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Wun­der­bar, die­ser Abs­tract, der tat­säch­lich in einem Tagungs­band (EOS Trans. AGU Vol 72 1991, No 27–53, S. 456) ver­öf­fent­licht wurde:

Fractal Analysis of Deep Sea

Frac­tal Ana­ly­sis of Deep Sea

und da heißt es immer, die Geis­tes­wis­sen­schaf­ten wür­den lee­re Luft ver­öf­fent­li­chen, wäh­rend die Natur­wis­sen­schaf­ten durch stren­ge peer-reviews vor sol­chem Unsinn geschützt sei­en … (via wired)

Nebel

Es ist, es ist nichts, es ist
ein Satz aus der Zeit, als der Som­me­ren­gel
durch den Nebel flog und rief
Chris­toph Meckel, Nebel (aus: Blut im Schuh (2001), 15)

Twitterlieblinge November 2013

http://​twit​ter​.com/​A​S​c​h​m​i​d​t​_​Z​i​t​a​t​e​/​s​t​a​t​u​s​/​3​9​6​5​2​9​9​2​6​4​7​3​8​0​1​728


http://​twit​ter​.com/​k​j​h​e​a​l​y​/​s​t​a​t​u​s​/​3​9​9​6​0​7​3​8​4​4​3​7​3​0​5​344

http://​twit​ter​.com/​A​S​c​h​m​i​d​t​_​Z​i​t​a​t​e​/​s​t​a​t​u​s​/​4​0​0​3​5​1​5​9​1​0​6​6​5​2​1​600

Ins Netz gegangen (27.11.)

Ins Netz gegan­gen am 27.11.:

  • Chro­nist sei­nes Lebens und sei­ner Epo­che: Zum Tod von Peter Kurz­eck – Lite­ra­tur Nach­rich­ten – NZZ​.ch – Roman Bucheli weist in sei­nem Peter-Kurz­eck-Nach­ruf in der NZZ sehr rich­tig dar­auf hin, dass die Lebens­er­in­ne­rungs­be­schrei­bung allei­ne nicht das Ent­schei­den­de für die Grö­ße des Kurz­eck­schen Werks ist:

    Nicht Prousts gepfleg­te «mémoi­re invo­lon­tai­re» hat ihn umge­trie­ben, son­dern die pani­sche Angst, das Ver­lo­re­ne und Ver­gan­ge­ne im Ver­ges­sen noch ein­mal preis­ge­ben zu müs­sen. Er über­liess sich nicht dem Strom der Erin­ne­rung, son­dern brach­te sie, mit Nabo­kov, noch ein­mal und – so die uner­füll­ba­re Hoff­nung – lücken­los zum Sprechen.
    […] Kurz­eck heg­te noch ein­mal, als hät­te es die Bruch­stel­len der Moder­ne und die neu­en For­men des Erzäh­lens nie gege­ben, den Traum von einem Gan­zen, das sich im lite­ra­ri­schen Kunst­werk nach­bil­den lässt. Er moch­te dabei auch nicht etwa auf das rhe­to­ri­sche Mit­tel ver­trau­en, dass im Teil das Gan­ze ent­hal­ten sein kön­ne, son­dern nahm sein Ver­fah­ren auf eine gera­de­zu bra­chia­le Wei­se wört­lich: Die Zeit soll­te im erzähl­ten Werk gleich­sam mass­stab­ge­recht noch ein­mal erste­hen. Er stand dar­um Bal­zac näher als Proust, und die deut­schen Erzäh­ler des 19. Jahr­hun­derts waren ihm min­des­tens eben­so ver­traut wie sei­ne an raf­fi­nier­ten Erzähl­tech­ni­ken geschul­ten Zeitgenossen.

