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Lesen. Hören. Und ein bisschen schreiben.

Aus-Lese #14

Noah Sow: Deutsch­land Schwarz Weiß. Der all­täg­li­che Ras­sis­mus. Mün­chen: Gold­mann 2009. 320 Seiten.

Deutsch­land Schwarz Weiß ist ein wich­ti­ges Buch. Wich­tig, um die vor­herr­schen­den Struk­tu­ren des Ras­sis­mus in Deutsch­land zu erken­nen und so ver­su­chen, sie zu bekämp­fen, und zu über­win­den. Sow zeigt an einer Fül­le von Bei­spie­len, wie tief ver­an­kert ras­sis­ti­sches Den­ken und Ver­hal­ten in der deut­schen Gesell­schaft ist, wie Ras­sis­mus in Deutsch­land zum All­tag gehört – weil er struk­tu­rell-gesell­schaft­lich be“gründet“ und qua­si ver­erbt wird.

Ich bin zwar nicht in jedem Detail mit ihren Wer­tun­gen ein­ver­stan­den – aber dar­um geht es auch gar nicht. Son­dern dar­um, zu erken­nen, wie sehr ras­sis­ti­sche Vor­stel­lung unser Den­ken und eben auch unser Han­deln immer wie­der immer noch prä­gen. Dafür ist Sow’s Buch her­vor­ra­gend geeig­net und soll­te fast so etwas wie Pflicht­lek­tü­re für bewuss­te Teil­neh­mer der deut­schen Gesell­schaft sein . Ich hät­te es zwar ger­ne etwas strin­gen­ter und kla­rer in Struk­tur und Spra­che, aber das ist mei­ne per­sön­li­che Prä­fe­renz. Sow bemüht sich um Umit­tel­bar­keit und Wirk­mäch­tig­keit – da hat sie wahr­schein­lich die bes­se­re und wirk­sa­me­re Stra­te­gie und Spra­che gefunden.

Letzt­lich läuft das gan­ze auf die­sen einen Satz hin­aus: „Ras­sis­mus ist kein Schwar­zes, son­dern ein wei­ßes Pro­blem.“ (272) – das ist der zen­tra­le Punkt. Und den muss man erken­nen, bevor man etwas ändern kann.

Tho­mas Meine­cke: Ana­log. Mit Zeich­nun­gen von Michae­la Melián. Ber­lin: Ver­bre­cher 2013. 111 Seiten. 

Das neu­e­se (schma­le) schö­ne Bänd­chen (vor allem dank der Zeich­nun­gen Meliáns) von Tho­mas Meine­cke bringt den Buch­le­sern sei­ne gesam­mel­te Kolum­nen aus dem „Groo­ve“ von 2007–2013. Ganz sym­bo­lisch auf­ge­la­den sind das natür­lich 33 – denn es geht vor­wie­gend um Plat­ten bzw. die Musik dar­auf (und auch hin und wie­der um die Unge­wiss­heit, ob eine Plat­te mit 33 oder 45 Umdre­hun­gen abzu­spie­len sei): Das sind kur­ze (oder eigent­lich sehr kur­ze) Text zur Musik über­haupt, zum DJ-Sein im Radio und im Club, und den Impli­ka­tio­nen der Pro­fes­si­on und der Musik. Fas­zi­nie­rend ist dabei immer wie­der, wie genau Meine­cke beob­ach­ten und erken­nen kann (so weit ich das zu ver­fol­gen und beur­tei­len ver­mag, nicht alles ist mir bekannt von dem Vie­len (ist nicht immer mei­ne Musik …), über das er schreibt) – und wie prä­zi­se er die­se Erkennt­nis­se in weni­ge Wor­te fasst. Zum Bei­spiel so:

