Internationales Olympisches Komitee: Der entmündigte Athlet ist das Ziel | ZEIT ONLINE – Ich werde wohl meinen Boykott des Unternehmens „Spitzensport“ fortsetzen müssen. Und wahrscheinlich werden die Zeitungen auch nächstes Jahr wieder auf der Titelseite über irgendeine Goldmedaille berichten anstatt über z.B. den Beginn eines Bürgerkrieges wie jetzt in Ägypten.
In den USA und Großbritannien zieht man eine Parallele, die für deutsche Betrachtungen zu den Spielen des 21. Jahrhunderts wohl eher als vermintes Gelände gilt: die zu Olympia 1936 und dem gescheiterten Protest gegen die Diskriminierung der Juden. Das nationalsozialistische Régime, wird da nüchtern festgestellt, habe dem IOC mehr Zugeständnisse gemacht als Moskau heute.
In mindestens einer Hinsicht ist der Vergleich angebracht: Die Propagandabühne, die das IOC 1936 den Nationalsozialisten bereitet hat, war kein Betriebsunfall. Der Privatzirkel der Sportführer von heute unterscheidet sich nicht von dem der Altvorderen. Es bietet sich an, solche Überlegungen einzubeziehen, bevor man deutsche Vertreter im Olymp mit Elogen bedenkt.
Diese kalte Willkür und die Neigung zur Sippenhaft, bei der Familienmitglieder, Lebensgefährten oder enge Freunde bedroht werden, um missliebige Journalisten mundtot zu machen, lassen an Diktaturen denken.
Wenn Merkel es ernst meint mit dem Kampf gegen den Rechtsextremismus in ganz Europa und dem Aufruf zu mehr Zivilcourage, dann ist die Bundesregierung zunächst einmal gefragt, der aktiven Zivilgesellschaft – die die bedeutendste Rolle im Kampf gegen Rechts einnimmt – die Steine aus dem Weg zu räumen und sie endlich effektiv, ohne Generalverdacht, zu fördern. Das wäre ein erster Schritt – neben vielen weiteren natürlich. Erst wenn sich in diese Richtung etwas bewegt, kann man anfangen, die Worte von Angela Merkel ernst zu nehmen.
Ich kann das nur unterschreiben. Wenn wir eine Gesellschaft sein wollen, in der platter Sexismus sich verkauft: Bitte schön, dann ist das so. Ich habe überhaupt keine Lust dazu, die Zähne zusammenzubeißen und meinen Ärger für mich zu behalten, bloß weil das irgendeine Aufmerksamkeits- und Marketinglogik angeblich erfordert.
Außerdem ist das “Regt euch nicht auf, es gibt erstens Wichtigeres und zweitens gebt Ihr denen noch Futter” inzwischen zu so einer Art Standardargument geworden, wenn jemand Kritik an sexistischen Medienplattitüden äußert.
AfD-Wähler stellen sich vor – grausam und erbarmungslos ernüchternd: der tumblr „AfD-Wähler stellen sich vor“ sammelt AfD-Facebook-Kommentare >
Es wird Zeit, dass jemand Historikern und Politologen die Lufthoheit über Wagner streitig macht. Der Mann war Komponist und als solcher ein Genie. Das will man einmal lesen, nicht erst im Wagner-Jahr 2033.
Die perfekte Überschrift bringt also etwas auf den Punkt, bei dem andere ganze Leitartikel brauchen, es zu umkreisen, um es dann am Ende doch nicht zu treffen: Wir sind Papst! war so ein Satz, unvergänglich wie Atommüll und leider genauso nervig, weil nicht zu entsorgen.
