Ins Netz gegangen (2.8.)

Andrés Canchón

Ins Netz gegan­gen am 2.8.:

Ins Netz gegangen (17.6.)

Ins Netz gegan­gen am 17.6.:

  • Der Feh­ler­teu­fel arbei­tet jetzt als Fak­ten­che­cker | Über­me­di­en → wenn die über­prü­fung der wahr­heits­ge­hal­te von poli­ti­ker­aus­sa­gen der über­prü­fung auf die wahr­heits­ge­hal­te nicht stand­hält – und die medi­en die über­prü­fung der über­prü­fung unter­las­sen – dann ist ste­fan nig­ge­mei­er etwas genervt …:

    Ach, es ist ein Kreuz. Und was für eine Iro­nie, dass meh­re­re Medi­en einen Fak­ten­check fei­ern, ohne grob die Fak­ten zu che­cken.

  • Glo­ba­li­sie­rung am Wohn­zim­mer­ti­sch | zeitgeschichte-online.de → der zeit­his­to­ri­ker frank bösch über rupert neu­de­ck

    Da Neu­de­ck kei­ne Erfah­run­gen in die­sem Feld hat­te, trat er zunächst mit rela­tiv unbe­darf­ten Kon­zep­ten für die Ret­tung und Über­füh­rung der Boat Peop­le ein. Doch gera­de die­se anfäng­li­che Blau­äu­gig­keit mach­te vie­les mög­li­ch.

    Neu­decks Hilfs­ak­tio­nen stan­den für einen Wan­del des poli­ti­schen Enga­ge­ments in Deutsch­land. Im Unter­schied zu den Soli­da­ri­täts- und „Drit­te Welt“-Gruppen der 1970er Jah­re waren sie nicht welt­an­schau­li­ch kon­no­tiert, son­dern setz­ten über­par­tei­li­ch auf kon­kre­te Hil­fe. Nicht Theo­ri­en und Worte, son­dern Taten ohne ideo­lo­gi­schen Über­bau zähl­ten für ihn. </blockquote

  • Pres­se­frei­heit in Thü­rin­gen: Die Poli­zei, Hel­fer der Rech­ten? | taz

    Ver­gan­ge­ne Woche reich­ten die Jour­na­lis­ten Kla­ge vor dem Ver­wal­tungs­ge­richt Wei­mar ein. Die Poli­zei habe sich von den Neo­na­zis instru­men­ta­li­sie­ren las­sen, kri­ti­sie­ren sie. „Die Platz­ver­wei­se ent­beh­ren jeder Grund­la­ge“, kri­ti­siert Röp­kes Anwalt Sven Adam. „Statt die For­de­run­gen von Neo­na­zis umzu­set­zen, muss die Poli­zei die Pres­se­frei­heit durch­set­zen.“

  • Über Gedich­te und ihre Kri­tik: Wo Jupi­ter Kanin­chen hütet | NZZ → nico bleut­ge über die mög­lich­kei­ten und not­wen­dig­kei­ten von lyrik und einer ihr ange­mes­se­nen kri­tik

    Gedich­te sind nichts, was man mal eben hüb­sch neben­her liest, um sich an einem klei­nen ästhe­ti­schen Kit­zel zu erfreu­en und dann alles wie­der zu ver­ges­sen. Viel­mehr kön­nen sie wie kei­ne ande­re Art von Lite­ra­tur Gesell­schaft, ihre Spra­che und ihre Struk­tur reflek­tie­ren, nach Über­setz­bar­keit fra­gen, Nor­mie­run­gen unter­lau­fen – und damit Erkennt­nis bie­ten. Nicht durch das, was sie sagen, son­dern dadurch, wie Gedich­te es sagen, wie sie mit sprach­li­chen Struk­tu­ren umge­hen, sie wen­den, ein Netz von Moti­ven aus­wer­fen, Bedeu­tun­gen, Mus­ter und Klän­ge auf­grei­fen und ver­schie­ben. Und so für Offen­heit sor­gen, Denk­mög­lich­kei­ten frei­le­gen.

