Lesen. Hören. Und ein bisschen schreiben.

Kategorie: literatur Seite 24 von 38

Seerücken, Einsamkeit und ein bisschen Erfüllung

„See­rü­cken“ ist ein typi­sches Stamm-Buch. Alle not­wen­di­gen Ing­re­den­zi­en sind im neu­en Erzäh­lungs­band von Peter Stamm vor­han­den, auch die Mischung stimmt wie­der.1. Da wären sie also wie­der, die Gewöh­lich­kei­ten des Peter Stamm. Aus den Bana­li­tä­ten des Alltgs, des „nor­ma­len“ Lebens schöpft er sei­ne Erzäh­lun­gen. Tris­tesse und eine leich­te Melan­cho­lie als Grund­stim­mung darf und kann man hier schon kon­sta­tie­ren – aber nur eine leich­te, eine schwe­ben­de, die mehr durch ihre Anmut als durch ihre Melan­cho­lie bezaubert.

Das zeigt sich schon ganz neben­säch­lich – aber Neben­säch­lich­kei­ten gibt es bei Stamm eben nicht, hier zählt jedes Wort mit Bedacht – in der vor­han­de­nen und erfah­re­nen Natur und Umwelt im wei­tes­ten Sin­ne, denn auch Dorf (das eher) und Stadt, Arbeits­platz und Woh­nung gehö­ren da schon dazu: Als gege­be­ne Umstän­de, umwelt­li­che Rah­mun­gen des/​der Prot­ago­nis­ten – und bei­ben übri­gens auf­fal­lend men­schen­leer, selbst in „Mas­sen­sze­nen“ wie einem Open-Air-Kon­zert mit meh­re­ren Hun­dert Besu­chern gibt es eigent­lich nur vier oder fünf Men­schen, der Rest ist Umwelt, ist Rau­schen, Hin­ter­grund … Die Lan­schaft ist hier oft der Boden­see, wie­der­holt duns­tig, neb­lig, mit unkla­rem Wet­ter – kei­ne Son­nen­schein-Stim­mung auf jeden Fall …

Denn es sind ja immer etwas holp­ri­ge Lebens­ent­wür­fe, die Stamm beschäf­ti­gen. Sei­ne Erzä­hun­gen oder Kurz­ge­schich­ten haben hier – zumin­dest teil­wei­se – durch­aus einen Hang zur Novel­le: Einen gewis­sen Dreh, ein unvor­her­ge­se­he­ne Ereig­nis, eine uner­war­te­te Wen­dung bekom­men die Geschich­ten durch­aus öfters mit. Aber, und das ist eben typisch für Stamm, meis­tens nur einen klit­ze­klei­nen, manch­mal sogar nur einen kaum merk­ba­ren – und manch­mal auch gar kei­nen … Und die­ses „Ereig­nis“ – das auch eine blo­ße Wahr­neh­mung sein kann – ist kei­nes­wegs unbe­dingt das Zen­trum oder das Ziel des Tex­tes – inso­fern stimmt das mit den Novel­len auch wie­der nicht und man muss wohl bei dem etwas gene­ri­schen Begriff der „Erzäh­lung“ bleiben.

Sei­ne Gestal­ten sind Anti-Hel­den – die Kri­tik klas­si­fi­ziert sie oft als Ver­lie­rer. Aber das scheint mir zu weit: Ver­lo­ren sind sie in der Regel nur in der All­täg­lich­keit, der Gewöhn­lich­keit ihrer Lebens­ent­wür­fe. Aber auch Sehn­suchtspielt nur eine unter­ge­ord­ne­te Rol­le – die aller­dings schon: Sie lau­ert unter der Ober­flä­che, die (oft mit Mühe) auf­recht erhal­ten wird. Gewiss, das Schei­tern ist hier häu­fi­ger als das Gelin­gen. Aber so ist das Leben nun ein­mal. Und nicht jedes Miss­lin­gen ist ein Schei­tern, manch­mal reicht auch ein Bei­na­he oder ein Gera­de­so­ge­l­in­gen für den Erfolg. Die Figu­ren Stamms sind jeden­falls gan sicher kei­ne Drauf­gän­ger – Risi­ko gehen sie nur ungern ein, sie rich­ten sich ger­ne ein in ihrem Leben, ihren Umstän­den, ihrer eige­nen Welt. Und manch­mal ist der Autor so gemein, sie mit klit­ze­klei­nen Unschein­bar­kei­ten, mit zufäl­li­gen Begeg­nun­gen, mit klei­nen Ereig­nis­sen zumin­dest für einen Moment aus ihrem gemüt­li­chen, aber nie ganz erfül­len­den All­tag und des­sen Trott zu rei­ßen, ihnen so die Mög­lich­keit des Den­kens, des Seh­nens, des Wün­schens zu eröff­nen und die Welt und das Leben etwas hel­ler wer­den zu lassen.