In der Euro Hawk-Affäre gibt es einen weiteren Beleg dafür, dass Verteidigungsminister Thomas de Maizière (CDU) früher als angegeben Kenntnis vom Ausmaß der Probleme hatte. In einem der Süddeutschen Zeitung vorliegenden Dokument zur Vorbereitung auf ein Gespräch mit Abgeordneten der Regierungsfraktionen heißt es, die Zulassung der Drohne gestalte sich „als extrem schwierig und risikobehaftet“. Es trägt das Datum 6. März 2013, der Minister hat es am 12. März abgezeichnet.
not invaded – RT @Amazing_Maps: A map showing the 22 countries that Great Britain has not invaded (yet).
Blei II on Vimeo – schön: Robert Platz war zu Besuch in der „Druckerey“ von Martin Z. Schröder – und hat „Blei II“ mitgebracht >
Wenn einen mal wieder die Verzweiflung packt ob der vielen Intoleranzen und Ungerechtigkeiten unserer Gesellschaft heute, hilft es manchmal ein bisschen in die Vergangenheit zu schauen. Nicht um zu resignieren und das Ziel der Gleichheit und Gerechtigkeit aus den Augen zu verlieren (nach dem Motto: Früher war es ja noch viel schlimmer), aber um zwischendurch mal wieder zu realisieren, wie sehr sich die bundesrepublikanische Gesellschaft in ihrem Bestehen doch gewandelt hat und immer wieder und weiter wandelt. Mir ist das gerade wieder aufgefallen, als ich einige frühe Jahrgänge der Zeitschrift „Die Neue Polizei“ durchblätterte – ein bayrisches (später südwestdeutsches) Magazin für die Angehörigen der Polizeikräfte. Neben allerlei technischen Kuriositäten fällt da nämlich immer wieder auf, wie ungehemmt in den 1950ern noch ausgegrenzt wurde. Vielleicht – manches deutet darauf hin – sind die Bayern dabei besonders stark, und sicherlich spiegelt eine Polizisten-Zeitschrift auch nicht unbedingt immer die Mehrheit der Gesellschaft wieder. Aber vieles ist einfach erschreckend. Zum Beispiel, wie stark sich der Diskurs über „Zigeuner“ und „Fahrendes Volk“ noch aus den Argumenten der 1920er und 1930er – aus der Zeit stammten auch die entsprechenden Gesetze – herleitet. Und wie die Autoren überhaupt nicht sehen, dass diese „Sonderbehandlung“ ganzer Gruppen vielleicht nicht so ganz im Einklang mit dem Grundgesetz stehen könnte … Wie die „Abweichung“ von der „Norm“ auch keine Privatsache bleibt, sondern kriminalisiert wird. Und sei es nur auf Umwegen.
Die Zunahme der weiblichen Homosexualität (Die Neue Polizei, 1/1950)
Das sollte eben eigentlich nur eine kurze Einleitung für diesen Artikel sein, der mich selbst in diesem eben geschilderten Umfeld etwas verwundert hat. Auf der anderen Seite ist das natürlich wenig verwunderlich: Wieso sollen Argumente und Diskurse von heute auf morgen sich ändern, nur weil ein Krieg verloren wurde, ein Staat unterging, Besatzer neue Regeln forcieren und gerade ein neuer Staat entstanden ist? Denn alle Argumente, die hier auftauchen, sind natürlich überhaupt nicht neu und in keinster Weise originell. Solche Phänomene zu beobachten, zu erkennen und zu verfolgen, ist ein Privileg, dass Historiker haben. Und das wichtige daran: Es macht mir immer wieder klar, dass genau dasselbe auch für das „heute“ unserer Gegenwart gilt, dass zukünftige Historiker sich ziemlich sicher über Borniertheiten und unverständliche, fast atavistisch erscheinende Relikte unserer Zeit genauso wundern werden wie ich es in diesem Fall über die 1950er getan habe. Und wenn man das mal verinnerlicht hat, ist einem ziemlich sicher klar geworden, wie wenig absolute und dauerhafte Wahrheit es (noch) gibt (wenn es überhaupt welche gibt). Und natürlich auch, wie fragwürdig die Idee eines/des „Fortschritts“ ist und sein muss.
