„Das Baritonsaxophon erinnert natürlich immer auch an ein Nebelhorn“ (Thomas Meinecke, Lookalikes, 213)
Autor: Matthias Seite 140 von 208
Leser mit allerlei Ansprüchen und ausdauernder Läufer. Je nach Tagesform auch mal ausdauernder Leser und Läufer mit allerlei Ansprüchen.
Nach New York geht es durch den Hintereingang. Pfeile weisen den Weg: Die Hauptpforte des Nieder-Olmer Rathauses ist am Sonntag Nachmittag eben nicht besetzt. Gefunden hat es offenbar jeder – der Ratssaal war längst voll, als IrmgardHaub ihren musikalischen Spaziergang durch New York begann. Und sie war gleich mittendrin, im Herzen der Stadt, die niemals schläft: „What a wonderful town“, der große, starke Auftakt von Leonard Bernstein zeigte gleich, wo der akustische Städtetrip hinführen sollte: ins Vergnügen. So führte Duke Ellingtons „A‑Train“ direkt nicht nur nach Harlem, sondern von dort aus weiter in die Vielfalt New Yorks. Und deshalb wechseln sich sehnlichen Romantik und wilde Ausgelassenheit munter ab.
Aber immer wieder gilt es dem Sehnsuchtsort New York. Durchaus mit einer gewissen Nostalgie – nicht ohne Grund singt Haub meistens Songs vergangener Zeiten, aus den Vorkriegsjahren zum Beispiel. Dieses New York ist eine spannende und schöne Stadt, ohne Kriminialität, Terror oder Finanzspekulanten. Dafür aber mit viel Amüsements – im Savoy oder im Ritzy genauso wie in Harlem oder in der Bronx. Denn alles ist dabei: Bronx, Brooklyn, Manhattan, Harlem, überall flanieren Haub mit ihrem Begleiter nicht nur als Beobchter, sondern als teilnehmende Beobachter, die die Stimmung und den Puls dieser Orte in sich aufnehmen und durch die Musik vermitteln. Central Park, Broadway, Brooklin Bridge sind nur ein paar der markanten Orte, die an- und besungen wurden.
Dabei war Haub nicht wählerisch, in welcher Form das geschieht: Eine bunte Mixtur hat die Sängerin sich zusammengestellt, vermischt Swing und Schlager, wechselt zwischen Musical und Pop. Und immer dabei: Johannes Reinig, ihr Mann am Klavier – der sogar noch ein Ersatzinstrument in der Ecke des Ratssaale bereitstehen hat. Das wird aber nicht benötigt, Reinig spielt viel zu kultiviert, um einen Flügel zerstören zu können: Meist lässig und locker-flockig, bei Bedarf aber auch mal knackig zulangend – vor allem aber sehr stilsicher. Haub bevorzugt singend die größeren Gesten, nicht immer unbedingt stimmlich perfekt, aber mit viel Charme und Vergnügen. Und es macht unbedingt Spaß, Musikern zuzuhören, die sicht- und hörbar Freude an dem haben, was sie gerade machen. Gerne nehmen sie auch jeden mit – sogar die, die New York noch nicht aus eigener Anschauung kennen. Das wird spätens im großen Finale klar, wenn das Duo Udo Jürgens „ich war noch niemals in New York“ elegant mit Sinatras Klassiker, schließlich so etwas wie der inoffizielen Stadthymne, kombinieren. Da gibt’s keien Ausrede mehr: Zumindest musikalisch war nun jeder schon mal in New York.
(geschrieben für die Mainzer Rhein-Zeitung.)
Jetzt auch noch die „Zeit“ (nach der FAZ). Wieder werden falsche Gegensätze aufgebaut, falsche Positionen behauptet – kurz: PR wird unhinterfragt übernommen. Ist das wirklich nötig?
Christoph Schröder schreibt unter dem unsinnigen Titel „Die Debatte, die keiner versteht“ (natürlich wird die verstanden!) zum Beispiel:
Eine neue Generation von Verbrauchern betrachtet den freien weltweiten Zugang zu Daten als Selbstverständlichkeit und jede Einschränkung als unzulässigen Eingriff in die Informationsfreiheit. Dem gegenüber steht ein Verleger vom alten Schlag wie Börsenvereins-Vorsteher Gottfried Honnefelder, der unermüdlich für die Urheberrechte von Autoren eintritt. Hinter den konträren Positionen von Open-Access-Befürwortern und Schutzrechtbewahrern stehen unvereinbare Weltbilder und inkompatible Begriffe von Kultur.
