Max Reger, Nachtlied op. 138
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Max Reger, Nachtlied op. 138
Wenn die Nacht am stillsten ist soll wohl so etwas wie ein Abgesang auf die Popliteratur sein. Als solcher ist es aber schwach. Interessant ist die darin erzählte Beziehungsgeschichte: Die Beziehung der Erzählerin zu Ludwig, die gerade endete, und die zu ihrer Nutter, die zu enden droht – mit dem Tod. Da geht es dann irgendwie um die Frage: Kann man postmodern-theoretisch klug sein und trotzdem fühlen/lieben, in Beziehung, Liebe, Leben wahrhaftig sein? Dazwischen gibt es – die Referenz auf die Popliteratur lässt grüßen – haufenweise mehr oder minder schlaue und raffinierte Anspielungen, im Gegensatz zum Original aber keine Ironie. Leider kommen der Autorin immer wieder Sentenzen in den Weg, von den sie sich offenbar nicht trennen mochte – da wird des dann manchmal etwas platt und klischeebeladen: Sätze wie „Ich will wahr sein.“ (155) sind irgendwie doch immer peinlich. Am besten gefiel mir der erste Teil – „Die Nacht“ überschrieben -, der auch erzähltechnisch vom eher banalen, oft ungenau erzählten Rest positiv unterschieden ist.
„Am Ende geht es um den Moment.“ (9 & 223) behauptet der Text am Anfang und Schluss – aber eigentlich stimmt das gar nicht, es geht eben selbst dem Text schon immer um mehr, das mit dem Moment klappt ja gerade nicht.
Ein schöner Gedichtband aus dem kleinen, feinen Wiesbadenen luxbooks-Verlag. Bei Elze geht es um das „Ich“. Und zwar schon ganz banal und offensichtlich: Ich ist fast immer schon im ersten Vers präsent, oft sogar als erstes Wort). Das „Ich“ ist hier offenbar eines, das viel zu viel weiß und reflektiert ;-), aber trotzdem authentische Stimme bleibt: wissend, aber fühlend – Eine Kombination, die recht selten (geworden) ist in der deutschsprachigen Lyrik, da pendelt das meistens zu einer der beiden Seiten. Sollbruchstellen sind in diesem Konzept aber manchmal durchaus erkennbar: das ist nicht Lyrik, die hermetisch gegen alle Angriffe gewappnet ist – im Gegenteil, sie zeigt sich offen und durchaus auch verletzlich. Definitiv nicht ganz meine Sache ist die sehr deutliche Prosanähe der Langzeilen.
Typischerweise geht es um das ewige, freundlich-obsessive Ich, das fast ununterbrochene „ich bin …“ macht das deutlich. Das „Ich“ ist hier eine ganze Menge, u.a. ein Monster und ein Atomkraftwerk …). Wie schon im Titel (der ein vorkommender Vers ist) wird dieses „ich bin“ gerne mit einem „… was ist“ kombiniert. Offenbar soll nicht nur über das Ich (über das Subjekt und seine Brüchigkeiten, seine Konstitutionsprobleme) gesprochen werden, sondern auch das Wort immer und immer wieder gesagt werde – bis es nicht nur seine Bedeutung verloren hat, sondern auch als Wort bedeutungslos geworden ist, weil es in so unzähligen Varianten, Beschreibungen und Metaphern immer wieder neu versucht wird (aber, das ist typisch für Elze: das bleibt (fast) immer heiter, dieses letztlich doch brutale und weit gehende Scheitern, das wird nicht dunkel, depressiv oder aggresiv, sondern freundlich, fast unbeschwert, etwas schweifend und einfach weiter suchend – bis kurz vor Schluss des übrigens schön gestalteten Bandes.
