Wunderbar, dieser Abstract, der tatsächlich in einem Tagungsband (EOS Trans. AGU Vol 72 1991, No 27–53, S. 456) veröffentlicht wurde:
Es ist, es ist nichts, es ist
ein Satz aus der Zeit, als der Sommerengel
durch den Nebel flog und rief
Christoph Meckel, Nebel (aus: Blut im Schuh (2001), 15)
http://twitter.com/ASchmidt_Zitate/status/396529926473801728
Aus den Gedankenstrichen der heutigen Tagespresse (auch online) ließe sich ein ganzes Reihenhaus bauen.
— David Hugendick (@davidhug) November 2, 2013
Ears are really strange looking.
— Doug Coupland (@DougCoupland) November 2, 2013
Ein Münsteraner SA-Mann versucht die Scheiben der Synagoge einzuwerfen, verletzt sich durch einen abprallenden Stein aber selbst.
— Heute vor 70 Jahren (@digitalpast) November 9, 2013
http://twitter.com/kjhealy/status/399607384437305344
http://twitter.com/ASchmidt_Zitate/status/400351591066521600
Onomatopoetry is worse than it sounds.
— Nein. (@NeinQuarterly) November 13, 2013
Wenn man gut durch geöffnete Türen kommen will, muß man die Tatsache achten, daß sie einen festen Rahmen haben:
— Robert Musil (@musil_MoE) November 15, 2013
Urbane Problemzonen (64): Weihnachtsmarkt
— David Hugendick (@davidhug) November 18, 2013
Auch zu schön um wahr zu sein: „Koalitionsvertrag“ ist ein Anagramm von „Ratlosigkeit voran!“
— Anatol Stefanowitsch (@astefanowitsch) November 25, 2013
Ins Netz gegangen am 27.11.:
- Chronist seines Lebens und seiner Epoche: Zum Tod von Peter Kurzeck – Literatur Nachrichten – NZZ.ch – Roman Bucheli weist in seinem Peter-Kurzeck-Nachruf in der NZZ sehr richtig darauf hin, dass die Lebenserinnerungsbeschreibung alleine nicht das Entscheidende für die Größe des Kurzeckschen Werks ist:
Nicht Prousts gepflegte «mémoire involontaire» hat ihn umgetrieben, sondern die panische Angst, das Verlorene und Vergangene im Vergessen noch einmal preisgeben zu müssen. Er überliess sich nicht dem Strom der Erinnerung, sondern brachte sie, mit Nabokov, noch einmal und – so die unerfüllbare Hoffnung – lückenlos zum Sprechen.
[…] Kurzeck hegte noch einmal, als hätte es die Bruchstellen der Moderne und die neuen Formen des Erzählens nie gegeben, den Traum von einem Ganzen, das sich im literarischen Kunstwerk nachbilden lässt. Er mochte dabei auch nicht etwa auf das rhetorische Mittel vertrauen, dass im Teil das Ganze enthalten sein könne, sondern nahm sein Verfahren auf eine geradezu brachiale Weise wörtlich: Die Zeit sollte im erzählten Werk gleichsam massstabgerecht noch einmal erstehen. Er stand darum Balzac näher als Proust, und die deutschen Erzähler des 19. Jahrhunderts waren ihm mindestens ebenso vertraut wie seine an raffinierten Erzähltechniken geschulten Zeitgenossen. - Tod im Nebensatz – taz.de – Jan Süselbecks kluger Nachruf auf Peter Kurzeck in der taz:
In der Melancholie dieser Proust’schen Dauermeditation, die zu seiner Marke wurde und ihm einen Platz in der Literaturgeschichte sicherte, ging es Kurzeck aber gar nicht um konkrete Orte. Er war kein Regional- oder gar Heimatschriftsteller. Kurzeck träumte sich in einen ganz eigenen Sound des Denkens und Schreibens hinein, in eine detailversessene, musikalisch vor sich hin kontrapunktierende Ästhetik der Provinz, die tatsächlich alles andere als provinziell war. Kurzeck war auf der Suche nach utopischen Orten, die hätten existieren können
- Die Wahrheit über die Wahrheit: Architekturgeschichte (ganz) kurz gefasst – für so etwas muss man das Internet doch lieben: Architekturgeschichte (ganz) kurz gefasst (wirklich ganz kurz …)
- Nachruf Peter Kurzeck: Die ganze Zeit erzählen, immer | ZEIT ONLINE – Ein sehr anrührender, intensiver und liebevoller Nachruf von Christoph Schröder:
Der Tod von Peter Kurzeck ist das Schlimmste, was der deutschsprachigen Literatur seit vielen Jahren passiert ist./