Da stecken eine Menge Probleme dahinter. Die „neue Generation von Verbrauchern“ (was ja auch wieder Unsinn ist, das Lesen eines Buches ist doch kein „Verbrauch“, das Buch ist doch danach immer noch da!) will also, so Schröder offensichtlich, immer und überall alle Daten umsonst haben. Sicher mag es solche Positionen geben, aber das ist erstens nicht der Punkt und zweitens wohl nur eine Minderheit. Worum es geht ist ein vernünftiger, angemessen bepreister Zugang zu Daten. Und dazu gehört, das ist doch im Moment das Hauptproblem, dass zum Beispiel Kunstwerke nicht so enorm lange monopolisiert vermarktet werden dürfen, sondern früher als momentan gemeinfrei werden sollten.
Dann kommt wieder der schöne Gegensatz: Bisher – die Verbraucher – ging es um „Daten“, also irgendetwas einfaches, minderwertiges. Jetzt kommt, als Gegenposition, der „Verleger vom alten Schlag“. Das impliziert natürlich, dass es Honnefelder nicht primär um Gewinne geht, sondern darum, die Kunst, die Literatur zu verbreiten, zugänglich zu machen (warum er sich dann im Gegensatz zu den angeblichen Jüngern des freien Zugangs positionieren muss – das ist ein Paradox dieser hier implizit aufgeauten Gegensätze, das schon darauf hinweist, dass diese Schilderung nicht der Realität enspricht). Nun aber kommt der größte Witz, der eigentlich eine Unverschämtheit ist: Honnefelder setze sich als Vorsitzender des Börsenvereins „unermüdlich“ für das „Urheberrecht der Autoren“ ein. Das ist ja wohl bloße Verhöhnung! Erstens geht es ja gar nicht um das Urhberrecht der Autoren, das möchte (außer extremen Vertretern) kaum jemand ihnen abstreiten oder „abnehmen“. Es geht doch vor allem darum, was dem ganzen folgt: Die Monopolisierung der Vermarktung des Urheberrechts durch Verlage durch überlange Schutzfristen. Dafür setzt Honnefelder sich ein, deswegen lügt er sich Positionen etwa der Piratenpartei zurecht.
Nun der nächste Schlag: Schröder vermischt das jetzt auch noch mit der Open-Access-Bewegung – einer Bewegung, die vorwiegend aus dem Bereich wissenschaftlicher Veröffentlichungen kommt und dort sehr, sehr viel Sinn hat. Die werden jetzt gleich auch noch zu den Gegnern der Schutzfristen gemacht (was so auch wieder überhaupt nicht stimmt!). Und dann noch die absolute Keule: „unvereinbare Weltbilder“ und „inkompatible Begriffe von Kultur“. Damit ist dann ja eigentlich die Diskussion für überflüssig, für unmöglich erklärt worden. Aber das stimmt auch wieder nicht: Die unterschiedlichen Begriffe für Kultur – was soll das denn bitte schön sein? Das erklärt Schröder wohlweislich nicht. Und warum sie inkompatibel sind, verschweigt er ebenfalls. Muss er ja, es gibt sie schließlich gar nicht.
Mit welchen unsauberen journalistischen Mitteln die „Zeit“ bzw. Schröder arbeitet, sieht man auch einige Absätze später. Dort heißt es:
Marina Weisband, die politische Geschäftsführerin der Piratenpartei, macht hingegen auch auf der Messe noch einmal deutlich: „Der Kopierschutz muss weg.“ Den Namen Gottfried Honnefelder kennt sie übrigens gar nicht.
Die Intention ist klar: Die Piraten (hier noch ) sind Kulturbanausen, die nicht einmal so wichtige, ganz unbedingt notwendig zu kennende Persönlichkeiten wie den Herren Honnefelder kennen. Das ist natürlich gemeiner Schwachsinn – und sagt über inhaltliche Auseinandersetzungen überhaupt nichts aus. Ich würde außerdem wetten, dass Honnefelder den Namen Marina Weisband ebenfalls „übrigens gar nicht“ kennt. Doch was sagt uns das? Die Zeit macht Kampagnenjournalismus, lässt sich von der PR des Börsenvereins vereinnahmen. Und betrügt ihre Leser.
Man könnte manchmal meinen, Skandinavien wäre musikalischer und singfreudiger als der Rest Europas. Ich bin mir eigentlich ziemlich sicher, dass das nicht stimmt – auf dem CD- und Konzertmarkt bekommt man aber schnell den Eindruck. Auch bei a‑cappella-Gruppen und Pop-/Jazzchören – mit Rajaton, The Real Group, Vocal Line und eben Vocado sind ein paar dominante Vertreter im Spiel. Zu Recht natürlich, das sind alles wunderbare Musiker.