[Moses Mendelssohn] wäre sicher dankbar für den Beschluss der grünen Bezirksregierung in Friedrichshain-Kreuzberg, neuen oder neu zu benennenden Straßen solange die Namen von Frauen zu geben, bis fünfzig Prozent aller Straßen im Bezirk nach Frauen benannt sind. Denn seien wir ehrlich, ohne einen solchen Beschluss wäre niemand auf die Idee gekommen, seine Frau mit in den Straßennamen aufzunehmen.
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Zur Pflege eines literarischen Oeuvres durch Verlage gehört es nicht zuletzt auch, für Leserinnen und Leser zu sorgen. Das ist keine leichte Aufgabe bei einem Lesepublikum, das historische Texte noch nicht als solche, sondern nur naiv zu rezipieren vermag. Was geht verloren, wenn es nicht mehr „Negerkönig“, sondern „Südseekönig“ heißt und man dadurch neue Lesergenerationen gewinnt?
Im Ententeich – Der Medienwandel als interne Revolution – Thierry Chervel nimmt die Kündigung der beiden Spiegel-Chefredakteure zum Anlass für einige Gedanken über den Charakter des momentanen Medienwandels und seine Konsequenzen für die Medienhäuser:
Eigentlich gibt es nur noch online. Die eigentliche Struktur der Öffentlichkeit ist heute das Internet. Was nicht im Netz ist, ist nicht öffentlich, kann nicht zirkulieren, nicht auf Facebook diskutiert werden. Print ist eine der abgeleiteten Formen, in denen Inhalte aufbereitet werden können, TV eine andere. Eine Einsicht, die seit über fünfzehn Jahren im Raum steht, lässt sich nun auch institutionell nicht mehr abwehren: Alle Medien müssen von der neuen Struktur der Öffentlichkeit her gedacht werden. Die Angsttechnik der Medienkonzerne, die Online an die alten Institute anbauten, statt die neuen Leute von vornhereien als integralen Bestandteil des Unternehmens zu integrieren, rächt sich heute. Die Abteilungen sind getrennt – die Medien haben aber allenfalls dann eine Überlebenschance, wenn sie sich als ein Gesamtes denken.
Ansonsten: Wenn man will, dass Kinder verblöden und einen schlechten Literaturgeschmack entwickeln, dann lese man ihnen den kleinen Prinzen vor.
Auch sehr schön: seine Inhaltsangabe:
Der Inhalt: Ein niedlich gemalter Junge hält einen in der Wüste abgestürzten Piloten durch die Absonderung von Poesiealbumsweisheiten davon ab sein Flugzeug zu reparieren.
Endlich wird der kostbare Tropfen (den natürlich seit den Rheinwein-seligen Zeiten von Konrad Adenauer niemand mehr so nennt) eingeschenkt, “wer mag probieren,” sagt der Sommelier ausnahmsweise leutselig, und zu antworten “die Dame!” gilt weniger als ein Zeichen galanter Perfektion denn als strafwürdiges Desinteresse (weil man sich bei jeder Stufe der Zeremonie das Recht verdienen muss, die teure Sorte bestellt zu haben). In den Vereinigten Staaten mehr noch als in Europa, ist es wichtig, zunächst mit leichtem Druck auf das untere Ende des Glases den Wein, als sei man ein wenig ungeduldig, in leicht kreisende Bewegung zu schwenken. Man fasst die Flüssigkeit respektvoll-ernst ins Auge, hebt das Glas unter die Nase, riecht, ohne das Riechen in ein Geräusch umschlagen zu lassen, führt es endlich zum Mund – und nippt. Danach der stille Moment der Reflexion, begleitet von einer verhaltenen Mundbewegung. Schiefgehen kann nicht mehr viel. Jetzt allerdings zu sagen, dass der Wein “korkt,” entspricht einem willfährigen Lösen der Notbremse im ICE – alle kommen aus dem Rhythmus, sind frustriert und können doch erstmal nichts dagegen tun. Peinlicher sind auch hier Ausrufe aus dem Register der Adenauer-Zeit wie “kostbares Tröpfchen” oder, protzig statt lauschig: “ganz vorzüglich” und “Donnerwetter!” Als zulässig gelten allein Semantiken (dieses Plural in ihr Lexikon aufzunehmen, empfehle ich den wahren Weinkennern) des Sublimen – oder beredte Sprachlosigkeit. “Mein Gott,” “nicht zu fassen,” alternativ ein einvernehmliches aber nur leichtes Nicken hin zum Sommelier, die beglückte Sekunde in den Augen der Gattin oder ein Ausdruck fassungslosen Transfiguriert-Seins (das den meisten Gästen eher schwer fällt).
