Lesen. Hören. Und ein bisschen schreiben.

Schlagwort: lyrik Seite 7 von 14

Aus-Lese #40

Klaus Wagen­bach (Hrsg.): Stö­rung im Betriebs­ab­lauf. 77 kur­ze Geschich­ten für den öffen­li­chen Nah­ver­kehr. Ber­lin: Wagen­bach 2014. 143 Seiten. 

wagenbach, störung im betriebsablaufEine lus­ti­ge Edi­ti­on ist das, die mir zufäl­lig im Buch­la­den in die Augen und Hän­de gefal­len ist: Klaus Wagen­bach hat klei­ne Tex­te gesam­melt, für die Lek­tü­re unter­wegs im ÖPNV. Der Zweck bestimmt auch die Ord­nung der Tex­te nach Anlass und Län­ge: Kurz­stre­cken, Bahn­hof, Zwei Sta­tio­nen etc. sind die Kapi­tel über­schrie­ben. Hin­ter der wit­zi­gen und sym­pa­thi­schen Idee steckt aber vor allem eine schö­ne und viel­fäl­ti­ge Samm­lung größ­ten­teils groß­ar­ti­ger Kurz­pro­sa: Kurz­ge­schich­ten, Para­beln, Anek­do­ten, Fabeln und vie­les mehr. Wagen­bachs Aus­wahl beweist ein sehr hohes Qua­li­täts­ni­veau ohne Aus­rei­ßer: Das ist ein­fach gut aus­ge­sucht. Und vie­les Bekann­tes ist dabei, natür­lich – aber auch eini­ges Über­ra­schen­des, Uner­war­te­tes. Und auch beim Wie­der­le­sen ent­wi­ckelt so man­ches in die­sem Zusam­men­hang neue Aspek­te. Das klei­ne Bänd­chen ist wirk­lich eine vor­treff­li­che Lek­tü­re für die Zeit des Bewegt-Wer­dens – da wünscht man sich manch­mal bei­na­he eine tat­säch­li­che „Stö­rung im Betriebsablauf“ …

Ulri­ke Almut San­dig: Buch gegen das Ver­schwin­den. Geschich­ten. Frank­furt am Main: Schöff­ling 2015. 207 Seiten. 

sandig, verschwinden„Es ist so leicht zu ver­schwin­den.“ (35) Das ist das gan­ze Pro­blem. Denn wir Men­schen sind tat­säch­lich kaum mehr als ein Gras im Wind – ein­mal hier, bald wie­der weg. Und dar­um geht es in die­sem Geschich­ten-Band (aus­drück­lich nicht Erzäh­lun­gen!): Um das Ver­schwin­den, um das Ver­ges­sen. Und dar­um, wie sich das (viel­leicht) doch ver­hin­dern oder auf­schie­ben lässt – mit dem Erzäh­len zum Bei­spiel. Aber wer sagt dann, dass das Erzähl­te was mit der vergangenen/​verschwundenen Rea­li­tät zu tun hat? Doch: Das ist kei­ne phi­lo­so­phi­sche Abhand­lung, kein Essay – und will es auch gar nicht sein. Son­dern eine Fei­er des Erzäh­lens. Denn San­dig ist eine groß­ar­ti­ge Erzäh­le­rin, deren brei­tes sti­lis­ti­sches Reper­toire und deren Spra­che ich sehr mag (das war auch schon bei den Fla­min­gos so!). Ich zitie­re aus Faul­heit mal die Ver­lags­web­sei­te:

Ein jun­ger Jour­na­list ver­sucht inmit­ten der Unru­hen um den Istan­bu­ler Gezi-Park die Erwar­tun­gen sei­ner Mut­ter abzu­schüt­teln, die nach dem Mau­er­fall 1989 das Rei­se­fie­ber gepackt hat. Ein Wan­de­rer geht wäh­rend eines Schnee­sturms in den uralten ver­wun­sche­nen Wäl­dern des Enga­din ver­lo­ren. Ein klei­nes Mäd­chen wird zum nächs­ten Venus­durch­gang von der Groß­mutter ans Ende der Welt geflo­gen. Wohin ihre Spu­ren füh­ren, ist eines der vie­len Rät­sel die­ser Geschichten.

Rät­sel wei­sen San­digs Geschich­ten immer wie­der auf. Aber kei­ne Span­nungs- oder Kri­mi-Rät­sel, son­dern Rät­sel, die auf die Fra­ge nach der Wahr­heit, der Wirk­lich­keit der Ver­gan­gen­heit und der Erin­ne­rung ver­wei­sen. Mir ist dann die eigent­lich Geschich­te oft gar nicht so wich­tig – ob es nun um einen Wit­wer geht, der sich und sei­ne Ein­sam­keit sowie sei­ne fort­schrei­ten­de Demenz beob­ach­tet, um einen jun­gen Jour­na­lis­ten, die Wan­de­rer im Enga­din, die den mythisch-ver­klär­ten Taman­gur-Wald ent­de­cken wol­len – die Haupt­sa­che ist immer wie­der das Erzäh­len selbst.

Ja, an die­sem Tag und in die­ser Minu­te fin­det sie plötz­lich, dass sie sich die­se Geschich­te immer wie­der anhö­ren könn­te und immer wie­der in der jeweils aktu­el­len Ver­si­on, und jeder Ver­si­on wür­de sie Glau­ben schen­ken, wohl wis­send, dass wir, jede Ein­zel­ne von uns, die Erzäh­le­rin­nen unse­rer eige­nen Geschich­ten sind und dass es nicht dar­auf ankommt, was in Wirk­lich­keit pas­siert ist, solan­ge wir eine Ver­si­on haben, die uns das Leben und alle, die dar­in ver­schwin­den, erträg­li­cher macht. (36f.)

Es gibt auch ein nett gemach­tes „Video zum Buch“ von Harald Opel:

Ulri­ke Almut San­dig – Buch gegen das Verschwinden

Beim Kli­cken auf das und beim Abspie­len des von You­Tube ein­ge­bet­te­ten Vide­os wer­den (u. U. per­so­nen­be­zo­ge­ne) Daten wie die IP-Adres­se an You­Tube übertragen.
Joa­chim Zel­ter: Wie­der­se­hen. Tübin­gen: Klöp­fer und Mey­er 2015. 126 Seiten. 

zelter, wiedersehenOffi­zi­ell als „Novel­le“ beti­telt – und das haut auch hin. Ein kur­zer Text für zwi­schen­durch (die 126 Sei­ten sind recht groß­zü­gig gesetzt), mit hohem Spaß­fak­tor: Der Lieb­lings­schü­ler Arnold Lit­ten trifft nach zwan­zig Jah­ren wie­der auf sei­nen immer schon etwas kau­zi­gen Lieb­lings­leh­rer Thors­ten Kort­hau­sen, der ihn, der mitt­ler­wei­le zum Ger­ma­nis­tik-Pro­fes­sor (ver­mut­lich …) gewor­den ist, damals im Fach Deutsch unter­rich­tet und für die Lite­ra­tur begeis­tert hat. Im Rück­blick tau­chen die sehr unge­wöhn­li­chen Lehr­me­tho­den Kort­hau­sens noch ein­mal auf (die jeder Ord­nung, Ver­gleich­bar­keit oder Plan­mä­ßig­keit spot­ten, aber natür­lich höchst geni­al waren und alle Schü­le­rin­nen und Schü­ler enorm begeis­ter­ten …). Jetzt also das Wie­der­se­hen, auf einer von Kort­hau­sen extra dafür aus­ge­rich­te­ten Par­ty, bei der Lit­ten auch noch ohne Vor­war­nung einen Vor­trag hal­ten soll. Das alles geht, fast erwar­tungs­ge­mäß, fürch­ter­lich schief und gibt allen, vor allem aber Lit­ten selbst, gründ­lich Gele­gen­heit, sich selbst, ihre Stel­lung und ihrer (Lebens-)Ziele, aber auch die gemein­sa­me Ver­gan­gen­heit, noch ein­mal gründ­lich zu über­den­ken. Das ist alles sehr lie­be­voll geschil­dert, mit wun­der­ba­ren Typen (gera­de die Neben­fi­gu­ren sind herr­lich). Die kon­fron­ta­ti­ve Situa­ti­on stei­gert sich immer mehr, bis das Gan­ze schließ­lich in eine ziem­lich wil­de Gro­tes­ke umkippt. Kurz vor dem Schluss (der noch ein­mal eine abso­lut unnö­ti­ge „über­ra­schen­de Wen­dung“ bie­tet) heißt es dann: 

Er hät­te nie­mals hier­her­kom­men dür­fen. […] Dass es ein Feh­ler sei, einen Men­schen wie Kort­hau­sen nach über zwan­zig Jah­ren ein­fach wie­der­zu­se­hen. Dass man dabei nur ver­lie­ren kann, zuers­te einen gelieb­ten Leh­rer udn dann sich selbst. Dass man sich dadurch sei­ner grund­le­gens­ten Ebe­nen beraubt. Und sei­ner schöns­ten Bil­der. (125)

Pau­lus Böh­mer: Werich­bin. Gedich­te. Frank­furt am Main: Edi­ti­on Faust 2014. 56 Seiten. 

boehmer, wer ich bin„Gedich­te“ stimmt hier gera­de so – es sind näm­lich genau zwei Lang­ge­dich­te, die in die­sem klei­nen Bän­chen zu fin­den sind: „Werich­bin“ (das scheint die bevor­zug­te Schreib­wei­se des Titels zu sein) und „Über das Zusam­men­fü­gen von Tei­len“. Bei­de sind wie­der typi­sche Böh­mer-Schöp­fun­gen: Auf Mit­tel­ach­se ste­hen die­se Text­tür­me, ohne Reim oder fes­tes Metrum, sind sie fort­lau­fen­de Ket­ten von Ein­fäl­len und Asso­zia­tio­nen. Form­ge­bend ist beim Titel­ge­dicht „Wer ich bin“ zum Bei­spiel das „Wie“ – „So“ und „Daß“ am Beginn der ein­zel­nen Vers­grup­pen in den drei Tei­len des Titelgedichts.

Wer die­sen (Vor-)Namen trägt, muss viel­leicht so schrei­ben: vol­ler Bild­ge­walt, vol­ler Wis­sen, immer alles wol­lend und auch alles sagen wol­lend, Tex­te vol­ler Welt­hal­tig­keit (oder viel­leicht auch Welt­all­hal­tig­keit?) und Sprach­be­herr­schung pro­du­zie­rend. Auch „Werich­bin“ über­wäl­tigt mit die­ser Viel­falt, wie immer bei Böh­mer ist das alles kaum fass­bar. Sei­ne Gedich­te hin­ter­las­sen bei mir den Ein­druck von Grö­ße und auch Erha­ben­heit (das mag mit dem hym­ni­schen Ton sei­ner Lyrik zusam­men­hän­gen), von Sprach­ge­walt und wis­sen­der Klug­heit, die den Leser empor­zu­he­ben scheint (auch wenn ich nicht unbe­dingt sagen könn­te, wohin – oder was ich dar­aus „gelernt“ hät­te): Man kann – und das behaup­te ich ja ger­ne von guten Kunst­wer­ken – das nicht lesen (bzw. sehen oder hören), ohne danach ein ande­rer Mensch zu sein. Und hat immer etwas von per­ma­nen­ter Über­for­de­rung: Ich habe beim Lesen immer das Gefühl, dass mir viel ent­geht – zugleich aber auch den Ein­druck, dass ich ganz viel davon habe, das jetzt zu lesen. Micha­el Braun hat in sei­ner Rezen­si­on wohl nicht ganz zu Unrecht dar­auf hin­ge­wie­sen, dass Böh­mers Lyrik als „Über­fluss-Pro­duk­ti­on“ funk­tio­nie­re. Das macht sie aber eben schwie­rig und fas­zi­nie­rend zugleich …
Das klei­ne Bänd­chen – sozu­sa­gen Böh­mer für Ein­stei­ger (Kad­dish ist da allein wegen sei­nes Umfangs ja schon abschre­cken­der …) – ent­hält außer den bei­den Gedich­ten noch ein kur­zes Nach­wort (das mir wenig brach­te) und drei Col­la­gen – eine bun­te vom Autor auf dem Umschlag, eine schwarz-wei­ße von ihm im Vor­satz und eine wei­te­re von Lydia Böh­mer zu Beginn von „Über das Zusam­men­fü­gen von Teilen“.