  • „Respekt, dach­te ich, da macht die Nacht dann gar nicht, was sie will, son­dern was Westbam will.“ (26)
  • „Sie gera­ten ins Fach­sim­peln, und ich wür­de am liebs­ten mit­re­den, aber ich habe ja die Liner-Notes geschrie­ben.“ (38)
  • „Ich konn­te vor allem von Theo­lo­nious Monk mei­ne Augen nicht las­sen: Sei­ne mini­ma­lis­ti­sche Unru­he schien mir von uto­pi­schen Aus­ma­ßen zu sein.“ (43)
  • „Ich habe (spä­tes­tens seit Hoyers­wer­da) her­aus­ge­fun­den, dass ich eine natio­na­le Iden­ti­tät allein über den Holo­caust ent­wi­ckeln kann. (Eigent­lich bräuch­te ich gar kei­ne.)“ (85f.)
  • „Ich hat­te das Gefühl, dass lau­ter Schau­spie­le­rIn­nen (in brand­neu­en Leder­ja­cken) um mich her­um stan­den, und irgend­wo stand sicher auch Man­fred Eicher, der den sonisch anrü­chi­gen Muzak Jazz-Kata­log sei­nes ECM Labels jüngst durch Vill­a­lobos (dem ich hier mal die Ahnungs­lo­sig­keit des Spät­ge­bo­re­ren attes­tie­re) ver­edeln ließ.“ (87)
  • „Logisch bil­det das Mys­te­ri­um der Musik für Schrift­stel­ler (wie mich) einen Sehn­suchts­raum: Wo die Spra­che nur schwer hin­kommt, tut sich ein Gefühl von Frei­heit auf. (Spra­che ist ja ein Knast.) Ande­rer­seit mei­ne (von dekon­struk­ti­vis­ti­schen Femi­nis­tin­nen erlern­te) Erkennt­nis: Vor der Spra­che gibt es nichts. Auch Dis­ko ist dis­kur­siv.“ (93)
Ernst Wünsch: Sprizz bit­ter. Erzäh­lung. Wien: Sisy­phus 2009. 156 Seiten.

Das ist über­haupt nicht bit­ter, aber dafür ganz beson­der sprit­zig: Eine kaum zu beschrei­ben­de Erzäh­lung vol­ler Humor (weni­ger dage­gen wit­zig). Wild und aus­ufernd ist der Text, der dien Lebens­ab­schnitt eines Lang­zeit­ar­beits­lo­sen, der einen 97jährigen Thea­ter­künst­ler als Mäd­chen für alles dient. Unwahr­schein­lich und den Leser auch schon mal bedrän­gend sta­pel sich da die Ver­rückt­hei­ten. Der Rezen­sent von lite​ra​tur​kri​tik​.de weist dar­auf hin, dass das zumin­dest teil­wei­se trotz sei­ner gera­de­zu phan­tas­ti­schen Gestalt durch­aus rea­le Bege­ben­hei­ten der Thea­ter­sze­ne der 1970er Jah­re beschreibt. Davon aber mal abge­se­hen, ist das ein­fach gran­di­os unter­hal­tend: Wild und unge­zähmt ist die­ser Text wie sein Sujet, frei vaga­bun­die­rend zwi­schen Exkur­sen und Fuß­no­ten, viel­schich­tig zwi­schen rea­len, irrea­len und sur­rea­len Abschnit­ten wie in einem Traum hin und her sprin­gend. Fas­zi­nie­rend und sympathisch…

Ins Netz gegangen (5.9.)

Ins Netz gegan­gen am 5.9.:

  • US and UK spy agen­ci­es defeat pri­va­cy and secu­ri­ty on the inter­net | the​guar​di​an​.com – Wer jetzt noch glaubt, das sei ja alles nicht so schlimm, was Ame­ri­ka­ner und Bri­ten beim Lau­schen und Abhö­ren trei­ben, soll­te wohl wirk­lich in den Wald gehen:

    The docu­ments show that the agen­cy has alre­a­dy achie­ved ano­ther of the goals laid out in the bud­get request: to influence the inter­na­tio­nal stan­dards upon which encryp­ti­on sys­tems rely.

    Inde­pen­dent secu­ri­ty experts have long suspec­ted that the NSA has been intro­du­cing weak­ne­s­ses into secu­ri­ty stan­dards, a fact con­firm­ed for the first time by ano­ther secret docu­ment. It shows the agen­cy work­ed covert­ly to get its own ver­si­on of a draft secu­ri­ty stan­dard issued by the US Natio­nal Insti­tu­te of Stan­dards and Tech­no­lo­gy appro­ved for world­wi­de use in 2006.

