Lesen. Hören. Und ein bisschen schreiben.

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Da Capo – Effektvolle Zugaben für Chöre

carsten gerlitz, da capo
Zuga­ben­stü­cke sind offen­bar gefähr­lich: Wenn der Ton­set­zer selbst schon vor ihrem über­mä­ßi­gem Genuss warnt, dann soll­te man wohl wirk­lich mit Vor­sicht genie­ßen. Dabei gibt es kaum einen Grund, den Band „Da Capo!“ von Cars­ten Ger­litz mit spit­zen Fin­gern anzu­fas­sen. Im Gegen­teil, man soll­te den unbe­dingt auf­schla­gen und (ein)studieren. Auch wenn der Titel nicht so ganz passt. Denn nicht die Wie­der­ho­lung ist das Ziel von Ger­litz, son­dern neu­es Mate­ri­al für die Zuga­be bei Chor­kon­zer­ten zu lie­fern. Ech­te „Knal­ler“ sol­len es also sein, pep­pi­ge Arran­ge­ments ver­spricht der Unter­ti­tel. Und das fin­det man in den sechs Sät­zen von über­schau­ba­rer Schwie­rig­keit dann durch­aus – wenn auch nicht in jedem einzelnen.

Denn einen Schluss­punkt für ein Kon­zert set­zen sie alle auf ganz ver­schie­de­ne Wei­se: „Auf uns“ als groovig-​poppige Soul­bal­la­de, die Ger­litz‘ Fähig­keit als Arran­geur effekt­vol­ler Chor­mu­sik beson­ders deut­lich zeigt, „Das Publi­kum war heu­te wie­der wun­der­voll“ als schnell ein­stu­dier­te und schnell gesun­ge­ne, unkom­pli­zier­te Minia­tur, die schon als Abspann­mu­sik bei Bugs Bun­ny gut funk­tio­niert hat. Es geht aber auch roman­ti­scher, mit dem von Brahms ent­lehn­ten „Guten Abend, gute Nacht“, dem sanft und sehr fein aus­ge­ar­bei­te­ten „Der Mond ist auf­ge­gan­gen“ oder auch mit dem Abschieds­lied der Come­di­an Har­mo­nists, „Auf Wie­der­sehn, my Dear“, das Ger­litz sehr nah an deren Klang und Arran­ge­ment setzt. Und damit auch wirk­lich jeder gemisch­ter Chor hier etwas fin­det, gibt es noch eine unkom­pli­ziert swin­gen­de, ja, fast harm­lo­se „Sen­ti­men­tal Jour­ney“ dazu. Und wenn man den schma­len Band so durch­blät­tert, trifft die War­nung des Vor­worts viel­leicht doch zu: Zu viel Feu­er­werk ermü­det. Dafür rei­chen die­se sechs Sät­ze aber nicht aus – schon allein des­halb nicht, weil sie so ganz und gar unter­schied­lich sind.

carsten gerlitz, in my life (beatles)
Und wer noch nicht weiß, wie er sein Publi­kum dazu bringt, Zuga­ben zu for­dern, kann sich zwei­er ande­rer kürz­lich erschie­ner Arran­ge­ments von Cars­ten Ger­litz bedie­nen – die sind jetzt aber nicht mehr für jeden Chor und jeden Geschmack geeig­net. Denn mit ABBAs „Dancing Queen“ und „In My Life“ von den Beat­les legt der ver­sier­te Arran­geur zwei Sät­ze vor, die sehr genau und gut in die neue Rei­he Pop-​Choir-​Classics passen.Nah am Ori­gi­nal emp­feh­len sie sich vor allem für im Pop schon ver­trau­te und geüb­te Chö­re – bei­de set­zen auch ein fünf­stim­mi­ges, rhyth­misch siche­res Ensem­ble vor­aus. Mit weni­gen, oft nur punk­tu­el­len Ände­run­gen, geschick­ter Stimm­ver­tei­lung und dra­ma­tur­gi­schem Gespür wird aus blo­ßen a-​cappella-​Coverversionen bei Ger­litz ein Hit fürs nächs­te Kon­zert. Dabei arbei­tet er sehr öko­no­misch mit Ein­fäl­len: Sei­ne Arran­ge­ments sprü­hen nicht vor Ideen, sind aber stets wir­kungs­voll gear­bei­tet. Nicht zuletzt liegt das auch an den Ori­gi­na­len: Das sind eben ech­te Klas­si­ker, die Kraft und Inspi­ra­ti­on genug haben – die Rei­he trägt den Titel „Pop-​Choir-​Classics“ schließ­lich nicht umsonst.

