Lesen. Hören. Und ein bisschen schreiben.

Schlagwort: georg friedrich händel

Wochenblog 3/​2023

Wenig zu berich­ten von die­ser Woche. Wie­der mal etwas viel gear­bei­tet, unge­fähr 50 Stun­den und damit nur leicht über dem Durch­schnitt ;-). Dabei hat­te ich wie­der oft das Gefühl, nicht vor­an­zu­kom­men, nichts wirk­lich zu erle­di­gen. Immer­hin war auch eini­ges schö­nes dabei – ein Semi­nar, das so inten­si­ve dis­ku­tiert, dass ich mit mei­nem Pro­gramm nicht durch­kam; ein Pla­nungs­mee­ting, in dem es mal wirk­lich voranging. 

Lebens­mit­tel­prei­se sind gera­de sehr, sehr selt­sam. Bei Aldi zum Bei­spiel ist das Toast­brot der Eigen­mar­ke in die­sem Jahr von 99 Cent auf 1,59 Euro gestie­gen, um dann zwei Wochen spä­ter bei 1,29 Euro zu lan­den. Sau­er­kraut ist im Bio­markt in Bioland-​Qualität güns­ti­ger als beim Dis­coun­ter. Irgend­wie kom­me ich mir bei sol­cher Preis­ge­stal­tung zuneh­mend abge­zockt und nicht ernst genom­men vor. Nun ja, mal sehen, wie sich das alles wei­ter entwickelt.

Und am trü­ben Wochen­en­de habe ich mal wie­der ein wenig an mei­nen Blogs rum­ge­bas­telt, die Kom­pa­bi­li­tät mit php8 end­lich geklärt, ein wenig am Design und den Ein­stel­lun­gen rumgeschraubt.

Ton: Eine wun­der­ba­re Händel-​Aufnahme habe ich gehört: „Han­del Goes Wild“ von L’Ar­peg­gia­ta und Chris­ti­na Plu­har. Das sind Impro­vi­sa­tio­nen über Händel-​Werke und impro­vi­sie­ren­de Inter­pre­ta­tio­nen von Händel-​Arien, die damit eine durch­aus barock­ty­pi­sche Anver­wand­lung auf­grei­fen und das mit viel Spaß, Sub­ti­li­tät und Ideen so tun, dass das Hören mir ech­te Freu­de berei­te­te.
Und auch sehr gut und schön, wenn auch nicht ganz so über­zeu­gend wie bei Chris­toph Pré­gar­dien: Franz Schu­berts „Schwa­nen­ge­sang“ in der neu­en Auf­nah­me von André Schuen und Dani­el Heide.

Text: Das „Blut­buch“ von Kim de l’Ho­ri­zon fer­tig gele­sen. Es kommt mir inge­samt doch ein wenig prä­ten­ti­ös vor. Die ver­han­del­ten The­men sind eigent­lich recht schnell klar, sie wer­den aber über­deckt von der wuchern­den, unge­form­ten Form des Tex­tes, der so ziem­lich (bei­na­he) alle denk­ba­ren Regis­ter zieht, um sei­ne Avant­gar­di­tät vor­zu­füh­ren (ein biss­chen Holzhammer-​Methode). Ich muss­te da öfters an Baß­lers The­se des Mid­cults (Inter­na­tio­nal Style) den­ken. So wie ich das ver­stan­den habe (ohne sei­ne eigent­li­che Arbeit zu lesen frei­lich), beob­ach­tet er eine Vari­an­te der Lite­ra­tur, die durch schwe­re The­men und aus­ge­stell­te for­ma­le Abweichung(en) eine Pseudo-​Modernität, einen Pseudo-​Kunstcharakter her­stellt, aber eigent­lich mit tra­di­tio­nel­len Mit­teln erzählt. Gut, das letz­te passt auf das „Blut­buch“ viel­leicht nicht so voll­stän­dig, aber mein Haupt­ein­wand nach mei­ner viel­leicht etwas unge­nau­en Lek­tü­re ist, dass die Form des Tex­tes, sei­ne Struk­tur und sei­ne Spra­che, nur sehr dünn ästhe­tisch begrün­det sind und vor allem mar­kie­ren sol­len, wie avan­ciert der Text ist. Viel­leicht ist das avan­cier­tes­te hier aber doch bloß die Posi­ti­on der Erzäh­ler­fi­gur, des fik­ti­ven Autors (die natür­lich mehr oder weni­ger auto­fik­tio­nal durch die lebens­welt­li­che Autor­fi­gur Kim de l’Ho­ri­zon abge­si­chert und ver­stärkt wirkd). 