Wahr­schein­lich kommt daher das hohe Iden­ti­f­kat­i­on­po­ten­zi­al, dass die Stamm­sche LIte­ra­tur anbie­tet und sie so erfolg­reich macht. Trotz­dem, trotz der (zumin­dest schein­ba­ren) Bana­li­tät sei­ner Figu­ren, Psy­chen und Hand­lun­gen, ist Stamm aber in der Lage, Schön­hei­ten zu ent­de­cken. Das st wohl sei­ne größ­te Leis­tung: Die ästhe­ti­sche Fas­zi­na­ti­on, die rei­ne, fast unschul­dig zu nen­nen­de Schön­hei der Bana­li­tät nicht nur zu ent­de­cken und mit­zu­tei­len, son­dern ihr auch eine Form zu geben. Denn Stamms Spra­che ist ja gera­de­zu belei­di­gend ein­fach, schlicht – aber genau­es­tens kom­po­niert. Denn gera­de die Sim­pli­zi­tät sei­ner Schil­de­rung, die leich­te Distanz zu Men­schen und Din­gen ermög­licht ihm Genau­ig­keit, Prä­zi­si­on der Wahr­neh­mung des Erzäh­lers und Prä­zi­si­on der Schil­de­rung. Die­se Pas­sung, die Über­ein­stim­mung von Thema/​Sujet und Stil macht einen gro­ßen Teil des Kön­nens Stamms aus.

Zehn Geschich­ten, jede ganz eigen und doch alle zusam­men gehö­rig, eben als ewi­ge Varia­ti­on des Stamm­schen The­mas. Aber das kann man durch­aus öfter lesen. Und allein die letz­te Geschich­te die­ses Ban­des, „Coney Island“, ist schon groß­ar­tig genug: Auf genau drei Sei­ten schil­dert Stamm nur eine ganz all­täg­li­che, bana­le Situa­ti­on – ein Rau­cher am Mehr, eine zufäl­li­ge Begeg­nung, ein Foto – und doch ist das alles viel mehr, öff­net es ein Fens­ter in ein gan­zes Leben, ein Ent­wurf, eine Idee des „rich­ti­gen“ oder ordent­li­chen Lebens. Die schwächs­te der Erzäh­lun­gen scheint mir genau die zu sein, die am stärks­ten zur Novel­le ten­diert, wo am „meis­ten“ pas­siert: „Der Lauf der Din­ge“ – ein Paar im Urlaub, die Nach­barn in der Feri­en­woh­nung als lär­men­de Fami­lie, die urplötz­lich ver­stummt: Der Vater hat sei­nen eige­nen Sohn beim Wen­den aus Ver­se­hen über­fah­ren. Typisch Stamm ist natür­lich, dass die­ses Ereig­nis nicht aus der betrof­fe­nen Fami­lie heaus erzählt wird, son­dern über den „Umweg“ der nicht/​kaum betrof­fe­nen zufäl­li­gen Nach­barn auf Zeit. Aber doch schei­nen mir die stär­ker redu­zier­ten Tex­te, die ohne grö­ße­re Sze­ne­rie und ohne viel­fäl­ti­ges Per­so­nal aus­kom­men,2 die ein­dring­li­che­ren und überzeugenderen. 

Peter Stamm: See­rü­cken. Erzäh­lun­gen. Frank­furt am Main: Fischer 2011. 190 Sei­ten. ISBN 978−3−10−075133−1.

