Ins Netz gegangen (17.6.)

Ins Netz gegan­gen am 17.6.:

  • Der Feh­ler­teu­fel arbei­tet jetzt als Fak­ten­che­cker | Über­me­di­en → wenn die über­prü­fung der wahr­heits­ge­hal­te von poli­ti­ker­aus­sa­gen der über­prü­fung auf die wahr­heits­ge­hal­te nicht stand­hält – und die medi­en die über­prü­fung der über­prü­fung unter­las­sen – dann ist ste­fan nig­ge­mei­er etwas genervt …:

    Ach, es ist ein Kreuz. Und was für eine Iro­nie, dass meh­re­re Medi­en einen Fak­ten­check fei­ern, ohne grob die Fak­ten zu che­cken.

  • Glo­ba­li­sie­rung am Wohn­zim­mer­ti­sch | zeitgeschichte-online.de → der zeit­his­to­ri­ker frank bösch über rupert neu­de­ck

    Da Neu­de­ck kei­ne Erfah­run­gen in die­sem Feld hat­te, trat er zunächst mit rela­tiv unbe­darf­ten Kon­zep­ten für die Ret­tung und Über­füh­rung der Boat Peop­le ein. Doch gera­de die­se anfäng­li­che Blau­äu­gig­keit mach­te vie­les mög­li­ch.

    Neu­decks Hilfs­ak­tio­nen stan­den für einen Wan­del des poli­ti­schen Enga­ge­ments in Deutsch­land. Im Unter­schied zu den Soli­da­ri­täts- und „Drit­te Welt“-Gruppen der 1970er Jah­re waren sie nicht welt­an­schau­li­ch kon­no­tiert, son­dern setz­ten über­par­tei­li­ch auf kon­kre­te Hil­fe. Nicht Theo­ri­en und Worte, son­dern Taten ohne ideo­lo­gi­schen Über­bau zähl­ten für ihn. </blockquote

  • Pres­se­frei­heit in Thü­rin­gen: Die Poli­zei, Hel­fer der Rech­ten? | taz

    Ver­gan­ge­ne Woche reich­ten die Jour­na­lis­ten Kla­ge vor dem Ver­wal­tungs­ge­richt Wei­mar ein. Die Poli­zei habe sich von den Neo­na­zis instru­men­ta­li­sie­ren las­sen, kri­ti­sie­ren sie. „Die Platz­ver­wei­se ent­beh­ren jeder Grund­la­ge“, kri­ti­siert Röp­kes Anwalt Sven Adam. „Statt die For­de­run­gen von Neo­na­zis umzu­set­zen, muss die Poli­zei die Pres­se­frei­heit durch­set­zen.“

  • Über Gedich­te und ihre Kri­tik: Wo Jupi­ter Kanin­chen hütet | NZZ → nico bleut­ge über die mög­lich­kei­ten und not­wen­dig­kei­ten von lyrik und einer ihr ange­mes­se­nen kri­tik

    Gedich­te sind nichts, was man mal eben hüb­sch neben­her liest, um sich an einem klei­nen ästhe­ti­schen Kit­zel zu erfreu­en und dann alles wie­der zu ver­ges­sen. Viel­mehr kön­nen sie wie kei­ne ande­re Art von Lite­ra­tur Gesell­schaft, ihre Spra­che und ihre Struk­tur reflek­tie­ren, nach Über­setz­bar­keit fra­gen, Nor­mie­run­gen unter­lau­fen – und damit Erkennt­nis bie­ten. Nicht durch das, was sie sagen, son­dern dadurch, wie Gedich­te es sagen, wie sie mit sprach­li­chen Struk­tu­ren umge­hen, sie wen­den, ein Netz von Moti­ven aus­wer­fen, Bedeu­tun­gen, Mus­ter und Klän­ge auf­grei­fen und ver­schie­ben. Und so für Offen­heit sor­gen, Denk­mög­lich­kei­ten frei­le­gen.

Lyrikkritik, nächste Runde

Die Debat­te um den Zustand der Lyrik­kri­tik geht in die nächs­te Run­de. Nun sind – mit eini­ger Ver­zö­ge­rung – die Meta­bei­trä­ge dran: Jan Drees schreibt in sei­nem Blog eine gute Zusam­men­fas­sung der wesent­li­chen & wich­tigs­ten Bei­trä­ge. Und Gui­do Graf weist beim Deutsch­land­funk auf ein wei­te­res Spe­zi­fi­kum die­ser inzwi­schen ja eigent­li­ch ein­ge­schla­fe­nen Debat­te hin: Der Streit, der sich unter ande­rem ja auch um das Pro­blem der (zu) engen und inti­men Ver­knüp­fun­gen zwi­schen Lyri­ke­rin­nen und Kri­ti­ke­rin­nen dreht und dabei nach den kri­ti­schen Stan­dards und den Zie­len einer mög­lichst (in ver­schie­de­nen Sin­nen) wirk­sa­men Lyrik­kri­tik fragt, fin­det selbst in einem sehr engen, über­schau­ba­ren Zir­kel (oder, wie man heu­te sagen wür­de, inner­halb der „Sze­ne“) statt und scheint außer bei den mehr oder weni­ger direkt Betei­lig­ten auf über­haupt kei­ne Reso­nanz zu sto­ßen:

Inter­es­sant ist eben auch, wo die­se aktu­el­le Debat­te aus­ge­tra­gen wird und wo nicht. Ins­be­son­de­re dann, wenn man sie mit der letzt­jäh­ri­gen über die Lite­ra­tur­kri­tik ver­gleicht, wie sie – auch online – haupt­säch­li­ch im Per­len­tau­cher statt­ge­fun­den hat. 

