Lesen. Hören. Und ein bisschen schreiben.

Schlagwort: lyrik Seite 13 von 14

Winternacht

Winternacht.

1.

Vor Kälte ist die Luft erstarrt,
Es kracht der Schnee von meinen Tritten,
Es dampft mein Hauch, es klirrt mein Bart;
Nur fort, nur immer fortgeschritten!


Wie feierlich die Gegend schweigt!
Der Mond bescheint die alten Fichten,
Die, sehnsuchtsvoll zum Tod geneigt,
Den Zweig zurück zur Erde richten.

Frost! friere mir ins Herz hinein,
Tief in das heißbewegte, wilde!
Daß einmal Ruh mag drinnen seyn,
Wie hier im nächtlichen Gefilde!

2.

Dort heult im tiefen Waldesraum
Ein Wolf; – wie’s Kind aufweckt die Mutter,
Schreit er die Nacht aus ihrem Traum
Und heischt von ihr sein blutig Futter.

Nun brausen über Schnee und Eis
Die Winde fort mit tollem Jagen,
Als wollten sie sich rennen heiß:
Wach auf, o Herz, zu wildem Klagen!

Laß deine Todten auferstehn,
Und deiner Qualen dunkle Horden!
Und laß sie mit den Stürmen gehn,
Dem rauhen Spielgesind aus Norden!

abendlied

abend­lied, lago di como

herbst, wenn die kas­ta­ni­en die waf­fen stecken,
mor­gen­ster­ne rings­um ver­streut am boden
lie­gen. in den zwei­gen die vogelbeeren
 prah­len mit ihrem 

gift. nun ruhen sie, all die angelhaken
auf dem grund, die holz­boo­te in den schuppen
wäh­rend sich die blät­ter in rauch verwandeln,
 ruhen die villen

aus von ihrem prunk, und ein saum laternen
trennt die pro­me­na­de vom see. die leere
auto­fäh­re trägt eine letz­te ladung
 licht übers wasser. 

— Jan Wag­ner, Aus­tra­li­en, 21

Mitmenschen

Eugen Roth, Mitmenschen

Eugen Roth, Mit­men­schen (im Lyrikkalender)

– das kann man ein­fach mal so ste­hen lassen …

Tagtext 30.8.2012

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Tagtext 11.7.2012

Dirk von Peters­dorff, der auch ein klu­ger Lite­ra­tur­wis­sen­schaft­ler ist, habe ich kürz­lich sozu­sa­gen für mich ent­deckt: Ein Lyri­ker, der vor tra­di­tio­nel­len For­men nicht zurück­schreckt (Paar­rei­me! – allei­ne die Idee ist ja schon fast wie­der modern …), sie aber nicht nur mit zeit­ge­mä­ßen Inhal­ten füllt, son­dern auch mit einer gegen­wär­ti­gen, auf­merk­sa­men Spra­che. Vor allem aber ein Dich­ter, der intel­li­gen­te Beob­ach­tun­gen und schö­ne Form kom­bi­nie­ren kann. Das klappt natür­lich nicht immer, aber für micht als jeman­den, der das Spiel mit der Spra­che und ihren (lite­ra­ri­schen) For­men sehr hoch schätzt, ist es erstaun­lich, wie oft das funk­tio­niert. Zum Bei­spiel bei die­sem klei­nen Acht­zei­ler, der natür­lich schon durch den Titel viel gewinnt:

A 7, Kas­se­ler Berge

Nimm eine schwar­ze Nacht und sieh -
da ist ein schwe­re­lo­ser Bogen,
ein hel­ler Strom aus Energie
durch die FIns­ter­nis gezogen.

Kennst du es noch, das alte Lied -
ein kal­tes Schwin­den ist die Welt,
von jeder Stät­te müßt ihr fliehn,
jedes Men­schen-Licht, es fällt.

Das ist 1999 geschrie­ben, aus der 2010 erschie­nen Samm­lung „Nimm den lan­gen Weg nach Haus“, die Arbei­ten aus ver­schie­de­nen, ver­streut eschie­ne­nen Gedicht­bän­den samm­let (sozu­sa­gen schon eine klei­ne Best-of-Aus­ga­be, so etwas wie eine Posi­ti­ons­be­stim­mung des Autors).

Das Eigentum

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… es kommt ein Gedicht …

‚Kay. Brau­chen wir einen Absatz für eine Zeile.
Oder? Ruf ich ein Wort, und es kommt ein Gedicht,
steht beläm­mert her­um wie Ril­kes Zombiemädchen,
wie die einst Geru­fe­nen noch immer, mit karolisch
lang­sa­men Bär­ten Redak­ti­ons­ge­sän­ge durchsegeln,
wie das nied­li­che Gestampf in der Bar, die gern unse­re wäre,
so haben alle recht, denn die Tem­pe­ra­tu­ren sind da,
„10 Der­ri­da“, sagt man zuein­an­der, und noch mal,
denn der Witz ist scharf genug für ne gan­ze Zeile.

— Ann Cot­ten, Das Pferd, 14</div)

Kindheit

„[…] Herbst­ne­bel, Draht­zäu­ne, Grenz­stei­ne die 
gebil­de­te Welt.“

— Elke Erb, Kind­heit (meins, 39)

Mai

May­kä­fer, flieg!
Der Vater ist im Krieg.
Die Mut­ter ist im Pommerland.
Und Pom­mer­land ist abgebrandt.

Volcks-Sagen, 1800

oder auch so:

Mai­kä­fer flieg’!
Der Hecker zieht in Krieg.
Der Struve zieht in’s Oberland
Und macht die Repu­blik bekannt.

Hecker-Lied, 1841

Winter-Splitter

Die Füße—see­len, sie
see­len!

Ich füh­le sie lau­fen im Sommer,
die Wie­se hin­auf (ich muß den Som­mer einrücken) -

sie see­len -
viel­leicht sogar wäh­rend ich lau­fe, ja doch wohl wäh­rend, -
und jetzt, im Januar—erinnert.

— Elke Erb, Meins, 52

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