Ins Netz gegangen (21.12.)

Ins Netz gegan­gen am 21.12.:

  • 39. Besu­ch auf dem Fried­hof oder Ein Kreu­zungs­punkt der Zei­ten – achim land­wehr über die mög­lich­kei­ten & gele­gen­hei­ten, die ein gang auf den fried­hof bie­ten kann:

    Der Fried­hof ist dann nicht mehr nur ein Ort des Geden­kens, son­dern auch des Beden­kens der Zeit(en), die wir haben oder die wir mög­li­cher­wei­se haben wol­len. Hier ist nicht nur die Trau­er über die Toten zu Hau­se, son­dern auch die Hoff­nung ande­rer Zeit­mo­da­li­sie­run­gen, weil sich gen­au hier die sehr unter­schied­li­chen Ver­zei­tun­gen begeg­nen, über­kreu­zen und gegen­sei­tig durch­ein­an­der­brin­gen.

  • Wolf­gang Benz : „Ich bin schon froh, wenn es nicht schlim­mer wird“ | ZEIT – sehr gutes inter­view mit wolf­gang benz, der ziem­li­ch ernüch­tert über sei­ne for­schun­gen, den zustand der deut­schen gesell­schaft und die mög­lich­kei­ten der geschichts­wis­sen­schaf­ten spricht:

    Man kann sagen: Die Sache mit Natio­nal­staat und Natio­nal­be­wusst­sein ist in Deutsch­land gründ­li­ch schief­ge­gan­gen.
    […] Es hat doch ohne­hin <em>niemand<em> wirk­li­ch Inter­es­se an Geschich­te. Fürs Fami­li­en­al­bum viel­leicht, aber wenn es dar­um geht, poli­ti­sche und sozia­le Her­aus­for­de­run­gen in den Griff zu bekom­men, spielt der Bli­ck in die Geschich­te kaum noch eine Rol­le. Da wird der His­to­ri­ker allen­falls abge­wehrt. Von Geschich­te und der Mög­lich­keit, sie zu nut­zen im Sin­ne eines huma­nis­ti­schen Fort­schritts, will die Mensch­heit nichts wis­sen. Son­st wür­de es näm­li­ch seit lan­ger Zeit kei­ne Krie­ge mehr geben, kei­nen Völ­ker­mord und wahr­schein­li­ch kei­ne Ver­trei­bun­gen.
    […] [Die Auf­klä­rung] war und ist der ein­zi­ge Ansatz­he­bel gegen das Freund-Feind-Den­ken und die Dehu­ma­ni­sie­rung des Ande­ren. Aber wie müh­sam schritt nach dem Jahr­hun­dert der Auf­klä­rung die Jude­n­eman­zi­pa­ti­on vor­an und mit wel­cher Halb­her­zig­keit! Und wie viel stär­ker ist das Irra­tio­na­le, das an Ängs­te appel­liert; wie viel leich­ter tun sich die Dem­ago­gen als die Auf­klä­rer … </em></em>

    – sehr lesens­wert!

