All die Texte, in denen wir, Jahrgang vor 1990, das Verschwinden der kulturellen Werte beweinen, sind für die Toilette geschrieben. Oder noch nicht mal dafür, wir schreiben ja online. Es ist das Jammern Sterbender, die dummerweise zwischen zwei Zeiten leben.
Bilder im digitalen Zeitalter – Abgeschossen – Süddeutsche.de – Peter Richter denkt in der Süddeutschen über den Umgang mit dieversen Formen von Porträtfotos nach – beim Erstellen wie beim Anschauen und – willentlichen oder unwillentlichen – Verbreiten
Halbwüchsige mailen wie wild Selfies herum, Frauen wehren sich auf Revenge Porn gegen im Web kursierende freizügige Bilder von sich selbst und Hugh Grant fungiert als Mona Lisa der Mugshots. Neue digitale Bildformate zerstören unseren Ruf, setzen ganze Existenzen aufs Spiel. Das Phänomen ist nicht neu. Aber Wegschauen hilft nicht.
In großen Industrieanlagen werden Lastenräder bereits seit Jahrzehnten eingesetzt. Timo Messerschmidt von der Firma Wisag machte auf der Lastenradtagung in Hamburg deutlich, dass Unternehmer mit den Cargo-Bikes auch richtig Geld sparen.
Man kann die Art von Spionage, die der NSA betrieben hat und wohl immer noch betreibt, als Staatskriminalität beschreiben. Snowdens Handeln mag in den USA strafbar sein, weil er US-Gesetze verletzt hat; wirklich kriminell sind die Zustände und die Machenschaften, die er anprangert.[…] Deutschland braucht Aufklärung über die umfassenden Lauschangriffe der USA. Dieser Aufklärung ist nur mit der Hilfe von Snowden möglich. Und Aufklärung ist der Ausgang aus selbstverschuldeter Unmündigkeit.
In Edgar Wolfrums Die geglückte Demokratie. Geschichte der Bundesrebublik Deutschland von ihren Anfängen bis zur Gegenwart heißt es auf Seite 641:
Hinsichtlich der Anti-Systempartein am echten und linken Rand des politischen Spektrums erwiesen sich Parteienverbote der wehrhaften Demokratie als ein probates Mittel, die Republik zu konsolidieren.
Ich glaube, einen schöneren Flüchtigkeitsfehler habe ich bisher noch nicht wahrgenommen: Der „echte Rand“ hat schon seine ganz eigenen Qualität (ich möchte jetzt nicht darüber spekulieren, ob – und was – uns dieser Fehler über die Einstellung oder den Standort des Verfassers verrät …).
Ich benutze die Ausgabe der Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn 2007, die aber wohl seitenidentisch ist mit der Erstauflage bei Klett-Cotta, Stuttgart 2006. ↩
„Revolution mit Feder und Skalpell“ ist die große Ausstellung zum 200. Geburtstag von Georg Büchner untertitelt. Das ist bemerkenswert (weil momentan das Revolutionäre in Leben und Werk Büchners keine besondere Konjunktur hat …) und sonderbar, weil es die Ausstellung nicht widerspiegelt. Offenbar war die Lust nach einem griffigen Slogan aber größer als der Wunsch, dem Besucher zu signalisieren, was ihn erwartet …
Ganz Darmstadt büchnert dafür, für die Gelegenheit „seinen“ Dichter zu ehren. Überall wird für ihn und vor allem die Ausstellung geworben. Auch das übrigens viel bunter, peppiger und poppiger als in den Hallen selbst – da herrscht klassische Typographie in Schwarz auf Weiß bzw. Weiß auf Schwarz vor. Sonst tun sie das ja eher nicht oder doch zumindest deutlich zurückhaltender. Sei’s drum …
„wir alle haben etwas mut und etwas seelengröße notwendig“ – Büchner-Zitat-Installation am Darmstädter Hauptbahnhof
Im Darmstadtium hat die veranstaltende Mathildenhöhe mit der Ausstellung Raum gefunden, Georg Büchner zu erinnern und zu vergegenwärtigen. Wobei Raum schon schwierig ist – das sind offenbar ein paar Ecken, die bisher ungenutzt waren, verwinkelt und verschachtelt – was der Ausstellung nur mäßig guttut, Übersicht oder logische Abläufe oder auch bloße Entwicklungen gibt es hier wenig.