Cars­ten Ger­litz: Da Capo! Zuga­be­stü­cke in pep­pi­gen Arran­ge­ments für gemisch­ten Chor. Mainz: Schott 2015 (ED 20577).
Cars­ten Ger­litz: Beat­les, In My Life. (Pop-​Choir-​Classics) Ber­lin: Bos­worth 2015 (BOE7741).
Cars­ten Ger­litz: ABBA, Dancing Queen. (Pop-​Choir-​Classics) Ber­lin: Bos­worth 2015 (BOE7742).

(Zuerst erschie­nen in „Chor­zeit – Das Vokalmagazin“)

the king's men (official photo)

Königliche Liebe: Love from The King’s Men

Zum Glück ist die Lie­be im wah­ren Leben nicht ganz so aus­ge­gli­chen und har­mo­nisch wie auf dem neu­en Album der „King’s Men“ aus Cam­bridge – das wäre ja etwas lang­wei­lig (und es gebe wohl auch weni­ger Lie­bes­lie­der zu sin­gen). In 14 Songs geht es hier nur um das Eine: „Love from King’s“. Scha­de ist aller­dings, dass die jun­gen Män­ner das Risi­ko etwas scheu­en. Denn die Mög­lich­kei­ten dazu hät­ten sie durch­aus, das bewei­sen sie auch mit die­ser Auf­nah­me immer wie­der: Der form­ba­re Klang, die Fül­le des Tut­tis, die Viel­falt der Stim­men, vor allem aber die orga­ni­sche Prä­zi­si­on bei Timing und Into­na­ti­on – eigent­lich sind alle Zuta­ten für eine groß­ar­ti­ge CD vor­han­den. Aber groß­ar­tig ist „Love from King’s“ lei­der nur in eini­gen Tei­len. Denn vie­les bleibt doch etwas arg brav und betulich.
Gleich die Eröff­nung ist so ein Fall: Ganz klas­sisch und tra­di­tio­nell gesun­gen, bleibt „Is You Is or Is You Ain’t My Baby?“ erstaun­lich belang­log und lang­wei­lig. Auch auf dem Rest der Schei­be erfin­den die „King’s Men“ die Gat­tung nicht gera­de neu. Behut­sam, sehr vor­sich­tig fast, moder­ni­sie­ren sie den Kanon der Lie­be­lie­der in Clo­se Harm­o­ny. Und zunächst denkt man noch, dass ihre Zurück­hal­tung auch an der ten­den­zi­ell über­mi­kro­fo­nier­ten Auf­nah­me liegt, die es dem Klang unnö­tig schwer macht, sich wirk­lich zu ent­fal­ten. Aber dann hört man Micha­el Jack­sons wun­der­bar fein­sin­nig arran­gier­tes „Bil­lie Jean“ und ist begeis­tert von der ele­gan­ten Sprit­zig­keit des Ensem­bles. Auch das direkt anschlie­ßen­de „When she loved me“ von Ran­dy New­man kann die Fähig­kei­ten der sieb­zehn Män­ner aus­ge­zeich­net zur Gel­tung brin­gen: Wie die „King’s Men“ hier mit eher beschei­de­nen musi­ka­li­schen Mit­teln einen enor­men akus­ti­schen und emo­tio­na­len Raum und eine gera­de­zu über­wäl­ti­gen­de klang­li­che Fül­le zau­bern, das ist ein­fach wunderbar.
Das Mus­ter setzt sich fort: Die Klas­si­ker – unter ande­rem ein schläf­ri­ges „Won­derful Word“ und ein unin­spi­rier­tes „Scar­bo­rough Fair“ – sind auf „Love from King‘s“ eher eine Schwach­stel­le. Dass die neue­ren (Pop-)Songs, die eigent­lich mit den glei­chen Mit­teln und typi­schen Ideen arran­giert wur­den, so deut­lich her­vor­ste­chen, mag an der Jugend der Sän­ger lie­gen. Aber eigent­lich ist das auch egal, denn Songs wie „Isn’t she love­ly“ sind ech­te Dia­man­ten: Hier brin­gen die „King’s Men“ die Musik und den Stim­men­klang immer wie­der wirk­lich zum Fun­keln und auch fast zum eksta­ti­schen Tan­zen – so wie man sich auch die Lie­be wünscht.

