Lesen. Hören. Und ein bisschen schreiben.

Schlagwort: kammermusik

Unbekanntes zum Anfang

Es klingt, als sei die Tin­te auf dem Noten­pa­pier gera­de erst getrock­net. Nicht, dass Carl Rei­ne­cke so avant­gar­dis­tisch kom­po­niert hät­te oder gar sei­ner Zeit vor­aus gewe­sen wäre. Schon sei­nen Zeit­ge­nos­sen fiel auf, dass er sich ger­ne an For­men ver­gan­ge­ner Zei­ten ori­en­tier­te. Aber trotz sei­nes gro­ßen Ruhms im 19. und begin­nen­den 20. Jahr­hun­dert – heu­te ken­nen nur weni­ge Spe­zia­lis­ten mehr als ein, zwei Wer­ke aus der Feder des lang­jäh­ri­gen Lei­ters des Leiz­pi­ger Gewandhausorchesters.

Sei­ne Cel­lo­so­na­ten sind meis­tens nicht dabei – aus ganz bana­len Grün­den: Bis vor kur­zem waren nicht ein­mal die Noten dafür greif­bar. Der Main­zer Cel­lo-Pro­fes­sor Manu­el Fischer-Die­skau änder­te das – und spiel­te die drei Sona­ten gleich noch auf CD ein. Beim Semes­ter­eröff­nungs­kon­zert der Main­zer Musik­hoch­schu­le hat er die ers­te Sona­te, ein frü­hes Werk Reine­ckes, auch live vor­ge­stellt. Und das war ein wirk­li­cher Genuss, der eben ganz frisch, leben­dig und unver­braucht klingt. Fischer-Die­skau und Pia­nist Kirill Kro­tov spie­len Reine­ckes melo­die­seli­ge Sona­te freu­dig aber mit ker­ni­gem Klang – und haben sicht­lich Spaß dar­an. Und Ver­gnü­gen hat auch das Publi­kum im gut gefüll­ten Roten Saal der Musikhochschule.
Vie­les in Reine­ckes Kam­mer­mu­sik ist zunächst ein­fach mal schön, manch­mal auch etwas sentimal: 

Gute Melo­die­fin­dung und aus­ge­such­te Raf­fi­nes­se der Stim­mun­gen zeich­nen ihn aus, for­mal ist er deut­lich an Model­len der Klas­sik ori­en­tiert. Eine Mischung, die immer etwas einer hei­len Welt beschwört: Ein­tracht, Har­mo­nie und gebil­de­te Gefäl­lig­keit sind nicht nur in den Cel­lo­so­na­ten zu hören, son­dern auch in den Flö­ten­so­na­ten. Am bekann­tes­ten – wenn man von Bekannt­heit spre­chen mag – ist die „Undine“-Sonate, die sich ein biss­chen der Pro­gramm­mu­sik annährt. Flö­tist Dejan Gavric mit Maria Olli­ka­i­nen am Kla­vier sau­sen da keck hin­durch, las­sen unzäh­li­ge Erre­gun­gen auf­wal­len und gro­ße Gefüh­le auf­bre­chen: Ein vir­tuo­ser Ein­bruch der unge­zähm­ten Fan­ta­sie, die die hei­le Welt zwar nicht aus den Fugen wirft, aber doch etwas zum Wackeln bringt.
Das Quin­tett für Kla­vier und Streich­quar­tett geht einen ande­ren Weg: Zwar lässt Rei­ne­cke auch hier sei­nen ver­schwen­de­ri­schen Umgang mit musi­ka­li­schem Mate­ri­al, ger­ne im rasan­ten Wir­bel, hören. Neben der fast orches­tra­len Klang­wir­kung setzt er aber vor allem auf eine – mal mehr, mal weni­gr deut­li­che – Kon­tras­tie­rung von Kla­vier und Streich­quar­tett. Das Kon­flikt­po­ten­zi­al bleibt frei­lich beschei­den, inspi­riert aber zu ver­schwen­de­ri­scher Fül­le. Und die wird von den Dozen­ten und Stu­den­ten aus­ge­kos­tet: Mit dem rich­ti­gen Maß an Klar­heit, um trotz des mäch­ti­gen Klan­ges nicht erdrü­ckend zu wir­ken und viel Spiel­freu­de füh­ren sie das beister­te Publi­kum durch die Welt der unbe­kann­ten Kam­mer­mu­sik Carl Reineckes. 

