Lesen. Hören. Und ein bisschen schreiben.

Autor: Matthias Seite 101 von 208

Leser mit allerlei Ansprüchen und ausdauernder Läufer. Je nach Tagesform auch mal ausdauernder Leser und Läufer mit allerlei Ansprüchen.

Netzfunde vom 21.12. bis zum 31.12.

Mei­ne Netz­fun­de für die Zeit vom 21.12. bis zum 30.12.:

Lieblingstweets Dezember 2012


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Weihnachtsgeschichte

Til­man Ramm­stedt hat für die „Zeit“ eine wun­der­schön melan­cho­lisch-weh­mü­ti­ge Weih­nachts­ge­schich­te geschrie­ben, die den Ver­lust des Fes­tes und der Familie(n) zum The­ma hat – und die immer wie­der uner­füllt blei­ben­de Sehn­sucht nach der tota­len Har­mo­nie und der voll­ende­ten Beständigkeit:

Es soll­te jetzt los­ge­hen, es soll­te sich jetzt wie­der­ho­len, es soll­te jetzt end­lich wie­der Fami­lie sein.

(weil ich über Weih­nach­ten stren­ge Nach­rich­ten- und Medi­en­di­ät gehal­ten habe, kom­me ich erst jetzt dazu, mei­nen Feed­rea­der durch­zu­ar­bei­ten. Bis Hei­lig Abend bin ich schon vorgedrungen …)

Fragend in die kalten Unendlichkeit: Schubert/​Zender

Kalt ist es, bit­ter kalt. Frie­rend und ein­sam irrt der Sän­ger kurz vor Weih­nach­ten durch die Dör­fer, ver­las­sen und ver­lo­ren. Sel­ten hört man den Sän­ger der Schu­bert­schen „Win­ter­rei­se“ so welt­ver­lo­ren wie Dani­el Kirch im Staats­thea­ter. Das ist aber kein Wun­der. Denn im Gro­ßen Haus erklingt ja gar nicht Schu­berts Win­ter­rei­se: Auf dem Pro­gramm steht eine „kom­po­nier­te Inter­pre­ta­ti­on“ die­ser Win­ter­rei­se. So hat Hans Zen­der sei­ne Bear­bei­tung genannt: Das Kla­vier wird durch ein geni­al instru­men­tier­tes klei­nes Orches­ter ersetzt, von Strei­chern über die Gitar­re und das Akkor­de­on bis zum gro­ßen Schlag­werk ist es so reich besetzt, dass es Far­ben ohne Ende bie­tet. Dabei bleibt die Musik doch trü­be: Denn Zen­der macht in sei­ner inter­pre­tie­ren­den Instru­men­ta­ti­on des Schu­bert­schen Ori­gi­nals die Aus­sichts­lo­sig­keit, die Ver­las­sen­heit des Lied­sän­gers noch viel deut­li­cher. Der Tenor Dani­el Kirch, am Anfang noch etwas unaus­ge­gli­chen, aber zuneh­mend über­zeu­gen­der, navi­gier­te sehr sicher durch das win­ter­li­che Ter­rain. Selbst in den zer­ris­se­nen Par­tien des „stür­mi­schen Mor­gens“ oder den ver­scho­be­nen Tem­pi der drei „Neben­son­nen“ blieb er beson­nen – fast zu behut­sam und sou­ve­rän ange­sichts der exis­ten­zi­el­len Not.