[…]

Signa­tu­ren, Fix­poe­try, Lyrik­zei­tung und immer wie­der Face­book: Das sind die Orte, an denen debat­tiert wird. In den Feuil­le­tons der Tages­zei­tun­gen, auf deren Online-Platt­for­men oder im Radio dazu kein Wort. Auch eine kun­di­ge Lyrik-Lese­rin wie Marie-Lui­se Knott ver­liert in ihrer Online-Kolum­ne beim Per­len­tau­cher kein Wort über die aktu­el­le Debat­te. Berüh­rungs­los zie­hen die Dich­ter und ihre wech­sel­sei­ti­gen Selbst­be­ob­ach­tun­gen ihre Krei­se.

Das ist in der Tat rich­tig beob­ach­tet – und auch aus­ge­spro­chen scha­de. Man muss ja nicht unbe­dingt erwar­ten, dass die „gro­ßen“ Feuil­le­tons der Debat­te selbst viel Platz ein­räu­men. Dazu ist der Kreis der dar­an Inter­es­sier­ten wohl ein­fach zu über­schau­bar. Aber dass sie die Exis­tenz der Debat­te – die ja schließ­li­ch auch ihr Metier, ihren Gegen­stand (inso­fern sie über­haupt noch Lyrik bespre­chen …) betrifft – gera­de­zu ver­schwei­gen, ist schon bedau­er­li­ch und sagt viel­leicht mehr zum angenommenen/wahrgenommenen Zustand der Lyrik und ihrer Rele­vanz aus als alle Debat­ten. Gui­do Graf schlägt dann in sei­nem Schluss­satz als eine Art Lösung vor, „die Nischen­gren­zen zu ver­schie­ben“. Wie das zu errei­chen ist, ver­rät er aber lei­der nicht – das hät­te mich schon inter­es­siert …

Ins Netz gegangen (7.4.)

Ins Netz gegan­gen am 7.4.:

  • Täter geschützt, Opfer ent­wür­digt | taz – der korps­geist deut­scher poli­zis­ten und staats­an­wäl­te scheint zu funk­tio­nie­ren: die taz berich­tet über die – von außen sehr selt­sa­me – ent­schei­dung der staats­an­walt­schaft han­no­ver, einen ehe­ma­li­gen bun­des­po­li­zis­ten, der mit der fol­ter eines flücht­lichgs geprahlt hat, dafür nicht anzu­kla­gen (neben­bei: der anwalt des neben­klä­gers hat nach fast einem jahr noch kei­ne akten­ein­sicht erhal­ten) – so funk­tio­niert das in deutsch­land
  • Opti­mier­te Kin­der: Kör­per­hass will gelernt sein | Spie­gel Online – schö­ne kolum­ne von mar­ga­re­te sto­kow­ski, die ein bild vom linz-mara­thon zum anlass nimmt, über die erzie­hung zu einem ver­nünf­ti­gen (!) umgang mit unse­ren kör­pern zu schrei­ben
  • Ver­kehrs­un­fall­sta­tis­tik – jedes Jahr die glei­che Pro­ze­dur und es ver­bes­sert sich doch nichts… | it star­ted with a fight – anläss­li­ch der neu­en ver­kehrs­un­fall­sta­tis­tik – im zwei­ten jahr in fol­ge stie­gen in deutsch­land die toten durch ver­kehr, auf mitt­ler­wei­le 3475 – hat tho­mas ber­ger hier einen inter­es­san­ten 10-punk­te-plan, der unter ande­rem deut­li­che geschwin­dig­keits­re­du­zie­run­gen und deren über­wa­chun­gen sowie ande­re (tech­ni­sche) hil­fen for­dert, um die unfall­zah­len – und damit gera­de auch die zahl der toten, die wir jedes jahr ein­fach so in kauf neh­men – end­li­ch zu sen­ken
  • Integra­tion war nie. Über ein irrefüh­rendes Kon­zept | Geschich­te der Gegen­wart – phil­ipp sara­sin über den begriff der „inte­gra­ti­on“ und war­um er (gera­de heu­te) eigent­li­ch reich­li­ch untaug­li­ch ist

    Gesell­schaften der westli­chen Moder­ne bzw. Postmo­derne zeich­nen sich neben ihren Klassen­dif­fe­renzen aber auch dadurch aus, dass sich jede inhalt­lich irgend­wie bestimm­te, posi­tiv ausweis­bare Vorstel­lung davon, wie ‚man‘ in ihnen zu leben und sich zu ver­hal­ten habe, in meh­re­ren kultur­re­vo­lu­tio­nären Schüben aufge­löst hat. Die­se histo­risch einzig­ar­tige Plura­li­sie­rung der Lebens­stile hat sich seit dem Ende der 1960er Jah­re so sehr ver­stärkt, dass sie heu­te gar als har­te Norm gegen­über Migran­tinnen und Migran­ten erscheint („Wie wür­den Sie reagie­ren, wenn Ihr Sohn Ihnen sagt, er sei schwul?“ Ach­tung: Toleranz­falle!). Es geht nicht dar­um, dass Migran­ten ‚sich an die Geset­ze hal­ten‘ (das tun die aller­meisten von ihnen, so wie die aller­meisten ande­ren das auch tun), ob sie die Spra­che der Mehrheits­ge­sell­schaft ler­nen (sie tun es in aller Regel), oder ob sie in den Arbeits­markt inte­griert wer­den (dito). Die Fra­ge ist ein­zig, ob die west­li­che, ohne­hin hetero­gene Mehrheits­ge­sell­schaft die zusätz­liche, neue Diffe­renz akzep­tiert, die die Zuzü­ger in unse­re Gesell­schaften ein­brin­gen.