Schönheiten gibt es hier einige, aber manchmal erscheinen die mir zumindest beim ersten Lesen etwas undiszipliniert, nicht ganz fertig ausgearbeitet.
ich paddel in den lüften herum nach ein paar wahren worten (38)
Ein kurzer Text, aber durchaus ein starker, dieses Selbsporträt mit Bonaparte von Julia Schoch. Und ein kluges, aber nicht tröstliches Buch: Was passiert, wenn zwei „Vergangenheitsmenschen“ in Liebe zu einander kommen oder eben nicht zu einander finden? Das erzählt Schoch präzise, mit vielen sehr treffenden Sätzen in einem kurzen, aber ausreichend Romänchen: Das Scheitern einer Beziehung, die von Anfang an keine Chance hat – und ihr Symbol im Zufall des Roulette-Spiel(en)s findet. Es geht dabei zwar offensichtlich um Leidenschaft, ist aber sehr überlegt, oft analytisch, meistens trocken, auch sprachlich fern jeden Überschwangs und leidenschaftlichen Ausbruchs. Der Trick ist natürlich, dass gerade die Geschicht selbst nicht erzählt wird, sondern höchstens in Andeutungen klar wird. Erzählt wird stattdessen das Erzählen und das Erinnern, die Frage der Vergangenheit, versetzt mit Fragmenten der Liebesgeschichte. Und das konnte mich durchaus erfreuen.
In Wirklichkeit ist Schreiben eine Form des Wartens. Solange ich dies schreibe, ist nichts zu Ende, kann es eine wiederholung geben. (96)
Ins Netz gegangen am 15.12.:
Wenn ein Mozart schlecht aufgeführt wird, gibt man dem Dirigenten die Schuld – denn alle kennen das Stück und wissen, wie es eigentlich klingen müsste. Wenn aber ein Nono schlecht aufgeführt wird, halten die meisten den Komponisten für schlecht.
Nett auch der Seitenhieb auf Thomas Mann (wegen der Kontroverse um den „Doktor Faustus“):
Aber ich glaube, hätte er sich nicht so über Thomas Mann ärgern müssen, hätte er länger gelebt.
Überhaupt liegt der Protest quer zu allen Lagern und Nationalitäten. Die Konfliktlinie ist trotzdem völlig klar: Bürger gegen Institutionen. Und nicht nur Bürger gegen Staat, es geht auch um Konzerne. Es geht um den Konflikt zwischen dem Einzelnen und der absoluten Macht unter den neuen Bedingungen des Informationszeitalters.
Robert Schumann war begeistert von ihnen: Fréderich Chopins 24 Préludes op. 28, die er als „Skizzen, Etudenanfänge, oder will man, Ruinen, einzelne Adlerfittige, alles bunt und wild durcheinander“ charakterisierte. Vor allem waren sie ihm ein Zeichen der Künheit und Genialität des Komponistenkollegen. Und wenn man sich anhört, wie Yulianna Avdeeva den Zyklus im Frankfurter Hof spielte, möchte man Schumann unbedingt zustimmen.
Das liegt nicht daran, dass Avdeeva bei ihrem Mainzer Gastspiel im Rahmen der Reihe „Internationale Pianisten“ die Virtuosität der 24 kurzen Stücke besonders betonte. Sondern daran, dass sie den ganzen Zyklus beseelte. Und das heißt vor allem, dass sie ausgesprochen vielfältig spielte. Manchmal ist das pure Verführungen, dann wieder reine Virtuosität, mal sind es heiter perlende scheinbare Leichtigkeiten, mal düstere Visionen. Aber alles lebt, immer atmet der Klavierton. Und stets ist die Poesie der Préludes zu hören – nicht nur der Noten, sondern auch des Klangs. Denn vor allem im leiseren, gedämpften Register kann Avdeeva aus dem Flügel im Frankfurter Hof viel herausholen. Ohne Schwulst spielt sie, aber mit einem feinen Ohr für die Zwischenreiche der Stimmungen, die leichten Eintrübungen, aber auch die vorsichtigen optimistischen Anwandlungen – und den fähigen Fingern, das genau umzusetzen. So zeigen sich die Préludes bei ihr in der Verbindung von Virtuosität und Innigkeit als wirklich romantische Musik.