Show 2 footnotes

  1. Mal sehen, wie lan­ge er es noch durch­hält – all­zu oft braucht man das wohl nicht mehr lesen .…
  2. Das ist natür­lich aus­ge­spro­chen rela­tiv – selbst die „größ­ten“, auf­wen­digs­ten Erzäh­lun­gen sind immer noch Kam­mer­spie­le im Ver­gleich zu ande­ren Autoren.

Wahrheit oder Leben

Zwei Roma­ne zum Preis von Einen. Oder auch nicht. Eigent­lich ist ja doch nur einer, „Die Lein­wand“ von Ben­ja­min Stein, der im „Turm­seg­ler“ auch ein sehr inter­es­san­tes Blog hat. Aber er wird dop­pelt erzählt, mit Jan Wechs­ler und Amnon Zichro­ni als Zen­tren der jewei­li­gen Tei­le. Und damit auch jeder die Beson­der­heit merkt, sind die bei­den Tei­le so gedruckt, dass man das Buch von jeder Sei­te begin­nen kann: „Zwei Haupt­we­ge und ver­schlun­ge­ne Neben­pfa­de füh­ren durch die­sen Roman. Hin­ter jedem Umschlag befin­det sich ein mög­li­cher Aus­gangs­punkt für das Gesche­hen. Es ist Ihnen über­las­sen, wo Sie zu lesen begin­nen.“ – so heißt es auf dem Umschlag. Man darf aber auch zwi­schen jedem der 11 Kapi­tel die Lese­rich­tung wech­seln. Ich fing mit Ammon Zchro­ni an, las das kom­plett und wech­sel­te erst dann zum Jan-Wechs­ler-Teil. Kei­ne Ahnung, ob es eine bes­se­re Vari­an­te gibt ;-).

Wor­um geht es: Um Wahr­heit, um Erin­ne­rung, ums Gedächtnis – und vor allem die gan­zen Pro­ble­me, die damit zusam­men­hän­gen. Die trü­ge­ri­sche Erin­ne­rung, der unkla­re Sta­tus von Erin­ne­run­gen, und immer wie­der die Fra­ge: Was ist hier die Wahr­heit? Was ist pas­siert? Was wird wie war­um erin­nert? Ziem­lich am Anfang des Wechs­ler-Tei­les, auf der Sei­te W.14 heißt es:

Nie­mand wüss­te bes­ser als ich, dass die Gren­ze zwi­schen Rea­li­tät und Fik­ti­on in jeder Erzählung mäan­dernd inmit­ten der Spra­che ver­läuft, getarnt, unfass­bar – und beweg­lich. Selbst das Wort „Wirk­lich­keit“ führt ins Unwägbare.

Damit ist eigent­lich schon fast alles über die­se groß­ar­ti­ge Buch gesagt. Die Sto­ry ist ent­spre­chend ela­bo­riert. Der Zichro­ni-Teil erzählt die Geschich­te eines mehr oder weni­ger streng­glüu­bi­gen Juden, sei­ne Aus­bil­dung, sei­ne Zwei­fel und Glau­bens­an­fech­tun­gen, aber auch sei­ne Fes­tig­keit im Glau­ben. Jan Wechs­ler ist ein Schrift­stel­ler (oder auch nicht, er ist sich selbst da extrem unsi­cher, weil sein Gedächt­nis ihn sys­te­ma­tisch im Stich lässt), der im End­ef­fekt Zichro­ni umbringt – oder umge­kehrt, je nach Erzähl­rich­tung. Die feh­len­de Erin­ne­rung, ihr trü­ge­ri­sche (Un-)Sicherheit wird so zum Kri­mi­nal­fall, das eher phi­lo­so­phi­sche Pro­blem des Sta­tus der „Wahr­heit“ hat auf ein­mal hand­fes­te Kon­se­quen­zen. Dazu kommt noch, damit eng ver­knüpft, die Fra­ge der Iden­ti­tät des Men­schen – bin ich, was ich erin­ne­re? Gibt es einen „wah­ren“ Kern der Iden­ti­tät, die (auch) außer­halb mei­ner selbst, mei­ner – ja sowie­so unzu­ver­läs­si­gen – Erin­ne­rung liegt? Die gan­zen „gro­ßen“ The­men wer­den zwar sehr deut­lich, aber – und das ist dann halt ein­fach das Schö­ne an die­sem Buch – sie blei­ben in die Erzäh­lung wun­der­bar har­mo­nisch ein­ge­bet­tet: Klar, man merkt recht schnell, wor­um es dem Autor geht. Aber die sto­ry bleibt span­nend, die Erzäh­ler kön­nen mit ihrer oft weit aus­ho­len­den, allen Neben­pfa­den nach­ge­hen­den, aber genau kon­stru­ier­ten Erzäh­lung trotz­dem wei­ter­hin fesseln.