Drau­ßen: Wei­ter­hin täg­lich gelau­fen, aber lang­sam und dafür immer nur kur­ze Run­den. Kei­ne gute Ent­wick­lung gera­de, aber die Moti­va­ti­on war auch nicht sehr hoch.

Messias mit angezogener Handbremse

Gut, dass es das moder­ne Urhe­ber­recht vor 225 Jah­ren noch nicht gab. Sonst hät­te sich Mozart womög­lich nie getraut, Hän­dels „Mes­siah“ zu bear­bei­ten. Oder Hän­dels Erben hät­ten gar nicht geneh­migt, dass da ein ande­rer Kom­po­nist die Instru­men­ta­ti­on des Ora­to­ri­ums ändert, die Ari­en umschreibt oder man­ches, was ursprüng­lich der Chor zu sin­gen hat­te, nun den Solis­ten anver­traut. Und das wäre scha­de gewe­sen, denn es hät­te uns um die Mozart-​Fassung des Hän­del­schen „Mes­si­as“ gebracht.

So ein Cover ist natür­lich gera­de dann inter­es­sant, wenn das Ori­gi­nal sowie­so schon bekannt ist. Und das muss man für Hän­dels berühm­tes­tes Ora­to­ri­um auch heu­te noch anneh­men. Da ist eine Auf­füh­rungs­va­ri­an­te also eine ange­neh­me Abwechs­lung: Man hört die bekann­ten Chö­re – natür­lich wird auch bei Mozart ein kräf­ti­ges „Hal­le­lu­ja“ geju­belt – und die ver­trau­ten Ari­en, aber man hört auch etwas Neu­es, auch wenn Mozart die Par­ti­tur nur sehr behut­sam moder­ni­siert. Geän­dert ist vor allem die Instru­men­ta­ti­on, die mit zusätz­li­chen Holz­blä­sern mehr Far­be ins Spiel bringt. Und neu klin­gen auch eini­ge Ari­en. Oder zumin­dest weni­ger bekannt. Denn es ist ja nicht das ers­te Mal, dass der Bach­chor mit der Lud­wigs­ha­fe­ner Staats­phil­har­mo­nie die Mozart-​Fassung in der Chris­tus­kir­che aufführt.

Zum ers­ten Mal geschieht das aller­dings ohne Ralf Otto: Der erkrank­te Chor­lei­ter wur­de kurz­fris­tig durch Wolf­ram Kolo­seus ersetzt – immer­hin ein erfah­re­ner Mozart-​Dirigent. Das wird in der Chris­tus­kir­che aber nicht so recht deut­lich. Viel­leicht war die Vor­be­rei­tungs­zeit ein­fach zu kurz. Jeden­falls klingt das sel­ten so, als wären Sän­ger, Instru­men­ta­lis­ten und Diri­gent mit ein­an­der und dem Werk wirk­lich ver­traut. Von Num­mer zu Num­mer han­geln sie sich, mal bes­ser, mal etwas hake­li­ger. Aber über wei­te Tei­le bleibt der Ein­druck, dass alle Betei­lig­ten noch sehr in und an den Noten kle­ben – frei­es und leben­di­ges Musi­zie­ren ist das selten.

