Lesen. Hören. Und ein bisschen schreiben.

Kategorie: literatur Seite 31 von 38

“it takes a long time for a world to vanish, much lon­ger than you would think.„ &mdash (paul aus­ter, in the coun­try of last things, 28)

„Was ist das eigent­lich für eine Instanz, fra­ge ich mich, […] die den Fluß mei­ner Gedan­ken ord­nen will? Sich manch­mal sogar her­aus­nimmt, zu bestim­men: Hier wird jetzt nicht wei­ter­ge­dacht. Und das dann auch durch­zu­set­zen vermag.“—Thomas Meine­cke, Musik, 367

„Wie schwie­rig es doch im nach­hin­ein ist, jam­me­re ich mei­ner Schwes­ter vor, die inno­va­ti­ven Momen­te, in denen sich gesell­schaft­li­che Errun­gen­schaf­ten sonisch, näm­lich immer zuerst in der Musik ankün­di­gen, auch ihre pro­duk­ti­ven Wider­sprü­che, weni­ger retro­spek­tiv als in his­to­risch zeit­ge­nös­si­scher Per­spek­ti­ve, nach­zu­voll­zie­hen respek­ti­ven, in Anspie­lung auf mein end­lich zu rea­li­sie­ren­des Buch­pro­jekt, nar­ra­tiv zu rekonstruieren.“—Thomas Meine­cke, Musik, 34

feldforschung oder erzählung?

am wochen­en­de gele­sen: tho­mas meine­ckes schma­les bänd­chen feld­for­schung (frank­furt am main: suhr­kamp 2006). der unter­ti­tel behaup­tet, das sei­en erzäh­lun­gen. ich habe da so mei­ne zweifel.
eigent­lich war ich bis­her von meine­ckes schrift­stel­le­ri­schen arbei­ten immer recht ange­tan: tom­boy habe ich vor eini­gen jah­ren mit gro­ßem ver­gnü­gen gele­sen, dann auch holz und The church of John F. Ken­ne­dy sehr genos­sen. die vor­ein­stim­mung auf die­sen band, der als &gdquo;narrativer Bei­trag zur im AUgust 2006 eröff­ne­ten Aus­set­lung ‚das ach­te feld. geschlech­ter, leben und begeh­ren in der kunst sein 1960’“ ent­stand, war also durch­aus posi­tiv. den hin­ter­grund zitie­re ich aus dem klap­pen­text des­halb so aus­führ­lich, weil er wahr­schein­lich nicht ganz unwe­sent­lich für die form des tex­tes bzw. der elf stü­cke ver­ant­wort­lich ist. vor allem aber, weil er so auf­fäl­lig noch ein­mal das wort „nar­ra­tiv“ bemüht. denn das ist eigent­lich der knack­punkt bei die­sem werk: wird hier über­haupt erzählt? ist es erzäh­len, wenn sei­ten­lang die dis­kus­si­on einer eng­lisch­spra­chi­gen mai­ling­lis­te über drag queens und kings bzw. ihre zwi­schen­stu­fen und über­la­ge­run­ge und deren ange­mes­se­ne und kor­rek­te bezeich­nung zitiert wird? oder ist das zitat nur fik­ti­on? die per­so­nen­na­men sind jeden­falls real und könn­ten auch – nach einer kur­zen inter­net­su­che – zu den ent­spre­chen­den aus­sa­gen pas­sen. eigent­lich ist es aber egal, denn die wirk­lich­keit ist offen­bar nur noch der/​ein/​text – und das heißt ja auch, dass wirk­lich­keit (und erst recht natür­lich mime­sis) kein kri­te­ri­um mehr ist. also, die fra­ge bleibt aber auch unab­hän­gig von der fik­tio­na­li­tät die­ser pas­sa­ge: was wird hier eigent­lich erzählt? natür­lich geht es um geschlecht(er), um ihrer kon­struk­ti­on, wahr­neh­mung etc. – fast hät­te ich geschrie­ben: das übli­che meine­cke-the­ma. aber noch ein­mal: ist das erzählt? es wir ja nur „be“-schrieben, nur situa­tio­nen geschil­dert. nur ganz sel­ten geschieht etwas, gibt es ent­wick­lun­gen und nur in weni­gen ansät­zen gibt es so etwas wie zeit. und das scheint mir doch schon ein merk­mal von erzäh­len zu sein, dass zeit in irgend einer form anwe­send ist, eine rol­le spielt. wenn über­haupt noch res­te sozu­sa­gen von dem, was man geläu­fig unter erzäh­len fasst, zu fin­den sind, sind sie ganz meine­cke-typisch neu­tra­li­siert1: das grund­sätz­li­che prä­sens zum bei­spiel. die unklar­heit von gender/​sex der erzähl­stim­me – wo es sie noch gibt. zum bei­spiel in mis­ter gay, der rekon­struk­ti­on eines über­falls auf eine schwu­len­bar, bei der es natür­lich auch wie­der um die ver­schwim­men­den gren­zen geht: die über­gän­ge von rea­li­tät in fik­ti­on, von bericht (des­sen stil­mit­tel vor­herr­schen) zur erzäh­lung zum dreh­buch, von psy­schi­cher „nor­ma­li­tät“ zu „krank­heit“ usw. usf. oder, auch eine eher spe­zi­el­le art des erzäh­lens: ody­see, wo der text nur noch aus einer zeit­ta­fel und der – deu­ten­den – über­schrift besteht.
da lie­ße sich bestimmt noch viel mehr dazu sagen. aber ob es sich lohnt? denn immer wie­der dreht es sich aber – in die­ser häu­fung dann auch schon sehr pene­trant – um die unklar­hei­ten des geschlechts, sei­ne kon­struk­tio­nen, sei­ne iden­ti­tä­ten (und deren kon­struk­tio­nen)2 und so wei­ter: „schon als klei­ner jun­ge war sie“ (63). wer das aber kapiert hat – und die meine­cke-leser ken­nen das ja eh’ schon -, dem ist eigent­lich auch schon alles klar, was die­se tex­te wol­len. und der rest ist vor allem langweile.

