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Ernsthaft gut: Doppelkonzerte im Meisterkonzert

Das Gan­ze ist ein Witz. Bei sei­ner neun­ten Sin­fo­nie – aus­ge­rech­net der Neun­ten! – hat Schost­a­ko­witsch es sich nicht neh­men las­sen, mit allen Erwar­tun­gen und Tra­di­tio­nen zu spie­len. Das hing natür­lich auch mit sei­ner eige­nen und der poli­ti­schen Situa­ti­on zusam­men – 1945 hat­te der Kom­po­nist schon eini­ge Erfah­rung mit Sta­lins Régime und des­sen Kri­ti­kern gesam­melt. Denen woll­te er kei­ne Tri­umph­mu­sik schrei­ben – aber was er dann mit der Neun­ten im Herbst ablie­fer­te, das muss für gera­de die­se Kri­ti­ker eine rei­ne Unver­schämt­heit gewe­sen sein: Die knap­pe hal­be Stun­de hei­te­rer Musik trieft nur so vor Iro­nie. Die gan­ze Sin­fo­nie spielt mit klas­si­schen For­men und Metho­den – bis zur Über­erfül­lung. Wahr­schein­lich ist sie eine der klas­sischs­ten Sin­fo­nien, die im 20. Jahr­hun­dert geschrie­ben wur­de. Und ein hin­ter­lis­ti­ges Spiel mit den Erwar­tun­gen, auch des Hörers. Man kann das als net­te, kunst­voll gemach­te Unter­hal­tung spie­len. Oder man kann, wie Mar­cus Bosch es beim 3. Meis­ter­kon­zert mit der Lud­wigs­ha­fe­ner Staats­phil­har­mo­nie in der Rhein­gold­hal­le mach­te, die abgrün­di­gen Sei­ten her­vor­kit­zeln und das Absur­de die­ser Musik beto­nen. Bosch gelang das der­ma­ßen gut, dass die Iro­nie aus jedem schö­nen Akkord und jedem schö­nen melo­di­schen Ein­fall nur so her­vor­quoll. Vor allem die Mischung aus unter­grün­dig-boh­ren­der Span­nung und schwung­voll-aus­ge­las­se­ner Spiel­freu­de, die Mar­cus Bosch im Fina­le bis zur tän­ze­ri­schen Über­mut aus­reiz­te, mach­ten die Neun­te zu einem so wun­der­ba­ren Hörerlebnis.

Dabei war Schost­a­ko­witschs Sin­fo­nie eigent­lich nur das Aus­ru­fe­zei­chen am Schluss eines span­nen­den Kon­zer­tes. Davor stand noch der sel­te­ne dop­pel­te Genuss eines Dop­pel­kon­zer­tes. Mit den Pia­nis­tin­nen Mona und Rica Bard spiel­te die Staats­phil­har­mo­nie näm­lich nicht nur ein Dop­pel­kon­zert, son­dern gleich zwei: von Mozart und Fran­cis Pou­lenc. Witz haben bei­de, aber auf jeweils ganz eige­ne Art.

Pou­lencs 1932 kom­po­nier­tes Kon­zert für zwei Kla­vie­re und Orches­ter ist mit sei­nen raschen Sprün­gen, viel­fäl­ti­gen Wech­seln und Reich­tum an bun­ten Ein­fäl­len und Stil­mi­schun­gen ein geschick­ter Kon­zert­auf­takt. Die zwei schlag­kräf­ti­gen Akkor­de des Beginns sind ein dop­pel­ter Start­schuss. Damit beginnt ein Feu­er­werk der Klang­far­ben und des Rhyth­mus – „reins­ter Pou­lenc“, wie der Kom­po­nist selbst ein­mal bemerk­te. Bei Mona und Rica Bard war das Feu­er­werk in guten Hän­den: Sie ach­te­ten sorg­sam dar­auf, dass auch in der Hit­ze des Gefechts alles mit rech­ten Din­gen zuging – wäh­rend Bosch mit dem Orches­ter ver­such­te, zumin­dest ein biss­chen zu zündeln. 