Was gibt es aber in der Ausstellung zu erfahren und zu sehen? Zuerst mal gibt es unheimlich viel zu sehen – und viele schöne, spannende Sachen. Zum Beispiel das nachgebaute Wohnzimmer der Büchners – nicht rekonstruiert, aber schön gemacht (schon die Wände haben mir gefallen). Sehr schön auch die Rekonstruktion seiner letzten Wohnung in Zürich (Spiegelgasse 12 – ganz in der Nähe wird später auch Lenin residieren), seines Sterbezimmers (zwar hinter Glas, aber dennoch sehr schön). Auch die Büchner’sche Haarlocke darf natürlich nicht fehlen.
Büchner auf der Treppe zur Ausstellung (keine Angst, der Rest der Ausstellung ist nicht so wild …)
Überhaupt, das kann man nicht oft genug betonen: Zu sehen gibt es unendlich viel: Unzählige Stiche, Radierungen, Bilder – von Darmstadt und Straßburg vor allem. Gießen zum Beispiel ist extrem unterrepräsentiert. Und natürlich gibt es Texte über Texte: Schriften, die Büchner gelesen hat, die er benutzt hat, die er verarbeitet hat – sie tauchen (fast) alle in den enstprechenden Drucken der Büchnerzeit hier auf, von Shakespeare bis zu den medizinischen Traktaten, von Descartes bis Goethe und Tieck. Auch Büchner selbst ist mit seinen Schriften vertreten – naturgemäß weniger mit Drucken – da ist außer „Danton’s Tod“ ja wenig zu machen -, sondern mit Handschriften. Die sind in der Ausstellung zwar reichlich in Originalen zu bewundern, aber Transkriptionen darf man nicht erwarten. Und lesen, das ist bei Büchners Sauklaue oft nicht gerade einfach. Zumal mir da noch ein anderer Umstand arg aufgestoßen ist: Die Exponate in der (aus konservatorischen Gründen) sehr dämmrigen Ausstellung sind in der Regel von schräg oben beleuchtet – und zwar in einem sehr ungünstigen Winkel: Immer wenn ich mir einen Brief an oder von Büchner genauer betrachten wollte, um ihn zu entziffern, stand ich mir mit meiner Rübe selbst im Licht.
Sonst bietet die Ausstellung so ziemlich alles, was moderne Ausstellungsplaner und ‑bauer so in ihrem Repertoire haben: Projektionen, Multimediainstallationen, Animationen, überblendete Bilder, eine Art Nachrichtenticker (der schwer zu bedienen ist, weil er dazu tendiert, in irrem Tempo durchzurasen), mit Vorhängen abgetrennte Separées (während das beim Sezieren/der Anatomie unmittelbar Sinn macht, hat mir das erotische Kabinett insgesamt nicht so recht eingeleuchtet …) und sogar einen „Lenz-Tunnel“ (von dem man sich nicht zu viel erwarten darf und sollte). Der letzte Raum, der sich der Rezeption der letzten Jahrzehnte widmet, hat das übliche Problem: So ganz mag man die Rezeption nicht weglassen, eine verünftige Idee dafür hatte man aber auch nicht. Da er auch deutlich vom Rest der Ausstellung getrennt ist und quasi schon im Foyer liegt, verliert er zusätzlich. Viel spannendes gibt es da aber eh’ nicht zu sehen, so dass man durchaus mit Recht hindurcheilen darf (wie ich es getan hab – Werner Herzog kenne ich, Alban Berg kenne ich, Tom Waits auch, die Herbert-Grönemeyer-Bearbeitung von „Leonce und Lena“ sollte man sowieso meiden …).