  • Tod im Neben­satz – taz​.de – Jan Süsel­becks klu­ger Nach­ruf auf Peter Kurz­eck in der taz:

    In der Melan­cho­lie die­ser Proust’schen Dau­er­me­di­ta­ti­on, die zu sei­ner Mar­ke wur­de und ihm einen Platz in der Lite­ra­tur­ge­schich­te sicher­te, ging es Kurz­eck aber gar nicht um kon­kre­te Orte. Er war kein Regio­nal- oder gar Hei­mat­schrift­stel­ler. Kurz­eck träum­te sich in einen ganz eige­nen Sound des Den­kens und Schrei­bens hin­ein, in eine detail­ver­ses­se­ne, musi­ka­lisch vor sich hin kon­tra­punk­tie­ren­de Ästhe­tik der Pro­vinz, die tat­säch­lich alles ande­re als pro­vin­zi­ell war. Kurz­eck war auf der Suche nach uto­pi­schen Orten, die hät­ten exis­tie­ren können

  • Die Wahr­heit über die Wahr­heit: Archi­tek­tur­ge­schich­te (ganz) kurz gefasst – für so etwas muss man das Inter­net doch lie­ben: Archi­tek­tur­ge­schich­te (ganz) kurz gefasst (wirk­lich ganz kurz …)
  • Nach­ruf Peter Kurz­eck: Die gan­ze Zeit erzäh­len, immer | ZEIT ONLINE – Ein sehr anrüh­ren­der, inten­si­ver und lie­be­vol­ler Nach­ruf von Chris­toph Schröder:

    Der Tod von Peter Kurz­eck ist das Schlimms­te, was der deutsch­spra­chi­gen Lite­ra­tur seit vie­len Jah­ren pas­siert ist./

  • Koali­ti­ons­ver­trag: Der Kern des Net­zes – Tech­nik & Motor – FAZ – Da hat Micha­el Spehr wohl recht:

    Netz­neu­tra­li­tät eig­net sich also bes­tens als Lack­mus­test für Netzkompetenz./

    Und lei­der gibt es kaum Poli­ti­ker (und Mana­ger) in ent­spre­chen­den Posi­tio­nen, die den Test bestehen …

Aus-Lese #22

Nils Mink­mar: Der Zir­kus. Ein Jahr im Inners­ten der Poli­tik. Zwi­schen­be­richt. Frank­furt am Main: Fischer 2013. 220 Seiten.

Das vor­züg­li­che Buch von Nils Mink­mar ist – da darf man sich vom Unter­ti­tel nicht irre­füh­ren las­sen – kei­ne Repor­ta­ge im eigent­lich Sin­ne, und schon gar kei­ne, die uns über Poli­tik und Macht wirk­lich auf­klärt. Mink­mar ist näm­lich zual­ler­erst ein Meis­ter der Wahr­neh­mung, Beschrei­bung und Deu­tung von (poli­ti­schem) Han­deln als sym­bo­li­schen Han­deln: Er kann Zei­chen lesen – da ist er guter Kul­tur­wis­sen­schaft­ler. Und er kann es prä­zi­se (be-)schreiben. Dabei beschränkt er sich im Zir­kus aber nicht auf den Zei­chen­cha­rak­ter des von ihm beob­ach­te­ten Wahl­kampf von Peer Stein­brück und sei­nen Hand­lun­gen, son­dern ver­bin­det das mit poli­ti­scher Erdung. So tau­chen immer wie­der die Fra­gen nach der tat­säch­li­chen und media­len Macht der ver­schie­de­nen Akteu­re auf. Sehr gut gefal­len hat mir, wie er sei­nen kon­kre­ten Gegen­stand – Peer Stein­brück und sei­nen Wahl­kampf – in grö­ße­re Kom­ple­xe ein­bet­tet, etwa in Über­le­gun­gen zum Ver­trau­en in die/​der Poli­tik, zur psy­cho­lo­gi­schen Situa­ti­on der deut­schen Bevöl­ke­rung 2013, zu Post­de­mo­kra­tie und den Medien.