Aus­ge­rech­net im ers­ten Teil, dem weih­nacht­li­chen Teil des Ora­to­ri­ums, wirkt die­ser „Mes­si­as“ des­halb selt­sam ent­rückt und fern: Das scheint die Musi­ker über­haupt nicht zu berüh­ren. Man­ches von die­ser groß­ar­ti­gen Musik ist sogar rich­tig schlaff. Sicher, da sind durch­aus anspre­chen­de Momen­te dabei – aber gut ver­steckt in viel Mit­tel­maß. Auch die Solis­ten kön­nen das nicht ret­ten: Klaus Mer­tens wirft sei­ne lang­jäh­ri­ge Erfah­rung ins Gewicht, die man der rou­ti­nier­ten, aber durch­aus poin­tier­ten Inter­pre­ta­ti­on immer anhört. Tenor Chris­ti­an Rath­ge­ber singt dage­gen auf­fal­lend jugend­lich und frisch, aber manch­mal auch etwas durch­set­zungs­schwach. Ähn­li­ches ist in der Damen­rie­ge zu beob­ach­ten: Sopra­nis­tin Sarah Wege­ner kann mit kla­rer und sub­ti­ler Gestal­tung über­zeu­gen, wird manch­mal – etwa in der Arie „Er wei­det sei­ne Her­de“ auch rich­tig ver­füh­re­risch, wäh­rend die Mez­zo­so­pra­nistn Nohad Becker etwas unschein­bar bleibt.
Blass bleibt aber eben auch vie­les vom Rest. Die Staats­phil­har­mo­nie klingt durch­weg recht schroff, der Chor anfangs erstaun­lich lust­los. Vie­le rhyth­mi­sche und dyna­mi­sche Akzen­te, die der sehr extro­viert diri­gie­ren­de Kolo­seus den Musi­kern und Sän­gern zu ent­lo­cken ver­sucht, ver­schlei­fen und ver­puf­fen wir­kungs­los. Immer­hin bes­sert sich das zuneh­mend: Vor allem der Bach­chor fin­det zur gewohn­ten Form, die hier sehr poliert und hell klingt. Gera­de im zwei­ten Teil fängt das an, zu strah­len. Scha­de nur, dass dann aus­ge­rech­net der Schluss­chor, das alles bestä­ti­gen­de gro­ße „Amen“, wie­der so über­vor­sich­tig zag­haft klingt, als wür­den Chor und Orches­ter mit ange­zo­ge­ner Hand­brem­se musizieren.

Liebe, Götter und Musik: Händels „Semele“

Kom­pli­zier­ter geht es kaum noch. Da ist Seme­le, die Toch­ter des Königs von The­ben. Sie soll eigent­lich Atha­mus hei­ra­ten, hat ins­ge­heim aber ein Ver­hält­nis mit dem Gott Jupi­ter. Dafür ist ihre Schwes­ter Ino in den Bräu­ti­gam ver­liebt. Auch Juno, Apol­lo und eini­ge ande­re Figu­ren aus Götter- und Men­schen­welt mischen noch mit, bis Seme­le am Ende beim Ver­such, selbst gött­lich zu wer­den, stirbt und die rest­li­chen Betei­lig­ten ohne sie ihr Hap­py End erle­ben und fei­ern kön­ne. Das Pro­gramm­heft benö­tigt fünf Sei­ten für eine ver­ständ­li­che und hin­rei­chend aus­führ­lich Inhalts­zu­sam­men­fas­sung. Und dabei ist das noch nicht ein­mal eine Oper – Hän­del hat sei­ne „Seme­le“ aus­drück­lich als Ora­to­ri­um ver­stan­den und auch so kom­po­niert, trotz des Libret­tis. Das ist schon den Zeit­ge­nos­sen auf­ge­fal­len, bei der Urauf­füh­rung bemerkt ein Freund Hän­dels wenig freund­lich: „Das ist kein Ora­to­ri­um, son­dern eine zoten­haf­te Oper, eine eng­li­sche Oper, die Nar­ren als Ora­to­ri­um bezeich­nen.“ Zum Glück hat sich die­se Mei­nung nicht durch­ge­setzt. Oft zu hören ist die „Seme­le“ aber trotz­dem nicht. Dank des Kol­legs für Alte Musik, Barock vokal, das an der Main­zer Musik­hoch­schu­le ein Wei­ter­bil­dungs­pro­gramm für jun­ge Sän­ger und Sän­ge­rin­nen anbie­tet, war die Geschich­te von Seme­le jetzt in der Chris­tus­kir­che zu erle­ben. Vor allem war die Musik zu hören – das es nicht um Hand­lung ging, macht schon ein ers­ter Blick deut­lich: Alle Betei­lig­ten in stren­gem schwarz, in klas­si­scher Ora­to­ri­en­form: Vorn die Solis­ten von Barock vokal, hin­ten der Chor der Musik­hoch­schu­le, dazwi­schen das mit stu­den­ti­scher Ver­stär­kung famos leicht und durch­sich­tig spie­len­de Main­zer Bach­or­ches­ter. Aber was den Augen fehlt, kön­nen die Ohren leicht aus­glei­chen. Denn alle der immer­hin zehn Sän­ger und Sän­ge­rin­nen um Eli­sa­beth Scholl, die eine wun­der­bar kla­re, kon­trol­lier­te Seme­le singt, haben sich ihre Rol­le genau erarbeitet.
Zusam­men­ge­hal­ten und mit bewun­ders­wer­ter Prä­zi­si­on in allen Details aus­ge­malt wird das von Ralf Otto, der aus dem künst­li­chen Beginn ein immer packen­de­res und mit­rei­ßen­de­res Dra­ma ent­wi­ckelt, das erst mit dem Schluss­chor und Hap­py End Erleich­te­rung bie­tet. Und das macht er so deut­lich und so über­zeu­gend schön, dass man dazu nicht ein­mal der Hand­lung in jedem Detail fol­gen kön­nen muss. 