    […]

    „Pro­ject Bull­run deals with NSA’s abili­ties to defeat the encryp­ti­on used in spe­ci­fic net­work com­mu­ni­ca­ti­on tech­no­lo­gies. Bull­run invol­ves mul­ti­ple sources, all of which are extre­me­ly sen­si­ti­ve.“ The docu­ment reve­als that the agen­cy has capa­bi­li­ties against wide­ly used online pro­to­cols, such as HTTPS, voice-over-IP and Secu­re Sockets Lay­er (SSL), used to pro­tect online shop­ping and banking.

  • N.S.A. Foils Much Inter­net Encryp­ti­on – NYTi​mes​.com – Auch die NYT berich­tet über die Mög­lich­kei­ten der NSA, Ver­schlüs­se­lun­gen zu knacken:

    The Natio­nal Secu­ri­ty Agen­cy is win­ning its long-run­ning secret war on encryp­ti­on, using super­com­pu­ters, tech­ni­cal tri­ckery, court orders and behind-the-sce­nes per­sua­si­on to under­mi­ne the major tools pro­tec­ting the pri­va­cy of ever­y­day com­mu­ni­ca­ti­ons in the Inter­net age, accor­ding to new­ly dis­c­lo­sed documents.
    […] By this year, the Sig­int Enab­ling Pro­ject had found ways insi­de some of the encryp­ti­on chips that scram­ble infor­ma­ti­on for busi­nesses and govern­ments, eit­her by working with chip­ma­kers to insert back doors or by sur­rep­ti­tious­ly exploi­ting exis­ting secu­ri­ty flaws, accor­ding to the docu­ments. The agen­cy also expec­ted to gain full unen­crypt­ed access to an unna­med major Inter­net pho­ne call and text ser­vice; to a Midd­le Eas­tern Inter­net ser­vice; and to the com­mu­ni­ca­ti­ons of three for­eign governments.

  • TV-Wahl­kampf: Nur was für Pen­sio­nä­re | ZEIT ONLINE – Khue Pham über Wah­len, Wahl­kampf und Fernsehen:

    Deutsch­land, so die Kanz­le­rin und der Kan­di­dat, gehe es gut. Doch wie gut kann es uns gehen, wenn sich der größ­te Streit­punkt an Pen­sio­nen ent­zün­det? Ist das die ein­zi­ge Zukunfts­vi­si­on, die sie sich, uns und die­sem Land zutrauen?

  • Eine mili­tä­ri­sche Inter­ven­ti­on in Syri­en wäre nicht legal – Sven Simon über die Lega­li­tät einer (wie auch immer gear­te­ten) mili­tä­ri­schen Inter­ven­ti­on in Syri­en als Reak­ti­on auf den Ein­satz von che­mi­schen Waffen:

    Ein nicht vom Sicher­heits­rat auto­ri­sier­ter Mili­tär­schlag gegen Syri­en bleibt also völ­ker­recht­lich grund­sätz­lich ver­bo­ten – unab­hän­gig davon ob der Ein­satz che­mi­scher Waf­fen nach­ge­wie­sen wer­den kann oder nicht. Ob der Sicher­heits­rat eine mili­tä­ri­sche Inter­ven­ti­on expli­zit ablehnt oder erst gar nicht über ein mili­tä­ri­sches Ein­grei­fen abge­stimmt wird, ist für die völ­ker­recht­li­che Bewer­tung nicht ent­schei­dend. Aber weder der US-ame­ri­ka­ni­sche Prä­si­dent noch der Kon­gress der Ver­ei­nig­ten Staa­ten von Ame­ri­ka ist zu einer „Straf­ak­ti­on“ berechtigt.

  • Im Gespräch: Juli­an Nida-Rüme­lin: „Wir soll­ten den Aka­de­mi­sie­rungs­wahn stop­pen“ – FAZ – Juli­an Nida-Rüme­lin im Inter­view über Bil­dung, Aus­bil­dung, Uni­ver­si­tä­ten, Markt und Per­son und die Ver­än­de­run­gen der letz­ten Jah­re in Deutsch­land, inklu­si­ve PISA („Wenn Sie genau hin­schau­en, erken­nen Sie, dass das gan­ze Pisa-Pro­gramm auf beruf­li­che Ver­wert­bar­keit und nicht auf Per­sön­lich­keits­bil­dung aus­ge­rich­tet ist“):