(geschrie­ben für die Main­zer Rhein-Zeitung.)

Stimmung und Kontrapunkt

„Will­kom­men in unse­rer Sau­na“ wer­den die Besu­cher des Main­zer Musik­som­mers in der Vil­la Musi­ca begrüßt: Im Som­mer heizt sich deren klei­ner Kon­zert­saal kräf­tig auf. Aber so heiß wur­de es dann gar nicht. Auch nicht musi­ka­lisch – das Duo Arp/​Frantz blieb gelas­sen und ließ sich von den hohen Tem­pe­ra­tu­ren nicht überwältigen.

Ein inter­es­san­tes Pro­gramm haben die bei­den jun­gen Musi­ker mit­ge­bracht: Sie kon­tras­tie­ren Wer­ke für Cel­lo und Kla­vier von Johann Sebas­ti­an Bach und Felix Men­dels­sohn Bar­thol­dy. Das passt – immer­hin war Men­dels­sohn Bar­thol­dy ein gro­ßer Ver­eh­rer Bachs. Davon kann man aber an die­sem Abend nur wenig hören. Denn den bei­den Musi­kern geht es nicht dar­um, zu zei­gen, wie geschickt der Roman­ti­ker kon­tra­punk­tisch arbei­tet oder Reve­ren­zen an die Musik­ge­schich­te in sei­ne Kam­mer­mu­sik ein­baut. Sie wol­len vor allem die Stim­mung herbeiholen.

Das macht sich schon gleich zu Beginn, in den „Varia­ti­ons Con­cer­tan­tes“, einem knap­pen Jugend­werk des fast zwan­zig­jäh­ri­gen Kom­po­nis­ten, bemerk­bar. Juli­an Arp und Cas­par Frantz spie­len das als ver­gnüg­li­che, kunst­voll gear­bei­te­te Unter­hal­tung im klei­nen Rah­men: Weich per­lend ver­strö­men die Varia­tio­nen gute Lau­ne und zei­gen sich dabei als Musik, die nicht viel will – oder zu wol­len scheint. Wesent­lich deut­li­cher – und viel­schich­ti­ger – wird es aber in Men­dels­sohn Bar­thol­dys zwei­ter Sona­te für Vio­lon­cel­lo und Kla­vier, in der das Duo die gan­ze Band­brei­te der Gefüh­le ausschöpft.

Stim­mungs­voll spielt das Duo auch zwei Sona­ten von Bach. Was ande­res bleibt ja auch kaum übrig, bei der dop­pel­ten Fehl­be­set­zung: Bach hat die­se Sona­ten der Gam­be und dem Cem­ba­lo zuge­dacht, nicht dem Cel­lo und Kla­vier. Dass es jetzt so ganz anders klingt, macht aber wenig. Vor allem bei der zwei­ten Sona­te hat das die neue Klang­pracht durch­aus Vor­tei­le. Vom zar­ten, vor­sich­ten Beginn bis zum kraft­vol­len Ende ent­steht dabei eine klei­ne Geschich­te der Bewe­gung. Am Anfang noch ganz zurück­hal­tend, vor­sich­tig tas­tend die Füh­ler aus­stre­ckend – ein Auf­bruch ins Unge­wis­se. Das Duo bekommt aber bald Boden unter den Füßen, mit dem zwei­ten Satz wird der Schritt fest und zuver­sicht­lich. Der drit­ter Satz erscheint dann als ver­träum­tes Spa­zie­ren, fast ein Schlaf­wan­deln, ein Schlen­dern ohne Ziel und Not. Der Schluss wie­der­um ist die höchs­te Form der Bewe­gung, ganz vom Nut­zen befreit: Das Tan­zen, neckisch, mit sicher gesetz­ten Poin­ten. Dabei sind Arp und Frantz nie effekt­ha­sche­risch. Denn die Klang­ver­bin­dung zwi­schen Cel­lo und Kla­vier ist eng, fast sym­bio­tisch. Man hört in bei­na­he jedem Moment, dass sie sich aus gutem Grund „Duo“ nen­nen: Sie müs­sen sich nicht ein­mal mehr anse­hen, so gut wis­sen sie um die Reak­ti­on des Part­ners. Und das hört man nicht nur in der tech­ni­schen Sou­ve­rä­ni­tät, son­dern auch im Gleich­klang der Far­ben und Schattierungen.

