Lesen. Hören. Und ein bisschen schreiben.

Kategorie: literatur Seite 23 von 38

Verehrung

Wenn man nicht mehr weiß, wohin mit der Ver­eh­rung eines gro­ßen lite­ra­ri­schen Meis­ters, dann schafft man – bzw. Ralf Zei­ger­mann – sol­che Kunst­stü­cken wie die „Arno-Schmidt-Anzieh­pup­pe“ (im Ori­gi­nal lei­der fälsch­li­cher­wei­se ohne die Bindestriche …):

(Down­load der pdf-Druck­vor­la­ge zum Aus­schnei­den und Bas­teln: klick.)

So sieht der Meis­ter aus, bereit für neue Taten:

Noch einmal: E‑Books & Journalismus

Jetzt auch noch die „Zeit“ (nach der FAZ). Wie­der wer­den fal­sche Gegen­sät­ze auf­ge­baut, fal­sche Posi­tio­nen behaup­tet – kurz: PR wird unhin­ter­fragt über­nom­men. Ist das wirk­lich nötig?

Chris­toph Schrö­der schreibt unter dem unsin­ni­gen Titel „Die Debat­te, die kei­ner ver­steht“ (natür­lich wird die ver­stan­den!) zum Bei­spiel:

Eine neue Gene­ra­ti­on von Ver­brau­chern betrach­tet den frei­en welt­wei­ten Zugang zu Daten als Selbst­ver­ständ­lich­keit und jede Ein­schrän­kung als unzu­läs­si­gen Ein­griff in die Infor­ma­ti­ons­frei­heit. Dem gegen­über steht ein Ver­le­ger vom alten Schlag wie Bör­sen­ver­eins-Vor­ste­her Gott­fried Hon­ne­fel­der, der uner­müd­lich für die Urhe­ber­rech­te von Autoren ein­tritt. Hin­ter den kon­trä­ren Posi­tio­nen von Open-Access-Befür­wor­tern und Schutz­recht­be­wah­rern ste­hen unver­ein­ba­re Welt­bil­der und inkom­pa­ti­ble Begrif­fe von Kultur.

Da ste­cken eine Men­ge Pro­ble­me dahin­ter. Die „neue Gene­ra­ti­on von Ver­brau­chern“ (was ja auch wie­der Unsinn ist, das Lesen eines Buches ist doch kein „Ver­brauch“, das Buch ist doch danach immer noch da!) will also, so Schrö­der offen­sicht­lich, immer und über­all alle Daten umsonst haben. Sicher mag es sol­che Posi­tio­nen geben, aber das ist ers­tens nicht der Punkt und zwei­tens wohl nur eine Min­der­heit. Wor­um es geht ist ein ver­nünf­ti­ger, ange­mes­sen bepreis­ter Zugang zu Daten. Und dazu gehört, das ist doch im Moment das Haupt­pro­blem, dass zum Bei­spiel Kunst­wer­ke nicht so enorm lan­ge mono­po­li­siert ver­mark­tet wer­den dür­fen, son­dern frü­her als momen­tan gemein­frei wer­den sollten.

Dann kommt wie­der der schö­ne Gegen­satz: Bis­her – die Ver­brau­cher – ging es um „Daten“, also irgend­et­was ein­fa­ches, min­der­wer­ti­ges. Jetzt kommt, als Gegen­po­si­ti­on, der „Ver­le­ger vom alten Schlag“. Das impli­ziert natür­lich, dass es Hon­ne­fel­der nicht pri­mär um Gewin­ne geht, son­dern dar­um, die Kunst, die Lite­ra­tur zu ver­brei­ten, zugäng­lich zu machen (war­um er sich dann im Gegen­satz zu den angeb­li­chen Jün­gern des frei­en Zugangs posi­tio­nie­ren muss – das ist ein Para­dox die­ser hier impli­zit auf­ge­au­ten Gegen­sät­ze, das schon dar­auf hin­weist, dass die­se Schil­de­rung nicht der Rea­li­tät enspricht). Nun aber kommt der größ­te Witz, der eigent­lich eine Unver­schämt­heit ist: Hon­ne­fel­der set­ze sich als Vor­sit­zen­der des Bör­sen­ver­eins „uner­müd­lich“ für das „Urhe­ber­recht der Autoren“ ein. Das ist ja wohl blo­ße Ver­höh­nung! Ers­tens geht es ja gar nicht um das Urhber­recht der Autoren, das möch­te (außer extre­men Ver­tre­tern) kaum jemand ihnen abstrei­ten oder „abneh­men“. Es geht doch vor allem dar­um, was dem gan­zen folgt: Die Mono­po­li­sie­rung der Ver­mark­tung des Urhe­ber­rechts durch Ver­la­ge durch über­lan­ge Schutz­fris­ten. Dafür setzt Hon­ne­fel­der sich ein, des­we­gen lügt er sich Posi­tio­nen etwa der Pira­ten­par­tei zurecht.

