Lesen. Hören. Und ein bisschen schreiben.

Autor: Matthias Seite 140 von 208

Leser mit allerlei Ansprüchen und ausdauernder Läufer. Je nach Tagesform auch mal ausdauernder Leser und Läufer mit allerlei Ansprüchen.

Nebelhorn

„Das Bari­ton­sa­xo­phon erin­nert natür­lich immer auch an ein Nebel­horn“ (Tho­mas Meine­cke, Loo­ka­li­kes, 213)

oh New York!

Nach New York geht es durch den Hin­ter­ein­gang. Pfei­le wei­sen den Weg: Die Haupt­pfor­te des Nie­der-Olmer Rat­hau­ses ist am Sonn­tag Nach­mit­tag eben nicht besetzt. Gefun­den hat es offen­bar jeder – der Rats­saal war längst voll, als Irm­gardHaub ihren musi­ka­li­schen Spa­zier­gang durch New York begann. Und sie war gleich mit­ten­drin, im Her­zen der Stadt, die nie­mals schläft: „What a won­derful town“, der gro­ße, star­ke Auf­takt von Leo­nard Bern­stein zeig­te gleich, wo der akus­ti­sche Städ­te­trip hin­füh­ren soll­te: ins Ver­gnü­gen. So führ­te Duke Elling­tons „A‑Train“ direkt nicht nur nach Har­lem, son­dern von dort aus wei­ter in die Viel­falt New Yorks. Und des­halb wech­seln sich sehn­li­chen Roman­tik und wil­de Aus­ge­las­sen­heit mun­ter ab.

Aber immer wie­der gilt es dem Sehn­suchts­ort New York. Durch­aus mit einer gewis­sen Nost­al­gie – nicht ohne Grund singt Haub meis­tens Songs ver­gan­ge­ner Zei­ten, aus den Vor­kriegs­jah­ren zum Bei­spiel. Die­ses New York ist eine span­nen­de und schö­ne Stadt, ohne Kri­mi­nia­li­tät, Ter­ror oder Finanz­spe­ku­lan­ten. Dafür aber mit viel Amü­se­ments – im Savoy oder im Rit­zy genau­so wie in Har­lem oder in der Bronx. Denn alles ist dabei: Bronx, Brook­lyn, Man­hat­tan, Har­lem, über­all fla­nie­ren Haub mit ihrem Beglei­ter nicht nur als Beob­ch­ter, son­dern als teil­neh­men­de Beob­ach­ter, die die Stim­mung und den Puls die­ser Orte in sich auf­neh­men und durch die Musik ver­mit­teln. Cen­tral Park, Broad­way, Brook­lin Bridge sind nur ein paar der mar­kan­ten Orte, die an- und besun­gen wurden.

Dabei war Haub nicht wäh­le­risch, in wel­cher Form das geschieht: Eine bun­te Mix­tur hat die Sän­ge­rin sich zusam­men­ge­stellt, ver­mischt Swing und Schla­ger, wech­selt zwi­schen Musi­cal und Pop. Und immer dabei: Johan­nes Rei­nig, ihr Mann am Kla­vier – der sogar noch ein Ersatz­in­stru­ment in der Ecke des Rats­saa­le bereit­ste­hen hat. Das wird aber nicht benö­tigt, Rei­nig spielt viel zu kul­ti­viert, um einen Flü­gel zer­stö­ren zu kön­nen: Meist läs­sig und locker-flo­ckig, bei Bedarf aber auch mal kna­ckig zulan­gend – vor allem aber sehr stil­si­cher. Haub bevor­zugt sin­gend die grö­ße­ren Ges­ten, nicht immer unbe­dingt stimm­lich per­fekt, aber mit viel Charme und Ver­gnü­gen. Und es macht unbe­dingt Spaß, Musi­kern zuzu­hö­ren, die sicht- und hör­bar Freu­de an dem haben, was sie gera­de machen. Ger­ne neh­men sie auch jeden mit – sogar die, die New York noch nicht aus eige­ner Anschau­ung ken­nen. Das wird spä­tens im gro­ßen Fina­le klar, wenn das Duo Udo Jür­gens „ich war noch nie­mals in New York“ ele­gant mit Sina­tras Klas­si­ker, schließ­lich so etwas wie der inof­fi­zie­len Stadt­hym­ne, kom­bi­nie­ren. Da gibt’s kei­en Aus­re­de mehr: Zumin­dest musi­ka­lisch war nun jeder schon mal in New York.

(geschrie­ben für die Main­zer Rhein-Zeitung.)

Noch einmal: E‑Books & Journalismus

Jetzt auch noch die „Zeit“ (nach der FAZ). Wie­der wer­den fal­sche Gegen­sät­ze auf­ge­baut, fal­sche Posi­tio­nen behaup­tet – kurz: PR wird unhin­ter­fragt über­nom­men. Ist das wirk­lich nötig?

Chris­toph Schrö­der schreibt unter dem unsin­ni­gen Titel „Die Debat­te, die kei­ner ver­steht“ (natür­lich wird die ver­stan­den!) zum Bei­spiel:

Eine neue Gene­ra­ti­on von Ver­brau­chern betrach­tet den frei­en welt­wei­ten Zugang zu Daten als Selbst­ver­ständ­lich­keit und jede Ein­schrän­kung als unzu­läs­si­gen Ein­griff in die Infor­ma­ti­ons­frei­heit. Dem gegen­über steht ein Ver­le­ger vom alten Schlag wie Bör­sen­ver­eins-Vor­ste­her Gott­fried Hon­ne­fel­der, der uner­müd­lich für die Urhe­ber­rech­te von Autoren ein­tritt. Hin­ter den kon­trä­ren Posi­tio­nen von Open-Access-Befür­wor­tern und Schutz­recht­be­wah­rern ste­hen unver­ein­ba­re Welt­bil­der und inkom­pa­ti­ble Begrif­fe von Kultur.