The King’s Men: Love from King’s. The Recor­dings of King’s Col­lege Cam­bridge 2018. Spiel­zeit: 47:22.

(Zuerst erschie­nen in „Chor­zeit – Das Vokal­ma­ga­zin“, #48, April 2018)

spinnennetz mit tautropfen

Ins Netz gegangen (3.4.)

Ins Netz gegan­gen am 3.4.:

  • Oh-rani­en­platz, Ih-rani­en­platz | taz → roland berg über die feh­len­de schöne/​ästhetische gestal­tung von bau­ten in der stadt heute:

    Und stets ori­en­tiert man sich dabei an der ver­meint­lich „schö­nen“ Ver­gan­gen­heit. Zeit­ge­nös­sisch-ver­bind­li­che Vor­stel­lun­gen über das Schö­ne schei­nen zu feh­len. Also das, was Imma­nu­el Kant sei­ner­zeit „Gemein­sinn“ nann­te. Heu­te scheint das Vor­mo­der­ne aus der Geschich­te als ein­zi­ge Norm für die Gegen­wart als ver­bind­lich. Und selt­sa­mer­wei­se wird – zumin­dest in ästhe­ti­scher Hin­sicht – von den meis­ten das Frü­he­re dem Heu­ti­gen vor­ge­zo­gen. […] Retro­spek­ti­ve Ästhe­tik und Rekon­struk­ti­on von (Alt‑)Bauten und gan­zer Stadt­räu­me bis hin zu Wie­der­auf­er­ste­hung des abge­ris­se­nen Ber­li­ner Schlos­ses fül­len die Lee­re, die der Ver­lust des Gemein­sinns für das Schö­ne in der Gegen­wart mit sich gebracht hat. 

  • Wer Gedich­te liest, weiss mehr über das Leben | NZZ → die nzz doku­men­tiert leicht gekürzt die dan­kes­re­de von micha­el brauch für den alfred-kerr-preis

    Bei der Beschäf­ti­gung mit der Fra­ge, war­um sich einer wie ich mit Gedich­ten befasst und Rezen­sio­nen zu Gedicht­bän­den schreibt, gelangt man zu ähn­li­chen Ein­sich­ten, wie sie Nico­las Born 1970 for­mu­liert hat: Es hat mit dem eige­nen Exis­tie­ren zu tun, mit dem Ver­such, dem Rät­sel des eige­nen Daseins auf die Spur zu kom­men. Beim Lesen von Gedich­ten ist man fast immer mit den Fra­gen nach den letz­ten Din­gen kon­fron­tiert, wir wer­den unmit­tel­bar und ohne schüt­zen­de Ein­lei­tung in medi­as res gewor­fen. Die Ver­se der Gedich­te, die wir lesen, ver­mit­teln uns das «punk­tu­el­le Zün­den der Welt im Sub­jec­te», wie es ein Schü­ler des Phi­lo­so­phen Hegel for­mu­lier­te. […] Beim Lesen von Gedich­ten wird ein Riss sicht­bar in dem Welt­ge­bäu­de, das uns eben noch ver­traut schien. Ein Riss wird sicht­bar im Welt­ge­bäu­de, und – so sagt es ein­mal der rus­si­sche Welt­po­et Ossip Man­del­s­tam – die poe­ti­sche Rede weckt uns mit­ten im Wort auf. Gedich­te spre­chen von dem skan­da­lö­sen Fak­tum, dass wir gebo­ren wor­den sind und dass wir in noch nicht vor­stell­ba­rer, aber doch nicht all­zu fer­ner Zukunft ster­ben werden. 

  • Über ein rich­ti­ges Leh­rer-Leben im fal­schen Schul­sys­tem | Bil­dungs­lü­cken → schreibt über kri­tik an schu­le und ihrem sys­tem und mög­lich­kei­ten der ver­bes­se­rung und ver­än­de­rung, auch auf indi­vi­du­el­ler ebene

    Denn unser Schul­sys­tem hat so vie­le grund­le­gen­de Män­gel, dass ich mir oft die Fra­ge stel­le, ob es das über­haupt geben kann: ein rich­ti­ges Lehr­erle­ben im fal­schen Schul­sys­tem. Im Lau­fe der Zeit habe ich eini­ge (Über-)Lebensstrategien entwickelt.