Nun der nächs­te Schlag: Schrö­der ver­mischt das jetzt auch noch mit der Open-Access-Bewe­gung – einer Bewe­gung, die vor­wie­gend aus dem Bereich wis­sen­schaft­li­cher Ver­öf­fent­li­chun­gen kommt und dort sehr, sehr viel Sinn hat. Die wer­den jetzt gleich auch noch zu den Geg­nern der Schutz­fris­ten gemacht (was so auch wie­der über­haupt nicht stimmt!). Und dann noch die abso­lu­te Keu­le: „unver­ein­ba­re Welt­bil­der“ und „inkom­pa­ti­ble Begrif­fe von Kul­tur“. Damit ist dann ja eigent­lich die Dis­kus­si­on für über­flüs­sig, für unmög­lich erklärt wor­den. Aber das stimmt auch wie­der nicht: Die unter­schied­li­chen Begrif­fe für Kul­tur – was soll das denn bit­te schön sein? Das erklärt Schrö­der wohl­weis­lich nicht. Und war­um sie inkom­pa­ti­bel sind, ver­schweigt er eben­falls. Muss er ja, es gibt sie schließ­lich gar nicht.

Mit wel­chen unsau­be­ren jour­na­lis­ti­schen Mit­teln die „Zeit“ bzw. Schrö­der arbei­tet, sieht man auch eini­ge Absät­ze spä­ter. Dort heißt es:

Mari­na Weis­band, die poli­ti­sche Geschäfts­füh­re­rin der Pira­ten­par­tei, macht hin­ge­gen auch auf der Mes­se noch ein­mal deut­lich: „Der Kopier­schutz muss weg.“ Den Namen Gott­fried Hon­ne­fel­der kennt sie übri­gens gar nicht.

Die Inten­ti­on ist klar: Die Pira­ten (hier noch ) sind Kul­tur­ba­nau­sen, die nicht ein­mal so wich­ti­ge, ganz unbe­dingt not­wen­dig zu ken­nen­de Per­sön­lich­kei­ten wie den Her­ren Hon­ne­fel­der ken­nen. Das ist natür­lich gemei­ner Schwach­sinn – und sagt über inhalt­li­che Aus­ein­an­der­set­zun­gen über­haupt nichts aus. Ich wür­de außer­dem wet­ten, dass Hon­ne­fel­der den Namen Mari­na Weis­band eben­falls „übri­gens gar nicht“ kennt. Doch was sagt uns das? Die Zeit macht Kam­pa­gnen­jour­na­lis­mus, lässt sich von der PR des Bör­sen­ver­eins ver­ein­nah­men. Und betrügt ihre Leser.

Hausgemachter Islandroman

Wer erzählt denn hier über­haupt?? (107)

War­um zieht Island eigent­lich die Spin­ner an? Zumin­dest die gut­mü­ti­gen? Wolf­gang Mül­ler ist ja schon eine Wei­le auf die­se Spe­zia­li­tä­ten wie Feen, Elfe und Kobol­de – alles islän­di­sche Bestän­de – abon­niert. Jetzt offen­bar auch Albrecht E. Mang­ler. Mit „VERASCHUNG“ (die Ver­sa­li­en sind Absicht), das über Tubuk Delu­xe (inklu­si­ve ori­gi­na­ler Island-Asche!) den Weg auf mei­nen Lese­tisch fand, ist jeden­falls aus­rei­chend ver­rückt, um Mang­ler zu einem Ehren-Islän­der zu machen.

Schon die gan­ze Auf­ma­chung, das ewi­ge drun­ter & drü­ber, die zusätz­lich ein­ge­scho­be­ne Erzäh­ler­fik­ti­on, das Cas­ting für Figu­ren der Erzäh­lung, … machen den Leser schwind­lig. „Ver­aschung“ ist näm­lich vie­les, aber eines bestimmt nicht: dis­zi­pli­niert. Statt­des­sen ist das Büch­lein, „der Island-Roman“, aus­schwei­fend, undis­zi­pli­nert, unbän­dig, wild, wirr (im bes­ten, näm­lich unter­hal­ten­den Sin­ne das alles …) – und vor allem komisch. Mit allem, was das Erzäh­ler­herz und ‑hirn her­gibt, wird gespielt: Mit Fuß­no­ten, mit Ergän­zun­gen, Ver­wei­sen, Pseu­do-Inter­ak­ti­vi­tät (inklu­si­ve Blog, Face­book-Account – und mit „War­te­sei­ten“ im Buch, um die Zeit bis zur Aus­zäh­lung zu über­brü­cken …) – das ist fast ein gedruck­ter Hyper­text. Aller­dings nur als Show, sozu­sa­gen, nur auf­ge­setzt, um mög­lichst viel Far­be und Ver­wir­rung in den Lese­fluss und den mehr oder weni­ger geneig­ten Leser zu bekom­men … Dazu noch – nicht zu ver­ges­sen (und auch nicht zu über­se­hen) – die Selbst­re­fe­ren­zia­li­tät auf ver­schie­de­nen Ebe­nen des Tex­tes – eine furi­os Mischung, fast ein Lehr­buch der Narrativität.