Marc Degens: Fuck­in Sushi. Köln: DuMont 2014. 320 Seiten. 

degens, sushiEin tol­les Buch übers Erwach­sen­wer­den in Bonn, die Musik (und den Alko­hol), das Leben und den gan­zen Rest: intel­li­gent aus­ge­dacht, schnell und flott geschrie­ben und auch zügig gele­sen – und zudem gibt es eine reich­hal­ti­ge cross­me­dia­le Beglei­tung für die, die so etwas mögen – die fängt übri­gens mit Play­lists des Prot­ago­nis­ten (u.a. sein ers­ter Ipod mit „lan­ger“ Musik) schon im Buch selbst an. Mehr zu die­ser Lese­emp­feh­lung gibt es in einem eige­nen Text, näm­lich hier.

Ulrich Lap­pen­kü­per & Ulf Mor­gen­stern (Hrsg.): Dem Otto sein Leben von Bis­marck. Die bes­ten Anek­do­ten über den Eiser­nen Kanz­ler. Mün­chen: Beck 2015. 128 Seiten. 

lappenküper, bismarckDer Titel ist natür­lich sel­ten däm­lich. Wie­so sich der Beck-Ver­lag zu so einem Unsinn hin­rei­ßen las­sen hat, ver­ste­he ich nicht. Denn das Büch­lein hat ja durch­aus einen hohen Anspruch. Sicher, es geht um Anek­do­ten. Aber die sol­len viel leis­ten, wie die bei­den Her­aus­ge­ber in der Ein­lei­tung betonen:

[…] hegen die Her­aus­ge­ber die Hoff­nung, mit­els der hier ver­sam­mel­ten Äuße­run­gen von und über Bis­marck sei­ner Per­sön­lich­keit näher zu kom­men, als es manch tief­grün­di­ge his­to­ri­sche Dar­stel­lung ver­mag. (8)

Ich hal­te das prin­zi­pi­ell für gewagt und im Fal­le die­ser klei­nen Samm­lung auch für nicht erfüllt. So viel also zum Nega­ti­ven. Was bleibt dann? Eine kurio­se Samm­lung von mehr oder min­der amü­san­ten Begeg­nun­gen, Bege­ben­hei­ten und Erin­ne­run­gen Bis­marcks und sei­nes Umfel­des. Die ers­ten Jah­re sind natur­ge­mäß schwach ver­tre­ten und gera­de dort bleibt der Prot­ago­nist auch blass, wenn auch sei­ne Genia­li­tät natür­lich (schließ­lich wur­den die Anek­do­ten alle Jahr­zehn­te spä­ter nie­der­ge­schrie­ben) schon allen Ver­stän­di­gen sicht­bar war. Über­haupt ent­steht hier das Bild eines Bis­marck, der nicht so sehr „Eiser­ner Kanz­ler“ war, son­dern vor allem ein gewitz­ter Drauf­gän­ger. Das liegt natür­lich (auch) in der Natur der hier ver­sam­mel­ten Quel­len begrün­det – wie wahr das ist, kann ich nicht wirk­lich beur­tei­len. Fest­stel­len lässt sich aber auch ohne detail­lier­te Bis­marck-Kennt­nis­se die Nei­gung zur frü­hen und ziem­lich voll­stän­di­gen (Selbst-)Stilisierung.

Dane­ben wer­den aber durch­aus auch schö­ne Bege­ben­hei­ten hier berich­tet. Zum Bei­spiel über die Rol­le des Rau­chens im Frank­fu­ter Bun­des­tag, das schnell als Rang­merk­mal, als Sta­tus­sym­bol ent­deckt wird (wer darf in den Sit­zun­gen rau­chen?) und das fast genau­so schnell sei­ne Untaug­lich­keit dafür erweist, weil schließ­lich (nahe­zu) alle rau­chen, selbst wenn sie, d.h. die Gesand­ten, es nur unter größ­tem per­sön­li­chem Wider­wil­len tun. Auch schön: Bis­marcks etwas däm­li­cher Feld­zug gegen die Anti­qua-Dru­cke und sein Bestehen auf Frak­tur-Schrif­ten für den Dienst­ge­brauch. Und hier darf natür­lich nicht feh­len: Sein Wider­stand gegen die Ein­füh­rung einer neu­en Recht­schrei­bung (1876). Dazu heißt es in die­sem Bänd­chen, das alles in allem doch eine net­te Lek­tü­re für zwi­schen­durch ist: 

Er sprach mit wah­rem Ingrimm über die Ver­su­che, eine neue Ortho­gra­phie ein­zu­füh­ren. Er wer­de jeden Diplo­ma­ten in eine Ord­nungs­stra­fe neh­men, wel­cher sich der­sel­ben bedie­ne. Man mute dem Men­schen zu, sich an neue Maße, Gewich­te, Mün­zen zu gewöh­nen, ver­wir­re alle gewohn­ten Begrif­fe, und nun wol­le man auch noch eine Sprach­kon­fu­si­on ein­füh­ren. Das sei uner­träg­lich. Beim Lesen auch noch Zeit zu ver­lie­ren, um sich zu besin­nen, wel­chen Begriff das Zei­chen aus­drü­cke, sei eine uner­hör­te Zumu­tung. Eben­so sei es Unsinn, Deutsch mit latei­ni­schen Let­tern zu schrei­ben und zu dru­cken, was er sich in sei­nen dienst­li­chen Bezie­hun­gen ver­bit­ten wer­de, solan­ge er noch etwas zu sagen habe. (79)

außer­dem gelesen:

  • Mar­cel Bey­er: XX. Lich­ten­berg-Poe­tik­vor­le­sun­gen. Göt­tin­gen: Wall­stein 2015 (Göt­tin­ger Sudel­blät­ter). 80 Seiten.
  • Ber­tolt Brecht: Der gute Mensch von Sezu­an. Para­bel­stück. Frank­furt am Main: Suhr­kamp 1964. 144. Seiten.
  • Gott­fried Imma­nu­el Wen­zel: Ver­bre­chen aus Infa­mie. Eine thea­tra­li­sche Men­schen­schil­de­rung für Rich­ter und Psicho­lo­gen in drei Akten. Mit einem Nach­wort her­aus­ge­ge­ben von Alex­an­der Koseni­na. Han­no­ver: Wehr­hahn 2014 [1788] (Thea­ter­tex­te, Bd. 43). 64 Seiten.

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  • Die zwölf Arbei­ten des Ver­le­gers | Edit – jan wen­zel cha­ra­ke­ri­siert die tätig­keit des ver­le­gens in 12 arbei­ten und beginnt mit dem „ein­krei­sen der gegen­wart“, bevor er sich eher pro­sa­ischen arbei­ten widmet

    Die Arbeit des Ver­le­gers ist vor allem eine Suche. […] Der Wunsch, die flüch­ti­ge Gegen­wart les­bar zu machen, ist sein Antrieb. Die Spur sei­ner Such­be­we­gung sind die Bücher, die ent­ste­hen. Jetzt und jetzt und jetzt.

  • Vor­schlä­ge für eine bes­se­re Opern­welt. | Bad Blog Of Musick – moritz eggert macht – ziem­lich ein­fa­che – vor­schlä­ge, wie die opern­welt deutsch­lands bes­ser (und vor allem: aktu­el­ler) wer­den könn­te: ein­fach mehr neue opern spie­len – und zwar nicht nur urauf­füh­run­gen, son­dern auch nach-inszenierungen …

    Gäbe es aber viel Neu­es, Ver­rück­tes und Expe­ri­men­tel­les in den Opern­häu­sern zu sehen, so wür­de man sich auch ger­ne mal eine Mozar­t­oper anschau­en, die ohne sinn­lo­sen Schnick­schnack aus­kommt und in der sich nie­mand anpis­sen muss. Das wäre dann auch nicht spie­ßig, son­dern leben­di­ge Tra­di­ti­on in Kom­mu­ni­ka­ti­on mit dem Neu­en. Wenn ich mir die “Mona Lisa” anschaue, so ist es halt die “Mona Lisa”, und das ist auch in Ord­nung so. Ein Doku­ment einer bestimm­ten Zeit, einer bestimm­ten Sicht auf die Din­ge. Ich muss das nicht zer­stö­ren, son­dern kann es auch so mal ste­hen lassen.
    Es wäre alles so einfach.
    Wenn sich nur jemand mal end­lich trau­en wür­de, etwas dau­er­haft zu ändern.

  • Heid­eg­ger-Lehr­stuhl-Streit: Rek­tor ver­steht nicht – jür­gen kau­be über die „auf­re­gung“ um die umwid­mung eines lehr­stuhls zur juni­or-pro­fes­sur an der uni freiburg:

    Doch der Rek­tor der Uni­ver­si­tät Frei­burg ver­steht die gan­ze Auf­re­gung nicht. Wir glau­ben ihm. Er ver­steht es ein­fach nicht, aber genau das ist ja das Pro­blem. An deut­schen Uni­ver­si­tä­ten, die dau­ernd Exzel­lenz beschwö­ren und nach Stan­ford schau­en, gibt es zu viel Spit­zen­per­so­nal, das ein­fach nicht ver­steht, wenn sich ande­re über die Phra­sen auf­re­gen, mit denen es sei­ne merk­wür­di­gen Ent­schei­dun­gen dekoriert.

  • BND-Über­wa­chung: War­um schickt der BND der Bun­des­wehr abge­hör­te Daten? | ZEIT ONLINE – es hört nicht auf mit den spio­na­ge­skan­da­len – der bnd scheint wirk­lich kei­ner­lei respekt für irgend­wel­che deut­schen geset­ze und gren­zen zu haben:

    War­um gibt der BND der Bun­des­wehr abge­hör­te Daten? Und lässt von ihr Spio­na­ge­mel­dun­gen über­set­zen? Es ist illegal 

  • Vor­rats­da­ten­spei­che­rung : Ein Schritt zur tota­len Über­wa­chung | ZEIT ONLINE – kai bier­mann erin­nert (mal wie­der, lei­der aber eben auch mal wie­der not­wen­di­ger­wei­se) dar­an, war­um eine lücken­lo­se über­wa­chung der gesam­ten bevöl­ke­rung mit der vor­rad­tsda­ten­spei­che­rung kei­ne so gute idee ist:

    Dar­um aber, die Arbeit der Poli­zei beque­mer zu machen, darf es nicht gehen. Sicher­heit ist nicht das obers­te Ziel eines Staa­tes, auch wenn Innen­mi­nis­ter das ger­ne behaup­ten. Wäre es das, wür­de die­ser Staat bald all sei­ne Bür­ger voll­stän­dig über­wa­chen. Genau um das zu ver­hin­dern, gibt es das Grund­ge­setz, es ist eine Samm­lung von Abwehr­rech­ten, mit denen sich die Bür­ger den Staat vom Leib hal­ten sol­len. Und dort steht, die Wür­de der Men­schen zu schüt­zen und zu erhal­ten, sei die ers­te Regel.
    […] Kein Anschlag der ver­gan­ge­nen Jah­re war im Nach­hin­ein eine Über­ra­schung, alle Täter waren bereits zuvor auf­ge­fal­len. Für die­se Erkennt­nis­se brauch­te es kei­ne gesetz­li­che Vorratsdatenspeicherung. 