Da ste­cken eine Men­ge Pro­ble­me dahin­ter. Die „neue Gene­ra­ti­on von Ver­brau­chern“ (was ja auch wie­der Unsinn ist, das Lesen eines Buches ist doch kein „Ver­brauch“, das Buch ist doch danach immer noch da!) will also, so Schrö­der offen­sicht­lich, immer und über­all alle Daten umsonst haben. Sicher mag es sol­che Posi­tio­nen geben, aber das ist ers­tens nicht der Punkt und zwei­tens wohl nur eine Min­der­heit. Wor­um es geht ist ein ver­nünf­ti­ger, ange­mes­sen bepreis­ter Zugang zu Daten. Und dazu gehört, das ist doch im Moment das Haupt­pro­blem, dass zum Bei­spiel Kunst­wer­ke nicht so enorm lan­ge mono­po­li­siert ver­mark­tet wer­den dür­fen, son­dern frü­her als momen­tan gemein­frei wer­den sollten.

Dann kommt wie­der der schö­ne Gegen­satz: Bis­her – die Ver­brau­cher – ging es um „Daten“, also irgend­et­was ein­fa­ches, min­der­wer­ti­ges. Jetzt kommt, als Gegen­po­si­ti­on, der „Ver­le­ger vom alten Schlag“. Das impli­ziert natür­lich, dass es Hon­ne­fel­der nicht pri­mär um Gewin­ne geht, son­dern dar­um, die Kunst, die Lite­ra­tur zu ver­brei­ten, zugäng­lich zu machen (war­um er sich dann im Gegen­satz zu den angeb­li­chen Jün­gern des frei­en Zugangs posi­tio­nie­ren muss – das ist ein Para­dox die­ser hier impli­zit auf­ge­au­ten Gegen­sät­ze, das schon dar­auf hin­weist, dass die­se Schil­de­rung nicht der Rea­li­tät enspricht). Nun aber kommt der größ­te Witz, der eigent­lich eine Unver­schämt­heit ist: Hon­ne­fel­der set­ze sich als Vor­sit­zen­der des Bör­sen­ver­eins „uner­müd­lich“ für das „Urhe­ber­recht der Autoren“ ein. Das ist ja wohl blo­ße Ver­höh­nung! Ers­tens geht es ja gar nicht um das Urhber­recht der Autoren, das möch­te (außer extre­men Ver­tre­tern) kaum jemand ihnen abstrei­ten oder „abneh­men“. Es geht doch vor allem dar­um, was dem gan­zen folgt: Die Mono­po­li­sie­rung der Ver­mark­tung des Urhe­ber­rechts durch Ver­la­ge durch über­lan­ge Schutz­fris­ten. Dafür setzt Hon­ne­fel­der sich ein, des­we­gen lügt er sich Posi­tio­nen etwa der Pira­ten­par­tei zurecht.

Nun der nächs­te Schlag: Schrö­der ver­mischt das jetzt auch noch mit der Open-Access-Bewe­gung – einer Bewe­gung, die vor­wie­gend aus dem Bereich wis­sen­schaft­li­cher Ver­öf­fent­li­chun­gen kommt und dort sehr, sehr viel Sinn hat. Die wer­den jetzt gleich auch noch zu den Geg­nern der Schutz­fris­ten gemacht (was so auch wie­der über­haupt nicht stimmt!). Und dann noch die abso­lu­te Keu­le: „unver­ein­ba­re Welt­bil­der“ und „inkom­pa­ti­ble Begrif­fe von Kul­tur“. Damit ist dann ja eigent­lich die Dis­kus­si­on für über­flüs­sig, für unmög­lich erklärt wor­den. Aber das stimmt auch wie­der nicht: Die unter­schied­li­chen Begrif­fe für Kul­tur – was soll das denn bit­te schön sein? Das erklärt Schrö­der wohl­weis­lich nicht. Und war­um sie inkom­pa­ti­bel sind, ver­schweigt er eben­falls. Muss er ja, es gibt sie schließ­lich gar nicht.

Mit wel­chen unsau­be­ren jour­na­lis­ti­schen Mit­teln die „Zeit“ bzw. Schrö­der arbei­tet, sieht man auch eini­ge Absät­ze spä­ter. Dort heißt es:

Mari­na Weis­band, die poli­ti­sche Geschäfts­füh­re­rin der Pira­ten­par­tei, macht hin­ge­gen auch auf der Mes­se noch ein­mal deut­lich: „Der Kopier­schutz muss weg.“ Den Namen Gott­fried Hon­ne­fel­der kennt sie übri­gens gar nicht.

Die Inten­ti­on ist klar: Die Pira­ten (hier noch ) sind Kul­tur­ba­nau­sen, die nicht ein­mal so wich­ti­ge, ganz unbe­dingt not­wen­dig zu ken­nen­de Per­sön­lich­kei­ten wie den Her­ren Hon­ne­fel­der ken­nen. Das ist natür­lich gemei­ner Schwach­sinn – und sagt über inhalt­li­che Aus­ein­an­der­set­zun­gen über­haupt nichts aus. Ich wür­de außer­dem wet­ten, dass Hon­ne­fel­der den Namen Mari­na Weis­band eben­falls „übri­gens gar nicht“ kennt. Doch was sagt uns das? Die Zeit macht Kam­pa­gnen­jour­na­lis­mus, lässt sich von der PR des Bör­sen­ver­eins ver­ein­nah­men. Und betrügt ihre Leser.

Nordlichter

Man könn­te manch­mal mei­nen, Skan­di­na­vi­en wäre musi­ka­li­scher und sing­freu­di­ger als der Rest Euro­pas. Ich bin mir eigent­lich ziem­lich sicher, dass das nicht stimmt – auf dem CD- und Kon­zert­markt bekommt man aber schnell den Ein­druck. Auch bei a‑cap­pel­la-Grup­pen und Pop-/Jazz­chö­ren – mit Raja­ton, The Real Group, Vocal Line und eben Voca­do sind ein paar domi­nan­te Ver­tre­ter im Spiel. Zu Recht natür­lich, das sind alles wun­der­ba­re Musiker.