Bei manchen Wertungen bin ich naturgemäß zumindest unsicher, ob das der Wahrheit letzter Schluss ist – etwa bei der Betonung der Freude und des Engagements, das Büchner für die vergleichende Anatomie entwickelt haben soll – was übrigens in der Ausstellung selbst schon durch entsprechende Zitate konterkariert wird und in meiner Erinnerung in Hauschilds großer Büchner-Biografie nicht von ungefähr deutlich anders dargestellt wird. Unter den Experten und Büchner-Biografen schon immer umstritten war die Rolle des Vaters – hier taucht er überraschend wenig auf. Überhaupt bleibt die Familie sehr im Hintergrund: Sie bietet nur am Anfang ein wenig den Rahmen, in dem Georg aufwächst – mehr Wert als auf die Familie und persönliche Beziehungen überhaupt legt die Ausstellung aber auf Erfahrungen und Rezeptionen von Kunst (Literatur, Theater, Gemälde und andere mehr oder weniger museale Gegenständlichkeiten) und geo-/topographischem Umfeld.
Nicht zu vergessen sind bei den Exponaten aber die kürzlich entdeckte Zeichnung August Hoffmann, die wahrscheinlich Büchner zeigt. Auch wenn ich mir dabei wiederum nicht so sicher bin, dass sie das Büchner-Bild wirklich so radikal verändert, wie etwa Dedner meint (in der Ausstellung wird sie nicht weiter kommentiert). Und die erste „echte“ Guillotine, die ich gesehen habe, auch wenn es „nur“ eine deutsche ist.
Gestört hat mich insgesamt vor allem die Fixierung auf den Audioguide – ich hätte gerne mehr Text an der Wand gehabt (zum Beispiel, wie erwähnt, die Transkriptionen der Handschriften – die muss man mir nicht vorlesen, da gibt es wesentlich elegantere Lösungen, die einer Ausstellung über einen Schriftsteller auch angemessener sind). Zumal die Sprecher manchmal arg gekünstelt wirken.
Und wieder ist mir aufgefallen: Büchner selbst ist fast so etwas wie das leere Zentrum der Ausstellung (auch wenn das jetzt etwas überspitzt ist). Es gibt hier unheimlich viel Material aus seinem näheren und weiteren Umkreis, zu seiner Zeitgeschichte und seiner Geographie – aber zu ihm selbst gar nicht so viel. Das ist natürlich kein Zufall, sondern hängt eben mit der Überlieferungs- und Rezeptionsgeschichte zusammen. Aber als Panorama des Vormärz im Großherzogtum Hessen (und Straßburg) ist die Ausstellung durchaus tauglich. Jetzt, wo ich darüber nachdenke, fällt mir allerdings auf: Weder „Vormärz“ noch „Junges Deutschland“ sind mir in der Ausstellung begegnet. Von der Einbettung sollte man sich auch überhaupt weder in literaturgeschichtlicher noch in allgemeinhistorischer Hinsicht zu viel erwarten: Das ist nur auf Büchner selbst bezogen, nachträgliche Erkenntnisse der Forschung oder nicht von Büchner selbst explizierte Zusammenhänge verschwinden da etwas.
Und noch etwas: eines der überraschendsten Ausstellungsstücke ist übrigens Rudi Dutschkes Handexemplar der Enzensberger-Ausgabe des „Hessischen Landboten“, mit sehr intensiven Lektürespuren und Anmerkungen …
Hoch geht’s zu Büchner
Aber dass der Katalog – ein gewaltiger Schinken – die Abbildungen aus irgend einer versponnenen Design-Idee alle auf den Kopf gestellt hat, halte ich gelinde gesagt für eine Frechheit. Ein Katalog ist meines Erachtens nicht der Platz für solche Spielereien (denen ich sonst ja überhaupt nicht abgeneigt bein), weil er dadurch fast unbenutzbar wird – so einen Brocken mag ich eigentlich nicht ständig hin und her drehen, so kann man ihn nicht vernünftig lesen.