    und er schließt (ich kann ihm da nur zustim­men …):

    Es wird daher Zeit, den Begriff ‚Integra­tion‘ ganz aus dem politi­schen Voka­bu­lar zu strei­chen. Die Chan­ce, dass er im öffent­li­chen Gebrauch posi­tiv als ‚Schaf­fung eines neu­en Gan­zen‘ begrif­fen wer­den könn­te, ist gering. Zu mäch­tig sind jene, die den Begriff als Waf­fe ver­wen­den, mit dem sie von den Zuwan­de­rern Unter­wer­fung einfor­dern. Wir brau­chen die­ses durch und durch unbe­stimm­te Wort nicht mehr. Wir alle leben vergleichs­weise fried­lich, aber auch herr­li­ch anonym in unse­ren hetero­genen Gesell­schaften, ohne dass uns stän­dig jemand auffor­dern müss­te, uns gefäl­ligst zu ‚inte­grie­ren‘.

  • The pro­blem with a tech­no­lo­gy revo­lu­ti­on desi­gned pri­ma­ri­ly for men – Quartz -

    What the rese­ar­chers dis­co­ver­ed, unfor­t­u­n­a­te­ly, was a gap in cover­a­ge that betrays a dispi­ri­ting­ly com­mon pro­blem in tech­no­lo­gi­cal inno­va­ti­on: how to make sure women’s nee­ds don’t beco­me an aftert­hought.

    – ein stu­die unter­such­te, wie gut siri, cort­ana & co. bei medi­zi­ni­schen pro­ble­men hel­fen – und fand, dass sie das für „män­ner-pro­ble­me“ wesent­li­ch bes­ser tun als für „frau­en-not­fäl­le“

  • Lyrik­kri­tik Dis­kurs | Fix­poe­try – bei den „signa­tu­ren“ und auf „fix­poe­try“ tob­te (?) ende märz eine dis­kus­si­on (naja, ein schlag­ab­tau­sch zumin­dest) über (den zustand der|die mög­lich­kei­ten der|die anfor­de­run­gen an|die vor­aus­set­zun­gen der) lyrik­kri­tik (kri­tik der kri­tik ist ja sowie­so eine belieb­te spie­le­rei unter lite­ra­ten, bei lyri­kern aber nicht so ganz häu­fig (viel­leicht man­gels mas­se …))
    aus­ge­löst übri­gens von einer kri­ti­schen bespre­chung der „lyrik von jetzt 3“-anthologie (die bei mir immer noch unge­le­sen her­um­liegt …)
  • Mehr Daten als Tore – Poli­zei sam­melt flei­ßig, aber oft unrecht­mä­ßig | netzpolitik.org – unschulds­ver­mu­tung, daten­schutz – lau­ter fremd­wör­ter für die deut­sche poli­zei, die flei­ßig (und ger­ne auch ille­gal) daten sam­melt

Lesen und Kritik

Jan Kuh­l­brodt, der einen der bes­se­ren Bei­trä­ge zur Lyrik­kri­tik­de­bat­te der letz­ten Woche(n) – eine Über­sicht der ein­zel­nen Wort­mel­dun­gen (die im Ping-Pong zwi­schen „Signa­tu­ren“ und „Fix­poe­try“ nur sehr zurück­hal­tend wirk­li­ch auf ein­an­der ein­ge­hen) gibt es bei fix­poe­try – schrieb, ver­fasst da auch die­se klu­ge tref­fen­de Bemerkung/These/Wahrheit:

Ein Leser, der nicht zugleich Kri­ti­ker ist, ist eigent­li­ch auch kein Leser, son­dern ein Blät­te­rer, unab­hän­gig davon, ob er sei­ne Kri­tik for­mu­liert und schrift­li­ch fixiert oder nicht. 

Recht hat er, das gilt auch unab­hän­gig vom kon­kre­ten Enste­hungs- & Dis­kur­zu­sam­men­hang. Übri­gens liegt Kuh­l­brodt auch mit den ande­ren sei­ner 11 Antworten/Sätze zur Debat­te rich­tig, die sehr auf mei­ner eige­nen Linie lie­gen …
Der Rest der „Debat­te“ ist für mich in wei­ten Tei­len nur so mit­tel­mä­ßig erkennt­nis­för­dernd, aber immer­hin ein guter Anlass zur Selbst­ver­ge­wis­se­rung der eige­nen Posi­ti­on (so schei­nen das auch die meis­ten Teil­neh­mer zu ver­ste­hen – ich sehe nicht, dass sich jemand von jeman­dem von irgend etwas hät­te über­zeu­gen las­sen …).