Aber immer wie­der ist auch Ver­zweif­lung zu spü­ren: Ver­zweif­lung, dass der Kan­di­dat, der so rich­tig und gut ist, an so vie­len eigent­lich bana­len und neben­säch­li­chen Din­gen schei­tert, dass so vie­les ein­fach nicht funk­tio­niert (bei ihm selbst, im Appa­rat, in der SPD, in den Medi­en …). Das wird manch­mal für mei­nen Geschmack etwas sug­ges­tiv. Des­halb fal­len vor allem die gantz kon­kre­ten Ana­ly­sen beson­ders posi­tiv auf: Wie Mink­mar das Wahl­pro­gramm und vor allem den Slo­gan der SPD („Das Wir ent­schei­det“) aus­ein­an­der­nimmt und deu­tet, das hat gro­ße Klasse. 

Immer wie­der treibt ihn bei sei­ner Beob­ach­tung des Wahl­kampfs vor allem das Ver­hält­nis von Kan­di­dat und Par­tei um: Stein­brück schil­dert er als klu­gen, sach­lich und nuan­ciert den­ken­den und argu­men­tie­ren­den Über­zeu­gungs­tä­ter, die Par­tei vor allem als unfä­hig, chao­tisch und unwil­lig. Unwil­lig­keit kommt beim Kan­di­da­ten in Mink­mars Beschrei­bung vor allem in einem Punkt auf: In der Wei­ge­rung, die Medi­en­ma­schi­ne bzw. ihr Sys­tem wirk­lich zu bedie­nen und zu benut­zen – was im Ver­ein mit der unfä­hi­gen PR der Par­tei zu den ent­spre­chen­den Kata­stro­phen führt.

Aber dann ist das Buch für sich auch ein biss­chen hilf­los: Das gan­ze ist, wenn man es so beschreibt, halt ein Zir­kus, da kann man nichts machen. Und wenn man, wie Stein­brück, nach eige­nen Regeln zu spie­len ver­sucht oder auf sei­nen bewähr­ten Stan­dards beharrt, schei­tert man eben und verliert …

Wolf­gang Schlen­ker: Dok­tor Zeit. Solo­thurn: rough­books 2012 (rough­book 020) 54 Seiten.

Ein klei­nes Erin­ne­rungs­buch an den 2011 ver­stor­be­nen Schlen­ker mit zwei Zyklen sei­ner Gedich­te. Auf­fäl­lig ist bei die­sen schnell ihre sug­ges­ti­ve Sprach-/Vers­me­lo­die mit den kur­zen Ver­sen. Die Spra­che wird hier prä­gnant durch Glas­klar­heit und efährt dadurch auch eine gewis­se Här­te. Immer wie­der greift Schlen­ker auf kur­ze Paar­ver­se zurück: Knapp­heit und Dich­te, star­ke Kon­zen­tra­ti­on auf Zustän­de und Ergeb­nis­se sind viel­leicht wesent­li­che Merk­ma­le sei­ner Lyrik. Nicht so sehr inter­es­sie­ren ihn dage­gen Pro­zes­se und Abläu­fe: Ver­ben sind des­halb gar nicht so bedeut­sam in die­sen Texte:

genau­ig­keit
als gäbe es
kei­ne gren­zen (sankt nun, 49)

Schlen­kers Lyrik, die hier immer wie­der um das Pro­blem der Frei­heit kreist („gut wäre auch frei­er wil­le“ (15)), ent­wi­ckelt dabei so etwas wie eine Topo­gra­phie des Den­kens mit Orten der Reflek­ti­on und der Selbst­ver­ge­wis­se­rung. Wege, Pfa­de etc. spie­len hier eine beson­de­re Rol­le. Vor allem aber schafft sie es, durch ihre poin­tier­ten Erkennt­nis­se dabei sehr „schlau“ zu wirken:

die zeit ist nun linear
wie ein fadenkreuz 

ich weiß du bist da
bevor ich glau­be wer ich bin. (4)

Deut­lich wird das auch in dem wun­der­ba­ren „Lich­tung“ (8), für mich wohl das bes­te die­ser Gedichte:

als ich eini­ge glaubenssätze
zum ers­ten mal
laut nach­spre­chen konnte
hör­te ich den donner
in der leitung
leg­te auf
und wähl­te neu 