Mang­ler zieht näm­lich so ziem­lich alle Regis­ter des (auch mal noto­risch unzu­ver­läs­si­gen) Erzäh­lens, unzäh­li­ge Erzäh­ler­fik­tio­nen, Fuß­no­ten, Stim­men­wech­sel, der „Gast­bei­trag“ von Jökull Eld­fells­son, der das gan­ze noch ein­mal unter­bricht, aber auch die Mit­tel der Mul­ti­me­dia­li­tät (nicht nur Zeich­nun­gen und Bild­ver­wei­se, auch noch eine islän­di­sche Hob­by­fo­to­stre­cke in der Mit­te, stil­echt auf Hoch­glanz­pa­pier) und der Hyper­fik­ti­on, Spiel mit den Gat­tun­gen … so könn­te man jetzt noch eine gan­ze Wei­le wei­ter auf­zäh­len, was er sich so alles ein­fal­len lässt bzw. was er von ande­ren über­nimmt. Zum Glück für „Ver­aschung“ ist das mit 127 Sei­ten gera­de noch so im Rah­men, das der unauf­hör­li­che Strom an erzäh­le­ri­schen Gim­micks noch aus­zu­hal­ten ist – viel län­ger hät­te ich das wohl nicht ertra­gen. Ach ja, so etwas wie eine „Fabel“, einen erzäh­le­ri­schen Kern, gibt es auch noch. Der ist aber fast banal, den brau­che ich hier nicht zu refe­rie­ren – ein biss­chen muss dem Leser auch selbst über­las­sen blei­ben. Schieß­lich ist das Ent­zif­fern und Ent­wir­ren desr Erzähl­knäuls ein wesen­ti­cher Teil des Spa­ßes – und das ist schon ein rund­um amü­san­tes Spiel.

Wer erzählt denn hier über­haupt?? (107)

Albrecht E. Mang­ler: VERASCHUNG. Der Island-Roman erzählt von Vigo LaFlam­me. Mit einem Gast­bei­trag von Jökull Eld­fells­son. Wien: Mile­na 2011. 127 Sei­ten. ISBN 978−3−85286−210−1.

E‑Books, Journalismus & die FAZ

Es ist Buch­mes­se. Also muss man auch mal wie­der etwas über E‑Books schrei­ben. Auch wenn man nicht so rich­tig weiß, was es zu schrei­ben gibt. Und man – als Jour­na­list! – auch sonst nicht so recht weiß, wie man damit umge­hen soll. Dann kom­men sol­che Blü­ten her­aus wie heu­te in der FAZ, wo Georg Giers­berg sich unter dem Titel „Elek­tro­ni­sches Buch: Zah­len aus Ame­ri­ka scho­cken die Buch­bran­che“ damit herumschlägt.

Schau­en wir uns das mal an: Zunächst der „Schock“, den die Titel­zei­le ver­spricht. Fin­den lässt er sich nicht: Im Text ist dann nur noch von „auf­hor­chen“ die Rede (auch nur anonym) – und das ist dann doch ein gewis­ser Unter­schied: In den USA sind also die Taschen­buch­ver­käu­fe ein­ge­bro­chen, die E‑Book-Ver­käu­fe dage­gen rasant gestie­gen. Nun ja, bis es so weit kommt, wird es in Deutsch­land wohl noch etwas dau­ern, da wird ja kräf­tig dage­gen gemau­ert. Und auch Ama­zon hat nicht den glei­chen Ein­fluss wie in Ame­ri­ka auf die Dis­tri­bu­ti­on von Inhalten.

Dann wird es span­nend: Giers­berg sieht das erschei­nen­de Welt­bild-Lese­ge­rät als Durch­bruch für E‑Books? Das scheint mir (und nicht nur mir) nun doch­noch sehr frag­lich, weil das ein Gerät ohne E‑Ink-Dis­play ist – und damit kaum brauch­bar … (Es ist ja auch schon Welt­bilds zwei­ter Ver­such, der – damals eben­falls kon­kur­renz­los bil­li­ge – Rea­der vom letz­ten Jahr wur­de so ziem­lich mit den glei­chen Zie­len und Auf­ga­ben ange­prie­sen und konn­te dem Hype auch nicht gerecht werden).

Die Gerä­te sind preis­wer­ter (bei Welt­bild 60 Euro), haben Farb­dis­plays und lie­gen ergo­no­misch bequem in der Hand.

Nun ja. Farb­dis­plays sind kaum lese­taug­lich, allein schon wegen der kur­zen Akku­leis­tung (Welt­bild selbst gibt gera­de mal „bis zu acht Stun­den“ an – falls das stimmt -, dar­über kann jeder Kind­le-Besit­zer nur lachen …) und der unan­ge­neh­men LCD-Bildschirme.

Aber der gan­ze Text ist ein­fach schwach und ein ech­tes Nega­tiv­bei­spiel des „Qua­li­täts­jour­na­lis­mus“: Giers­berg scheint etwa nur mit Gott­fried Hon­ne­fel­der gespro­chen zu haben. Der ist Vor­sit­zen­der des Bör­sen­ver­eins und damit natür­lich alles ande­re als neu­tral – war­um soll­te er auch? Dann taucht aller­dings noch ein zwei­ter „Exper­te“ auf – zumin­dest scheint es so: „Boos“ – wer das ist (ist das über­haupt eine Per­son?), war­um er zitiert wird – kei­ne Erwäh­nung. Ganz klar, jour­na­lis­ti­scher Fehler …

Wei­ter im Text:

Gott­fried Hon­ne­fel­der, Vor­sit­zen­der des Bör­sen­ver­eins des Deut­schen Buch­han­dels, geht davon aus, dass er in fünf Jah­ren bei knapp 10 Pro­zent lie­gen wird. Das wäre ein gro­ßes Wachs­tum in einem Gesamt­markt, der im bis­he­ri­gen Jah­res­ver­lauf noch im Minus (2 bis 3 Pro­zent) liegt.