Aber trotzdem bietet die Ausstellung eine schöne Möglichkeit, in das frühe 19. Jahrhundert einzutauchen: Selten gibt es so viel Aura auf einmal. Die Ausstrahlung der Originale aus Büchners Hand und der (Druck-)Erzeugnisse seiner Gegenwart, von denen es hier ja eine fast übermäßige Zahl gibt, ist immer wieder beeindruckend – und irgendwie auch erhebend. Fast so eindrücklich übrigens wie die Lektüre der Texte Büchners selbst – dadrüber kommt die Ausstellung auch mit ihrer Masse an Exponaten nicht.
Es ist aber etwas anderes, eine kühle Verwaltungsakte zu lesen, in der mit aller verwaltungstechnischen Akribe die Entrechung, Ermordung und Beraubung von Menschen ausgearbeitet wird. In einem normalen Geschichtsbuch wird von “Hetze und Propaganda” in den Zeitungen geschrieben. Das zu lesen, kann schon an die Nieren gehen.
Das ist ja gerade das, was ich an Twitter, Blogs etc so liebe: Man kann solche „Kleinigkeiten“ aus den Quellen einfach mal vorstellen, zeigen, zitieren und erzählen, ohne gleich ein richtiges „Thema“ oder eine Forschungsfrage haben zu müssen (oder die gar beantworten zu müssen).
Protokolle des Preußischen Staatsministeriums Acta Borussica – Das von 1994 bis 2003 tätige Akademienvorhaben „Die Protokolle des Preußischen Staatsministeriums (1817–1934/38)“ hat in 12 Regestenbänden über 5.200 Sitzungsprotokolle der obersten Kollegialbehörde des preußischen Staates wissenschaftlich erschlossen. Die gesamte Edition fundiert auf Quellenbeständen des Geheimen Staatsarchivs Preußischer Kulturbesitz Berlin-Dahlem sowie des Bundesarchivs Berlin-Lichterfelde und ist im Verlag Olms-Weidmann erschienen – alle online frei zugänglich als pdfs.
Kommt ein Imam in eine Kirche … … dann gibt es mittlerweile immer öfter Ärger. Zuletzt im pfälzischen Hambach, als während einer Anti-Kriegsmesse ein islamischer Gebetsruf erklang. Für selbsternannte “Islamkritiker” ein Anlass zur Hysterie.
Yassin Musharbash bei Zeit-Online über die total hysterischen (und die Wahrheit mehr als einmal kräftig verdrehenden) Proteste anlässlich der Aufführung einer Messe von Karl Jenkins.
» @9Nov38: Ein Projekt als Kompromiss – @hellojed erklärt das spannende Projekt, über Tweets den 9.11.1938 (und etwas Vorgeschichte) zu – nun ja, wie soll man’s nennen? – erzählen, vergegenwärtigen, lebendig zu machen oder zu halten
Ich bin gespalten. Ich wünsche mir keine Rückkehr der Sauertöpfe und der Rechthaber, schon gar keine der Stalinisten und Seminaristen. Zu Recht misstraut die Kultur des Unernstes den großen Welterzählungen und heroischen Mythen der Geschichte, zu Recht misstraut sie Lösungen, Modellen, Projektionen, Helden und Vordenkern; zu Unrecht aber glaubt sie, man könne sich durch Ironie, Moderation und Distanz von der Verantwortung für den Lauf der Dinge befreien. Zu Unrecht glaubt sie an eine Möglichkeit, sich rauszuhalten und trotzdem alles zu sehen. Zu Unrecht glaubt die Kultur von Abklärung und Unernst, den Mächtigen sei am besten mit taktischer Nachgiebigkeit und einem Hauch von Subversion zu begegnen. Leidenschaftliche und zornige Gesten erscheinen in der Kultur als kindisch, vulgär und unangenehm. […] Bislang hat doch noch ein jeder zu Ende gedachter Gedanken nichts als Terror oder Wahn mit sich gebracht. Bislang ist aus jeder Überzeugung eine Ideologie, und aus dieser ein neuer Unterdrückungsapparat geworden.