  • Peter Engst­ler: Die Frei­heit, lang­sam zu sein | Frank­fur­ter Rund­schau – sabi­ne vog­ler hat den wun­der­ba­ren peter engst­ler und sei­nen ver­lag besucht und ein schö­nes por­trät eines idea­lis­ten geschrieben:

    Als Engst­ler 1986 mit dem Bücher­ver­le­gen begann, hat­te er kei­ner­lei Finanz­ka­pi­tal im Hin­ter­grund. Das ist bis heu­te so. Sein Ein­mann­be­trieb rech­net sich markt­wirt­schaft­lich nicht. Engst­lers Bücher, nun­mehr knapp 200 und fast alle noch lie­fer­bar, sind Nischen­pro­duk­te: Lyrik, expe­ri­men­tel­le Prosa.
    […] Engst­ler ist ein Bei­spiel dafür, dass doch ein rich­ti­ges Leben im fal­schen mög­lich ist. Ein glück­li­cher Rebell, dem nichts man­gelt. […] Was immer da abläuft, es ist unbezahlbar.

  • ICE-Anbin­dung Darm­stadts: Kniff­li­ge Über­le­gun­gen – neue Eisen­bahn­stre­cken zu pla­nen kann ganz schön kom­pli­ziert sein. Hier: ICE in Darm­stadt – hält er oder nicht?

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  • The­re is no sci­en­ti­fic case for home­opa­thy: the deba­te is over | Edzard Ernst | The Guar­di­an – edzard ernst fasst die bemü­hun­gen der letz­ten jahr­zehn­te unter bezug­nah­me auf eine aus­tra­li­sche (meta-)studie zusam­men: homöo­pa­thie ist wis­sen­schaft­lich nicht halt­bar, sie hat kei­ne wir­kung über die pla­ce­bo-wir­kung hinaus
  • Kolum­ne Unter Schmer­zen: Das Rein-raus-Prin­zip – taz​.de – ein taz-redak­teur kommt mit dem deut­schen gesund­heits­sys­tem in berührung:

    Es gibt selt­sa­me Kunst an den Wän­den, und es gibt reich­lich War­te­zeit, über die Ahnungs­lo­sig­keit von Ärz­ten in Sachen Kunst nachzudenken. 

  • Schutz der eige­nen Staats­bür­ger sieht anders aus – Recht sub­ver­siv – wolf­gang kaleck erin­nert an das schick­sal kha­led el-mas­ris und das schä­bi­ge, mehr oder weni­ger rechts­beu­gen­de ver­hal­ten der deut­schen bundesregierungen
  • A Tale of two Courts – chris­toph möl­lers gewohnt pointiert:

    Der Non­nen­ha­bit ist nicht die Volks­tracht der grund­ge­setz­li­chen Wertegemeinschaft.

    – spä­ter aber wohl auch etwas idealistisch …

  • Karls­ru­her Beschluss: Kopf­tuch – na und? – Feuil­le­ton – FAZ – chris­ti­an gey­er ange­nehm­ge­las­senz­um aktue­len kopf­tuch-urteil des bverfg:

    Sor­gen kann man sich um vie­les. Aber wo kämen wir hin, wenn jede Sor­ge zu einem vor­sorg­li­chen Ver­bot des mut­maß­li­chen Sor­gen­an­las­ses füh­ren wür­de? Der öffent­li­che Raum ist kein kli­ni­scher Bezirk, der nach der Meta­pher der Keim­ver­mei­dung zu den­ken wäre. Auch für die bekennt­nis­of­fe­ne Gemein­schafts­schu­le gilt, dass sie Spie­gel der reli­gi­ös-plu­ra­lis­ti­schen Gesell­schaft ist, heißt es in dem Beschluss, den der Ers­te Senat des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts am Frei­tag veröffentlichte.

  • Femi­nis­mus: Die Angst in den Augen der Frau­en – FAZ – ein sehr guter und klu­ger text von anto­nia baum über lau­rie pen­ny und ihr neu­es buch:

    Pen­ny will einen ande­ren Femi­nis­mus. Einen Femi­nis­mus, der sich nicht aus­schließ­lich für das Ide­al­bild der Kar­rie­re­traum­frau ein­setzt, ein Femi­nis­mus für Homo­se­xu­el­le, Häss­li­che, Arme, Schwar­ze, Männer.
    […] Pen­ny hat kei­ne Ant­wort auf die Fra­ge, wie alles anders wer­den kann, aber das ist auch nicht ihr Job. Sie for­mu­liert nur mit abso­lu­ter Radi­ka­li­tät, dass es anders wer­den muss. Für Frau­en, Män­ner, für alle. Und dabei gelin­gen der rasend klu­gen Pen­ny dann Beob­ach­tun­gen und Ana­ly­sen, für die man sie küs­sen möchte

  • Lau­rie Pen­ny: Lebe wild und frei! | ZEIT ONLINE – marie schmidt hat sich mit lau­rie pen­ny getrof­fen und einen zwi­schen über­mä­ßi­ger per­so­na­li­sie­rung und theo­rie schwan­ken­den text aus bos­ton mit­ge­bracht. lau­rie penny:

    „Ich glau­be, die Idee einer Zukunft, in der Geschlech­ter­rol­len ganz auf­ge­ge­ben wer­den, ist ganz erschre­ckend für Män­ner, denn ihr Selbst­wert­ge­fühl stammt aus einer Welt, die es nie wirk­lich gab, in der sie die Mäch­ti­gen waren, das Geld ver­dien­ten und die Aben­teu­er bestan­den“, sagt sie, bevor sie im Café Die­sel nicht mehr still sit­zen kann und wir atem­los über den ver­schnei­ten Cam­pus rennen.

  • Kan­di­dat für Leip­zi­ger Buch­preis: Dich­ter am Erfolg – taz​.de – lui­se chec­chin hat sich in der lyrik­sze­ne umge­hört und reka­tio­nen auf die/​einschätzungen der nomi­nie­rung von jan wag­ners „regen­ton­nen­va­ria­tio­nen“ für den preis der leip­zi­ger buch­mes­se gesammelt
  • Moder­ne Lite­ra­tur fehlt in Lehr­plä­nen der Schu­len – san­dra kegel in der faz:

    Der Klas­sen­zim­mer-Club der toten Dichter
    Das kann ja wohl nicht wahr sein: Der moderns­te Autor, der in Ber­li­ner Schu­len gele­sen wird, ist seit fast sech­zig Jah­ren tot. Zur Lage der zeit­ge­nös­si­schen Lite­ra­tur in deut­schen Oberstufen. 

  • Bit­te malt mir kein Schaf! | – anne schüss­ler über die miss­bräuch­li­che nut­zung des „klei­nen prin­zen“ (ich bin aber doch der mei­nung, dass schon der „klei­ne prinz“ eigent­lich ziem­lich schrot­tig ist und den miss­brauch gera­de­zu herausfordert …)

    Ich moch­te mei­ne Grund­schul­leh­re­rin wie jedes nor­ma­le Grund­schul­kind sei­ne Leh­re­rin mag, aber im Nach­hin­ein muss man viel­leicht sagen, dass sie eben auch Unfug gemacht hat. Gesell­schaft­lich aner­kann­ten Unfug zwar, aber trotz­dem Unfug.

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Aus-Lese #39

Lud­wig Wind­er: Der Thron­fol­ger. Ein Franz-Fer­di­nand-Roman. Wien: Zsol­nay 2014. 576 Seiten. 

winder, thronfolger

Ein schö­ner und guter Roman eines ver­ges­se­nen Autors zu einem bekann­ten The­ma. Lud­wig Wind­er, in der Zwi­schen­kriegs­zeit ein berühm­ter Autor und Jour­na­list, hat mit dem „Franz-Fer­di­nand-Roman“ Der Thron­fol­ger ein rich­tig gutes Buch geschrie­ben, das lei­der lan­ge Zeit ziem­lich ver­ges­sen war. Der Wie­ner Zsol­nay-Ver­lag hat es jetzt (mit einem Nach­wort des Spe­zia­lis­ten Ulrich Wein­zierl) neu auf­ge­legt – und so konn­te ich auch die­sem Roman, der 1937 das ers­te mal erschie­nen ist, ken­nen lernen. 

Wind­er erzählt das Leben des Erz­her­zogs Franz Fer­di­nand trotz der aus­führ­li­chen Dar­stel­lung in stren­ger Chro­no­lo­gie des Lebens. Und weil er sti­lis­tisch dabei erstaun­lich locker bleibt, lässt sich das trotz der etwas lang­at­mi­gen Anla­ge und Struk­tur sehr gut lesen. Denn im Kern ist es eben ein star­kes, leben­di­ges Por­trät des Erz­her­zo­ges – der war ja, wenn man Wind­er glau­ben mag (und es gibt kei­nen Grund, das nicht zu tun), alles ande­re als ein lei­ben­s­wür­di­ger Cha­rak­ter: Sprö­de, harsch, krank­haft ehr­gei­zig und miss­trau­isch – ein Mis­an­throp reins­ten Geblüts sozu­sa­gen. Die radi­ka­le per­so­na­le Per­spek­ti­ve macht das zu einem dich­ten Por­trät einer his­to­ri­schen Figur, ohne sie vor­zu­füh­ren oder zu ver­ur­tei­len. Inter­es­sant wird das auch dadurch, dass im Hin­ter­grund des Tex­tes immer die Fra­ge mit­schwingt: hät­te die Geschich­te nicht auch ganz anders aus­ge­hen kön­nen? Das „fak­ti­sche“ Ende ist ja bekannt – hier wird aber immer wie­der mit der Mög­lich­keit gespielt, dass die Geschich­te des 20. Jahr­hun­derts in der Figur Franz Fer­di­nands auch ande­re Poten­zen und Poten­zia­le gehabt hät­te – die aber unge­nutzt blei­ben (und viel­leicht auch ein­fach blei­ben müssen). 