Das kapie­re ich jetzt auch nicht: Weil der Gesamt­markt schrumpft (also weni­ger Bücher ver­kauft wer­den), ist das pro­gnos­ti­zier­te Wachs­tum für die nächs­ten fünf Jah­re (was ja rei­ne Augen­wi­sche­rei ist, die Zah­len aus den USA hat vor fünf Jah­ren nie­mand geahnt, weil kei­ner weiß, wel­che Gerä­te und Inhal­te­an­bie­ter sich in die­sem Zeit­raum wirk­lich durch­set­zen bzw. was noch neu kommt …) beson­ders hoch? Das ist doch Blöd­sinn: Wenn der Gesamt­markt schrumpft, brau­che ich weni­ger abso­lu­te Ver­käu­fe, um auf 10% Anteil zu kommen!

Dann aber kommt der Kernabsatz:

60 Pro­zent aller in Deutsch­land aus dem Netz her­un­ter­ge­la­de­nen Bücher sei­en ille­gal her­un­ter­ge­la­den wor­den. „Die ille­ga­le Ent­wick­lung im Netz ist wei­ter als die lega­le“, beklagt Honnefelder.

60 Pro­zent? Woher kommt die­se Zahl? Wie misst man den ille­ga­le Down­loads? Über die zwei­te Aus­sa­ge brau­chen wir kaum strei­ten, die lega­len E‑Book-Läden sind wirk­lich ziem­lich grausig.

Dass dies ein inter­na­tio­na­les Pro­blem ist, belegt Boos mit den Wor­ten, in eini­gen Län­dern über­stei­ge die Zahl der elek­tro­ni­schen Lese­ge­rä­te (E‑Reader) die der legal her­un­ter­ge­la­de­nen elek­tro­ni­schen Bücher um das 100fache.

Da ist er wie­der, der mys­te­riö­se „Boos“. Was er „belegt“, ist mir aber unklar. Um wel­che Län­der geht es? Das wäre doch span­nend: Die Zahl der Gerä­te ist um das 100fache (!) grö­ßer als die der lega­len Down­loads. Gut, man muss E‑Reader ja nicht nur für elek­tro­ni­sche Bücher ver­wen­den, man kann ja z.B. auch pdf-Datei­en betrach­ten. Ich ver­mu­te aber fast, dass hier ein­fach die Tablet-PCs als E‑Reader gezählt wur­den, anders kann ich mir die­se Rech­nung über­haupt nicht erklä­ren. Und das wäre natür­lich wie­der­um aus­ge­spro­che­ner Blöd­sinn. Aber nichts davon erklärt der Text, der Jour­na­list hat das ein­fach so hin­ge­nom­men und lässt es auch ein­fach so stehen …

Dann kommt natür­lich noch der Evergreen:

Hon­ne­fel­der for­der­te auf der Mes­se die Poli­tik auf, die Inter­net­an­bie­ter zu ver­pflich­ten, Warn­hin­wei­se anzu­brin­gen, die den Nut­zern sagen, was legal und was ille­gal ist. In Umfra­gen hät­ten 81 Pro­zent der­je­ni­gen, die ille­gal Inhal­te her­un­ter­la­den, die Mei­nung ver­tre­ten, dass Warn­hin­wei­se das ille­ga­le soge­nann­te File­sha­ring ein­däm­men würden.

Mal abge­se­hen davon, dass wie­der unge­nann­te Umfra­gen mit undurch­schau­ba­ren Zah­len ange­führt wer­den (so eine Umfra­ge kann ich auch schnell pro­du­zie­ren …), haben wir hier natür­lich wie­der den Wunsch nach Total­über­wa­chung, die auch noch die Pro­vi­der über­neh­men sol­len. Inzwi­schen soll­te doch eigent­lich jedem klar sein, dass das ers­tens tech­nisch ziem­lich kom­plex wird, zwei­tens nicht durch­setz­bar ist und drit­tens gegen so eini­ge Grund­rech­te ver­stößt. Man muss ja schon fast dank­bar sein, dass er kein Strike-Modell fordert ;-)

Aber davon las­sen weder Jour­na­list noch Befrag­te sich wei­ter stö­ren. Auch im nächs­ten Argu­ment nicht. Da heißt es:

Bis­her sei er rein line­ar orga­ni­siert gewe­sen: Der Autor schreibt ein Buch, der Ver­le­ger ver­legt es, der Händ­ler ver­kauft die Rech­te, der Leser liest, dann inter­es­sier­te sich ein Fil­me­ma­cher dafür.

Da sieht man natür­lich so neben­bei sehr schön, wie sich der geheim­nis­vol­le „Boos“ die Welt schön­denkt: „der Händ­ler ver­kauft die Rech­te“. Das tut er – bis­her – eben nicht: Er ver­kauft das Buch, als mate­ri­el­len Gegen­stand. Bei E‑Books ist das frei­lich zumin­dest teil­wei­se anders, da wird oft nur ein Nut­zungs­recht erwor­ben – und gera­de das ist einer der Grün­de, war­um so vie­le ille­gal her­un­ter­la­den: Weil sie nicht nur Nut­zungs­rech­te erwer­ben wol­len (momen­tan in der Regel noch dazu für unver­hält­nis­mä­ßig viel Geld), son­dern ein mit gedruck­ten Tex­ten ver­gleich­ba­res Eigen­tum, dass man z.B. ver­lei­hen oder ver­schen­ken kann …

Irgend­wie ist da im Qua­li­täts­ma­nage­ment der FAZ etwas schief­ge­gan­gen. Schließ­lich wird der Autor als Wirt­schafts­re­dak­teur vor­ge­stellt – einem Volon­tär hät­te man so einen Arti­kel wohl nicht durch­ge­hen lassen.

Nach­trag: Beim Gedan­ken­strich gibt es zumin­dest so etwas ähn­li­ches wie Zah­len (auch nur Schätzungen).

