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Schlagwort: lyrik

im märzwald

im märzwald by matthias mader
im märz­wald, a pho­to by mat­thi­as mader on Flickr.

Ulri­ke Almut San­dig, im märzwald

„ich will, …

… dass alles, was gesagt wird, ins wackeln kommt, immer wie­der neu.“ (paul wühr)

Lutz Görner macht sich und uns mit Robert Gernhardt einen schönen Abend

Hei­ter soll die Kunst sein. Unbe­dingt hei­ter. Wenn einer das begrif­fen hat, dann Robert Gern­hardt – von ihm stammt die For­de­rung schließ­lich auch. Natür­lich in bes­tens gereim­ter Form. Lutz Gör­ner hat das aber auch sehr gut ver­stan­den. Im Frank­fur­ter Hof lie­fer­te er eine Kost­pro­be davon ab: Von Robert Gern­hardts humo­ris­ti­scher Lyrik und sei­ner komi­schen Dar­bie­tungs­kunst. Und das Publi­kum fraß ihm von der ers­ten Minu­te an aus der Hand. Es folg­te ihm durch sein drei­mi­nü­ti­ges Schwei­gen genau­so wie es ihm bei der „Erin­ne­rung an eine Begeg­nung in Duder­stadt“ durch Geki­cher und Räus­pern die Gele­gen­heit gab, sich nahe­zu zehn Minu­ten mit dem Titel des Gedich­tes her­um­zu­schla­gen, bevor er über­haupt zum ers­ten Vers wei­ter­ge­hen konnte.

>Gör­ner ist dem Lyri­ker der Neu­en Frank­fur­ter Schu­le seit 1991 zuge­tan. Und das macht er sehr deut­lich. Über­haupt hat er auf der Büh­ne kei­nen Platz und kei­ne Zeit für Andeu­tun­gen oder Zwi­schen­tö­ne. Gern­hardts Gedich­te also. Er spricht sie, dekla­miert, erzählt, schreit, grunzt, stöhnt, knurrt, seufzt, zwit­schert, säu­selt, lis­pelt, knirscht, haucht, stot­tert, lallt und schimpft mit und durch Gern­hardts Wor­te: Kurz, er macht alles, um Robert Gern­hardt noch ein­mal zu ver­ge­gen­wär­ti­gen. Und er macht immer auch noch ein biss­chen mehr. Denn Gör­ner ist inzwi­schen weit mehr als ein Rezi­ta­tor – er ist selbst zum Komi­ker gewor­den. Viel­leicht ist es ja in einer Art Osmo­se durch die lan­ge Beschäf­ti­gung mit Gern­hardt gesche­hen. Jeden­falls sind des Dich­ters Wor­te nicht die ein­zi­gen lus­ti­gen und unter­halt­sa­men in die­sem Programm.

Das zeich­net sich dadaurch aus, das es sogar zwei rote Fäden hat: Einen gespro­che­nen und einen musi­zier­ten. Denn Gör­ner ist nicht allein auf der Büh­ne. Er lässt sich von Ste­phan Sch­lei­ner am Kla­vier mit Gern­hardt-Varia­tio­nen, einem kun­ter­bun­ten Gang durch die Musik­ge­schich­te, unter­stüt­zen. Und er hat noch einen Tisch vol­ler Requi­si­ten und Ver­klei­dung­ne bereit­ste­hen, mit denen er genau­so schnell zum Sol­da­ten wie zum Clown wird.Aber um zum roten Faden zurück zu kom­men: Gör­ner prä­sen­tiert sei­ne Gedicht-Aus­wahl rund um die und zwi­schen den ein­zel­nen Stro­phen der „Ode an die Spaß­ma­cher und die Ernst­ma­cher“ – wie schon damals bei sei­nem ers­ten Gern­hardt-Pro­gramm. Alt­ba­cken ist das aber nie. Und beschei­den auch nicht. Denn schon Gern­hardt selbst wuss­te zu sagen: „Lie­ber Gott, nimm es hin, dass ich was Besond­res bin.“ Und Lutz Gör­ner und sein Publi­kum sind damit sehr einverstanden.

lyrimail – den tag mit einem gedicht beginnen

heu­te hat lyrik­mail – über­haupt ein aus­ge­spro­chen net­ter und emp­feh­lens­wer­ter, noch dazu kos­ten­lo­ser ser­vice, den ich mit freu­den jeden tag genie­ße – mir eine gro­ße freu­de gemacht: ich durf­te den tag mit einer klei­nen por­ti­on schil­ler beginnen:

Majes­tas populi.