Auch das Phil­har­mo­ni­sche Orches­ter kam mit der unge­wohn­ten Beset­zung und dem sel­te­nen Instru­men­ta­ri­um von Melo­di­ca bis Wind­ma­schi­ne gut zurecht, wan­der­te dabei in Tei­len auch noch vor und hin­ter die Büh­ne. Doch Gene­ral­mu­sik­di­rek­tor Herr­mann Bäu­mer hat­te das alles fest im Griff. Der Schau­er kehr­te damit in die Schu­bert­sche Musik zurück – der Schau­er, den schon Schu­bert und sei­ne Zeit­ge­nos­sen bei die­sen Lie­dern über­lief. Hier wur­de er noch ein­mal leben­dig, indem Zen­der die Lie­der aus ihrer erstarr­ten Künst­lich­keit löst und die Struk­tu­ren ganz behut­sam auf­bricht. Ganz stark wur­de das am Ende des Zyklus, der in einer Auf­lö­sung der Welt mün­det – aber nicht in Wohl­klang, son­dern ins Ungewisse. 

Eine ähn­li­che Öff­nung hat­te Bäu­mer zuvor schon mit Schu­berts sieb­ter Sin­fo­nie, der Unvoll­ende­ten, unter­nom­men. Die bei­den Sät­ze reich­ten, um das Haus des Wohl­klangs zu ver­las­sen – das ist hier aller­dings auch eher ein Gefäng­nis. Des­sen Stä­be zer­bra­chen schon ganz früh, bereits die ers­ten Tak­te der in den tie­fen Strei­chern anset­zen­den Melo­die dräng­ten ins Freie, aus dem Gefäng­nis der Form und der Tra­di­ti­on weit hin­aus ins unbe­kann­te Gebiet. Bäu­mer mach­te die­se Bewe­gung wun­der­bar deut­lich und ent­wi­ckel­te dar­aus eine bestechen­de Schön­heit der Frei­heit und der Offen­heit. Das Phil­har­mo­ni­sche Orches­ter spiel­te das nicht nur hoch­kon­zen­triert, son­dern gera­de­zu leicht­fü­ßig, fast tan­zend. In schwe­ben­der Unent­schie­den­heit balan­ciert Bäu­mer zum herr­li­chen Klang. Eine Idyl­le, möch­te man mei­nen – wären da nicht die Ein­brü­che, die har­ten Schlä­ge der Wirk­lich­keit, die immer wie­der die himm­li­schen Län­gen der Unvoll­ende­ten heim­su­chen und deren äthe­ri­sche Schön­heit zer­stö­ren. Aber selbst die erklan­gen hier mit einem Fra­ge­zei­chen: Tro­cken und hart fuh­ren sie hin­ein – und zogen sich geschwind wie­der zurück. Ant­wor­ten bie­tet die­se Musik nicht mehr, da sind nur noch Fra­gen. Aber was für Fra­gen! – Und doch: Selbst die­se Offen­heit ver­blass­te dann etwas ange­sichts der schau­rig-erschüt­tern­den Käl­te, mit der Bäu­mer und Kirch die Zen­der-Ver­si­on der Win­ter­rei­se zu ihrem unbarm­her­zi­gen und ganz unweih­nacht­li­chen Ende brachten.

(etwas kür­zer für die Main­zer Rhein-Zei­tung geschrieben.)

Taglied 21.12.2012

Weil ja heu­te eigent­lich die Welt enden soll(te): Peter Fox, Der letz­te Tag

Der Letz­te Tag – Peter Fox – Live aus Berlin

Beim Kli­cken auf das und beim Abspie­len des von You­Tube ein­ge­bet­te­ten Vide­os wer­den (u. U. per­so­nen­be­zo­ge­ne) Daten wie die IP-Adres­se an You­Tube übertragen.

Undurchschaubarer Überblick

Der „inter­ak­ti­ve Über­blick“ ist die neue Klick­hu­reBild­ga­le­rie der Süd­deut­schen Zei­tung im Netz. Zum Bei­spiel hier – eine Lis­te von Buch­emp­feh­lun­gen, die „Bücher des Jah­res“ (die inhalt­lich übri­gens span­nend ist und sicher viel Ent­de­ckens­wer­tes bie­tet). Aber benutz­bar ist sie nicht. Es gibt kei­ne (!) Tas­ta­tur­na­vi­ga­ti­on, nicht ein­mal scrol­len kann mit den Tas­ten. Dafür ganz viel Gefum­mel mit der Maus, die auch noch stän­dig zwi­schen links und rechts hin- und her­wech­seln muss. Scroll­bal­ken, die man nicht ankli­cken kann, son­dern bei denen man den Mar­ker immer direkt ver­schie­ben muss. Als woll­ten sie in Mün­chen ver­hin­dern, dass der Leser einschläft …