Das ent­wi­ckelt ziem­lich schnell einen deut­li­chen Sog – vor allem der Zichro­ni-Teil hat mich sehr gefes­selt: Mit sei­nen sehr far­bi­gen Beschrei­bun­gen, sei­nen aus­ge­such­ten Ver­glei­chen und poe­ti­schen Stil – der Wechs­ler-Teil ist deut­lich pro­sa­ischer, zumin­dest kam es mir beim Lesen so vor. Aber irgend­wie gelingt es mir gera­de nicht, die Freu­de und Begeis­te­rung mei­ner Lek­tü­re in Wor­te zu fas­sen … Gre­gor Keu­sch­nig hat dage­gen eine nicht nur sehr umfang­rei­che, son­dern auch ziem­lich gute und genaue Inhalts­an­ga­be für das „Begleit­schrei­ben“ geschrie­ben. Eini­ge wei­te­re Reak­tio­nen las­sen sich über den oben erwähn­ten Turm­seg­ler oder beim Per­len­tau­cher fin­den – die meis­ten sind ziem­lich posi­tiv, was ich gut nach­voll­zie­hen kann.

Die Welt in mir war für micht die Welt. (W.75)
Ich bin, wor­an ich mich erin­ne­re. Etwas ande­res hab ich nicht. (W.121)

Ben­ja­min Stein: Die Leinwand.Roman. Mün­chen: Beck 2010. ISBN 978−3−406−59841−8.

immer wieder oktober: peter kurzeck liest in mainz

Da sitzt er also, ver­schwin­det fast hin­ter sei­nem Buch mit dem auf­fäl­li­gen oran­ge­far­be­nen Umschlag, wirkt noch klei­ner und zer­brech­li­cher als sonst. Aber sei­ne Stim­me, die dringt mühe­los über das Publi­kum hin­weg bis in die letz­te Rei­he und füllt das Anti­qua­ri­at am Ball­platz ganz und gar aus. Peter Kurz­eck, der aus Böh­men stam­men­de, bei Gie­ßen auf­ge­wach­se­ne, lan­ge in Frank­furt leben­de und nun in Süd­frank­reich schrei­ben­de Meis­ter der Erin­ne­rung und der Ver­ge­gen­wär­ti­gung liest aus sei­nem letz­ten Buch, „Okto­ber und wer wir selbst sind“. Die Lesun­gen Kurz­ecks sind immer ein Fest für sei­ne Leser und Fans, von denen es in Mainz inzwi­schen eine gan­ze Men­ge gibt – die Stüh­le im Anti­qua­ri­at reich­ten gar nicht für alle, eine schö­ner Erfolg für den Ver­an­stal­ter, das Lite­ra­tur­bü­ro Mainz. Denn Peter Kurz­eck liest nicht nur ein­fachr, was er mal, vor eini­gen Jah­ren, irgend­wann auf­ge­schrie­ben hat. Nein, er trägt es wirk­lich vor. Mit schwe­ben­den Beto­nun­gen, manch­mal fast sin­gend. Und immer mit gro­ßem, bei­na­he kind­li­chem Erstau­nen über die­sen Text, den er da vor sich lie­gen hat. Die­ses Erstau­nen, das ist eine ech­te Kurz­eck­sche Qua­li­tät. Es fin­det sich näm­lich schon im Buch selbst: Als Stau­nen über die Welt, die den Erzäh­ler umgibt. In „Okto­ber und wer wir selbst sind“ ist es das Frank­furt im Herbst 1983, die Woh­nung in Bocken­heim, die Wege in der Stadt und an ihren Rän­dern, mit Frau und Kind, zum Ein­kau­fen und zum Kin­der­la­den, im ver­gan­ge­nen Som­mer und begin­nen­den Herbst. Und natür­lich das Schrei­ben selbst – der Erzäh­ler hat gera­de sein drit­tes Buch begon­nen. Kurz­eck liest in Mainz aus den bei­den ers­ten Kapi­teln von „Okto­ber“, die genau den Moment beschrei­ben, in dem der Som­mer end­gü­lig vor­über ist. Aber in dem zugleich auch der Herbst schon da ist, schon etwas Neu­es begon­nen hat. Das klingt alles furcht­bar banal. Und ist es eigent­lich auch. Nicht aber für Peter Kurz­eck. Er ver­zau­bert das näm­lich: Durch die Erin­ne­rung an den All­tag, das übli­che und das unge­wöhn­li­che, das bana­le und außer­or­dent­li­che Gesche­hen wird das alles schon wie­der ganz anders und beson­ders. Und durch sei­nen fei­nen, prä­zi­sen, ver­knapp­ten und doch bered­ten Stil, der ihn schon so lan­ge zu einer ganz außer­ge­wöhn­li­chen Erschei­nung der deut­schen Gegen­warts­li­te­ra­tur macht, wird es gera­de­zu über­höht. Das Ergeb­nis, sein Buch und sei­ne Lesung, ist berüh­rend. Und mäch­ti­ger, auch dau­er­haf­ter als der klei­ne, unschein­ba­re Mann, der sie geschaf­fen hat.