Das gilt auch für die CD „Northern Lights“ von Vocado, der ersten Aufnahme des noch vergleichsweise jungen Ensembles. Sofort ins Ohr fällt beim Start der breite, füllige Sound, durchaus mit kräftiger Nachhilfe der Studiotechnik, aber noch natürlich genug. Und schnell fällt dan noch mehr auf. Die schönen, harmonischen, einfach wohltuenden Arrangements: Hier gibt es kein kein Auffallen um jeden Preis, keine Suche nach dem Außergewöhnlichen um seiner selbst willen, sondern einfach (!) schönen Sound, Wohlklang – der sich je nach Werk durchaus ändert . Mit viel Schwung eigentlich immer, sehr lebendige, atmende, pulsierende Leben. Und doch, das ist das Gelingende, oft mit ganz, ganz viel Ruhe und Gelassenheit – ohne die Spannung zu verlieren. Darin unterscheiden sich gute von mittelmäßigen Ensembles.
Wirklich gefallen haben mir die Klassikerauffrischungen wie das wunderbare entspannte (aber nie schläfrige!) „Lullaby of Birdland“ zum Beispiel. Und das großartig bis großkotzerisch theatralische „My Funny Valentine“ (im direkten Anschluss und direktem Kontrast), mit herrlichen klanglichen Finessen in einem glasklaren Arrangement. Nicht nur hier glaubt man kaum, dass das nur sechs Sängerinnen & Sänger sein sollen – gut, die Studiotechnik hilft ein bisschen nach. Aber trotzdem:erstaunlich rund, der Klang.
In dieser Tradition kann man sie wahrscheinlich stellen: Songs aus der Mitte. Die erzählen gerne kleine, nie besonders auffällige oder extravagante Geschichten, meist in leicht romantisch-sehnsüchtig-melancholischer Weise, ohne ganz im Schlamm des Gefühls zu versinken. So Stücke wie „Innan isen lägger sig“, eine Landschaftsidylle, sind wirklich sehr verführerisch. Und sie geben dem fülligen voluminösen Bass auch mal Gelegenheit, in den Vordergrund zu treten – kein Wunder, er hat es sich ja in die Stimme geschrieben …
Im Ganzen ist neben der technischen Perfektion (die auch durchaus überdurchschnittlich ist) auf jeden Fall beeindruckend: Die Vielfalt dieser CD. Sicher, die klangliche Varietät ist vielleicht nicht ganz mit der Rajatons zu vergleichen (aber das gilt für fast alle A‑cappella-Gruppen dieser Welt …), aber für sich gesehen ist das durchaus ausreichend. Und einfach entzückend: So etwas wie die Abschiedshymne „Empty Hearts“ wärmt das Herz.
Vocado: Northern Lights. 2011.
Wer erzählt denn hier überhaupt?? (107)
Warum zieht Island eigentlich die Spinner an? Zumindest die gutmütigen? Wolfgang Müller ist ja schon eine Weile auf diese Spezialitäten wie Feen, Elfe und Kobolde – alles isländische Bestände – abonniert. Jetzt offenbar auch Albrecht E. Mangler. Mit „VERASCHUNG“ (die Versalien sind Absicht), das über Tubuk Deluxe (inklusive originaler Island-Asche!) den Weg auf meinen Lesetisch fand, ist jedenfalls ausreichend verrückt, um Mangler zu einem Ehren-Isländer zu machen.
Schon die ganze Aufmachung, das ewige drunter & drüber, die zusätzlich eingeschobene Erzählerfiktion, das Casting für Figuren der Erzählung, … machen den Leser schwindlig. „Veraschung“ ist nämlich vieles, aber eines bestimmt nicht: diszipliniert. Stattdessen ist das Büchlein, „der Island-Roman“, ausschweifend, undisziplinert, unbändig, wild, wirr (im besten, nämlich unterhaltenden Sinne das alles …) – und vor allem komisch. Mit allem, was das Erzählerherz und ‑hirn hergibt, wird gespielt: Mit Fußnoten, mit Ergänzungen, Verweisen, Pseudo-Interaktivität (inklusive Blog, Facebook-Account – und mit „Warteseiten“ im Buch, um die Zeit bis zur Auszählung zu überbrücken …) – das ist fast ein gedruckter Hypertext. Allerdings nur als Show, sozusagen, nur aufgesetzt, um möglichst viel Farbe und Verwirrung in den Lesefluss und den mehr oder weniger geneigten Leser zu bekommen … Dazu noch – nicht zu vergessen (und auch nicht zu übersehen) – die Selbstreferenzialität auf verschiedenen Ebenen des Textes – eine furios Mischung, fast ein Lehrbuch der Narrativität.
