Norbert Scheuer: Bis ich dies alles liebte. Neue Heimatgedichte. München: Beck 2011. 101 Seiten
Im Jahr 2011 Heimatgedichte zu schreiben, ist natürlich eine Provokation – die Gattung gilt (genauso wie „Heimat“ überhaupt) als erledigt und überholt. Aber immerhin sind es „Neue Heimatgedichte“, die Norbert Scheuer hier vorgelegt hat. Und sie sind lange nicht so provozierend, wie man erwarten mag. Was auch damit zusammenhängen dürfte, dass sie schon als Gedichte – unabhängig von ihrer Thematik – nich so sehr provozieren können und wollen. Eine leichte Wehmut lässt sich oft erkennen, vor allem aber zeichnet die Heimatgedichte Scheuers wohl so etwas wie eine Zufriedenheit mit der „Heimat“ trotz der vorhandenen/erworbenen Kenntnis des Anderen (als das wären: Welt, Unsterblichkeit der Literatur und dergleichen mehr) aus. „Heimat“ selbst ist ja eigentlich eine sehr ungenaue Spezifizierung. Hier trifft sie vor allme – und das ist tatsächlich in der Lyrik der letzten Jahre nicht unbedingt gewöhnlich – auf das Dorf. Man kann gerade die ersten Gedichte des Bandes auch als eine klitzekleine Geschichte des Dorfes im Zeitraffer lesen, mit den Menschen und den Tätigkeiten und der Umgebung, die dazu gehört. Wo andere Lyriker Szenen der Stadt beschreiben, steht hier eben das dörfliche oder ländliche Leben und Erleben im Vordergrund. Das war aber auch schon der Unterschied – na gut, vielleicht überhaupt die deutliche und starke Verortung in bestimmt-unbestimmten Raum (der „Heimat“, auf dem Lande …). Dieser Ort bleibt aber ungenannt und nicht ganz fassbar – es ist eine manchmal ideale, manchmal nicht so ehr ideale Konstruktion aus dem Typischen. Ein paar sehr feine, klare (sprechende) Gedichte sind dabei, aber auch einiges eher mittelmäßige und auch banales. Formal hat sich das leider auch eher schnell erschöft, hat man schnell kapiert und ist dann zwar nicht schlechter, aber auch nicht mehr besonders spannend oder anregend – etwa das Spiel mti der Oberflächenform der Gedichte udn ihrer Sprache. Aber vielleicht ist das eben einfach Lyrik der Normalität (des Lebens, eben des Lebens in der Heimat und auf dem Land).
Julien Gracq: Der Versucher. Graz: Droschl 2014. 232 Seiten.
„Ein Buch, das vollständig aus Obertönen besteht“ schreibt der Übersetzer Dieter Hornig im Nachwort zu einem der Vorbilder für Gracq, Chateuabriands Vie de Rancé. Das gilt aber auch für den Versucher: Das ist nämlich ein Roman, der maßgeblich von seiner Atmosphäre lebt. Es ist faszinierend, wie genau und leicht Gracq die heraufbeschwören kann: Seine eleganten Beschreibungen der Eleganz verlorener Zeit(en) und untergegangnen Epochen, wie sie sich im Urlaubsleben in einem Strandhotel manifestieren, lassen eine entspannte, offene, zugleich erwartende und erwartungsvolle Stimmung entstehen, die wunderbar zum sommerlichen Schweben im Urlaub, dem Entrückt-Sein aus dem Alltag, passen. In der Landschaft der bretonischen Küste, mit ihrer Melancholie und Vergänglichkeit, die Gracq bezaubernd beschreibt, trifft der Erzähler (und Literaturwissenschaftler) Gérard unter anderem auf Allan, eine seltsam changierende Figur zwischen Hochstapler und tragischem Schicksal – und ein wundersames und wunderbares Kammerspiel entfaltet sich, das man auch ganz und gar genießen kann, ohne die intertextuellen Anspielungen, die Gracq hier offenbar (und mehr oder weniger offensichtlich) verarbeitet hat, zu verstehen.
Jan Kuhlbrodt: Stötzers Lied. Gesang vom Leben danach. Berlin: J. Frank 2013 (Quartheft 40). 180 Seiten.
Ein seltsames Buch, das mir eher fremd geblieben ist. Der „Gesang“, unterteilt in diverse durch „Embolien“ getrennte Abschnitte (darunter „Stötzers Gedichte“, „Paralipomena zu Stötzer“ oder „Deutscher Platz“) ist eine Art Prosagedicht. Formal gibt sich das als Lyrik, mit Versen und Strophen etc. Sprachlich bleibt es aber im Großen und Ganzen Prosa. Und so wie es beide Gattungen gleichermaßen bedient, so bedient es sich auch bei den großen Thema. Irgendwie geht es immer um Geschichte und den Umgang mit ihr, besonders im (post)sozialistischen Leipzig, von Völkerschlachtdenkmal über Lenin bis zur Ästhetik der Plattenbauten wird so ziemlich alles mögliche angerissen und aufgerufen. Der Klappentext schreibt da ganz treffend:
Stötzer [die von Kuhlbrodt eingesetzte Sprecher-/Reflektorfigur] ist ein Wahrnehmungsspeicher, ein Seismograph. […] Er nimmt das auf, was ihn überrollt: Politik, Ökonomie, Kunst, Geschichte. Stötzer kommentiert aus der Statik heraus die Bewegungen, das Ausklingen des Vergangenen und das Hereinbrechen des neuen Jahrtausends.
Das ist eine Mischung aus Banalitäten der Oberfläche und tiefer bohrenden Reflexionen geworden, die unvermittelt neben einander auftauchen und da auch stehen bleiben, sich dadurch aber recht erfolgreich gegenseitig befruchten und ergänzen. Darüber hinaus ist das aber auch ein sehr schönes, gut gemachtes Buch geworden, das mit verschiedenen Gestaltungselementen der Typographie und der Illustrationen die verschiedenen Teile oder Ebenen des Texte gut illustrierend ergänzt und verdeutlicht.
Christa Reinig: Feuergefährlich. Neue und ausgewählte Gedichte. Ausgewählt und mit einem Nachwort von Klaus Wagenbach. Berlin: Wagenbach 2010 (Klaus Wagenbachs Oktavhefte). 79 Seiten.
Wirklich näher gebracht hat mir diese Auswahl Klaus Wagenbachs die Lyrik von Christa Reinig nicht. Der Anfang ist schrecklich banal, schon die Form – bravste Paar- und Kreuzreime in regelmäßiger Metrik und Zwölfzeilern – verhindert fast das interessierte Lesen. Zum Glück wandelt sich das mit dem Fortschreiten der Seiten, eine zunehmende Konzentration und Verdichtung. Das macht die nun auch mal lakonisch wirkenden Gedichte besser. Allein schon deshalb, weil sie nicht mehr so geschwätzig sind. Allerdings bleibt der Eindruck, dass hier eine Autorin schreibt, die irgendwie ständig beleidigt von der Welt und ihrer Schlechtigkeit wirkt. Weil das oft den Beiklang persönlichen Beleidigtseins hat (z.B. bei „Der Andere“!), hat mich das etwas genervt. Die Gegenüberstellung der Machtlosigkeiten, der Ohnmacht, der richtigen Sprache und den offiziellen Verlautbarungen/Wörtern, den Herrschenden, den Mächtigen durchzieht fast alle Texte mehr oder weniger. Das ist ja eigentlich eine sympathische Sache, weil aber vieles mir eigentlich zu offensichtlich, zu deutlich und eindeutig gesagt ist, verliert das etwas von seiner Wirkung.