Das gilt auch für die CD „Nor­t­hern Lights“ von Voca­do, der ers­ten Auf­nah­me des noch ver­gleichs­wei­se jun­gen Ensem­bles. Sofort ins Ohr fällt beim Start der brei­te, fül­li­ge Sound, durch­aus mit kräf­ti­ger Nach­hil­fe der Stu­dio­tech­nik, aber noch natür­lich genug. Und schnell fällt dan noch mehr auf. Die schö­nen, har­mo­ni­schen, ein­fach wohl­tu­en­den Arran­ge­ments: Hier gibt es kein kein Auf­fal­len um jeden Preis, kei­ne Suche nach dem Außer­ge­wöhn­li­chen um sei­ner selbst wil­len, son­dern ein­fach (!) schö­nen Sound, Wohl­klang – der sich je nach Werk durch­aus ändert . Mit viel Schwung eigent­lich immer, sehr leben­di­ge, atmen­de, pul­sie­ren­de Leben. Und doch, das ist das Gelin­gen­de, oft mit ganz, ganz viel Ruhe und Gelas­sen­heit – ohne die Span­nung zu ver­lie­ren. Dar­in unter­schei­den sich gute von mit­tel­mä­ßi­gen Ensembles.

Wirk­lich gefal­len haben mir die Klas­si­ker­auf­fri­schun­gen wie das wun­der­ba­re ent­spann­te (aber nie schläf­ri­ge!) „Lul­la­by of Bird­land“ zum Bei­spiel. Und das groß­ar­tig bis groß­kot­ze­risch thea­tra­li­sche „My Fun­ny Valen­ti­ne“ (im direk­ten Anschluss und direk­tem Kon­trast), mit herr­li­chen klang­li­chen Fines­sen in einem glas­kla­ren Arran­ge­ment. Nicht nur hier glaubt man kaum, dass das nur sechs Sän­ge­rin­nen & Sän­ger sein sol­len – gut, die Stu­dio­tech­nik hilft ein biss­chen nach. Aber trotzdem:erstaunlich rund, der Klang.

In die­ser Tra­di­ti­on kann man sie wahr­schein­lich stel­len: Songs aus der Mit­te. Die erzäh­len ger­ne klei­ne, nie beson­ders auf­fäl­li­ge oder extra­va­gan­te Geschich­ten, meist in leicht roman­tisch-sehn­süch­tig-melan­cho­li­scher Wei­se, ohne ganz im Schlamm des Gefühls zu ver­sin­ken. So Stü­cke wie „Innan isen läg­ger sig“, eine Land­schafts­idyl­le, sind wirk­lich sehr ver­füh­re­risch. Und sie geben dem fül­li­gen volu­mi­nö­sen Bass auch mal Gele­gen­heit, in den Vor­der­grund zu tre­ten – kein Wun­der, er hat es sich ja in die Stim­me geschrieben …

Im Gan­zen ist neben der tech­ni­schen Per­fek­ti­on (die auch durch­aus über­durch­schnitt­lich ist) auf jeden Fall beein­dru­ckend: Die Viel­falt die­ser CD. Sicher, die klang­li­che Varie­tät ist viel­leicht nicht ganz mit der Raja­tons zu ver­glei­chen (aber das gilt für fast alle A‑cap­pel­la-Grup­pen die­ser Welt …), aber für sich gese­hen ist das durch­aus aus­rei­chend. Und ein­fach ent­zü­ckend: So etwas wie die Abschieds­hym­ne „Emp­ty Hearts“ wärmt das Herz.

Voca­do: Nor­t­hern Lights. 2011.

Hausgemachter Islandroman

Wer erzählt denn hier über­haupt?? (107)

War­um zieht Island eigent­lich die Spin­ner an? Zumin­dest die gut­mü­ti­gen? Wolf­gang Mül­ler ist ja schon eine Wei­le auf die­se Spe­zia­li­tä­ten wie Feen, Elfe und Kobol­de – alles islän­di­sche Bestän­de – abon­niert. Jetzt offen­bar auch Albrecht E. Mang­ler. Mit „VERASCHUNG“ (die Ver­sa­li­en sind Absicht), das über Tubuk Delu­xe (inklu­si­ve ori­gi­na­ler Island-Asche!) den Weg auf mei­nen Lese­tisch fand, ist jeden­falls aus­rei­chend ver­rückt, um Mang­ler zu einem Ehren-Islän­der zu machen.

Schon die gan­ze Auf­ma­chung, das ewi­ge drun­ter & drü­ber, die zusätz­lich ein­ge­scho­be­ne Erzäh­ler­fik­ti­on, das Cas­ting für Figu­ren der Erzäh­lung, … machen den Leser schwind­lig. „Ver­aschung“ ist näm­lich vie­les, aber eines bestimmt nicht: dis­zi­pli­niert. Statt­des­sen ist das Büch­lein, „der Island-Roman“, aus­schwei­fend, undis­zi­pli­nert, unbän­dig, wild, wirr (im bes­ten, näm­lich unter­hal­ten­den Sin­ne das alles …) – und vor allem komisch. Mit allem, was das Erzäh­ler­herz und ‑hirn her­gibt, wird gespielt: Mit Fuß­no­ten, mit Ergän­zun­gen, Ver­wei­sen, Pseu­do-Inter­ak­ti­vi­tät (inklu­si­ve Blog, Face­book-Account – und mit „War­te­sei­ten“ im Buch, um die Zeit bis zur Aus­zäh­lung zu über­brü­cken …) – das ist fast ein gedruck­ter Hyper­text. Aller­dings nur als Show, sozu­sa­gen, nur auf­ge­setzt, um mög­lichst viel Far­be und Ver­wir­rung in den Lese­fluss und den mehr oder weni­ger geneig­ten Leser zu bekom­men … Dazu noch – nicht zu ver­ges­sen (und auch nicht zu über­se­hen) – die Selbst­re­fe­ren­zia­li­tät auf ver­schie­de­nen Ebe­nen des Tex­tes – eine furi­os Mischung, fast ein Lehr­buch der Narrativität.

