rol­le. Sind das also Natur­ge­dich­te? Nun­ja, Natur taucht hier eher und vor­ran­gig als Impuls für Wahr­neh­mung des Men­schen und für Poe­sie auf, sie steht nicht für sich selbst und wird auch nicht so wahr­ge­nom­men und beschrie­ben. Neu­manns Gedich­te eröff­nen oft und ger­ne einen gro­ßen Raum (der Ima­gi­na­ti­on), ohne den auch nur annä­he­rungs­wei­se aus­zu­lo­ten und ohne das auch über­haupt zu wol­len. Gewis­ser­ma­ßen wird eine Tür geöff­net, der Blick des Lesers in den Raum gewie­sen – und dann allei­ne gelas­sen. Schön gemacht und deut­lich zeigt das Gedicht „bud­del­schiff“ die­ses Verfahren:

das gefühl einer lan­gen reise
auf­ge­klapp­te masten
und take­la­ge, das englische

schiffstau zum rei­ßen gespannt
der wind humpelt
auf ein­ge­schla­fe­nen beinen

durch die schma­le öffnung
im flaschenhals
flaut ab, ein hel­les pfei­fen (55)

Typisch für Neu­manns Gedich­te ist außer­dem ihre Kür­ze. Immer wie­der sind sie durch das Anrei­ßen von sol­chen Augen­bli­cken der (erkennt­nis­haf­ten) Wahr­neh­mung, die dann aber nicht wei­ter­ge­führt und aus­ge­ar­bei­tet wird, gekenn­zeich­net. Sel­ten sind sie län­ger als 10/​12 Ver­se. For­mal schei­nen sie mir vor allem dem Flie­ßen, dem Flow ver­pflich­tet, ohne erkenn­ba­re Regel­haf­tig­keit. Die Gedich­te ste­hen zwar ger­ne in Grup­pen von drei Ver­sen, aber einen Grund erken­ne ich dafür nicht …

Durch die inhalt­li­che und for­ma­le Kür­ze – wenn man das mal so nen­nen mag – kommt es manch­mal zur Über­fül­le der visu­el­len und sprach­li­chen Bil­der, die ange­häuft, nebein­an­der gesetzt wer­den, aber im Text kaum bezie­hun­gen zuein­an­der haben – außer eben dem vor allem als (aus­ge­spar­ten) aus­lö­sen­den Moment der Erin­ne­rung an ein Gefühl, eine Emp­fin­dung, eine beob­ach­ten­de Wahr­neh­mung. Das (fast) rein bild­li­che Spre­chen wirkt dabei für mich etwas über­sät­ti­gend – man darf wohl nicht zu viel am Stück lesen, dann wird die kunst­vol­le Schön­heit die­ser Gedich­te schnell etwas schal. Aber es lohnt sich, immer wie­der zurück zu kommen.

Jörg Döring, Felix Römer, Rolf Seu­bert: Alfred Andersch deser­tiert. Fah­nen­flucht und Lite­ra­tur (1944−1952). Ber­lin: Ver­bre­cher 2015. 277 Seiten.