(geschrie­ben für die Main­zer Rhein-Zeitung.)

Klassisches Sommerfest

Die sonst so ruhi­ge Jugend­stil­vil­la auf der Bas­tei ist heu­te völ­lig ver­wan­delt: Wo man auch hin­schaut, über­all fin­det man Men­schen, hören­de und dis­ku­tie­ren­de, jun­ge und alte. Denn wenn die Vil­la Musi­ca ein­mal im Jahr zum gro­ßen Som­mer­fest der Klas­sik ein­lädt, ihrem Tag der offe­nen Tür, dann kom­men noch mehr als sonst. Obwohl auch die Kon­zer­te nicht sel­ten aus­ver­kauft sind_​„Das soll ja auch so blei­ben“, erklärt Karl Böh­mer, Geschäfts­füh­rer der Stif­tung, „des­halb möch­ten wir uns ins Bewusst­sein brin­gen.“ Das funk­tio­niert offen­bar gut, vom Kin­der­wa­gen bis zum Krück­stock ist in und um die Vil­la Musi­ca alles ver­tre­ten. Der Tag der offe­nen Tür, den die Stif­tung seit 1993 jähr­lich anbie­tet, ist näm­lich ganz wört­lich zu neh­men: Bei die­ser Gele­gen­heit darf man das gesam­te Gelän­de erkun­den, unter ande­rem auch den schö­nen Gar­ten des neben der Vil­la Musi­ca ste­hen­den Lan­de­gäs­te­hau­ses. Denn irgend­wo muss es ja auch einen Moment Ruhe geben, um sich zu stärken. 

Im Hof, zwi­schen den drei Vil­len, unter den hohen Kas­ta­ni­en, ste­hen zwar mas­sen­wei­se Klapp­stüh­le. Die sind aber sel­ten frei und schon gar nicht für so pro­fa­ne Din­ge wie Kaf­fee und Kuchen gedacht. Denn in der Mit­te die­ses Hofes steht die gro­ße Open-Air-Büh­ne, die so luf­tig ist, dass der fri­sche Wind auch mal unge­woll­te Bewe­gung in die Noten­blät­ter bringt: Schieß­lich darf die Kam­mer­mu­sik auch heu­te nicht feh­len, die Vil­la Musi­ca ist ohne das ein­fach undenk­bar. Des­halb gibt es zehn Stun­den lang fast non-stop Musik aller Zei­ten und aller Sti­le: 33 Instru­men­ta­lis­ten – wie immer sowohl Pro­fes­so­ren als auch jun­ge Sti­pen­dia­ten – sind dafür im Ein­satz. Und machen sich gegen­sei­tig sogar Kon­kur­renz, denn nicht nur im Hof, son­dern auch im „nor­ma­len“ Kon­zert­saal wird musi­ziert: Mit vie­len Blä­ser­en­sem­bles, aber auch auf der Gitar­re oder ganz klas­sisch im Viol­in­duo oder als Kla­vier­quar­tett machen die jun­gen Musi­ker den Tag der offe­nen Tür gleich zum Kurz­bil­dungs­ur­laub für die Besucher.