So sieht für die SZ ein "interaktiver Überblick" aus

So sieht für die SZ ein „inter­ak­ti­ver Über­blick“ aus

Programmierer

Der Pro­gram­mie­rer wird auch vermerkt

Den Text kann man nicht mar­kie­ren, nicht aus­wäh­len, also auch nicht kopie­ren. Des­halb muss man emp­foh­le­ne Autoren und Buch­ti­tel mit der Hand abschrei­ben – am bes­ten mit dem Füll­fe­der­hal­ter auf hand­ge­schöpf­tem Papier oder wie? Aber sie sind so stolz auf die­sen „inter­ak­ti­ven Über­blick“, dass sie sogar ver­mer­ken, wer für die Pro­gram­mie­rung zustän­dig war. Ich hal­te das ja nicht für bemer­kens­wert, zumin­dest nicht im posi­ti­ven Sin­ne. Denn für den Leser ist die­ses For­mat ziem­lich ärger­lich, ner­vig und nicht gera­de lese­för­dernd. Man hat den Ein­druck, dass man län­ger mit dem Navi­gie­ren beschäf­tigt ist als mit dem Lesen. Zumal das Eigent­li­che, die emp­foh­le­nen Bücher, dann noch nicht ein­mal irgend­wie typo­gra­phisch aus­ge­zeich­net wer­den, damit man ja nicht so schnell sieht, wor­um es geht.
Irgend­wann fan­gen sie dann auch noch an, in den Emp­feh­lun­gen die Cover zu zei­gen. Aber nicht immer, son­dern nur manch­mal – David Van Reyb­roucks „Kon­go“ bei­spiels­wei­se wird mehr­mals emp­foh­len, erhält aber nur bei Chris Der­con ein Cover­bild.
Cover oder nicht Cover, das ist hier die Frage ...

Cover oder nicht Cover, das ist hier die Frage …

Und so geht das immer wei­ter. Und nach­dem man sich da flei­ßig durch­ge­klickt hat und vie­le Anre­gun­gen notiert hat, fragt man sich zum Schluss noch: Was war dar­an denn jetzt „inter­ak­tiv“? Dass ich mehr kli­cken muss um zu Lesen? Inter­agiert habe ich da doch mit nie­man­dem und nichts. Das Ein­fa­che kann eben manch­mal ganz schön schwie­rig sein …

Rezitieren von Gedichten

Im Cult­mag hat Carl Wil­helm Macke 10 sehr sin­ni­ge Regeln bzw. Gebo­te über das rich­ti­ge, ange­mes­se­ne und zuläs­si­ge Rezi­tie­ren von lyri­schen Tex­ten nie­der­ge­schrie­ben. Sie sei­en jedem Ver­an­stal­ter, Rezi­ta­tor und Lyrik­lieb­ha­ber unbe­dingt ans Herz gelegt. Da heißt es unter anderem:

1. Wäh­rend der Lesung eines Gedichts ist aus feu­er­po­li­zei­li­chen und ver­si­che­rungs­recht­li­chen Grün­den das Anzün­den von Ker­zen strengs­tens untersagt.
[…] 3. Ob ein Gedicht ste­hend, sit­zend, lie­gend, knie­end oder auf dem Kopf ste­hend, in gebück­ter oder gera­der Hal­tung vor­ge­tra­gen wird, muss dem jewei­li­gen Rezi­ta­tor über­las­sen werden.
[…] 4. Ein nütz­li­ches Gedicht ist ein schlech­tes Gedicht und soll­te des­halb mög­lichst nicht vor­ge­tra­gen wer­den. Das Rezi­tie­ren von Pro­pa­gan­da­ge­dich­ten ist nach dem Fall der Ber­li­ner Mau­er, den Twin-Tower-Anschlä­gen vom 11. Sep­tem­ber 2001 strengs­tens untersagt.