- Koalitionsvertrag: Der Kern des Netzes – Technik & Motor – FAZ – Da hat Michael Spehr wohl recht:
Netzneutralität eignet sich also bestens als Lackmustest für Netzkompetenz./
Und leider gibt es kaum Politiker (und Manager) in entsprechenden Positionen, die den Test bestehen …
Das vorzügliche Buch von Nils Minkmar ist – da darf man sich vom Untertitel nicht irreführen lassen – keine Reportage im eigentlich Sinne, und schon gar keine, die uns über Politik und Macht wirklich aufklärt. Minkmar ist nämlich zuallererst ein Meister der Wahrnehmung, Beschreibung und Deutung von (politischem) Handeln als symbolischen Handeln: Er kann Zeichen lesen – da ist er guter Kulturwissenschaftler. Und er kann es präzise (be-)schreiben. Dabei beschränkt er sich im Zirkus aber nicht auf den Zeichencharakter des von ihm beobachteten Wahlkampf von Peer Steinbrück und seinen Handlungen, sondern verbindet das mit politischer Erdung. So tauchen immer wieder die Fragen nach der tatsächlichen und medialen Macht der verschiedenen Akteure auf. Sehr gut gefallen hat mir, wie er seinen konkreten Gegenstand – Peer Steinbrück und seinen Wahlkampf – in größere Komplexe einbettet, etwa in Überlegungen zum Vertrauen in die/der Politik, zur psychologischen Situation der deutschen Bevölkerung 2013, zu Postdemokratie und den Medien.
Aber immer wieder ist auch Verzweiflung zu spüren: Verzweiflung, dass der Kandidat, der so richtig und gut ist, an so vielen eigentlich banalen und nebensächlichen Dingen scheitert, dass so vieles einfach nicht funktioniert (bei ihm selbst, im Apparat, in der SPD, in den Medien …). Das wird manchmal für meinen Geschmack etwas suggestiv. Deshalb fallen vor allem die gantz konkreten Analysen besonders positiv auf: Wie Minkmar das Wahlprogramm und vor allem den Slogan der SPD („Das Wir entscheidet“) auseinandernimmt und deutet, das hat große Klasse.
Immer wieder treibt ihn bei seiner Beobachtung des Wahlkampfs vor allem das Verhältnis von Kandidat und Partei um: Steinbrück schildert er als klugen, sachlich und nuanciert denkenden und argumentierenden Überzeugungstäter, die Partei vor allem als unfähig, chaotisch und unwillig. Unwilligkeit kommt beim Kandidaten in Minkmars Beschreibung vor allem in einem Punkt auf: In der Weigerung, die Medienmaschine bzw. ihr System wirklich zu bedienen und zu benutzen – was im Verein mit der unfähigen PR der Partei zu den entsprechenden Katastrophen führt.
Aber dann ist das Buch für sich auch ein bisschen hilflos: Das ganze ist, wenn man es so beschreibt, halt ein Zirkus, da kann man nichts machen. Und wenn man, wie Steinbrück, nach eigenen Regeln zu spielen versucht oder auf seinen bewährten Standards beharrt, scheitert man eben und verliert …
Ein kleines Erinnerungsbuch an den 2011 verstorbenen Schlenker mit zwei Zyklen seiner Gedichte. Auffällig ist bei diesen schnell ihre suggestive Sprach-/Versmelodie mit den kurzen Versen. Die Sprache wird hier prägnant durch Glasklarheit und efährt dadurch auch eine gewisse Härte. Immer wieder greift Schlenker auf kurze Paarverse zurück: Knappheit und Dichte, starke Konzentration auf Zustände und Ergebnisse sind vielleicht wesentliche Merkmale seiner Lyrik. Nicht so sehr interessieren ihn dagegen Prozesse und Abläufe: Verben sind deshalb gar nicht so bedeutsam in diesen Texte:
genauigkeit
als gäbe es
keine grenzen (sankt nun, 49)
Schlenkers Lyrik, die hier immer wieder um das Problem der Freiheit kreist („gut wäre auch freier wille“ (15)), entwickelt dabei so etwas wie eine Topographie des Denkens mit Orten der Reflektion und der Selbstvergewisserung. Wege, Pfade etc. spielen hier eine besondere Rolle. Vor allem aber schafft sie es, durch ihre pointierten Erkenntnisse dabei sehr „schlau“ zu wirken:
die zeit ist nun linear
wie ein fadenkreuzich weiß du bist da
bevor ich glaube wer ich bin. (4)