Moni­ka Rinck: Hasen­hass. Eine Fibel in 47 Bil­dern. Ostheim/​Rhön: Peter Engst­ler 2013. 40 Seiten.
Hasenhass - der Umschlag

Hasen­hass – der Umschlag

Ein befremd­li­ches und erhei­tern­des Buch: Moni­ka Rinck treibt sich schrei­bend und zeich­nend in einer Phan­ta­sie­welt her­um, in der Hasen­hass ein geweis­se Rol­le spielt, in der Haydn zwi­schen Dis­ko-Kugel und Schei­ben­qual­le dis­ku­tiert wird und ähn­lich Unge­heu­er­lich­kei­ten geheu­er sind. Das sind kur­ze Ver­su­che in & mit Sprach- und Denk­be­we­gun­gen, dazu noch sku­ri­le Zeich­nun­gen in und um die Wit­ze her­um – viel­leicht kann man das auch als dozie­ren­de Sprach­spie­le lesen, die asso­zia­tiv ver­ket­tet und mäan­dernd über das Nichts, die Lee­re und ande­re Abwe­sen­hei­ten nach­den­ken („unschö­ne Über­le­gun­gen zur Pra­xis des Nicht­ens“ (9)) und als eine „Reform der See­len­gram­ma­tik“ (14) erhei­tern. „Die Din­ge ver­wan­deln sich, die Bezie­hun­gen blei­ben bestehen.“ (37) heißt es im kur­zen „Nach­trag“. Und so ver­wan­deln sich auch Text und Zeich­nung, Wort und Bild in die­ser Fibel:

Der Wind der Apo­ka­lyp­se weht durch das kaput­te Gedächt­nis. Und wie­der tref­fen wir auf ein Ver­hält­nis von tau­meln­der Äqui­va­lenz. (7)

Der gemeins­te Witz ver­steckt sich übri­gens auf der letz­ten Sei­te, im Impres­sum – und ich bin mir immer noch nicht sicher, ob das ein Witz sein soll oder nur ein bana­ler Feh­ler ist – nach der Lek­tü­re sol­cher Tex­te sucht (und fin­det) man eben über­all Sinn ;-):

Hinrichtung

Hin­rich­tung

Datenschutz

Der bes­te Daten­schutz, das ist eine Bin­sen­weis­heit, ist die Ver­mei­dung von Daten. Des­halb haben SPD & CDU in ihrer unend­li­chen Weis­heit im Koali­ti­ons­ver­trags­ent­wurf beschlos­sen, die Daten aller Bür­ger ein­fach mal auf Vor­rat zu spei­chern – viel­leicht will ein Geheim­dienst ja wis­sen, wo dich du vor ein paar Wochen so rum­ge­trie­ben hast. Wer die Logik dahin­ter nicht ver­steht, ist sicher nicht allein. Auch wenn es halt im Sep­tem­ber zu wenig waren, die dar­auf geach­tet haben.

Wir speichern das. (Schamlos geborgt von der Digitalen Gesellschaft.)

Wir spei­chern das. (Scham­los geborgt von der Digi­ta­len Gesell­schaft.)

Verzaubert in der Phönixhalle

Hexen, Trol­le, Prin­zes­sin­nen und Außer­ir­di­sche tol­len durch die Phö­nix­hal­le. Sie lie­ben und strei­ten sich – aber nur in der Phan­ta­sie. Die Sin­fo­ni­et­ta Mainz hat unter dem Mot­to „Zau­ber­Film­Mu­sik“ zur Ver­zau­be­rung auf­ge­ru­fen. Und fast, als ob sie ihren eige­nen Fähig­kei­ten nicht trau­te, hat sie mit Chris­toph Demi­an noch Ver­stär­kung orga­ni­siert. Des­sen Fähig­kei­ten kann man nun wirk­lich nicht trau­en: Man weiß bei die­sem Illu­sio­nis­ten nie, was als nächs­tes pas­siert. Und was gera­de gesche­hen ist, ver­steht man sowie­so nicht.