In die Gewehre rennen
mein tiefstes herz heißt tod wenn das die mörder wüssten wären sie es müde (34)
außerdem noch:
Arno Schmidt, »Na, Sie hätten mal in Weimar leben sollen!« Über Wieland – Herder – Goethe. Mit einem Essay von Jan Philipp Reemtsma, hrsg. von Jan Philipp Reemtsma. Stuttgart: Reclam 2013. 234 Seiten. (mit dem wunderbaren Essay „Goethe und einer seiner Bewunderer“)
Einhard, Vita Karoli Magni (zur Vorbereitung auf den Ausstellungsbesuch in Aachen)
die modefarben von 1914 waren Blumenfeld (Berlin/New York) zufolge, waren diesem sprachen-fotograf zufolge ziemlich zuerst:
nil. ein grün natürlich, anorientalisiertes abend- land, das großbürgertum hinter schweren portieren, bei indirekter beleuchtung trägt Berlin auf, was Paris trägt.
tango. das orange, die trauer früchte die den blick verkanten. südfrüchte wurden kaum gekannt sie kamen im beamtentume vor: auf dem weihnachtsteiler, auf dem börsenparkett tango, schiffbau stahl bestens notiert, und:
ciel. ist der verdrehte himmel. blue pills und stahlparkett, zur frühjahrssaison natürlich von marne gar noch nicht die rede, ab herbst war dann das kleine schwarz natürlich angesagt. * gesagtes kleines schwarz. gesagte schwarztöne, die allgemeiner wurden; besagte zunahmen, zunahmen in dem maße wie die herzgruben und ‑töne schwächer, dann weg- und abgeschaltet wurden, und die listen (»ciel«) sprachüberlagert von namen und abersprachn. noch war die grippe nicht in sicht * laufsteg laufgraben. * den toten wie den witwen, immer in den nachrichten, immer voll drauf, voll zwischen die beine gefilmt und -
[…]
* gesprächsunterbrechung durch unrhythmischn historiker. zerstreut wirkt dieses durchgesuppte sprecherchen und bammelmann, fidel wie die erhängtenleiche, mit seinem: »nix nil, nix tango. ohne ciel oder unter freiem himmel. oder-oder, oder nich mehr so jetzt, spr- rache über projektile blue pills, blaue bohnen wohin man tritt, das is sprache! oder was andres.« *
[…]
weitere und weitere auffaltungen: die aufdrucke (parol) auf den eisernen rationen;
die aufwerfungen von erde, etwa die querung steiniger bachbetten, gebüsche. buchen, birken,
tannenwälder. beschuß an reißendn flüssn. im lehmbett, in nässe: wie die gestammelte briefschaft
durchweicht, diese zeilen, dieses ziehen in der Schulter: dieses werfen, diese abzieh-gräbm, soweit
reichen die – wie weit reichen die ohren? wieweit reichen meine ohren: meine augn festgefressen.
[…]
* rhythmische historia. nicht weniger absent ist diese sprecherin: das war, mit photos von Blumenfeld, der farbenanfall für 1914; entschuldigen möchten wir uns für den * totalbildausfall.
—Thomas Kling: Der Erste Weltkrieg: Die Modefarben 1914 (gekürzt, nach dem Abdruck in: Merkur 53 (1999), Heft 600, S. 266–268).
Wolfram Malte Fues: InZwischen. Mit Zeichnungen von Thitz. München: Allitera Verlag 2014 (Lyrikedition 2000). 127 Seiten.
Ein durchaus feiner Lyrikband, der mir mit seinen oft sehr lakonischen, auf brutale Kürze zusammengedampften Gedichten einige Lesefreude bereitete. Fues beschreibt vor allem die Dinghaftigkeit der Welt und ihre Erscheinungen, der Gegenstände und Zustände, Dinge und Geschehen. Sein bevorzugtes Mittel ist es, Beobachtungen oder Tatsachen einfach unvermittelt aufeinanderprallen zu lassen. Das wird auch sprachlich immer wieder deutlich: Fues bevorzugt Kontraste, das schwarz-weiß, den Vorder- und Hintergrund, jetzt und früher, unten oder oben und so weite. Die werden oft direkt gegenübergestellt, ohne Vermittlung, ohne ein Zwischen. Denn genau um dieses „Zwischen“ geht es, um den Raum, der von den Begriffen so eröffnet wird. Dazu passen auch die Vertauschungen, gerade der Kontrastpaare:
Ein Baum wie eine Antenne. Eine Antenne wie ein Baum. Demnächst botschaften Bäume blühen Antennen. (44)
Manchmal sind Sinn und Sprache der kurzen Gedichte dermaßen verknappt und reduziert, dass nur noch Rätsel bleiben – Rätsel, die ein leeres Gerüst der Sprache zeigen, aus dem der Sinn ausgetrieben wurde ((z.b. 32). Dabei treibt ihn neben dieser Arbeit an der Sprache, die zwar reduziert, aber auch sehr konzentriert wird, gerade die Frage der Kausalität oder nur der Korrespondenz, der zeitlichen/räumlichen (sprachlichen) Folge besonders um. Der Titel, das „Zwischen“, das ist auch in seiner Sprache das Spannende: Das da-/in-/-/zwischen in der Abfolge, der Kausalität, der Entwicklung, der Korrelation (oder auch nicht, der nur so scheinenden …). Auf die Strichzeichnungen von Thitz hätte ich gut verzichten können – für mich sind das bloße – oft genug schlechte, weil banale – Illustrationen des im Gedicht vorkommenden, dabei allerdings sehr oberflächlich.
Robert Seethaler: Ein ganzes Leben. Berlin: Hanser Berlin 2014. 77 Seiten (ebook)
Den Trafikant habe ich ja mit großem Vergnügen und Gewinn gelesen. Deswegen hat mich Ein ganzes Leben ziemlich enttäuscht. Meine Lektürenotizen sind sparsam: reichlich lahm fand ich das während des Lesen, auch erzählerisch einfach langweilig und charakterlos. Der Text beginnt etwas wie Stifter (auch sachen wie der am Beginn und Ende auftauchende Hörnerhannes und die sagenhafte „Kalte Frau“ weisen auf die Verwandschaft hin), dann kommt noch ein bisschen Wimscheider und eine gehörige Portion Franz Innerhofer dazu. Seethaler erzählt ein Leben (aber ist das in irgend einer Hinsicht ein ganzes? Da sind viele Lücken …) eines Mannes, der als Waise in ein österreichisches Gebirgstal kommt und dort – mit Ausnahme des Zweiten Weltkrieges – und einem späten, versickernden Ausbruchsversuch nicht herauskommt. Dafür arbeitet er nach seinem Beginn als landwirtschaftlicher Tagelöhner am Einzug des Fortschritts in das Tal in Form von Seilbahnen mit – eines Fortschrittes, der aber mindestens so unmenschlich ist wie das harte Leben zuvor. Das ist tatsächlich so klischeehaft und einfallslos, wie das hier klingt … Ich verstehe ehrlich gesagt die Begeisterung der Rezensenten nicht so ganz – das ist mir alles zu banal und zu behäbig erzählt.
Elfriede Jelinek: Rein Gold. Ein Bühnenessay. Rowohl 2013. 223 Seiten.