PS: Ber­tram Rei­ne­cke legt noch ein­mal (sehr umfas­send) sortierend/abschließend bei der lyrik­zei­tung nach …: „Jeder wird ohne­hin so wei­ter­re­zen­sie­ren, wie sein Fur­or es ihm gebie­tet.“

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  • Flücht­lings­de­bat­te: Slo­ter­di­jks intel­lek­tu­el­le Selbst­de­mon­ta­ge | Frank­fur­ter Rund­schau – der phi­lo­so­ph tho­mas grund­mann über sei­nen kol­le­gen slo­ter­di­jk, die zurück­hal­tung der eige­nen zunft in aktu­el­len poli­ti­schen fra­gen (oder „der“ poli­ti­schen fra­ge …) und mög­li­che alter­na­ti­ven zu zurück­hal­tung, schwei­gen oder intel­lek­tu­ell unred­li­chem gepol­ter à la slo­ter­di­jk …

    Slo­ter­di­jk geht sei­nen Weg der intel­lek­tu­el­len Selbst­de­mon­ta­ge offen­bar unbe­irr­bar und lust­voll wei­ter.
    […] Was müs­sen wir also bes­ser machen? Ers­tens scheint es klar, dass Intel­lek­tu­el­le auch ange­sichts mas­si­ver Unge­wiss­hei­ten über die Fol­gen poli­ti­schen Han­delns nor­ma­ti­ve Ori­en­tie­rungs­hil­fe geben müs­sen. Was wäre denn die Alter­na­ti­ve? Dass Poli­ti­kern der­art wich­ti­ge Ent­schei­dun­gen ganz allein über­las­sen wer­den? Das kann nie­mand ernst­haft wol­len. Zwei­tens kön­nen wir auch unter Unge­wiss­heit die Wahr­schein­lich­kei­ten von Sze­na­ri­en abwä­gen und die Kon­se­quen­zen ver­schie­de­ner Ver­läu­fe durch­spie­len. Das ist in der Ethik und poli­ti­schen Phi­lo­so­phie durch­aus nichts Neu­es. Drit­tens soll­te man von Intel­lek­tu­el­len und Phi­lo­so­phen zum jet­zi­gen Zeit­punkt kei­ne kon­kre­ten Hand­lungs­an­wei­sun­gen erwar­ten, son­dern Ori­en­tie­rung in grund­le­gen­den Wer­te­fra­gen.

  • Power­ed by Pep­si: Der Trend zum Nati­ve Adver­ti­sing | tori­al Blog – tobi­as len­artz im „tori­al blog“ über nati­ve adver­ti­sing, sei­ne mög­lich­kei­ten und die (momen­ta­ne) pra­xis
  • Stra­te­ge Frank Stauss über den Wahl­kampf in Rhein­land-Pfalz | FAZ – die „faz“ hat ein sehr inter­es­san­tes inter­view mit dem (auch blog­gen­den) wahl­kampf­ma­na­ger der spd in rhein­land-pfalz, frank stauss, geführt

    Wenn Sie einen Kan­di­da­ten mit Hal­tung haben, erge­ben sich vie­le Ent­schei­dun­gen im Wahl­kampf von selbst.
    […] Ent­schei­dend ist aber, dass man die Par­tei, die Spit­zen­kan­di­da­tin und auch wir Bera­ter vom eige­nen Weg über­zeugt sind. Dann muss man ein­fach auch dran glau­ben, dass man mit die­sem Weg eine Mehr­heit der Men­schen errei­chen wird. Man darf die­sen Weg nicht ver­las­sen. Son­st erge­ben sich ganz neben­bei neue Kon­flik­te mit der Par­tei selbst oder den han­deln­den Per­so­nen. Kurs hal­ten, das ist ent­schei­dend. Man darf um Got­tes wil­len nicht anfan­gen, in einem Wahl­kampf Schlan­gen­li­ni­en zu fah­ren. Inso­fern bleibt auch gar nichts ande­res übrig: Wenn man glaubt, dass es der rich­ti­ge Weg ist, dann strahlt man die Über­zeu­gung aus. Wenn man nicht gewon­nen hat, kann man wenigs­tens in den Spie­gel schau­en. Vie­le ver­lie­ren auf den letz­ten Metern die Ner­ven und ver­ges­sen ihre eige­nen Über­zeu­gun­gen. In dem Fall ging es Julia Klöck­ner so und nicht uns. Obwohl – eigent­li­ch weiß ich ich bis heu­te nicht, wovon sie eigent­li­ch über­zeugt ist.

  • a list of Free Soft­ware net­work ser­vices and web app­li­ca­ti­ons which can be hosted local­ly | Git­hub – groß­ar­ti­ge lis­te mit self-hosted open-sour­ce-soft­ware für (fast) alle zwecke …
  • Über die Pflicht des Leh­rers zur Kri­tik am Schul­sys­tem -

    Aus­ge­hend von die­ser Dia­gno­se, muss ich mich als Päd­ago­ge selbst in Fra­ge stel­len. Ich habe Ver­ant­wor­tung für die Bil­dung der mir anver­trau­ten SuS. Es ist aus mei­ner Sicht die Pflicht eines jeden Päd­ago­gen sich im Rah­men sei­ner Mög­lich­kei­ten für das Wohl der SuS zu enga­gie­ren. Vor die­sem Hin­ter­grund muss ich tat­säch­li­ch immer wie­der mein Tun und mei­ne Hal­tung hin­ter­fra­gen.