(geschrie­ben für die main­zer rhein-zeitung)

testlese: „das war ich nicht“

tubuk, die­ser sym­pa­thi­sche buchvertriebe/​buchhandel, der stolz dar­auf, „nicht jedes buch“ zu ver­kau­fen – es ist näm­lich ein ver­such diver­ser klein- und kleinst­ver­la­ge (die sich auf soge­nann­te „jun­ge“ lite­ra­tur kon­zen­trie­ren), sich bes­ser zu ver­mark­ten – hat eine schö­ne akti­on, bei der jeden monat meist zehn bücher an soge­nann­te „test­le­ser“ ver­lost wer­den: die bekom­men dann ein aktu­el­les buch aus einem der teil­neh­men­den ver­la­ge geschenkt – zum test­le­sen eben. denn tubuk ver­sucht, nicht nur bücher zu ver­schi­cken, son­dern auch so etwas wie eine „com­mu­ni­ty“ aufzubauen.
die­sen monat war ich dabei: kris­tof magnus­sons „das war ich nicht“ bekam ich zum tes­ten. kei­ne offen­ba­rung, um da vor­weg­zu­neh­men. aber net­te abend-lek­tü­re und das mei­ne ich sonst noch so dazu:

bücher über das wirt­schafts­le­ben, sein funk­tio­nie­ren und sei­ne pro­ble­me zu schrei­ben, scheint wirk­lich schwer zu sein. vie­le gute gibt es davon nicht. und der bereich der ban­ken und ande­ren finanz­dienst­leis­tun­gen ins­be­son­de­re der gegen­wart ist davon beson­ders getrof­fen. das ist alles inzwi­schen viel zu kom­pli­ziert, kom­plex und weit ent­fern vom täg­li­chen erfah­rung­ho­ri­zont der leser. inso­fern ist magnus­sons „das war ich nicht“ ein ehren­wer­ter ver­such. beson­ders weit kommt er aber auch nicht.