Was macht Deutschland?

Was macht Deutschland?

Ein immer­wäh­ren­der Kalender
für alle Tage des Jah­res Okto­ber 1859

Sonn­tag. Deutsch­land pflegt sich -
Wohl zu besinnen.
Mon­tag. Deutsch­land regt sich -
Was wird’s beginnen?
Diens­tag. Deutsch­land trägt sich -
Mit gro­ßen Gedanken.
Mitt­woch. Deutsch­land bewegt sich -
In gesetz­li­chen Schranken.
Don­ners­tag. Deutsch­land frägt sich -
Ob’s end­lich soll?
Frei­tag. Deutsch­land schlägt sich -
Schlägt sich wie toll!
Sonn­abend. Deutsch­land legt sich -
Zu Protokoll!

Georg Her­wegh (1817−1875)

Fanboy

Allein für die­sen Kom­men­tar muss man Rai­nald Goetz doch lieben!
Der Umblät­te­rer hat­te zum 30jährigen Jubi­lä­um der „Feuil­le­ton­ma­nie“ von Rai­nald Goetz, die – zumin­dest in der für den Leser sicht­ba­ren Form – mit einer Repor­ta­ge (?) über Feuil­le­to­nis­ten im Trans­at­lan­tik von August 1981 begon­nen hat, eine klei­ne (lob­prei­sen­de) Wür­di­gung die­ses „Unter­neh­mens“ (das ja eher einem Zwang/​Drang zu ent­sprin­gen scheint als Über­le­gung, meint man manch­mal) geschrie­ben. Und Rai­nald Goetz hat kom­men­tiert. Unter ande­rem damit, mit einem klei­nen aber bösen Sei­ten­hieb auf die momen­ta­ne Form des FAZ-Feuilletons:

Über den aktu­el­len KITSCH der Faz-Kul­tur und ‑Lite­ra­tur, den die dor­ti­gen Frau­en Loven­berg, Mühl, Bopp, Kegel u.a. mit ihren Lebens­er­fah­rungs-berich­ten und tod­trau­ri­gen Spie­ßer­theo­rien über die FAMILLJE ver­brei­ten, anstatt Bücher zu bespre­chen, weil Bücher dort pro­gram­ma­tisch nur noch beju­belt werden […]

Und mit einer klei­nen Abwei­chung zu Botho Strauß:

Botho »gleich­wohl« Strauß schreibt sei­ne unschö­ne Erle­sen­heits­spra­che, hat sei­ne scheuß­lich erle­se­nen Kitsch­ge­dan­ken auch des­halb, weil er zu wenig Feuil­le­ton liest. Er liest zu viel geho­be­nen Dreck, das ergibt im Resul­tat Kitsch.

Das ist doch – so neben­bei – ein­fach mal wie­der herrlich.

Bloomsday

… damit er hier weni­gens­tens vir­tu­ell began­gen wird, der Tag des Uly­se­ss – Irland ist für einen Tag etwas weit ;-)

(geklaut von New Yor­ker)

Die Gegenwart, das Glück und die Literatur

Irgend­wie, so habe ich manch­mal den Ein­druck, gibt es über die deutsch­spra­chi­ge Gegen­warts­li­te­ra­tur zu viel und zu wenig Unter­su­chun­gen. Geschrie­ben wird viel und viel geschrie­ben über das Geschrie­be­ne. Aber nur ganz, ganz wenig davon gelingt über­zeu­gend. Richard Käm­mer­lings Buch über „Das kur­ze Glück der Gegen­wart“, in dem er sich der duetsch­spra­chi­gen Lite­ra­tur sein 1989 wid­met, ist so ein Fall: Schön, dass ein Kri­ti­ker ver­sucht, mehr zu tun als ein­zel­ne Bücher beim Erschei­nen zu bespre­chen und in der Rück­schau noch ein­mal zu ord­nen. Scha­de, dass er es so tut.

Das fängt schon ganz vor­ne an, mit der fal­schen Prä­mis­se – und ist dann lei­der auch noch schlecht durch­ge­führt. Also: Käm­mer­lings ver­langt, 1 dass die deutsch­spra­chi­ge Lite­ra­tur gegen­warts­hal­tig sei und ihren Lese­rin­nen und Lesern die Welt der Gegen­wart erklärt. Das ist natür­lich irgend­wie ein heh­rer Wunsch, der zunächst ein­mal schlüs­sig scheint, aber doch Unsinn ist: War­um soll die Lite­ra­tur das tun? Und war­um soll sie es – das ist näm­lich Käm­mer­lings Fol­ge­rung – unbe­dingt und aus­s­schließ­lich mit Stof­fen der angeb­li­chen Gegen­wart tun? Ist Lite­ra­tur nicht etwas mehr als blo­ße Welt­be­schrei­bung? Soll­te sie es nicht sein? Ist das die „Auf­ga­be“ der Kunst: Uns die Welt zu zei­gen und zu erklä­ren? Oder soll­te sie sich nicht mehr um „uns“ küm­mern – wenn sie über­haupt irgend etwas „soll“?