Mang­ler zieht näm­lich so ziem­lich alle Regis­ter des (auch mal noto­risch unzu­ver­läs­si­gen) Erzäh­lens, unzäh­li­ge Erzäh­ler­fik­tio­nen, Fuß­no­ten, Stim­men­wech­sel, der „Gast­bei­trag“ von Jökull Eld­fells­son, der das gan­ze noch ein­mal unter­bricht, aber auch die Mit­tel der Mul­ti­me­dia­li­tät (nicht nur Zeich­nun­gen und Bild­ver­wei­se, auch noch eine islän­di­sche Hob­by­fo­to­stre­cke in der Mit­te, stil­echt auf Hoch­glanz­pa­pier) und der Hyper­fik­ti­on, Spiel mit den Gat­tun­gen … so könn­te man jetzt noch eine gan­ze Wei­le wei­ter auf­zäh­len, was er sich so alles ein­fal­len lässt bzw. was er von ande­ren über­nimmt. Zum Glück für „Ver­aschung“ ist das mit 127 Sei­ten gera­de noch so im Rah­men, das der unauf­hör­li­che Strom an erzäh­le­ri­schen Gim­micks noch aus­zu­hal­ten ist – viel län­ger hät­te ich das wohl nicht ertra­gen. Ach ja, so etwas wie eine „Fabel“, einen erzäh­le­ri­schen Kern, gibt es auch noch. Der ist aber fast banal, den brau­che ich hier nicht zu refe­rie­ren – ein biss­chen muss dem Leser auch selbst über­las­sen blei­ben. Schieß­lich ist das Ent­zif­fern und Ent­wir­ren desr Erzähl­knäuls ein wesen­ti­cher Teil des Spa­ßes – und das ist schon ein rund­um amü­san­tes Spiel.

Wer erzählt denn hier über­haupt?? (107)

Albrecht E. Mang­ler: VERASCHUNG. Der Island-Roman erzählt von Vigo LaFlam­me. Mit einem Gast­bei­trag von Jökull Eld­fells­son. Wien: Mile­na 2011. 127 Sei­ten. ISBN 978−3−85286−210−1.

E‑Books, Journalismus & die FAZ

Es ist Buch­mes­se. Also muss man auch mal wie­der etwas über E‑Books schrei­ben. Auch wenn man nicht so rich­tig weiß, was es zu schrei­ben gibt. Und man – als Jour­na­list! – auch sonst nicht so recht weiß, wie man damit umge­hen soll. Dann kom­men sol­che Blü­ten her­aus wie heu­te in der FAZ, wo Georg Giers­berg sich unter dem Titel „Elek­tro­ni­sches Buch: Zah­len aus Ame­ri­ka scho­cken die Buch­bran­che“ damit herumschlägt.

Schau­en wir uns das mal an: Zunächst der „Schock“, den die Titel­zei­le ver­spricht. Fin­den lässt er sich nicht: Im Text ist dann nur noch von „auf­hor­chen“ die Rede (auch nur anonym) – und das ist dann doch ein gewis­ser Unter­schied: In den USA sind also die Taschen­buch­ver­käu­fe ein­ge­bro­chen, die E‑Book-Ver­käu­fe dage­gen rasant gestie­gen. Nun ja, bis es so weit kommt, wird es in Deutsch­land wohl noch etwas dau­ern, da wird ja kräf­tig dage­gen gemau­ert. Und auch Ama­zon hat nicht den glei­chen Ein­fluss wie in Ame­ri­ka auf die Dis­tri­bu­ti­on von Inhalten.

Dann wird es span­nend: Giers­berg sieht das erschei­nen­de Welt­bild-Lese­ge­rät als Durch­bruch für E‑Books? Das scheint mir (und nicht nur mir) nun doch­noch sehr frag­lich, weil das ein Gerät ohne E‑Ink-Dis­play ist – und damit kaum brauch­bar … (Es ist ja auch schon Welt­bilds zwei­ter Ver­such, der – damals eben­falls kon­kur­renz­los bil­li­ge – Rea­der vom letz­ten Jahr wur­de so ziem­lich mit den glei­chen Zie­len und Auf­ga­ben ange­prie­sen und konn­te dem Hype auch nicht gerecht werden).

Die Gerä­te sind preis­wer­ter (bei Welt­bild 60 Euro), haben Farb­dis­plays und lie­gen ergo­no­misch bequem in der Hand.

Nun ja. Farb­dis­plays sind kaum lese­taug­lich, allein schon wegen der kur­zen Akku­leis­tung (Welt­bild selbst gibt gera­de mal „bis zu acht Stun­den“ an – falls das stimmt -, dar­über kann jeder Kind­le-Besit­zer nur lachen …) und der unan­ge­neh­men LCD-Bildschirme.

Aber der gan­ze Text ist ein­fach schwach und ein ech­tes Nega­tiv­bei­spiel des „Qua­li­täts­jour­na­lis­mus“: Giers­berg scheint etwa nur mit Gott­fried Hon­ne­fel­der gespro­chen zu haben. Der ist Vor­sit­zen­der des Bör­sen­ver­eins und damit natür­lich alles ande­re als neu­tral – war­um soll­te er auch? Dann taucht aller­dings noch ein zwei­ter „Exper­te“ auf – zumin­dest scheint es so: „Boos“ – wer das ist (ist das über­haupt eine Per­son?), war­um er zitiert wird – kei­ne Erwäh­nung. Ganz klar, jour­na­lis­ti­scher Fehler …

Wei­ter im Text:

Gott­fried Hon­ne­fel­der, Vor­sit­zen­der des Bör­sen­ver­eins des Deut­schen Buch­han­dels, geht davon aus, dass er in fünf Jah­ren bei knapp 10 Pro­zent lie­gen wird. Das wäre ein gro­ßes Wachs­tum in einem Gesamt­markt, der im bis­he­ri­gen Jah­res­ver­lauf noch im Minus (2 bis 3 Pro­zent) liegt.

Das kapie­re ich jetzt auch nicht: Weil der Gesamt­markt schrumpft (also weni­ger Bücher ver­kauft wer­den), ist das pro­gnos­ti­zier­te Wachs­tum für die nächs­ten fünf Jah­re (was ja rei­ne Augen­wi­sche­rei ist, die Zah­len aus den USA hat vor fünf Jah­ren nie­mand geahnt, weil kei­ner weiß, wel­che Gerä­te und Inhal­te­an­bie­ter sich in die­sem Zeit­raum wirk­lich durch­set­zen bzw. was noch neu kommt …) beson­ders hoch? Das ist doch Blöd­sinn: Wenn der Gesamt­markt schrumpft, brau­che ich weni­ger abso­lu­te Ver­käu­fe, um auf 10% Anteil zu kommen!