Mangler zieht nämlich so ziemlich alle Register des (auch mal notorisch unzuverlässigen) Erzählens, unzählige Erzählerfiktionen, Fußnoten, Stimmenwechsel, der „Gastbeitrag“ von Jökull Eldfellsson, der das ganze noch einmal unterbricht, aber auch die Mittel der Multimedialität (nicht nur Zeichnungen und Bildverweise, auch noch eine isländische Hobbyfotostrecke in der Mitte, stilecht auf Hochglanzpapier) und der Hyperfiktion, Spiel mit den Gattungen … so könnte man jetzt noch eine ganze Weile weiter aufzählen, was er sich so alles einfallen lässt bzw. was er von anderen übernimmt. Zum Glück für „Veraschung“ ist das mit 127 Seiten gerade noch so im Rahmen, das der unaufhörliche Strom an erzählerischen Gimmicks noch auszuhalten ist – viel länger hätte ich das wohl nicht ertragen. Ach ja, so etwas wie eine „Fabel“, einen erzählerischen Kern, gibt es auch noch. Der ist aber fast banal, den brauche ich hier nicht zu referieren – ein bisschen muss dem Leser auch selbst überlassen bleiben. Schießlich ist das Entziffern und Entwirren desr Erzählknäuls ein wesenticher Teil des Spaßes – und das ist schon ein rundum amüsantes Spiel.
Wer erzählt denn hier überhaupt?? (107)
Albrecht E. Mangler: VERASCHUNG. Der Island-Roman erzählt von Vigo LaFlamme. Mit einem Gastbeitrag von Jökull Eldfellsson. Wien: Milena 2011. 127 Seiten. ISBN 978−3−85286−210−1.
Es ist Buchmesse. Also muss man auch mal wieder etwas über E‑Books schreiben. Auch wenn man nicht so richtig weiß, was es zu schreiben gibt. Und man – als Journalist! – auch sonst nicht so recht weiß, wie man damit umgehen soll. Dann kommen solche Blüten heraus wie heute in der FAZ, wo Georg Giersberg sich unter dem Titel „Elektronisches Buch: Zahlen aus Amerika schocken die Buchbranche“ damit herumschlägt.
Schauen wir uns das mal an: Zunächst der „Schock“, den die Titelzeile verspricht. Finden lässt er sich nicht: Im Text ist dann nur noch von „aufhorchen“ die Rede (auch nur anonym) – und das ist dann doch ein gewisser Unterschied: In den USA sind also die Taschenbuchverkäufe eingebrochen, die E‑Book-Verkäufe dagegen rasant gestiegen. Nun ja, bis es so weit kommt, wird es in Deutschland wohl noch etwas dauern, da wird ja kräftig dagegen gemauert. Und auch Amazon hat nicht den gleichen Einfluss wie in Amerika auf die Distribution von Inhalten.
Dann wird es spannend: Giersberg sieht das erscheinende Weltbild-Lesegerät als Durchbruch für E‑Books? Das scheint mir (und nicht nur mir) nun dochnoch sehr fraglich, weil das ein Gerät ohne E‑Ink-Display ist – und damit kaum brauchbar … (Es ist ja auch schon Weltbilds zweiter Versuch, der – damals ebenfalls konkurrenzlos billige – Reader vom letzten Jahr wurde so ziemlich mit den gleichen Zielen und Aufgaben angepriesen und konnte dem Hype auch nicht gerecht werden).
Die Geräte sind preiswerter (bei Weltbild 60 Euro), haben Farbdisplays und liegen ergonomisch bequem in der Hand.
Nun ja. Farbdisplays sind kaum lesetauglich, allein schon wegen der kurzen Akkuleistung (Weltbild selbst gibt gerade mal „bis zu acht Stunden“ an – falls das stimmt -, darüber kann jeder Kindle-Besitzer nur lachen …) und der unangenehmen LCD-Bildschirme.
Aber der ganze Text ist einfach schwach und ein echtes Negativbeispiel des „Qualitätsjournalismus“: Giersberg scheint etwa nur mit Gottfried Honnefelder gesprochen zu haben. Der ist Vorsitzender des Börsenvereins und damit natürlich alles andere als neutral – warum sollte er auch? Dann taucht allerdings noch ein zweiter „Experte“ auf – zumindest scheint es so: „Boos“ – wer das ist (ist das überhaupt eine Person?), warum er zitiert wird – keine Erwähnung. Ganz klar, journalistischer Fehler …
Weiter im Text:
Gottfried Honnefelder, Vorsitzender des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, geht davon aus, dass er in fünf Jahren bei knapp 10 Prozent liegen wird. Das wäre ein großes Wachstum in einem Gesamtmarkt, der im bisherigen Jahresverlauf noch im Minus (2 bis 3 Prozent) liegt.