Mozarts ein­zi­ges Kon­zert für zwei Kla­vie­re ist der Gele­gen­heit des gemein­sa­men Musi­zie­rens mit sei­ner Schwes­ter geschul­det. Das merkt man der Musik auch ganz unmit­tel­bar an: Sel­ten sind die bei­den Solo­par­tien so eng und unauf­lös­bar inein­an­der ver­floch­ten wie hier. Und sel­ten hört man sie so har­mo­nisch inein­an­der gefügt wie von den Bard-Schwes­tern. Die bei­den pfleg­ten in der Rhein­gold­hal­le ein sehr kon­zen­trier­tes und kunst­vol­les Spiel. Das dabei der augen­zwin­kern­de Witz Mozarts manch­mal etwas hin­ten­an­ste­hen muss­te, ver­zieh man ihnen ger­ne. Zumal das Orches­ter alles tat, die klei­ne Lücke zu fül­len. Die Auf­ga­ben­tei­lung war dabei schnell klar: Die Staats­phil­har­mo­nie über­nahm die gro­ßen Ges­ten, die Pia­nis­tin­nen die fein­sin­ni­ge, fast kam­mer­mu­si­ka­li­sche Klang­tüf­te­lei. Zusam­men erklang so ein ernst­haft gutes Mozart-Kon­zert, das gewis­sen­haft und emo­tio­nal zugleich war – und alles ande­re als ein Witz.

(geschrie­ben für die Main­zer Rhein-Zeitung.)

Ins Netz gegangen (14.11.)

Ins Netz gegan­gen am 14.11.:

  • Hip | waahr – Joa­chim-Ernst Ber­endt refe­riert 1962 in „Twen“ Nor­man Mailers Hips­ter-Theo­rie und ergänzt sie um eini­ge Beobachtungen/​Bemerkungen zum Jazz:

    Daß die „Bot­schaf­ter“ so schnell wech­seln – in drei Jah­ren von Miles über Min­gus zu Col­tra­ne -, hat nichts mit modi­scher Unbe­stän­dig­keit zu tun. Es ist erfor­der­lich – drin­gend not­wen­dig. Fast alles näm­lich, was Jazz bedeu­tet, ist ver­drängt wor­den – und zwar im Zei­chen der wach­sen­den Akzep­tie­rung des Jazz. Es ist ver­drängt wor­den von denen, die ihn akzep­tie­ren: von der Tole­ranz und Groß­zü­gig­keit über die Direkt­heit und Ehr­lich­keit bis zur Frei­zü­gig­keit und Frei­heit. Des­halb muß das, wor­auf es ankommt, immer noch kon­zen­trier­ter und noch inten­si­ver gesagt wer­den. Die Inten­si­tät von ges­tern wird heu­te schon von den Squa­res ver­harm­lost. Miles-Davis-Phra­sen tauch­ten zwei Jah­re nach Beginn sei­nes Hip-Erfol­ges in der Schla­ger­mu­sik auf./

  • Pro­zess ǀ Ziem­lich fes­te Freunde—der Frei­tag – Wahr­schein­lich das Bes­te, was ich bis­her zum Wulff-Pro­zess gele­sen habe (wenn auch etwas über­spitzt). Nur die Kom­men­ta­re darf man natür­lich nciht lesen …

    Die­ses Ver­fah­ren aber wird zei­gen, dass es eben um mehr geht als nur gut 750 Euro. Näm­lich um eine von allen Betei­lig­ten als nor­mal emp­fun­de­ne Nähe zwi­schen Poli­tik und Wirt­schaft, in der gegen­sei­ti­ge Gefäl­lig­kei­ten zur Regel gehö­ren, um abseits eines öffent­li­chen Nut­zens per­sön­li­che Vor­tei­le zu erzie­len. Wenn man so will, steht der Fall Wulff/​Groenewold für das Anfangs­sta­di­um von Ent­wick­lun­gen, die zu sol­chen End­punk­ten wie Schröder/​Gazprom, Koch/​Bilfinger oder eben Klaeden/​Daimler füh­ren. Das Gericht in Han­no­ver könn­te, wenn es klug und mutig genug urteilt, sol­che gerad­li­ni­gen Ent­wick­lun­gen für die Zukunft zumin­dest erschweren.