mrz.

Taglied 26.2.2012

Zwei klit­ze­klei­ne Aus­schnit­te aus Hän­dels wirk­lich über­ra­schend schö­nem Ora­to­ri­um „Seme­le“:

Ceci­lia Bar­to­li – Seme­le – No no, I’ll take no less

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Ceci­lia Bar­to­li – Seme­le – End­less plea­su­re, end­less love

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Neujahrskonzert auf Barock

Nein, ein Neu­jahrs­kon­zert war das nicht: Kei­ne Wal­zer gab es und auch kei­ne gro­ße Abend­ga­dero­be. Dafür war es schon eine Woche zu spät. Statt­des­sen gab es aber eine Men­ge gro­ße Musik: Mit­ten aus der Pracht des Barocks war das Pro­gramm des „Kon­zer­tes zum neu­en Jahr“, das das Main­zer Staats­thea­ter nun schon zum neun­ten Mal als Bene­fiz­kon­zert für die Stif­tung Main­zer Thea­ter­kul­tur ver­an­stal­te­te, geschöpft. Und die baro­cken Herr­scher wuss­ten, wie man die Musik zur öffent­li­chen Reprä­sen­ta­ti­on benutzt, ob in der Oper, der Instru­men­tal­mu­sik oder dem Ora­to­ri­um. Von den offen­sicht­li­chen Bei­spie­len der Musik für herr­schaft­li­che Fest­ak­te ganz zu schwei­gen. In die letz­te Kate­go­rie fal­len zum Bei­spiel die Krö­nungs­kan­ta­ten von Georg Fried­rich Hän­del. Die drit­te, „The King shall rejoice“, war im Gro­ßen Haus mit dem Staatstheater-​Chor und dem Phil­har­mo­ni­schen Staats­or­ches­ter zu hören. Andre­as Hotz diri­gier­te das durch­aus fes­tiv, aber vor allem sehr maßvoll.
Doch Hän­del blick­te nicht nur gütig-​verschmitzt vom Pro­gramm­heft, son­dern steu­er­te auch die meis­te Musik bei. Etwa die Feu­er­werks­mu­sik. Die ist, gera­de bei sol­chen Kon­zer­ten, ja fast ein
unver­meid­li­cher Kra­cher. Und man könn­te mei­nen, der jugend­li­che Über­schwang, mit dem Andre­as Hotz immer wie­der auf die Büh­ne stürmt, schlü­ge sich nun auch in der Musik nie­der. Und gera­de hier, in die­sem Hit. Das war dann aber kaum der Fall. Viel prä­gen­der war sei­ne Ele­ganz. Die wur­zel­te in der Ele­ganz der Bewe­gun­gen des Diri­gen­ten, die das Klang­bild sehr stark bestimm­ten. Ohne Groß­spu­rig­keit oder Auf­trump­fen kamen alle die instru­me­na­to­ri­schen Effek­te daher, mach­ten sich aber auch nie klein oder ver­ste­cken sich. Im Gegen­teil: Der sau­ber gear­bei­te­te Klang, der ohne gesuch­te Extre­me aus­kam, klang voll­kom­men selbst­si­cher und selbst­ver­ständ­lich. Die Pau­ken dröhn­ten, die Trom­pe­ten strahl­ten, die Strei­cher klan­gen satt, aber nie fett: Genau so kennt man das. Dar­in liegt, bei allem Maß­hal­ten, durch­aus eine gewis­se Gran­dez­za. Und klar wird auch: Das hat schon sei­nen Grund, war­um Feu­er­werks­mu­sik immer wie­der auf­ge­führt wird – auch wenn es nicht Hän­dels raf­fi­nier­tes­te Kom­po­si­ti­on ist. 