  • The Inter­na­tio­nal Postal Sys­tem Is Pro­found­ly Broken—and Nobo­dy Is Pay­ing Atten­ti­on – Paci­fic Stan­dard – span­nend: ein text über die UPU, die Uni­ver­sal Postal Uni­on, die den brief­ver­kehr und vor allem des­sen bezah­lung zwi­schen staa­ten & pos­ten orga­ni­siert – und die mit eini­gen gro­ßen pro­ble­men zu kämp­fen hat, aber anschei­nend kaum/nicht zu refor­mie­ren ist …
  • Ver­fah­ren gehö­ren zum Beruf des Jour­na­lis­ten dazu – Das Netz – hans ley­en­de­cker im gespräch mit irights.info, über die netz­po­li­tik-lan­des­ver­rats-affä­re, geheim­diens­te, deutsch­land und euro­pa
  • Secret Code Found in Juniper’s Fire­walls Shows Risk of Govern­ment Back­doors | WIRED – ein real-life-pro­blem, an dem man sehr schön sehen kann, dass hin­ter­tü­ren bei ver­schlüs­se­lung etc. über­haupt kei­ne gute ide­en sind – schließ­li­ch kann die jeder fin­den (nicht, dass das bis­her undenk­bar gewe­sen wäre …)
  • Kill Your Airbnb’s Hid­den WiFi Came­ras With This Script | Mother­board – ein skript, mit dem man (mit ein biss­chen glück) unlieb­sa­me über­wa­chungs­ka­me­ras im wlan aus­schal­ten kann (aber nicht darf ;-) …)
  • Flücht­lings­for­schung gegen Mythen 2 – Netz­werk Flücht­lings­for­schung – das netz­werk flücht­lings­for­schung hat zum zwei­ten mal wis­sen­schaft­ler unter­su­chen las­sen, was an häu­fi­gen behaup­tun­gen über flücht­lin­ge dran ist. und wie­der zeigt sich: poli­ti­ker haben oft über­ra­schend wenig ahnung (oder sie tun zumin­dest so)
  • Stop­pen wir lügen­de Poli­ti­ker! | NZZ Cam­pus – ser­van grü­nin­ger zeigt sehr deut­li­ch, dass björn höckes ras­sis­ti­sche erklä­rung der repro­duk­ti­ons­stra­te­gi­en der „afri­ka­ner“ und der „euro­pä­er“ nach dem stand der wis­sen­schaft ein­fach fal­scher unsinn ist.

    Das Pro­blem liegt nicht dar­in, dass er ein Ras­sist ist. Das Pro­blem liegt dar­in, dass er ein Ras­sist ist, der die Wis­sen­schaft für sei­ne Ideo­lo­gie ein­span­nen will – im Wis­sen dar­um, dass ein sol­ches Vor­ge­hen sei­ne Aus­sa­gen stützt.

  • Baye­ri­sches Kabi­nett erlaubt Ver­fas­sungs­schutz Zugriff auf Vor­rats­da­ten­spei­che­rung | netzpolitik.org
  • ohne worte.

  • Archiv Arbei­ter­ju­gend­be­we­gung – Rea­der – ein (quellen)reader zur arbei­ter­ju­gend­be­we­gung zwi­schen 1904 und 1945. sieht auf den ers­ten bli­ck ganz inter­es­sant und gut gemacht aus (auch/gerade, weil ich von dem the­ma kei­ne ahnung habe …)
  • Wenn Spi­cken erlaubt ist | Bob Blu­me – bob blu­me über den ver­su­ch einer arbeit, bei der spi­cken erlaubt ist

Selige Zeit der ersten Liebe

Seli­ge, seli­ge Zeit! du bist schon lan­ge vor­bei! O die Jah­re, wor­in der Men­sch sei­ne ers­ten Gedich­te und Sys­tem lie­set und macht, wo der Geist sei­ne ers­ten Wel­ten schafft und seg­net, und wo er voll fri­scher Mor­gen­ge­dan­ken die ers­ten Gestir­ne der Wahr­heit kom­men sieht, tra­gen einen ewi­gen Glanz und ste­hen ewig vor dem seh­nen­den Her­zen, das sie genos­sen hat und dem die Zeit nach­her nur astro­no­mi­sche Ephe­me­r­iden und Refrak­ti­ons­ta­bel­len über die Mor­gen­ge­stir­ne reicht, nur ver­al­te­te Wahr­hei­ten und ver­jüng­te Lügen! – O damals wurd‘ er von der Milch der Wahr­heit wie ein fri­sches durs­ti­ges Kind getränkt und groß­ge­zo­gen, spä­ter wird er von ihr nur als ein wel­ker skep­ti­scher Hek­ti­kus kuriert! – Aber du kann­st frei­li­ch nicht wie­der­kom­men, herr­li­che Zeit der ers­ten Lie­be gegen die Wahr­heit, und die­se Seuf­zer sol­len mir eben nur dei­ne Erin­ne­rung wär­mer geben; – und keh­re­st du wie­der, so geschieht es gewiß nicht hier im tie­fen nied­ri­gen Gru­ben­baue des Lebens, wo unse­re Mor­gen­rö­te in den Gold­flämm­lein auf dem Gold­kie­se besteht und unse­re Son­ne im Gru­ben­licht – nein, son­dern dann kann es gesche­hen, wenn der Tod uns auf­deckt und den Sarg­de­ckel des Schach­tes von den tie­fen blaß­gel­ben Arbei­tern weg­rei­ßet, und wir nun wie­der, wie ers­te Men­schen, in einer neu­en vol­len Erde ste­hen und unter einem fri­schen uner­meß­li­chen Him­mel! – Jean Paul, Tit­an, 25. Zykel