  • Voy­ant Tools: Reve­al Your Texts – Voy­eur is a web-based text ana­ly­sis envi­ron­ment. It is desi­gned to be user-fri­end­ly, fle­xi­ble and powerful.
    What you can do with Voyeur:
    • use texts in a varie­ty of for­mats inclu­ding plain text, HTML, XML, PDF, RTF and MS Word
    • use texts from dif­fe­rent loca­ti­ons, inclu­ding URLs and uploa­ded files
    • per­form lexi­cal ana­ly­sis inclu­ding the stu­dy of fre­quen­cy and dis­tri­bu­ti­on data; in particular
    • export data into other tools (as XML, tab sepa­ra­ted values, etc.)
    • embed live tools into remo­te web sites that can accom­pa­ny or com­ple­ment your own content
  • „In vie­len Krip­pen herr­schen hane­bü­che­ne Zustän­de“ – Poli­tik – Süddeutsche.de – RT @SZ: „In vie­len Krip­pen herr­schen hane­bü­che­ne Zustän­de“: ein Inter­view zum #Kita-Aus­bau im Rah­men der #Agenda2017
  • Kom­men­tar: Schland­netz gegen NSA – die feuch­ten Schen­gen-Träu­me der Tele­kom | hei­se online – hei​se​.de zum Schland­netz-Unsinn der Telekom:

    Das wäre die schlech­tes­te Kon­se­quenz, die man aus dem NSA-Skan­dal zie­hen könn­te: Eine Natio­na­li­sie­rung des Inter­nets, mit regio­na­lem Pee­ring unter Ägi­de der Tele­kom. Mit Pee­ring-Punk­ten, an denen sich die natio­na­len Regie­run­gen mit ihrem Über­wa­chungs­hun­ger güt­lich hal­ten können.

  • Super­vi­rus bad­BI­OS ist mög­li­cher Nach­fol­ger von Stux­net | ZEIT ONLINE – cra­zy: bad­BI­OS: Super­vi­rus oder Schar­la­ta­ne­rie? Com­pu­ter­vi­rus mit spek­ta­ku­lä­ren Fähig­kei­ten elek­tri­siert die Fachwelt
  • Klaus­po­li­tik » Lie­ber Franz Josef Wag­ner – Eine Reak­ti­on auf Franz Josef Wag­ners offe­nen Brief an Edward Snow­den – Auch „Klaus­po­li­tik“ nimmt sich noch Franz-Josef Wag­ners Brief an Edward Snow­den an:

    Der Autor hat eine Face­book-Fan­page, einen Wiki­pe­dia-Ein­trag und offen­sicht­lich einen Dachschaden./

    und kommt zu dem Schluss: 

    Sei­ne Argu­men­ta­ti­on ist wirr, sprung­haft und so naiv, dass das doch irgend­wie Sati­re sein muss. Dass sie es nicht ist, ist erschre­ckend – mit Jour­na­lis­mus hat der Bei­trag nichts mehr gemein und erin­nert allen­falls an einen kon­fu­sen, längst in die Unsicht­bar­keit down­ge­vo­te­ten Spon­tan­post einer unmo­de­rier­ten Kommentarspalte./

  • Induk­ti­ons­schlei­fe auf Rad­weg – You­Tube – so geht’s also auch: RT @FahrradClub: Jetzt anse­hen: Induk­ti­ons­schlei­fe auf dem Rad­weg – – so muss das gehen!