  • Secu­ri­ty | Ohne Text singt kein Mensch mit

    Die Chan­ge-Manage­ment-Fach­kraft einer gro­ßen Unter­neh­mens­be­ra­tung und ein Stu­dent im dunk­len Kapu­zen­pul­li legen in der Schlan­ge nach­ein­an­der ihre Gür­tel, die Geld­bör­sen und ihre Lap­tops in die Durch­leuch­tungs-Scha­len auf das Band der Sicher­heits­kon­trol­le. Sie schau­en sich kurz lächelnd an, weil bei­de das­sel­be Lap­top-Modell aus ihren Hand­ge­päck-Rei­se­ta­schen nesteln.

  • Rad­fah­ren in Kopen­ha­gen und Ber­lin: Vom Para­dies in die Vor­höl­le| Deutsch­land­funk Kul­tur → die über­schrift sagt eigent­lich schon alles – ein kur­zer, sub­jek­ti­ver ver­gleich der rad­fahr­mög­lich­kei­ten in den bei­den städten

    Lie­ber über gute Rad­we­ge ohne Helm als über schlech­te mit.

  • Jüdisch, ehren­hal­ber | FAZ → clau­di­us seidl sehr rich­tig zu dem blöd­sin­ni­gen geschwätz von „jüdisch-christ­li­cher prägung“:

    Inso­fern schließt die Rede von der „jüdisch-christ­li­chen Prä­gung“ nicht nur den Islam aus – was ja der eigent­li­che Zweck die­ser Behaup­tung ist. Auch Auf­klä­rung und Athe­is­mus, auch die, gera­de in der deut­schen Lite­ra­tur­ge­schich­te, so wich­ti­ge Sehn­sucht nach jenem hei­te­re­ren Him­mel, in wel­chem die mensch­li­che­ren Göt­ter der Grie­chen woh­nen, wer­den von die­ser Rede, wenn nicht aus­ge­schlos­sen, dann doch zu den Apo­kry­phen einer Tra­di­ti­on, deren Kanon angeb­lich jüdisch-christ­lich ist (man möch­te die Namen all derer, die die­se Rede zu Frem­den macht in der deut­schen Kul­tur, gar nicht auf­zäh­len müssen).

  • Wun­der­ba­rer Eigen­sinn| Faust Kul­tur → ein wun­der­ba­res, klu­ges gespräch mit dem lyrik­kri­ti­ker micha­el braun, den ich immer wie­der ger­ne lese (auch wenn ich nicht in allem mit ihm übereinstimme …):

    Ich wür­de für mich sagen: Es muss eine Stö­rung der geläu­fi­gen Sprach­struk­tu­ren erfol­gen, wir müs­sen beim Spre­chen und Schrei­ben die Ver­traut­heit ver­lie­ren – auch in unse­rem Ver­ste­hen -, wir müs­sen aus­ge­he­belt wer­den beim Lesen sol­cher Ver­se, sonst kann kein gutes Gedicht ent­ste­hen. […] Das poe­ti­sche Selbst­ge­spräch ver­mag manch­mal eben doch ande­re zu errei­chen. Und ob das nun 17 oder 97 oder 1.354 sind, spielt kei­ne Rol­le. Also, 1.354, die­se berühm­te Enzens­ber­ger­sche Kon­stan­te, ist ja noch zu opti­mis­tisch ange­legt. Nicht 1.354 Men­schen pro Popu­la­ti­on, ob in Island oder den USA, grei­fen zu Gedicht­bän­den, son­dern nur 135,4 Lyri­k­le­ser! Also die Enzens­ber­ger­sche Kon­stan­te müss­te durch 10 geteilt wer­den. 135,4 Rezi­pi­en­ten pro Gedicht­band ist die neue Kon­stan­te für öffent­li­che Auf­merk­sam­keit auf Gedichte.