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  • Maga­zin: Men­schen| Migros-Kul­tur­pro­zent – «Ich bin ein Ver­tei­di­ger der Lüge» – René Pol­le­sch im Gespräch mit Andre­as Tobler – wie immer eine ziem­li­ch klu­ge Sache:

    Authen­ti­zi­tät ist immer auf Iden­ti­fi­zie­rung aus, aber nicht auf kon­kre­te Inhal­te. Das Pro­blem wird als eines iden­ti­fi­ziert, das man ganz ein­fach weg­krie­gen kann. 

    oder spä­ter:

    Ich bin ein Ver­tei­di­ger der Lüge und des Betrugs. Mich inter­es­sie­ren inne­re Wahr­hei­ten nicht. Ich sage auch den Zuschau­ern kei­ne Wahr­heit, gera­de im Thea­ter nicht. Wenn in der «Tages­schau» mal über Thea­ter gere­det wird, kurz vor der Wet­ter­kar­te, dann neh­men die Nach­rich­ten­spre­cher so einen infan­ti­len Ton an.
    […] Die Wahr­heit war immer auf der Sei­te der Macht. Um Ver­rat geht es bei Snow­den, das sagt auch Oba­ma, der ihn aber nur fal­sch ver­ur­teilt. Die Wahr­heit muss man ganz bestimmt nicht schüt­zen, es gilt die Lüge zu schüt­zen, das Ver­bre­chen. Und zwar vor der NSA. Ohn­mäch­tig ist man doch, wenn man sich für etwas ein­setzt, was mit der Macht im Bun­de ist. Was soll denn das für eine Akti­on sein, für die Wahr­heit zu kämp­fen? Für den Ver­rat muss man kämp­fen! Den gibt es näm­li­ch nicht mehr an jeder Ecke. 

  • The Art Song Pro­ject » Erman­no Wolf-Fer­ra­ri – Zwei schö­ne Lie­der von Erman­no Wolf-Fer­ra­ri, der heu­te Geburts­tag hat­te, gibts beim Art Song Pro­ject @ArtSongLind >
  • Struk­tur und Metho­de: Das Pro­blem mit @1914Tweets | hel­lo­jed.RT @moritz_hoffmann: Geb­loggt, was ich an @1914tweets pro­ble­ma­ti­sch fin­de. Freue mich auf Dis­kus­sio­nen: #reent­weet­ment

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  • Gesell­schafts­kri­tik: Über Pro­mi-Schlag­zei­len | ZEIT ONLINE – Hei­ke Fal­ler über die Kunst der Schlag­zei­len:

    Die per­fek­te Über­schrift bringt also etwas auf den Punkt, bei dem ande­re gan­ze Leit­ar­ti­kel brau­chen, es zu umkrei­sen, um es dann am Ende doch nicht zu tref­fen: Wir sind Papst! war so ein Satz, unver­gäng­li­ch wie Atom­müll und lei­der genauso ner­vig, weil nicht zu ent­sor­gen.