Das kapiere ich jetzt auch nicht: Weil der Gesamtmarkt schrumpft (also weniger Bücher verkauft werden), ist das prognostizierte Wachstum für die nächsten fünf Jahre (was ja reine Augenwischerei ist, die Zahlen aus den USA hat vor fünf Jahren niemand geahnt, weil keiner weiß, welche Geräte und Inhalteanbieter sich in diesem Zeitraum wirklich durchsetzen bzw. was noch neu kommt …) besonders hoch? Das ist doch Blödsinn: Wenn der Gesamtmarkt schrumpft, brauche ich weniger absolute Verkäufe, um auf 10% Anteil zu kommen!
Dann aber kommt der Kernabsatz:
60 Prozent aller in Deutschland aus dem Netz heruntergeladenen Bücher seien illegal heruntergeladen worden. „Die illegale Entwicklung im Netz ist weiter als die legale“, beklagt Honnefelder.
60 Prozent? Woher kommt diese Zahl? Wie misst man den illegale Downloads? Über die zweite Aussage brauchen wir kaum streiten, die legalen E‑Book-Läden sind wirklich ziemlich grausig.
Dass dies ein internationales Problem ist, belegt Boos mit den Worten, in einigen Ländern übersteige die Zahl der elektronischen Lesegeräte (E‑Reader) die der legal heruntergeladenen elektronischen Bücher um das 100fache.
Da ist er wieder, der mysteriöse „Boos“. Was er „belegt“, ist mir aber unklar. Um welche Länder geht es? Das wäre doch spannend: Die Zahl der Geräte ist um das 100fache (!) größer als die der legalen Downloads. Gut, man muss E‑Reader ja nicht nur für elektronische Bücher verwenden, man kann ja z.B. auch pdf-Dateien betrachten. Ich vermute aber fast, dass hier einfach die Tablet-PCs als E‑Reader gezählt wurden, anders kann ich mir diese Rechnung überhaupt nicht erklären. Und das wäre natürlich wiederum ausgesprochener Blödsinn. Aber nichts davon erklärt der Text, der Journalist hat das einfach so hingenommen und lässt es auch einfach so stehen …
Dann kommt natürlich noch der Evergreen:
Honnefelder forderte auf der Messe die Politik auf, die Internetanbieter zu verpflichten, Warnhinweise anzubringen, die den Nutzern sagen, was legal und was illegal ist. In Umfragen hätten 81 Prozent derjenigen, die illegal Inhalte herunterladen, die Meinung vertreten, dass Warnhinweise das illegale sogenannte Filesharing eindämmen würden.
Mal abgesehen davon, dass wieder ungenannte Umfragen mit undurchschaubaren Zahlen angeführt werden (so eine Umfrage kann ich auch schnell produzieren …), haben wir hier natürlich wieder den Wunsch nach Totalüberwachung, die auch noch die Provider übernehmen sollen. Inzwischen sollte doch eigentlich jedem klar sein, dass das erstens technisch ziemlich komplex wird, zweitens nicht durchsetzbar ist und drittens gegen so einige Grundrechte verstößt. Man muss ja schon fast dankbar sein, dass er kein Strike-Modell fordert ;-)
Aber davon lassen weder Journalist noch Befragte sich weiter stören. Auch im nächsten Argument nicht. Da heißt es:
Bisher sei er rein linear organisiert gewesen: Der Autor schreibt ein Buch, der Verleger verlegt es, der Händler verkauft die Rechte, der Leser liest, dann interessierte sich ein Filmemacher dafür.
Da sieht man natürlich so nebenbei sehr schön, wie sich der geheimnisvolle „Boos“ die Welt schöndenkt: „der Händler verkauft die Rechte“. Das tut er – bisher – eben nicht: Er verkauft das Buch, als materiellen Gegenstand. Bei E‑Books ist das freilich zumindest teilweise anders, da wird oft nur ein Nutzungsrecht erworben – und gerade das ist einer der Gründe, warum so viele illegal herunterladen: Weil sie nicht nur Nutzungsrechte erwerben wollen (momentan in der Regel noch dazu für unverhältnismäßig viel Geld), sondern ein mit gedruckten Texten vergleichbares Eigentum, dass man z.B. verleihen oder verschenken kann …
Irgendwie ist da im Qualitätsmanagement der FAZ etwas schiefgegangen. Schließlich wird der Autor als Wirtschaftsredakteur vorgestellt – einem Volontär hätte man so einen Artikel wohl nicht durchgehen lassen.