Nette Anarchisten

…, die rück­sichts­voll und ent­spannt mit ihres­glei­chen und ande­ren Ver­kehrs­teil­neh­mern umge­hen – das sind die Ams­ter­da­mer Radfahrer:

– nach Copen­ha­ge­ni­ze kommt jetzt eben Ams­ter­da­mi­ze (via itstar­ted­wi­t­ha­fight)

Kampf der Philosophen

Aus dem Beet­le­bum-Blog stammt die­se vor­züg­li­che Dar­stel­lung des Kamp­fes „Phi­lo­so­phie vs. Kampf-Robo­ter“, die mich heu­te mor­gen sehr erhei­tert hat:

Phi­lo­so­phie vs. Kampf-Roboter

Indulgierte Idiosynkrasien

Ann Cot­ten liest von uner­wie­der­ter Lie­be, Prin­zi­pi­en­bas­te­lei, Selbst­schau und Ekel – und ein Text wie „Der schau­dern­de Fächer“, in dem Wen­dun­gen wie „indul­gier­te Idio­syn­kra­si­en“ vor­komm­men, ver­heißt mir Lese­ver­gnü­gen … Zum Anschauen/​Anhören muss man sich lei­der zur „Zeit“ hin­über bege­ben, das Video lässt sich nicht ein­bin­den: klick.

Taglied 10.11.2013

David Gilmour, Wish you were here (unplug­ged, live)

David Gilmour Wish you were here live unplugged

Beim Kli­cken auf das und beim Abspie­len des von You­Tube ein­ge­bet­te­ten Vide­os wer­den (u. U. per­so­nen­be­zo­ge­ne) Daten wie die IP-Adres­se an You­Tube übertragen.

Diamantblätter

Neu­er Tee! End­lich ist es mal wie­der so weit, ein gro­ßes Paket von Kolod­ziej & Lie­der konn­te ich heu­te bei der Post abho­len. Und lau­ter fei­ne Din­ge sind da drin, so dass ich kaum weiß, womit ich anfan­gen soll ;-) 

Also war heu­te der „Kabu­se Dia­mond Leaf“ aus der Prä­fek­tur Kago­shi­ma in der süd­lichs­ten Spit­ze von Japan dran. Das ist grü­ner Tee, der ganz schick in einer luft­dicht ver­sie­gel­ten Dose ver­kauft wird. Der Name – Kabu­se – weist schon dar­auf hin: Das ist ein Tee, der im Anbau beschat­tet (Halb­schat­ten) wird. Und die­se Vari­an­te wird noch dazu – so ver­spricht die Wer­bung – beson­ders selek­tiv und auch ver­gleichs­wei­se früh, näm­lich in der ers­ten April­hälf­te, geerntet.

Unver­gess­li­ches Aro­ma hat der Händ­ler mir ver­spro­chen – und das stimmt. Das ist einer die­ser groß­ar­ti­gen japa­ni­schen Tees, die ganz unschein­bar daher­kom­men, aber raf­fi­niert und tief­grün­dig sind. Schon die fei­nen grü­nen Blät­te ver­strö­men aus der Dose einen inten­si­ven fruch­ti­gen Duft, der die Span­nung auf die Tas­se noch erhöht. Knapp 60 Sekun­den spä­ter ist klar: Der Tee ist wirk­lich so lecker, wie er riecht. Der ers­te Auf­guss bei ca. 65 °C, wie es sich gehört, in der Sei­ten­griff­kan­ne, durf­te eine knap­pe Minu­te zie­hen und bringt so eine hel­le Tas­se, die aber stark duf­tet, her­vor. Dabei – und das ist ja fast immer das Zei­chen beson­ders guten Tees – drängt sich kein ein­zel­nes Aro­ma her­vor. Statt­des­sen zeigt der Kabu­se sich sei­nes Namens wirk­lich wür­dig: Dia­man­ten­qua­li­tät sozu­sa­gen, von hoher Rein­heit und Eben­mä­ßig­keit. Die fol­gen­den Auf­güs­se sind – bei wesent­lich kür­ze­ren Zieh­zei­ten – erwar­tungs­ge­mäß etwas kräf­ti­ger, dann auch robus­ter und hand­fes­ter. Ich fin­de es ja immer wie­der span­nend, wie so ein Tee sich vom ers­ten zum vier­ten oder fünf­ten Auf­guss hin ver­än­dert, wie ein paar Sekun­den mehr oder weni­ger einen deut­li­chen Unter­schied machen kön­nen und manch­mal sogar ein ganz neu­en Tee her­vor­brin­gen. Mit den Dia­mant­blät­tern des „Kabu­se Dia­mond Leaf“ wer­de ich sicher­lich noch viel sol­chen Spaß haben …