The King's Singers, Bandfoto

Goldene Klänge: King’s Singers feiern

the king's singers, gold (cover)Zum 50. Geburts­tag darf man sich als Ensem­ble schon mal etwas gön­nen. Zum Bei­spiel drei CDs, auf­wen­dig und geschmack­voll ver­packt und ganz schlicht „Gold“ beti­telt. Dann haben auch die ande­ren – das Publi­kum – etwas vom Jubi­lä­um. Und wenn alles gut läuft, ist das Pro­dukt dann nicht nur ein Zeug­nis der lan­gen Geschich­te, son­dern auch musi­ka­lisch über­zeu­gend. Bei den King’s Sin­gers hat offen­sicht­lich alles geklappt. Denn ihr „Gold“-Album, die mehr als drei Stun­den neu­en Auf­nah­men, die sie sich und uns zum Fünf­zigs­ten gön­nen, ist ein wun­der­ba­res Juwel – und zeigt auch sehr schön, auf wel­chem hohen Niveau die aktu­el­le Beset­zung der King’s Sin­gers heu­te singt. Denn obwohl „Gold“ weit­ge­hend ohne vir­tuo­se Schnit­te im Stu­dio auf­ge­nom­men wur­de, ist die voka­le und musi­ka­li­sche Per­fek­ti­on der sechs Eng­län­der erneut atem­be­rau­bend. Und, das ist auch nicht neu, aber den­noch immer wie­der ver­blüf­fend: Es ist ziem­lich egal, ob sie Renais­sance-Motet­ten oder raf­fi­nier­te Arran­ge­ments von Pop-Songs sin­gen. Alles, was sie sich vor­neh­men, machen sie sich unab­ding­bar zu eigen. Und so klin­gen dann fünf Jahr­hun­der­te Musik doch ziem­lich gleich – wie fünf Jahr­zehn­te King’s Sin­gers eben.

Denn die drei CDs von Gold umspan­nen nicht nur das wei­te Reper­toire der King’s Sin­gers, son­dern auch gro­ße Tei­le der Musik­ge­schich­te: 80 kur­ze und kür­ze­re Stü­cke habe sie aus­ge­wählt, eini­ges davon spe­zi­ell für die­sen Anlass arran­gie­ren oder kom­po­nie­ren las­sen. Die ers­te CD, „Clo­se Harm­o­ny“, ver­zau­bert schon mit den ers­ten Tak­ten von „We are“ von Bob Chil­cott, dem lan­gen Weg­ge­fähr­ten des Ensem­bles, der als ein­zi­ger auch Musik zum zwei­ten Teil von „Gold“, der geist­li­chen Musik, und dem drit­ten Teil, der welt­li­chen A‑Cap­pel­la-Musik bei­gesteu­ert hat. 

Jeder wird natur­ge­mäß ande­re Lieb­lin­ge haben, aber Lieb­lin­ge soll­te hier jeder fin­den. Denn in den über drei Stun­den Musik dürf­te jeder Geschmack mehr als ein­mal getrof­fen wer­den. Zumal die King’s Sin­gers John Legend genau­so lie­be­voll und über­zeu­gend sin­gen wie Orlan­do Las­sus. Hein­rich Schütz kommt eben­so zu Ehren wie Rhein­ber­gers „Abend­lied“, das hier tat­säch­lich auch ohne Chor sehr emo­tio­nal wirkt, auch wenn die deut­sche Aus­spra­che nicht unbe­dingt die Spe­zia­li­tät der Bri­ten ist. John Rut­ter hat für sie ein paar Shake­speare-Zei­len mit sehr inten­si­ver Musik ver­se­hen, Bob Chil­cotts „Thou, my love, art fair“ steht völ­lig rich­tig zwi­schen Wiliam Byrd und Pal­estri­na. So lie­ße sich die Rei­he der Höhe­punk­te noch lan­ge fort­set­zen. Denn die King’s Sin­gers sin­gen all das so wun­der­bar geschmei­dig und per­fekt abge­stimmt, jeweils so cha­rak­te­ris­tisch zart oder druck­voll, äthe­risch schwe­bend oder soli­de grun­diert, dass man bei allen drei CDs von deren Ende immer wie­der über­rascht wird. 

The King’s Sin­gers: Gold. 3 CDs. Signum Records 2017. 67:37 + 61:15 + 65:37 Minu­ten Spielzeit.