Der Club der coolen Stoiker – „ganz klar: Attwenger sind cooler als der Tod.“ – Pico Be in der „skug“ über Attwengers neue CD/DVD „Clubs“
Hugo Rey setzt Massstäbe mit seinen Streckenplänen « running.COACH Blog – Der Schweizer Kartograf Hugo Rey ist zum Spezialisten für Karten und Streckenpläne von Sportveranstaltungen geworden. Hier erzählt er, wie er arbeitet.
Eine Demokratie ist kein Ort, sie lässt sich nicht bereisen wie eine Insel in den Tropen, sie ist nicht statisch, „ein Ort des Übergangs, nicht des Bleibens“, hat der französische Ethnologe Claude Lévi-Strauss im brasilianischen Goiânia einmal bemerkt, und vielleicht erklärt das, warum die Demokratie einem wenig heimisch erscheint, wenn sie nur als abstrakte Institution gedacht wird und nicht auch als ein Netz aus Begegnungen und Gesprächen, aus dem, was erzählt und was erfunden wird, aus dem, was gezeigt und was verborgen wird, aus den Grenzen, die gezogen, und denen, die überspielt werden, aus der Logik der Inklusion und Exklusion, aus den Gruppen und Individuen, die dazugehören, und den „Subalternen“, wie Antonio Gramsci sie nannte, denen am Rand, die ihre Zugehörigkeit immer wieder einklagen müssen. Eine Demokratie besteht aus all diesen diskursiven und nicht diskursiven Praktiken und Überzeugungen, die sich nur verstehen lassen, wenn man im Modus des Suchenden bleibt.
Carolin Emcke, Spezialistin für Auslandsreportagen, wird für die ZEIT den Bundestagswahlkampf beobachten und begleiten. Hier fängt sie schon mal mit den ersten Problemen an …
Solutionismus nennt Morozov diese Geisteshaltung in seinem gerade auf Englisch im Verlag PublicAffairs erschienenen Buch To Save Everything Click Here (»Wenn Sie alles retten wollen, klicken Sie hier!«). Ihre schönsten Blüten treibt sie im kalifornischen Silicon Valley, jenem Hightech-Mekka, das im Ruf steht, zu den globalsten Orten weltweit zu gehören. Morozov hält das Silicon Valley dagegen für provinziell (er kommt selbst aus der Provinz, aus dem tiefsten Weißrussland, und weiß, wovon er spricht). Er hält das Silicon Valley für provinziell, weil es in seiner Technik- und Internet-Euphorie keinen Begriff habe von der Komplexität der Welt.
Die verlegerkritische Passage in Arno Widmanns Kolumne „Vom Nachttisch geräumt“ ist von beiden Redaktionen stillschweigend entfernt worden. Ein solcher tiefer nachträglicher Eingriff in einen online gestellten Artikel ohne jede Kennzeichnung widerspricht der „Netikette“.