    Eine kri­ti­sche Per­spek­ti­ve der Päd­ago­gen auf sich selbst genügt aber nicht, um zu ver­ste­hen, was faul ist im Schul­sys­tem. Denn der Bli­ck auf die Ver­ant­wor­tung des Ein­zel­nen ver­stellt die Per­spek­ti­ve auf die Zwän­ge des Schul­sys­tems. Vie­les was aus Sicht der Schü­ler schief läuft, ist eben nicht auf per­sön­li­ches Ver­sa­gen, son­dern auf sys­te­ma­ti­sche Män­gel zurück­zu­füh­ren.

    […]

    Das Sys­tem schränkt LuL in Ihrem Schaf­fen und SuS in ihrem Ler­nen ein. Mir ist des­halb voll­kom­men unklar, wie­so ich mich wie im Kom­men­tar gefor­dert mit dem Sys­tem abfin­den soll­te. Im Gegen­teil: Wer ein wirk­li­ch guter Leh­rer wer­den will, muss das Sys­tem ver­än­dern wol­len, damit er ein guter Leh­rer wer­den kann.

Flashdance, Easy Lover & Fix You: Moderne Pop-Chor-Arrangements von Martin Seiler

"I am music now!" heißt es im Refrain von "What a feeling". Und treffender lässt sich das Arrangement aus der Feder von Martin Seiler kaum beschreiben: Hier kann man als Sänger/Sängerin - und auch als Zuhörer - vollkommen in die Musik eintauchen. Dabei ist das nur eines von drei Arragnements, die Seiler im Helbling-Verlag vorlegt: neben "What a feeling", bekannt vor allem als Filmmusik aus "Flashdance", noch Phil Collins' "Easy Lover" und "Fix You" von Coldplay. Drei eher gefühlige Songs also - eigentlich alles Moderne Evergreens - für die Pop.Voxx-Reihe im Helbling-Verlag.

Seiler weiß, was er macht, wenn er so bekannte Vorlagen arrangiert. Denn seine Sätze beruhen auf seiner Arbeit für und mit "Greg is back", seinem eigenen A-Cappella-Popchor. Das zeigt sich sofort, wenn man die Partituren aufschlägt: Die sind nämlich für SMATB mit zusätzlicher Solostimme (für die Melodie) bzw. im Falle von Phil Collins "Easy Lover" sogar für SSMATB gesetzt, wozu immer noch eine (optionale), aber empfehlenswerte Beatbox kommt. Das heißt aber nicht, dass die alle durchgehend sechs- bis siebenstimmig klingen. Aber andererseits werden einzelne Stimmen auch ab und an noch bis zu dreifach aufgeteilt. Also: Für Anfänger oder popungeübte Chöre ist das nicht die erste Wahl, die einzelnen Stimmen müssen in sich stabil und rhythmisch versiert sein, sind aber - man merkt die Praxiserfahrung - immer gut singbar.

Bei Seiler heißt das aber auch: Alle Stimmen werden wirklich gefordert, auch die Begleitstimmen haben's nämlich nicht immer einfach. Dabei, das gilt für alle Sätze drei gleichermaßen, bekommen sie sehr einfalls- und ideenreiche Kost: Leere Floskeln findet man hier nicht. Das hängt vielleicht auch damit zusammen, dass Seiler seine Arrangements dramaturgisch sehr geschickt aufbaut. Gerade "What a feeling" und "Fix You" profitieren sehr von der großen Breite an Ausdrucksmitteln, die er einsetzt. Energie und Empathie werden den Chören nicht überlassen, sondern sind in den Notentext eingebaut. Der ist dann auch entsprechend detailliert ausgearbeitet und bis in Kleinigkeiten ausgefeilt - für "Easy Lover" braucht Seiler deshalb ganze 20 Seiten, weil er selten einfach etwas wiederholt, sondern immer wieder variiert und neue Begleitmuster einführt.

Obwohl alle Songs sofort als Coverversionen großer Hits erkennbar sind, begnügt sich Seiler nicht mit einer reinen vokalen Kopie. Klar, wesentliche Momente - wie etwa das instrumentale Zwischenspiel bei "Fix You" - tauchen natürlich hier auch auf, sehr geschickt und mit viel Gespür für effektvolle Klänge für "seine" Besetzung adaptiert. Aber sie haben, vor allem durch die vielschichtige Begleitung, auch einen eigenen Klang. Und damit bekommen diese Arrangements sozusagen ein doppeltes Hitpotenzial.

Martin Seiler (Arrangement): Flashdance...What a Feeling (SMATB), ISBN 978-3-99035-374-5 - Easy Lover (SSMATB), ISBN 978-3-99035-373-8 - Fix You (SMATB), ISBN 978-3-99035-372-1. Alle im Helbling-Verlag, Reihe Pop.Voxx, 2015.

(Zuerst erschienen in "Chorzeit - Das Vokalmagazin")

Wälder, Sonne & Hinrichtungen: Schostakowitschs Kantaten

schostakowitsch, kantatenKan­ta­ten sind nicht unbe­dingt die Gat­tung, die man beson­ders eng mit Dmi­tri Schosta­ko­wit­sch ver­bin­det. Und doch gibt es von ihm eini­ge Exem­pla­re, die durch­aus hörens­wert sind. Frei­li­ch muss man bei Schosta­ko­wit­sch stets sei­ne bio­gra­phi­sche und poli­ti­sche Situa­ti­on bei der Kom­po­si­ti­on berück­sich­ti­gen. Zwei der hier auf­ge­nom­me­nen Wer­ke sind anders über­haupt nicht zu erklä­ren – weder dass es sie über­haupt gibt noch dass sie in die­ser Form ent­stan­den sind.