Das liegt auch daran, dass ihr warmer, sanft gerundeter Ton mit der nötigen Stabilität für diese Vielfalt nur in sehr geschwinden und lauten Passagen etwas hart und grell wird. Dafür ist ihre Klangfülle im pianissimo grandios. Aber sowieso ist es gar nicht so sehr das aufbrausende Moment, das in ihrer Interpretation begeistert, sondern das zurückgenommene, melancholische: Da sind die Töne einfach viel farbiger, selbst in der Schwarz-Weiß-Welt noch vielfältiger differenziert als in den stürmerischen Préludes, die bei Avdeeva oft etwas grell und fast geschwätzig wirken.
Fast magisch klangen unter ihren Händen auch die eher selten zu hörenden „Drei Klavierstücke“ von Franz Schubert. Späte Werke sind das, geschrieben im Todesjahr des Komponisten, deren nachdenklichen Töne man heute fast schon die Ahnung des Todes unterstellen möchte. Voller Subtilität und mit einem sehr fragenden, immer suchenden Ton spielt Avdeeva sie als Musik, die nicht alles weiß und ihre Lücken kennt – eine Musik der Vergewisserung und Suche, die hier in starker emotionaler Spannung mit souveräner Zartheit fast die Zeit aufzuheben vermag.
Sergej Prokofjews siebte Klaviersonate wirkte zwischen diesen beiden Romantikern fast wie ein Fremdkörper – nicht wegen seiner Modernität, sondern wegen seiner lebendigen Schroffheit, die bei Avdeeva freilich nur in einer etwas glattgebügelten Versionen erscheinen: Gerade die Nervosität der Musik spielt hier keine besondere Rolle. Das liegt auch dran, dass große Gesten bei ihr immer bloße Gesten bleiben und nie so zwingend sind wie der intensive Ausdruck, den sie gerade den unscheinbaren Momenten der Sonate mit auf den Weg gibt. Die wirkliche Emotion steckt eben immer im Detail – und die Intensität ebenso.
(geschrieben für die mainzer rhein-zeitung.)
Es gehört zur Vorweihnachtszeit wie der Adventskranz, der Glühwein und der Lebkuchen: Das Weihnachtsoratorium. Und mit „dem“ Weihnachtsoratorium ist natürlich immer der 1734 komponierte Kantatenzyklus von Johann Sebastian Bach gemeint. Jedes Jahr wieder begeistert es in seiner Großartigkeit. Diese Musik für sechs Sonntage – von Weihnachten bis Epiphanis – geballt an einem Abend zu hören, das ist immer wieder beeindruckend. Und das liegt nicht nur an der schieren Größe, sondern an der Vielfalt und Intensität der Bach’schen Musik, die auch heute noch, nach den unzähligen Aufführungen, die jeder schon gehört hat, neu und unverbraucht klingen kann.
Da kommt es freilich sehr auf die Musiker an – und das sind keine geringen Anforderungen: Chor und Solisten, Instrumentalisten und Dirigent sind hier gleichermaßen immer wieder gefordert.Das Konzert der Mainzer Musikhochschule in St. Ignaz mit dem Gutenberg-Kammerchor, dem Neumayer-Consort und Solisten aus dem „Barock vokal“-Programm, zeigte sehr schön, dass man dazu aber nicht unbedingt große Namen braucht.
Dirigenten des Weihnachtsoratorium stehen immer wieder vor der Entscheidung, ob sie eher auf Opulenz setzten oder als Musiker eine zurückgenomme Schlichtheit bevorzugen. Felix Koch, der die studentische Besetzung leitete, hat die seltene Möglichkeit, beides gleichzeitig zu tun. Sein Chor ist relativ klein besetzt und entsprechend wendig und schlank im Klang, das Orchester spielt sicher auf Originalinstrumenten. Zusammen können die ordentlich auftrumpfen, aber auch fast kammermuskalisch und intim klingen.
Dafür sind aber die Solisten sehr großzügig besetzt: Insgesamt neun junge, von Andreas Scholl im Kolleg „Barock vokal“ auf diese Aufführung vorbereitete Sänger und Sängerinnen teilen sich Rezitative und Arien. Mit Ausnahme des Evangelisten, den Jonas Boy zugleich jugendlich-frisch und sicher singt, wechseln sich die Vokalisten dabei im Lauf der Kantaten ab. Das macht das Oratorium einerseits abwechslungsreich, sorgt andererseits aber auch für eine gewisse Uneinheitlichkeit.