Seit Wochen mischen sich unterschiedliche Gedanken zum Thema Sprache, Feminismus und Poltical Correctness und ich hätte gerne einen Artikel verfasst, der alles ordnet, vielleicht mit einer Prise Humor abrundet – leider bin ich an diesem Wunsch gescheitert und schreibe deswegen alles verhältnismäßig ungeordnet zusammen.
Neulich im Hass Seminar. 2012 zeigte die Goetz’sche Hau-drauf-Poetologie mehr denn je, dass textlicher Grobianismus erkenntnisfördernd wirkt.
Ich schlage deshalb analog zu Godwin’s Law hiermit Friedrich’s Law vor: Wer als Vertreter des Staates in einer Verhandlung vor dem Bundesverfassungsgericht argumentiert, die Bürger sollten darauf vertrauen, der Staat werde das angegriffene Gesetz nicht in verfassungswidriger Weise nutzen, der hat die Verhandlung mit sofortiger Wirkung verloren.
Nun hat sich endlich ein Anlass gefunden! Am 5. Januar 2013 feiern ein paar Leute 60 Jahre »Warten auf Godot« on stage. Und da feiern wir mit und schicken den berühmtesten Godot-Darsteller aller Zeiten mit einer Creative Commons-Lizenz ins Netz
Es gibt allem Anschein nach nichts, was dem »Handelsblatt« zu falsch oder zu dumm ist, um es im Kampf gegen ARD und ZDF zu verwenden. Den vorläufigen (und schwer zu untertreffenden) Tiefpunkt markiert ein Gastbeitrag der früheren CDU-Bundestagsabgeordneten Vera Lengsfeld, den die Zeitung gestern auf ihrer Internetseite veröffentlichte.
Heimlich, heimlich mich vergiss ist ein Traumroman, ein wunderbarer und oft auch wunderlicher Text. Ich will hier gar nicht eine Deutung dieses Buches versuchen. Der Witz an Angelika Meiers Roman ist ja in meinen Augen gerade, dass er sich eindeutigen Lesarten eindeutig verschließt: Alles – und wirklich so ziemlich alles, vom Anfang bis Ende – kann, darf und soll man (also der Leser) immer auch anders verstehen. Gleich ungeheuer begeistert hat mich schon unmittelbar während der Lektüre die Art, wie Meier hier die Informationsvermittlung gestaltet. Sie stopft nämlich nicht alles lehrbuchmäßig in die Exposition, sondern verteilt wesentliche Mitteilungen zu Figuren, Konstellationen, Umständen, Setting und Handlung wunderbar ökonomisch und quasi-natürlich über die ganzen 300 Seiten. Oder eben auch nicht: Die Autorin unterliegt nämlich nicht dem Wahn, alles zu sagen und erklären zu müssen, der die aktuelle Belletristik oft so langweilig macht. Hier ist der Leser/die Leserin noch selbst gefragt. Solch ein Text hat naturgemäß viele offene Stellen, die man – denke ich – einfach mal so stehen lassen und aushalten muss. Oder als Leser selbst füllt.