Über unse­rer Hei­mat scheint die Son­ne“ und „Das Lied von den Wäl­dern“ sind mehr oder weni­ger als Besänf­ti­gungs­ver­su­che zu ver­ste­hen, als Adres­se an einen tota­li­tä­ren Staat, dass der Kom­po­nist doch eigent­li­ch ganz brav ist. Jär­vi kon­fron­tiert die bei­den apo­lo­ge­ti­schen Kan­ta­ten auf die­ser rand­vol­len CD mit der „Hin­rich­tung des Ste­fan Razin“, 15 Jah­re spä­ter in deut­li­ch libe­ra­le­ren Zei­ten ent­stan­den und durch­aus als kaum vehüll­te Kri­tik an der KPdSU zu lesen, ver­herr­licht sie in der his­to­ri­schen Gestalt des Ste­fan Razin doch eine Rebel­lion gegen ein repres­si­ves Sys­tem.

Der Kon­trast wird hier beson­ders stark, weil Jär­vi bei den bei­den frü­hen Kan­ta­ten die ursprüng­li­chen Tex­te nutzt, die der Kom­po­nist spä­ter um die direk­ten Sta­lin-Hul­di­gun­gen (im „Lied von den Wäl­dern“ wird er etwa als „gro­ßer Gärt­ner“ beti­telt) abge­mil­dert hat­te. Auf­grund eines Ver­bots der Schosta­ko­wit­sch-Erben durf­ten die Tex­te aller­dings nicht abge­druckt wer­den – sehr scha­de, denn wer kann schon so gut rus­si­sch, dass er das hörend ver­fol­gen kann? Aber hören kann man den­no­ch eine Men­ge: Die aus­ge­zeich­ne­ten Chö­re zum Bei­spiel, den siche­ren Nar­va-Kna­ben­chor und den kraft­vol­len und sehr klang­star­ken Est­ni­schen Kon­zert­chor. Beglei­tet vom gut auf­ge­leg­ten Est­ni­schen Natio­nal-Sym­pho­nie-Orches­ter, des­sen Schlag­werk wesent­li­ch zum Gän­se­h­aut­fee­ling bei­trägt, das die­se Auf­nah­men immer wie­der ver­strö­men: Durch die von den ers­ten mäch­ti­gen, düs­te­ren Akkord­schlä­gen bis zum apo­theo­ti­schen Schluss packen­de Musik, aber auch die heu­te aus­ge­pro­chen sku­ril wir­ken­den Tex­te, die man beim Hören ger­ne aus­blen­den­den möch­te.

Am leich­tes­ten geht das bei der „Hin­rich­tung des Ste­fan Razin“. Die wesent­li­ch viel­fäl­ti­ge­re und span­nen­de­re Ton­spra­che treibt alle Betei­lig­ten, auch den sonor-soli­den Bass Ale­xei Tano­vits­ki, zu Höchst­leis­tun­gen. Gera­de in op. 90 ist die Dau­e­r­er­regt­heit und per­ma­nen­te Freu­de, die gera­de musi­ka­li­sch gera­de­zu platt und bar jeder Dif­fe­ren­zie­rung zu bana­len Tex­ten (die im Book­let lei­der nicht abge­druckt sind) ertönt, stel­len­wei­se kaum ertrag­bar – Jär­vi nimmt das auch nicht zurück, son­dern lässt das als oppor­tu­nis­ti­sche Musik ein­fach mal so ste­hen. Er ver­sagt sich die­ser demons­tra­ti­ven Zugäng­lich­keit der Musik auch über­haupt nicht: Das klingt wun­der­bar groß­ar­tig und wun­der­bar banal. Aber so ganz gibt er sich mit die­ser glän­zen­den Hül­le eben doch nicht zufrie­den: Das Bro­deln unter der Ober­flä­che wird bei Jär­vi vom Äuße­ren oft kaum noch in Zaum gehal­ten. Dabei ver­bin­det er sehr geschickt und har­mo­ni­sch die gro­ßen Ges­ten der sze­ni­sch-film­haf­ten Musik mit den vie­len fei­nen, lyri­schen Details der Chor­stim­men, die hier wun­der­bar leben­dig strah­len. Vor allem die pral­le Vita­li­tät und die agil-ange­spann­te Prä­senz der bei­den Chö­re machen die­se Auf­nah­me ganz beson­ders. Das ist sicher kei­ne Musik, die Schosta­ko­wit­sch-Ver­äch­ter zu gro­ßen Bewun­de­ren bekehrt, aber rotz­dem eine wich­ti­ge Facet­te sei­nes rei­chen Oeu­vres. Zumal in einer so leb­haf­ten Inter­pre­ta­ti­on.