Nachtrag: Beim Gedankenstrich gibt es zumindest so etwas ähnliches wie Zahlen (auch nur Schätzungen).
- unterglückt (Sascha Lobo, Die Mensch-Maschine, 6.7.2011)
- getruecryptet (in einer E‑Mail)
- fräulein rottenmeier-haltung (wirres.net, 13.7.2011)
- Hegels Weltgeister (in einer Prüfung …)
- kritikbar (in einer Prüfung …)
- Flegelfeuer der Eitelkeiten (Sascha Lobo, Die Mensch-Maschine, 24.8.2011)
Ein Flügel mitten im Roxy, zwischen den Sofas unter Lüstern – das verwandelt den Club fast in einen großbürgerlichen Salon des 19. Jahrhunderts. Nicht nur der Raum verweist auf diese längst untergegangene Form der gesellig-kulturellen Unterhaltung. Auch die Musik, die der Pianist Kai Schumacher sich ausgesucht hat, passt in diese Tradition: Vorwiegend kleinere, charakteristische Stücke hat er aufs Programm gesetzt – keine schwerverdauliche klassische Kost, sondern charmante Musik, die auch Nicht-Experten goutieren können.
Auch das Publikum verhält sich automatisch viel lockerer als im „normalen“ Konzert: Zwanglos im Club verteilt, wo sich gerade ein Plätzchen zum Sitzen findet. Viel geplaudert wird auch in diesem postmodernen Salon. Und dann doch ganz aufmerksam gelauscht. Denn das Ziel des Vereins der „Freunde Junger Musiker“, die das Klavierkonzert im Roxy organisierten, war nicht, den Salon wieder zu beleben. Sondern ein neues, jüngeres Publikum für die Klaviermusik zu erschließen und begeistern. Halbwegs könnte das funktioniert haben, immerhin waren – neben dem üblichen Konzertpublikum – auch eine Menge junge Leute gekommen. Ob das dauerhaft wirkt, wird man sehen müssen. Auf jeden Fall ist so ein deutlich verjüngtes Publikum offensichtlich wesentlich begeisterungsfähiger, so offensive Beifallsbekundungen sind sonst eher selten.
Nicht ganz zu unrecht allerdings haben sie im Roxy ihren Platz. Kai Schumacher hat nicht nur ein hervorragendes Programm entwickelt, sondern ist auch als Musiker so vielseitig, dass er beispielsweise problemlos zwischen George Gershwin und Felix Mendelssohn Bartholdy hin und her wechseln kann: Er begann mit einer kleinen Auswahl der Mendelssohnschen „Lieder ohne Worte“, durchsetzt mit Songs und Preludes von Gershwin. Und streute in diese farbig gespielte Mischung dann auch noch ein paar pianistisch-virtuose Bearbeitungen von Rocksongs ein, die seiner Virtuosität viel Raum lassen. Und sein Faible für Rock blitzt immer wieder auf – bis zuletzt: Als Zugaben spielt er Songs von den Foo Fighters und von Slayer. Auch wenn man das fast gesagt bekommen muss: Das ist ganz stark der Tradition der virtuosen Klavierbearbeitung des 19. Jahrhunderts verpflichtet, so dass die Schumacherschen Adaptionen sich nahtlos ins klassische Rpertoire einfügen. Auch wenn er sehr kraftvoll donnern kann, selbst mit dem kleinen Flügel im Roxy. Und damit ist er auch schon wieder direkt bei Franz Liszt, der auch mehrmals im Programm auftaucht – es hängt eben alles zusammen.
Aber auch andere Pfade in die Gegenwart steuert Schumacher an. Zum Beispiel mit einer Minimal-Music-Section, die – wieder einmal – bei Liszt anfängt, den eher unbekannten meditativ-repetitiven „Nuages gris“, und über Erik Satie bis zu Philipp Glass führt, den Schumacher mit einer sehr lebendig-sprühenden Interpretation des „Mad Rush“ vorstellt. Nicht nur hier, immer wieder merkt man: Nicht allein das Roxy hat seinen Spaß, auch Kai Schumacher freut sich von Herzen an seiner Musik. Und das ist immer ein gutes Zeichen.
(geschrieben für die Mainzer Rhein-Zeitung.)
