Lesen. Hören. Und ein bisschen schreiben.

Kategorie: literatur Seite 22 von 38

Selbstkontrolle

„Um wei­ter zu funk­tio­nie­ren, ist all­zeit ein hohes Maß an Selbst­kon­trol­le gefragt, man soll­te immer wis­sen, wo man ist, wer man ist und warum.“ 

— Enno Stahl, Die Idio­ten, 6

Buchregal

Eine inter­es­san­te Metho­de, die xkcd hier vorschlägt: 
Aller­dings doch etwas aufwändig …

Mai

May­kä­fer, flieg!
Der Vater ist im Krieg.
Die Mut­ter ist im Pommerland.
Und Pom­mer­land ist abgebrandt.

Volcks-Sagen, 1800

oder auch so:

Mai­kä­fer flieg’!
Der Hecker zieht in Krieg.
Der Struve zieht in’s Oberland
Und macht die Repu­blik bekannt.

Hecker-Lied, 1841

… der ursprüngliche Hipster

„Franz Kaf­ka, ein gro­ßer, wenn nicht sogar der ursprüng­li­che Hips­ter“ (Chris­to­pher Gla­zek, South Side Story)

Real-Satire?

Heu­te im Zug habe ich mit gro­ßem Ver­gnü­gen Nor­bert Hop­pes „Ich war Gut­ten­bergs Ghost“ gele­sen. Die Mit­rei­sen­den haben immer mal wie­der selt­sam geschaut, wenn ich aus hei­te­rem Him­mel laut auf­ge­lacht habe. Aber man­che Stel­len sind ein­fach zu witzig …

Dann sag­te der alte Mann [d.i. Kara­sek] wie­der: „Krull“ – und ging weg, den Hauss­mann holen, den Regis­seur, „Son­nen­al­lee“, Sie wis­sen Bescheid? Und der fand auch sofort: Felix Krull! Thea­ter­rol­le in Bochum … Ein Mann in Bom­ber­ja­cke, den sie Eichin­ger nann­ten, sag­te „Quatsch“ Lie­ber Film draus machen“, und hat­te schon den Bier­de­ckel für den Ver­trag vor­be­rei­tet … Boris Becker frag­te, ob er mal vor­bei­dür­fe zur Toi­let­te, und hat­te noch nicht ein­mal eine dun­kel­häu­ti­ge Frau dabei, jeden­falls auf dem Hin­weg. Und am Ende schau­te sogar Tho­mas Gott­schalk noch kurz her­ein (64)

Natür­lich ist das von vor­ne bis hin­ten erlo­gen, selbst der Autor­na­me ist ein Pseud­onym. Aber es ist ein­fach rich­tig gut gemacht, wie Hop­pe hier als angeb­li­cher Schul­freund und Adju­tant von „KT“ des­sen Cha­rak­ter, sei­ne Ent­wick­lung, den Auf­stieg und den plötz­li­chen Sturz schreibt – mit ihm als wesent­li­chen Draht­zie­her, ja sogar als Schöp­fer des „Poli­ti­kers“ Gut­ten­berg. Und als Ghost­wri­ter der „Gut­ten­berg­schen“ Dis­ser­ta­ti­on – als Betrü­ger, der von Gut­ten­berg betro­gen wur­de, weil die­ser ihn über die Her­kunft der Text­frag­men­te auf den angeb­li­chen 60 Dis­ket­ten täusch­te, so dass der Ghost­wri­ter gar nichts dafür konn­te, dass er zum Pla­gia­tor wur­de. Tra­gisch, so etwas …

Ich glau­be heu­te, die­ses Tech­no-Zeug war für ihn auch irgend­wie Wag­ner, nur mit ande­ren Mit­teln, aber wenn man genau hin­hört, ist es doch über­ra­schend ähn­lich im tie­fen Gedröh­ne. im hys­te­ri­schen Gefie­pe und in der gesam­ten Ufer­lo­sig­keit, ja, ich glau­be, er mein­te Wag­ner, wenn er Tech­no hör­te, das Tota­le, das All­um­fas­sen­de, das Gesamt­kunst­werk­haf­te hat­te es ihm eben ange­tan […]. (102f.)

Das gan­ze ist wun­der­bar mit vie­len klei­nen, tref­fen­den Sei­ten­hie­ben auf die Poli­tik der Bun­des­re­pu­blik und ihre Akteu­re, auf die deut­sche Gesell­schaft und die Medi­en, das Kul­tur­le­ben (nicht nur Hele­ne Hege­mann, auch Ingo Schul­ze kommt vor …) gespickt. Und es sti­lis­tisch gekonnt durch­ge­hend als simu­lier­te Beich­te bzw. „Jetzt sage ich euch mal die Wahrheit“-Rede geschrie­ben – so gut, dass man ein­fach eine Men­ge Spaß damit hat. Und an nicht weni­gen Stel­len wirkt die Sati­re dann doch wie­der so rea­lis­tisch, dass man fast Angst bekommt – Angst um ein Land und eine Gesell­schaft, in der so eine „Kar­rie­re“ und so vie­le Fehl­zu­schrei­bun­gen samt den Heils­er­war­tun­gen mög­lich sind.