Jeden­falls geht es für Käm­mer­lings dar­um: Autoren sol­len ihre Stof­fe aus den Erschei­nun­gen der Gesell­schaft der Gegen­wart über­neh­men und ent­wi­ckeln, sie sol­len die Krie­ge der letz­ten Jah­re the­ma­ti­sie­ren, sozia­le Ungleich­hei­ten, wirt­schaft­li­che Ent­wick­lun­gen, poli­ti­sches Gesche­hen. Und sie sol­len das offen­bar gefäl­ligst in les­ba­rer, nicht zu aus­ge­fal­le­ner Pro­sa tun – etwas ande­res kennt Käm­mer­lings in die­sem Buch nicht: Roma­ne sind – trotz des damit als groß­spre­che­risch sich erwei­sen­den Unter­ti­tels – sei­ne Form, mit eini­gen Aus­flü­gen in kür­ze­re For­men der erzäh­len­den Lite­ra­tur. Dra­ma­ti­sche Tex­te haben zur Gegen­wart nichts zu sagen? Und Lyrik auch nicht? – Das sieht wie ein typi­scher Fehl­schluss eines Zei­tungs-Kri­ti­kers aus, wür­de ich sagen, der mit sei­nen beruf­lich beding­ten (?) Scheu­klap­pen liest – in der Tat kommt in den deut­schen Zei­tun­gen die Lyrik schon nur extrem wenig vor, die dra­ma­ti­schen Tex­te als Tex­te (abseits der Per­for­manz der (Ur-)Aufführung) eigent­lich über­haupt nicht. Begründ­bar ist das in den Kunst­wer­ken nicht, höchs­tens in der ver­meint­li­chen Grö­ße des Inter­es­ses der Leser­schaft – selbst wenn man Gegen­warts­hal­tig­keit als Maß­stab anlegt, soll­te man erken­nen, dass dazu auch Lyrik und Dra­ma eini­ges zu sagen haben können.

Lei­der klebt Käm­mer­lings dann auch noch über den aller­größ­ten Teil der zwei­hun­dert Sei­ten bloß am Stoff der bespro­che­nen Bücher: Über blo­ße Inhalts­an­ga­ben, knap­pe Refe­ra­te des beschrie­be­nen Gesche­hens mit ein paar Bei­spiel­sät­zen geht er so gut wie nie hin­aus. Sowie es um die eigent­li­che künst­le­ri­sche Gestal­tung geht, um Stil­fra­gen, um Struk­tu­ren der Tex­te, ihre For­men und Gestal­ten, wird Käm­mer­lings aus­ge­spro­chen unge­nau und nebu­lös – viel­mehr als der „Ton“ eines Autors bleibt meist nicht übrig von sei­ner Ana­ly­se. Das ist natür­lich scha­de und aus­ge­spro­chen unbe­frie­di­gend. Denn es ist ja nicht so, dass er schlech­te Bücher vorstellt …

Dafür spie­len inter­tex­tu­el­le Net­ze, die Bezie­hun­gen – inhalt­li­che und tem­po­ra­le – zwi­schen den Tex­te, also auch so etwas wie „Schu­len“ des Schrei­bens, eine ganz gro­ße Rol­le. Auch ech­te oder ver­meint­li­che Vor­bil­der sind für Käm­mer­lings sehr wich­tig – meist kom­men sie aus der ame­ri­ka­ni­schen Gegen­warts­li­te­ra­tur. Was die­ses Nach­ei­fern, die­ses Schrei­ben auf Anre­gung ande­rer Tex­te, aller­dings bedeu­tet, bleibt er wie­der­um ger­ne schul­dig: Was heißt es denn, das die­se Bezie­hung erkenn­bar ist? Für Käm­mer­lings scheint das eher ein Vor­teil zu sein, ein Ler­nen von den (rich­ti­gen) Meis­tern. Aber war­um soll mich das inter­es­sie­ren, ob Autor A jetzt B gekannt hat oder nicht? Neben die­sen Bezie­hun­gen der Tex­te unter­ein­an­der sucht Kämmr­lings auch ger­ne äuße­re Anläs­se für das Ent­ste­hen von lite­ra­ri­schen Wer­ken aus­zu­ma­chen. Und wie­der ist mir nicht ganz klar, was das für das Ver­ste­hen (oder auch nur Erfah­ren) des Kunst­wer­kes hel­fen soll. Für ihn ist das aber wich­tig, weil damit ja sein Gebot der Gegen­warts­nä­he erfüllt wird (bzw. zu wer­den scheint).

Die abschlie­ßen­de Lis­te der 10 bes­ten Bücher der letz­ten 20 Jah­re ist dann ja, nun ja, ein etwas selt­sa­mer Gag. Irgend­wie habe ich den Ein­druck, das war eine Ver­lags­idee, der sich Käm­mer­lings auch nur etwas wider­wil­lig gebeugt hat. Die Lis­te selbst bie­tet eine etwas merk­wür­di­ge Mischung, fin­de ich. Das sind ohne Zwei­fel gute Bücher – aber die bes­ten? Rai­nald Goetz ist zum Bei­spiel mit „Abfall für alle“ ver­tre­ten – war­um „Kla­ge“ oder „Los­la­bern“ schlech­ter sein sol­len, erschließt sich mir nicht. Aber die bei­den Bücher kennt Käm­mer­lings offen­bar nicht, muss man ver­mu­ten – im Text selbst kom­men sie näm­lich auch nicht vor – und das ist mir völ­lig unver­ständ­lich. Ingo Schul­zes „Simp­le Sto­ry“ hal­te ich ten­den­zi­ell ja auch für etwas über­schätzt – das ist, genau wie Mar­cel Bey­ers „Flug­hun­de“ etwa so ein Buch, das jeder irgend­wie gut fin­den kann. War­um Tho­mas Lehr aus­ge­rech­net mit „Nabo­kovs Kat­ze“ auf der Lis­te gelan­det ist, das ist mir auch wie­der­um nicht ganz klar – ich hal­te das nicht für sein bes­tes Buch.