Unter­des­sen wur­den in den Kon­fe­renz­sä­len der Gene­ral­stä­be, Minis­te­ri­en und Bot­schaf­ten, in den Salons der Muni­ti­ons­fa­bri­kan­ten, in den Schlös­sern und auf den Ver­gnü­gungs­yach­ten der Staats­ober­häup­ter, in den Klub­zim­mern der Abge­ord­ne­ten, in den Spiel­zim­mern der Offi­ziers­ka­si­nos, in den armen Man­sar­den­kam­mern jugend­li­cher Ver­schwö­rer die Plä­ne aus­ge­heckt, die zum Krie­ge füh­ren soll­ten. Leicht­fer­ti­ge Diplo­ma­ten, ehr­gei­zi­ge Gene­rä­le, ver­bre­che­ri­sche Geschäf­te­ma­cher und halb­wüch­si­ge Patrio­ten, deren natio­na­lis­ti­scher Rausch sich unver­se­hens in Blut­rau­seh wan­del­te, arbei­te­ten ein­an­der in die Hän­de, ohne es zu wis­sen. Sie jag­ten ein­an­der Angst ein, um die Ver­nunft zu töten. Sie woll­ten die Welt mit Angst erfül­len, um die Ver­bre­chen, die sie plan­ten, zu ent­schul­di­gen. Sie sag­ten den Völ­kern, der Feind gön­ne ihnen das Leben nicht und wol­le ihnen den Lebens­raum ver­kür­zen. Sie for­der­ten den Feind her­aus, den ers­ten Schuss abzu­ge­ben, das Signal zum gro­ßen Mas­sen­mord. Sie hat­ten Angst vor dem ers­ten Schuss, den sie inbrüns­tig ersehn­ten. (454)

Domi­nik Dom­brow­ski: Fremd­be­stäu­bung. Köln: para­si­ten­pres­se 2014. 44 Seiten. 

dombrowski, fremdbestäubungGute Gedich­te schei­nen mir das zu sein, der „Güte“ schwer zu fas­sen sind: Da sind star­ke, anzie­hen­de Bil­der, die ganz wun­der­bar selbst­ver­ständ­lich wir­ken. Da ist die Bewe­gung der Spra­che, die sich unge­hin­dert und wie von selbst enfal­tet. Und das Fort­schrei­ten im Text und der Welt, auch in der Zeit: immer wei­ter, nicht ras­ten, nicht ruhen … Da ist die sze­ni­sche Nar­ra­ti­on, die immer wie­der auf­taucht. Die Rei­hung von kur­zen Sequen­zen, die geschnit­ten (Cut!) Bil­der, die Rea­li­tät und Spra­che mit­ein­an­der kom­mu­ni­zie­ren las­sen (oder auch nicht), zumin­dest in Bezie­hung set­zen, sie auf­ein­an­der tref­fen las­sen. Scha­de nur, dass der Band von Dom­brow­ski so kurz ist …

Archi­va­re
Schif­fe zu fal­ten den Eisbären
dort unten
wo ihnen die Schollen
wegbrechen
haben
wir jetzt nicht
das Papier

So fil­men wir
wei­ter ihr
pola­res Treiben
vom Hub­schrau­ber aus (30)

Hans Plesch­in­ski: Der Holz­vul­kan. Ein deut­scher Fest­brief. Mit einem Nach­wort von Gus­tav Seibt. Mün­chen: Beck 2014 (tex­tu­ra). 96 Seiten. 

pleschinski, holzvulkanEine kurio­se Erzäh­lung eines kurio­sen Gesche­hens der an Kurio­si­tä­ten nicht gera­de armen deut­schen Geschich­te: Der Erzäh­ler triff auf die Geschich­te, die sich in Form eines Art Füh­rers und Erzäh­lers sowie der traum­haf­ten Ver­ge­gen­ständ­li­chung der his­to­ri­schen Bau­ten und Ansich­ten dar­stellt und zeigt. Es geht um einen etwas aus­ge­flipp­ten deut­schen Her­zog des 17. Jahr­hun­dert, den Anton Ulrich von Braun­schweig-Wol­fen­büt­tel, der nicht nur (extrem aus­ufern­de) Roma­ne schrieb, son­dern auch als Fes­te-Arran­geur und Mäzen sein klei­nes HZer­zog­tüm­chen zu einem euro­päi­schen Zen­trum der Küns­te und der reprä­sen­ta­ti­ven Dar­stel­lung machen woll­te – und damit so gran­di­os und kra­chend schei­tert, dass es Plesch­in­ski wun­der­ba­ren Stoff zum Erzäh­len gibt. Und auf den weni­gen Sei­ten macht er das aus­ge­spro­chen leben­dig und sym­pa­thisch, mit raf­fi­nier­ten erzäh­le­ri­schen Vol­ten, die dem Gegen­stand des Illu­si­ons­thea­ters wun­der­bar ange­mes­sen sind – und zugleich ein Bei­spiel, wie man kunst­voll Geschich­te (nach-)erzählen kann. Also: eine schö­ne, unter­hal­ten­de und auch beleh­ren­de Lek­tü­re für zwi­schen­durch (zumal das Büch­lein bei Beck auch nett gemacht und um eini­ge Kup­fer­sti­chen ergänzt wurde).

Deut­sches Barock ist den Deut­schen am frem­des­ten, weil’s dort nicht mal um Gemüt­lich­keit ging (75)

Patrick Mais­a­no: Mez­zo­gior­no. Salz­burg u.a.: müry salz­mann 2014. 152 Seiten. 

maisano, mezzogiornoEin schö­nes und gelun­ge­nes erzäh­le­ri­sches Expe­ri­ment, die­ses Debüt von Mais­a­no: Zwei Erzäh­ler – auch noch bei­de Archi­tek­ten – strei­ten sich um die Wahr­heit des Erzäh­lens, der Erin­ne­rung und der Deu­tung der Gegen­wart. Zugleich ist das auch ein Streit zwei­er Lebens­ent­wür­fe: Der genia­le, fau­le und orga­ni­sier­te Archi­tekt gegen den ord­nungs­fi­xier­ten, unter­neh­me­ri­schen, aber ideen­lo­sen Bau­in­ge­nieur und Planer.
Die Men­schen blei­ben allein, die Fami­li­en tau­chen als Idee und Erzäh­lung öfter und wirk­li­cher auf als in der „wah­ren“ Rea­li­tät: Patricks tro­cke­nes Berich­ten und Toms unbe­schwer­tes Fabu­lie­ren kon­kur­rie­ren um den Leser – glaub­haft sind natür­lich bei­de nicht, wie sich zuse­hends her­aus­stellt. Dass bei­den Prot­ago­nis­ten und Erzäh­lern am Ende dann ganz sym­bo­lisch und reell der Boden und das Fun­da­ment unter den Füßen weg­rutscht – das Cha­let, in dem sie sich befin­den, fällt einem Berg­rutsch zum Opfer – ist dann fast schon zu offen­sicht­lich. Aber bis dahin hat man beim Lesen an die­sem rasan­ten Text eine Men­ge Ver­gnü­gen gehabt. 

Lutz Sei­ler: im fel­der­la­tein. Ber­lin: Suhr­kamp 2010. 102 Seiten. 

seiler, felderlatein„daheim an den gedich­ten“ ist Lutz Sei­ler: Auch wenn er jetzt für sei­nen Roman „Kru­so“ so sehr gelobt ist: Er ist vor alle­dem ein vor­treff­li­cher und aus­ge­spro­chen klu­ger Lyri­ker. Schon pech & blen­de hat das gezeigt, im fel­der­la­tein gelingt es erneut: Hier ist eine eige­ne Stim­me und ein eige­ner Den­ke. Sei­lers Gedich­te machen immer wie­der die Zeit selbst zum Thema:

[…] immer

in der schwe­be, die
schät­ze die­ser zeit

- eine Zeit, die sich in der Erin­ne­rung zeigt oder als Gegen­wart der Ver­gan­gen­heit im Augen­blick der Emp­fin­dung und Wahr­neh­mung. Vor allem aber geht es ihm immer wie­der um die Ver­bi­dun­gen und Ver­knüp­fun­gen von Natur, Mensch und eben Zeit. Ein Gedicht wie „im fel­der­la­tein“ macht das beson­ders deut­lich. Schon der Titel ver­knüpft alle drei Berei­che: Den Men­schen mit sei­ner Spra­che – aber einer Spra­che, die „aus­ge­stor­ben“ ist, die Spra­che der Ver­gan­gen­heit ist, aber in unse­rer Gegen­wart immer noch lebt; und die­se Spra­che der Men­schen eben schon im Kom­po­si­tum ver­knüpft mit der Natur der „Fel­der“ – die, sobald sie Fel­der sind, ja auch schon mit dem kul­ti­vie­ren­den und abgren­zen­den Men­schen in Ver­bin­dung ste­hen. Dort, also „im fel­der­la­tein“, heißt es:

im ner­ven­bün­del drei­er birken:
umris­se der exis­tenz & alte formen
von geäst wie
schwar­zer mann & stummer
strom­ab­neh­mer. all

die fal­schen schei­tel, sauber
nach­ge­zo­gen im archiv
der glat­ten über­lie­fe­rung. gern

sagst du, es ist die käl­te, welche
din­ge hart im auge hält, wenn
gro­ße flä­chen schlaf wie
win­kel­schlei­fer schlei­fen in
den zwei­gen. so

sagt man auch: es ist ein baum
& wo ein baum so frei steht
muß er sprechen

Und das zeigt sich auch in Vers­grup­pen, die deut­lich machen, dass dem Men­schen (noch) längst nicht Zugriff auf alles eigen ist:

du weißt noch immer
nicht, daß es dich gibt, doch
was geschieht
ist begrif­fen, ins brü­chi­ge dunkel
ent­leert sich das haus (48)

In sei­nem fla­nie­ren­den Strei­fen durch Land­schaf­ten, Ver­gan­gen­hei­ten und Typen (Rück­kehr ist der ent­schei­den­de Begriff heir, nicht die Ankunft!) gelin­gen Sei­ler jeden­falls immer wie­der groß­ar­ti­ge Gedich­te, die als kon­zen­trier­te, star­ke Schöp­fun­gen der Spra­che und des Den­kens so etwas wie Bestands­auf­nah­men sind (nicht ohne Grund ist „inven­tur“ eines der bes­ten gedich­te in die­sem band):

[…] & unter der erde

lie­gen die toten
& hal­ten die enden wur­zeln im mund (49)

Moni­ka Rinck: I am the zoo. Ost­heim: Peter Engst­ler 2014. 52 Seiten. 

rinck, zooWie schon bei Hel­le Ver­wir­rung und Hasen­hass belässt es Rinck auch hier nicht bei der Schrift, beim Text allein, son­dern arbei­tet mit Zeich­nun­gen zuam­men. Genau­er gesagt: Sie arbei­te­te mti der Zeich­ne­rin Nele Brön­ner zusam­men. Die leg­te täg­lich eine von 24 Zeich­nun­gen vor, zu der Rinck tex­te­te, was wie­der­um Brön­ner zur nächs­ten Zeich­nung ver­an­lass­te etc: Die gegen­sei­ti­gen Rück­kopp­lun­gen ent­wi­ckeln sich hier Sei­te für Sei­te zu einer Fabel – einer fabel­haf­ten, phan­tas­tisch-spie­le­ri­schen Geschich­te. „Irri­tier­te Ver­hei­ßung“ heißt es ein­mal im Text – und das passt recht gut: Gegen­sei­ti­ge Irri­ta­ti­on beflü­gelt die Phan­ta­sie, die immer neu­es, ande­res, unge­plan­tes ver­heißt. Und das dann nicht unbe­dingt ein­löst: Die­ses Buch (ich scheue mich, nur vom Text zu spre­chen, die Zeich­nun­gen sind schließ­li­che ele­men­ta­rer Teil des Wer­kes) ist nie lang­wei­lig, weil die Ent­wick­lung zwar zu beob­ach­ten ist, aber nie vor­her­seh­bar wird. Und weil dazu noch die Spra­che Moni­ka Rincks zwi­schen Pro­sa und Lyrik schwankt, wenn man das so sagen darf, ihre poe­ti­sche Qual­ti­ät des Klangs und der Nicht-All­täg­lich­keit beson­ders betont, ist das ein Werk ganz nach mei­nem Ver­gnü­gen: Ein Buch, das mit dem Unter­ti­tel Geschich­ten vom inne­ren Biest gar nicht so schlecht umschrie­ben ist. 