Die Musik der Sin­fo­ni­et­ta hät­te aller­dings auch allei­ne schon gereicht, das Publi­kum zu bezau­bern und zu ver­zau­bern. Das groß besetz­te Ama­teur­or­ches­ter hat näm­lich für so ziem­lich jeden Geschmack etwas in sein Pro­gramm gepackt: Von dem fast unver­meid­li­chen Zau­ber­lehr­ling von Paul Dukas und dem Hexen­sab­bath aus Hec­tor Ber­li­oz’ Sym­pho­nie fan­tas­tique über die Ouver­tü­re zu Hän­sel und Gre­tel von Engel­bert Hum­per­dinck bis zu John Wil­liams, Howard Shore und Klaus Badelt reich­te das aus­ge­spro­chen umfang­rei­che Pro­gramm. Nicht nur in ihren eige­nen Gewäs­sern – der klas­si­schen Musik – fischen sie. Gezau­bert wird schließ­lich gera­de im Film ganz beson­ders viel. Und des­halb war auch ganz viel phan­tas­ti­sche Film­mu­sik zu hören, von Lord of the Rings über Har­ry Pot­ter bis zum Fluch der Karibik. 

Dass so eine ordent­li­che Ver­zau­be­rung aller­dings auch viel Arbeit sein kann, wur­de eben­so gewür­digt: Ober­bür­ger­meis­ter Micha­el Ebling zeich­ne­te die Ers­te Vor­sit­zen­de der Sin­fo­ni­et­ta, Nico­la Wöhrl, mit dem Main­zer Pfen­nig aus. Über zwan­zig Jah­re und damit von Beginn an ist sie im Ver­eins­vor­stand dabei – und natür­lich immer auch auf der Büh­ne, als eine der Hor­nis­tin­nen. Als „Motor einer kon­ti­nu­ier­li­chen Auf­wärts­ent­wick­lung“ lob­te Ebling in sei­ner kur­zen Lau­da­tio ihre Arbeit, die ein „wich­ti­ger Bei­trag zur Kul­tur­viel­falt in Mainz“ sei.
Das war nicht die ein­zi­ge Unter­bre­chung der Musik. Denn da war ja auch noch Chris­toph Demi­an: Der Solist, der kein Instru­ment dabei hat­te. Nur mit dem Diri­gen­ten­stab von Micha­el Mil­lard spiel­te er: Er ließ ihn ver­schwin­den und auf­tau­chen, aus dem Feu­er auf­er­ste­hen und zeig­te auch sonst so eini­ge Illu­sio­nen – damit die Zau­be­rei nicht nur in der Phan­ta­sie des Publi­kums statt­fand. Dazu gehör­ten auch Auf­ga­ben aus Har­ry Pot­ters Abschluss­prü­fung wie das magisch schwe­ben­de Tisch­chen – raf­fi­niert und mit garan­tiert live gespiel­ter Musik auch über­haupt nicht alltäglich.

Die Haupt­last lag aber bei der Sin­fo­ni­et­ta Mainz und ihrem Diri­gen­ten Micha­el Mil­lard. Und die hat­ten kei­ner­lei Pro­ble­me, der Phan­ta­sie zu ihrem Recht zu ver­hel­fen. Sie kön­nen näm­lich so ziem­lich alles: Geis­ter beschwö­ren, Zau­ber­sprü­che rau­nen, über­sinn­li­che Ereig­nis­se schil­dern, bedroh­li­che Zei­chen malen oder sata­ni­sche Tän­ze anfeu­ern – alles kein Pro­blem. Mil­lard treibt die Sin­fo­ni­et­ta in der Phö­nix­hal­le zu sehr plas­ti­schem und viel­sei­ti­gem Spiel. Geschmei­dig wech­selt er mit ihr zwi­schen den viel­fäl­ti­gen Stim­mun­gen. Am bes­ten aber klingt das immer dann, wenn die Musi­ker es so rich­tig kra­chen las­sen kön­nen: Die mas­si­ve Klang­aus­beu­te der Sin­fo­ni­et­ta nutzt Mil­lard sehr geschickt – so raf­fi­niert, dass man oft gar nicht mehr viel Phan­ta­sie benö­tigt, son­dern ein­fach ver­zau­bert ist. 