Deutlich wird das auch in dem wunderbaren „Lichtung“ (8), für mich wohl das beste dieser Gedichte:
als ich einige glaubenssätze
zum ersten mal
laut nachsprechen konnte
hörte ich den donner
in der leitung
legte auf
und wählte neu
Ein befremdliches und erheiterndes Buch: Monika Rinck treibt sich schreibend und zeichnend in einer Phantasiewelt herum, in der Hasenhass ein geweisse Rolle spielt, in der Haydn zwischen Disko-Kugel und Scheibenqualle diskutiert wird und ähnlich Ungeheuerlichkeiten geheuer sind. Das sind kurze Versuche in & mit Sprach- und Denkbewegungen, dazu noch skurile Zeichnungen in und um die Witze herum – vielleicht kann man das auch als dozierende Sprachspiele lesen, die assoziativ verkettet und mäandernd über das Nichts, die Leere und andere Abwesenheiten nachdenken („unschöne Überlegungen zur Praxis des Nichtens“ (9)) und als eine „Reform der Seelengrammatik“ (14) erheitern. „Die Dinge verwandeln sich, die Beziehungen bleiben bestehen.“ (37) heißt es im kurzen „Nachtrag“. Und so verwandeln sich auch Text und Zeichnung, Wort und Bild in dieser Fibel:
Der Wind der Apokalypse weht durch das kaputte Gedächtnis. Und wieder treffen wir auf ein Verhältnis von taumelnder Äquivalenz. (7)
Der gemeinste Witz versteckt sich übrigens auf der letzten Seite, im Impressum – und ich bin mir immer noch nicht sicher, ob das ein Witz sein soll oder nur ein banaler Fehler ist – nach der Lektüre solcher Texte sucht (und findet) man eben überall Sinn ;-):
Der beste Datenschutz, das ist eine Binsenweisheit, ist die Vermeidung von Daten. Deshalb haben SPD & CDU in ihrer unendlichen Weisheit im Koalitionsvertragsentwurf beschlossen, die Daten aller Bürger einfach mal auf Vorrat zu speichern – vielleicht will ein Geheimdienst ja wissen, wo dich du vor ein paar Wochen so rumgetrieben hast. Wer die Logik dahinter nicht versteht, ist sicher nicht allein. Auch wenn es halt im September zu wenig waren, die darauf geachtet haben.

Wir speichern das. (Schamlos geborgt von der Digitalen Gesellschaft.)
Hexen, Trolle, Prinzessinnen und Außerirdische tollen durch die Phönixhalle. Sie lieben und streiten sich – aber nur in der Phantasie. Die Sinfonietta Mainz hat unter dem Motto „ZauberFilmMusik“ zur Verzauberung aufgerufen. Und fast, als ob sie ihren eigenen Fähigkeiten nicht traute, hat sie mit Christoph Demian noch Verstärkung organisiert. Dessen Fähigkeiten kann man nun wirklich nicht trauen: Man weiß bei diesem Illusionisten nie, was als nächstes passiert. Und was gerade geschehen ist, versteht man sowieso nicht.
Die Musik der Sinfonietta hätte allerdings auch alleine schon gereicht, das Publikum zu bezaubern und zu verzaubern. Das groß besetzte Amateurorchester hat nämlich für so ziemlich jeden Geschmack etwas in sein Programm gepackt: Von dem fast unvermeidlichen Zauberlehrling von Paul Dukas und dem Hexensabbath aus Hector Berlioz’ Symphonie fantastique über die Ouvertüre zu Hänsel und Gretel von Engelbert Humperdinck bis zu John Williams, Howard Shore und Klaus Badelt reichte das ausgesprochen umfangreiche Programm. Nicht nur in ihren eigenen Gewässern – der klassischen Musik – fischen sie. Gezaubert wird schließlich gerade im Film ganz besonders viel. Und deshalb war auch ganz viel phantastische Filmmusik zu hören, von Lord of the Rings über Harry Potter bis zum Fluch der Karibik.
Dass so eine ordentliche Verzauberung allerdings auch viel Arbeit sein kann, wurde ebenso gewürdigt: Oberbürgermeister Michael Ebling zeichnete die Erste Vorsitzende der Sinfonietta, Nicola Wöhrl, mit dem Mainzer Pfennig aus. Über zwanzig Jahre und damit von Beginn an ist sie im Vereinsvorstand dabei – und natürlich immer auch auf der Bühne, als eine der Hornistinnen. Als „Motor einer kontinuierlichen Aufwärtsentwicklung“ lobte Ebling in seiner kurzen Laudatio ihre Arbeit, die ein „wichtiger Beitrag zur Kulturvielfalt in Mainz“ sei.