Eine Art Streitgespräch zwischen Wotan und Brünhilde am Schluss des „Ring des Nibelungen“. Aber Gespräch ist fast schon zu viel gesagt: Die beiden Stimmen monologisierend mehr anklagend abwechselnd auf einander zu oder gegen einander. Es geht um alles, nämlich die gesamte Welt und ihre Geschichte. Dabei kommen beide immerzu von einem zum anderen, vom Hölzchen aufs Stöckchen – manchmal ist es der Klang bestimmter Wörter, der den Anschluss sichert, manchmal ein thematischer Zusammenhang, manchmal ein systematischer oder ein personaler. Das macht das Lesen so anstrengend und schwierig: Wie eigentlich immer bei Jelinek ist auch Rein Gold total überfrachtet. Man muss sich selbst eine Schneise durch diese Textlandschaft schlagen, seinen Weg suchen und dabei so manchen Irrgang nicht in Kauf nehmen. Dafür bekommt man eine Anklage der Macht, des auf (unbedienten) Schulden beruhenden Kapitalismus, der Ausbeutung überhaupt, dem Verhältnist von Männern und Frauen und dem von Töchtern und Väter im besonderen. Das ist oft witzig, treffend und genau, manchmal aber auch absurd und manisch, wie hier alles – also wirklich Gott und die Welt, schließlich ist Wotan ja nicht irgendwer, wie er gerne betont, und Brünhilde natürlich auch nicht – durch den Textwolf gedreht wird.
Ich verstehe noch immer nicht, was ich sage, muß es aber sagen. (210)
Dieses ewige Texband hat mir den Zugang hier vor allem auf den ersten paar Dutzend Seiten ziemlich erschwert: Wenn man nicht reinkommt in den Rhythmus der Gedanken und Worte, dann bleibt man aber auch wirklich draußen. Die schlechte Typographie macht das Lesen des unbändigen Textes allerdings auch nicht leichter und versagt damit total – die unpassende Type ohne Ligaturen ist der Anfang, dann ist der Satzzeichen-Clash „!,“, der oft vorkommt, erstaunlich hässlich und vor den Ausrufe- und Fragezeichen so viel Luft, dass man manchmal kaum weiß, wo die hingehören.
Es gibt nichts vom Geld Verschiedenes, denn es gibt nur Geld, es gibt Verschiedene, aber auch von ihnen kommt nur Geld, falls sie es schon vorher hatten, sonst sind sie gar nicht so verschieden. Sonst sind sie die gleichen wie wir. (89f.)
Alles Geld ist nichts ohne Ware, und die Ware ist nichts als ein beschnittener Jude, unvollständig, aber unbestreitbar tüchtig, immer tüchtig, das sehe ich voraus, bis auch er endet, ach, ich weiß nicht, das sage ich, ein Gott, und die Ware ist das Wunderbare, die Ware ist das Wunder, die wunderbare Vermehrung von allem, nicht nur Brot und Fischen, Jesus auch ein Pfosten, klar, verschenkt wird nichts, der hat das gemacht, aber er war ein Dillo, daß er geglaubt hat, das bringt ihm was, das bringt ihm Anhänger oder wie oder was, ich seh sie nicht, ich sehe sie noch nicht, was wollte ich sagen: Also die Ware ist das wundertätige Mittel, um aus Geld, das wandern muß, das zu einem bestimmten Zweck, nämlich diesem, wandern muß, sonst kann man sich dafür nichts kaufen, weil dann ja oft die Waren ganz woanders sind als das Geld, das eben wandern muß, um aus Geld mehr Geld zu machen, um mehr aus sich zu machen. Um aus Geld mehr Geld zu machen. Mehr Geld zu machen und aus. (125f.)
Der Schwarzwald in nicht allzu ferner Zukunft: deindustrialisiert, aufgegeben, verlassen, nur noch eine Restbevölkerung schaut zu, wie die riesigen Transporter auf der Autobahn vorbei nach Norden donnern, in die Städte. Da lebt auch die klassische Familie – Vater, Mutter, Tochter, Sohn – von Liba, der 13jährigen Erzählerin in Nawrats kleinem, aber durchaus feinen Roman Unternehmer. Die Familie, das ist der Witz, hat die Logik des Kapitalismus aufgesogen und übernommen, bis ins Letzte des Familienlebens hinein. Die Kinder sind damit Teil des Unternehmens – eines ziemlich dürftigen Resteverwerters, der in verlassenen Fabriken und Kraftwerken nach Wertstoffen sucht. Das ist eine nicht ganz ungefährliche Aufgabe, der Sohn hat schon einen Arm verloren und wird während des Romans auch noch seiner Beine beraubt. Nawrat führt hier also gewissermaßen die neoliberalistische Spielart des Kapitalismus nach dem Ende der Produktion vor. Und er zeigt wunderbar, wie hohl die Phrasen der Ideologie (geworden) sind. Dazu dient ihm eine faszinierende Sprache, die – wie die Motive der Erzählung – zwischen Naivität und Raffiniertheit, zwischen Spiel und tödlichem Ernst, zwischen Lockerheit und Strenge (in Ton und Satzbau gleichermaßen) pendelt. Gerade dadurch, dass nicht alles expliziert wird, sich der Leser einiges dieser seltsamen Welt und Gesellschaft und Familie zusammenreimen muss und auch oft genug auf Lücken stößt, bleibt Unternehmer interessant. Schön auch, dass Nawrat seine Idee dann auch nicht übermäßig auswalzt und sich mit 137 Seiten bescheidet – mehr ist auch überhaupt nicht nötig, der Punkt ist dann schon längst klar: „Unternehmertum“ ist eine leere Worthülle, die man noch als Spiel betreiben kann, die aber, wenn sie zur alleinigen Ideologie geworden ist, die Leere ihrer selbst vorführt – und das Fehlen der „wahren“ Werte wie Emotionen und Gefühle nur noch deutlicher werden lässt.
Die Garantie hierfür ist der Erfolg unserer täglichen Arbeit. Also hängt alles vom Erfolg unserer täglichen Arbeit ab, sagte Berti. Und diesen wiederum haben wir selbst in der Hand, sagte ich. Es handelt sich um einen Erfolgskreislauf, den wir mit unserer Arbeit in Bewegung halten.
Kilian Jornet: Lauf oder stirb. Das Leben eines bedinungslosen Läufers. München: Malik 2013. 222 Seiten.
Zu diesem schönen und tollen Laufbuch oder besser: Läuferbuch eines außerordentlichen Läufers habe ich drüben im Laufblog schon alles notwendige gesagt: Viel Licht, ein bisschen Schatten: Leseempfehlung für alle Ultra-Trail-Lauf-Interessierten.
außerdem noch:
Friedrich Hölderlin, Hyperion oder der Eremit in Griechenland (Re-Lektüre, weil August ist)
Kam eine rote Wolke gezogen, Entstürzten ihr drohend Gestalten, Wir riefen, um sie aufzuhalten, schon war sie durch uns geflogen Und hinterließ einen Brandgeruch, Bestürzung rinsum wie nach einem Fluch,
und dann war Krieg.
Die Träume sind aus uns getreten, Sie zeigen fletschende Zähne und winken, Wir mochten in die Kniee sinken, Die Angst und Wut in Ruh‘ zu beten. Die wachen Träume haben uns umringt, Wir hören, noch fremd, die eigene Stimme, die singt:
Gleich zwei Anthologien mit deutscher Lyrik aus der Zeit des Ersten Weltkriegs sind zufällig fast zusammen bei mir aufgeschlangen: Florian Voß’ Sammlung „Weltkrieg! Gefallene Dichter 1914–1918″ und „Die Dichter und der Krieg“, ein von Thomas Anz und Joseph Vogl herausgegebenes Reclam-Bändchen.