    Es fin­det gegen­wär­tig kei­ne Bil­dungs­expan­si­on statt, die sozia­le Selek­ti­vi­tät in Deutsch­land ist skan­da­lös hoch, höher als in den sieb­zi­ger Jah­ren. Ich bin sehr für eine durch­dach­te Bil­dungs­expan­si­on. Wir wer­den bald 60 Pro­zent Stu­di­en­be­rech­tig­te pro Jahr­gang haben, in man­chen Städ­ten lie­gen wir schon bei 70 Pro­zent. Mei­ne The­se ist, dass sich dar­aus eine neue Qua­li­tät ergibt – eine nega­ti­ve. Wir gefähr­den den Kern des deut­schen Wirt­schafts­mo­dells, die auf exzel­len­ten Qua­li­fi­ka­tio­nen begrün­de­ten mit­tel­stän­di­schen Unter­neh­men, die auf dem Welt­markt mit­spie­len können. 

    Schön, dass er sich auch von der FAZ nicht in die par­tei­po­li­ti­sche Ecke (SPD) abdrän­gen lässt …

Taglied 4.9.2013

Bernd Alo­is Zim­mer­mann: Die Befris­te­ten – Ode an Eleu­the­ria (1967), gespielt vom Manfred-Schoof-Quintett:

Bernd Aloïs Zim­mer­mann ~ Die Befris­te­ten – Ode an Eleu­the­ria (1967)

Beim Kli­cken auf das und beim Abspie­len des von You­Tube ein­ge­bet­te­ten Vide­os wer­den (u. U. per­so­nen­be­zo­ge­ne) Daten wie die IP-Adres­se an You­Tube übertragen.

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  • Eph­emera – Kein Femi­nis­mus bit­te, wir sind Hel­den­ver­eh­rer -

    Zu for­dern, dass die Femi­nis­tin­nen sich oder den Femi­nis­mus aus bestimm­ten The­men her­aus­zu­hal­ten hät­ten, zeugt nur von einer Igno­ranz gegen­über den Inhal­ten des Femi­nis­mus, und einem Wunsch, unan­ge­neh­me Dis­kur­se an den Rand zu drän­gen und aus gan­zen Gesell­schafts­be­rei­chen herauszuhalten.

    – mehr muss man dazu glau­be ich nicht sagen …

  • Mer­kels Aser­bai­dschan « Ste­fan Niggemeier
    Ste­fan Nig­ge­mei­er weist dar­auf hin, dass Mer­kel – die die Enwick­lung der Men­schen­rechts­si­tua­ti­on in Aser­bai­dschan lobt – ent­we­der lügt oder kei­ne Ahnung hat (bei­des ja nicht neu und bei­des fatal für eine Bundeskanzlerin …)
  • Diri­gent Pierre Bou­lez: „Wir woll­ten ein neu­es Evan­ge­li­um“ | ZEIT ONLINE – Vol­ker Hage­dorn hat Pierre Bou­lez besucht, anläss­lich des 10. Geburts­tags der Lucer­ne Fes­ti­val Aca­de­my. Viel neu­es erfährt man in dem lau­nig geschrie­be­nen Stück nicht, aber Begeg­nun­gen mit Meis­tern wie Bou­lez sind trotz­dem immer interessant …

    Dass ohne ihn die Geschich­te der Musik seit 1945 eine ande­re wäre, lässt sich ohne die gerings­te Über­trei­bung sagen. Er war das Super­hirn der Seria­lis­ten, deren Vehe­menz eine der tiefs­ten ideo­lo­gi­schen Spal­tun­gen in der Musik her­vor­rief. Was er in bril­lan­ten Pole­mi­ken for­der­te, über­traf er noch mit sei­ner Kunst. Das mach­te ihn so unschlag­bar wie sein Diri­gie­ren. Ein Revo­lu­tio­när, dem die berühm­tes­ten Orches­ter aus der Hand fres­sen, der in Bay­reuth Wag­ner vom Waber befreit und zugleich ein Zen­trum zur Klang­er­for­schung in die Mit­te von Paris gra­ben lässt, ver­se­hen mit einer Macht wie kein Kom­po­nist vor ihm, fähig, die einen Kol­le­gen in den Schat­ten, die ande­ren ins Licht zu stoßen.