Und dafür ver­sam­melt sich hier eine Men­schen­an­samm­lung, die trotz des stän­di­gen Kom­mens und Gehens auf­fäl­lig still und kon­zen­triert ist: Eine respekt­vol­le Gedämpft­heit der Unter­hal­tun­gen und die lei­sen Bewe­gun­gen zei­gen, wie sehr das bunt gemisch­te Pro­gramm geschätzt wird. Im Hof, den angren­zen­den Gär­ten, selbst auf dem Bal­kon: Jede Sitz­ge­le­gen­heit, und sei sie noch so unschein­bar, wird für das Lau­schen in Beschlag genom­men. Dabei ist noch nicht ein­mal beson­ders viel los: Der küh­le Mor­gen ließ den Besu­cher­strom erst gegen Mit­tag anstei­gen – da waren dann aller­dings auf der Bas­tei nicht ein­mal mehr Fahr­rad­stell­plät­ze zu bekom­men. „Besu­cher­re­kor­de bre­chen wir heu­te kei­ne, aber 2500 Besu­cher wer­den es wohl schon sein“, schätzt Karl Böh­mer, und ist damit auch durch­aus zufrieden. 

(geschrie­ben für die Main­zer Rhein-Zeitung.)

Kreuz und quer durch die Musikgeschichte

Von Mozart zu Šen­dero­vas, dann noch ein­mal von Mahler zu Are­n­sky (zurück ins tie­fe­re 19. Jahr­hun­dert): Das Kon­zert in der Vil­la Musi­ca mit den Dozen­ten Kal­le Ran­da­lu und David Gering­as sowie einer Men­ge Sti­pen­dia­ten fin­det kei­ne Ruhe:

Grö­ße­re Gegen­sät­ze sind kaum denk­bar: Einer­seits ste­hen Mozart und Mahler auf dem Pro­gramm. So hat die Vil­la Musi­ca ihr Sti­pen­dia­ten­kon­zert auch beti­telt. Aber das reicht noch nicht für ein Kon­zert. Also kom­men noch zwei Wer­ke von Ana­to­li­jus Šen­dero­vas und Anton Are­n­sky dazu. Zwei halb oder gar nicht bekann­te Kom­po­si­tio­nen, die dann aber wesent­lich span­nen­der und inter­es­san­ter waren als der Rest.

Denn Mozarts Kla­vier­quar­tett in Es-Dur schien hier eher belang­los und als brav absol­vier­te Pflicht­übung. Mahlers Quar­tett­satz immer­hin kam breit aus­ge­spielt und kraft­voll ent­schlos­sen mit gro­ßem Ges­tus daher – ein­deu­tig als ein unein­ge­lös­tes Ver­spre­chen: Was hät­te Gus­tav Mahler nicht auch für die Kam­mer­mu­sik leis­ten kön­nen, wenn er sich nicht auf orches­tra­le Groß­wer­ke beschränkt hät­te. Das kur­ze Werk des jugend­li­chen Genies ist eine ein­zi­ge Vor­ah­nung auf Spä­te­res. Und genau so, mit dem Wis­sen der spä­te­ren Ent­wick­lung des Kom­po­nis­ten, spiel­ten die die Sti­pen­dia­ten um Kal­le Ran­da­lu die ein­zi­ge erhal­te­ne Kam­mer­mu­sik Mahlers auch. 

Im a‑Moll-Quar­tett des rus­si­schen Kom­po­nis­ten Anton Are­n­sky läuft das Den­ken in die ent­ge­gen­ge­setz­te Rich­tung: In die Ver­gan­gen­heit. Denn die­ses Streich­quar­tett in der unüb­li­chen Beset­zung mit Vio­li­ne, Brat­sche und zwei Cel­li ist von Are­n­sky als Toten­kla­ge auf sei­nen Freund Tschai­kow­sky kom­po­niert. Vir­tu­os und weit aus­ho­lend beginnt es, spiel­tech­nisch anspruchs­voll bleibt es auch in den Varia­tio­nen über The­ma von Tschai­kow­sky – ein berüh­ren­der Satz, gründ­lich durch­ge­ar­bei­tet und getra­gen von der Dun­kel­heit des Abschie­des. Die drei Sti­pen­dia­ten und Dozent David Gering­as am Cel­lo spie­len das glei­cher­ma­ßen wuch­tig und ath­mo­sphä­risch, fol­gen den ele­gi­schen Erin­ne­run­gen mit viel Klang­sinn und Gespür für die mach­mal schmerz­vol­le, manch­mal weh­mü­ti­ge und manch­mal auch etwas ver­träum­te Musik.