drews/römer/seubert, alfred andersch desertiertEine schö­ne Gemein­schafts­ar­beit ist die­ses Buch über Alfred Andersch, sei­ne letz­ten Tage als Sol­dat im Zwei­ten Welt­krieg, sei­ne Gefan­gen­schaft und vor allem die lite­ra­ri­sche – oder eben auto­bio­gra­phi­sche? – Ver­ar­bei­tung des­sen in meh­re­ren Anläu­fen in der Nach­kriegs­zeit, mit der sich Andersch auch und gera­de im öffent­li­chen Dis­kurs sehr ein­deu­tig und nach­hal­tig posi­tio­nier­te. Eine Arbeit des bio­gra­phi­sches For­schens also. Aber nur bedingt bio­gra­phisch, denn die drei Autoren beto­nen wie­der­holt, dass es nicht pri­mär dar­um geht, die bio­gra­phi­sche Dimen­si­on fik­tio­na­ler Tex­te in den Blick zu neh­men (das wäre ja auch unsin­ning und wenig hilf­reich), son­dern dar­um, die spe­zi­fi­sche Situa­ti­on von Deser­ti­on, Kriegs­en­de und Nach­kriegs­zeit bzw. vor allem ihre Deu­tung in der Retro­spek­ti­ve zu unter­su­chen. Da Andersch die auto­bio­gra­phi­sche Dimen­si­on der „Kir­schen der Frei­heit“ stark for­ciert – und damit in der Lek­tü­re und Dis­kus­si­on des Tex­tes auch erfol­reich ist -, lässt sich das ver­tre­ten. Zumal die drei Autoren aus Ger­ma­nis­tik und Geschichts­wis­sen­schaft sich mit weit(er)gehenden Deu­tun­gen und Spe­ku­la­tio­nen zurück­hal­ten, son­dern einen star­ken Fokus auf die Rekon­struk­ti­on der Ereig­nis­se um Alfred Andersch im Krieg in Ita­li­en, um die (Mög­lich­keit der) Nie­der­schrift und lite­ra­ri­schen Bear­bei­tung sol­cher Erleb­nis­se in der Nach­kriegs­zeit rich­ten. Das ist, auch wenn ich mich für Andersch nur am Ran­de inter­es­sie­re, gera­de in der Ver­ei­ni­gung ver­schie­de­ner fach­li­cher Per­spek­ti­ven, sehr inter­es­sant und auf­schluss­reich – und trotz der teil­wei­se sehr akri­bi­schen Auf­ar­bei­tung der mili­tär­his­to­ri­schen und werk­stra­te­gi­schen Zusam­men­hän­ge auch sehr gut – zu lesen.

Jules Renard: Das Leben wird über­schätzt.Ber­lin: Matthes & Seitz 2015. 72 Seiten.

renard, das leben wird überschätztDie­se ganz klei­ne – aber auch aus­ge­spro­chen fei­ne – Aus­wahl aus dem „Jour­nal“ Jules Renards hat der inzwi­schen lei­der ver­stor­be­ne Hen­ning Rit­ter besorgt und auch selbst über­setzt, der Ver­lag Matthes & Seitz hat sie in sei­ner über­aus emp­feh­lens­wer­ten Rei­he „Fröh­li­che Wis­sen­schaft“ nun ver­öf­fent­licht. Das hier vor­ge­leg­te ist zwar chro­no­lo­gisch – von 1890 bis 1910 – an- und zuge­ord­net, aber den­noch kein eigent­li­ches Tage­buch, son­dern eher eine Nota­te-Samm­lung (Rit­ter selbst hat sein ähn­li­ches Unter­neh­men „Notiz­hef­te“ genannt). Man könn­te auch sagen: Das sind Extrem-Apho­ris­men. (Zu über­le­gen wäre frei­lich, ob das im Ori­gi­nal auch so ist, oder ob das erst durch die dar­auf abzie­len­de Aus­wahl des Her­aus­ge­bers so erscheint.) Denn was Rit­ter aus­ge­wählt hat und hier ver­öf­fent­licht wird, das sind lau­ter klei­ne und kna­cki­ge, tref­fen­de und tota­le Sät­ze. Das hat natür­lich immer wie­der ein Hang zum Apo­dik­ti­schen, beruht aber ande­rer­seits auf einer genau­en Beob­ach­tung der Welt und ihrer Kunst, die sich mit einer aus­ge­feil­ten Prä­zi­si­on der genau­es­ten For­mu­lie­rung paart.

Ich den­ke nicht nach: Ich schaue hin und las­se die Din­ge mei­ne Augen berüh­ren. (13)

Oft geht es in den Minia­tur-Ein­trä­gen um die Lite­ra­tur, noch mehr um das Schrei­ben an sich, aber auch um die Fel­der der Kri­tik und des Jour­na­lis­mus – lau­ter Zeit­lo­sig­kei­ten also. Das Ich, sein selbst und sei­ne Tugen­den wird dabei genau­so unbarm­her­zig und oft hart beob­ach­tet wie die ande­ren um ihn und um die Jahr­hun­dert­wen­de her­um. Da kann ich sehr viel Zustim­mungs­fä­hi­ges fin­den – man nickt dann beim Lesen immer so schön mit dem Kopf … -, auch poin­tiert Über­ra­schen­des, aber auch Frag­li­ches. Gera­de in sei­ner Hal­tung zur Welt, die vor allem aus sei­ner Abso­lu­tie­rung sei­ner Indi­vi­dua­li­tät resul­tiert, sehe ich nicht nur Vorbildhaftes. 