Damit das Kon­zert aber noch etwas groß­ar­ti­ger wur­de, kamen auch noch drei Solis­ten auf die Büh­ne. Zum Bei­spiel die gut auf­ge­leg­te Tan­ja­na Cha­ral­gi­na, die Vival­dis Wut des gerech­ten Zorns (in einer Motetten-​Arie) eben­so her­un­ter­sau­sen ließ wie sie der groß­ar­ti­gen Freu­de Hän­dels (natür­lich aus dem „Mes­si­as) voll­ende­te Strahl­kraft mit­gab. Die Haupt­last trug aber ein­deu­tig das Orches­ter. Und das trug sie sehr selbst­ver­ständ­lich. Nicht nur mit dem gan­zen Händel-​Potpourri, son­dern auch mit deut­schen und fran­zö­si­schen Kol­le­gen. Etwa dem berüh­ren­den Plain­te von Tele­mann, einen instru­men­ta­len Kla­ges­ang, von Hotz mit kla­ren Lini­en diri­ger­te und zwi­schen Solo-​Oboe und Strei­chern har­mo­nisch aus­ta­rier­te. Oder der far­ben­präch­ti­gen Suite „Les Indes Galan­tes“ von Jean-​Philippe Rameau, die er selbst aus sei­ner belieb­ten Indianer-​Oper bas­tel­te. Die bot dem Phil­har­mo­ni­schen Staats­or­ches­ter mehr als genug Gele­gen­heit, kraft­voll und doch immer aus­ge­gli­chen die exo­ti­schen Sei­ten des Barock vor­zu­füh­ren. Und das ist dann doch bes­ser als jeder Walzer.

(geschrie­ben für die Main­zer Rhein-Zeitung.)

Poppiger Barock: Händels Hallelujah aufgepeppt

Der ers­te Blick ist rich­tig erschre­ckend: „ss-​p-​t-​pow“, „dang-​dang-​tsch-​gang-​g-​dah-​dab“ – das soll jetzt Hän­dels Hal­le­lu­jah sein? Die­ses will­kür­li­che Durch­ein­an­der von Pau­sen und Noten, von Punk­tie­run­gen und Syn­ko­pen? Und die­se sinn­ent­leer­ten Laute?

Ja, hin­ter dem schein­ba­ren Cha­os steckt tat­säch­lich „das“ Hal­le­lu­jah aus Hän­dels „Mes­siah“. Aller­ding ganz leicht über­ar­tei­tet: Eine Reno­vie­rung könn­te man die Bemü­hun­gen Bern­hard Hof­manns nen­nen. Denn sei­ne Bear­bei­tung soll den Klas­si­ker mal wie­der auf­fri­schen: Er macht Pop, was schon immer Pop war und ist – nur dass es sich jetzt auch für das 21. Jahr­hun­dert so anhört. Und in die­ser Hin­sicht fin­det dann plötz­lich alles sei­nen Platz, steht jede Note und jede Pau­se ganz rich­tig und fängt – mit ein biss­chem Durch­blick und Übung – auch wirk­lich leicht zu groo­ven an. Vor allem rhyth­mi­sche Sicher­heit und Fes­tig­keit der Sän­ger sind dafür aller­dings unab­ding­ba­re Vor­aus­set­zung, sonst wird es schwie­rig, das leben­dig wer­den zu las­sen. Auch ein klang­kräf­ti­ges, siche­res Bass­grun­die­rung ist unab­läss­lich. Aber das ist bei Hän­del ja auch nicht viel anders. Jeden­falls hat Hof­mann für sei­nen sech­stim­mi­gen Satz die wesent­li­chen Momen­te des Ori­gi­nals – etwa die Uni­so­ni bei „For the Lord God“ – bewahrt und ziem­lich geschickt in sein Arra­gen­ment ein­ge­baut, der zugleich klas­si­scher Chor­satz und Pop­song sein will.