Es ist ja auch verrückt: Alles hat seine Dialektik, alles hat sein Gegenteil. Und Extreme sowieso. Vielleicht müssen wir uns wirklich wieder ganz weit zurück besinnen. Zum Beispiel auf die Nikomachische Ethik des Aristoteles? Aber deren poliitische Implikationen sind vielleicht auch nicht unbedingt unser Ding (und unser Heil wohl auch nicht …). Es ist eben schwierig, das alles. Und Auswege gibt es vielleicht auch gar nicht. Denn die Gefahr ist immer dar. Im Moment zum Beispiel so:
Aber sie ist auf dem besten Weg, eine Gesellschaft der grausamen Gleichgültigkeit zu werden, eine Gesellschaft, die aus lauter Ironie und Moderation der politischen Leidenschaften gar nicht mehr erkennt, dass sie selber zu etwas von dem geworden ist, was sie fürchtet. Denn auch die Abklärung hat so ihre Dialektik, auch sie kann zum Dogma und zum Wahn werden.
Interessante Medien-(Werbungs-)Wirkungsmodelle haben so manche Tech-/Onlinemarketingblogs. Offenbar hat irgend jemand etwas programmiert, was es Seitenbetreibern ermöglichen soll, trotz Adblocker Werbung auszuliefern (Bei mir funktioniert es übrigens nicht, die Seiten, die das im Einsatz haben sollen, sind bei mir immer noch schön werbefrei). Daraus schließen die dann:
AdBlock-User sehen kaum Werbung, sind aber nicht immun dagegen. Dies führt zu hoher Awareness und erhöhter Klickwahrscheinlichkeit.
Ich würde ja anders argumentieren: Adblock-Benutzer haben sich bewusst dafür entschieden, das einzusetzen (vorinstalliert ist das ja in keinem Browser). Wenn sie trotzdem Werbung sehen, fällt ihnen das auf – aber negativ. Und weil sie ja gerade keine Werbung wollen, klicken sie auch erst recht nicht. Und wunder/ärgern sich, wie der Seitenbetreiber es geschafft hat, ihnen dennoch Werbung unterzumogeln – der Schuss könnte also schön nach hinten losgehen. Die Argumentation, dass das mehr Klicks bringt, würde ich nur dann als gültig sehen, wenn Adblocker in den Browsern vorinstalliert wären, man sich also nicht bewusst (und mit dem entsprechenden Know-how) dafür entscheiden muss.
Übrigens finde ich das eine sehr linke Masche, jemanden, der offensichtlich keine Werbung sehen möchte, diese doch wieder unterzujubeln. Bei Papierwerbung per Briefkasten ist so etwas nicht ohne Grund auch ausdrücklich (und höchstrichterlich) verboten, wenn der Adressat seine Einstellung entsprechend kundtut.
Ich bin gespalten. Ich wünsche mir keine Rückkehr der Sauertöpfe und der Rechthaber, schon gar keine der Stalinisten und Seminaristen. Zu Recht misstraut die Kultur des Unernstes den großen Welterzählungen und heroischen Mythen der Geschichte, zu Recht misstraut sie Lösungen, Modellen, Projektionen, Helden und Vordenkern; zu Unrecht aber glaubt sie, man könne sich durch Ironie, Moderation und Distanz von der Verantwortung für den Lauf der Dinge befreien. Zu Unrecht glaubt sie an eine Möglichkeit, sich rauszuhalten und trotzdem alles zu sehen. Zu Unrecht glaubt die Kultur von Abklärung und Unernst, den Mächtigen sei am besten mit taktischer Nachgiebigkeit und einem Hauch von Subversion zu begegnen. Leidenschaftliche und zornige Gesten erscheinen in der Kultur als kindisch, vulgär und unangenehm. […] Bislang hat doch noch ein jeder zu Ende gedachter Gedanken nichts als Terror oder Wahn mit sich gebracht. Bislang ist aus jeder Überzeugung eine Ideologie, und aus dieser ein neuer Unterdrückungsapparat geworden.