Das Recht eines Kri­ti­kers ist es, sei­ne Grund­sätze einen nach dem ande­ren zu ver­leug­nen, sei­ne Pflicht ist es, kei­ne Über­zeu­gung zu haben. (5)
Was ist das Leben, wenn es nur mit Augen gese­hen wird, die nicht Augen von Dich­tern sind? (22)

außer­dem unter ande­rem gelesen:

  • Alex­an­der Osang: Im nächs­ten Leben. Repor­ta­gen und Por­träts. Ber­lin: Ch. Links 2010. 254 Seiten
  • Hein­rich Dete­ring: Vom Zäh­len der Sil­ben. Über das lyri­sche Hand­werk. Mün­chen: Stif­tung Lyrik Kabi­nett 2009. 28 Seiten.
  • Hans-Wer­ner Rich­ter: Die Geschla­ge­nen. Mün­chen: Kurt Desch 1949. 459 Seiten.
  • Siri Hust­vedt: The Bla­zing World. Lon­don: Scept­re 2014. 379 Seiten.
  • Jür­gen Kau­be: Im Reform­haus. Zur Kri­se des Bil­dungs­sys­tems. Sprin­ge: zu Klam­pen 2015 (Zu Klam­pen Essay). 174 Seiten. 
  • Isa­bel­la Straub: Das Fest des Wind­rads. Ber­lin: Blu­men­bar 2015. 348 Seiten.
  • Dani­el Mar­tin Fei­ge: Phi­lo­so­phie des Jazz. Ber­lin: Suhr­kamp 2014. 142 Seiten. 
  • Tho­mas Hecken: Avant­gar­de und Ter­ro­ris­mus. Rhe­to­rik der Inten­si­tät und Pro­gram­me der Revol­te von den Futu­ris­ten bis zur RAF. Bie­le­feld: Tran­script 2006. 158 Seiten.
  • Harald Wel­zer, Dana Gies­ecke, Lui­se Tre­mel (Hrsg.): FUTURZWEI Zukunfts­al­ma­nach 2015/​16. Geschich­ten vom guten Umgang mit der Welt. Schwer­punkt Mate­ri­al. Frank­furt am Main: Fischer 2014. 544 Seiten.
  • Ben­ja­min Stein: Ein ande­res Blau. Pro­sa für 7 Stim­men. Ber­lin: Ver­bre­cher 2015. 107 Seiten.

Keeping open

You don’t have to keep up, dear. You just have to keep open.Amis­tead Mau­pin, Micha­el Tol­li­ver lives, 165

Identität

Ich kann Leu­te nicht ver­ste­hen, die über 22 sind und trotz­dem noch glau­ben, sie müss­ten sich über ihre Musik­vor­lie­ben eine Iden­ti­tät zusam­men­klau­ben. Arm­se­lig, hilf­los.Micha­el Weins, Lazy­boy, 183

Konsum

Haben’s gekauft, es freut sie baß;
Eh man’s denkt, so betrübt sie das.

Willst du nichts Unnüt­zes kaufen,
Mußt du nicht auf den Jahr­ma­krt lau­fen.Johann Wolf­gang Goe­the, Sprichwörtlich

Plagiarius

Übri­gens sagen alle Unpar­tei­ischen, daß fast wir alle es nicht so machen wie Fibel, son­dern viel schlim­mer, weil wir nicht, wie er, nur auf anony­me Gedan­ken eines Ein­zel­nen, son­dern auf die unzäh­li­gen vie­ler Tau­sen­de, gan­zer Zeit­al­ter und Biblio­the­ken unsern Namen unter dem Titel »unse­re gelehr­te Bil­dung« set­zen und sogar bald dem, bald den Pla­gia­ri­us sel­ber steh­len.Jean Paul; Leben Fibels, des Ver­fas­ser der bien­ro­di­schen Fibel

16. Juni 1904

Ste­phen clo­sed his eyes to hear his boots crush crack­ling wrack and shells. You are wal­king through it how­so­me­ver. I am, a stri­de at a time. A very short space of time through very short times of space. Five, six: the nach­ein­an­der. Exact­ly: and that is the ine­luc­ta­ble moda­li­ty of the audi­ble. Open your eyes. No. Jesus! If I fell over a cliff that beet­les o’er his base, fell through the neben­ein­an­der ine­luc­ta­b­ly! I am get­ting on nice­ly in the dark. My ash sword hangs at my side. Tap with it: they do. My two feet in his boots are at the ends of his legs, neben­ein­an­der. Sounds solid: made by the mal­let of Los Demi­ur­gos. Am I wal­king into eter­ni­ty along San­dy­mount strand? Crush, crack, crick, crick. Wild sea money. Domi­nie Dea­sy kens them a’. Won’t you come to San­dy­mount, Made­line the mare?