  • Sil­ke Bur­mes­ter über sexis­ti­sche Wer­bung: Dose trägt Des­sous – SPIEGEL ONLINE – Sil­ke Bur­mes­ter zeigt, wie Iro­nie, Wer­bung und sexis­ti­sche Kack­schei­ße funktionieren:

    Ler­nen zu sehen, dass sexis­ti­sche Wer­bung immer mit „Augen­zwin­kern“ gemacht ist, dass sie am Ende ein­fach nur lus­tig ist. Ich habe das auch gelernt. Auch ich war mal so naiv zu mei­nen, ich müs­se mich beim Wer­be­rat beschwe­ren. Damals hat­te – wenn ich mich recht erin­ne­re – die Kon­ser­ven­in­dus­trie eine ganz­sei­ti­ge Anzei­ge geschal­tet, in der auf pink­far­be­nem Unter­grund eine tail­lier­te, mit Des­sous beklei­de­te Kon­ser­ven­do­se abge­bil­det war.

Taglied 2.9.2013

Björk – Scary:
http://​sound​cloud​.com/​b​j​o​r​k​/​b​j​-​r​k​-​s​c​a​r​y​-​1​997

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  • Klau­su­ren und Sibyl­le Berg. | ats20​.de – Han­jo anläss­lich einer Kor­rek­tur zu einem Kurz­text von Sibyl­le Berg:

    Merk­satz für die nächs­te Deutsch­ar­beit also: Autoren sind immer min­des­tens drei Grö­ßen­ord­nun­gen coo­ler als der Deutsch­leh­rer, der ihre Geschich­ten mitbringt.

  • Vier Mode­ra­to­ren sind vier zuviel: Das TV-Duell—ein Vor­schlag zur Güte « Ste­fan Nig­ge­mei­er – Ste­fan Nig­ge­mei­er hat einen guten Vor­schlag, wie man Dis­kus­sio­nen zwi­schen Kanz­le­rin/-kan­di­da­ten span­nend machen könnte:

    Ich hät­te einen Vor­schlag für eine neue, bes­ser Form des »TV-Duells«: Wir ver­zich­ten auf die Mode­ra­to­ren. Nicht nur auf zwei oder drei, son­dern auf alle vier.

  • Bil­dung: Die Stun­de der Pro­phe­ten | ZEIT ONLINE – Mar­tin Spie­wak zeigt in der „Zeit“, was an den The­sen, Behaup­tun­gen und For­de­run­gen von Hüt­her & Co. dran ist: Wenig bis nichts:

    Mit neu­ro­bio­lo­gi­scher For­schung hat das wenig zu tun. Genau genom­men kommt die Hirn­for­schung in Hüt­hers Vor­trä­gen kaum noch vor. Der Bio­lo­ge ver­traut auf die Magie, die Wör­ter wie „prä­fron­ta­ler Kor­tex“, „emo­tio­na­le Zen­tren im Mit­tel­hirn“ oder „neu­ro­plas­ti­sche Boten­stof­fe“ im Publi­kum ent­fal­ten. „Appli­ed Neu­ro­sci­ence“ nennt Hüt­her die­se inzwi­schen per­fek­tio­nier­te Kunstform.

    Spä­ter heißt es noch, eben­falls sehr treffend:

    Doch mit Stu­di­en oder ande­rem päd­ago­gi­schen Klein-Klein schla­gen sich Gerald Hüt­her und die ande­ren Bil­dungs­pro­phe­ten nicht her­um. Umset­zungs­pro­ble­me, die end­lo­se His­to­rie didak­ti­scher Illu­sio­nen, die Wider­stän­dig­keit des Unter­richts­all­tags: für sie kein The­ma. Die Reform­jün­ger ver­kau­fen der Repu­blik statt­des­sen lie­ber ein­zel­ne Vor­zei­ge­ein­rich­tun­gen wie eine Ber­li­ner Pri­vat­schu­le als Leit­bild – dabei hat die­se bis­her noch nicht einen Jahr­gang durchs Abitur gebracht.

  • Land­tags­wahl: Hes­sen für Ein­stei­ger | ZEIT ONLINE – Lenz Jacob­sen war mit Hans Eichel in Hes­sen („Ein Dazwi­schen-Land, ein Redak­teur­salb­traum.“ nennt Jacob­sen das) unter­wegs und hat einen lau­ni­gen Text mit­ge­bracht, der sich vor allem dadurch aus­zeich­net, dass er fast kei­ne Infor­ma­ti­on beinhaltet.