Dann aber kommt der Kernabsatz:

60 Pro­zent aller in Deutsch­land aus dem Netz her­un­ter­ge­la­de­nen Bücher sei­en ille­gal her­un­ter­ge­la­den wor­den. „Die ille­ga­le Ent­wick­lung im Netz ist wei­ter als die lega­le“, beklagt Honnefelder.

60 Pro­zent? Woher kommt die­se Zahl? Wie misst man den ille­ga­le Down­loads? Über die zwei­te Aus­sa­ge brau­chen wir kaum strei­ten, die lega­len E‑Book-Läden sind wirk­lich ziem­lich grausig.

Dass dies ein inter­na­tio­na­les Pro­blem ist, belegt Boos mit den Wor­ten, in eini­gen Län­dern über­stei­ge die Zahl der elek­tro­ni­schen Lese­ge­rä­te (E‑Reader) die der legal her­un­ter­ge­la­de­nen elek­tro­ni­schen Bücher um das 100fache.

Da ist er wie­der, der mys­te­riö­se „Boos“. Was er „belegt“, ist mir aber unklar. Um wel­che Län­der geht es? Das wäre doch span­nend: Die Zahl der Gerä­te ist um das 100fache (!) grö­ßer als die der lega­len Down­loads. Gut, man muss E‑Reader ja nicht nur für elek­tro­ni­sche Bücher ver­wen­den, man kann ja z.B. auch pdf-Datei­en betrach­ten. Ich ver­mu­te aber fast, dass hier ein­fach die Tablet-PCs als E‑Reader gezählt wur­den, anders kann ich mir die­se Rech­nung über­haupt nicht erklä­ren. Und das wäre natür­lich wie­der­um aus­ge­spro­che­ner Blöd­sinn. Aber nichts davon erklärt der Text, der Jour­na­list hat das ein­fach so hin­ge­nom­men und lässt es auch ein­fach so stehen …

Dann kommt natür­lich noch der Evergreen:

Hon­ne­fel­der for­der­te auf der Mes­se die Poli­tik auf, die Inter­net­an­bie­ter zu ver­pflich­ten, Warn­hin­wei­se anzu­brin­gen, die den Nut­zern sagen, was legal und was ille­gal ist. In Umfra­gen hät­ten 81 Pro­zent der­je­ni­gen, die ille­gal Inhal­te her­un­ter­la­den, die Mei­nung ver­tre­ten, dass Warn­hin­wei­se das ille­ga­le soge­nann­te File­sha­ring ein­däm­men würden.

Mal abge­se­hen davon, dass wie­der unge­nann­te Umfra­gen mit undurch­schau­ba­ren Zah­len ange­führt wer­den (so eine Umfra­ge kann ich auch schnell pro­du­zie­ren …), haben wir hier natür­lich wie­der den Wunsch nach Total­über­wa­chung, die auch noch die Pro­vi­der über­neh­men sol­len. Inzwi­schen soll­te doch eigent­lich jedem klar sein, dass das ers­tens tech­nisch ziem­lich kom­plex wird, zwei­tens nicht durch­setz­bar ist und drit­tens gegen so eini­ge Grund­rech­te ver­stößt. Man muss ja schon fast dank­bar sein, dass er kein Strike-Modell fordert ;-)

Aber davon las­sen weder Jour­na­list noch Befrag­te sich wei­ter stö­ren. Auch im nächs­ten Argu­ment nicht. Da heißt es:

Bis­her sei er rein line­ar orga­ni­siert gewe­sen: Der Autor schreibt ein Buch, der Ver­le­ger ver­legt es, der Händ­ler ver­kauft die Rech­te, der Leser liest, dann inter­es­sier­te sich ein Fil­me­ma­cher dafür.

Da sieht man natür­lich so neben­bei sehr schön, wie sich der geheim­nis­vol­le „Boos“ die Welt schön­denkt: „der Händ­ler ver­kauft die Rech­te“. Das tut er – bis­her – eben nicht: Er ver­kauft das Buch, als mate­ri­el­len Gegen­stand. Bei E‑Books ist das frei­lich zumin­dest teil­wei­se anders, da wird oft nur ein Nut­zungs­recht erwor­ben – und gera­de das ist einer der Grün­de, war­um so vie­le ille­gal her­un­ter­la­den: Weil sie nicht nur Nut­zungs­rech­te erwer­ben wol­len (momen­tan in der Regel noch dazu für unver­hält­nis­mä­ßig viel Geld), son­dern ein mit gedruck­ten Tex­ten ver­gleich­ba­res Eigen­tum, dass man z.B. ver­lei­hen oder ver­schen­ken kann …

Irgend­wie ist da im Qua­li­täts­ma­nage­ment der FAZ etwas schief­ge­gan­gen. Schließ­lich wird der Autor als Wirt­schafts­re­dak­teur vor­ge­stellt – einem Volon­tär hät­te man so einen Arti­kel wohl nicht durch­ge­hen lassen.

Nach­trag: Beim Gedan­ken­strich gibt es zumin­dest so etwas ähn­li­ches wie Zah­len (auch nur Schätzungen).