Auch wenn mir die im Allitera-Verlag erschienene Edition zunächst sehr gut gefallen hat: Anz & Vogl liefern die bessere Anthologie. Dabei sind die beiden Bände ganz unterschiedlich angelegt und durchaus auch beide verdienst- und wertvoll. Aber trotzdem empfehle ich das Reclam-Heft eher – nicht nur wegen des besseren Preis-Leistungsverhältnisses (7,4 Cent pro Gedicht vs. 19 Cent). Anz & Vogl haben allerdings auch einen anderen Anspruch. Während Voß nur Dichter berücksichtigt, die im Krieg umgebracht wurden und auch diese personale Auswahl noch ästhetisch weiter einschränkt:
Ich habe in dieser Anthologie ausschließlich deutschsprachige Lyriker versammelt, die der Moderne zugehörig und zudem im Ersten Weltkrieg gefallen sind oder an dessen Folgen starben. Lyriker‚ die in ihren Gedichten den Krieg verherrlichten, wurden von mir nicht in Betracht gezogen. (64)
Dagegen bemühsen sich Anz & Vogl um große Bandbreite, mögliche Repräsentivität der „Literaturlandschaft“ bzw. der deutschsprachigen Lyrikproduktion zwischen 1914 und 1918. Natürlich legen sie auch ästhetische Kriterien an (die sie im Gegensatz zu Voß freilich nicht deutlich offenlegen) und natürlich bleibt die Auswahl – bei so knappem Umfang (1982 hatten die beiden Herausgeber das gleiche Thema schon einmal ausführlicher bearbeitet), der bei beiden Sammlungen den Abdruck von etwas mehr als 50 Gedichten ermöglichgt – problematisch. Aber die Übeschneidungen sind gering: Zwei Gedichte finden sich in beiden Sammlungen, Kurd Adlers „Geschütz“ und Georg Trakls „Grodek“ – beides natürlich auch Gedichte, die man nicht einfach auslassen kann. Noch ein kleiner Punkt gefällt mir bei Reclam besser: Jedes Gedicht hat einen Quellennachweis – bei Voß gibt es das überhaupt nicht. Und das Nachwort von Anz und Vogl ist auch deutlich substanzieller als das von Voß.
Dafür kann Voß für sich geltend machen, mehr von den (fast) vergessenen Dichtern (bei ihm kommen naturgemäß keine Frauen vor, bei Anz & Vogl sind immerhin drei Dichterinnen aufgenommen worden) zu zeigen: Kurd Adler eben, aber auch Hans Ehrenbaum-Degele oder Georg Hecht und Walter Ferl, um nur einige wenige zu nennen.
„Die Dichter und der Krieg“ ist dagegen deutlich vielfältiger: In den thematisch gegliederten Kapiteln – z.B. „Beginn“, „Krieg und Kunst“, „Kriegsmaschinen“, „Vaterland – Menschheit“ und „Schuld und Trauer“ – sind eben auch kriegsbegeisterte Lyriker vertreten und auch propagandistische Verse wie Ernst Lissauers „Haßgesang gegen England“ oder Will Vespers „Liebe oder Haß?“ sind abgedruckt. Aber obwohl alle drei Herausgeber auf ein ungeheuer großes Lyrikrepertoire zurückgreifen können – während des Krieges erlebte die Versdichtung eine enorme Konjunktur – sind in beiden Auswahlbänden nur ganz wenig bekannte Gedichte vertreten, die auch unabhängig von Kriegsjubiläum und Erinnerung noch gelesen werden. Ich vermute, dass hängt einerseits mit ästhetischen Gründen zusammen – vom frühen Expressionismus, der modernen Literatur überhaupt der 1910er und 1920er Jahre wird heute nur noch wenig rezipiert -, hat andererseits sicherlich aber auch thematische Gründe: Kriegsdichtung (oder auch Antikriegsdichtung) entspricht nur bedingt dem heute vorherrschenden Anspruch an Lyrik und ihre Themen … Das beides zu ändern, dazu sind diese zwei Sammlungen zur Lektüre unbedingt zu empfehlen.
Die Frage lautet nun, was denn ein gutes Gedicht sei bzw. wie man es von einem schlechten oder mittelmässigen unterscheiden kann. Die Antwort lässt sich nicht auf eine Formel bringen, denn es gibt keine «reinen» Kunstgesetze. Jeder Lyriker würde die Frage anders beantworten, und jede Zeit hat ihre eigenen poetischen Regeln und ihren Ton.
ein paar ausschnitte & kriterien:
Gute Gedichte bestehen aus Versen, nicht aus auseinandergeschnittener Prosa.
Das wichtigste Merkmal eines guten Gedichtes ist, dass es ein unaussprechbares Geheimnis bewahrt.
Lyrik lebt wie jede Kunst aus dem oszillierenden Verhältnis zwischen Rationalität und Irrationalität.
Das Aufregende in der Kunst ist der Widerspruch, der Haken, der eine glatte Schönheit verhindert, der nicht mit Gefälligkeit auf allgemeinen Applaus zielt.
Menschenunwürdige Bedingungen, fragwürdige Erziehungsmethoden, fehlende pädagogische Bemühungen, dafür die reine Unterbringung der Behandlungs- und Pflegefälle ziehen sich durch das ganze Buch.
Fahrgastinformation par excellence: Der digitale Wagenstandsanzeiger » Zukunft Mobilität – coole idee: in den niederlanden wurde – endlich! – ein zeitgemäßer wagenstandsanzeiger entwickelt, der gleich noch ein paar zusatzinformationen liefert und auch für nicht-gewohnheits-reisende, die das konzept „wagenstandsanzeiger“ nicht kennen, kaum zu übersehen sein dürfte:
Statt einzelner Bildschirme und Anzeigen überspannt ein 180 Meter langer LED-Balken den Bahnsteig. Auf diesem werden über verschiedene Symbole und intuitive Farbcodes diverse Informationen wie die exakte Halteposition, die Position der Türen, die einzelnen Wagenklassen, Ruheabteile, Fahrrad- und Rollstuhlplätze sowie die Fahrtrichtung angezeigt. Hinzu kommen Informationen über den Besetzungsgrad einzelner Wagen.
Enzyklothek – eine irrsinnige arbeit, die sich peter ketsch mit der enyklothek da macht – aber auch, trotz vorhandener lücken, ein ungemein hilfreiches recherchemittel für historische wissenspeicher
Die Enzyklothek ist eine Literaturdatenbank, die möglichst umfassend die von der Antike bis etwa 1920 verfassten Nachschlagewerke mit ihren verschiedenen Ausgaben und Auflagen dokumentiert.
Es wird mal wieder höchste Zeit für die nächste Aus-Lese …
Benjamin Stein: Das Alphabet des Rabbi Löw. Berlin: Verbrecher 2014. 286 Seiten.