Auch die ande­ren Gebo­te sind so scharf und tref­fend for­mu­liert. Man soll­te sie eigent­lich vor jeder Rezi­ta­ti­on als Pflicht­teil eben­falls vortragen …

Taglied 20.12.2012

Von York Höl­ler gibt es wirk­lich eini­ges an guter und schö­ner Musik, mer­ke ich in letz­ter Zeit immer wieder:

http://​you​tu​.be/​Y​4​t​1​C​x​t​L​SGM

Brigitte Kronauers Rede zu Ror Wolfs Geburtstag

Ein tadellos sprühender Glanz

Das ist ja mal eine schö­ne Über­ra­schung, die ich heu­te nach­mit­tag in mei­nem Brief­kas­ten vor­fand: Der Frank­fur­ter Schöff­ling-Ver­lag zählt mich zu den „Freun­den des Ver­lags“ und hat mir zum Jah­res­wech­sel 2012/​2013 eine auf­wen­dig gestal­te­te Bro­schü­re geschickt:

Jahresgabe des Schöffling-Verlags

Jah­res­ga­be des Schöffling-Verlags

Der Text ist Bri­git­te Kro­nau­ers Rede zum 80. Geburts­tag von Ror Wolf – des­sen Gesamt­aus­ga­be erscheint ja gera­de Band für Band im Schöff­ling-Ver­lag (und die kann man sub­skri­pie­ren, was zu unzäh­li­gen Stun­den gro­ßer Lek­tü­re­freu­de führt …). Auf fei­nem Papier gedruckt, neh­men die sogar faden­ge­hef­te­ten 16 Sei­ten die Gestal­tung der RWW (Ror-Wolf-Wer­ke) mit dem wei­ßen Umschlang und der gerad­li­ni­gen Titel­schrift in kräf­ti­gem Rot auf. So etwas kann man im ebook natür­lich nicht adäquat wiedergeben …
Brigitte Kronauers Rede zu Ror Wolfs Geburtstag

Bri­git­te Kro­nau­ers Rede zu Ror Wolfs Geburts­tag (faden­ge­hef­tet)

Dar­in heißt es sehr tref­fend über Ror Wolf (auf Sei­te 6):

Unse­re übli­che Rea­li­tät erscheint ihm, auch wenn in ihr, anders als in sei­ner stum­men hei­mat­li­chen Umge­bung im thü­rin­gi­schen Saal­feld, noch so viel gere­det und geschwa­felt wird, genau so öde wie dem Sechs­jäh­ri­gen die sei­ne, bevor er das Lesen lern­te und dabei sei­ne ige­ne ima­gi­nä­re Gesell­schaft entdeckte.

Auf jeden Fall ein sehr net­ter Gedan­ke, eine gelun­ge­ne und so pas­sen­de Über­ra­schung – dafür gan­ze herz­li­chen, vie­len Dank nach Frank­furt an den Verlag!

Das verhaßte Haus

Das ers­te Trau­er­spiel /​das ihm Ver­druß erweckt /
Hegt das ver­haß­te Haus /​das man die Schu­le nennet /
Wo Kunst und Tugend ihm ein wei­tes Ziel aussteckt /
Wol dem! der hier mit Lust und hur­tig dar­nach rennet!
Denn der erreicht es nicht /​der ihm zur Zentner-Last
Der Weiß­heit Leh­ren macht /​sie spie­len­de nicht fasst. 

— Dani­el Cas­par von Lohen­stein, Sopho­nis­be (Wid­mungs­vor­re­de)

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