(geschrie­ben für die main­zer rhein-zeitung.)

Ins Netz gegangen (24.11.)

Ins Netz gegan­gen am 24.11.:

Verlust

Nicht nur Die­ter Hil­de­brandt (an den ich mich nur als alten Mann erin­ne­re, sei­ne gro­ße Zeit lag eher vor mei­ner Wahr­neh­mungs­schwel­le …) ist gestor­ben, auch der gro­ße Dich­ter Hans-Jür­gen Hei­se hat die Erde ver­las­sen, wie Fix­poet­ry heu­te ver­mel­det. Sonst scheint die­sen Ver­lust noch nie­mand regis­triert zu haben …

Aus-Lese #21

Jochen Bey­se: Rebel­li­on. Zwi­schen­be­richt. Zürich, Ber­lin: Dia­pha­nes 2013. 166 Seiten.

Jochen Bey­ses Rebel­li­on ist wie­der ein ver­schlun­ge­nes Spiel inmit­ten eines Auf­lö­sungs- und Erkennt­nis­pro­zess. Der Erzäh­ler, der sich hier in einem bruch­stück­haf­ten Wahr­neh­mungs­strom äußert, tau­melt zwi­schen Appa­ra­ten, Rea­li­tät, Lite­ra­tur und Ein­bil­dung. Durch reich­hal­ti­gen Medi­en- und Alko­hol­kon­sum wird das Ver­wirr- oder Vexier­spiel noch ange­heizt. Nur lang­sam kris­tal­li­siert sich her­aus, was erzählt wird – die Erleb­nis­se einer Nacht in Algier, die der Erzäh­ler aber zugleich in Kai­ro ver­bringt: Dort ist näm­lich, rund um den Tah­r­ir-Platz zur Zeit der ägyp­ti­schen Revo­lu­ti­on, der von ihm gespiel­te Ego­shoo­ter „Tod in Kai­ro“ ange­sie­delt. Das ver­mischt sich dann noch mit wei­te­ren Nach­rich­ten, der Ein­ne­rung an Camus’ „Der Frem­de“ und diver­sen Para­noi­en und hyper­bo­li­sier­ten Ste­reo­ty­pen, bis völ­lig unklar ist, was echt ist und was Spiel, was Nach­richt, was Infor­ma­ti­on, was Erle­ben, was Fik­ti­on. Phan­ta­sie, Deli­ri­um, Wirk­lich­keit sind so hoff­nungs­los durch­ein­an­der gera­ten und in ein­an­der verz­wir­belt, dass die Zuge­hö­rig­keit des Erle­bens und Erzäh­lens zu einem der Rei­che höchs­tens momen­tan, pha­sen­wei­se gelingt. 

Ich habe auch nie geglaubt, dass das Lebens­ziel erreicht ist, wenn Spiel und Wirk­lich­keit eins gewor­den sind. (104)

- und doch geht es in Rebel­li­on ja gera­de ganz span­nend um die­se Gren­ze und ihre Übergänge. 

Micha­el Ser­res: Erfin­det euch neu!. Eine Lie­bes­er­klä­rung an die ver­netz­te Gene­ra­ti­on. Ber­lin: Suhr­kamp 2013. 77 Seiten.