Sibyl­le Berg: Der Tag, als mei­ne Frau einen Mann fand. Mün­chen: Han­ser 2015. 256 Seiten. 

berg, tagIn gewis­ser Wei­se ist das wie­der ein typi­scher Sibyl­le-Berg-Roman – und das ist ja schon ein­mal ein guter Start. Der Klap­pen­text des übri­gens sehr schön gemach­ten und in fei­nem Lei­nen gebun­de­nen Buch verheißt: 

Chloe und Ras­mus sind seit fast zwan­zig Jah­ren ver­hei­ra­tet, und ja, alles bes­tens, man hat sich ent­wi­ckelt, man ist sich ver­traut. Aber dass die­ses Leben nun ein­fach so wei­ter­ge­hen soll, ist auch nicht aus­zu­hal­ten. […] Sibyl­le Berg stellt die Fra­ge, die alle Paa­re irgend­wann ein­mal beschäf­tigt: Ist Sex lebens­not­wen­dig? Oder doch eher die Liebe?

Und das passt schon ganz gut: Berg erzählt (wie­der ein­mal) aus der Höl­le der Selbst­fin­dung eines ziem­lich frus­trier­ten Paa­res. Es geht in wech­seln­der Per­spek­ti­ve aus der Sicht der bei­den Prot­ago­nis­ten Ras­mus und Chloe um das Abnut­zen der Gefüh­le, um das Lei­den am Leben, um die unend­li­che ernüch­tern­de und nüch­ter­ne Aus­weg­lo­sig­keit des All­tags. In kur­zen Kapi­tel und kla­rer, knap­per und prä­zi­ser Pro­sa beschreibt Berg die auf­däm­mern­de Kata­stro­phe der Paar­be­zie­hung, das Umschla­gen, die völ­li­ge Zer­stö­rung und Neu­schaf­fung. Das ist Lite­ra­tur, die kurz­fris­tig unter­hält und nach­hal­tig ver­stö­ren kann, wie Richard Käm­mer­lings ganz rich­tig beob­ach­tet hat. Und genau die­se Kom­bi­na­ti­on aus Unter­hal­tung und Ver­stö­rungs­po­ten­zi­al, aus Humor und tie­fem, dunk­lem Ernst ist es, was mir an Bergs Büchern immer wie­der zusagt.

Die Auf­re­gung. Hat sich abge­nutzt, wie alle Gefüh­le, ich hat­te jedes schon ein­mal. Es wird kein neu­es dazu­kom­men. Das ist das Grau­en der mitt­le­ren Jah­re. Die Lan­ge­wei­le und die noch all­zu nahe Erin­ne­rung an Zei­ten, in denen alles zum ers­ten Mal pas­sier­te. (50)

außer­dem gelesen:

  • Hele­ne Hege­mann: Axolotl Road­kill. Ber­lin: Ull­stein 2010. 204 Seiten. 
  • Ursu­la Kre­chel: Shang­hai fern von wo. 2. Auf­la­ge. Mün­chen: btb 2010. 508 Seiten.
  • Ursu­la Kre­chel: Land­ge­richt. 5. Auf­la­ge. Salz­burg, Wien: Jung und Jung 2012. 495 Seiten.
  • Rüdi­ger Bitt­ner & Susan­ne Kaul: Mora­li­sche Erzäh­lun­gen. Göt­tin­gen: Wall­stein 2014 (Klei­ne Schrif­ten zur lite­ra­ri­schen Ästhe­tik und Her­me­neu­tik, Band 5). 74 Seiten.
  • Frank R. Ankers­mit: Die his­to­ri­sche Erfah­rung. Ber­lin: Matthes & Seitz 2012. 112 Seiten. 
  • Mark Row­lands: Der Läu­fer und der Wolf (sie­he neben­an im Lauf­blog)

Ins Netz gegangen (9.2.)

Ins Netz gegan­gen am 9.2.:

  • Über­set­zungs­vor­schlä­ge für „Boy­hood“ | Laut & Lui­se -

    Oh boy – manch­mal ist es von Vor­teil, nicht mit­ge­meint zu sein, Mädels.

  • War­um die Bron­zen in Cam­bridge nicht von Michel­an­ge­lo sind – DIE WELT – der michel­an­ge­lo-exper­te frank zöllner:

    Es ist nicht ein­fach, das Gesche­hen in Cam­bridge ange­mes­sen zu cha­rak­te­ri­sie­ren, ohne dabei inner­lich mit dem Kopf zu schüt­teln und an der Legi­ti­mi­tät des eige­nen Berufs­stan­des zu zwei­feln.[…] Aller­dings pro­fi­tie­ren davon [von den spek­ta­ku­lä­ren Zuschrei­bun­gen] weni­ger die Muse­en als die oft pri­va­ten Besit­zer der Wer­ke. Selbst eine Aus­stel­lung strit­ti­ger Zuschrei­bung erzielt lei­der die­se Wert­stei­ge­rung. Es wird Zeit, dass sich an die­sem Mecha­nis­mus etwas ändert.

  • Nüch­tern statt ero­tisch – Neue Zür­cher Zei­tung – Eine (ein­fa­che) Lösung für ein Pro­blem und Rät­sel der Shake­speare­for­schung – lei­der aller­dings nicht verifizierbar …
  • Syri­za-Bas­hing: Ein Ver­such, den deut­schen Irr­sinn zu ver­ste­hen | misik​.at – robert misik ana­ly­siert grün­de für den „deut­schen irr­sinn“ der euro­päi­schen wirt­schafts­la­ge und ‑poli­tik:
    [die deut­schen poli­ti­ker] wis­sen, wenn sie eine Posi­ti­on öko­no­mi­scher Ver­nunft zu laut und ver­nehm­bar ein­neh­men wür­den, wür­den sie sich in ihrem Land iso­lie­ren. Oder bes­ser: Sie glau­ben das. Mit dem Ergeb­nis, dass im Spek­trum der “ernst­zu­neh­men­den Poli­tik” eine Posi­ti­on öko­no­mi­scher Ver­nunft nicht mehr geäu­ßert wird, was sei­ner­seits zur Sta­bi­li­sie­rung des Mei­nungs­kli­mas bei­trägt. Da die wirt­schaft­li­che Ver­nunft, die über­all in der Welt Main­stream wäre, in Deutsch­land im poli­ti­schen Feld nicht mehr reprä­sen­tiert ist (außer am lin­ken Rand der Grü­nen und am Rea­lo-Rand der Links­par­tei), hat das wie­der­um Aus­wir­kun­gen auf das ver­öf­fent­lich­te Mei­nungs­bild. Kurz­um: Die Schlan­ge beißt sich in den Schwanz.
  • Stand der Lite­ra­tur­kri­tik: Ewi­ge Kri­se klingt gut – Kul­tur – Tages­spie­gel – ger­rit bartels hat lei­der nichts ver­stan­den. jör sun­dermei­er ging es doch gar nicht so sehr dar­um, den lite­ra­tur­jour­na­lis­mus zu ver­teu­feln. was er aber – und da stim­me ich ihm zu – für pro­ble­ma­tisch hält, ist, wenn die­ser die lite­ra­tur­kri­tik ersetzt. bartels hat offen­bar auch nicht rich­tig gese­hen, dass sun­dermei­er dar­auf hin­weist, dass die kri­tik schon län­ger in der kri­se steckt.
  • Schweiz: Die Rück­erobe­rung | ZEIT ONLINE -

    Über die Schweiz kön­ne man kei­ne guten Bücher schrei­ben, heißt es. Das ist falsch. Die Lite­ra­tur des 21. Jahr­hun­derts ver­misst das Land völ­lig neu.

Ins Netz gegangen (31.12.)

Ins Netz gegan­gen am 31.12. (Auf­räu­men zum Jahresende ..):

  • Jah­res­rück­blick 2014: Blick zurück im Kreis | ZEIT ONLINE – die his­to­ri­ke­rin fran­ka mau­bach ist mit dem gedenk­jahr 2014 nicht so ganz zufrieden:

    Es ist doch legi­tim, ja sogar gut, über den ritu­al­haft wie­der­keh­ren­den Kreis der Jah­res­ta­ge ein gemein­sa­mes his­to­ri­sches Reflek­tie­ren zu sti­mu­lie­ren. Das Pro­blem ist nur: Es gelingt nicht mehr. Die his­to­ri­schen Ereig­nis­se, derer gedacht wer­den soll, las­sen sich kaum noch in Bezie­hung zuein­an­der set­zen. Die Flieh­kraft des Geden­kens sprengt sie aus­ein­an­der. Das Ein­zel­er­eig­nis wird nur noch kurz auf­ge­ru­fen und kaum mehr in lang­fris­ti­ge Zusam­men­hän­ge eingeordnet.

    am ende emp­fiehlt sie: 

    Wie also kön­nen wir Geschich­te schrei­ben, ohne deter­mi­nis­tisch zu den­ken und doch mit lan­gem Atem zu argu­men­tie­ren? Wie kön­nen wir Ereig­nis­se in deu­ten­de Ord­nun­gen fügen und zugleich zum Wider­spruch ein­la­den? Wie kön­nen wir offen blei­ben und uns trotz­dem für eine Per­spek­ti­ve entscheiden?

    Dazu bedarf es eines Stand­punkts, der ent­schie­den ist, sich also über sich selbst auf­zu­klä­ren ver­mag. Und es bedarf einer his­to­ri­schen Urteils­kraft, die peni­bel aus­buch­sta­bier­te Details in ihr Vor­her und Nach­her und nach Rele­vanz ord­net. Bei­des kön­nen wir vor­aus­sicht­lich noch brau­chen. Spä­tes­tens dann, wenn die Flieh­kraft des Geden­kens auch den Natio­nal­so­zia­lis­mus von sei­ner Vor- und Nach­ge­schich­te isoliert.

  • Rumä­ni­en: Die unvoll­ende­te Revo­lu­ti­on – karl-peter schwarz erin­nert beschrei­bend (weni­ger erklä­rend) an die revo­lu­ti­on 1989 in rumänien.

    Vor 25 Jah­ren stürz­te der rumä­ni­sche Dik­ta­tor Ceauşes­cu. Die Revo­lu­ti­on, die 1989 mit blu­ti­gen Kämp­fen das Land in Cha­os und Gewalt stürz­te, blieb unvollendet. 

  • 2014 – Die hilf­reichs­ten Kun­den­re­zen­sio­nen – Frei­text
  • Revi­si­ons­be­rich­te der NSA: War­ten auf die Ankla­ge – nils mink­mar ganz unauf­ge­regt, aber voll­kom­men zustim­mungs­fä­hig und ‑pflich­tig:

    Doch wenn der Wes­ten sei­ne Iden­ti­tät nicht ver­lie­ren will, sich gegen isla­mi­sche, chi­ne­si­sche, rus­si­sche und sons­ti­ge Tota­li­ta­ris­men abgren­zen möch­te, dann kön­nen die nun hin­läng­lich doku­men­tier­ten Über­grif­fe und Geset­zes­brü­che nur eine Fol­ge haben, näm­lich eine ordent­li­che rechts­staat­li­che Auf­ar­bei­tung ohne Anse­hen der Person.