Dimi­tri Schosta­ko­wit­sch: Kan­ta­ten (Die Hin­rich­tung des Ste­pan Rasin op. 119; Über unse­rem Vater­land scheint die Son­ne op. 90; Das Lied von den Wäl­dern op. 91). Esto­ni­an Con­cert Choir, Esto­ni­an Natio­nal Sym­phony Orches­tra, Paa­vo Jär­vi. Era­to 2015.
CD 

(In einer etwas kür­ze­ren Ver­si­on zuer­st erschie­nen im Okto­ber­heft von »Chor­zeit — Das Vokal­ma­ga­zin«)

Da Capo: Effektvolle Zugaben für Chöre

carsten gerlitz, da capoZuga­ben­stü­cke sind offen­bar gefähr­li­ch: Wenn der Ton­set­zer selbst schon vor ihrem über­mä­ßi­gem Genuss warnt, dann soll­te man wohl wirk­li­ch mit Vor­sicht genie­ßen. Dabei gibt es kaum einen Grund, den Band „Da Capo!“ von Cars­ten Ger­litz mit spit­zen Fin­gern anzu­fas­sen. Im Gegen­teil, man soll­te den unbe­dingt auf­schla­gen und (ein)studieren. Auch wenn der Titel nicht so ganz passt. Denn nicht die Wie­der­ho­lung ist das Ziel von Ger­litz, son­dern neu­es Mate­ri­al für die Zuga­be bei Chor­kon­zer­ten zu lie­fern. Ech­te „Knal­ler“ sol­len es also sein, pep­pi­ge Arran­ge­ments ver­spricht der Unter­ti­tel. Und das fin­det man in den sechs Sät­zen von über­schau­ba­rer Schwie­rig­keit dann durch­aus – wenn auch nicht in jedem ein­zel­nen.

Denn einen Schluss­punkt für ein Kon­zert set­zen sie alle auf ganz ver­schie­de­ne Wei­se: „Auf uns“ als groo­vig-pop­pi­ge Soul­bal­la­de, die Ger­litz‘ Fähig­keit als Arran­geur effekt­vol­ler Chor­mu­sik beson­ders deut­li­ch zeigt, „Das Publi­kum war heu­te wie­der wun­der­voll“ als schnell ein­stu­dier­te und schnell gesun­ge­ne, unkom­pli­zier­te Minia­tur, die schon als Abspann­mu­sik bei Bugs Bun­ny gut funk­tio­niert hat. Es geht aber auch roman­ti­scher, mit dem von Brahms ent­lehn­ten „Guten Abend, gute Nacht“, dem sanft und sehr fein aus­ge­ar­bei­te­ten „Der Mond ist auf­ge­gan­gen“ oder auch mit dem Abschieds­lied der Come­di­an Har­mo­nists, „Auf Wie­der­sehn, my Dear“, das Ger­litz sehr nah an deren Klang und Arran­ge­ment setzt. Und damit auch wirk­li­ch jeder gemisch­ter Chor hier etwas fin­det, gibt es noch eine unkom­pli­ziert swin­gen­de, ja, fast harm­lo­se „Sen­ti­men­tal Jour­ney“ dazu. Und wenn man den schma­len Band so durch­blät­tert, trifft die War­nung des Vor­worts viel­leicht doch zu: Zu viel Feu­er­werk ermü­det. Dafür rei­chen die­se sechs Sät­ze aber nicht aus – schon allein des­halb nicht, weil sie so ganz und gar unter­schied­li­ch sind.

carsten gerlitz, in my life (beatles)Und wer noch nicht weiß, wie er sein Publi­kum dazu bringt, Zuga­ben zu for­dern, kann sich zwei­er ande­rer kürz­li­ch erschie­ner Arran­ge­ments von Cars­ten Ger­litz bedie­nen – die sind jetzt aber nicht mehr für jeden Chor und jeden Geschmack geeig­net. Denn mit ABBAs „Dan­cing Queen“ (hier anhö­ren) und „In My Life“ von den Beat­les (hier anhö­ren) legt der ver­sier­te Arran­geur zwei Sät­ze vor, die sehr gen­au und gut in die neue Rei­he Pop-Choir-Clas­sics pas­sen.

Nah am Ori­gi­nal emp­feh­len sie sich vor allem für im Pop schon ver­trau­te und geüb­te Chö­re – bei­de set­zen auch ein fünf­stim­mi­ges, rhyth­mi­sch siche­res Ensem­ble vor­aus. Mit weni­gen, oft nur punk­tu­el­len Ände­run­gen, geschick­ter Stimm­ver­tei­lung und dra­ma­tur­gi­schem Gespür wird aus blo­ßen a-cap­pel­la-Cover­ver­sio­nen bei Ger­litz ein Hit fürs nächs­te Kon­zert. Dabei arbei­tet er sehr öko­no­mi­sch mit Ein­fäl­len: Sei­ne Arran­ge­ments sprü­hen nicht vor Ide­en, sind aber stets wir­kungs­voll gear­bei­tet. Nicht zuletzt liegt das auch an den Ori­gi­na­len: Das sind eben ech­te Klas­si­ker, die Kraft und Inspi­ra­ti­on genug haben – die Rei­he trägt den Titel „Pop-Choir-Clas­sics“ schließ­li­ch nicht umson­st.

Cars­ten Ger­litz: Da Capo! Zuga­be­stü­cke in pep­pi­gen Arran­ge­ments für gemisch­ten Chor. Mainz: Schott 2015 (ED 20577).
Cars­ten Ger­litz: Beat­les, In My Life. (Pop-Choir-Clas­sics) Ber­lin: Bos­wor­th 2015 (BOE7741).
Cars­ten Ger­litz: ABBA, Dan­cing Queen. (Pop-Choir-Clas­sics) Ber­lin: Bos­wor­th 2015 (BOE7742).