Majes­tät der Men­schen­na­tur! dich soll ich beim Haufen
Suchen? Bei Weni­gen nur hast du von jeher gewohnt.
Ein­zel­ne Weni­ge zäh­len, die Übri­gen alle sind blinde
Nie­ten; ihr lee­res Gewühl hül­let die Tref­fer nur ein.

Westrand: Dieter M. Gräfs vagabundierende Lyrik

tja, das ist das ergeb­nis des mani­schen bücher­kau­fens aus den rest­pos­ten – so etwas rutscht auch immer wie­der hin­ein. denn mit die­sen gedich­ten kann ich nicht viel anfan­gen. das hat meh­re­re grün­de – viel­leicht war ich ja auch nur nicht in der rich­ti­gen stim­mung. aber ein­wän­de habe ich folgende:

  • die stän­di­gen enjam­be­ments: ich ver­ste­he die­se über­frach­tung der gedich­te damit ein­fach nicht, das ist längst vom stil­mit­tel und aus­drucks­form zum manie­ris­mus verkommen
  • die for­cier­te her­me­tik der bil­der: das ist nicht nur voll­kom­men bemüht, son­dern auch so ziel­los, ergeb­nis­los – es erge­ben sich meist nicht ein­mal inter­es­san­te fügun­gen aus der krampf­haf­ten anstren­gung, mög­lichst ver­que­re meta­phern zu bilden…
  • klar, die „ein­fa­che“ lek­tü­re wird durch die dunk­len, ver­blass­ten, ver­schat­te­ten bil­der absicht­lich erschwert, ver­hin­dert und ver­lang­samt bzw. auch nur unter­bro­chen, abge­bro­chen – jeden­falls irgend­wie verbaut
  • das ner­ven­de dar­an ist aber vor allem, dass sich aus den fast nur in zwei­zei­lern (zudem fast immer super kur­zen zei­len) daher­kom­men­den gedich­ten eigent­lich nie ein fluss ein­stellt, schon gar nicht so etwas wie ein flow
  • und die ewi­gen anspie­lun­gen (die er zudem noch meint im appen­dix erklä­ren zu müs­sen, weil sie solo eben doch nicht immer funk­tio­nie­ren) auf helden(-sagen) fan­gen auch nach weni­gen sei­ten an zu nerven
  • kurz­ge­sagt: bil­dungs­hu­be­rei, pseu­do-anspruchs­voll, ohne (erkenn­ba­ren) sinn und zweck und zusam­men­hang – das fängt schon mit dem mot­to (von giord­a­no bru­no, bezeich­nen­der­wei­se zitiert nach rolf die­ter brink­manns rom, bli­cke) an und hört eigent­lich erst mit dem appen­dix (auch der kann natür­lich nicht ein­fach anmer­kun­gen oder anhang hei­ßen) auf.

also: ein­fach ziel­los umher­schwei­fen­de, sich mög­lichst klug geben­de, die bemü­hung dazu aber nie ver­heh­len­de lyrik – ziem­lich lang­wei­lig und spröde…

die­ter m. gräf: west­rand. gedich­te. frankfurt/​main: suhr­kamp 2002.

kugelblitze sausen quer durch die lüfte und mittenhinein in mein literarisches nervenzentrum

noch eine frucht des wochen­en­des: end­lich habe ich ulri­ke draes­ners letz­ten gedicht­band mit dem titel kugel­blitz (mün­chen: luch­ter­hand 2005) gele­sen – er lag ja schon eine wei­le bereit und hat auch schon zwei anläu­fe hin­ter sich gehabt, die aller­dings bei­de ins lee­re lie­fen. auch die­ses mal reich­te die begeis­te­rung nicht für den gan­zen band, der in drei gro­ße abschnit­te (mit vor­spiel und nach­spiel) unter­teilt ist: „(lie­ben)“, „(krie­ge)“ und „(spä­ter)“. fas­zi­niert hat mich vor allem der ers­te teil, im zwei­ten abschnitt fand ich viel mehr rou­ti­ne und lan­ge­wei­le für den leser, der drit­te teil zeigt aber dann wie­der stark nach oben.

