Winternacht. 1. Vor Kälte ist die Luft erstarrt, Es kracht der Schnee von meinen Tritten, Es dampft mein Hauch, es klirrt mein Bart; Nur fort, nur immer fortgeschritten! Wie feierlich die Gegend schweigt! Der Mond bescheint die alten Fichten, Die, sehnsuchtsvoll zum Tod geneigt, Den Zweig zurück zur Erde richten. Frost! friere mir ins Herz hinein, Tief in das heißbewegte, wilde! Daß einmal Ruh mag drinnen seyn, Wie hier im nächtlichen Gefilde! 2. Dort heult im tiefen Waldesraum Ein Wolf; – wie’s Kind aufweckt die Mutter, Schreit er die Nacht aus ihrem Traum Und heischt von ihr sein blutig Futter. Nun brausen über Schnee und Eis Die Winde fort mit tollem Jagen, Als wollten sie sich rennen heiß: Wach auf, o Herz, zu wildem Klagen! Laß deine Todten auferstehn, Und deiner Qualen dunkle Horden! Und laß sie mit den Stürmen gehn, Dem rauhen Spielgesind aus Norden!
Schlagwort: lyrik Seite 13 von 14
abendlied, lago di como
herbst, wenn die kastanien die waffen stecken,
morgensterne ringsum verstreut am boden
liegen. in den zweigen die vogelbeeren
prahlen mit ihrem
gift. nun ruhen sie, all die angelhaken
auf dem grund, die holzboote in den schuppen
während sich die blätter in rauch verwandeln,
ruhen die villen
aus von ihrem prunk, und ein saum laternen
trennt die promenade vom see. die leere
autofähre trägt eine letzte ladung
licht übers wasser.
Dirk von Petersdorff, der auch ein kluger Literaturwissenschaftler ist, habe ich kürzlich sozusagen für mich entdeckt: Ein Lyriker, der vor traditionellen Formen nicht zurückschreckt (Paarreime! – alleine die Idee ist ja schon fast wieder modern …), sie aber nicht nur mit zeitgemäßen Inhalten füllt, sondern auch mit einer gegenwärtigen, aufmerksamen Sprache. Vor allem aber ein Dichter, der intelligente Beobachtungen und schöne Form kombinieren kann. Das klappt natürlich nicht immer, aber für micht als jemanden, der das Spiel mit der Sprache und ihren (literarischen) Formen sehr hoch schätzt, ist es erstaunlich, wie oft das funktioniert. Zum Beispiel bei diesem kleinen Achtzeiler, der natürlich schon durch den Titel viel gewinnt:
A 7, Kasseler Berge
Nimm eine schwarze Nacht und sieh -
da ist ein schwereloser Bogen,
ein heller Strom aus Energie
durch die FInsternis gezogen.Kennst du es noch, das alte Lied -
ein kaltes Schwinden ist die Welt,
von jeder Stätte müßt ihr fliehn,
jedes Menschen-Licht, es fällt.
Das ist 1999 geschrieben, aus der 2010 erschienen Sammlung „Nimm den langen Weg nach Haus“, die Arbeiten aus verschiedenen, verstreut eschienenen Gedichtbänden sammlet (sozusagen schon eine kleine Best-of-Ausgabe, so etwas wie eine Positionsbestimmung des Autors).
‚Kay. Brauchen wir einen Absatz für eine Zeile.
Oder? Ruf ich ein Wort, und es kommt ein Gedicht,
steht belämmert herum wie Rilkes Zombiemädchen,
wie die einst Gerufenen noch immer, mit karolisch
langsamen Bärten Redaktionsgesänge durchsegeln,
wie das niedliche Gestampf in der Bar, die gern unsere wäre,
so haben alle recht, denn die Temperaturen sind da,
„10 Derrida“, sagt man zueinander, und noch mal,
denn der Witz ist scharf genug für ne ganze Zeile.
Maykäfer, flieg!
Der Vater ist im Krieg.
Die Mutter ist im Pommerland.
Und Pommerland ist abgebrandt.
— Volcks-Sagen, 1800
oder auch so:
Maikäfer flieg’!
Der Hecker zieht in Krieg.
Der Struve zieht in’s Oberland
Und macht die Republik bekannt.
— Hecker-Lied, 1841
Die Füße—seelen, sie
seelen!Ich fühle sie laufen im Sommer,
die Wiese hinauf (ich muß den Sommer einrücken) -sie seelen -
vielleicht sogar während ich laufe, ja doch wohl während, -
und jetzt, im Januar—erinnert.
— Elke Erb, Meins, 52