Ath­mo­sphä­ri­sche und stim­mungs­vol­le Klän­ge bie­tet auch­das zwei­te Kla­vier­trio des Litau­ers Ana­to­li­jus Šen­dero­vas. 1984 kom­po­niert, wie Are­n­skys Quar­tett in memo­ri­am eines Freun­des geschrie­ben, bie­tet es in moder­ne Ton­spra­che eine brei­te Aus­drucks­pa­let­te. Und jun­gen Musi­ker wid­men sich dem mit viel Hin­ga­be und Kon­zen­tra­ti­on und kön­nen die vol­le Viel­falt die­ser Musik ein­dring­lich beschwö­ren. So ent­steht, von den ers­ten Fla­geo­letts als Bild der fah­le Wirk­lich­keit über wei­te Kan­ti­le­nen und harsch-dra­ma­ti­sche Ein­brü­chen, aus dem sprach­lo­sen Raum der Trau­er und der Erin­ne­rung eine ech­te See­len­mu­sik. Frei von for­ma­len Zwän­gen, ganz dem Aus­druck ver­schrie­ben, setzt Sen­dero­vas der scha­len Rea­li­tät die man­nig­fal­ti­gen Mög­lich­kei­ten der Kunst ent­ge­gen. Viel­falt ist eben immer wie­der ein gro­ßer Gewinn. Und wenn sie nur dazu führt, unbe­kann­te Musik zu entdecken.

(geschrie­ben für die Main­zer Rhein-Zeitung.)

Ein feines Streichquartett. Und ein Klavierquintett

So etwas nennt man wohl „Roman­tik pur”: Die Vil­la Musi­ca wählt nicht nur bei den Spiel­or­ten roman­ti­sche Erleb­nis­se, son­dern auch beim Kon­zert­pro­gramm. Zumin­dest für die Eröff­nung der „Musik in Bur­gen und Schlös­sern”. Das Eis­ler-Quar­tett setz­te den Auf­takt für die zwan­zigs­te Spiel­zeit näm­lich mit zwei wesent­li­chen Wer­ken den Roman­tik: Dem e‑Moll-Streich­quar­tett aus Opus 44 von Felix Men­dels­sohn Bar­thol­dy und Antonín Dvořáks Kla­vier­quin­tett in A‑Dur.

Men­dels­sohns Streich­quar­tett ist schon des­halb eine gute Wahl, weil es fast in Mainz ent­stand – auf der Hoch­zeits­rei­se des jun­gen Musi­kers, inspi­riert von den roman­ti­schen Land­schaf­ten des Rheins und sei­ner Städ­te. Die hier­bei aus­ge­dach­te Musik gibt sich oft sehr zau­ber­haft, auch in ihren undurch­dring­lich schei­nen­den, ver­schlei­er­ten For­men. Dazu passt die bei­na­he undurch­schau­ba­re Ent­ste­hungs­ge­schich­te, weil der Kom­po­nist immer und immer wie­der geän­dert und ver­bes­sert hat.