Was bleibt als von Käm­mer­lings Ver­such, die (?) deutsch­spra­chi­ge Lite­ra­tur seit ’89 zu erfas­sen und zu erklä­ren? Eine Men­ge Bücher wer­den ange­ris­sen, kurz vor­ge­stellt, refe­riert – von denen mir durch­aus eini­ge wohl durch die Lap­pen gegan­gen sind (und durch­aus eini­ge sich viel­ver­spre­chend anhö­ren). Aber ganz, ganz vie­les – und lei­der eben vie­les unheim­lich Gutes – fällt durch das Ras­ter. Unver­ständ­lich bleibt mir eini­ges: War­um zum Bei­spiel Rein­hard Jirgl nur ein­mal nur neben­bei erwähnt wird (die Kunst des name-drop­ping beherrscht Käm­mer­lings ziem­lich gut …) – gera­de in das Kapi­tel zum erin­nern­den Roman hät­te er wun­der­bar gepasst. Und frag­lich bleibt dann doch auch, ob man aus Büchern wie denen von Kurz­eck (der etwas mehr Gna­de fin­det als Jirgl, aber natür­lich vor allem durch das unver­meid­li­che „proust­sche“ Erzäh­len cha­rak­te­ri­siert wird) nicht genau­so viel oder sogar mehr über uns und die Gegen­wart ler­nen kann als aus ver­meint­lich aktu­el­len Büchern (was bei Käm­mer­lings ja nur und vor allem aktu­el­le Stof­fe meint), die sich den spe­zi­fi­schen Situa­tio­nen der Gegen­wart, d.h. der letz­ten ca. 10 Jah­re, widmen.

Aber das führt mich ja wie­der an den Anfang: Die For­de­rung der Gegen­warts­hal­tig­keit der Lite­ra­tur ist mei­nes Erach­tens kunst­frem­der Unsinn, der – wie Ina Hart­wig in der Süd­deut­schen ganz rich­tig anmerk­te – der Lite­ra­tur eine Stell­ver­tre­ter­funk­ti­on zuweist: Sie soll erle­ben, was wir selbst nicht tun. Der Anspruch, Lite­ra­tur müs­se uns unse­re „Gegen­wart“ irgend­wie erklä­ren, ist aber ein fal­scher, der den Kunst­wer­ken auch nur sel­ten gut tut. Dafür gibt es Jour­na­lis­ten. Und bezeich­nen­der­wei­se ist Käm­mer­lings von jour­na­lis­ti­schen Schreib­wei­sen wie Moritz von Uslars „Deutsch­bo­den“ eben auch sehr ange­tan – logisch, denn sie erfül­len eben sei­ne Bedin­gung der Gegen­warts­nä­he und ‑beschrei­bung. Aber Kunst soll­te doch etwas mehr sein. Und ist es ja auch immer wie­der – Käm­mer­lings zum Trotz sozusagen.

Richard Käm­mer­lings. Das kur­ze Glück der Gegen­wart. Deutsch­spra­chi­ge Lite­ra­tur seit ’89. Stutt­gart: Klett-Cot­ta 2011. 208 Sei­ten. ISBN 978−3−608−94607−9.

Show 1 footnote

  1. Ja, er ver­langt das wirk­lich – er will, dass das die Autoren tun, er will ihnen vor­schrei­ben, wie Lite­ra­tur zu sein hat. Auch wenn er natür­lich klug genug ist, eine sol­che prä­skrip­ti­ve Ästhe­tik mit genü­gend Caveats zu ver­se­hen: Im Kern geht es ihm dar­um, eine bestimm­te Art von Lite­ra­tur als die (ein­zig) rich­ti­ge zu set­zen.

Tristano No. 6665

„Mul­ti­pler Roman in Ein­zel­aus­ga­ben“ ist der off­zi­el­le Unter­ti­tel die­ses Büch­leins von Nan­ni Bal­est­ri­ni. Mei­nes hat die Nr. 6665 (knapp dane­ben …) und ist einer von 109027350432000 Tristano No. 6665Roma­nen. Nun hat Bal­est­ri­ni natür­lich nicht eine solch irr­sin­ni­ge Zahl an Büchern geschrie­ben: Der Witz am „Tris­t­ano“ ist, dass per Zufalls­al­go­rith­mus (im Com­pu­ter) die 20 Abschnit­te für jedes der 10 Kapi­tel neu ange­ord­net weden. 1966, als Bal­est­ri­ni die Idee dazu hat­te, war das druck­tech­nisch noch nicht wirk­lich umzu­set­zen – dank Digi­tal­druck ist das heu­te auch für Suhr­kamp kein Pro­blem mehr. Die Ent­ste­hung der Text­blö­cke ist dabei übri­gens auch schon ein Ergeb­nis kom­bi­na­to­ri­scher Pro­zes­se: Bal­est­ri­ni hat aus ver­schie­de­nen Quel­len Sät­ze ent­nom­men, sie ihrer inne­ren Satz­zei­chen beraubt und mehr oder min­der zufäl­lig gereiht. So viel also ganz kurz zu der Ent­ste­hung des Romans.