Aus-Lese #13

Gor­don Sted­man Jones: Das kom­mu­nis­ti­sche Mani­fest von Karl Marx und Fried­rich Engels. Ein­füh­rung, Text, Kom­men­tar. Mün­chen: Beck 2012. 319 Seiten.

Das Buch von Sted­man Jones ist eine gro­ße ideen­ge­schicht­li­che Kom­men­tie­rung und Ein­ord­nung, aber auch schon eine Ein­füh­rung in Marx und Engels Den­ken über­haupt (v.a. Marx). Mit sei­ner brei­ten Anla­ge trifft es aber mehr den Hin­ter­grund als das Objekt bzw. des­sen Fol­gen (also den Text und sei­ne poli­ti­sche „Umset­zung“), mehr die gesam­te Geis­tes- und Ideen­ge­schich­te, in der die bei­den Autoren lasen, dach­ten und schrie­ben, als das Kom­mu­nis­ti­sche Mani­fest an sich. Auch wenn Marx & Engels die direk­ten Ver­wei­se aus dem Mani­fest alle tilg­ten: Gor­don Sted­man Jones fin­det trotz­dem eine Men­ge … Und genau das ist das eigent­lich Inter­es­san­te und Fas­zi­nie­ren­de an die­ser Ein­füh­rung, die immer wie­der betont, dass der Kom­mu­nis­mus des Mani­fests nicht in ers­ter Linie eine im enge­ren (heu­ti­gen) Sin­ne poli­ti­sche Idee ist, son­dern eine gro­ße Erzäh­lung, die das Nar­ra­tiv des Chris­ten­tums ablö­sen soll­te und ent­spre­chend in Oppo­si­ti­on zu die­sem kon­tu­riert wurde.

Selt­sam aber, dass der Text, um den es eigent­lich geht – näm­lich das Mani­fest – erst ganz zum Schluss abge­druckt wird, qua­si als Anhäng­sel: Ich weiß nicht, wie ich das ver­ste­hen soll – nimmt Sted­man Jones sei­nen über­aus pro­fun­den und gelehr­ten Kom­men­tar wich­ti­ger als den aus­lö­sen­den Text? Ist das der Ver­such, sich von einem ver­meint­lich „anstö­ßi­gen“ Text zu distan­zie­ren? (Das fängt ja schon beim Titel und auf dem Umschlag an: Sted­man Jones ist wich­ti­ger als es Karl Marx und Fried­rich Engels sind (Das gilt aller­dings nur für die deut­sche Aus­ga­be, die ori­gi­na­le eng­li­sche Ver­si­on fir­miert als: Karl Marx and Fried­rich Engels, The Com­mu­nist Mani­festo. With an Intro­duc­tion and Notes by Gareth Sted­man Jones). – Ja, sein Text ist län­ger … Aber ohne das Mani­fest wäre sein Text eben gar nichts, nicht ein­mal exis­tent. Und sinn­voll sowie­so nicht. Aber viel­leicht lese ich da zu viel in sol­che Klei­nig­kei­ten …). Doch genug davon – ist es wenigs­tens lesens­wert? Auf jeden Fall. Auch wenn ich gleich wie­der Beden­ken anmel­den muss: Der Auf­bau des Kom­men­tars ist mir aller­dings weder im Gro­ßen noch im Klei­nen immer wirk­lich klar oder schlüs­sig gewor­den. Zum Bei­spiel fängt Sted­man Jones nach dem kur­so­risch-über­grei­fen­den Vor­wort damit an, die Rezep­ti­on des Mani­fests dar­zu­le­gen – noch bevor über­haupt klar ist, was drin steht, sozu­sa­gen (Eigent­lich scheint er aber, damit hängt viel­leicht auch die Ver­ban­nung des Mani­fes­tes an den Schluss zusam­men, einen Leser vor­aus­zu­set­zen, der den Text des Mani­fests schon ziem­lich gut parat hat). Abge­se­hen davon ist das aber eine vor­züg­li­che, knap­pe Dar­stel­lung der his­to­ri­schen Situa­ti­on in Euro­pa, der Ideen und Reak­ti­on vor dem Kom­mu­nis­mus und in sei­nem Umfeld bzw. sei­ner Ablehnung.