Show 2 footnotes

  1. ein typi­scher anfang bei meine­cke geht z.b. so: „bras­sai, unter dem unga­ri­schen namen gyu­la halá­sz gebo­ren im sie­ben­bür­gi­schen kron­stadt, rumä­nisch bra­sov, wovon er sein pseud­onym pho­ne­tisch ablei­te­te, des­sen lebens­weg von öster­reich-ungarn über deutsch­land nach frank­reich führt, in den frü­hen 1930er jah­ren, auf sei­nen nok­tur­nen foto­gra­fi­schen streif­zü­gen durch das soge­nann­te gehei­me paris, augen­blick­lich im le mono­cle, einer, wie er sich, hete­ro­nor­miert, aus­drückt, aus­schließ­lich dem schö­nen geschlecht gewid­me­ten bar, in wel­cher sämt­li­che frau­en, die wir­tin, sie hört auf den namen lulu de mont­par­nas­se, die andern­orts leicht­be­klei­de­ten bar- und ani­mier­mäd­chen, die kell­ne­rin­nen, selbst die gar­de­ro­bie­re, män­ner­klei­der tra­gen.“ (58) und das ist gera­de ein­mal der ers­te absatz, es geht noch fünf sei­ten so wei­ter.
  2. „er brach­te mir bei, was ich war, denn ich hat­te ja nie zuvor von fag hags gehört.“ (104)

peter kurzeck bekommt noch einen preis

gera­de gese­hen: peter kurz­eck erhält den preis „hör­buch des jah­res 2008“ – natür­lich für „ein som­mer der bleibt“. mit 15.000 euro auch ganz ansehn­lich dotiert. herz­li­chen glückwunsch.

„die ver­gan­gen­heit ist ein frem­des land. dort tun sie din­ge anders.“—leslie poles hart­ley, der zoll des glücks

„Eigent­lich ist poli­ti­sche Gewalt dadurch dis­kre­di­tiert wor­den, daß der Staat das Töten über­nom­men hat, es büro­kra­ti­siert hat durch das staat­li­che Gewalt­mo­no­pol. Wir leben in einer Zivi­li­sa­ti­on der Stell­ver­tre­tung, die christ­li­che Zivi­li­sa­ti­on ist die Zivi­li­sa­ti­on der Stell­ver­tre­tung, der Dele­gie­rung“
— Hei­ner Mül­ler: Krieg ohne Schlacht. Leben in zwei Dik­ta­tu­ren. Eine Auto­bio­gra­phie. Köln: Kie­pen­heu­er & Witsch 2003, 312.

„Das eigent­li­che Schrei­ben ist ein Kampf gegen den Text, der ent­steht.“
— Hei­ner Mül­ler: Krieg ohne Schlacht. Leben in zwei Dik­ta­tu­ren. Eine Auto­bio­gra­phie. Köln: Kie­pen­heu­er & Witsch 2003, 299.

Menschheit

das inter­es­san­tes­te, was men­schen her­stel­len könn­ten, ist die mensch­heit. Diet­mar Dath: Maschi­nen­win­ter. Wis­sen, Tech­nik, Sozia­lis­mus. Eine Streit­schrift. Frank­furt am Main: Suhr­kamp 2008 (edi­ti­on unseld, 8), 72

Kapitalisten

Die Kapi­ta­lis­ten füh­ren sich auf, als woll­ten sie zur Mensch­heit gar nicht gehö­ren.
Na schön. Diet­mar Dath: Maschi­nen­win­ter. Wis­sen, Tech­nik, Sozia­lis­mus. Eine Streit­schrift. Frank­furt am Main: Suhr­kamp 2008 (edi­ti­on unseld, 8), 86

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