Davon, von die­sen Ver­wirr­spie­len, hört man in der Vil­la Musia vom Eis­ler-Quar­tett natur­ge­mäß nichts. Was man aber hört, ist die Inspi­ra­ti­on und die Lebens­freu­de ihres Schpfers. Das Ber­li­ner Quar­tett ver­liert sich aller­dings nicht im roman­ti­schen Gefühls­rei­gen, son­dern strebt hör­bar nach Klar­heit. Des­halb spie­len sie die Men­dels­sohn­sche Schöp­fung auch mit dich­tem Klang, ganz eng ver­webt und mit sehr genau aus­ge­ar­bei­te­ten Über­gän­gen. Dabei klin­gen sie zugleich forsch, fast unbe­küm­mert – aber auch das scheint nur so und ver­rät eher gro­ße Kunst als Nachlässigkeit.

Dvořáks Kla­vier­quin­tett hat eben­falls eine kurio­se Ent­ste­hungs­ge­schich­te: Ent­we­der woll­te er ein Jugend­werk ver­bes­sern oder konn­te die alten Noten nicht fin­den – jeden­falls schrieb Dvořák kur­zer­hand in weni­gen Tagen ein neu­es Quin­tett. Egal war­um, das ist auf jeden Fall ein Glück für uns, weil sich das Eis­ler-Quar­tett nun mit Kall­le Ran­da­lu am Kla­vier dar­an erfreu­en kann. Und nicht nur bei den Musi­kern ist die Freu­de über das eige­ne Tun groß, auch beim Publikum.

Grund dafür gibt es mehr als genug: Wuch­tig, aber nie schwer­fäl­lig, mit leben­di­ger Kon­zen­tra­ti­on auf das Wesent­li­che demons­trie­ren sie kraft­voll, wie viel­fäl­tig Dvořáks Musik sein kann.

Trau­rig und hei­ter, locker und schwär­me­risch, nach­denk­lich und aus­ge­las­sen – sie rei­zen die Palet­te der kom­po­nier­ten Emo­tio­nen weit aus. Und ihnen gelingt dabei ein klei­nes Kunst­stück, das gar nicht so klein ist: Sie schaf­fen es näm­lich, ihr genau über­leg­tes Musi­zie­ren so klin­gen zu las­sen, als ob sie die Par­ti­tur gera­de voll­kom­men neu ent­de­cken wür­den. Hier herrscht vom ers­ten Ton bis zum Schluss­ak­kord eine unver­stell­te Leben­dig­keit und freu­di­ge Bewe­gung vor. Genau von die­ser inspi­rie­ren­den Wir­kung müs­sen auch die Roman­ti­ker geträumt haben.

(geschrie­ben für die Main­zer Rhein-Zeitung.)

kammermusikalische europareise

so rich­tig habe ich den zusam­men­hang des pro­gramms ja nicht ver­stan­den: haydn – hin­de­mith – men­dels­sohn bar­thol­dy: viel gemein­sam­kei­ten gibt es da nicht … ganz nett war’s aber trotz­dem, das war ja zu erwar­ten in der vil­la musi­ca ;-). also, los gehts:

Sanft weht die zar­te Cel­lome­lo­die durch den Salon im ers­ten Stock, flu­tet durch das Trep­pen­haus und das gan­ze Anwe­sen, mit­füh­lend ver­folgt von der Vio­li­ne und zart unter­malt von der Kla­vier­stim­me: Die Vil­la Musi­ca ist aus dem Som­mer­schlaf erwacht.

Ganz ange­mes­sen geschieht das mit einem Kon­zert des haus­ei­ge­nen Ensem­bles Ville Musi­ca, also den rou­ti­nier­ten Meis­tern der Kam­mer­mu­sik, die hier nicht nur ihre Erfah­rung und ihr Wis­sen an jun­ge Künst­ler wei­ter­ge­ben, son­dern auch das Publi­kum an ihrem Kön­nen teil­ha­ben lassen.