Tee: Kabu­se Dia­mond Leaf, Japan Kago­shi­ma (Kei­ko)
Zube­rei­tung: 65 °C war­mes Was­ser, ca. 1 fla­cher Tee­löf­fel in die Sei­ten­griff­kan­ne, der 1. Auf­guss mit 60 Sekun­den, Auf­güs­se 2–4 mit 15–20 Sekun­den Ziehzeit.

Ins Netz gegangen (7.11.)

Ins Netz gegan­gen am 7.11.:

  • The war dia­ries of Die­ter Fin­zen in both world wars: Ende – Das Tage­buch von Die­ter Fin­zen aus dem Ers­ten und Zwei­ten Welt­krieg ist voll­stän­dig online – mit dem 23. Okto­ber 1940 enden die Ein­tra­gun­gen, und damit ist auch das Blog mit den zeit­ver­setz­ten Ver­öf­fent­li­chun­gen sei­ner Tages­ein­trä­ge zu einem Ende gekom­men. Span­nend ist die Lek­tü­re trotzdem …
  • Twit­ter /​usmanm: This is a ship-ship­ping ship, … – total ver­rückt: RT @usmanm: This is a ship-ship­ping ship, ship­ping ship­ping ships.
  • Bedeu­tungs­ver­lust des „Spie­gel“: Genug der Dick­ho­dig­keit – taz​.de – Dar­an liegt es also – die taz hat den Grund für die Mise­re des Spie­gels gefunden:

    die Anzahl der Roma­ne, die mitt­ler­wei­le von Spie­gel-Redak­teu­ren neben ihrem Job ver­fasst wer­den, kor­re­liert auf­fäl­lig mit dem Qua­li­täts­ver­lust im Blatt.

  • BMW i3: Car­sha­ring bestimmt das Auto­fah­ren von mor­gen – SPIEGEL ONLINE – Mar­gret Hucko inter­viewt für den Spie­gel den Ver­kehrs­pla­ner Kon­rad Roth­fuchs, der halb­wegs opti­mis­tisch ist, dass die Situa­ti­on in den Städ­ten sich in nächs­ter Zeit doch all­mäh­lich ändern wird – nicht so sehr aus öko­lo­gi­schen oder öko­no­mi­schen Grün­den, son­dern weil Zeit und Raum knap­per werden:

    aber schau­en Sie mal mit wel­cher Selbst­ver­ständ­lich­keit die Autos die Stra­ßen domi­nie­ren. Es ist ja nicht nur Raum weg. Autos stel­len ein gro­ßes Unsi­cher­heits­pro­blem dar
    […] Die der­zeit noch rela­tiv hohe Durch­schnitts­ge­schwin­dig­keit in deut­schen Städ­ten sinkt wei­ter kon­ti­nu­ier­lich. Damit wird ein Umstieg oder ein Rück­schritt aufs Auto eher unwahr­schein­lich. Weni­ger der öko­lo­gi­sche Gedan­ke ver­an­lasst uns, Bus und Bahn zu neh­men. Viel­mehr zählt der Fak­tor Zeit. […] Dem öffent­li­chen Nah­ver­kehr gehört die Zukunft. 