Rhythm beg­ins, you see. I hear. Aca­talec­tic tetra­me­ter of iambs mar­ching. No, agal­lop: deline the mare.

Open your eyes now. I will. One moment. Has all vanis­hed sin­ce? If I open and am for ever in the black adia­pha­ne. Bas­ta! I will see if I can see.

See now. The­re all the time wit­hout you: and ever shall be, world wit­hout end.

They came down the steps from Leahy’s ter­race pru­dent­ly, Frau­en­zim­mer: and down the shel­ving shore flab­bi­ly, their splay­ed feet sin­king in the sil­ted sand. Like me, like Algy, coming down to our migh­ty mother. Num­ber one swung lour­di­ly her midwife’s bag, the other’s gamp poked in the beach. From the liber­ties, out for the day. Mrs Flo­rence Mac­Ca­be, relict of the late Patk Mac­Ca­be, deep­ly lamen­ted, of Bri­de Street. One of her sis­ter­hood lug­ged me sque­al­ing into life. Crea­ti­on from not­hing. What has she in the bag? A mis­birth with a trai­ling navel­cord, hus­hed in rud­dy wool. The cords of all link back, strand­ent­wi­ning cable of all fle­sh. That is why mys­tic mon­ks. Will you be as gods? Gaze in your ompha­los. Hel­lo! Kinch here. Put me on to Eden­ville. Aleph, alpha: nought, nought, one.

Spou­se and help­ma­te of Adam Kad­mon: Heva, naked Eve. She had no navel. Gaze. Bel­ly wit­hout ble­mish, bul­ging big, a buck­ler of taut vel­lum, no, whit­ehe­aped corn, ori­ent and immor­tal, stan­ding from ever­las­ting to ever­las­ting. Womb of sin.

Wom­bed in sin dark­ness I was too, made not begot­ten. By them, the man with my voice and my eyes and a ghost­wo­man with ashes on her breath. They clas­ped and sun­de­red, did the coupler’s will. From befo­re the ages He wil­led me and now may not will me away or ever. A lex eter­na stays about Him. Is that then the divi­ne sub­s­tance whe­r­ein Father and Son are con­sub­stan­ti­al? Whe­re is poor dear Ari­us to try con­clu­si­ons? War­ring his life long upon the con­trans­ma­gni­fi­cand­jew­bang­tan­tia­li­ty. Ill­star­red here­si­arch’ In a Greek water­c­lo­set he brea­thed his last: eutha­na­sia. With bea­ded mit­re and with cro­zier, stal­led upon his thro­ne, widower of a wido­wed see, with upstif­fed omo­pho­ri­on, with clot­ted hinderparts.

Airs rom­ped round him, nip­ping and eager airs. They are coming, waves. The white­ma­ned seahor­ses, cham­ping, bright­wind­brid­led, the steeds of Mananaan.

I must­n’t for­get his let­ter for the press. And after? The Ship, half twel­ve. By the way go easy with that money like a good young imbecile.

Yes, I must.

His pace sla­cke­ned. Here. Am I going to aunt Sara’s or not? My con­sub­stan­ti­al father’s voice. Did you see any­thing of your artist brot­her Ste­phen late­ly? No? Sure he’s not down in Stras­burg ter­race with his aunt Sal­ly? Could­n’t he fly a bit hig­her than that, eh? And and and and tell us, Ste­phen, how is uncle Si? O, wee­ping God, the things I mar­ried into! De boys up in de hay­l­oft. The drun­ken litt­le cos­t­dra­wer and his brot­her, the cor­net play­er. High­ly respec­ta­ble gon­do­liers! And skew­ey­ed Wal­ter sir­ring his father, no less! Sir. Yes, sir. No, sir. Jesus wept: and no won­der, by Christ!

I pull the whee­zy bell of their shut­te­red cot­ta­ge: and wait. They take me for a dun, peer out from a coign of vantage.

James Joy­ce, Ulysses

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