Das ist – aus­nahms­wei­se – nicht belang­los, weil es sich natür­lich mas­siv im Text nie­der­schlägt: Eine „nor­ma­le“ Geschich­te, eine her­kömm­li­che Hand­lung, ein liner­a­rer Plot – das alles gibt es hier nicht. Wohl gibt es wie­der­keh­ren­de Moti­ve – die aber in sich und in ihrer Ver­knüp­fung sehr unklar blei­ben. Denn alle (!) Eigen­na­men wer­den durch ein uni­ver­sel­les „C“ ersetzt. Trotz­dem las­sen sich eine männ­li­che und eine weib­li­che Figur unter­schei­den, die mit­ein­an­der in Bezie­hung tre­ten und die­se auch wie­der ver­las­sen (Tris­tan!). Viel lie­ße sich sicher­lich kon­stru­ie­ren. Aber das funk­tio­niert natür­lich nur bedingt: Zum einen ist ja jedes Buch anders, hat eine eige­ne „Geschich­te“ durch die zufäl­li­ge Rei­hen­fol­ge (wie hoch wäre eigentlch die Wahr­schein­lich­keit, dass da zwei Mal das gleich Ergeb­nis her­aus­kommt?), zum ande­ren ist der Spaß an die­sem Expe­ri­ment eher, zu schau­en, was mit Wör­tern, Sät­zen, Abschnit­ten pas­siert – wie sich manch­mal „Sinn“ ergibt, wie er sozu­sa­gen aus Ver­se­hen „pas­siert“, wie die Signi­fi­kan­ten sich – im Lese­pro­zess des wahr­neh­men­den Sub­jekts – eben doch wie­der zu einem/​mehreren Signi­fi­ka­ten gezwun­gen sehen, wie Leser und Text danach stre­ben, sinn­hal­tig zu sein. Das aller­dings ist zwar zunächst fas­zi­nie­rend zu beob­ach­ten, wird aber auch ermü­dend. Dabei umfasst der Tris­t­ano gera­de mal 120 Sei­ten. Doch das reicht mehr als genü­gend aus, das Prin­zip und sei­ne Fol­gen zu ver­ste­hen, begrei­fen und erfah­ren. Und auch zu erlei­den. Denn so span­nend das nar­ra­to­lo­gisch, semio­lo­gisch – kurz: intel­lek­tu­ell – ist bzw. erscheint, so tro­cken kann die Lek­tü­re wer­den: Man hängt oft sehr in der Luft, sucht beim Lesen nach sinn­hal­ti­gen Fun­da­men­ten oder Hori­zon­ten – das ist schon inter­es­sant, das an sich selbst zu beob­ach­ten. Da aber der Text/​die Tex­te durch die Mon­ta­ge der Sät­ze aus frem­der Urhe­ber­schaft und unbe­kann­ten Kon­tex­ten (manch­mal kann man etwas erah­nen, z.B. die wie­der­hol­ten Frag­ment zu Text und Erzähl­theo­rie1) auch sprach­lich nur sehr bedingt fas­zi­nie­ren (zumin­dest in der deut­schen Über­set­zung von Peter O. Chot­je­witz) ist das letzt­lich ein ein­ge­schränk­tes Ver­gnü­gen: „Als ich die­se Tex­te las fand ich sie nicht nur bedeu­tungs­los son­dern auch ohne irgend­ein Ele­ment das sich auf das vor­ge­ge­be­ne The­ma bezieht. Ich bin so unglück­lich daß ich am liebs­ten ster­ben möchte.“

Dafür wird man neben den 120 Sei­ten „Roman“ (die den für Suhr­kamp aus­ge­spro­chen hohen Preis von 15 Euro haben) auch noch reich­lich mit Para­tex­ten ver­sorgt: Eine Vor­be­mer­kung des Ver­lags, eine Notiz des Autors eine Vor­wort von Umber­to Eco (zum Ver­fah­ren der Kom­bi­na­to­rik in der Geschich­te der Wis­sen­schaf­ten und Küns­te, weni­ger zum „Tris­t­ano“ selbst), einem nach­ge­stell­ten ana­ly­ti­schen Vor­wort zur fran­zö­si­schen Aus­ga­be 1972 von Jac­que­line Rist und schließ­lich noch eine lite­ra­tur­ge­schicht­li­che Ein­ord­nung des „Tris­t­ano“ in die expe­ri­men­tel­le (Prosa-)Literatur des 20. Jahr­hun­derts und das Lebens­werk Bal­estri­nis durch Peter O. Chot­je­witz – fast mehr Para- als ‑Text also …

Nan­ni Bal­est­ri­ni: Tris­t­ano No. 6665 von 109027350432000 Roma­nen. Ein mul­ti­pler Roman in Ein­zel­aus­ga­ben. Frank­furt am Main: Suhr­kamp 2009. 120+XXXII Sei­ten. ISBN 978−3−518−12579−3.

Show 1 footnote

  1. „Es wird drin­gend emp­foh­len das Buch bis zum Ende zu lesen. Je wei­ter man kommt des­to packen­der wird es.“, heißt es z.B. ein­mal. Oder: „Es ist nicht nur ver­bo­ten den nor­ma­len Gebrauchs­wert der Sät­ze und ihre Eig­nung zur Kom­mu­ni­ka­ti­on zu hin­ter­fra­gen sie erfah­ren zur glei­chen Zeit auch eine zen­tri­pe­ta­le und zen­tri­fu­ga­le Beschleu­ni­gung.“

Literatur ist Simulation von Literatur

Lite­ra­tur ist Simu­la­ti­on von Literatur.
Alles ande­re ist Simu­la­ti­on von Unsinn.

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