  • Alter Affe Männ­lich­keit – Mann könn­te ja mal … – die​Stan​dard​.at › All­tag – Nils Pickert arbei­tet sich an den Mas­ku­li­nis­ten – hier v.a. Leon de Win­ter – ab (lei­der mal wie­der aus aktu­el­lem Anlass):

    Eigent­lich hat der alte Affe Männ­lich­keit nur Angst. Wenn er ein Mann wäre, wüss­te er, dass das in Ord­nung ist. Aber so wird er manch­mal ziem­lich fies. Dann sagt er Sachen wie „Femi­nis­mus ist hass­erfüllt und ver­hasst – lasst ihn uns töten!“ und merkt nicht ein­mal, wie sehr er sich damit ent­larvt. Denn spä­tes­tens dann weiß man ganz genau, wie man mit ihm umzu­ge­hen hat: Gib dem Affen kei­nen Zucker!/

  • Lie­ge­fahr­rä­der aus Krif­tel: Am Anfang ging das Licht aus – Rhein-Main – FAZ – Ein net­ter klei­ner Bericht über HP-Verlotechnik:

    „Am Anfang bekam die gan­ze Gemein­de mit, wenn wir Metall­rah­men her­stell­ten“, erzählt Hol­lants. „Die Maschi­ne brauch­te so viel Span­nung, dass immer kurz das Licht aus­ging, wenn wir sie ein­ge­schal­tet haben.“

Kurzweil mit Kurt Weill

Eine schö­ne klei­ne Spaß-/Wer­be-Gue­ril­la-Akti­on von Aman­da Pal­mer: Aus Kurz­weil, der Mar­ke des Instru­ments, wird Kurt Weill – also ein ästhe­ti­sches State­ment. So ein­fach ist das manchmal.

Kurz­weil mit Kurt Weill (Aman­da Palmer)

Aus-Lese #20

Robert See­tha­ler: Der Tra­fi­kant. Zürich, Ber­lin: Kein & Aber 2012. 250 Seiten.

Der Tra­fi­kant beruht auf einer span­nen­den Idee: Mit Hil­fe eines Prot­ago­nis­ten, der aus der länd­li­chen Regi­on am Atter­see nach Wien kommt, um dort Tra­fi­kant zu wer­den, erzählt See­tha­ler die Geschich­te Österreichs/​Deutschlands/​Europas in den 1930er und 1940er Jah­ren. Die Spie­ge­lung des kul­tu­rel­len und poli­ti­schen (Welt-)Geschehens (bzw. mar­kan­te Punkte/​Auszüge davon) in einem per­sön­li­chen Leben – das ist sicher­lich der inter­es­san­tes­te Aspekt am Tra­fi­kant. Die­se Ver­schrän­kung von Zeit­ge­schich­te und per­sön­li­cher Bio­gra­phi ist kei­nes­wegs eine neue, inno­va­ti­ve Idee See­tha­lers – aber die Art, wie er das erzäh­le­risch umsetzt, ist doch char­mant und über­zeu­gend. Das liegt auch dar­an, dass er gut zwi­schen bei­den Polen balan­ciert – das ist in die­sem Fall ja gera­de das Kunst­stück. Dazu kommt sein star­ker, kräf­tig zupa­cken­der Stil. Und eini­ge gute Ein­fäl­le wie zum Bei­spiel die geschick­te Inte­gra­ti­on von Sig­mund Freud als „Kapi­zi­tät“ und The­ra­peut (v.a./u.a. in Lie­bes­nö­ten). Das ist auch ein schö­ner Schach­zug des Erzäh­lers. So wer­den näm­lich auch Traum-Erin­ne­rung und ‑Deu­tung ganz unauf­fäl­lig zum Motiv im Tra­fi­kant – und Träu­me als Tex­te. Ein­fach schön ist, wie das nach und nach ganz sorg­sam ein­ge­führt wird … Sowie­so muss man die erzäh­le­ri­sche Sorg­falt See­tha­lers loben, sei­ne Pla­nung der Anla­ge der Handlung(en) – das gelingt ihm vor­züg­lich und macht den Tra­fi­kant zu so einer inter­es­san­ten Lektüre.