Neusprech #1

  • unter­glückt (Sascha Lobo, Die Mensch-Maschi­ne, 6.7.2011)
  • get­rue­cryp­tet (in einer E‑Mail)
  • fräu­lein rot­ten­mei­er-hal­tung (wir​res​.net, 13.7.2011)
  • Hegels Welt­geis­ter (in einer Prüfung …)
  • kri­tik­bar (in einer Prüfung …)
  • Fle­gel­feu­er der Eitel­kei­ten (Sascha Lobo, Die Mensch-Maschi­ne, 24.8.2011)

Klassik im Klub

Ein Flü­gel mit­ten im Roxy, zwi­schen den Sofas unter Lüs­tern – das ver­wan­delt den Club fast in einen groß­bür­ger­li­chen Salon des 19. Jahr­hun­derts. Nicht nur der Raum ver­weist auf die­se längst unter­ge­gan­ge­ne Form der gesel­lig-kul­tu­rel­len Unter­hal­tung. Auch die Musik, die der Pia­nist Kai Schu­ma­cher sich aus­ge­sucht hat, passt in die­se Tra­di­ti­on: Vor­wie­gend klei­ne­re, cha­rak­te­ris­ti­sche Stü­cke hat er aufs Pro­gramm gesetzt – kei­ne schwer­ver­dau­li­che klas­si­sche Kost, son­dern char­man­te Musik, die auch Nicht-Exper­ten gou­tie­ren können.

Auch das Publi­kum ver­hält sich auto­ma­tisch viel locke­rer als im „nor­ma­len“ Kon­zert: Zwang­los im Club ver­teilt, wo sich gera­de ein Plätz­chen zum Sit­zen fin­det. Viel geplau­dert wird auch in die­sem post­mo­der­nen Salon. Und dann doch ganz auf­merk­sam gelauscht. Denn das Ziel des Ver­eins der „Freun­de Jun­ger Musi­ker“, die das Kla­vier­kon­zert im Roxy orga­ni­sier­ten, war nicht, den Salon wie­der zu bele­ben. Son­dern ein neu­es, jün­ge­res Publi­kum für die Kla­vier­mu­sik zu erschlie­ßen und begeis­tern. Halb­wegs könn­te das funk­tio­niert haben, immer­hin waren – neben dem übli­chen Kon­zert­pu­bli­kum – auch eine Men­ge jun­ge Leu­te gekom­men. Ob das dau­er­haft wirkt, wird man sehen müs­sen. Auf jeden Fall ist so ein deut­lich ver­jüng­tes Publi­kum offen­sicht­lich wesent­lich begeis­te­rungs­fä­hi­ger, so offen­si­ve Bei­falls­be­kun­dun­gen sind sonst eher selten.

Nicht ganz zu unrecht aller­dings haben sie im Roxy ihren Platz. Kai Schu­ma­cher hat nicht nur ein her­vor­ra­gen­des Pro­gramm ent­wi­ckelt, son­dern ist auch als Musi­ker so viel­sei­tig, dass er bei­spiels­wei­se pro­blem­los zwi­schen Geor­ge Gershwin und Felix Men­dels­sohn Bar­thol­dy hin und her wech­seln kann: Er begann mit einer klei­nen Aus­wahl der Men­dels­sohn­schen „Lie­der ohne Wor­te“, durch­setzt mit Songs und Pre­ludes von Gershwin. Und streu­te in die­se far­big gespiel­te Mischung dann auch noch ein paar pia­nis­tisch-vir­tuo­se Bear­bei­tun­gen von Rock­songs ein, die sei­ner Vir­tuo­si­tät viel Raum las­sen. Und sein Fai­ble für Rock blitzt immer wie­der auf – bis zuletzt: Als Zuga­ben spielt er Songs von den Foo Figh­ters und von Slay­er. Auch wenn man das fast gesagt bekom­men muss: Das ist ganz stark der Tra­di­ti­on der vir­tuo­sen Kla­vier­be­ar­bei­tung des 19. Jahr­hun­derts ver­pflich­tet, so dass die Schu­ma­cher­schen Adap­tio­nen sich naht­los ins klas­si­sche Rper­toire ein­fü­gen. Auch wenn er sehr kraft­voll don­nern kann, selbst mit dem klei­nen Flü­gel im Roxy. Und damit ist er auch schon wie­der direkt bei Franz Liszt, der auch mehr­mals im Pro­gramm auf­taucht – es hängt eben alles zusammen.

Aber auch ande­re Pfa­de in die Gegen­wart steu­ert Schu­ma­cher an. Zum Bei­spiel mit einer Mini­mal-Music-Sec­tion, die – wie­der ein­mal – bei Liszt anfängt, den eher unbe­kann­ten medi­ta­tiv-repe­ti­ti­ven „Nuages gris“, und über Erik Satie bis zu Phil­ipp Glass führt, den Schu­ma­cher mit einer sehr leben­dig-sprü­hen­den Inter­pre­ta­ti­on des „Mad Rush“ vor­stellt. Nicht nur hier, immer wie­der merkt man: Nicht allein das Roxy hat sei­nen Spaß, auch Kai Schu­ma­cher freut sich von Her­zen an sei­ner Musik. Und das ist immer ein gutes Zeichen.

(geschrie­ben für die Main­zer Rhein-Zeitung.)

Franz Liszt lebt

Jubi­lä­en sind wohl nir­gends so wich­tig wie in der Musik­bran­che. Zu jedem halb­wegs run­den Todes- und Geburts­tag wer­den die Pro­gram­me geän­dert, jeder meint, unbe­dingt etwas pas­sen­des auf­zu­füh­ren (natür­lich aber nur, wenn es um „gro­ße“ Kom­po­nis­ten geht). In die Kate­go­rie „Jubi­lä­ums­hype“ passt auf den ers­ten Blick auch „The Liszt Pro­ject“, wie die Dop­pel-CD, die Pierre-Lau­rent Aimard – immer­hin einer mei­ner all­zeit-Lieb­lings­pia­nis­ten – im Früh­jahr für die Deut­sche Gram­mo­phon auf­ge­nom­men hat.1 Aber die­se zwei CDs erhe­ben sich aus der Mas­se der Pflicht-Erin­nun­gen. Aus einem Grund: Pierre-Lau­rent Aimard. Der hat näm­lich (natür­lich) nicht ein­fach ein paar bekann­te Liszt-Wer­ke zusam­men­ge­sucht und auf­ge­nom­men. Nein, er macht etwas ande­res – etwas bes­se­res: Er kon­fron­tiert eini­ge, weni­ge aus­ge­wähl­te Liszt-Kom­po­si­tio­nen mit ganz viel ande­rer Musik: Mit Wag­ner (Kla­vier­so­na­te As-Dur), mit Scria­bin und Ravel, aber auch mit Bar­tók, Berg, Mes­siaen und dem 1959 gebo­re­nen Mar­co Strop­pa. Und das hat ganz viel Sinn und Bedeu­tung – sonst wür­de er es ja nicht machen. Vor allem aber: Die­se Kon­fron­ta­ti­on stellt Liszt in ganz ver­schie­de­ne Tra­di­ti­ons­zu­sam­men­hän­ge, zeigt – auch uner­war­te­te – Bezie­hun­gen. Und ergibt ein wun­der­ba­res Gan­zes. Das Pro­gramm ist also – schon auf dem Papier – über­zeu­gend. Aber das ist nicht alles.