das ist wirk­lich zeit­ge­nös­si­sche, moder­ne (oder schon zwei­te moder­ne?) lyrik. wesent­li­ches, immer wie­der auf­tau­chen­des moment ist die erfah­rung der natur bezie­hungs­wei­se die pro­ble­me mit der erfahr­bar­keit von natur, mit dem kon­takt zwi­schen mensch und natur, v.a. die unfä­hig­keit des ver­ste­hens ihrer zei­chen und die uner­klär­lich­keit ihrer vor­gän­ge: „nie /​sag­te jemand /​ein beg­re­fi­li­ches /​wort dazu“ (9). eben­so wie­der­keh­rend: die gemacht­heit der natur­er­fah­rung. dazu pas­sen die dunk­len ver­glei­che natur – technik/​zivilisation, wie sie in der „enten­brust“ der stra­ßen­bahn auf­taucht. und fol­ge­rich­tig heißt ein gedicht dann auch „novo e raro mira­col di natura“.

natur ist dabei (natür­lich [!]) nie ein­fach nur noch natur, son­dern erst in abgren­zung vom men­schen zur natur gewor­den. dabei wird sie aber gera­de in ihrer zwit­ter­stel­lung inter­es­sant: natur scheint hier als das ande­re auf, das gro­ße gegen­über – aber (zumin­dest schein­bar) befin­det es sich auch als sol­ches wenigs­tens teil­wei­se in der ver­fü­gungs­ge­walt des men­schen – die elek­tri­zi­tät ist, beim titel des buches nicht ver­wun­der­lich, ein gern genutz­tes bild dafür: „hüh­ner säu­bern ihr ei wäh­rend du dir bereits /​einen ihrer schen­kel in den mund“ (16, novo e raro micaol di natura)

das vor­drin­gen der (noch unge­bän­dig­ten) natur in den zivi­li­sa­ti­ons­raum, das hoheits­ge­biet des men­schen als ver­nunft­be­gab­tem tier – dafür steht natür­lich schon das titel­ge­ben­de bild des kugel­blit­zes: als blitz ist er zwar ein ele­men­ta­res und voll­kom­men unmit­tel­ba­res natur­er­eig­nis. aber er ist es nicht in nor­ma­ler erschei­nung, son­dern qua­si geformt, in behaup­te­ter (näm­lich vom men­schen) kugel-form, also einer geo­me­trisch „per­fek­ten“ form, d.h. der blitz wird zu einer rein nach ver­nunft­grün­den geform­ten erschei­nung (gedeu­tet). nicht nur natur wird zur zivi­li­sa­ti­on, son­dern auch und vor allem geschieht der trans­for­ma­ti­ons­vor­gang in ent­ge­gen­ge­setz­ter rich­tung, vom men­schen in die natur. aber das führt zu rei­bun­gen, zu zusam­men­stö­ßen: die natur bleibt eben auch dann noch, wenn men­schen sie nach eige­nen „ideen“ for­men wol­len, „ver­schlos­sen“, dun­kel und unver­ständ­lich: “ er dach­te auf ihn. /​so ver­ste­hen wir ‚natur‘. ist toll­wut /​wenn einer sich wehrt? ach, es bud­delt /​nach zufall, pfeift auf gedächt­nis, mischt.“ (77)