Micha­el Ser­res hat über die Gegen­wart nach­ge­dacht – was eigent­lich mit dem, was wir so ein­fach „Ver­net­zung“ oder ähn­lich nen­nen, gemeint ist und was hier pas­siert. Der Über­gang zur Netz-Gene­ra­ti­on (oder so ähn­lich) ist für ihn ein ähn­lich ent­schei­den­der und bedeu­ten­der Schritt wie die Schwel­le zur Schrift in der Anti­ke und zum Buch in der Renais­sance – ein Über­gang, der (noch) nicht aus­rei­chend in sei­nen Kon­se­quen­zen – unter ande­rem für das Bild des Men­schen – gewür­digt wird. Dazu gehört auch die Fol­ge­rung für die Päd­ago­gik: nicht Wis­sen erzäh­len kann mehr ihr Zweck sein, sie soll/​darf, so Ser­res, die neue Kom­pe­tenz­ver­mu­tung an die Stel­le der Inkom­pe­tenz­an­ma­ßung (wie in den letz­ten jahr­hun­der­ten) set­zen – denn das Wis­sen, das frü­her müh­sam ver­mit­telt und bewahrt wer­den muss­te, ist heu­te ja mit einem Fin­ger­tip verfügbar. 

Er nutzt dafür in sei­nem sti­lis­tisch beein­dru­cken­dem Essay (mir haben die har­ten, kla­ren Sät­ze, die fast eine lan­ge Rei­he von The­sen sind, sehr viel Ver­gnü­gen berei­tet) das Bild des Klei­nen Däumlings/​Däumelinchen: Das sind – durch­aus mit Empha­se gedacht – neue Men­schen, die über neue Kör­per-/Raum-/Zeit-/Le­bens­er­fah­run­gen ver­fü­gen und des­halb etwa auch eine neue Moral nötig haben. Und not­wen­dig ist in die­sem Moment der Wen­de, des Über­gangs: neue/​gewandelte Insti­tu­tio­nen (wie Schu­le, Uni­ver­si­tät, Arbeit, Kli­nik …): wie längst gestor­be­ne Ster­ne strah­len sie in ihrer alten Form noch, obwohl sie eben­falls schon tot sind, was sich in der per­ma­nen­ten Unru­he, dem Gerau­ne & Geschwät­ze dort, wo sie noch anzu­tref­fen sind, manifestiert. 

Wie schön wäre es doch, wenn ein paar mehr von den Men­schen, die gera­de halb so alt wie Ser­res (Jahr­gang 1930!) sind, ähn­lich viel von dem gera­de gesche­hen­den Wan­del der Welt und der Men­schen begrif­fen hät­ten – und mit ent­spre­chen­der Lie­be reagie­ren wür­den. Wun­der­bar etwa, wie er Face­book (als Sym­ptom) ver­tei­digt – gera­de im Ver­gleich mit ande­ren Kol­lek­ti­vie­run­gen wie Nati­on, Klas­se etc. – und ihrem Blut­zoll, der jetzt (zunächst mal) mit den vir­tu­el­len Ver­net­zun­gen und Kol­lek­ti­vie­run­gen wegfällt …

Der ori­gi­na­le fran­zö­si­sche Titel ist fast noch bes­ser: „Peti­te Pou­cet­te“ – da schwingt mehr von der Begeis­te­rung, der Empha­se, Lie­be und zärt­li­cher Hin­wen­dung und auch dem Spiel, das den Essay durch­zieht, mit. Das Impe­ra­ti­ve des deut­schen Titels fin­det sich im Text gar nicht so sehr, sug­ge­riert also eine ganz fal­sche Rich­tung – denn die Neu-Erfin­dung geschieht ja bereits, nur die Anpas­sung des/​der System(e) – und der „älte­ren“ Gene­ra­ti­on – lässt noch zu wün­schen übrig. (Typisch übri­gens, dass genau das bei den Rezen­sen­ten zu beob­ach­ten ist: Wenn man der Zusam­men­fas­sung beim Per­len­tau­cher glau­ben darf, stör­te die vor allem die Begeis­te­rung Ser­res von den Mög­lich­kei­ten, die sich eröff­nen, und sie monie­ren, dass er die nega­ti­ven Fol­gen nicht aus­rei­chend reflektiere …)

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