Es ist ja auch verrückt: Alles hat seine Dialektik, alles hat sein Gegenteil. Und seine Extreme sowieso. Vielleicht müssen wir uns wirklich wieder ganz weit zurück besinnen. Zum Beispiel auf die Nikomachische Ethik des Aristoteles? Aber deren poliitische Implikationen sind vielleicht auch nicht unbedingt unser Ding (und unser Heil wohl auch nicht …). Es ist eben schwierig, das alles. Und Auswege gibt es vielleicht auch gar nicht. Denn die Gefahr ist immer dar. Im Moment zum Beispiel so:
Aber sie ist auf dem besten Weg, eine Gesellschaft der grausamen Gleichgültigkeit zu werden, eine Gesellschaft, die aus lauter Ironie und Moderation der politischen Leidenschaften gar nicht mehr erkennt, dass sie selber zu etwas von dem geworden ist, was sie fürchtet. Denn auch die Abklärung hat so ihre Dialektik, auch sie kann zum Dogma und zum Wahn werden.
Aber andererseits lehrt uns die Geschichte nicht nur, dass Gedanken zu Terror werden (können). Sondern auch, dass es immer andere und neue Gedanken gibt, die den Terror – zumindest zeitweise – beseitigen oder einschränken zu vermögen. Wenn es also doch keine „Lösung“ gibt, so gibt es doch zumindest Hoffnung. Die lasse ich mir nicht nehmen. Jetzt zumindest noch nicht.
Ein kriminalistisches Lehrstück – taz.de – Faszinierend: Die Physikerin Inge Schmitz-Feuerhake erzählt Gabriele Goettle in der taz, wie unwissenschaftlich die Wissenschaft (der Kernphysik und verwandter Bereiche etwa) lange und oft handelt und arbeit – und mit welchen schrecklichen Folgen:
Ich bin da ganz naiv rangegangen. Es war mir allerdings aufgefallen, wie großzügig die Sicherheitsbestimmungen waren. Ich hatte den Sicherheitsbericht verfasst, ohne den keine Nuklearanlage betrieben werden kann, und war überrascht, wie wohlwollend das Ministerium war und wie wohlwollend der TÜV sich gegenüber dem Projekt zeigte. Später habe ich dann festgestellt, dass dasselbe Wohlwollen auch bei den großen Anlagen vorherrscht und dass im Grunde keine zweite unabhängige Kontrolle da ist. Das ist die Erfahrung, die ich dann später auch mit dem KKW Krümmel bzw. mit der Überwachung seiner Anlagen gemacht habe. Es gibt allerdings doch noch eine unabhängige Überwachung durch die Aufsichtsbehörde, die darin besteht, dass im ganzen Land Detektoren aufgestellt werden, die im Gefahrenfall dann anzeigen sollen. Wir haben aber erlebt bei Krümmel, dass wenn ein Detektor anschlägt, man erst mal davon ausgeht, dass er kaputt ist und ausgewechselt werden muss. Wenn er dann noch mal anschlägt, wird er wieder ausgewechselt.
Dank biologischer Dosimetrie konnten wir dann in der Elbmarsch nachweisen, dass Umgebungskontaminationen tatsächlich Leute verstrahlt haben, rund ums KKW Krümmel. Krümmel war für uns das Lehrstück. An 20 Erwachsenen und 10 Kindern haben wir mittels biologischer Dosimetrie festgestellt, die haben tatsächlich eine Dosis abgekriegt. Wir hatten zum Teil bis zu zehnfach erhöhte Chromosomenaberrationen, also Abweichungen. So war klar, die offiziellen Dosisangaben stimmen nicht! Aber unsere Befunde wurden energisch bestritten!
und später erzählt sie:
Die Aufsichtsbehörde, die selbst den Unfall vertuscht hat, war zugleich die Kontrollbehörde unserer Ergebnisse! Der Bock als Gärtner, das glaubt keiner. Für die wissenschaftlichen Kritiker ist es sehr schwierig – selbst ihren Sympathisanten gegenüber -, das Ausmaß der Kumpanei zwischen Behörden und Betreibern glaubhaft zu machen. Aber das ist internationaler Standard!
total crazy, das alles …
Stresemann-Reden – Gustav Stresemann, 1923–1929 – kommentierte Edition von Wolfgang Elz, bisher für die Jahre 1923–1925 (auch) online erschienen (zwar „nur“ als pdf-Dateien, aber immerhin …)
Komponieren ist, wenn man einmal vor dem leeren Notenblatt am Schreibtisch sitzt, eine sehr konkrete Arbeit. Die Beschaffenheit eines Klangs spüre ich körperlich, wie eine Notwendigkeit. Es ist alles da, ich muss es nur ans Licht bringen. Und dann hören es vielleicht auch andere.