Aber worum geht es hier eigentlich? Das ist eine Frage, die überhaupt nicht einfach und abschließend zu beantworten ist. Klar wird aber: Wir befinden uns in einer zukünftigen Gesellschaft, die wesentlich auf der Unterscheidung gesund vs. krank aufbaut. Im Mittelpunkt des Textes steht so etwas wie ein Arzt, der allerdings eine Art Mensch-Maschine ist, ohne Herz am rechten Fleck (das Herz wird mit dem Solarplexus irgendwie operativ vereinigt bei den Ärzten), dafür mit zusätzlichen Hirnkapazitäten und einer Art zweiten, kontrollierenden Persönlichkeit, dem Mediator. Dieser Arzt arbeitet in einem Art Sanatorium, gegen das jenes aus dem Zauberberg ein Kinderspiel ist – hier kommt niemand rein und raus, es gibt keine Ein- oder Ausgänge. Aber dann taucht doch irgendwie eine ambulante Patientin auf, die sich als ehemalige Ehefrau des Arztes entpuppt, die ihn und seinen Sohn – der als Waise auch in diesem Institut/Komplex/Geflecht lebt – dazu bringt, eine Art „Ausbruch“ zu versuchen, der aber irgendwie auch wieder scheitert und im Phantasma endet – wie man überhaupt den ganzen Text als eine Art Traum lesen kann, dessen Traumcharakter mit fortschreitender Seitenzahl deutlicher wird, ohne jedoch je explizit als solcher identifizierbar zu werden. Klar ist aber bald: Das ist keine Realität, die hier beschrieben wird. Der Traumcharakter wird aber erst ganz kurz vor Schluss aufgelöst, mit dem Aufwachen. Und davor gibt es auch nur wenige direkte Hinweise – vor allem die Unwirklichkeit des Erzählten selbst drängt meine Lektüre in diese Richtung …
Das schlägt sich auch in der Sprache wieder – zunächst hielt ich das für Manierismus, der Wechsel zwischen Innen- und Außenperspektive der Hauptfigur zwischen zwei Sätzen hin und her – aber das hat dann doch alles seinen guten Grund in der Instanz des „Mediators“. Und auch die Klarheit, ja Unkompliziertheit der Syntax ist ein schöner Gegensatz zur Fremdheit der erzählten Welt (die auch nicht wirklich vertraut wird – nicht werden kann und soll – hoffentlich ) …
Ich kann meine Faszination hier gerade nur schwer begründen und/oder in Worte fassen – vielleicht auch, weil mir erst im Laufe der Lektüre aufgegangen ist, wie gut das eigentlich ist. Wahrscheinlich müsste ich es gleich noch einmal lesen. Die Kritiker – die das meistens auch (recht) gut fanden – sind sich auch nicht so ganz einig, worum es in „Heimlich, heimlich mich vergiss“ eigentlich geht. Und das ist oft ein gutes Zeichen (denn wer will schon Bücher lesen, die von Anfang an allen klar sind und alles klar machen? – Das sind in der Regel die langweiligen Texte …). Oliver Jungen konstatiert zum Beispiel in der FAZ:
Das Zentralthema Meiers ist die Neuformatierung des psychischen Systems, wodurch auch Vergangenheit und Zukunft, nichts als diskursive Konstrukte, neu aufgesetzt werden. Ob sich die verschiedenen Bewusstseinsebenen, welche dem Leser präsentiert werden, in erkenntnistheoretischer Hinsicht hierarchisieren lassen, ob also ein Zustand der Wahrheit entspricht oder ob es gar kein Außen gibt, bleibt selbstredend offen (Oliver Jungen, FAZ)
Ulrich Rüdenauer in der Zeit setzt andere Schwerpunkte:
Die Körper sind hier zu Diskursgegenständen geworden, ausgelagerte Objekte, über die in einem fremd anmutenden Jargon geredet, gerichtet wird. Hier, in dieser zukünftigen Klinik, die natürlich auf unsere immer transparentere, verwaltete Gegenwart verweist, hat alles seine Ordnung. … Angelika Meier jedenfalls hat eine hochkomplexe literarische Welt entworfen, eine künstliche, vom Erzähler möglicherweise nur fantasierte Parallelordnung, die deshalb gespenstisch und verwirrend wirkt, weil sie so fern von unseren eigenen Zukunftsängsten gar nicht ist. (Ulrich Rüdenauer, Zeit)
„Es waltet ein Verhängnis über diesem Land und ich weiß genau, daß es nicht nur der Kapitalismus ist. Daß dieser bestialisch werden kann, hat keineswegs ökonomische Gründe allein. […]Ich erkenne nur ein allgemeines Schlamassel, und beinahe wäre mir am liebsten, es könnte noch so fortgewurstelt werden.“ (Siegfried Kracauer an Theodor W. Adorno, 28.8.1930)