dazu wird dann vor draes­ner als kunst­voll erdach­ter und aus­ge­führ­ter kon­tra­punkt das dia­lo­gi­sche moment der gedich­te (in der ers­ten und der drit­ten per­son, im indi­ka­tiv und kon­junk­tiv), die anre­de des „du“ ein­ge­führt: der ver­such, die lie­be zu beschrei­ben, zu kon­sta­tie­ren, zu behaup­ten und selbst­ver­ständ­lich auch wie­der zu for­men – samt den not­wen­dig dam­ti ein­her­ge­hen­den zwei­feln. der ers­te gro­ße teil des buches heißt nicht umsonst „(lie­be)“. und spä­ter heißt es ein­mal: „falls dies stimmt /​/​wird auch das paar eine ver­mu­tung sein“ (22). die lie­be, also die ver­bin­dung von ich und du zum wir, steht dabei genau wie schon das sub­jekt für sich, immer in fra­ge, ist nicht mehr ohne wei­te­res als gelin­gen­de vor­aus­zu­set­zen: „das röhr­chen der lie­be (ver­lo­ren)“ (28), „siche­rer auch /​/​du?“ (30)

das gan­ze geschieht eigent­lich immer in sehr geziel­tem auf­bau und mehr­deu­tig­kei­ten: über­lap­pen­de sät­ze ohne glie­de­rungs­zei­chen, per­fek­ti­on des enjam­be­ments, sei­ner mehr­deu­tig­keit im syn­tak­ti­schen sinn sind mit­tel, die draes­ner per­fek­tio­niert hat. dazu passt auch der hohe grad an refle­kiert­heit – nie etwas unbe­dach­tes, kein wort, über das nicht nach­ge­dacht wur­de – genau das, was lyrik eben aus­ma­chen (soll­te). das wie­der­um ent­spricht der unmög­lich­keit der unmit­tel­ba­ren erfah­rung, von der eigent­lich auch jedes gedicht berich­tet – das wah­re träu­men: „sie dach­te wie solch ein tier wohl schläft mit dem blu­men­topf­rü­cken /​und sah mit brau­nem zucker bestreut all das ver­täum­te tra­ra /​(angeb­lich des traums) aber sofort war er wach (die ohren) sofort /​/​fiel er wie­der um wie ein kind – wie es weint – alle /​gefüh­le also sei­en erlernt“ (19). schuld an die­ser grund­le­gen­den ent­frem­dung des men­schen von sei­ner umge­bung und sei­ner selbst ist z.b. die „nähe von maschi­nen“ (19, so heißt das gedicht)

wie es sich für echt moder­ne lyrik gehört (und das ver­ges­sen ja vie­le autoren und ande­re lei­der immer wie­der) wird außer­dem auch die gene­rel­le pro­ble­ma­tik des sub­jek­tes, sei­ner iden­ti­tät und die der ande­rer men­schen (als adres­sa­ten – der spra­che, der lyrik, der lie­be) the­ma­ti­siert. „dies löch­ri­ge tuch ich spre­che /​/​dich /​/​durch es. wenn ich sage ‚du‘. wenn /​cih sage ‚ich woll­te …‘ ‚ich …‘ ein /​kin­der­ge­sicht. oh gesperrt! löch­ri­ger /​/​busch: so sprech ich dich wenn. /​ich sage: du, eben, lüs­tern“ an ande­rer stel­le heißt es dann: „du bist. doch wo? /​[…] du bist nicht /​wo nicht wen, du /​gehst, der wald steht still. /​[…] /​[…] ein /​schat­ten ruft. was altes /​weiß von dir. die keh­le /​streckt sich schon. der /​wolf liebt sei­nen satz. /​das rudel ruft.“ (81, vor gram­ma­tik). und damit wird auch der nächs­te gro­ße the­men­kom­plex die­ser lyrik deut­lich: außer­dem in fra­ge gestellt wer­den die wor­te in all­ge­mei­nen. genau­er gesagt, wird auch hier nur die grund­le­gen­de erfah­rung der moder­ne, das alles in fra­ge steht, nur noch bekräf­tigt, auf­ge­nom­men und ver­ar­bei­tet. beson­ders gilt dies natür­lich für die ver­bin­dung wort – ding: „das eich­hörn­chen dreh­te /​die nuss eif­rig wie wir das wort ‚nuss‘ /​im gehirn“ (23). auch ein titel greift das auf: „tau­cher, rade­brech /​(vom vier­fa­chen sinn der schrift)“ (82). die ver­ge­gen­wär­ti­gung der schil­ler­schen bal­la­de geht dann unge­fähr so: „anzü­ge mit füßen hin­gen /​am gelän­der, im trock­ner /​hin­gen köp­fe /​/​je wei­ter ein boot ent­fernt ist /​umso tie­fer nach unten muss man /​um es zu hören /​/​mit dem andrang der schwär­ze /​gegen die mas­ke vorm gesicht. /​/​ertrinken.verstehen“ (82) – das ist natür­lich die tra­gik über­haupt: erst ertrin­ken, dann ver­ste­hen … die bei­den letz­ten gedich­te füh­ren das noch ein­mal alles zusam­men. da heißt es dann „sehn­sucht rief mich /​hast du ner­ven /​gern kom­me ich gern /​bin dei­ner stim­me ich /​gefolgt /​immer so blu­men /​blit­zend, ver­wirrt (84), wäh­rend die letz­ten zei­len, das post­skrip­tum (außer­halb der drei gro­ßen tei­le) die schrift­form schon nahe­zu voll­stän­dig ver­lo­ren ist und nur noch spra­che ist – in laut­schrift notiert, auf eng­lisch – wenn ich das rich­tig ent­zif­fert habe, steht da: „you too /​loved you /​was invented“