Ger­hard Polt: Kin­der­dres­sur. Geschich­ten. Zürich, Ber­lin: Kein & Aber 2013. 160 Seiten.

Alles, was Polt sich zum The­ma Kin­der ein­fal­len hat las­sen, ver­sam­melt die­ses schö­ne Taschen­buch. Teil­wei­se sind das schon Klas­si­ker, teil­wei­se auch (mir) neue Klei­nig­kei­ten und Fund­stü­cke. Jeden­falls sind das 160 Sei­ten Polt’sche Per­len in der unüber­treff­li­chen Polt­schen Lako­nie und Gemein­heit: Ein net­ter Lese­spaß, vor allem, wenn man sich das noch mit Polt selbst vor­stellt beim Lesen – was ange­sichts der Tat­sa­che, das vie­le der hier ver­sam­mel­ten (alten und neu­en) „Geschich­ten“ Dia­lo­ge oder klei­ne Sze­nen sind, umso leich­ter fällt und sinn­fäl­li­ger ist … 

und dies dann zu einer unkal­ku­lier­ba­ren Aug­men­ta­ti­on von Kin­dern führt

Tru­man Capo­te: Yach­ten und der­glei­chen. Erzäh­lun­gen. Zürich: Kein & Aber 2013. 176 Seiten.

Eini­ge ver­streu­te Erzäh­lun­gen Capo­tes, deren titel­ge­ben­de Yach­ten und der­glei­chen – auch die bes­te in die­sem Band, mei­nes Erach­tens – wur­de hier erst­mals ver­öf­fent­licht. Aber ins­ge­samt bin ich mir immer noch (oder wie­der) nicht sicher, was ich von Capo­tes Erzähl­kunst hal­ten soll: Das ist alles tech­nisch sehr sau­ber – aber auch so sau­ber, dass es mir manch­mal ste­ril scheint. Das hängt natür­lich mit der abso­lu­ten Beschrän­kung auf das Außen auch der Men­schen zusam­men und hat durch­aus sei­ne Fas­zi­na­ti­on. Aber irgend­wie hin­ter­lässt es mich doch immer wie­der etwas unbe­frie­digt – da fehlt ein­fach etwas, weil der (pho­to­gra­phi­sche) Rea­lis­mus der Spra­che, des Stils und der Form auf der Ebe­ne der Figu­ren (psy­cho­lo­gisch) eben so gera­de nicht ein­ge­löst wer­den kann (und auch nicht soll oder will). 

Tru­man Capo­te: Früh­stück bei Tif­fa­ny. Zürich: Kein & Aber 2008. 175 Seiten.

Und gleich noch ein Bän­chen von Capo­te dazu. Wohl eher das Bänd­chen von Capo­te, sein wohl berühm­tes­ter Text – vor allem wegen der Ver­fil­mung. Den Film ken­ne ich zwar (auch wenn die letz­te Begeg­nung schon lan­ge her ist), das Buch habe ich aber noch nie gele­sen – also ein klei­nes biss­chen Lücken­fül­le­rei. Aus der Erin­ne­rung (des Films) her­aus erschien mir das Buch aber bes­ser und span­nen­der als der Kino­film. Vor allem, weil der Text sti­lis­tisch und for­mal noch nicht so gemei­ßelt wirkt wie spä­te­re Capo­te-Tex­te, son­dern leben­di­ger, die Spra­che atmet hier noch mehr. Das ist ein­fach sehr schön – immer wie­der. Auch wenn inzwi­schen (mir) immer kla­rer wird, wie alt das ist, d.h., wie weit ent­fernt die hier beschrie­be­ne und statt­fin­den­de Welt (der ame­ri­ka­ni­schen 1950er Jah­re) doch von mir und von heu­te ist.