Das Alphabet, ganz frisch vom Verlag, ist dennoch schon einige Jahre alt: Denn Stein legt hier ein Überarbeitung seines Erstlings vor. Das ist eine sehr aufwändig konstruierte, vertrackte Geschichte, die ich jetzt gar nicht rekonstruieren (oder gar nacherzählen) möchte – und wohl auch kaum noch könnte. Was mich wieder einmal überzeugt und beeindruckt hat, ist das Erzählen des Erzählens als Thema selbst, mit dem fast schon obligatorischen Verwischen von Erzähltem und Realität, bei dem die Grenzen zwischen erzählendem und erzählten Ich schnell überwunden (bzw. unkenntnlich gemacht) werden. Wo das Wirkliche unwirklich wird (zu werden scheint) – und die Phantasie auf einmal real: Da ist man in einem Text von Bejamin Stein. Seraphin mit Seelen aus Feuer tauchen hier auf, Selbstentzündungen der untreuen Liebhaber – überhaupt brennt hier ziemlich viel -: Engel, Golem und Rabbis, Worte und Namen und ähnliches bevölkeren dieses amüsante Verwirspiel auf vielen Ebenen der Erzählung und der Wirklichkeit (aber ist eine Wirklichkeit, in der es Engel gibt, Menschen, die selbst entzünden, Wiedergeburt/-erscheinen nach mehreren hundert Jahren als identische Person, ist so eine Wirklichkeit überhaupt „wirklich“?), angereichert mit religiösen Themen (und einigen Kuriosa, zumindest für mich, der ich mich in der jüdischen Religion so gar nicht auskenne). Und wie in Agententhrillern/-filmen/-serien wird sozusagen im nachhinein immer noch eine Ebene der Täuschung/Illusion/Erzählung/Fiktion eingebaut, die jeweils erst sichtbar wird, in dem sie zerstört wird, aufgelöst wird – und entsprechend rückwirkend den ganzen Text auflöst, entkernt, … Das ist ein alter Erzählertrick, gewiss, den Stein hier aber durchaus nett umsetzt. Manche Passagen sind für meinen Geschmack etwas krimihaft, manchmal auch etwas argl plauderend erzählt, zu sehr darauf angelegt, gemeinsame sache mit dem Leser machen. Mit Rationalität allein wird man diesem Buch über Engel, das zugleich ein vertrackter Mehrgenerationen-Familiengeschichte(n) im 20. Jahrhundert ist, in der alle mit allen zusammenhängen, kaum gerecht. Und sehr schön ist es übrigens auch, mal wieder ein in Leinen gebundenes Buch in der Hand zu haben – das liegt da gleich ganz anders …
Was weißt du schon? erwiderte die Stimme. Und das war der Satz, den er von nun an immer wieder hören sollte: Was weißt du schon? Sei nicht dumm. Es gibt ein Bild hinter dem Spiegel und eine Stadt tief unter dir. Es gibt Engel, die werden als Menschen geboren, und Menschen, die gehen in Flammen auf, weil die Buchstaben keck ihre Plätze tauschen und die Welt auf den Kopf stellen, nicht mehr als ein Spiel. (201f.)
Friedhelm Rathjen: Arno Schmidt lesen! Orientierungshilfe für Erstleser und Wegweiser im Literaturdschungel. Südwesthörn: Edition ReJOYCE 2014. 168 Seiten.
Ein schöner, kurzer und knackiger Überblick aus der Rathjen-Werkstatt: Zugleich eine ganz kurze Einführung in die Biographie Schmidts und ein Überblick über sein Schaffen. Das geschieht vor allem im Modus der Kurzcharakteristik aller Werke, die Rathjen chronologisch abhandelt und so zugleich auch ein bisschen Rezeptionsgeschichte – vor allem für die nachgelassenen Publikationen und Edition – bietet. Dazu gehört, den jeweiligen Werken zugeordnet, ein doch recht ausführliches Verzeichnis der (wichtigen?) Sekundärliteratur – leider ohne Kommentar und deshalb also ein doch nicht ganz so potenter „Wegweiser“. Als Hilfsmittel und Anregung für den (noch) nicht vollständigen Schmidtianer ist Arno Schmdit lesen! aber trotzdem nützlich, auch wenn für meinen Geschmack die Textlein zu den Werken manchmal doch arg kurz geraten sind. Doch weil Rathjen ein guter Kenner des Schmidtschen-Kosmos ist, hat das Büchlein durchaus seinen Wert, der naturgemäß für Schmidt-Kenner geringer ist als für Novizen.
Ilma Rakusa: Einsamkeit mit rollendem »r«. Erzählungen. Graz: Droschl 2014. 158 Seiten.
In Kürze: Ganz tolle Erzählungen sind hier zu finden, unbedingt empfehlenswert – wenn man kleine Geschichten zwischen Reportage und Momentaufnahme aus der Fremde Europas mit einem Hang zu leichter Melancholie und Traurigkeit mag. Meist geben sie kurze Einblicke in Leben und Charakter einer Person (die den Titel der jeweiligen Geschichte bildet), oft durch eine nahestende Erzählerin, einen Freund etwa. Das hat oft etwas von einer Pseudo-Reportage, wie es etwa eingearbeitete Zitate der Protagonisten einer Erzählung zur Darstellung ihres Hintergrunds, ihrer Geschichte nutzt, als stammten sie aus einem Gespräch. Dazu passt auch die Schlichtheit der Sätze – zumindest syntaktisch, lexikalisch ist das durchaus kunstvoll: Daher kommt auch der lyrische, oft leicht schwebende Ton der Erzählerinnen aus der Feder Rakusas.
Immer wieder werden beschädigte Leben erzählen: Heimatverlust oder überhaupt Heimatlosigkeit, das (ewige) Weiterziehen, die Suche nach einem Platz/Ort (nicht nur, aber auch geographisch) im Leben bestimmen den Weg der Protagonisten, die ganz überwiegend suchend sind, sich auf dem Weg beinden, immer unterwegs – nach Leben, Sinn etc., auch nach Erleuchtung (mehrmals suchen sie die ganz plakativ in Indien): entwurzelte Menschen der Moderne zeigt Rakusa uns. Momentan oder zeitweise, vorübergehend kann die Einsamkeit aufgehoben oder suspendiert werden – in Freundschaft(en) und Liebe etwa, wobei die Enthebung aus der Einsamkeit immer als solche, als nicht dauernde Erleichterung, auch wahrgenommen und erkannt wird: Das Bewusstsein der Endlichkeit der „Geselligkeit“ ist immer vorhanden, ihre Fragilität gewusst. So spielen sich in den Figuren Drama und Trauma der Gegenwart ab: Kapitalismus, Krieg und Krankheiten als Verursacher der „Störung“. Und: Europa außerhalb Deutschlands/Mitteleuropa wird gezeigt, mit Krieg und Kriegsfolgen, Armut, Leere, Verzweiflung, Leid, Trauer und Traurigkeit – ohne deshalb total schwarz zu sein, grundiert diese dunkle Erfahrung doch nicht nur das Leben der Protagonistinnen, sondern auch den Ton der meisten Erzählungen: dunkel, aber nicht depressiv; hart, aber nicht verzweifelt. Auch die Orte sind keineswegs alles Idyllen: Koljansk etwa wird als reiner Höllenort erzählt: Trostlos, aussichtslos, rettungslos: „Ein Punkt, der bald verschwunden sein wird. Dort.“ (158) – das sind zugleich die letzten Worte des Buches – die dem Ganzen noch einemal einen etwas überraschend düsternen, trostlos-grauen Dreh geben
Wie geht das: im Leben eine Seite umwenden? Aussteigen, weggehen, auf nichts hoffen als auf die Richtigkeit der Entscheidung. (73)
Wir waren kurz sehr lange weg gewesen. (79)
Tim B. Müller: Nach dem Ersten Weltkrieg. Lebensversuche moderner Demokratien. Hamburg: Hamburger Edition 2014. 174 Seiten.