der zwei­te teil, „(krie­ge)“, blieb mir zumin­dest bei der ers­ten lek­tü­re jetzt ver­schlos­se­ner, nüch­ter­ner und oft auch deut­lich gewoll­ter. die poli­ti­sche absicht etwa lässt sich zu leicht spü­ren und fas­sen – das tut der (kunst-)erfahrung der lyrik nicht gut. dabei ver­lie­ren die gedich­te glei­cher­ma­ßen an deut­lich­keit wie an der so fas­zi­nie­rend, weil stu­pend beherrsch­ten mehrdeutigkeit.
„mit eige­nen augen sehen: getrimmt /​zoo­men begrif­fe weg. bis wir tröp­felnd /​vor sehn­sucht und glau­ben dalie­gen wie /​der kopf einer gelieb­ten kat­ze unter /​einer hand, die uns strei­chelt oder streicht,“ (62f)

das ist alles zusam­men natür­lich ein fast wahn­sin­ni­ges pro­gramm. wer glaubt, ob all die­ser fra­gen, die­ser theo­re­tisch-reflek­tie­ren­den gedan­ken­gän­gen gin­ge der kunst­cha­rak­ter der gedich­te ver­lo­ren, der itt. denn es ist kein wahn, kei­ne hybris. denn die gedich­te blei­ben trotz der gefahr der theo­re­ti­schen über­las­tung meist, d.h. in ihren über­wie­gen­den tei­len, immer auch sinn­li­che gebil­de. eine unmit­tel­ba­re qua­li­tät der fügung ihrer wor­te (weni­ger der rhyth­men, mehr aus dem klang und den ver­misch­ten, kreuz und quer geschich­te­ten bild­lich­kei­ten gear­bei­tet) fes­selt das lesen­de auge und hirn, die vor­stel­lungs­kraft. und sie zeu­gen von der fas­zi­nie­ren­den kon­zen­tra­ti­on, die die­se gedich­te bestimmt. mehr lässt sich von lyrik eigent­lich kaum noch ver­lan­gen. man­ches ist dabei durch­aus grenz­wer­tig – qua­li­täts­mä­ßig gese­hen: wenn genau die­se kon­zen­tra­ti­on sich ver­liert, wirkt das gan­ze sehr schnell nur noch manie­ris­tisch. aber es bleibt fest­zu­hal­ten: das sind 85 sei­ten pure poe­sie unse­rer zeit mit der ver­hei­ßung, die­se auch zu über­dau­ern. w

eine wunderbar sprechende „gegensprechstadt“

ja genau, so heißt näm­lich der neu­es­te lyrik­band von ger­hard falk­ner. genau­er gesagt: gegen­sprech­stadt – ground zero. und im grun­de ist es auch gar kein lyrik­band, son­dern nur ein gedicht, ein lan­ges eben – so ca. 70 sei­ten. und es kommt nicht nur in der kook­books-typi­schen aus­stat­tung daher, son­dern auch noch mit cd. dadrauf hat falk­ner gro­ße tei­le (lei­der nicht alles) sei­nes gedich­tes gele­sen, und david moss macht ein wenig musik dazu. aller­dings sehr wenig – das ist ziem­lich ent­täu­schend: ein mit­schnitt einer live-lesung, zu der moss nicht beson­ders viel ein­ge­fal­len ist – ein eher unge­wöhn­li­cher zustand für die­sen künstler.