Ich bin jeden­falls gera­de total begeis­tert und fas­zi­niert von die­ser CD: Wahr­schein­lich ist das in der Sum­me und im Detail eine der bes­ten Kla­vier-CDs, die ich ken­ne (und besit­ze). Allein schon wegen der gran­dio­sen Auf­nah­me­tech­nik, die dem Flü­gel eine unver­gleich­li­che Prä­senz ver­schafft,2 eine gran­dio­se Detail­auf­lö­sung (auch im räum­li­chen – jeder Ton hat sei­nen eige­nen Platz!) hören lässt und ein­fach ver­blüf­fend rea­lis­tisch klingt.

Vor allem ist die CD aber groß­ar­tig, weil sie musi­ka­lisch begeis­tert. Und das liegt, wenn man es auf den Punkt brin­gen will, an der leben­di­gen Genau­ig­keit, mit der Pierre-Lau­rent Aimard arbei­tet (spie­len mag das kaum nen­nen). Gera­de die Ver­nüp­fung von unge­heu­er detail­ver­lieb­ter Genau­ig­keit, die wirk­lich an jedem Ton bis zur Ver­voll­komm­nung arbei­tet, mit der ago­gi­schen und phra­sie­ren­den Leben­dig­keit ist Aimards Mar­ken­zei­chen.3

Immer wie­der fas­zi­niert mich ja sei­ne Fähig­keit, nicht nur die for­ma­le Gestal­tung sowohl auf der Makro- als auch auf der Mikroebe­ne voll­ko­men im Blick zu haben, son­dern vor allem sei­ne unmensch­lich genaue klang­li­che Dif­fe­ren­zie­rung (und ihre Dis­zi­pli­nie­rung), mit der er das Ton wer­den lässt. 

Ein paar High­lights bis­her: Unbe­dingt die vita­le, fast strah­len­de Sona­te op. 1 von Alban Berg, die trotz ihrer Kon­zen­tra­ti­on ganz unge­zwun­gen und natür­lich wirkt. 

Dann selbst­ver­ständ­lich die h‑moll-Sona­te von Liszt selbst:4 Kein pia­nis­ti­sches Bra­vour­stück, kei­ne tro­cke­ne Form­übung und auch kein Kampf musi­ka­li­scher Cha­rak­te­re: Das ist aus­ge­gli­chen, aber nie blass; ver­mit­telnd, aber alle Sei­ten und Aspek­te genau voll­zie­hen. Wahr­schein­lich ist es gera­de die­ser Aspekt, mög­lichst viel­sei­tig zu spie­len, mög­lichst vie­le Facet­ten eines Wer­kes leben­dig wer­den zu las­sen, ohne eini­ge oder weni­ge davon zu abso­lu­tie­ren, der mich hier und bei dem Rest der Auf­nah­me so anzieht. Das ist in der Pra­xis natür­lich nie ein­fach, weil so eine umfas­sen­der Inter­pre­ta­ti­ons­ver­such oft reich­lich blass und lang­wei­lig wirkt und nur den Ein­druck erweckt, der Inter­pre­ta­ti­on wol­le es um jeden Preis ver­mei­den, einen Stand­punkt zu bezie­hen. Davon kann hier aber kei­ne Rede sein.

Auch die/​das (?) „Tan­ga­ta manu“ von Mar­co Strop­pa ist beein­dru­ckend: Die­se Musik passt fast naht­los zwi­schen Liszts Vogel­pr­edikt des Franz von Assi­si aus den „Année de Pélè­ri­na­ge, Band II und den Was­ser­spie­len der Vil­la Este (aus Band III). Das ist auch eine Form, moder­ne und zeit­ge­nös­si­sche Musik dem Hörer nahe­zu­brin­gen – ganz ohne gro­ßes didak­ti­sches Klim­bim, son­dern eben ein­fach als Musik, die man als Wei­ter­ent­wick­lung klassischer/​romantischer Model­le hören kann.5 Über­haupt ist der zwei­te Teil/​die zwei­te CD fast ein ein­zi­ger Klang­rausch, durch­weg auf höchs­tem Niveau. Auch Ravels „Jeux d’eau“ sind schlicht grandios.

Was mich (wie­der ein­mal) aber ziem­lich abschreckt, ist die Gstal­tung der CD. Abge­se­hen davon, dass sie über­säht ist mit Auf­merk­sam­keits­ha­schern, mit meh­rern Auf­kle­bern beklebt, ver­steckt sie gera­de die wich­ti­gen Infor­ma­tio­nen – näm­lich die Spiel­fol­ge – ziem­lich gut. Dafür sind noch ein paar nichts­sa­gen­de Sät­ze und über­schwäng­li­ches Lob drauf­ge­druckt wor­den … Immer­hin, der Kom­po­nis­ten­na­me ist ein biss­chen grö­ßer als der Aimards – auch kei­ne Selbst­ver­ständ­lich­keit, bei vie­len CDs scheint der Inter­pret heu­te (zumin­dest typo­gra­fisch) wich­ti­ger zu sein als der Kom­po­nist. Dafür aber in einer reich­lich selt­sa­men, eigent­lich unaps­sen­den Schrift …

Scha­de auch, dass die Deut­sche Gram­mo­phon, die doch so stolz auf ihre Tra­di­ti­on ist, dem kein ver­nünf­ti­ges Bei­heft mehr spen­diert: Ein klit­ze­klei­nes Inter­view mit dem Pia­nis­ten ist da drin – sonst nichts. Kei­ner­lei mehr oder weni­ger ana­ly­ti­schen Anmer­kun­gen, kei­ne (musik-)historischen Ein­ord­nun­gen, nichts. So kann man das Niveau auch immer wie­der unterbieten …

Davon mal abge­se­hen (und das merkt man beim Hören ja glück­li­cher­wei­se nicht): Eine CD zum glück­lich Wer­den. Eindeutig.