Das lässt sich gefal­len. Denn aus der Som­mer­pau­se kommt das Ensem­ble, das ja nur lose gefügt ist und in ver­schie­de­nen Beset­zun­gen arbei­tet, mit fri­schem Élan zurück. Flott, fast unbe­küm­mert, mit kna­cki­ger Fri­sche und der ensem­ble­ty­pi­schen Mischung aus Genau­ig­keit und Läs­sig­keit, aus Gemein­sam­keit und indi­vi­du­el­ler Über­zeu­gungs­kraft an jedem Instru­ment las­sen sie Haydns Kla­vier­trio Nr. 42 in C‑Dur, eines der spä­ten Meis­ter­wer­ke nach sei­ner zwei­ten Eng­land­rei­se, sehr, sehr leben­dig wer­den. Gewiss, eine Min­dest­di­stanz bleibt immer spür­bar, das kann man vor allem im Andan­te sehr gut mer­ken, so ganz haben sie sich die­ses Trio nicht zu eigen gemacht. Aber dann blitzt doch wie­der der Schalk zwi­schen den Sai­ten her­vor – zumin­dest einen klei­nen, aber häu­fi­gen Erscheinungen.

Die­ses fri­sche Musi­zie­ren, die unver­brauch­te Inter­pre­ta­ti­on kann man auch in Paul Hin­de­mit­hs Kla­ri­net­ten­quar­tett deut­lich spü­ren. Forsch und taten­durs­tig sto­ßen die Vier hier ein ums ande­re Fens­ter in ande­re Wel­ten auf, las­sen Ein­bli­cke in Traum und Ima­gi­na­ti­on zu, ermög­li­chen das unbe­schwer­te Schwei­fen im Reich der Vor­stel­lung. Mit immer neu­en, ener­gi­schen Schü­ben sor­gen sie dafür, dass jeder die Gele­gen­heit bekommt, die­se Gren­ze zu über­schrei­ten und hin­über zu schau­en in die Welt der Kunst. Dazu mischen sie den pfif­fi­gen Witz Hin­de­mit­hs, sei­ne wei­ten Melo­dien und schrof­fen Klang­bal­lun­gen mit gro­ßer Aus­dau­er und fei­nem Gespür für die wohl­ge­form­te Dra­ma­tur­gie. Und genau das macht Felix Men­dels­sohn Bar­thol­dys ers­tes Kla­vier­trio am Schluss des Kon­zer­tes zum Hit des Abends. Denn das Kon­zert­fi­na­le gelingt dem Ensem­ble ein­deu­tig am bes­ten, am leben­digs­ten und inten­sivs­ten. Patrick Demen­ga lässt sein Cel­lo hier noch ein­mal beson­ders weich und bestimmt brum­men, Muri­el Can­to­r­eg­gi geigt auf- und her­aus­for­dernd, drängt spie­le­risch immer wie­der vor­an. Und Yuka Ima­mi­ne am Kla­vier gibt ihre fei­ne Zurück­hal­tung wenigs­tens teil­wei­se auf. Die Mit­tel­sät­ze erzäh­len so zart und quir­lig fein­ge­spon­ne­ne Elfen­ge­schich­ten – typisch Men­dels­sohn Bar­thol­dy eben. Und die Rah­men­sät­ze bin­den das in gro­ßer Offen­heit, vom Ensem­ble Vil­la Musi­ca mit Gespür für die rich­ti­ge Dosis Grö­ße und Majes­tät, klang­li­che Abrun­dung und leben­di­ge Nuan­cie­rung rea­li­siert, präch­tig und klang­voll zusammen.

(geschrie­ben für die main­zer rhein-zeitung)

oh, merry england!

Der arme Ste­ven Devi­ne. Der Cem­ba­list muss am Schluss einen ziem­lich stei­fen Hals gehabt haben. Denn mehr als in sei­ne Noten blick­te er beim Kon­zert in der Augus­ti­ner­kir­che zu sei­nen Ensem­ble­kol­le­gen von Lon­don Baro­que. Und dafür muss­te er stän­dig schrägt über sei­ne rech­te Schul­ter schau­en. Die Ver­ren­kun­gen haben sich aber gelohnt. Zumin­dest für das Publi­kum, das so Erst­klas­si­ges zu hören bekam.