„Die Leu­te sind ganz nar­risch nach die­sem Hit­ler und nach schlech­ten Nach­rich­ten – was ja prak­tisch ein und das­sel­be ist“, sag­te Otto Trsn­jek. „Jeden­falls ist das gut für das Zei­tungs­ge­schäft – und geraucht wird sowie­so immer!“ (35)

Müt­ze #5. Her­aus­ge­ge­ben von Urs Enge­ler. Solo­thurn 2013. 52 Seiten.

Die­ses Mal in einer der bes­ten Zeit­schrif­ten: Guy Daven­port schreibt asso­zia­ti­ons­reich über Bal­thus, Ste­phan Bro­ser führt vor, wie man psy­cho­ana­ly­ti­sche die Geburt der Psy­cho­ana­ly­se beschreibt oder erklärt (Anna – Anan­ke), dazu noch ein­ne span­nen­de „Ohren­Per­for­mance mit Live­Gui­de“ von Bri­git­te Olesch­in­ski, „spricht ins Ohr und Sie gehen mit“ beti­telt. Und noch die Fort­set­zung von Gün­ter Ples­sows Faul­k­ner-Über­set­zung (das ers­te Kapi­tel aus „Absa­lom, Absa­lom!“) – sehr anre­gend und anrei­chernd (lus­tig übri­gens, dass eine Zeit­schrift mit dem Namen „Müt­ze“, was ja eigent­lich so etwas wie eine Ein­he­gung des Kop­fes meint, eine absi­chern­de Beschrän­kung, sich so ganz und gar der Befrei­ung des Den­kens ver­schreibt und in alle Rich­tun­gen ihre Füh­ler aus­streckt, Gren­zen igno­riert und zur Sei­te stößt …)

Tho­mas De Quin­cey: Die letz­ten Tage des Imma­nu­el Kant. Aus dem Eng­li­schen über­setzt und her­aus­ge­ge­ben von Cor­ne­lia Lan­gen­dorf. Mit Bei­trä­gen von Fleur Jaeg­gy, Gio­gio Man­ganel­li und Albert Cara­co sowie einem Anhang. Mün­chen: Matthes & Seitz 1991. 143 Seiten.

Auf die­sen luf­ti­gen Text bin ich durch das 100-Sei­ten-Pro­jekt des Umblät­te­re­res gesto­ßen. Und ich muss sagen: Es macht Spaß, die­sen absei­ti­gen Text zu lesen. Das ist ein wun­der­bar erns­ter Scha­ber­nack … Dabei lässt es De Quin­cey nie an Pie­tät und Ver­eh­rung fehlen. 

Inzwi­schen habe ich aus einer eige­nen (abso­lut zuver­läs­si­gen) Quel­le eini­ge Anga­ben erhal­ten, die die Aus­sa­gen […] teil­wei­se wider­le­gen. Wür­de ich mir des­halb erlau­ben, die Glaub­wür­dig­keit die­ser Her­ren anzu­zwei­feln? Kei­nes­wegs. (79)

Der kur­ze Text betont die abstru­sen Eigen­hei­ten und Son­der­lich­kei­ten Kants in der Schil­de­rung sei­nes Tages­ab­laufs und sei­nes Ver­falss zum Ster­ben. 1827 erst­mals erschie­nen, folgt er in einer selt­sa­men Mischung aus Wahr­heit und Dich­tung den Berich­ten Ehregott Andre­as Wasi­an­skis, einem Ver­trau­ten Kants aus des­sen letz­ten Lebens­jah­ren. De Quin­cey tut dies nüch­tern und empa­thisch, pedan­tisch und barock zugleich. 

Die Aus­ga­be bei Matthes & Seitz ist außer­dem auch ein schö­nes Buch und mir ihren reich­li­chen Bei­ga­ben, die die Rezep­ti­on des Tex­tes in ver­schie­de­nen Spra­chen Euro­pas bei­läu­fig noch vor­führt und außer­dem die Absur­di­tät des in die Schä­del­mes­se­rei ver­lieb­ten 19. Jahrhunderts. 

außer­dem:

  • Goe­thes Wert­her (die Fas­sung von 1774)
  • eini­ges von Arno Schmidt im Arno-Schmidt-Lese­buch

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