  • BOX2FLY – Hand­ge­päck­kof­fer aus Well­pap­pe – coo­le idee: ein kar­ton, der genau ins hand­ge­päck passt, den platz also bei mini­ma­lem eigen­ge­wicht opti­mal ausnutzt 
  • Tod einer Revo­lu­tio­nä­rin – Die Zeit­schrift „Mit­tel­weg 36“ erin­nert an die außer­ge­wöhn­li­che Radi­kal-Femi­nis­tin Shul­a­mith Fires­tone : lite​ra​tur​kri​tik​.de
  • Unbe­kann­te Auto­bio­gra­phie Georg Phil­ipp Tele­manns auf­ge­fun­den | nmz – neue musik­zei­tung – Im His­to­ri­schen Staats­ar­chiv Lett­lands (Riga) wur­de eine bis­her unbe­kann­te Auto­bio­gra­phie des Kom­po­nis­ten Georg Phil­ipp Tele­mann (1681−1767) ent­deckt. Die auto­gra­phe Skiz­ze befin­det sich in Mate­ria­li­en aus dem Nach­lass des Riga­er Kan­tors Georg Micha­el Tele­mann, dem Enkel des berühm­ten Ham­bur­ger Musik­di­rek­tors und Johan­neum­kan­tors. Der Musik­wis­sen­schaft­ler Ralph-Jür­gen Reipsch, Mit­ar­bei­ter des Zen­trums für Tele­mann-Pfle­ge und ‑For­schung Mag­de­burg, hat den sen­sa­tio­nel­len Fund sowie eine bis­her gleich­falls unbe­kann­te deutsch-fran­zö­si­sche Lebens­be­schrei­bung in der aktu­el­len Aus­ga­be der Zeit­schrift Die Musik­for­schung publiziert.
  • Liquid Ecsta­sy: Töd­li­cher Schluck aus der Fla­sche – Mün­chen – Süddeutsche.de – gran­di­os: dass „GBL nicht vom Betäu­bungs­mit­tel­ge­setz erfasst ist, weil sie in der che­mi­schen Indus­trie … uner­setz­lich ist“ – so funk­tio­niert also dro­gen­pli­tik in deutschland
  • ünter-Eich-Preis für Ror Wolf « Lyrik­zei­tung – Der fan­tas­ti­sche Ror Wolf erhält den Günter-Eich-Preis
  • Jut­ta Dit­furth: News – LG Mün­chen ent­sorgt die dt. Anti­se­mi­ten: Anti­se­mit ist nur, „wer sich posi­tiv auf die Zeit von ’33 bis ’45 bezieht“ (ach, kön­te man doch nur ale pro­ble­me so lösen ..)
  • http://​eco​watch​.com/​2​0​1​3​/​l​o​b​s​t​e​r​-​b​o​a​t​-​v​s​-​c​o​a​l​-​s​h​ip/ | Grist – unglaub­lich: Seat­tle ver­senkt sich im Abgrund … – das ist wahr­haf­tig geun­ge­ne (Verkehrs-)Politik
  • 57. Nach­schlag zu einem “fröh­li­chen” Ver­riss « Lyrik­zei­tung & Poet­ry News – auch ein „veriss“:

    am Boden liegt ein Bün­del von Zei­tungs­aus­ris­sen, die offen­sicht­lich das feh­len­de Klo­pa­pier erset­zen sol­len. Auf einer der Zei­tungs­sei­ten steht ein Gedicht. Ich grei­fe nach dem zur Hälf­te zer­ris­se­nen Blatt, ver­su­che den Text – ukrai­nisch – zu lesen, lese ihn mehr­mals, und er kommt mir dabei immer bekann­ter vor. Der Name des Autors wie auch der Gedicht­an­fang fehlt, ist weg­ge­ris­sen. Unter dem Gedicht steht, dass es sich um eine Über­set­zung aus dem Deut­schen han­delt. Vom Namen des Über­set­zers blei­ben bloss ein paar Buch­sta­ben: Wolod… ‒ Doch nun däm­mert es mir: Das ist mein Gedicht. Das ist eins mei­ner Gedich­te, zumin­dest ein Teil davon. 

  • Femi­nis­mus-Debat­te: Wir brau­chen kei­nen Zum­ba-Jesus – taz​.de – mar­ga­re­te stokowski:

    Femi­nis­tin­nen vor­zu­wer­fen, sie sei­en nicht wit­zig, ist auf drei­fa­che Art unan­ge­mes­sen. Ers­tens ist Humor ein­fach eine Fra­ge des Geschmacks. Zwei­tens wie­der­holt sich hier das alt­be­kann­te „Lach doch mal“ alt­be­kann­ter Onkels, und drit­tens gibt es denk­bar vie­le Momen­te im Leben, in denen Kämp­fen und Lachen ein­an­der ausschließen. 

  • Fol­ter bei der CIA: Der Sieg der Ter­ro­ris­ten – FAZ – nils mink­mar denkt über fol­ter nach:

    Es herrscht ein erschre­cken­der Man­gel an poli­ti­scher Phan­ta­sie. Was wird schon hel­fen gegen Mör­der wie Kha­lid Scheich Moham­med? Es fällt uns nur wie­der Gewalt ein. Dabei gibt es längst ande­re Erkennt­nis­se, wie man den Krieg gegen den Ter­ror erfolg­reich füh­ren kann.

  • 500 Jah­re alte Naum­bur­ger Chor­bü­cher wer­den digi­ta­li­siert | nmz – neue musik­zei­tung – Es soll ein biblio­phi­ler Schatz für die Ewig­keit wer­den: Die über 500 Jah­re alten über­di­men­sio­na­len Naum­bur­ger Chor­bü­cher wer­den restau­riert und digi­ta­li­siert. Die kom­plet­te Finan­zie­rung muss noch geklärt wer­den, aber ein Anfang ist gemacht. «Mit acht Büchern ist es eine der umfang­reichs­ten mit­tel­al­ter­li­chen Hand­schrif­ten­samm­lun­gen», sagt Mat­thi­as Lud­wig, wis­sen­schaft­li­cher Mit­ar­bei­ter im Dom­stifts­ar­chiv Naumburg.
  • Inte­gra­ti­on durch Sprach­vor­schrif­ten? – Sprach­log – Es ist also klar, dass aus der Per­spek­ti­ve des Sprach­er­werbs kei­ne Not­wen­dig­keit gibt, Migrant/​innen dazu „anzu­hal­ten“ oder auch nur zu „moti­vie­ren“, zu Hau­se Deutsch zu spre­chen. Wir erin­nern uns: 65 Pro­zent tun es ohne­hin, ganz ohne Moti­va­ti­on sei­tens der Politik.

Allerseelen

Paul Celan – Aller­see­len /​All Souls (Day) – cc Eng­lish, Türk, Deutsch

Beim Kli­cken auf das und beim Abspie­len des von You­Tube ein­ge­bet­te­ten Vide­os wer­den (u. U. per­so­nen­be­zo­ge­ne) Daten wie die IP-Adres­se an You­Tube übertragen.

—Paul Celan, Allerseelen

Aus-Lese #37

Danie­la Kri­en: Irgend­wann wer­den wir uns alles erzäh­len. Ber­lin: List 2012. 236 Seiten 

krien, irgendwannNaja, das war kei­ne so loh­nen­de Lek­tü­re … Ich weiß auch nicht mehr, wie ich dar­auf gekom­men bin (wäre ein Grund, dem Rezensenten/​der Rezen­sen­tin Ver­trau­ens­punk­te zu ent­zie­hen …). Die Geschich­te ist schwach und teil­wei­se blöd: Ein jun­ges Mäd­chen zieht kurz vor den Som­mer­fe­ri­en auf dem Bau­ern­hof der Fami­lie ihres älte­ren Freun­des ein, ver­nach­läs­sigt die Schu­le und gibt sich lie­ber einer selt­sa­men geheim gehal­te­nen Bezie­hung zu dem mehr als dop­pelt so alten Nach­bar­bau­ern hin, die vor allem auf ihrer Aus­nut­zung und ihrem Miss­brauch (kör­per­lich, sexu­ell und psy­chisch) beruht und natür­lich tra­gisch enden muss …
Das Set­ting im Som­mer 1990 auf der Noch-DDR-Sei­te der Gren­ze ist auch nicht so span­nend, gibt aber Gele­gen­heit, ein biss­chen (frei­lich nur wenig) Poli­tik und Geschich­te ein­zu­flech­ten – und ist natür­lich ein Spie­gel der Figur Maria: In der Zwi­schen­zeit – nicht mehr Kind, noch nicht Erwach­se­ne – spie­gelt sich das Land zwi­schen DDR und BRD … Aber da die Figu­ren alle reich­lich blass blei­ben, von der Erzäh­le­rin über ihre Rest­fa­mi­lie bis zu Johan­nes und Hen­ner, kann sich da sowie­so kaum etwas ent­fal­ten. Das merkt man sehr deut­lich an der müh­sam insze­nier­ten Inter­tex­tua­li­tät: Maria wird ger­ne als begeis­ter­te Lese­rin por­trä­tiert, liest aber wochen-/mo­na­te­lang an Dos­to­jew­skis Die Brü­der Kara­ma­sow her­um, was natür­lich wenig ergie­big ist (sowie­so ist Lek­tü­re hier immer aus­schließ­lich eine iden­ti­fi­ka­to­ri­sche …). Auch die Kom­po­si­ti­on von Irgend­wann wer­den wir uns alles erzäh­len ist nicht wei­ter bemer­kens­wert, eher klein­tei­lig ange­legt, mit Schwä­chen in der Zeit­ge­stal­tung. Und die so gelob­te Spra­che – wenn man den Blurbs im Taschen­buch (gan­ze zwei Sei­ten vor dem Titel!) glau­ben darf – hat für mich kei­nen Reiz, weil sie eigent­lich doch recht gewöhn­lich ist.

alles in allem die über­stei­ger­ten Gefüh­le einer Sieb­zehn­jäh­ri­gen in den Wir­run­gen einer unru­hi­gen Zeit. (234f. – mehr muss man kaum sagen ;-) …)

Otto Basil: Wenn das der Füh­rer wüß­te. Wien, Mün­chen: Fritz Mol­den 1966. 419 Seiten 

basil, wenn das der führer wüßte

Eine schö­ne Idee der kon­tra­fak­ti­schen Geschich­te: NS-Deutsch­land hat den Zwei­ten Welt­krieg gewon­nen und sich die hal­be Welt unter­tan gemacht (der Rest gehört zu „Soka Gak­kai“), Juden gibt es (fast) kei­ne mehr. Dann stirbt Hit­ler aber in den 60ern und wird durch Ivo Klöp­fel ersetzt – oder ist das ein Mord und Staats­streich? Die ent­spre­chen­den Ver­mu­tun­gen kur­sie­ren und geben der Hand­lung im gleich­zei­ti­gen Bür­ger­krieg und dem durch die bei­den Groß­mäch­te ent­fes­sel­ten ato­ma­ren Krieg ordent­li­che Ver­wick­lun­gen und Hand­lungs­an­trieb. Dazwi­schen treibt Höll­rie­gel umher, ein „Pendler“/Gyromant, der ver­schwö­rungs­tech­nisch in die gro­ße Poli­tik gerät und sich wie­der raus­wursch­telt (hat etwas vom Schelm, die­se Figur: wenig Ahnung, dafür aber viel Situa­ti­ons­ge­schick) und des­sen Trei­ben noch ver­quickt wird mit sei­ner Lie­be bzw. sei­nem Begeh­ren nach der (schein­bar) idea­len (in ideo­lo­gi­scher, d.h. ras­sen­ty­po­lo­gi­scher Sicht), aber unter nor­ma­len Umstän­den uner­reich­ba­ren Ulla. Das gan­ze Gewu­sel endet dann etwas des­il­lu­sio­nie­rend im Tod – aller­dings nicht durch Ver­strah­lung (das hät­te noch etwas gedau­ert), son­dern im Gefecht.
Schön an Basils Roman ist die kon­se­quen­te Wei­ter­füh­rung, das Zu-Ende-Den­ken der NS-Ideo­lo­gie mit ihren Aus­wü­chen, den Grup­pen, dem Ein­heits­wahn, der uner­schöpf­li­chen Kate­go­ri­sie­rungs­sucht etc. Ins­ge­samt lei­det das Buch aber dar­an, dass es die­se kon­tra­fak­ti­sche Welt zu sehr beschreibt und nicht durch Hand­lun­gen spre­chen lässt. Wun­der­bar spre­chend sind dage­gen die vie­len, vie­len Namen … Jeden­falls eine durch­aus unter­halt­sa­me Lektüre.