egal, eigent­lich geht es ja vor allem um das gedicht. nach­dem mich falk­ners alte meis­ter nicht so sehr begeis­tern konn­te, schafft gegen­sprech­stadt das vom ers­ten bis zum letz­ten vers. das ist nicht nur das bes­te (und in dem umfang auch ers­te) ber­lin-gedicht, das ich ken­ne. das ist auch eine sehr zeit­ge­mä­ße form des dich­tens: mit geschich­te gesät­tigt, ohne des­halb so bedeu­tungs­hu­be­risch-bil­dungs­schwer daher­zu­kom­men wie die letz­ten durs-grün­bein-bän­de. falk­ner treibt das spiel mit den allu­sio­nen, den zita­ten und den quer­ver­wei­sen ziem­lich kunst­voll – und ziem­lich weit. es ist öfters kurz davor, wirk­lich zu ner­ven, die stän­di­gen halb-bedeu­ten­den pop­kul­tu­rel­len anspie­lun­gen. aber sie tun es dann meis­tens eben doch nicht. denn „moti­ve bekann­ter gedich­te“ „sind humus. mon­ta­ge­teil. zitat. anlei­he. link. refe­renz. ver­beu­gung.“ (74) – ein klei­ner hieb auf die „pop­li­te­ra­ten“ darf in einem sol­chen fall nicht feh­len: „eine zeit, in der man bei künst­lern /​wenn man sie aus­zieht /​auf ck- oder joop!-unterwäsche stößt /​(als letz­te schicht sozu­sa­gen /​vor der eigent­li­chen inspi­ra­ti­on) /​ist reif für eine revi­si­on /​sie soll­te bei tschechow /​wie­der in die leh­re gehen, /​oder mit pyn­chon her­aus­zu­fin­den ver­su­chen /​wo die wirk­li­chen ver­fol­ger ste­cken /​damit sie zurück­fin­det /​(um im bild der spra­che zu blei­ben) /​zum ehr­li­chen baum­woll­ripp mit ein­griff /​denn gro­ße poe­sie /​auch wo sie glück­lich ver­wirrt /​ist mar­ken und moden abhold“ (36)

das gan­ze chan­giert dann ziem­lich unre­gel­mä­ßig (nach dem ers­ten lek­tü­re­ein­druck) zwi­schen his­to­risch vor­ge­form­ten lang­ge­dicht und der vor­lie­be für ein­zel­im­pres­sio­nen, anein­an­der­ge­reiht und sequen­ziert. die üer­gän­ge – und das macht gegen­sprech­stadt wahr­schein­lich so geschmei­dig – blei­ben aber immer flie­ßend. denn falk­ner schafft es eben, dem all­täg­li­chen nach­zu­bli­cken, das musi­ka­li­sche detail der stadt ber­lin über­all zu fin­den und in wor­te zu fas­sen – aber auch, die gro­ßen momen­te, die revo­lu­tio­nen und kata­stro­phen, den 11. sep­tem­ber, den 3. okto­ber und den 15. märz (falk­ners geburts­tag, iden des märz) mit einzubeziehen.