(Zuerst erschie­nen in „Chor­zeit – Das Vokal­ma­ga­zin“, #45, Janu­ar 2018)

zwo3wir (bandfoto)

zwo3wir feiert Weihnacht in „Vanillekipferlgrün“

zwo3wir, vanillekipferlgrün (cover)Wer nach Fest­vor­be­rei­tungs­stress und Geschen­ke­ein­kaufs­ma­ra­thon noch Musik braucht, um vor Weih­nach­ten zur Ruhe zu kom­men, ist bei zwo3wir in guten Hän­den. Mit Vanil­le­kip­ferl­grün legen die fünf Nie­der­ös­ter­rei­cher von zwo3wir ein wir­kungs­vol­les Gegen­pro­gramm zu Zeit­not und Het­ze für die Weih­nachts­zeit vor. Die CD ist zwar schon nach einer knap­pen hal­ben Stun­den zu Ende, aber das sind acht Songs, die viel Genuss berei­ten kön­nen. Mit gro­ßer akus­ti­scher Büh­ne stei­gen sie gleich sehr atmo­sphä­risch mit einer Eigen­kom­po­si­ti­on ein. Damit ist auch die ers­te von drei Spra­chen schon gesetzt – neben dem Öster­rei­chi­schen Dia­lekt wie bei „Waun i ruhig wer‘n wü“ singt das Quin­tett auch im rei­nen Hoch­deutsch und auf Eng­lisch. Sehr gelun­gen sind die bei­den Choral­be­ar­bei­tun­gen, die „Macht hoch die Tür“ und „O Hei­land“ anspre­chend moder­ni­sie­ren. Am bes­ten klin­gen aber die schlich­ten, gemüt­li­chen und relax­ten Songs wie die „Fro­he Weih­nacht“ oder „Des is Weih­nocht für mi“: Mit sol­cher Musik darf die Weih­nacht auch ger­ne grün statt weiß sein.

zwo3wir: Vanil­le­kip­ferl­grün. 2016. 26 Minuten.

(Zuerst erschie­nen in „Chor­zeit – Das Vokal­ma­ga­zin“, #44, Dezem­ber 2017)

The King's Singers (Gruppenfoto)

Weihnachten ist präsent: King’s Singers „Christmas Presence“

christmas presence (cover)Christ­mas Pre­sence haben die King‘s Sin­gers ihr aktu­el­les Weih­nachts­al­bum genannt. Und der Titel trifft es wun­der­bar: Die sechs Her­ren schaf­fen es näm­lich pro­blem­los, Weih­nach­ten wer­den zu las­sen. Wer die­ser Musik, von den „Hodie Chris­tus natus est“-Vertonungen aus Renais­sance und Barock bis zu Bob Chil­cotts „A Thanks­gi­ving“, lauscht, wird sich dem Geist der Weih­nacht kaum ver­schlie­ßen kön­nen – auch wenn es ein reg­ne­ri­scher Novem­ber­nach­mit­tag ist … Das Lau­schen soll­te dabei auch nicht zu bei­läu­fig sein. Denn die wah­re Kunst der King‘s Sin­gers, die fei­nen Klang­nu­an­cen, die rei­ne Into­na­ti­on und natür­lich auch die raf­fi­nier­ten gewief­ten Arran­ge­ments offen­ba­ren sich erst dem genau­en Hin­hö­ren. Denn dann wird es rich­tig groß­ar­tig: Kaum zu glau­ben, dass das eine Live-Auf­nah­me ist, so wun­der­bar far­big federt das „Reso­net in lau­di­bus“ von Orlan­do di Las­so, so pre­zi­os-ver­träumt klingt das „O magnum mys­te­ri­um“ von Fran­cis Pou­lenc, ganz zu schwei­gen von den wun­der­ba­ren Klang­de­tails in den Sät­zen von Her­bert Howells – und dem necki­schen „Jing­le Bells“-Arrangement von Gor­don Langford.

The King‘s Sin­gers: Christ­mas Pre­sence. Signum Clas­sics 2017. Spiel­zeit: 52:48 Minuten.

(Zuerst erschie­nen in „Chor­zeit – Das Vokal­ma­ga­zin“, #44, Dezem­ber 2017)

Mit Aquabella um die Welt

aquabella, jubilee (cover)Aqua­bel­la hat schon immer ein ziem­lich unver­wech­sel­ba­res Pro­fil: Vier Frau­en sin­gen Welt­mu­sik a cap­pel­la – das gibt es nicht so häu­fig. Und sie tun es mit Erfolg und Durch­hal­te­ver­mö­gen. Sein zwan­zig­jäh­ri­ge Jubi­lä­um fei­ert das Quar­tett jetzt mit der sieb­ten CD: Jubi­lee heißt die ganz pas­send. Es wird aber bei wei­tem nicht nur jubi­liert, auch nach­denk­li­che­re Töne und sehr stim­mungs­vol­le Bal­la­den fan­den ihren Weg auf die Plat­te, die neben Stu­dio-Auf­nah­men auch eini­ge Live-Mit­schnit­te ent­hält. Und eini­ges könn­te dem treu­en Fans schon von frü­he­ren Ver­öf­fent­li­chun­gen bekannt sein.