  • Euro Hawk: Papier erschüt­tert de Mai­ziè­res Glaub­wür­dig­keit – Süddeutsche.de – Die SZ hat schon wie­der Unter­la­gen bekom­men, die mehr als nahe­le­gen, dass de Mai­ziè­re gelo­gen hat:

    In der Euro Hawk-Affä­re gibt es einen wei­te­ren Beleg dafür, dass Ver­tei­di­gungs­mi­nis­ter Tho­mas de Mai­ziè­re (CDU) frü­her als ange­ge­ben Kennt­nis vom Aus­maß der Pro­ble­me hat­te. In einem der Süd­deut­schen Zei­tung vor­lie­gen­den Doku­ment zur Vor­be­rei­tung auf ein Gespräch mit Abge­ord­ne­ten der Regie­rungs­frak­tio­nen heißt es, die Zulas­sung der Droh­ne gestal­te sich „als extrem schwie­rig und risi­ko­be­haf­tet“. Es trägt das Datum 6. März 2013, der Minis­ter hat es am 12. März abge­zeich­net.

  • not inva­ded – RT @Amazing_Maps: A map sho­w­ing the 22 coun­tries that Great Bri­tain has not inva­ded (yet).
  • Blei II on Vimeo – schön: Robert Platz war zu Besu­ch in der „Dru­cke­rey“ von Mar­tin Z. Schrö­der – und hat „Blei II“ mit­ge­bracht >

Fortschritt und Wahrheiten

Wenn einen mal wie­der die Ver­zweif­lung packt ob der vie­len Into­le­ran­zen und Unge­rech­tig­kei­ten unse­rer Gesell­schaft heu­te, hilft es manch­mal ein biss­chen in die Ver­gan­gen­heit zu schau­en. Nicht um zu resi­gnie­ren und das Ziel der Gleich­heit und Gerech­tig­keit aus den Augen zu ver­lie­ren (nach dem Mot­to: Frü­her war es ja noch viel schlim­mer), aber um zwi­schen­durch mal wie­der zu rea­li­sie­ren, wie sehr sich die bun­des­re­pu­bli­ka­ni­sche Gesell­schaft in ihrem Bestehen doch gewan­delt hat und immer wie­der und wei­ter wan­delt. Mir ist das gera­de wie­der auf­ge­fal­len, als ich eini­ge frü­he Jahr­gän­ge der Zeit­schrift „Die Neue Poli­zei“ durch­blät­ter­te – ein bay­ri­sches (spä­ter süd­west­deut­sches) Maga­zin für die Ange­hö­ri­gen der Poli­zei­kräf­te. Neben aller­lei tech­ni­schen Kurio­si­tä­ten fällt da näm­li­ch immer wie­der auf, wie unge­hemmt in den 1950ern noch aus­ge­grenzt wur­de. Viel­leicht – man­ches deu­tet dar­auf hin – sind die Bay­ern dabei beson­ders stark, und sicher­li­ch spie­gelt eine Poli­zis­ten-Zeit­schrift auch nicht unbe­dingt immer die Mehr­heit der Gesell­schaft wie­der. Aber vie­les ist ein­fach erschre­ckend. Zum Bei­spiel, wie stark sich der Dis­kurs über „Zigeu­ner“ und „Fah­ren­des Volk“ noch aus den Argu­men­ten der 1920er und 1930er – aus der Zeit stamm­ten auch die ent­spre­chen­den Geset­ze – her­lei­tet. Und wie die Auto­ren über­haupt nicht sehen, dass die­se „Son­der­be­hand­lung“ gan­zer Grup­pen viel­leicht nicht so ganz im Ein­klang mit dem Grund­ge­setz ste­hen könn­te … Wie die „Abwei­chung“ von der „Norm“ auch kei­ne Pri­vat­sa­che bleibt, son­dern kri­mi­na­li­siert wird. Und sei es nur auf Umwe­gen.

die Zunahme der weiblichen Homosexualität (Die Neue Polizei, 1/1950)