Lieblingstweets August 2013


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Vergessen: 3000 unbekannte Briefe im Thomas-Mann-Archiv

Die FAZ berich­tet heu­te im Feuil­le­ton (S. 31, lei­der nicht online), dass das Tho­mas-Mann-Archiv in Zürich unge­fähr drei­tau­send Brie­fe aus dem Nach­lass des Autors bzw. sei­ner Frau Katia bis zum Dezem­ber 2012 ein­fach „ver­ges­sen“ hat. Das sind schlap­pe 13 Kis­ten, die die Archi­va­re dort in den letz­ten Jahr­zehn­ten kom­plett „über­se­hen“ haben: Die wur­den nicht erfasst, nicht kata­lo­gi­siert, nicht aus­ge­wer­tet und waren auch nie­man­dem zugäng­lich – nicht den For­schern, aber auch nicht den Fami­li­en­mit­glie­dern. Schon die Umstän­de, wie die Brie­fe ins Archiv gelangt sind, sind selt­sam (für Schrift­stel­ler-Nach­läs­se aller­dings wie­der­um gar nicht so sehr …): 

Der­zeit bemüht man sich im TMA, die Her­kunft der auf­ge­tauch­ten Brief­be­stän­de zu rekon­stru­ie­ren – auch das führt auf dunk­le Pfa­de. Ein Teil der Brie­fe sei wohl bereits 1981 ins Archiv gelangt, gebracht von Ani­ta Naef, der Sekre­tä­rin erst von Eri­ka, spä­ter von Golo Mann; der grö­ße­re Teil sei 1994 geschenkt wor­den, eben­falls aus der Hand von Ani­ta Naef. […] Nach den heu­ti­gen Recher­chen des TMA brach­te sie den größ­ten Teil des jetzt auf­ge­tauch­ten Brief­be­stands 1994, im Todes­jahr Golo Manns, als „Schen­kung“ ins TMA, ohne dass dies ver­zeich­net oder im Jah­res­be­richt des Archivs ver­merkt wor­den wäre.

Das ist schon eine ganz schö­ne Schlam­pe­rei – auch wenn Til­mann Lah­me in der FAZ sicher­lich zu recht dar­auf hin­weist, dass das TMA sich mehr als For­schungs­stät­te denn als klas­si­sches Archiv verstand: 

Dem­ge­gen­über sind Erfas­sung, Erschlie­ßung und Siche­rung der Archi­va­li­en nicht auf dem Stand eines moder­nen Archivs.

Immer­hin scheint sich nun etwas zu tun: 

Die Lei­tung der Hoch­schu­le hat nun, nach der Ein­glie­de­rung des TMA und unter dem Ein­druck des Auf­tau­chens der drei­tau­send Katia-Mann-Brie­fe, kurz­fris­tig ein grö­ße­res Pro­jekt bewil­ligt. Mehr als eine hal­be Mil­li­on Schwei­zer Fran­ken ste­hen von sofort an für Erschlie­ßung und Digi­ta­li­sie­rung der Archiv­be­stän­de zur Ver­fü­gung. Bis zum Ende des kom­men­den Jah­res sol­len die Bestän­de kom­plett in einem moder­nen, online abruf­ba­ren Sys­tem erfasst und digi­ta­li­siert sein

Ande­rer­seits gehen die Merk­wür­dig­kei­ten aber gleich wei­ter: Fri­do Mann, Enkel Tho­mas’, hat – offen­bar als eine Art „Ent­schä­di­gung“ für das lan­ge wäh­ren­de Ver­säum­nis des Archivs, „etwa fünf­zig Brie­fe sei­nes Vaters Micha­el an Katia Mann“ aus­ge­hän­digt bekom­men. Die sind also aus dem Archiv gleich wie­der verschwunden … 

Das Archiv selbst scheint auch sonst eher nach­läs­sig geführt zu wer­den, der FAZ-Arti­kel lässt da eini­ges anklin­gen (und macht dar­auf auf­merk­sam, dass das nicht unbe­dingt die Schuld der betei­lig­ten Per­so­nen sein muss, son­dern auch in sei­ner Kon­struk­ti­on und der man­geln­den Wert­schät­zung durch die Hoch­schul-Lei­tung geschul­det sein kann). Die Inter­net­sei­te des Archivs jeden­falls gibt kei­nen Hin­weis auf den Fund der Manuskripte …

Taglied 29.8.2013

Wada­da Leo Smith, Mar­tin Luther King, Jr. (Aus­schnitt) – aus dem groß­ar­ti­gen Album „Ten Free­dom Summers“:

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