Doch Adolf Hit­ler war nicht mehr, Odin hat­te sei­nen Mel­de­gän­ger zum gro­ßen Rap­port nach Wal­hall geru­fen. (50)

Jür­gen Buch­mann: Wahr­haff­ti­ger Bericht über die Spra­che der Elfen des ExterT­hals, nach denen Dia­ri­is Sei­ner Hoch Ehr­wür­den Her­ren Mar­ti­nus Oes­ter­mann, wei­land Pfar­rer an St. Jako­bi zu Alme­na. Leip­zig: Rei­ne­cke & Voß 2014. 46 Seiten 

buchmann, bericht

Eine wun­der­ba­re Spie­le­rei ist die­ses klei­ne, fei­ne Büch­lein (schon die ISBN: in römi­schen Zif­fern, eine ech­te Fleiß­ar­beit …), eine net­te Camou­fla­ge, ech­tes Schel­men­stück (der Autor scheint ein in der Wol­le getränk­te Schelm zu sein …). Der Wahr­haff­ti­ge Bericht ist eine Art phi­lo­lo­gi­sche Fan­ta­sy (der Bezug auf Tol­ki­en taucht sogar im Vor­wort auf), nur in die Ver­gan­gen­heit ver­legt: Es han­delt sich um den (fik­ti­ven) Bericht eines gelehr­ten Land­pfar­rers, der von einer Giftmischerin/​Zigeunerin/​Heilkundigen mit den Elfen sei­nes Tales bekannt gemacht wird und Grund­zü­ge (d.h. vor allem Pho­ne­tik und Mor­pho­lo­gie) ihrer Spra­che beschreibt. Das ist ein­ge­bet­tet und kom­bi­niert mit dem Tage­buch der „Ent­de­ckung“ die­ser gehei­men (?) Spra­che bis zum Kri­mi­nal­fall des Ver­schwin­dens sowohl des Pfar­rers als auch sei­ner Infor­man­tin (ein Wech­seln ins Elfen­reich liegt ganz mär­chen­ty­pisch nahe, weil kei­ne Lei­che gefun­den wird …). Lei­der fehlt aus­ge­rech­net die Lexik der Elfen­spra­che in den „Auf­zeich­nun­gen“, so dass die Frag­men­te, die „Oes­ter­mann“ „über­lie­fert“, dum­mer­wei­se unver­ständ­lich blei­ben (aber wer weiß, viel­leicht haben sie ja sogar eine Bedeu­tung? – Das wäre eine schö­ne Auf­ga­be für einen Com­pu­ter mit einem fin­di­gen Pro­gram­mie­rer …). Das gan­ze ist von Buch­mann ver­flixt geschickt vor­ge­täuscht oder gefälscht oder nach­ge­ahmt oder par­odiert wor­den. Von dem Drum­her­um ist aller­dings nicht alles gelo­gen – das „Gelehr­ten-Lexi­con“ von Jöcher z.B., aus dem zitiert wird, gibt es durch­aus – aller­dings ohne den hier abge­druck­ten Ein­trag zu Oes­ter­mann. Und dann ist das Gan­ze – es ist ja nicht viel, kaum mehr als vier­zig Sei­ten bean­spru­chen die „über­lie­fer­ten“ Tex­te samt edi­to­ri­schen Vor­wor­ten und Anhän­gen von dem klei­nen Leip­zi­ger Dich­ter-Ver­lag Rei­ne­cke & Voß sehr schön her­aus­ge­bracht wor­den, mit ange­nehm pas­sen­dem Satz und schö­nen Schriften.

Wir fas­sen die Let­tern und sto­ßen auf | Klän­ge; wir fas­sen die Klän­ge und sto­ßen auf Namen; wir fas­sen die Namen und sto­ßen auf Nichts. (15f.)

Ulf Stol­ter­foht: Das deut­sche Dich­ter­ab­zei­chen. Leip­zig: Rei­ne­cke & Voß 2012. 49 Seiten 

stolterfoht, dichterabzeichen

Und gleich noch ein schma­les Bänd­chen von Rei­ne­cke & Voss, den Hör­spiel­text Das deut­sche Dich­ter­ab­zei­chen. des gro­ßen Lyri­kers Ulf Stol­ter­foht. Dich­tung und vor allem die Lyrik wird hier als streng regu­lier­tes, ent­beh­rungs­rei­ches Hand­werk insze­niert (ein biss­chen wie eine moder­ne Vari­an­te der Meis­ter­sin­ger …), das ist ganz nett aus­ge­dacht. Zugleich ist es aber auch noch eine „Sys­te­ma­tik“ der Lyrik mit ver­schie­de­nen „lyri­schen Typen“. Da heißt es zum Beispiel: 

Wild­tex­te, die noch vor Zei­ten wei­te Tei­le Euro­pas besie­del­ten, haben sich mitt­ler­wei­le den immer spe­zi­el­le­ren Anfor­de­rungs­pro­fi­len unter­wor­fen. (17)

Wei­ter geht es im beleh­ren­den Gespräch über die Dich­ter-Aus­bil­dung, also die hand­werk­li­che Kom­po­nen­te des Dich­tens. Wei­te­res, ganz wich­ti­ges The­ma: Die kom­pe­ti­ti­ve Kom­po­nen­te des Dich­tens, die Lesun­gen und die Wett­be­wer­be. Das führt Stol­ter­foht als Zir­kus vor, als eine Art Dres­sur, in der die Dich­ter die Rol­le der Tier­chen über­neh­men: pos­sier­lich, gut für die Unter­hal­tung, aber nicht ernst zu neh­men … In der Radi­ka­li­tät, in der die­se mes­sen­den und ver­glei­chen­de Kom­po­nen­te der Dich­tung über­ge­stülpt wird, ist das natür­lich – dar­aus macht der Text kein gro­ßes Geheim­nis – eine Para­bel auf den deut­schen Lite­ra­tur­be­trieb der Gegen­wart. Aber eine – ganz wie es das The­ma ver­langt – unter­hal­ten­de, in der sich durch­aus – schließ­lich ist Stol­ter­foht selbst ein intel­li­gen­ter Teil­neh­mer – wah­re und tref­fen­de Beob­ach­tun­gen finden:

Im Zeit­al­ter hoch ent­wi­ckel­ter Pro­sa hat das Gedicht an Bedeu­tung ver­lo­ren. in dem Maße aber, in dem es aus sei­ner natür­li­chen Umge­bung ver­schwin­det, wächst sei­ne Beliebt­heit als domes­ti­zier­ter Wett­be­werbs­text. (7)

Schön auch kurz vor Schluss: 

Etwas ganz beson­de­res ver­birgt sich hin­ter der Bezeich­nung „Viel­sei­tig­keits­prü­fung“: Der Drei­kampf näm­lich aus Lyrik, lyri­scher Über­set­zung und Poe­to­lo­gie – das alles an drei auf­ein­an­der fol­gen­den Tagen. (40)

Wal­ter Kem­pow­ski: Hamit. Tage­buch 1990. Ber­lin: btb 2010. Seiten 

kempowski, hamit

Mit die­sem Buch habe ich mir Kem­pow­ski ver­lei­det, das ist zum Abgewöhnen …
Hamit – die dia­lek­ta­le Vari­an­te von „Hei­mat“ – ist ein Tage­buch der Zeit direkt wäh­rend bzw. nach der Wen­de. Für Kem­pow­ski heißt das: Er kann wie­der Ros­tock besu­chen, die Stadt, in der er auf­wuchs. Und auch Baut­zen, wo er ein­ge­ker­kert war. Wei­te­re The­men des Tage­buchs: Die Medi­en – wie sie über Poli­tik und über ihn berich­ten -, die Fer­tig­stel­lung von Alkor, Zwis­tig­kei­ten, Besu­che etc. Dazwi­schen taucht noch die Samm­lung von Tage­bü­chern und Erin­ne­run­gen ande­rer Leu­te immer wie­der auf (fürs sein Echo­lot und um’s dem „Ver­ges­sen zu ent­rei­ßen“), auch die Poli­tik der Gegen­wart spielt natür­lich eine Rol­le, gera­de hin­sicht­lich des Ver­ei­ni­gungs­pro­zes­ses. Das ist aber auch der Bereich, wo Kem­pow­ski vor allem sei­nen Ani­mo­si­tä­ten frei­en Lauf lässt: Außer ihm (und weni­gen ande­ren) hat nie­mand je etwas kapiert, sehen alle die Wider­sprü­che und Pro­ble­me nicht. Dabei ist das kein ganz rei­nes Tage­buch, es ist min­des­tens zwei Mal über­ar­bei­tet (und damit end­gül­tig lite­r­a­ri­siert) wor­den. Aber auch die Anmer­kun­gen aus den 2000ern ver­stär­ken die Ten­denz der Bes­ser­wis­se­rei noch las­sen ihn als den ein­zi­gen „Wei­sen“ und das gro­ße Genie erschei­nen, dass die ande­ren ein­fach nicht errei­chen. Dabei ist der gan­ze Text durch­tränkt von Res­sen­ti­ments gegen so ziem­lich alle und jeden (mit Aus­nah­me viel­leicht bestimm­ter Berei­che der Ver­gan­gen­heit). Und eine gro­ße Eitel­keit bricht sich immer wie­der Bahn: Alle, die Leser, der Lite­ra­tur­be­trieb, die Medi­en und die Kri­tik, aber auch sein Ver­lag, alle ver­ken­nen sei­ne Genia­li­tät und sei­ne Leis­tun­gen. Dabei ist er doch uner­setz­lich, wie er ganz typisch beschei­den festhält: 

Ich gebe der Gesell­schaft ihre Geschich­ten zurück. (284)

Was wür­den wir Armen also nur ohne ihn tun!

Mir war der Kem­pow­ski, der sich hier zeigt, jeden­falls aus­ge­spro­chen unsym­pa­thisch. Lus­tig am Ran­de auch: Bei einem Ver­dienst von 50.000 DM/​Monat bzw. 1200 DM/​Tag (321) beschwert er sich immer wie­der dar­über, dass er Restau­rant­rech­nun­gen bezah­len muss/​soll: total ich­zen­triert eben, der Schrei­ber die­ser Sei­ten, der sich vor allem durch sei­ne Kau­zig­kei­ten – wie die total kon­tin­gent schei­nen­de Ableh­nung der Wor­te „Akzep­tanz“ und „Diri­gat“ (329) – auszeichnet.