Ganz wie man es von Aqua­bel­la schon kennt, ist es auch zum Jubi­lä­um wie­der eine Welt­rei­se zum Hören gewor­den. Die ist fast durch­weg bes­ser für den beque­men Ses­sel im hei­mi­schen Wohn­zim­mer als für die Tanz­flä­che geeig­net: Zum genuss­vol­len Hören lädt Aqua­bel­la mehr ein als zum Mit­ma­chen. Denn Jubi­lee ist zwar eine abwechs­lungs­reich, aber auch eine unge­fähr­li­che und beque­me ima­gi­nä­re audi­tive Expe­di­ti­on auf alle Kontinente.
Nach dem strah­len­den Beginn mit dem hebräi­schen „Lo Yisa goy“ gehts in gro­ßen Schrit­ten über Schwe­den und Deutsch­land (melo­disch sehr schön, die Eigen­kom­po­si­ti­on „Jeru­sa­lem“ von Aqua­bel­la-Mit­glied Gise­la Knorr) schnell nach Alge­ri­en, zu einer rund­um gelun­ge­nen Arran­ge­ment von „Aicha“, das ja auch schon Ever­green-Cha­rak­ter hat. Hier bekommt es von Nas­ser Kila­da – der die Frau­en auch beim anda­lu­si­schen „Lamma bada yatat­han­na“ unter­stützt – noch ein wenig Lokal­ko­lo­rit und Authen­ti­zi­tät – nicht, das Aqua­bel­la das unbe­dingt nötig hat. Vor allem fügt er eine neue Klang­far­be hin­zu – und das scha­det nicht, denn Aqua­bel­la-Sän­ge­rin­nen und vor allem ihre Arran­ge­ments spru­deln nicht gera­de über vor musi­ka­li­scher Expe­ri­men­tier­freu­dig­keit. Das ist alles sehr soli­de gear­bei­tet und ordent­lich gesun­gen, aber oft fehlt – wie etwa beim Klas­si­ker „Mas que nada“ – etwas Pep: Zwin­gend ist das nicht immer, mit­rei­ßend nur in weni­gen Augen­bli­cken. Die oft etwas flä­chi­gen und sta­ti­schen Arran­ge­ments las­sen immer etwas Rest-Distanz. Aqua­bel­la klingt eben immer nach sich selbst, egal was auf dem Noten­stän­der liegt und in wel­cher Spra­che sie gera­de singen.

Die Live-Auf­nah­men auf„Jubi­lee atmen bei gleich­blei­ben­der Qua­li­tät mehr anste­cken­de Sing­freu­de: Das gilt schon für das „Adie­mus“ von Karl Jenk­ins (das sich naht­los in die Welt­mu­sik-Rei­gen ein­passt), ganz beson­ders aber für das fina­le „Dortn iz mayn rue­platz“, das mit sei­nem wun­der­bar wei­chen Orgel­punkt und dem schlich­ten Arran­ge­ment ganz ver­zau­bernd und ver­zü­ckend wirkt.

Aqua­bel­la: Jubi­lee live. Jaro 2017. 52:25 Spielzeit

(Zuerst erschie­nen in „Chor­zeit – Das Vokal­ma­ga­zin“, #42, Okto­ber 2017)

spinnennetz in der sonne

Ins Netz gegangen (26.10.)

Ins Netz gegan­gen am 26.10.:

bruckner, sinfonie 3, titelblatt

… wie Beethovens „Neunte“ mit Wagner’s „Walküre“ Freundschaft schließt …

Zu Anton Bruck­ners drit­ter Symphonie:

Wir möch­ten dem als Men­schen und Künst­ler von uns auf­rich­tig geehr­ten Kom­po­nis­ten, der es mit der Kunst ehr­lich meint, so selt­sam er mit ihr umgeht, nicht ger­ne weh­tun, dar­um set­zen wir an die Stel­le einer Kri­tik lie­ber das beschei­de­ne Geständ­nis, daß wir sei­ne gigan­ti­sche Sym­pho­nie nicht ver­stan­den haben. Weder sei­ne poe­ti­schen Inten­tio­nen wur­den uns klar – viel­leicht eine Visi­on, wie Beet­ho­vens „Neun­te“ mit Wagner’s „Wal­kü­re“ Freund­schaft schließt und end­lich unter die Hufe ihrer Pfer­de gerät – noch den rein musi­ka­li­schen Zusam­men­hang moch­ten wir zu fas­sen. Edu­ard Hans­lick, Neue Freie Pres­se, 18.12.1877

Ins Netz gegangen (17.6.)