sein plot hat viel von einem labor­ver­such: drei per­so­nen, drei schick­sa­le, die – natür­lich – eng mit­ein­an­der ver­wo­ben sind und immer enger in kon­takt tre­ten und auf­ein­an­der ein­wir­ken. da ist mei­ke, die „lit. über­set­ze­rin“ von zunächst gro­schen­ro­ma­nen und jetzt genau einem ame­ri­ka­ni­schen autor, die gera­de aus ham­burg und ihrer bezie­hung nach fries­land geflüch­tet ist. dann jas­per, auch ein deut­scher aus bochum, der in chi­ca­go bei irgend einer bank irgend etwas han­delt. und der eben­falls in chi­ca­go leben­de hen­ry – genau der autor, den mei­ke über­setzt. und der nicht mehr schreibt. so. mit aller­lei ver­wick­lun­gen ver­hed­dern sich die­se drei lebens­läu­fe also inein­an­der, jas­per gelingt es mehr oder weni­ger aus ver­se­hen und neben­bei, sei­ne bank in den kon­kurs zu trei­ben. und am schluss sind alle hap­py in fries­land ver­sam­melt. aber der schluss ist eh’ das schwächs­te – abso­lut her­vor­seh­bar und ewig her­aus­ge­zö­gert. spä­tes­tens seit jas­pers flucht war­tet man als leser eigent­lich nur noch dar­auf, dass das ende jetzt auch kommt. wie gesagt: das ist ein ganz net­ter roman, halb­wegs ordent­lich geschrie­ben ohne beson­de­re sti­lis­ti­sche ansprü­che, mit eini­gen ver­lo­ren her­um­ste­hen­den glanz­lich­tern. übri­gens gelingt es auch magnus­son nicht, das finanz­we­sen, den han­del mit optio­nen etc., wirk­lich zum the­ma zu machen – auch wenn er es ver­sucht. aber das wer­den dann nur recht tro­cke­ne beleh­run­gen, die fast stö­ren. denn eigent­lich geht es ihm ja doch nur um sein figurentrio.

in der nzz gibt es eine ers­te rezen­si­on – sehr ange­tan ist roman bucheli.

kris­tof magnus­son: das war ich nicht. Mün­chen: Kunst­mann 2010.

Juli Zeh, Corpus Delicti

… habe ich gele­sen auf der Rei­se von Vene­dig zurück nach Mainz.

Ein The­sen­ro­man. Reins­ten Was­sers. Und durch­aus obers­ter Güte­klas­se. Aber eben mit all den typi­schen Pro­ble­men – Man merkt die Absicht und ist ver­stimmt (oder so ähn­lich). Nun hielt sich die Ver­stim­mung bei mir extrem in Gren­zen, weil ich dem Ziel Zehs, dem frei­en statt dem siche­ren Men­schen voll zustim­me und stark sym­pa­thi­sie­re. Das ändert aber wenig dar­an, dass der Roman – der sich im Unter­ti­tel als „Ein Pro­zess“ aus­gibt (Gerichts­ver­hand­lung und Ent­wick­lung – natür­lich ist bei­des gemeint … [und die­se abso­lut durch­schau­ba­re Dop­pel­deu­tig­keit ist typisch für das Buch {lei­der, mei­nes Erach­tens, den seman­ti­sche Leer­stel­len sind inter­pre­ta­tiv meis­tens deut­lich ergie­bi­ger}, das künst­le­risch eher mit­tel­mä­ßig ist.]) Ok, die Infor­ma­ti­ons­ver­ga­be ist ganz gut gelun­gen, sie ent­wi­ckelt sich halb­wegs unge­zwun­gen (am Anfang frei­lich mit hohem Tem­po – und bewusst auf Klar­heit der mes­sa­ge ausgerichtet).

Wor­um geht’s? Um einen Staat der Zukunft, in dem Nor­ma­li­tät als Gesund­heit defi­niert wird (bzw anders­rum) und Krank­heit dem­zu­fol­ge abge­schafft ist – gesell­schaft­lich und pri­vat. Das bedarf natür­lich eini­ger Vor­keh­run­gen … Jeden­falls gerät die Haupt­fi­gur, eine Bio­lo­gin, mit die­sen staat­li­chen Vor­keh­run­gen, genannt die „Metho­de“, in Kon­flikt. Und ent­wi­ckelt sich zur Wider­ständ­le­rin auf sehr eige­nen Wei­se, zu einer Art Revo­lu­tio­nä­rin ohne Revo­lu­ti­on. Jeden­falls zu einem Pro­blem für die „Metho­de“, dass mit allen Mit­teln gelöst und schließ­lich besei­tigt wer­den muss – nicht ohne eini­ge Ver­wick­lun­gen natür­lich. Durch die Mon­ta­ge ver­schie­de­ner Ebe­nen, u.a. auch die eines Putz­frau­en-Tri­os, wird das ganz har­mo­nisch in sei­ner Viel­stim­mig­keit und Per­spek­ti­vi­tät. Aber nichts­des­to­trotz bleibt die Bot­schaft klar: Ohne Frei­heit ist der Mensch kein Mensch mehr, ist das Leben kei­ne Leben mehr, son­dern nur noch Exis­tenz. Die mag zwar sorgen‑, schmerz- & krank­heits­frei sein, aber eben ohne Leben. Die Par­al­le­len zu aktu­el­len Dis­kus­sio­nen sind wohl mehr als zufäl­lig ;-). Und auch mehr als deut­lich … Das, es klang oben ja schon an, min­dert mei­ne Begeis­te­rung für die­ses Buch etwas: Dass die Phan­ta­sie zu wenig aus­ge­reizt wird, die Vor­stel­lung­kraft zu blass scheint – auch um den Preis der etwa unvoll­kom­me­nen Ver­mitt­lung der zen­tra­len Text­bot­schaft wäre das doch etwas span­nen­der gewe­sen. Für mich zumin­dest. Aber man kann ja nicht immer alles haben.