(Zuer­st erschie­nen in „Chor­zeit – Das Vokal­ma­ga­zin“)

Dass das ewige Licht scheine: Rihms „Et Lux“

wolfgang rihm, et luxMit zuneh­men­dem Alter wird so man­cher (wie­der) reli­giös – oder beschäf­tigt sich zumin­dest mit dem Tod. Bei Wolf­gang Rihm lässt sich das schon seit eini­ger Zeit beob­ach­ten, die Hin­wen­dung zu reli­giö­sen The­men und Musi­ken, wie in den „Vigi­lia“, dem Requim der Ver­söh­nung oder der Lukas­pas­si­on („Deus pas­sus“). Das 2009 urauf­ge­führ­te „Et Lux“ passt gen­au in die Rei­he. Nicht nur the­ma­ti­sch, son­dern auch in der Art, wie sich Rihm den reli­giös-phi­lo­so­phi­schen Fra­gen nähert. Wie­der ist das kein „ech­tes“ Requi­em, son­dern eine sub­jek­ti­ve, vor­sich­ti­ge Annä­he­rung an den Text des latei­ni­schen Requi­ems. Der wird hier vier­stim­mig gesun­gen – oder auch nicht. Denn Rihm nimmt nur frag­men­tier­te Tei­le – Wör­ter, Sät­ze, Begrif­fe – in die Par­ti­tur auf, die ihn offen­bar beson­ders anreg­ten. Die Licht­m­e­ta­pher – der Titel ver­rät es ja schon – ist wesent­li­cher Teil, neben Libe­ra me und Lacri­mo­sa eines der Zen­tren die­ser Musik, die man sich scheut, ein Requi­em zu nen­nen.

Das ewi­ge Licht also, als Ver­hei­ßung und Dro­hung in Klang gesetzt. Ein gro­ßes, über­gro­ßes Ton­ge­mäl­de hat Rihm dazu ent­wor­fen. Fast 62 Minu­ten nicht unter­teil­te Musik, in denen die vier gemisch­ten Stim­men nur von einem Streich­quar­tett beglei­tet wer­den. Das ist aber kein His­to­ri­en­schin­ken und auch kein reprä­sen­ta­ti­ves Ölge­mäl­de, son­dern trotz ihrer enor­men Dimen­si­on eine zar­te Zeich­nung auf gro­ßem Raum. An man­chen Stel­len wuchert der dunkle Schat­ten über die fra­gi­len Lini­en, an ande­ren lässt sich eine fei­ne Pas­tell­tö­nung erken­nen, wie­der woan­ders leuch­tend inten­si­ve Far­ben. Und immer wie­der das dar­aus auf­tau­chen­de beschwo­re­ne Licht – in Wort und Klang. 

Dabei ist „Et Lux“ eine zutief­st nach­denk­li­che, suchen­de und fra­gen­de Musik, ein Werk der boh­ren­den Sehn­sucht: Wolf­gang Rihm gibt kei­ne Ant­wor­ten (auch ein Grund, war­um er nicht ein­fach ein „nor­ma­les“ Requi­em kom­po­nier­te), er hilft den Hörern viel­mehr beim Fra­gen. Und manch­mal geht er auch ein paar Schrit­te vor­an ins Unge­wis­se.
Das acht­stim­mig besetz­te Huel­gas-Ensem­ble und Lei­tung Paul van Nevels und das famo­se, Rihm-erfah­re­ne Min­guet-Quar­tett unter­stüt­zen das mit weit­ge­hend zurück­hal­ten­der Klang­lich­keit, die statt Opu­lenz lie­ber Klar­heit und Fra­gi­li­tät bevor­zugt und damit einen wesent­li­chen Zug von „Et Lux“ sehr gen­au trifft. Ganz kon­trol­liert und über­legt gestal­ten sie die die lan­gen, lang­sam ent­wi­ckel­ten Lini­en, die für die­ses Werk so wich­tig sind, aus denen manch­mal und ganz all­mäh­li­ch Kon­tu­ren und eini­ge weni­ge klang­li­che Erup­tio­nen und inten­si­ve Gefühls­auf­wal­lun­gen ent­ste­hen, die aber auch ins Lee­re ver­lau­fen kön­nen.

Mit Prä­zi­si­on, kal­ku­lier­ter Emo­ti­on und feins­ten Klang­fa­cet­ten brin­gen sie Rih­ms poly­pho­ne Tex­tur damit immer wie­der zum Strah­len. Ein biss­chen scha­de ist aller­dings, dass das Min­guet-Quar­tett auf der Auf­nah­me trotz der gegen­über der Par­ti­tur ver­dop­pel­ten Stim­men des Huel­gas-Ensem­ble sehr prä­sent ist, so dass man den Text manch­mal nur noch erah­nen kann. 

Wolf­gang Rihm: Et Lux. Huel­gas Ensem­ble, Min­guet Quar­tet, Paul van Nevel. ECM 2015.

(Zuer­st erschie­nen in der Sep­tem­ber-Aus­ga­be der „Chor­zeit – Das Vokal­ma­ga­zin“)

Ins Netz gegangen (11.9.)

Ins Netz gegan­gen am 11.9.:

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