The Liszt Pro­ject. Pierre-Lau­rent Aimard spielt Bar­tók, Berg, Mes­siaen, Ravel, Scria­bin, Strop­pa, Wag­ner und Liszt. Deut­sche Gram­mo­phon 2011.

Show 5 footnotes

  1. War­um das als „Pro­jekt“ ver­kauft wird, ist mir voll­kom­men unklar – abge­se­hen davon, dass „Pro­jekt“ irgend­wie modern und hip klingt (klin­gen soll). Schließ­lich ist das nichts ande­res als die Stu­dio­ver­si­on eines erprob­ten Kon­zert­pro­gramms.
  2. Das ist – obwohl das Kla­vier ja sozu­sa­gen ein Stan­dard­in­stru­ment ist – alles ande­re als die Regel!
  3. Sei­ne Auf­nah­me der Bach­schen „Kunst der Fuge“ weist – in ganz ande­rem Zusam­men­hang – eben­falls genau die­se Qualität(en) auf.
  4. Sehr sinn­voll übri­gens auch, die h‑moll-Sona­te an den Schluss des ers­ten Teils zu stel­len – das Ende, die letz­ten Töne, mit denen auch die ers­te CD aus­kling, wir­ken so ein­fach gran­di­os …
  5. Wobei der Umstand, dass Liszt (nicht nur) hier als fast pro­to-moder­ner Kom­po­nist gezeigt wird, sozu­sa­gen die ande­re Sei­te die­ser Medail­le ist.

Große Messe und große Interpretation

Die vie­len Kis­ten und Instru­men­ten­kof­fer des Orches­ters ste­hen noch im Ein­gangs­raum – die Chris­tus­kir­che ist eben kei­ne Kon­zert­hal­le. Auch im Kir­chen­in­ne­ren ist es voll, schon der Bach­chor und der unter­stüt­zen­de Chor der Musik­hoch­schu­le brau­chen eini­gen Platz, dazu dann noch die üppig beset­ze Deut­sche Staats­phil­har­mo­nie Rhein­land-Pfalz. Aber für das Publi­kum ist noch genü­gend Platz. Zum Glück. Denn der gan­ze Auf­wand der fast zwei­hun­dert Musi­ker ist ja kein Selbst­zweck. Und Anton Bruck­ners drit­te Mes­se in f‑Moll, das Haupt­werk des Kon­zer­tes am Tag der Deut­schen Ein­heit, sorgt dafür, dass die Chris­tus­kir­che auch akus­tisch gut gefüllt wird.

Aber die Fül­le des Klangs wur­de nie drü­ckend, der macht­vol­le Klang­ap­pa­rat – und Bruck­ner nutzt den durch­aus aus­gie­big – beschert dem Publi­kum keins­wegs eine beschwer­li­che Enge. Ganz im Gegen­teil. Der prä­gends­te Ein­druck nicht nur bei der Bruck­ner-Mes­se, son­dern auch schon in der Alt­rhap­so­die von Johan­nes Brahms, war die fei­ne Aus­ge­stal­tung aller Klän­ge. Und das ist ein unbe­ding­tes Ver­dienst Ralf Ottos. Ein wirk­lich gro­ßes noch dazu. Die gera­de­zu ver­rückt wir­ken­de Detail­ge­nau­ig­keit in Chor und Orches­ter geht näm­lich mit einer unge­ahn­ten Offen­heit der Bruck­ner­schen Musik ein­her. Was da an Vor­be­rei­tung dahin­ter ste­cken muss!

Erstaun­lich intim klingt die größ­te Mes­se Bruck­ner in der Chris­tus­kir­che. Das ist nicht gera­de kam­mer­mu­si­ka­lisch, aber trotz der teil­wei­se mäch­tig geschich­ten Chor- und Orches­ter­klän­ge – irgend­wie muss Bruck­ner ja noch zu erken­nen sein – doch immer ganz direk­te Musik, die sich nicht nur dem unbe­ding­ten Glau­ben ihres Schöp­fers ver­dankt, son­dern die­se fel­sen­fes­te Gewiss­heit auch wei­ter­ge­ben kann – ohne zu ver­heh­len, dass vie­les anders sein könn­te. Der gern mal auf­trump­fen­de, bes­ser­wis­se­ri­sche Bruck­ner kommt hier nicht zum Klin­gen. Ob es nun die berü­cken­de Innig­keit des Glo­ria ist oder die groß­ar­tig aus­ge­form­ten Kon­tras­te des Cre­do: Über­all in die­ser Mes­se herrscht ein leben­dig-atmen­der Klang, der vor allem eine Gebor­gen­heit in über­leg­ter Gestal­tung ver­mit­telt, die sich den Rausch immer wie­der ver­sagt – und so vie­les über­haupt erst zu erken­nen gibt.

Der Bach­chor singt das wie ein gebän­dig­ter Tiger: Vol­ler Kraft, mit pul­sie­ren­der Wild­heit und natür­li­chem Instinkt, die aber ganz dem Wil­len des Diri­gen­ten-Domp­teurs Otto unter­wor­fen sind und – ohne gebro­chen zu weden, ohne an Aus­strah­lung zu ver­lie­ren – zivi­li­siert wur­den. Das ist immer ein schma­ler Grat zwi­schen bana­lem Klang­rausch und gefühls­du­se­li­gem Kitsch, den Bruck­ner im Ide­al­fall von sei­nen Diri­gen­ten ver­langt. Und noch dazu tech­nisch nicht ohne Tücken. Otto wan­delt sicher – und führt das Publi­kum so nicht nur zum Erle­ben, son­dern zum ganz neu­en Ken­nen­ler­nen die­ser gro­ßen Messe.

(geschrie­ben für die Main­zer Rhein-Zeitung.)

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