Jubiläen sind wohl nirgends so wichtig wie in der Musikbranche. Zu jedem halbwegs runden Todes- und Geburtstag werden die Programme geändert, jeder meint, unbedingt etwas passendes aufzuführen (natürlich aber nur, wenn es um „große“ Komponisten geht). In die Kategorie „Jubiläumshype“ passt auf den ersten Blick auch „The Liszt Project“, wie die Doppel-CD, die Pierre-Laurent Aimard – immerhin einer meiner allzeit-Lieblingspianisten – im Frühjahr für die Deutsche Grammophon aufgenommen hat.1 Aber diese zwei CDs erheben sich aus der Masse der Pflicht-Erinnungen. Aus einem Grund: Pierre-Laurent Aimard. Der hat nämlich (natürlich) nicht einfach ein paar bekannte Liszt-Werke zusammengesucht und aufgenommen. Nein, er macht etwas anderes – etwas besseres: Er konfrontiert einige, wenige ausgewählte Liszt-Kompositionen mit ganz viel anderer Musik: Mit Wagner (Klaviersonate As-Dur), mit Scriabin und Ravel, aber auch mit Bartók, Berg, Messiaen und dem 1959 geborenen Marco Stroppa. Und das hat ganz viel Sinn und Bedeutung – sonst würde er es ja nicht machen. Vor allem aber: Diese Konfrontation stellt Liszt in ganz verschiedene Traditionszusammenhänge, zeigt – auch unerwartete – Beziehungen. Und ergibt ein wunderbares Ganzes. Das Programm ist also – schon auf dem Papier – überzeugend. Aber das ist nicht alles.
Ich bin jedenfalls gerade total begeistert und fasziniert von dieser CD: Wahrscheinlich ist das in der Summe und im Detail eine der besten Klavier-CDs, die ich kenne (und besitze). Allein schon wegen der grandiosen Aufnahmetechnik, die dem Flügel eine unvergleichliche Präsenz verschafft,2 eine grandiose Detailauflösung (auch im räumlichen – jeder Ton hat seinen eigenen Platz!) hören lässt und einfach verblüffend realistisch klingt.
Vor allem ist die CD aber großartig, weil sie musikalisch begeistert. Und das liegt, wenn man es auf den Punkt bringen will, an der lebendigen Genauigkeit, mit der Pierre-Laurent Aimard arbeitet (spielen mag das kaum nennen). Gerade die Vernüpfung von ungeheuer detailverliebter Genauigkeit, die wirklich an jedem Ton bis zur Vervollkommnung arbeitet, mit der agogischen und phrasierenden Lebendigkeit ist Aimards Markenzeichen.3
Immer wieder fasziniert mich ja seine Fähigkeit, nicht nur die formale Gestaltung sowohl auf der Makro- als auch auf der Mikroebene vollkomen im Blick zu haben, sondern vor allem seine unmenschlich genaue klangliche Differenzierung (und ihre Disziplinierung), mit der er das Ton werden lässt.
Ein paar Highlights bisher: Unbedingt die vitale, fast strahlende Sonate op. 1 von Alban Berg, die trotz ihrer Konzentration ganz ungezwungen und natürlich wirkt.
Dann selbstverständlich die h‑moll-Sonate von Liszt selbst:4 Kein pianistisches Bravourstück, keine trockene Formübung und auch kein Kampf musikalischer Charaktere: Das ist ausgeglichen, aber nie blass; vermittelnd, aber alle Seiten und Aspekte genau vollziehen. Wahrscheinlich ist es gerade dieser Aspekt, möglichst vielseitig zu spielen, möglichst viele Facetten eines Werkes lebendig werden zu lassen, ohne einige oder wenige davon zu absolutieren, der mich hier und bei dem Rest der Aufnahme so anzieht. Das ist in der Praxis natürlich nie einfach, weil so eine umfassender Interpretationsversuch oft reichlich blass und langweilig wirkt und nur den Eindruck erweckt, der Interpretation wolle es um jeden Preis vermeiden, einen Standpunkt zu beziehen. Davon kann hier aber keine Rede sein.
Auch die/das (?) „Tangata manu“ von Marco Stroppa ist beeindruckend: Diese Musik passt fast nahtlos zwischen Liszts Vogelpredikt des Franz von Assisi aus den „Année de Pélèrinage, Band II und den Wasserspielen der Villa Este (aus Band III). Das ist auch eine Form, moderne und zeitgenössische Musik dem Hörer nahezubringen – ganz ohne großes didaktisches Klimbim, sondern eben einfach als Musik, die man als Weiterentwicklung klassischer/romantischer Modelle hören kann.5 Überhaupt ist der zweite Teil/die zweite CD fast ein einziger Klangrausch, durchweg auf höchstem Niveau. Auch Ravels „Jeux d’eau“ sind schlicht grandios.