Eine durch­aus vor­sich­ti­ge, ja sehr behut­sa­me Reno­vie­rung ist das also: Ein fri­scher Anstrich für ein altes Haus – die Sub­stanz ist die glei­che, an man­chen Stel­len sieht es trotz­dem auf ein­mal ganz anders und neu aus, bie­tet der wahr­schein­lich bekann­tes­te Chor­satz der Musik­ge­schich­te wie­der ein neu­es Hör­erleb­nis. Ohne Zwei­fel ist das eine ange­neh­me Über­ra­schung – und ein wun­der­ba­res Zugabenstück.

(geschrie­ben für die Neue Chorzeit.)

 

mit musik & händel durch europa

Georg Fried­rich Hän­del, der gro­ße Jubi­lar die­ses Jah­res, ist schon in jun­gen Jah­ren weit her­um­ge­kom­men in Euro­pa. Und er hat sich von vie­lem, was er dabei gehört hat, inspie­re­ren las­sen. Manch­mal auch etwas mehr – das „Aus­lei­hen“ gelun­ge­ner Melo­dien bei­spiels­wei­se war zu sei­nen Zei­ten noch kei­nes­wegs so ver­pönt wie heu­te. Wer sich also ein biss­chen inten­si­ver mit Hän­dels Musik beschäf­tigt, muss sich auch mit ganz viel ande­ren Wer­ken befas­sen. Zum Bei­spiel mit Musik von Diet­rich Bux­te­hu­de, dem Hän­del in Lübeck einen Besuch abstat­te­te. Oder mit Johann Hein­rich Schmel­zer, der in Wien Kar­rie­re mach­te. Und natür­lich auch mit Hän­dels Riva­len in Lon­don, Gio­van­ni Bononcini.
Die Vil­la Musi­ca hat all das in ein schö­nes Pro­gramm mit dem Telemann-​Quartett gepackt und im Ertha­ler Hof auch einen sehr pas­sen­den Saal für die­se viel­fäl­ti­ge, fili­gra­ne und dra­ma­ti­sche Musik gefun­den. Die Hit­ze dort hat das Publi­kum ger­ne aus­ge­hal­ten, denn die vier Spe­zia­lis­ten des Telemann-​Quartetts boten zwar nicht unbe­dingt gro­ße Über­ra­schun­gen, aber hohe bis höchs­te Qua­li­tät. Und zwar in allen Dimensionen.
Das Fun­da­ment leg­te, das ist bei baro­cker Musik unver­zicht­bar, der Gene­ral­bass. Flo­ri­an Heye­rick am Cem­ba­lo und Rai­ner Zip­per­ling mit Gam­be und Cel­lo begnüg­ten sich aber nicht mit dem Hin­ter­grund. Mit viel Fan­ta­sie, mit Prä­zi­si­on und span­nungs­ge­la­de­nen Lini­en mach­ten sie sich zu einem unver­zicht­ba­ren, ele­men­ta­ren Teil der Musik. Und was die­se bei­den aus­zeich­ne­te, galt auch für die Gei­ge­rin Swant­je Hoff­mann und den Altis­ten Yose­meh Adjei: Genau­ig­keit in allen Situa­tio­nen und Hin­ga­be an die Aus­drucks­viel­falt und die Kraft der Musik. Dazu kam dann noch ein rei­bungs­lo­ses Mit­ein­an­der, ein echt gemein­sa­mes Musi­zie­ren, bei dem jeder mit jedem agier­te, auf­ein­an­der reagier­te und zusam­men eine fes­te Ein­heit bil­de­te. Unab­läs­sig flo­gen die Bli­cke kreuz und quer, ver­ge­wis­ser­ten sich Sän­ger und Cem­ba­list, Gei­ge­rin und Cel­list der Gemein­sam­kei­ten. Über­haupt war hier alles immer in Bewe­gung, kam kei­ner der Musi­ker zum Still­stand. Und das war ein gutes Zei­chen: Denn die­se Rast­lo­sig­keit über­trug sich auf die Musik. So wur­den dann auch eher eph­eme­re Wer­ke wie die Vio­lin­so­na­te von Isa­bel­la Leo­nar­da oder die Cel­lo­so­na­te von Gio­van­ni Bonon­ci­ni zu span­nen­den Aus­flü­gen in die baro­cke Klang­welt. Aber die Höhe­punket lagen woan­ders. Schon die bei­den Psalm­ver­to­nun­gen Bux­te­hu­des lie­ßen das erah­nen: Das wah­re Dra­ma kam in den Ari­en Hän­dels zum Vor­schein. Hier konn­te sich der famo­se Alt­us Yose­meh Adjei voll aus­le­ben. Mit sei­ner leicht­fü­ßig über alle Schwie­rig­kei­ten hin­weg­ei­len­den, klar und pein­lichst genau geführ­ten Stim­me wur­de er Rinal­do oder Cesa­re, koket­tier­te mit der die Vogel­ru­fe imi­tie­ren­den Vio­li­ne, ließ den Zorn brau­sen, den Herz­schmerz seh­nend schluch­zen und die Tugend prei­sen – ohne jede Spur von Zurück­hal­tung ver­leib­te er sich sei­ne Par­tien ein und führ­te gemein­sam mit dem Rest des Quar­tet­tes die Händel-​Reise weit über die tat­säch­li­chen Sta­tio­nen in das unend­li­che Reich der Fan­ta­sie hinaus.