Demokratien sind labile Gebilde, Dauerhaftigkeit gibt es nicht, die Demokratie muss immer neu hergestellt werden. Deswegen benötigen sie Entscheidungen, Reagieren – und Entwicklung, sie verzeihen aber auch Fehler. Ganz besonders gilt das für Momente der Krise. Müller zeigt das anhand „der“ Krise der modernen Demokratien nach dem Ersten Weltkrieg am Ende der 1920er Jahre, im Umfeld der Wirtschaftskrise. Dabei zeigt Müller auch, wie eng soziale Demokratie (mit ihrer Umverteilung (die aus dem Gleichheitspostulat resultiert), also der „Wohlfahrtsstaat“ und demokratische Organisation sowie Gesinnung (der Bevölkerung) im 20. Jahrhundert in Europa (und den USA) zusammenhängen.
Demokratie will Müller verstanden wissen als Prozess, ständige Diskussion, Vergewisserung und Anpassung sind notwendig und wesenhaft. Das geschieht nicht in allen Ländern und Gesellschaften gleichzeitig und auf gleiche Weise. Für Deutschland stellt er etwa fest:
Demokratie als Kultur und Lebensweise musste in Deutschland mit besonderem Nachdruck verankert werden, weil Kriegsverlauf und Niederlage eine schwierige Ausgangslage geschaffen hatten: Die Kriegsniederlage führte zur Demokratie, was die Demokratie belastete. (81)
Und später heißt es:
Es bedurfte einer gewaltigen Erschütterung, um dieses Gefüge ins Wanken zu bringen. Die Weltwirtschaftskrise ließ die Entwicklung, die den Zeitgenossen seit dem Ersten Weltkrieg unaufhaltsam erschienen war, stillstehen. Das war nicht der Untergang. Aber die Routinen und Konventionen der Demokratien, die auch unter großem Druck so lange so gut funktioniert hatten, gerieten ins Stottern. Jetzt kam es auf kluges Regieren an, jetzt konnte jeder falsche Schritt in den Abgrund führen, jetzt waren antidemokratische Kräfte und Traditionen imstande, zur Bedrohung zu werden. Die liberale und soziale Demokratie war nicht am Ende. Sie ging sogar gestärkt aus der großen Krise hervor. Nur nicht in Deutschland. (112f.)
Das ist genau der Punkt, um den dieser Essay kreist: Die Entwicklung der Geschichte war – auch in Deutschland – keine zwangsläufige, der Weg aus der Krise hätte auch anders aussehen können. Versagen sieht Müller hier vor allem bei Brüning, dem er bescheinigt:
Vom Blickwinkel der Geschichte der Demokratie aus war es nicht diese oder jene Maßnahme der Brüning-Regierung, die den Untergang der Demokratie einleitete, nicht das Sparen selbst, sondern ein fundamentales intellektuelles Versagen, die Unfähigkeit, Politik in einer der Demokratie angemessenen Komplexität zu denken. (120)
Die Modi, Lösungen oder Strategien zur Bewältigung der Krise der Demokratie, darauf weist Müller ausdrücklich hin, hätten aber gerade das zur Bedingung gehabt: Die Beherrschung des „Theaters der Demokratie“ (127) – das scheint für Müller nicht nur der/ein wesentlicher Unterscheid zwischen Brüning und Roosevelt zu sein, sondern ein wesentliches Element erfolgreicher Krisenbewältigung. Zumindest kann man sein Lob von Roosevelts „demokratische[m] Experimentieren“ (129), das Müller wohl als angemessenstes Verfahren, die Krise zu be-/überwältigen, ansieht, so sehen.
Im Grunde ist das auch schon ein wesentlicher Teil des Hauptarguments: „Wirtschaftswachstum, Wohlfahrtsstaat und Demokratie waren unauflöslich miteinander verwoben.“ (138f.). Und da sind, gerade in Krisenzeiten, für Müller handelnde Personen gefragt, Individuen (hier eben Politiker (& Keynes ;-))), die diese Komplexität erkennen und zugleich im demokratischen Diskurs (dem „Theater“) angemessen argumentieren können. In allen seinen Beispielen macht Müller Aktive aus, die die Demokratie „retten“ (oder im falle Brünings, eben nicht). Angelegt ist das dabei durchaus in Strukturen, aber die Notwendigkeit der/einer Entscheidung und – das ist im demokratischen Handeln eben immer genauso wichtig – des Überzeugens bleibt (als vornehmlich individuelle Leistung!).
Als konkrete Überlebensstrategien von Demokratien identifiziert Müller dann vor allem drei Momente: Erstens die „soziale Stabilisierung durch Sozialpolitik“ (das heißt auch, in wirtschaftlichen Krisenzeiten die staatlichen Investitionen auszuweiten statt blind zu sparen), zweitens die „politische Integration durch demokratisches Pathos, durch Partizipation und Mobilisierung der Bürger“ und drittens eine Wirtschaftspolitik mit intensivem eingreifen in ökonomische Strukturen, „ohne Rücksicht auf ökonomische Effizienz“, d.h. hier v.a. Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen (152). Das kann man übrigens, so deutet Müller sehr vorsichtig an, durchaus auch für die gegenwärtige Krise als Lösungsfaktoren annehmen … Über alle Krisen hinaus aber gilt:
Demokratien mussten sich ihrer ständigen Gefährdung auch in guten Zeiten bewusst bleiben. Unter allen Umständen galt es, ihr zivilisatorischen Minimum zu bewahren. (152)
Alexander Gumz: ausrücken mit modellen. Berlin: kookbooks 2011. 88 Seiten.
Seltsam: das fesselt oder berührt mich so gar nicht – ohne dass ich sagen könnte, warum. Irgendwie zünden die Bilder nicht, die Sprache (Stil und Form) setzt sich nicht fest, die Inhalte interessieren mich nicht. Die Formlosigkeit (gerne in langen Zweizeiler) ist zwar irgendwie gefühlt kookbooks-typisch, aber ich erkenne nichts, was die Texte für mich interessant machte. Vielleicht braucht’s nochmal eine Re-Lektüre in ein paar Wochen – wer weiß, möglicherweise sieht der Leseeindruck dann schon ganz anders aus …
Nette Momente hat das nämlich schon – zum Beispiel im ersten Zyklus, „zerbeultes gelände“: Der Wald, der wie auf Drogen scheint. Überhaupt spielen Zeichen (in) der Natur eine Rolle: das heißt nicht zufällig „zerbeultes gelände“, geht es doch immer wieder um die Einwirkung und die Eingriffe der Menschen in die Natur bzw. den Wald. Aber dann lese ich eben auch vieles, was mir nur seltsam und gewollt erscheint: wie gesagt, die Resonanz fehlt bei mir (was durchaus an diesem spezifischen Leser liegen kann): das sind nur lose gereihte gewollte Bilder für mich, nach den ersten Seiten ist aber auch dieser Reiz weg.
wir lehnen an der grenze zum gewitter, schütteln die köpfe.
unter unseren füßen dehnt sich der steg. (11, zerbeultes gelände)
Christoph Bangert: War Porn. Heidelberg, Berlin: Kehrer 2014. 189 Seiten.
Ein hartes, sehr hartes und grausames Buch. War Porn sammelt Kriegsfotografie aus Irak und Afghanistan vor allem, die in Zeitungen und Zeitschriften nicht gedruckt wird. Sie zeigt nämlich vor allem die Opfer, die Reste, die von Menschen manchmal nur noch übrig bleiben, nach dem der Krieg über sie hinweg gegangen ist. Aber das ist eben auch eminent wichtig, so etwas zu sehen, sich selbst zuzumuten – Krieg, Gewalt passiert ja nicht einfach, sondern wird gemacht. Von Menschen. Überall und immer wieder. Daran muss man erinnern: wie das aussieht – abseits der schicken Kampfjets oder der harmlos verniedlichten „Drohnen“. Klug ist das insofern, als Bangert sehr wohl um die „Normalität“ seiner Bilder weiß: Die sind – und das gilt eben leider auch für das dargestellte – keineswegs außergewöhnlich. Ungewöhnlich ist nur, dass sie gezeigt werden. Das – als Buch – zu loben, hat einen bitteren Beigeschmack: Denn das ist zwar durchaus ein schönes Buch, schöner wäre es aber, wenn es War Porn gar nicht gäbe.