Was mich (wieder einmal) aber ziemlich abschreckt, ist die Gstaltung der CD. Abgesehen davon, dass sie übersäht ist mit Aufmerksamkeitshaschern, mit mehrern Aufklebern beklebt, versteckt sie gerade die wichtigen Informationen – nämlich die Spielfolge – ziemlich gut. Dafür sind noch ein paar nichtssagende Sätze und überschwängliches Lob draufgedruckt worden … Immerhin, der Komponistenname ist ein bisschen größer als der Aimards – auch keine Selbstverständlichkeit, bei vielen CDs scheint der Interpret heute (zumindest typografisch) wichtiger zu sein als der Komponist. Dafür aber in einer reichlich seltsamen, eigentlich unapssenden Schrift …
Schade auch, dass die Deutsche Grammophon, die doch so stolz auf ihre Tradition ist, dem kein vernünftiges Beiheft mehr spendiert: Ein klitzekleines Interview mit dem Pianisten ist da drin – sonst nichts. Keinerlei mehr oder weniger analytischen Anmerkungen, keine (musik-)historischen Einordnungen, nichts. So kann man das Niveau auch immer wieder unterbieten …
Davon mal abgesehen (und das merkt man beim Hören ja glücklicherweise nicht): Eine CD zum glücklich Werden. Eindeutig.
The Liszt Project. Pierre-Laurent Aimard spielt Bartók, Berg, Messiaen, Ravel, Scriabin, Stroppa, Wagner und Liszt. Deutsche Grammophon 2011.
Die vielen Kisten und Instrumentenkoffer des Orchesters stehen noch im Eingangsraum – die Christuskirche ist eben keine Konzerthalle. Auch im Kircheninneren ist es voll, schon der Bachchor und der unterstützende Chor der Musikhochschule brauchen einigen Platz, dazu dann noch die üppig besetze Deutsche Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz. Aber für das Publikum ist noch genügend Platz. Zum Glück. Denn der ganze Aufwand der fast zweihundert Musiker ist ja kein Selbstzweck. Und Anton Bruckners dritte Messe in f‑Moll, das Hauptwerk des Konzertes am Tag der Deutschen Einheit, sorgt dafür, dass die Christuskirche auch akustisch gut gefüllt wird.
Aber die Fülle des Klangs wurde nie drückend, der machtvolle Klangapparat – und Bruckner nutzt den durchaus ausgiebig – beschert dem Publikum keinswegs eine beschwerliche Enge. Ganz im Gegenteil. Der prägendste Eindruck nicht nur bei der Bruckner-Messe, sondern auch schon in der Altrhapsodie von Johannes Brahms, war die feine Ausgestaltung aller Klänge. Und das ist ein unbedingtes Verdienst Ralf Ottos. Ein wirklich großes noch dazu. Die geradezu verrückt wirkende Detailgenauigkeit in Chor und Orchester geht nämlich mit einer ungeahnten Offenheit der Brucknerschen Musik einher. Was da an Vorbereitung dahinter stecken muss!
Erstaunlich intim klingt die größte Messe Bruckner in der Christuskirche. Das ist nicht gerade kammermusikalisch, aber trotz der teilweise mächtig geschichten Chor- und Orchesterklänge – irgendwie muss Bruckner ja noch zu erkennen sein – doch immer ganz direkte Musik, die sich nicht nur dem unbedingten Glauben ihres Schöpfers verdankt, sondern diese felsenfeste Gewissheit auch weitergeben kann – ohne zu verhehlen, dass vieles anders sein könnte. Der gern mal auftrumpfende, besserwisserische Bruckner kommt hier nicht zum Klingen. Ob es nun die berückende Innigkeit des Gloria ist oder die großartig ausgeformten Kontraste des Credo: Überall in dieser Messe herrscht ein lebendig-atmender Klang, der vor allem eine Geborgenheit in überlegter Gestaltung vermittelt, die sich den Rausch immer wieder versagt – und so vieles überhaupt erst zu erkennen gibt.
Der Bachchor singt das wie ein gebändigter Tiger: Voller Kraft, mit pulsierender Wildheit und natürlichem Instinkt, die aber ganz dem Willen des Dirigenten-Dompteurs Otto unterworfen sind und – ohne gebrochen zu weden, ohne an Ausstrahlung zu verlieren – zivilisiert wurden. Das ist immer ein schmaler Grat zwischen banalem Klangrausch und gefühlsduseligem Kitsch, den Bruckner im Idealfall von seinen Dirigenten verlangt. Und noch dazu technisch nicht ohne Tücken. Otto wandelt sicher – und führt das Publikum so nicht nur zum Erleben, sondern zum ganz neuen Kennenlernen dieser großen Messe.
(geschrieben für die Mainzer Rhein-Zeitung.)