(geschrie­ben für die main­zer rhein-zeitung)

händel war in arkadien – und ich auch (fast)

An Händel-​Aufführungen herrscht in die­sem Jahr, der 250. Wie­der­kehr sei­nes Todes, kein Man­gel. Aber lei­der sind nicht alle die­se Kon­zer­te so klug geplant und so sach­ver­stän­dig und enga­giert umge­setzt wie das, was die Vil­la Musi­ca im Ertha­ler Hof bot. Mit der Main­zer Gesangs­pro­fes­so­rin Clau­dia Eder und neun jun­gen Sän­ge­rin­nen und Sän­gern haben sie ein Pro­gramm ent­wi­ckelt, das etwas auch in die­sem Händel-​Jahr recht sel­te­nes vor­führt: „Hän­del in Arkadien“.

Denn als der jun­ge Kom­po­nist vor drei­hun­dert Jah­ren eini­ge Zeit in Rom weil­te, war er rasch Teil der dor­ti­gen Kul­tur­sze­ne gewor­den, mit ihren Aka­de­mien und den Pri­vat­kon­zer­ten der Kar­di­nä­le und Adli­gen. Für die­se Ver­an­stal­tun­gen kom­po­nier­te er Solo­kan­ta­ten und Kam­mer­du­et­te, die sich immer wie­der mit dem Lie­bes­le­ben in Arka­di­en beschäf­tig­ten: Hän­del im träu­me­ri­schen Idyll der Schä­fer und Nym­phen also – kein oft zu hören­des Bild.

Und der Ertha­ler Hof mit sei­nem präch­ti­gen Saal und der inti­men Atmo­sphä­re war ein idea­ler Ort, die­se Musik und ihre Ent­ste­hung sowie ihre ers­te Auf­füh­run­gen wie­der frisch auf­le­ben zu las­sen. Ide­al war aber noch viel mehr: Die sorg­sam durch­dach­te Pro­gramm­ge­stal­tung, die klu­gen Ein­füh­run­gen von Karl Böh­mer – und nicht zuletzt immer wie­der die Musik selbst. Zum Bei­spiel die bei­den Coun­ter­te­nö­re Dimit­ry Ego­rov und Kyoung-​Bae Choi, die die zu Hän­dels Zei­ten übli­chen Kas­tra­ten ersetz­ten: Zwei ganz ver­schie­de­ne Sän­ger, die bei­de das Publi­kum zu ver­zau­bern wussten.