Das war nicht die einzige Unterbrechung der Musik. Denn da war ja auch noch Christoph Demian: Der Solist, der kein Instrument dabei hatte. Nur mit dem Dirigentenstab von Michael Millard spielte er: Er ließ ihn verschwinden und auftauchen, aus dem Feuer auferstehen und zeigte auch sonst so einige Illusionen – damit die Zauberei nicht nur in der Phantasie des Publikums stattfand. Dazu gehörten auch Aufgaben aus Harry Potters Abschlussprüfung wie das magisch schwebende Tischchen – raffiniert und mit garantiert live gespielter Musik auch überhaupt nicht alltäglich.
Die Hauptlast lag aber bei der Sinfonietta Mainz und ihrem Dirigenten Michael Millard. Und die hatten keinerlei Probleme, der Phantasie zu ihrem Recht zu verhelfen. Sie können nämlich so ziemlich alles: Geister beschwören, Zaubersprüche raunen, übersinnliche Ereignisse schildern, bedrohliche Zeichen malen oder satanische Tänze anfeuern – alles kein Problem. Millard treibt die Sinfonietta in der Phönixhalle zu sehr plastischem und vielseitigem Spiel. Geschmeidig wechselt er mit ihr zwischen den vielfältigen Stimmungen. Am besten aber klingt das immer dann, wenn die Musiker es so richtig krachen lassen können: Die massive Klangausbeute der Sinfonietta nutzt Millard sehr geschickt – so raffiniert, dass man oft gar nicht mehr viel Phantasie benötigt, sondern einfach verzaubert ist.
(geschrieben für die mainzer rhein-zeitung.)
Ins Netz gegangen am 24.11.:
- “Diplomatenjagd”: Daniel Koerfer und “Das Amt”. – ich glaube, das ist heute mein lieblingzitat:
Selbst Hitler höchstpersönlich hat Juden vor der Verfolgung geschützt und ihm kann man nun wirklich keine Regimegegnerschaft unterstellen.
der steht in einem kommentar zu den querelen um die aufarbeitung der ns-vergangenheit des auswärtigen amtes
- Koalitionsverhandlungen: Union und SPD begraben die Energiewende | ZEIT ONLINE – Großartig, was für Deppen! „@cduwatch: Union und SPD planen einen l hinterlistigen Dolchstoß gegen die Energiewende: “
- Buch Wien: Lewitscharoff kritisiert Amazon heftig « DiePresse.com – Differenzierung und so scheint ihre Sache nicht zu sein. Schon dass, was die Medien über die Büchner-Preisrede berichteten, war abstoßend. Das hier ist auch nicht viel besser. So verliert sie mich wohl als Leser …
- Fachblatt für Homophobie « Michalis Pantelouris – Michalis Pantelouris zu den neuesten Entgleisungen der BILD:
Ich wünschte, es gäbe ein schöneres Wort für diese Ekligkeiten, die BILD treibt und bei seinen Lesern vermutet, als Homophobie. Denn man darf nie vergessen, dass es ja keine Phobie ist, die solche Leute treibt. Sie haben ja nicht vor allem Angst, sie sind vor allem Arschlöcher.
- Problème de parking ? | Flickr – Photo Sharing! – das Problem des knappen Parkraums in Städten darf nun wohl als gelöst bezeichnet werden:
- Am I a Fucking Feminist? – manchmal ist es eben einfachRT @amandapalmer: this short quiz you can take to determine if you’re a fucking feminist:
Nicht nur Dieter Hildebrandt (an den ich mich nur als alten Mann erinnere, seine große Zeit lag eher vor meiner Wahrnehmungsschwelle …) ist gestorben, auch der große Dichter Hans-Jürgen Heise hat die Erde verlassen, wie Fixpoetry heute vermeldet. Sonst scheint diesen Verlust noch niemand registriert zu haben …
Jochen Beyses Rebellion ist wieder ein verschlungenes Spiel inmitten eines Auflösungs- und Erkenntnisprozess. Der Erzähler, der sich hier in einem bruchstückhaften Wahrnehmungsstrom äußert, taumelt zwischen Apparaten, Realität, Literatur und Einbildung. Durch reichhaltigen Medien- und Alkoholkonsum wird das Verwirr- oder Vexierspiel noch angeheizt. Nur langsam kristallisiert sich heraus, was erzählt wird – die Erlebnisse einer Nacht in Algier, die der Erzähler aber zugleich in Kairo verbringt: Dort ist nämlich, rund um den Tahrir-Platz zur Zeit der ägyptischen Revolution, der von ihm gespielte Egoshooter „Tod in Kairo“ angesiedelt. Das vermischt sich dann noch mit weiteren Nachrichten, der Einnerung an Camus’ „Der Fremde“ und diversen Paranoien und hyperbolisierten Stereotypen, bis völlig unklar ist, was echt ist und was Spiel, was Nachricht, was Information, was Erleben, was Fiktion. Phantasie, Delirium, Wirklichkeit sind so hoffnungslos durcheinander geraten und in einander verzwirbelt, dass die Zugehörigkeit des Erlebens und Erzählens zu einem der Reiche höchstens momentan, phasenweise gelingt.