Wenn nie­mand eine Bio­gra­phie über mich schreibt, tue ich es eben selbst. (177)

Jürg Hal­ter: Wir fürch­ten das Ende der Musik. Gedich­te. Göt­tin­gen: Wall­stein 2014. 72 Seiten 

halter, wir fürchten das ende der musik

„Für sich“ steht als Wid­mung in die­sem Gedicht­band. Und das stimmt einer­seits, ande­rer­seits aber auch über­haupt nicht. Zwar ste­hen die Gedich­te erst ein­mal „für sich“ da, geben sich recht offen und direkt dem Leser preis. Aber ande­rer­seits blei­ben sie auch gera­de nicht „für sich“, denn Hal­ter geizt nicht mit inter­tex­tu­el­len Anspie­lun­gen und Ver­wei­sen. Gera­de die Musik spielt da durch­aus eine gro­ße Rol­le. Und den­noch: Man muss die­se Inter­tex­tua­li­tä­ten nicht erken­nen, man muss ihnen schon gar nicht nach­ge­hen (obwohl das durch­aus span­nend sein könn­te, das sys­te­ma­tisch zu tun), um die Lyrik Hal­ters ver­ste­hen zu kön­nen. Oder zumin­dest glau­ben zu kön­nen, etwas ver­stan­den zu haben. Denn sei­ne Gedich­te blei­ben zugäng­lich und wol­len das wohl auch sein. Oft sind sie gera­de­zu erzäh­lend, ihre Meta­phern blei­ben leicht nach­voll­zieh­bar, die Form klar und über­sicht­lich. Manch­mal wirkt das mit dem locke­ren Sprach­duk­tus, dem leich­ten Ton mir aber auch etwas zu plät­schernd, zu pro­sa-nah, zu wenig form­be­stimmt für Lyrik.
Doch gibt es durch­aus schö­ne und span­nen­de Text in die­sem Band. Da zeigt sich nicht nur die Ver­wur­ze­lung Hal­ters und Tra­di­ti­on und Inter­tex­tua­li­tät (sei­ne Gedich­te schöp­fen viel aus oder mit der Kul­tur und ihrer Geschich­te), da ist auch ein anre­gen­des Spiel mit sich selbst immer wie­der zu beob­ach­ten, die Selbst­re­flex­ti­on des Lyri­kers und des Gedich­tes zu erken­nen. Inter­es­sant ist auch das immer wie­der auf­tau­chen­de Zeit­kon­zept – ein sehr vages Kon­zept von Zeit, das nicht auf das Tren­nen­de von Ver­gan­gen­heit und Gegen­wart abzielt, son­dern auf den Über­gang, die flie­ßen­de Ent­wick­lung: Vom Holo­zän bis zum Jetzt und dem Augen­blick sind ein­zel­nen Momen­te kaum zu fas­sen und zu bestimmen: 

Etwas hat begon­nen, dau­ert an oder ist vor­über. (25)

Nicht alles ist sprach­lich oder inhalt­lich sehr stark, gera­de im Abschnitt IV („O, auf­ge­klär­tes Leben, unse­re Dro­ge!“ über­schrie­ben) schei­nen mir eini­ge schwa­che Tex­te den Weg in den Druck gefun­den zu haben. Die Digi­tal-Skep­sis in „Hyp­no­se“ ist zum Bei­spiel ziem­lich ober­fläch­lich und bil­lig. Dazwi­schen gibt es aber immmer wie­der schö­ne Momen­te, die das Lesen den­noch lesens­wert mache, wie etwa die „Eine sich stets wie­der­ho­len­de Szene“:

Die sich lee­ren­den Straßen
an einem Sommerabend
in einer klei­nen Stadt.
Das Rück­licht des letz­ten Busses,
ein leich­ter Wind, der geht.
Im Ohr ein Lied über
das Ende einer Freundschaft. 

außer­dem noch:

  • Jost Amman & Hans Sachs: Das Stän­de­buch (1568).
  • Geor­ges Duby: Die Zeit der Kathedralen. 

Ins Netz gegangen (10.9.)

Ins Netz gegan­gen am 10.9.:

  • Der Druck der nächs­ten fei­nen Sache – Per­len­tau­cher – flo­ri­an kess­ler dis­ku­tiert mit danie­la seel & axel von ernst über die hot­list, ver­mark­tung von büchern und nischen oder schub­la­den. danie­la seel (kook­books) stellt grund­sätz­li­che fragen:

    So macht die Hot­list sich selbst zur klei­ne­ren Kopie der Gro­ßen und trägt mit zur Ver­en­gung des Lite­ra­tur­ver­ständ­nis­ses bei. Was eigent­lich nötig wäre, näm­lich auf eine Ver­mitt­lung gera­de des Sper­ri­ge­ren hin­zu­wir­ken, sich für ande­re lite­ra­ri­sche For­men und auch kom­ple­xer gestal­te­te Bücher stark zu machen, die nicht so leicht schub­la­di­siert wer­den kön­nen, fin­det viel zu wenig statt. 

    Die Abdrän­gung in „Nischen“ ist durch­aus ein Sym­ptom von Ver­drän­gung im dop­pel­ten Sinn. Dabei steht die Ero­si­on tra­di­tio­nel­ler Lite­ra­tur­ver­mitt­lung, durch Zei­tungs­kri­tik, Buch­han­del, Schul­lek­tü­re und so wei­ter, ja gera­de erst am Anfang. Viel­leicht wird es in zehn Jah­ren kaum noch Auf­la­gen über 1000 Exem­pla­re geben oder Kri­ti­ken mit einer höhe­ren Reich­wei­te, und die ver­blie­be­nen Gewin­ne lan­den fast voll­stän­dig bei Online­kon­zer­nen und Gerä­te­her­stel­lern. Umso wich­ti­ger wäre es, jetzt alter­na­ti­ve, zukunfts­fä­hi­ge Instru­men­te zu erfin­den und ins Gespräch zu brin­gen – über­haupt als Akteu­re in die­sem Wan­del zu han­deln statt sich von ihm trei­ben zu las­sen – , ger­ne auch mit erwei­ter­ten Hot­list-Werk­zeu­gen. Wei­ter bloß die gera­de publi­zier­ten Bücher mög­lichst vie­len Men­schen ver­kau­fen zu wol­len, riecht jeden­falls nach Para­ly­sie­rung durch Panik und greift nach allen Sei­ten zu kurz. 

  • Preu­ßens demo­kra­ti­sche Sen­dung – Kul­tur – DIE WELT – flo­ri­an stark schreibt in der „welt“ den nach­ruf auf hagen schulze:

    Aber Schul­ze woll­te nicht der herr­schen­den Schu­le gefal­len, son­dern die Quel­len zum Reden brin­gen. Bei­des mach­te ihn zum Soli­tär, des­sen Klas­se vie­le Kri­ti­ker aber zäh­ne­knir­schend aner­ken­nen mussten. 

  • child­Lex (Ger­man Children‘s Book Cor­pus) | Max-Planck-Insti­tut für Bil­dungs­for­schung – coo­ler Korpus:

    child­Lex ist ein Koope­ra­ti­ons­pro­jekt mit der Uni­ver­si­tät Pots­dam und der Ber­lin-Bran­den­bur­gi­schen Aka­de­mie der Wis­sen­schaf­ten. Das Kor­pus umfasst über 10 Mil­lio­nen Wör­ter, die in einer Aus­wahl von 500 Kin­der- und Lese­bü­chern ent­hal­ten sind. Die Bücher decken den Alters­be­reich von 6–12 Jah­re ab und kön­nen ent­we­der ins­ge­samt oder in drei ver­schie­de­nen Alters­grup­pen (6−8, 9–10, 11–12 Jah­re) getrennt abge­fragt wer­den. Dabei wer­den die meis­ten lin­gu­is­tisch und psy­cho­lo­gisch rele­van­ten Varia­blen für ca. 200.000 unter­schied­li­che Wör­ter zur Ver­fü­gung gestellt.

  • Uber, die deut­sche Start­up­sze­ne und die Medi­en im Kampf gegen Regu­lie­rung und das Taxi-Estab­lish­ment » Zukunft Mobi­li­tät – sehr guter text von mar­tin ran­del­hoff bei „zukunft mobi­li­tät“ über die grün­de, war­um „uber“ viel­leicht doch kei­ne so tol­le idee ist (und der regu­li­ter­te taxi-markt gar nicht so schlecht ist, wie inter­na­tio­na­le erfah­run­gen mit dere­gu­lie­run­gen zei­gen) – weder für den städ­ti­schen ver­kehr ins­ge­samt noch für den indi­vi­du­el­len nut­zer (von den fah­rern wohl zu schweigen …)
  • Tra­cing Jewish histo­ry along the Rhi­ne – Tra­cing Jewish histo­ry along the Rhi­ne (NYT)
  • Fahr­rad­ku­rie­re: „Am Abend bin ich ein Held“ – Die @FAZ_NET hat die Fahr­rad­ku­rie­re in Frank­furt ent­deckt: „Am Abend bin ich ein Held“ >
  • Wer pflegt die Fül­le sel­ten gehör­ter Stim­men? – taz​.de – Jür­gen Brô­can schreibt in der taz sehr beden­kens­wert über das selt­sa­me miss­ver­hält­nis zwi­schen der hohen zahl guter neu­er lyrik und ihrer schwin­den­den reichweite:

    Lyrik ist das Ange­bot einer nicht pri­mär auf Infor­miert­heit und Effek­ti­vi­tät gegrün­de­ten Denk­wei­se in einer ande­ren Spra­che als der des täg­li­chen Umgangs. Dar­in besteht ihr Wert und ihre Stär­ke, dar­in besteht lei­der auch ihre Pro­ble­ma­tik hin­sicht­lich der Rezeption.
    […] Dabei brau­chen Gedich­te nur jeman­den, der wil­lens ist, nicht bloß zu kon­su­mie­ren, son­dern sich kon­zen­triert auf eine Sache ein­zu­las­sen, sich ihr behut­sam anzu­nä­hern und selbst ein gele­gent­li­ches Sto­cken nicht als hin­der­lich, viel­mehr als berei­chernd zu emp­fin­den. Ent­spinnt sich auf die­se Wei­se ein Gespräch mit dem Text, wird sogar das ein­sa­me Lese­zim­mer nicht als Iso­la­ti­on empfunden.

    vor­schlä­ge, die mar­gi­na­li­sie­rung der lyrik umzu­keh­ren, dem gedicht zu mehr bedeu­tung & rezep­ti­on zu verhelfen: 

    Mir scheint zwei­er­lei unab­ding­bar: Die media­le Auf­merk­sam­keit müss­te dezen­tra­li­siert wer­den, denn es ist nicht alles „Pro­vinz“, was sich außer­halb Ber­lins oder Leip­zigs befin­det, künst­le­ri­sches Poten­zi­al kann man über­all ent­de­cken, es ent­fal­tet sich an den Peri­phe­rien oft­mals eige­ner als in den Schutz­zo­nen der Metro­po­len. Dar­über hin­aus soll­ten Prei­se und Sti­pen­di­en der vor­han­de­nen Viel­falt stär­ker als bis­her Rech­nung tra­gen; deren man­geln­de Unter­stüt­zung setzt näm­lich einen Teu­fels­kreis in Gang, der am Ende die Argu­men­ta­ti­on stützt, es exis­tie­re die­se Viel­falt gar nicht. 

  • Res­te aus 6. Jahr­hun­dert ent­deckt – All­ge­mei­ne Zei­tung – Wer in Mainz anfängt zu gra­ben …: „Ältes­te Main­zer Kir­che ist noch älter“ – beim 6. Jhd sind sie jetzt angekommen 
  • AnonAus­tria on Twit­ter: Die AfD fin­det, dass das The­ma „Schre­ckens­herr­schaft der NSDAP“ den Geschichts­un­ter­richt zu sehr „über­schat­tet“: http://t.co/6RAstU3QXk – Stei­le The­se: Die AfD meint, 1848 hät­te „unser Land“ stär­ker geprägt als der Nationalsozialismus. >
  • Sicht­ach­se delu­xe | anmut und demut – Sicht­ach­se delu­xe | anmut und demut 
  • Char­lot­te Jahnz on Twit­ter: Hihihi. http://t.co/u3x8id7o4g – RT @CJahnz: Hihihi.
  • Ora­ni­en­platz-Flücht­lin­ge: Der gro­ße Bluff – taz​.de – ganz schön mies, was der Ber­li­ner Senat da als Poli­tik ver­steht: „Ora­ni­en­platz-Flücht­lin­ge: Der gro­ße Bluff“ 

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