Über­haupt war es ein Genuss, so vie­le unter­schied­li­che Stim­men an einem Abend zu belau­schen. Alle waren sie tech­nisch – auch in den anspruchs­vol­len Par­tien – sicher, aber immer mit eige­nem Cha­rak­ter. Elvi­ra Hasa­na­gic sang die Kan­ta­te „La Lucre­zia“ etwa mit gro­ßem Dra­ma und viel inne­rer, ganz aus Text und Musik ent­wi­ckel­ter Span­nung. Eher ver­hal­ten blieb dage­gen Maria Piz­zu­to in der Kan­ta­te „La bian­ca rosa“, wäh­rend Kirs­ty Swift den Auf­ruhr und die krie­ge­ri­sche Stim­mung von „Ment­re tut­to è in furo­re“ mit ech­tem Furor und siche­rer Stimm­be­herr­schung vortrug.

Aber alle ein­te das ver­lo­cken­de Bemü­hen, die Zuhö­rer hin­ein­zu­zie­hen in die Musik­pra­xis frü­he­rer Zei­ten. Die­se sub­ti­le Ver­füh­rung betrie­ben dabei nicht nur die jun­gen Sän­ge­rin­nen und Sän­ger, son­dern auch die bei­den Instru­men­ta­lis­ten: Der vor­treff­li­che und gewitz­te Cem­ba­list Chris­ti­an Rie­ger und der uner­schüt­ter­li­che Michail Ury­vaev am Cel­lo, die den Bas­so con­ti­nuo nicht nur infor­miert, son­dern auch sehr inspi­riert umsetz­ten. Das alles zusam­men ergab dann fast so etwas wie ein idea­les Kon­zert: Ein arka­di­scher Genuss eben.
(geschrie­ben für die main­zer rhein-zeitung)

power und einfühlungsvermögen: händels oratorien im querschnitt

Nicht alle Händel-​Einspielungen, die jetzt erschei­nen, ver­dan­ken ihre Ent­ste­hung dem Jubi­lä­um des Kom­po­nis­ten. Der Maul­bron­ner Kam­mer­chor und sein Lei­ter Jür­gen Bud­day etwa beschäf­ti­gen sich schon län­ger und sehr erfolg­reich mit den gro­ßen Ora­to­ri­en des Meis­ters. Und seit zehn Jah­ren wer­den ihre Auf­füh­run­gen von K&K mit­ge­schnit­ten. Aus die­sem reich­hal­ti­gen Mate­ri­al hat das Label nun, zur Fei­er des dop­pel­ten Jubi­lä­ums sozu­sa­gen, eine Aus­wahl unter dem Titel „The Power of Hän­del“ zusam­men­ge­stellt. Die etwas rei­ße­ri­sche Ver­mark­tung ver­zeiht man ger­ne – denn „out­stan­ding“ sind sie wirk­lich, die­se aus­ge­wähl­ten Soli und Chö­re. Und „Power of Hän­del“ heißt das gan­ze Unter­neh­men zu recht. Denn was immer wie­der sofort auf­fällt, ist die immense Kraft, die Bud­day und sei­ne Mit­strei­ter in der Musik zum Leben erwe­cken. Das liegt bei­lei­be nicht nur an den fast durch­weg zügig bis rasan­ten Tem­pi. Eine Freu­de ist es aber schon, zu hören, wie prä­zi­se der Maul­bron­ner Kam­mer­chor auch bei hohem Tem­po bleibt, wie rasch die Sän­ger – immer­hin kei­ne Pro­fis! – reagie­ren und wie wen­dig sie in Klang und Aus­druck bleiben.

Klar­heit, Prä­gnanz und poin­tier­te Aus­drucks­stär­ke gehen eine aus­ge­spro­chen frucht­ba­re Alli­anz ein. Und dass hier federnd und sprit­zig gesun­gen wird – mit Freu­de und Esprit aller Betei­lig­ten – das hört man eben in fast jedem Moment. Und man hört es ger­ne, zumal auch die Auf­nah­me atmo­sphä­risch gelun­gen ist.

The Power of Hän­del. Best of his glo­rious Ora­to­ri­os. Solis­ten, Maul­bron­ner Kam­mer­chor, Jür­gen Bud­day. KuK 44, 2008.

(geschrie­ben für die neue chorzeit)

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