Die Zunah­me der weib­li­chen Homo­se­xua­li­tät (Die Neue Poli­zei, 1/1950)

Das soll­te eben eigent­li­ch nur eine kur­ze Ein­lei­tung für die­sen Arti­kel sein, der mich selbst in die­sem eben geschil­der­ten Umfeld etwas ver­wun­dert hat. Auf der ande­ren Sei­te ist das natür­li­ch wenig ver­wun­der­li­ch: Wie­so sol­len Argu­men­te und Dis­kur­se von heu­te auf mor­gen sich ändern, nur weil ein Krieg ver­lo­ren wur­de, ein Staat unter­ging, Besat­z­er neue Regeln for­cie­ren und gera­de ein neu­er Staat ent­stan­den ist? Denn alle Argu­men­te, die hier auf­tau­chen, sind natür­li­ch über­haupt nicht neu und in keins­ter Wei­se ori­gi­nell. Sol­che Phä­no­me­ne zu beob­ach­ten, zu erken­nen und zu ver­fol­gen, ist ein Pri­vi­leg, dass His­to­ri­ker haben. Und das wich­ti­ge dar­an: Es macht mir immer wie­der klar, dass gen­au das­sel­be auch für das „heu­te“ unse­rer Gegen­wart gilt, dass zukünf­ti­ge His­to­ri­ker sich ziem­li­ch sicher über Bor­niert­hei­ten und unver­ständ­li­che, fast ata­vis­ti­sch erschei­nen­de Relik­te unse­rer Zeit genauso wun­dern wer­den wie ich es in die­sem Fall über die 1950er getan habe. Und wenn man das mal ver­in­ner­licht hat, ist einem ziem­li­ch sicher klar gewor­den, wie wenig abso­lu­te und dau­er­haf­te Wahr­heit es (noch) gibt (wenn es über­haupt wel­che gibt). Und natür­li­ch auch, wie frag­wür­dig die Idee eines/des „Fort­schritts“ ist und sein muss.

Wahrheit oder Leben

Zwei Roma­ne zum Preis von Einen. Oder auch nicht. Eigent­li­ch ist ja doch nur einer, „Die Lein­wand“ von Ben­ja­min Stein, der im „Turm­seg­ler“ auch ein sehr inter­es­san­tes Blog hat. Aber er wird dop­pelt erzählt, mit Jan Wechs­ler und Amnon Zichro­ni als Zen­tren der jewei­li­gen Tei­le. Und damit auch jeder die Beson­der­heit merkt, sind die bei­den Tei­le so gedruckt, dass man das Buch von jeder Sei­te begin­nen kann: „Zwei Haupt­we­ge und ver­schlun­ge­ne Neben­pfa­de füh­ren durch die­sen Roman. Hin­ter jedem Umschlag befin­det sich ein mög­li­cher Aus­gangs­punkt für das Gesche­hen. Es ist Ihnen über­las­sen, wo Sie zu lesen begin­nen.“ – so heißt es auf dem Umschlag. Man darf aber auch zwi­schen jedem der 11 Kapi­tel die Lese­rich­tung wech­seln. Ich fing mit Ammon Zchro­ni an, las das kom­plett und wech­sel­te erst dann zum Jan-Wechs­ler-Teil. Kei­ne Ahnung, ob es eine bes­se­re Vari­an­te gibt ;-).

Wor­um geht es: Um Wahr­heit, um Erin­ne­rung, ums Gedächtnis – und vor allem die gan­zen Pro­ble­me, die damit zusam­men­hän­gen. Die trü­ge­ri­sche Erin­ne­rung, der unkla­re Sta­tus von Erin­ne­run­gen, und immer wie­der die Fra­ge: Was ist hier die Wahr­heit? Was ist pas­siert? Was wird wie war­um erin­nert? Ziem­li­ch am Anfang des Wechs­ler-Tei­les, auf der Sei­te W.14 heißt es:

Nie­mand wüss­te bes­ser als ich, dass die Gren­ze zwi­schen Rea­li­tät und Fik­ti­on in jeder Erzählung mäan­dernd inmit­ten der Spra­che ver­läuft, getarnt, unfass­bar – und beweg­li­ch. Selbst das Wort „Wirk­lich­keit“ führt ins Unwäg­ba­re.