What you see in this book is my personal experience. And in a way it’s yours, too, because these things happened in your lifetime. You as a viewer are complicit. (3)
außerdem:
Peter Weiss, Ästhetik des Widerstands – großartig und erschlagend, fesselnd und langweilend ohne Ende (je nach dem, wo man gerade ist – im 2. Buch hatte ich ganz schöne Durchhänger …)
Johann Beer (das „Tagebuch“, Jucundi Jucundissimi wunderliche Lebens-Beschreibung u.a.)
Christian Reuter, Schmelmuffskys wahrhafftige curiöse und sehr gefährliche Reisebeschreibung zu Wasser und Lande
Joseph Roth, Das falsche Gewicht. Die Geschichte eines Eichmeisters
Jan Keupp, Jörg Schwarz: Konstanz 1414–1418. Eine Stadt und ihr Konzil. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft 2013. 213 Seiten.
Eine – vor allem im ersten Teil von Jörg Schwarz – sehr gut zu lesende Darstellung für Nicht-Experten des späten Mittelalters. Die erste Hälfte befasst sich mit dem eigentlichen Konzil, der Auflösung des großen abendländischen Schismas, bei dem aus drei Päpsten wieder einer wurde und nebenbei unter anderem noch Jan Hus verbrannt wurde. Das ist solide gemacht, geht aber naturgemäß nicht allzu sehr in die Tiefe. Im zweiten Teil geht es dann in der Darstellung von Jan Keupp um Konstanz selbst: Die Stadt, ihre Bürger, ihre Politik, ihre Wirtschaft. Das franst dann ein bisschen aus, der Themenstrauß wird arg bunt und es wirkt etwas oberflächlich und zufällig, die stärkere Kohärenz des ersten Teils wird nicht mehr erreicht. Das ist weniger ein Problem von Keupp, auch wenn er nicht ganz so ein guter Erzähler ist wie Schwarz (der manchmal freilich arg suggestiv schreibt), sondern eines der Sache – die ist einfach so vielfältig, dass sie nur durch den Ort der Überlieferung – Konstanz eben – zusammengehalten wird. Durch reichhaltige Quellenzitate (meist übersetzt), vor allem aus den Rats- und Gerichtsakten, wird das recht lebendig. Leider ist aber überhaupt kein Zitat nachgewiesen – das finde ich dann doch immer schade, weil es die Benutzbarkeit natürlich enorm einschränkt.
Pierre Bertaux: Hölderlin und die Französische Revolution. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1969. 188 Seiten.
Ein Klassiker der Hölderlin-Forschung, der zu seiner Zeit, bei seinem ersten Erscheinen, ziemlich für Aufruhr sorgte. Denn Bertaux geht es darum, zu zeigen, dass Hölderlin Jakobiner – also Anhänger der Französischen Revolution war – und, das ist das wichtige an seinem Buch, dass sich das auch in der Dichtung Hölderlins niederschlägt. Den ersten Punkt kann ich gut nachvollziehen, beim zweiten wird es schwierig, da scheint mir Bertaux’ Lektüre von Hölderlins Lyrik als verschlüsselter Code, der seine politische Botschaft versteckt, zu einseitig und etwas übers Ziel hinaus zu schießen. Letztlich steht aber auch recht wenig zu konkreten Werken Hölderlins drin – dafür entwickelt Bertaux mit viel Mühe ein breites Panorama der Französischen Revolution und vor allem ihrer Rezeption in Deutschland und besonders in Tübingen und Schwaben, das weit, sehr, sehr weit über Hölderlin hinaus geht, aber andererseits zum konkreten Gegenstand der Untersuchung eben auch nur bedingt etwas beiträgt.
Worauf es ankam, war, an einem Beispiel zu zeigen, daß die »politische« Interpretation der Dichtung Hölderlins auch – und nicht zuletzt – einen gültigen Beitrag zu einem besseren Verständnis leisten kann und diese Dichtung wieder aufleben läßt in ihrer Aktualität, als laufenden Kommentar zum Problem der Revolution und des Mannes im Zeitalter der Revolutionen. (138)/
Oswald Egger: Tag und Nacht sind zwei Jahre. Kalendergedichte. Warmbronn: Ulrich Keicher 2006. 31 Seiten.
Kalendergedichte? Wirklich? Das würde mich bei einem Autor wie Oswald Egger allerdings überraschen. Und natürlich ist das weder Kalender noch Gedicht – zumindest nach herkömmlichem Verständnis. Aber das zählte für Egger ja (noch) nie. Ein anderer, ein neuer Gang durch’s (Natur-)Jahr hat er hier aufgeschrieben – Menschen kommen nicht vor (nur das „ich“, das aber durchaus häufig), höchstens ihre Artefakte wie die „Fahrstraße“ (14), die Wege etc, die in der Natur liegen – ein Jahresreigen, wirklich ein Reigen. Hier kann man sehen, was passiert, wenn sich ein Sprachmeister und ‑magier wie Egger der Natur annimmt: Ihren Erscheinungen und ihrem Erklingen. Das ist – wie immer – phantastisch: Kaum jemand kann Sprache so magisch und kraftvoll verformen wie Egger – und damit Bilder und Töne evozieren, die normale Sätze oder Wörter nicht aufrufen können: Die sind zu schwach, zu ausgelaugt, zu abgenutzt, sie treffen das einzigartige, besondere des jeweiligen Moments nicht – und deshalb gibt’s halt Neues. Das hat immer etwas von einem Abenteuer: Man weiß weder, wo der Satz einen hinführt, noch, was der nächste Satz, die nächste Seite/Doppelseite (ein „Gedicht“) bringt.
[…] wie farbig flammendere Träume /schreckten diese hier, kalbendsten selbander, als Vögel /im Fieberschlaf erstarrt, und floureszieren etwas (wie nichts) /| auf Granit, die wie Porphyrpflasterplatten der Zufluß-Gneise /schiefernder Wege, alles Firmament verbleite lichtgrau und /betrübt sich richtig – (richtig)? (2f.)
Gleich zwei Bücher auf einmal hier. Aber zwei ganz verschiedene Seiten von Monika Rinck. In Helle Verwirrung die „normale“ Lyrikerin, in Rincks Ding- und Tierleben die Zeichnerin von kuriosen Dingen. Aber Rinck hat ja sowieso Auge und Ohr für das Ungewöhnliche, das Kuriose – etwas im „Begriffsstudio“. Das schlägt sich vor allem in den kühnen Bildern der Hellen Verwirrung nieder – und in den starken Titel der Gedichte, die – selten genug – wirkliche Titel sind: „erschöpfte konzepte: die liebe“, „immer nie“ … Und allein der Quitten-Zyklus ist mit seinen phantastischen, vielfältigen und vollkommen überraschenden Bildern den Band schon wert.
Weniger konnte ich dagegen mit dem Ding- und Tierleben anfangen: Das ist sehr spielerisch und humoristisch, mit Lust an Kontradiktionen und Null-Sinn und dem sprachlichen extemporieren. Aber einen rechten Zugang habe ich dazu nicht gefunden.