Ins Netz gegan­gen am 17.6.:

  • Der Feh­ler­teu­fel arbei­tet jetzt als Fak­ten­che­cker | Über­me­di­en → wenn die über­prü­fung der wahr­heits­ge­hal­te von poli­ti­ker­aus­sa­gen der über­prü­fung auf die wahr­heits­ge­hal­te nicht stand­hält – und die medi­en die über­prü­fung der über­prü­fung unter­las­sen – dann ist ste­fan nig­ge­mei­er etwas genervt …:

    Ach, es ist ein Kreuz. Und was für eine Iro­nie, dass meh­re­re Medi­en einen Fak­ten­check fei­ern, ohne grob die Fak­ten zu checken.

  • Glo­ba­li­sie­rung am Wohn­zim­mer­tisch | zeit​ge​schich​te​-online​.de → der zeit­his­to­ri­ker frank bösch über rupert neudeck

    Da Neu­deck kei­ne Erfah­run­gen in die­sem Feld hat­te, trat er zunächst mit rela­tiv unbe­darf­ten Kon­zep­ten für die Ret­tung und Über­füh­rung der Boat Peo­p­le ein. Doch gera­de die­se anfäng­li­che Blau­äu­gig­keit mach­te vie­les möglich.

    Neu­decks Hilfs­ak­tio­nen stan­den für einen Wan­del des poli­ti­schen Enga­ge­ments in Deutsch­land. Im Unter­schied zu den Soli­da­ri­täts- und „Drit­te Welt“-Gruppen der 1970er Jah­re waren sie nicht welt­an­schau­lich kon­no­tiert, son­dern setz­ten über­par­tei­lich auf kon­kre­te Hil­fe. Nicht Theo­rien und Wor­te, son­dern Taten ohne ideo­lo­gi­schen Über­bau zähl­ten für ihn. </​blockquote

  • Pres­se­frei­heit in Thü­rin­gen: Die Poli­zei, Hel­fer der Rech­ten? | taz

    Ver­gan­ge­ne Woche reich­ten die Jour­na­lis­ten Kla­ge vor dem Ver­wal­tungs­ge­richt Wei­mar ein. Die Poli­zei habe sich von den Neo­na­zis instru­men­ta­li­sie­ren las­sen, kri­ti­sie­ren sie. „Die Platz­ver­wei­se ent­beh­ren jeder Grund­la­ge“, kri­ti­siert Röp­kes Anwalt Sven Adam. „Statt die For­de­run­gen von Neo­na­zis umzu­set­zen, muss die Poli­zei die Pres­se­frei­heit durchsetzen.“

  • Über Gedich­te und ihre Kri­tik: Wo Jupi­ter Kanin­chen hütet | NZZ → nico bleut­ge über die mög­lich­kei­ten und not­wen­dig­kei­ten von lyrik und einer ihr ange­mes­se­nen kritik

    Gedich­te sind nichts, was man mal eben hübsch neben­her liest, um sich an einem klei­nen ästhe­ti­schen Kit­zel zu erfreu­en und dann alles wie­der zu ver­ges­sen. Viel­mehr kön­nen sie wie kei­ne ande­re Art von Lite­ra­tur Gesell­schaft, ihre Spra­che und ihre Struk­tur reflek­tie­ren, nach Über­setz­bar­keit fra­gen, Nor­mie­run­gen unter­lau­fen – und damit Erkennt­nis bie­ten. Nicht durch das, was sie sagen, son­dern dadurch, wie Gedich­te es sagen, wie sie mit sprach­li­chen Struk­tu­ren umge­hen, sie wen­den, ein Netz von Moti­ven aus­wer­fen, Bedeu­tun­gen, Mus­ter und Klän­ge auf­grei­fen und ver­schie­ben. Und so für Offen­heit sor­gen, Denk­mög­lich­kei­ten freilegen.

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