rhyth­misch erscheint das aufs ers­te, ohne genaue­re ana­ly­se, sehr leicht und unbe­schwert: ein unge­zwun­ge­ner umgang mit vers­for­men macht das gedicht – und davon legt gera­de falk­ners lesung beson­ders deut­lich zeug­nis ab – sehr flie­ßend. die­se „poly­me­re poe­sie“, wie der autor das nennt, kreist immer wie­der um phä­no­me­ne der zeit, ihrer sub­jek­tiv total zer­split­ter­ten wahr­neh­mung, um das zäh­len. spra­che scheint da als medi­um und bewe­gung glei­cher­ma­ßen ret­tung zu bie­ten – als flucht­punkt und als ver­ar­bei­tungs­mög­lich­keit: „auch die­ses gedicht ist ein gedicht ohne einen /​hel­den ist natür­lich ein gedicht /​ohne einen hel­den ist natür­lich /​ein gedicht“ (56). und ein gedicht ist das hier auf jeden fall – ein wirk­lcih beein­dru­cken­des – schon lan­ge nicht mehr so begeis­tert lyrik verschlungen.

ger­hard falk­ner: gegen­sprech­stadt – ground zero. gedicht & cd mit music by david moss. idstein: kook­books 2005.

ironische musik? schumanns heine-vertonungen unter der lupe

robert schu­mann und hein­rich hei­ne, die bei­den gro­ßen genies der roman­tik, haben in die­sem jahr ihren 150. todes­tag – auch wenn sich mozart vor­drängt. dabei ist gera­de die­ses traum­paar viel inter­es­san­ter. und es ist auch noch lan­ge nicht alles gesagt. bei­de ver­bin­det näm­lich nicht nur das jahr ihres todes, son­dern auch ein blick für die jeweils ande­re kunst. bei­de waren außer­dem wun­der­ba­re musik­schrift­stel­ler. und nicht zuletzt hat schu­mann eben hei­ne öfter ver­tont als jeden ande­ren dich­ter. die­se lie­der muss­ten aller­dings im lau­fe der zeit so eini­ge unbill erfah­ren. genau das hat tho­mas syn­of­zik, direk­tor des robert-schu­mann-hau­ses in zwi­ckau, offen­bar gereizt. denn sei­ne pünkt­lich zum jubi­lä­um erschie­ne­ne stu­die hat zwei zie­le: zum einen will syn­of­zik mit der rezep­ti­ons­ge­schich­te mal so rich­tig auf­räu­men. und er will das ver­hält­nis von musik und iro­nie unter die lupe neh­men. der titel ver­spricht dabei aller­dings ein wenig mehr als das buch ein­lö­sen kann. denn sein fokus bleibt beschränkt: es geht um die hei­ne-lie­der – und um nichts anderes.

der ver­such, der roman­ti­schen iro­nie über­haupt ana­ly­tisch hab­haft zu wer­den, macht den anfang. syn­of­zik sieht sie vor allem als aus­druck der ambi­va­lenz und der ambi­gui­tät. das beob­ach­tet er in hei­nes lyrik und danach sucht er in sei­nen detail­lier­ten har­mo­ni­schen, metri­schen, melo­di­schen und struk­tu­rel­len ana­ly­sen der musik. und er fin­det dabei so vie­le und ein­deu­ti­ge musi­ka­li­schen umset­zun­gen der iro­nie, dass man die frü­he­ren ver­su­che, genau das schu­manns ver­to­nun­gen abzu­spre­chen, kaum glau­ben mag. ob es nun die boden­lo­se har­mo­nik des chor­sat­zes „die lotus­blu­me“, die tona­le ambi­va­lenz von „im wun­der­schö­nen monat mai“, die ros­si­ni-per­si­fla­ge in „die rose, die lilie, die tau­be“ oder die para­do­xen schluss­wen­dun­gen und iro­ni­schen poin­ten – syn­of­zik spürt sie mit viel ana­ly­ti­schem geschick und scharf­blick auf. was sei­nem buch gera­de am ende der lek­tü­re aller­dings ein wenig abgeht, ist der grö­ße­re zusam­men­hang. inter­es­sant wäre schon noch, wie sich die­se beob­ach­tun­gen mit ande­ren lie­der schu­manns oder hei­ne-ver­to­nun­gen ande­rer kom­po­nis­ten ver­glei­chen ließen.

tho­mas syn­of­zik: hein­rich hei­ne – robert schu­mann. musik und iro­nie. köln: dohr 2006. 191 sei­ten. 24,80 euro.

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