– wenn ich richtig sehe, sind Grund und Thema des Gespräches zwei Musiktheaterwerke, die im Mai des nächsten Jahres (!) uraufgeführt werden (die also keiner kennt und die ziemlich sicher auch noch gar nicht fertig sind …)
oder: Von der Schwierigkeit, sich Peter Gabriel zu eigen zu machen … (beim Hören von And I’ll Scratch Yours)
Auf dem Papier sah es ja wunderbar aus: Peter Gabriel covert Songs, die ihm wichtig sind – und bittet im Gegenzug befreundete Musiker und Musikerinnen, das gleich mit Songs aus seiner Feder zu tun (davon gibt es ja mehr als genug). Eigentlich sollten ja auch beiden Alben zugleich erscheinen, das hat schon mal nicht geklappt – Scratch My Back mit Peter Gabriels Interpretationen „fremder“ Musik erschien 2010 solo und ist seitdem eines meiner liebsten Peter-Gabriel-Alben geworden. Jetzt ist endlich der Konterpart erschien – And I’ll Scratch Yours eben. Und da fragt man sich wirklich: Warum ist das so langweilig? Das Faszinierende an Scratch My Back war ja, dass die Songs ganz neu – und sehr stark nach Gabriel – klangen. Genau das passiert hier gerade nicht. Fast alles klingt immer ganz stark nach dem Original. Vielleicht liegt es auch daran, dass Gabriel selbst oft mitsingt? Oder vielleicht doch daran, dass die Originale so unverkennbar sind? Oder weil es zu nah am covern im Sinne von „nachspielen“ ist? Zu wenig wirklich eigenständige Arrangements wie auf Gabriels Version muss ich auf jeden Fall konstatieren. Die Gesangslinien Gabriels, seine Melodien und ihre Phrasen, sind allerdings auch ziemlich unverkennbar. (Oder anderes gesagt: ich kenne die Originale vielleicht zu gut …)
Ein paar Interpreten gelingt es, dem Unternehmen etwas eigenes mitzugeben. Regina Spector mit „Blood of Eden“ gehört dazu, das ist sehr schön geworden. Klanglich auch aus einer ganz anderer Welt kommt Stephin Merritt, auch wenn ich das nicht vollkommen überzeugend finde. David Byrne ist dagegen ausgesprochen langweilig, Randy Newman mit „Big Time“ immerhin ziemlich cool – genau übrigens wie Brian Eno. Arcade Fire scheitert an „Games Without Frontiers“ dagegen ziemlich deutlich, das ist einfach nur banal und langweilig, was die daraus machen. Lou Reeds Version von „Solsbury Hill“ ist noch ganz in Ordnung – zu Begeisterung veranlasst mich das aber nicht. Er klingt auch so, als wäre es ihm eher fremd – aber sein großartiges Gitarrenspiel rettet das noch sehr deutlich. Einer der wenigen, der nicht wie Peter Gabriel, sondern wie er selbst klingt, ist dann Paul Simon, dessen „Biko“ wie ein echter Paul Simon klingt und And I’ll Scratch Yours dann doch ganz würdig abschließt.
Doch insgesamt scheint mir wirklich: Peter Gabriel bleibt einfach Peter Gabriel, egal wer seinen Rücken kratzt …
erstarren in Ehrfurcht – im Gegensatz zu Gabriel, der das original ernst nahm, aber sich wirklich zu eigen machte
Kennt Pete Gabriel eigentlich nur ein tempo? Hier hat man fast den Eindruck .…