Aber bei ARD und ZDF hieß es: Unse­re Zuschau­er mögen kei­ne Kin­der, die sind immer so laut und so frech und schie­ßen mit dem Fuß­ball Fens­ter­schei­ben kaputt, wenn man Mit­tags­schlaf hal­ten will. Sat.1 woll­te nur mit­ma­chen, wenn ein Pro­fi­ler aus den Lei­chen der Opfer auf den Täter schließt. Und das rich­ti­ge RTL bestand dar­auf, dass erst einbmal die Super­nan­ny mit allen Betei­lig­ten redet. Aber ich hat­te Ste­pha­nie ver­spro­chen, ihr Kon­zept unver­fälscht und ohne Wenn und Aber durch­zu­bo­xen. Da blie­ben am Ende nur der Home­shop­ping­ka­nal und RTL2. Na ja, und dann doch wohl lie­ber RTL2, nicht wahr? (142f.)

Das Kon­zept für die unsäg­li­che Sen­dung der Frau Gut­ten­berg hat­te natür­lich auch Hop­pe en pasant mal ent­wi­ckelt. Am Ende übri­gens, auch eine schö­ne Poin­te, fin­det Hop­pe doch wie­der einen neu­en Arbeitsplatz:

Ich habe inzwi­schen wie­der einen Job, wie­der als Reden­schrei­ber und als Stich­wort­ge­ber, auch lei­der wie­der in Ber­lin, aber dafür dies­mal wenigs­tens hübsch im Grünen.
Das Schloss Bel­le­vue ist Ihnen ein Begriff?
Die Wulffs – irre net­te Leu­te, sag ich Ihnen. (Und die Haa­re von ihr! Die Haa­re!! Aber das ist ein ande­res Thema.)

Nor­bert Hop­pe: Ich war Gut­ten­bergs Ghost. Eine Sati­re. Köln: Kie­pen­heu­er & Witsch. 156 Sei­ten. ISBN 978−3−452−04435−5.

Glück

„War­um war sie glück­lich. War sie glück­lich. Oder war sie zufrie­den. Es gab kei­nen Grund für bei­des. Die Welt war schreck­lich. Die Zukunft war schreck­lich. Es war nichts zu erwarten.“

— Mar­le­ne Stre­eru­witz, Die Schmerz­ma­che­rin, 299

Hitlerjugend

Zeit

„Ich bin gedul­dig, war­te nicht, die Zeit
kann kei­ner Ankunft als Begrün­dung dienen.“
(Chris­ti­an Leh­nert, Auf­kom­men­der Atem, 29)

Sprache

„Die Rache
der Sprache
ist das Gedicht“
(Ernst Jandl)

Kakanien als Gesellschaftskonstruktion

Über den Adress­comp­toir erfuhr ich gera­de, dass der Böhlau-Ver­lag die volu­mi­nö­se Habi­li­ta­ti­ons­schrift aus dem Ber­li­ner Son­der­for­schungs­be­reich „Ästhe­ti­sche Erfah­rung im Zei­chen der Ent­gren­zung der Küns­te“ von Nor­bert Chris­ti­an Wolf mit dem Titel auch als open-access-pdf (der link führt zum direk­ten Down­load) zur Ver­fü­gung stellt (bzw. wohl stel­len muss, auf­grund von erhal­te­nen För­der­gel­dern). Der Ver­lag schreibt zu dem Buch:

Das Buch ist eine Gesamt­in­ter­pre­ta­ti­on von Musils Roman „Der Mann ohne Eigen­schaf­ten“ mit dem Fokus auf des­sen gesell­schafts­ana­ly­ti­sche Leis­tung. Es stützt sich auf Pierre Bour­dieus Kon­zept einer Sozio­ana­ly­se lite­ra­ri­scher Tex­te, das durch Anlei­hen aus der Diskurs‑, Erzähl‑, Gen­der- und Medi­en­theo­rie ergänzt sowie durch Befun­de der Sozi­al- und Kul­tur­ge­schichts­schrei­bung empi­risch gesät­tigt wird.
Der feld­so­zio­lo­gi­sche Ansatz wird erst­mals kon­se­quent auf einen deutsch­spra­chi­gen Roman ange­wen­det. Eine Beson­der­heit besteht in der kul­tur­ge­schicht­li­chen Kon­tex­tua­li­sie­rung genau­er Text­ana­ly­sen, die sich nicht nur auf Musils Essays und Nach­lass, son­dern auch auf die zeit­ge­nös­si­sche Lite­ra­tur, Wis­sen­schaft und Poli­tik erstreckt. „Der Mann ohne Eigen­schaf­ten“ wird als moder­ner Klas­si­ker les­bar, der die Wur­zeln der Kata­stro­phen­ge­schich­te des 20. Jahr­hun­derts offen legt.

Das Inhalts­ver­zeich­nis – mehr habe ich noch nicht gele­sen … – sieht auf jeden Fall inter­es­sant aus, gera­de in der Ver­bin­dung von theo­re­ti­schem Kon­zept, kul­tur­ge­schicht­li­cher Ein­bet­tung und detail­lie­ter Text­un­ter­su­chung. Aber ob ich in der nächs­ten Zeit dazu kom­men, mal so 1222 Sei­ten am Bild­schirm zu lesen?

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