Juli Zeh: Cor­pus Deli­cit. Ein Pro­zess. Frank­furt am Main: Schöff­ling 2009.

„wie es wirklich war“

unter die­ser über­schrift (eigent­lich wäre ja der prä­sens noch tref­fen­der gewe­sen) steht ein ganz net­ter text von hil­mar klu­te in der sz am wochen­en­de (natür­lich nicht online ;-) …) über und mit ror wolf. und er fängt auch ganz tref­fend an:

wenn wir ehr­lich sind, brau­chen wir heut­zu­ta­ge drin­gend geschich­ten, die uns etwas von unse­rer viel­fach gebro­che­nen wirk­lich­keit erzählen.

- lei­der hält er das niveau nicht ganz durch, gegen ende wird es doch etwas viel klatsch und seich­tes düm­peln im bio­gra­phi­schen … aber trotz­dem: es ist immer gut, etwas über ror wolf zu lesen – er ist doch arg in ver­ges­sen­heit gera­ten inzwi­schen. obwohl er es nun wirk­lich nicht ver­dient. und da hilft die (neue) werk­aus­ga­be ver­mut­lich auch nicht so sehr viel (selbst die rüh­ri­ge, sei­nem werk gewid­me­te wirk­lich­keits­fa­brik kann da ja kaum etwas aus­rich­ten), obwohl die bei­den ers­ten bis­her erschie­nen bän­de ja auch aus­ge­spro­chen schö­ne bücher sind.

http://​de​.wiki​pe​dia​.org/​w​i​k​i​/​R​o​r​_​W​olf

„Die Welt ist für die Tiere eingerichtet …

„Die Welt ist für die Tie­re ein­ge­rich­tet, nicht für die Men­schen. Der Mensch schaut sich immer die Natur an und wun­dert sich. Wie kann das gehen, denkt er. Die Tie­re wun­dern sich nur über die Men­schen.“ (Micha­el Lentz, Pazi­fik Exil, 125)

neue zitate

neue zita­te und fund­sa­chen lege ich im moment ger­ne auch auf mei­ner pos­te­rous-sei­te ab. das ist kom­for­ta­bler als hier immer einen neu­en arti­kel zu schrei­ben. über den lifestream wird das aber auch hier eingebunden.

„Vermutlich kann er …

„Ver­mut­lich kann er mit sei­nen Hirn­win­dun­gen nur irgend­wel­che For­meln in den Rech­ner pro­gram­mie­ren und sich teu­re Autos und Frau­en besor­gen, aber sich erin­nern, das kann er nicht.“ (Tho­mas Klupp, Paradi­so, 19)

„Es beginnt immer mit den Worten …

„Es beginnt immer mit den Wor­ten, die Wor­te sind das reins­te Gift, sie wer­den immer zu Fleisch, und das steht schon in der Bibel so. Irgend­wann wer­de ich mir die Zun­ge raus­schnei­den müs­sen oder als Ein­sied­ler in die Wäl­der gehen, das ist die ein­zi­ge Ret­tung, die es für mich gibt.“ (Tho­mas Klupp, Paradi­so, 85)

Ver­öf­fent­licht via web auf mein sammelbecken 

Seite 24 von 38

Präsentiert von WordPress & Theme erstellt von Anders Norén