Mein Lieblingszitat:
in jedem buch gibt es zeilen, die man gar nicht lesen darf. (14)
Schöne Stellen gibt es aber unendlich viele. Zitierenswert erschien mir auch noch das hier – vielleicht gibt das ja einen Eindruck, warum ich das so gern gelesen habe:
das fand für dich auf der grenze statt, die meisten deiner gäste /haben sich entschieden für: normalität. einsam waren sie trotzdem. (16)/
Ein kleiner, bei Keicher sorgsam gedruckter Essay über die deutsche Sprache, ihre Struktur und ihren Laut, ihre Möglichkeiten und Schwierigkeiten. Zugleich geht es, der Titel verrät es ja, auch um die Möglichkeiten und Beschwernisse, Deutscher zu sein. Dieses Sein scheint sich aber – für Egger ja nicht besonders verwunderlich – vor allem oder hauptsächlich in der Sprache abzuspielen und zu entwickeln. Deswegen geht es also auch um solche Erlebnisse wie den „Schmuggel“ von Sinn und Bedeutung in Wörter, Sätze und Texte. Oder um Klang und Musik, Lieder und Melos des Deutschen – vor allem natürlich des „Deutschlandsliedes“, der Nationalhymne. Themen sind außerdem: Der Umgang „der Deutschen“ – und ihrer Dichter – mit ihrer Sprache und den ihr innewohnenden Möglichkeiten. In An- und Halbsätzen zeigen sich dabei auch einige Bausteine der Poetik Eggers – nämlich eben in seinem Verständnis der Sprache, die wohl etwas sehr offenes und fluides ist.
da gabelt sich die Gabe der Sprache in irrwische Wünschel, durch und durch die Gegend ohne Gegenstand als ein eingepeitschter Schlingerkreisel im ergatterten Mischmasch (5)
Oswald Egger: Nichts, das ist. Frankfurt am Main: Suhrkamp 2001. 160 Seiten.
Außerdem noch diesen dritten Egger gelesen. Aber da sehe ich mich außerstande, etwas halbwegs kluges dazu zu sagen …
In den Gedichten oder 200 Strophen/4‑Zeiler mit angehängter/überlagerter Poetik & Sprachkritik & Sprachsuche im poetischen Modus steckt – so viel merke ich schon beim ersten Lesen – unheimlich viel drin. Hyperkomplex gibt sich das, vielleicht ist das aber auch nur gefakt? Beim (ersten) Lesen bleiben eigentlich nur Sinnfetzen, Assoziationen, Klänge, Klangwortreihen und ‑entwicklungen – aber davon so viel, dass es die Lektüre lohnt. Die 3–5fache Parallelität des Textes (der Texte? – was ist hier überhaupt „der“ Text? und was machen die Zeichnungen/Grafiken da drin?), horizontal und vertikal auf den Seiten, vom Kolumnentitel oben bis zum unteren Rand, überhaupt das permanente Überkreuzen und Queren – von Sinn, von Einheit(en), von Text und Sprache machen schon eine „normale“ Lektüre unmöglich – ein „Verstehen“ erst recht. Immer neue Ansätze scheinen sich hier aufzutun, Iterationen vielleicht auch, oder Bohrungen in der Art von Versuchen mit offenem Ausgang: kein fester BOden, kein festes/dauerndes Ergebnis ist das einzig Ergebnishafte, was die Lektüre ergibt.
Zwei Beispielseiten – beinahe zufällig ausgewählt ;-) – mögen das illustrieren:
Scott Jurek with Steve Friedman: Eat & Run. My unlikely Journey to Ultramarathon Greatness. London u.a.: Bloomsbury 2012. 260 Seiten.
Ist das ein Laufbuch? Der Autorname lässt es vermuten: Scott Jurek ist einer der großen Ultraläufer. Aber Eat & Run – der Titel verrät es ja schon – dreht sich nicht nur ums Laufen. Im Gegenteil: Über weite Strecken geht es vor allem ums Essen. Nicht ohne Grund steht das im Titel vorne. Und zwar um das richtige Essen – nämlich die vegane Ernährung. Jurek schildert ausführlich seinen Weg von der „normalen“ amerikanischen Kost des mittleren Westens zur veganischen Ernährung. Das geschieht bei ihm vor allem aus (scheinbar) gesundheitlichen Gründen und weil er meint zu beobachten, dass er sich damit besser fühlt. Zugleich plagen ihn aber auch lange und immer wieder die Zweifel, ob er mit veganen Lebensmitteln ausgewogen, gesund und in allen Bereichen ausreichend genährt ist, um Ultras zu laufen.
So recht warm geworden bin ich mit Eat & Run aber nicht. Obwohl ich die Leistungen Jureks sehr schätze, blieb mir seine Haltung zum Laufen, wie sie sich hier zeigt, einfach fremd. Mehr dazu steht in meinem Laufblog: klick.
Darauf bin ich nur zufällig durch einen Beitrag in der Poet #15 gekommen. Zunächst mal ist das ein schönes Buch, auch die Herstellung ist ein Teil des Kunstwerks: Traditioneller Bleisatz, feines Papier (unaufgeschnitten und deswegen doppelt – so wird aus 58 Seiten ein Buch), lebendiger Druck, schöner Einband, dazu die farbigen Bilder Laubschers – so macht man Bücher.
Wilhelm Müllers Winterreise – oder wohl doch eher Schuberts Liedzyklus – dient Laubscher als Anregung und Ausgangspunkt für seine kleinen Gedichte. Die haben etwas von Preziosen: Fein und feinsinnig beobachtet, sehr klug und sehr sprachgewandt, auch sehr geschliffen und fest, überhaupt nicht spielerisch. Teilweise funktionieren sie als Überschreibung: Einzelne Worte und Sätze aus dem „Original“ sind als Zitate und Ankläge eingearbeitet – sehr dicht, fast nahtlos fügen sie sich in Laubschers wesentlich moderneren (wenn auch nicht avantgardistischen) Ton ein, der es trotz seiner Modernität schafft, vergleichsweise zeitlos zu bleiben. Ziemlich düster, grau und traurig ist diese Winterwelt hier. Aber, und das macht es lesenswert, es sind ganz viele Graus. Vielleicht könnte man sagen, dass Laubscher hier die Müllersche Winterreise überbietet: Mit mehr Realismus und zugleich mehr poetischer Entrückung geht das weiter als die romantischen Urgedichte. Und bleibt dabei andererseits auch doch sehr zurückhaltend – arg breit ist das thematische Feld nicht. Das macht aber nicht, weil es handwerklich sehr geschickt – etwa in der Verkettung der einzelnen Gedichte – und durchaus fein gemacht ist: (Be)rührend sind hier viele der Gedichte, emotional durch oder in ihrer Kunstfertigkeit.
Eines meiner Lieblingsgedichte aus dem titelgebenden Zyklus ist das auf Seite 19:
Wir haben inzwischen einige Ermüdungsphasen hinter uns, Pausen, wie sie zu jedem Gespräch gehören, Abschweifungen, aber Waltz strahlt immer noch. Nur für wenige Sekunden hatte er mal statt seines fröhlichen ein dunkel sardonisches Lächeln gezeigt, und selbst als ich in einem unaufmerksamen Augenblick ihm eine Rolle zuschrieb, die ein anderer gespielt hatte, schien er nicht verärgert zu sein. Offenbar hat er tatsächlich alle Frustration hinter sich gelassen.
Römische Legionen marschierten auch über Thüringischen Boden. Was schon lange vermutet wurde, macht der Fund eines römischen Marschlagers im Kyffhäuserkreis zur Gewissheit./