Ich habe auch nie geglaubt, dass das Lebensziel erreicht ist, wenn Spiel und Wirklichkeit eins geworden sind. (104)
- und doch geht es in Rebellion ja gerade ganz spannend um diese Grenze und ihre Übergänge.
Michael Serres hat über die Gegenwart nachgedacht – was eigentlich mit dem, was wir so einfach „Vernetzung“ oder ähnlich nennen, gemeint ist und was hier passiert. Der Übergang zur Netz-Generation (oder so ähnlich) ist für ihn ein ähnlich entscheidender und bedeutender Schritt wie die Schwelle zur Schrift in der Antike und zum Buch in der Renaissance – ein Übergang, der (noch) nicht ausreichend in seinen Konsequenzen – unter anderem für das Bild des Menschen – gewürdigt wird. Dazu gehört auch die Folgerung für die Pädagogik: nicht Wissen erzählen kann mehr ihr Zweck sein, sie soll/darf, so Serres, die neue Kompetenzvermutung an die Stelle der Inkompetenzanmaßung (wie in den letzten jahrhunderten) setzen – denn das Wissen, das früher mühsam vermittelt und bewahrt werden musste, ist heute ja mit einem Fingertip verfügbar.
Er nutzt dafür in seinem stilistisch beeindruckendem Essay (mir haben die harten, klaren Sätze, die fast eine lange Reihe von Thesen sind, sehr viel Vergnügen bereitet) das Bild des Kleinen Däumlings/Däumelinchen: Das sind – durchaus mit Emphase gedacht – neue Menschen, die über neue Körper-/Raum-/Zeit-/Lebenserfahrungen verfügen und deshalb etwa auch eine neue Moral nötig haben. Und notwendig ist in diesem Moment der Wende, des Übergangs: neue/gewandelte Institutionen (wie Schule, Universität, Arbeit, Klinik …): wie längst gestorbene Sterne strahlen sie in ihrer alten Form noch, obwohl sie ebenfalls schon tot sind, was sich in der permanenten Unruhe, dem Geraune & Geschwätze dort, wo sie noch anzutreffen sind, manifestiert.
Wie schön wäre es doch, wenn ein paar mehr von den Menschen, die gerade halb so alt wie Serres (Jahrgang 1930!) sind, ähnlich viel von dem gerade geschehenden Wandel der Welt und der Menschen begriffen hätten – und mit entsprechender Liebe reagieren würden. Wunderbar etwa, wie er Facebook (als Symptom) verteidigt – gerade im Vergleich mit anderen Kollektivierungen wie Nation, Klasse etc. – und ihrem Blutzoll, der jetzt (zunächst mal) mit den virtuellen Vernetzungen und Kollektivierungen wegfällt …
Der originale französische Titel ist fast noch besser: „Petite Poucette“ – da schwingt mehr von der Begeisterung, der Emphase, Liebe und zärtlicher Hinwendung und auch dem Spiel, das den Essay durchzieht, mit. Das Imperative des deutschen Titels findet sich im Text gar nicht so sehr, suggeriert also eine ganz falsche Richtung – denn die Neu-Erfindung geschieht ja bereits, nur die Anpassung des/der System(e) – und der „älteren“ Generation – lässt noch zu wünschen übrig. (Typisch übrigens, dass genau das bei den Rezensenten zu beobachten ist: Wenn man der Zusammenfassung beim Perlentaucher glauben darf, störte die vor allem die Begeisterung Serres von den Möglichkeiten, die sich eröffnen, und sie monieren, dass er die negativen Folgen nicht ausreichend reflektiere …)