Damit ist eigent­li­ch schon fast alles über die­se groß­ar­ti­ge Buch gesagt. Die Sto­ry ist ent­spre­chend ela­bo­riert. Der Zichro­ni-Teil erzählt die Geschich­te eines mehr oder weni­ger streng­glüu­bi­gen Juden, sei­ne Aus­bil­dung, sei­ne Zwei­fel und Glau­ben­s­an­fech­tun­gen, aber auch sei­ne Fes­tig­keit im Glau­ben. Jan Wechs­ler ist ein Schrift­stel­ler (oder auch nicht, er ist sich selbst da extrem unsi­cher, weil sein Gedächt­nis ihn sys­te­ma­ti­sch im Stich lässt), der im End­ef­fekt Zichro­ni umbringt – oder umge­kehrt, je nach Erzähl­rich­tung. Die feh­len­de Erin­ne­rung, ihr trü­ge­ri­sche (Un-)Sicherheit wird so zum Kri­mi­nal­fall, das eher phi­lo­so­phi­sche Pro­blem des Sta­tus der „Wahr­heit“ hat auf ein­mal hand­fes­te Kon­se­quen­zen. Dazu kommt noch, damit eng ver­knüpft, die Fra­ge der Iden­ti­tät des Men­schen – bin ich, was ich erin­ne­re? Gibt es einen „wah­ren“ Kern der Iden­ti­tät, die (auch) außer­halb mei­ner selbst, mei­ner – ja sowie­so unzu­ver­läs­si­gen – Erin­ne­rung liegt? Die gan­zen „gro­ßen“ The­men wer­den zwar sehr deut­li­ch, aber – und das ist dann halt ein­fach das Schö­ne an die­sem Buch – sie blei­ben in die Erzäh­lung wun­der­bar har­mo­ni­sch ein­ge­bet­tet: Klar, man merkt recht schnell, wor­um es dem Autor geht. Aber die sto­ry bleibt span­nend, die Erzäh­ler kön­nen mit ihrer oft weit aus­ho­len­den, allen Neben­pfa­den nach­ge­hen­den, aber gen­au kon­stru­ier­ten Erzäh­lung trotz­dem wei­ter­hin fes­seln.

Das ent­wi­ckelt ziem­li­ch schnell einen deut­li­chen Sog – vor allem der Zichro­ni-Teil hat mich sehr gefes­selt: Mit sei­nen sehr far­bi­gen Beschrei­bun­gen, sei­nen aus­ge­such­ten Ver­glei­chen und poe­ti­schen Stil – der Wechs­ler-Teil ist deut­li­ch pro­sai­scher, zumin­dest kam es mir beim Lesen so vor. Aber irgend­wie gelingt es mir gera­de nicht, die Freu­de und Begeis­te­rung mei­ner Lek­tü­re in Worte zu fas­sen … Gre­gor Keu­sch­nig hat dage­gen eine nicht nur sehr umfang­rei­che, son­dern auch ziem­li­ch gute und genaue Inhalts­an­ga­be für das „Begleit­schrei­ben“ geschrie­ben. Eini­ge wei­te­re Reak­tio­nen las­sen sich über den oben erwähn­ten Turm­seg­ler oder beim Per­len­tau­cher fin­den – die meis­ten sind ziem­li­ch posi­tiv, was ich gut nach­voll­zie­hen kann.

Die Welt in mir war für micht die Welt. (W.75)
Ich bin, wor­an ich mich erin­ne­re. Etwas ande­res hab ich nicht. (W.121)

Ben­ja­min Stein: Die Leinwand.Roman. Mün­chen: Beck 2010. ISBN 978–3-406–59841-8.

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