Die per­ma­nen­te visu­el­le Kom­mu­ni­ka­ti­on des Quar­tetts, die nicht nur vom Cem­ba­lo aus­ging, son­dern den Gam­bis­ten Charles Med­lam genau­so ein­be­zog wie die bei­den Gei­ge­rin­nen Ingrid Sei­fert und Han­nah Med­lam, die­se stän­di­ge gegen­sei­ti­ge Kon­trol­le und Ver­ge­wis­se­rung der Gemein­sam­kei­ten führt zu einem star­ken, wun­der­bar kon­zen­trier­ten Klang­bild. Die Erfah­rung aus über drei­ßig Jah­ren gemein­sa­men Musi­zie­rens hilft da natür­lich auch noch. Jeden­falls gab es eini­ges zu sehen: Nicht nur auf­merk­sa­me, hell­wa­che und kom­mu­ni­ka­ti­ve Musi­ker, deren Bli­cke sich öfter kreuz­ten als ihre Melo­dien, son­dern auch ganz viel Bewe­gung: Da tanz­ten die Bögen mun­ter über die Sai­ten und die Fin­ger wir­bel­ten die Griff­bret­ter hoch und run­ter – Lan­ge­wei­le hat­te kei­ne Chan­ce in der Augustinerkirche.

Nur der Bach-Noten­band auf dem Pult vor Devi­ne blieb stum­mes, unbe­weg­li­ches Requi­sit – ganz der eng­li­schen Musik hat­ten die Lon­do­ner sich gewid­met. Natür­lich, wür­de man sagen, wüss­te man nicht, dass die Lon­do­ner auch ganz aus­ge­zeich­net deut­sche und ita­lie­ni­sche Barock­mu­sik spie­len kön­nen. Aber davon gab es die­ses Mal nur in der Zuga­be eine klit­ze­klei­ne Kostprobe.

Eng­li­sche Musik des 17. Jahr­hun­dert also – das ist vie­les, was kaum noch jemand wirk­lich kennt: Kam­mer­mu­sik von Kom­po­nis­ten wie John Jenk­ins, Chris­to­pher Simpson, Wil­liam Lawes oder Matthew Locke ist heu­te nicht mehr sehr ver­brei­tet. Zu ihrer Zeit waren das in und um Lon­don aber alles aus­ge­wie­se­ne, geschätz­te Meis­ter. Die For­men rei­chen von emp­find­sa­men Tanz­sät­zen – groß­ar­tig etwa das Cem­ba­lo­so­lo „A sad Pavan for the­se dis­trac­ted times“, in der Tho­mas Tom­kins die Wir­ren nach der Hin­rich­tung des Königs Charles in eine für das 17. Jahr­hun­dert extrem emo­tio­na­le Musik fasst – bis zur typi­schen eng­li­schen Gat­tung der Grounds. Von die­sen frei­en Varia­tio­nen über ein wie­der­hol­tes Bass­the­ma hat­te das Ensem­ble eini­ge dabei, etwa Chris­to­pher Simpsons “Ground Divi­si­ons“, die dem Gam­bis­ten Charles Med­lam viel Mög­lich­kei­ten gab, nicht nur sei­ne Fin­ger­fer­tig­keit, son­dern auch sei­nen Ein­falls­reich­tum vorzuführen.

Die abschlie­ßen­de Hän­del-Sona­te – in Eng­land gilt Geor­ge Fre­de­ric Han­del ja genau­so selbst­ver­ständ­lich als Eng­län­der wie hier als Deut­scher – aller­dings war dann nicht mehr ganz so typisch eng­lisch. Aber Lon­don Baro­que ist kosm­po­li­tisch genug, auch das zu meis­tern: Mit ihrer typi­schen Ein­füh­lungs­kraft und der wun­der­bar wach­sa­men, reak­ti­ons­freu­di­gen Gemein­sam­keit ihres ener­gi­schen Spiels mach­ten sie sich Hän­del genau­so zu eigen wie den Rest des Programms.

(gechrie­ben für die main­zer rhein-zeitung)

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