Aber abwechslungsreich war das Weihnachtsoratorium in St. Ignaz sowieso. Natürlich sind die von Felix Koch angeschlagenen Tempi zügig, aber nie übertrieben forsch. Er bringt die Ensembles zu einer federnden, impulsiven und treibenden Klanggestalt. Im Ganzen wirkt das aber vor allem angenehm unprätentiös: Koch bemüht sich um eine schlichte Wahrheit, die die Musik nicht als pompösen Monolithen zelebriert, sondern hörbar Offenheit und Klarheit anstrebt. Deswegen steht der gesungene Text auch sehr im Vordergrund, von „Lallen“ oder „matten Gesängen“, wie es im Anfangschor der dritten Kantate heißt, war hier nichts zu spüren. Besonders schön gelingen aber immer die Momente, in denen die Musik – vor allem im Chor – leicht und hell wird: Hier findet Koch mit seiner Truppe in innigen und überzeugenden Klängen am ehesten zu sich. Und in diesen Momenten lässt sich der Weihnachtsmarktrubel ganz einfach vergessen und der eigentlich Grund für das Fest rückt wieder ins Bewusstsein: Die Geburt des Erlösers.
(geschrieben für die Mainzer Rhein-Zeitung.)
Ins Netz gegangen am 11.12.:
Man hat es nicht leicht mit den Schriftstellern. Sie vertreten ihre Meinung schön und überzeugend, auch wenn es sich um eine mäßig durchdachte Meinung handelt. Ebenso schwierig ist es mit ihren Freunden. Als ich zusagte, diesen Beitrag zu schreiben, wollte ich für eine bessere Regelung der Sterbehilfe in Deutschland plädieren – nicht gerade für die Extremform der Liberalisierung, die Herrndorf sich wünschte, aber doch dafür, dass Sterbewillige es leichter haben sollten als er. Aber vor dem Gesetz besteht kein Unterschied zwischen meinem Wunsch und denen anderer Hinterbliebener, die aus akutem Unglück heraus die Todesstrafe für Kindermörder fordern, ohne sich dafür zu interessieren, dass das Recht noch andere Situationen als die ihre zu berücksichtigen hat.
Es ist einfach, anhand von Arbeit und Struktur die Nachteile des bestehenden Systems zu kritisieren. Aber es ergibt sich keineswegs einfach daraus, wie ein anderes System auszusehen hätte.
Nun trifft die Staatsregierung die Entscheidung im Alleingang. Das Buch sei volksverhetzend, sagte Staatskanzleichefin Haderthauer. Wenn Verlage das Buch in Zukunft veröffentlichen wollten, werde die Staatsregierung Strafanzeige stellen./
Manchmal wirkt es, als mussten die Autoren blind in einen Container mit wiederzuverwertendem Material greifen und es irgendwie zu einem gemeinsamen Oberbegriff zusammenklöppeln.
Und von jetzt ab und eine ganze Zeit über
Wird es keinen Sieger mehr geben
Auf eurer Welt, sondern nur mehr
Besiegte.
Bertolt Brecht, Der Untergang des Egoisten Johann Fatzer

John Cage
Ins Netz gegangen am 4.12.:
Es ist eine aktive Welt und es kommt darauf an, wie man spricht. Es ist doch ganz egal, wovon man spricht, Hauptsache, es wird anständig erzählt.
Die Sprache ist ein lebendiges Ding und nicht etwas, was schon festgelegt ist. Was man übrigens auch sehen kann, wenn die Kleinlebendigen kommen, die kleinen Kinder, wenn sie die Sprache nachbilden wollen und Vor- und Nachsilben ausprobieren.
Und natürlich, ganz zentral:
Die Sprache lebt, wie gesagt. Es ist Leben, konkret, nicht Spielerei.
(Die Fragen von Dorothea von Törne kommen mir allerdings durchaus seltsam vor, wie hingeschmissene Brocken, die warten, ob Erb irgendwie darauf reagieren mag …
Ja, man denkt, man sei für die Bewahrung der Welt zuständig.
Schön auch diese beiläufige Bemerkung:
Man muss schon aufpassen, was man liest.
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