Hineingehört #1

free music (unsplash.com)William White

Eine klei­ne Intakt-Aus­le­se aus dem zwei­ten Halb­jahr – dank des vor­treff­li­chen Abon­ne­ments bekom­me ich ja immer alle Ver­öf­fent­li­chun­gen post­wen­dend gelie­fert:

Musikalische Monster

musical monsters (cover)Die Musi­cal Mons­ters sind eigent­li­ch gar kei­ne neue Musik. Auf­ge­nom­men wur­de das näm­li­ch schon 1980 bein Jazz­fes­ti­val Wil­li­sau. Des­sen Chef Nik­laus Trox­ler hat die Bän­der gut auf­ge­ho­ben. Und Intakt konn­te sie jetzt, nach umständ­li­cher Rech­te­ab­klä­rung, end­li­ch ver­öf­fent­li­chen. Zu hören ist ein Quin­tett mit gro­ßen Namen: Don Cher­ry, Irè­ne Schwei­zer, Pier­re Fav­re, John Tchi­cai und Léon Fran­cio­li, das es so son­st nicht zu hören gibt. Am erstaun­lichs­ten fand ich, wie wenig man die 36 Jah­re, die die Auf­nah­me alt ist, der Musik anhört. Die vier groß­for­ma­ti­gen, größ­ten­teils frei­en Impro­vi­sa­tio­nen – es gibt ein paar melo­di­sch fixier­te Anker­punk­te, die als fest­ge­leg­te Schar­nie­re zwi­schen Solo- und Kol­lek­tiv­im­pro­sia­tio­nen die­nen – klin­gen erstaun­li­ch fri­sch, ja fast zeit­los: Die intui­ti­ve Spon­ta­nei­tät und Inten­si­tät ist ziem­li­ch fes­selnd. Vor allem, weil sie von allem etwas bie­tet – ver­spiel­te Faxen, inti­me Momen­te, packen­de Ener­gi­en … Und weil die fünf ziem­li­ch gleich­wer­ti­ge, glei­cher­ma­ßen fas­zi­nie­ren­de Musi­ke­rin­nen sind, die sich immer wie­der zu gro­ßen Momen­ten inne­rer Stär­ke auf­schwin­gen, die in erstaun­li­cher Dich­te auf­ein­an­der fol­gen und zuwei­len sogar ech­tes Pathos erzeu­gen. Beson­ders fas­zi­nie­rend fand ich das in der zwei­ten Impro­vi­sa­ti­on, mit über zwan­zig Minu­ten auch die längs­te, in der sich groß­ar­ti­ge Soli (vor allem Tchi­cai sticht hier her­vor) und span­nen­de, in ihrer fra­gen­den Offen­heit unge­mein fes­seln­de Grup­pen­im­pro­vi­sa­tio­nen bal­len.

Don Cher­ry, John Tchi­cai, Irè­ne Schwei­zer, Léon Fran­cio­li, Pier­re Fav­re: Musi­cal Mons­ters. Intakt Recor­ds CD 269, 2016. 59:28 Minu­ten.

Tiefe Gedächtnismusik

deep memory (cover)Für Deep Memo­ry hat sich Bar­ry Guy, der die CD im Trio mit Mari­lyn Cris­pell und Paul Lyt­ton auf­nahm, von den Bil­dern Hughie O’ Dono­ghu­es zu Kom­po­si­tio­nen anre­gen las­sen. Die sie­ben Stü­cke tra­gen die Titel der Bil­der: Slee­per, Dark Days, Fal­len Angeld oder Silen­ced Music hei­ßen sie etwa. Das sind aber kei­ne musi­ka­li­schen Ekphra­sen, son­dern eher Kom­po­si­tio­nen, die sich von dem Bild – sei­nen Far­ben, sei­ner Gestalt und vor allem viel­leicht: sei­ner Stim­mung – zu akus­ti­schen Ein­drü­cken inspi­rie­ren las­sen. Vie­les davon lässt sich in wei­ten Bögen, oft ver­träumt-ver­spon­nen und/oder nach­denk­li­ch, tra­gen und spei­st sich nicht unwe­sent­li­ch aus dem inti­men Zusam­men­spiel des Tri­os, das ja schon seit gefühl­ten Ewig­kei­ten immer wie­der mit­ein­an­der musi­ziert und der Effekt­ha­sche­rei aus­ge­spro­chen abhold ist. Und das auch auf Deep Memo­ry vor allem durch sei­ne kam­mer­mu­si­ka­li­sche Dich­te und Inten­si­tät der far­ben­präch­ti­gen, ten­den­zi­ell melan­cho­li­schen Klang­ma­le­rei gefällt. Die befin­den sich, so hört es sich an, eigent­li­ch immer auf der glei­chen Wel­len­län­ge, um die­ses stra­pa­zier­te, hier aber sehr pas­sen­de Bild zu benut­zen.

Bar­ry Guy, Mari­lyn Cris­pell, Paul Lyt­ton: Deep Memo­ry. Intakt Recor­ds CD 273, 2016. 52:07 Minu­ten.

Am großen Rad drehen

christoph irniger pilgrim, big wheel live (cover)Big Wheel Live ist die zwei­te CD von Chris­to­pher Irni­ger Pil­grim, wie der span­nen­de Saxo­fo­nist, Kom­po­nist & Band­lea­der Irni­ger sein Quin­tett mit Ste­fan Aeby, Davie Gis­ler, Raf­fae­le Bos­sard und Michi Stulz nennt. Auch wenn das „Live“ wirk­li­ch auf Live-Auf­nah­men (in Ber­lin, Rat­ze­burg und Alten­burg) zurück­geht, klingt die CD rich­tig gut. Und das ist in sofern beson­ders schön, weil gera­de Aeby ein sehr klang­sin­ni­ger Pia­nist ist.
Die gan­ze Musik auf Big Wheel Live zeich­net sich mei­nes Erach­tens nicht nur durch ihren kraft­vol­len Sound aus, son­dern vor allem durch ihre Räum­lich­keit und Tie­fe. Oft ist das nur lose ver­bun­den, nur locker gewebt, gibt so den Fün­fen aber viel Chan­cen zum aus­grei­fen­den Erfor­schen. Und der Frei­raum zum Erkun­den, die Öff­nung in alle Him­mels­rich­tun­gen wird weid­li­ch genutzt: Man hört eigent­li­ch immer eine per­ma­nen­te Such­be­we­gung, die stets fort­schrei­tet, die beim schö­nen Augen­bli­ck ver­weilt, son­dern immer wei­ter will – wie es gute impro­vi­sier­te Musik eben (fast) immer tut. Neben Aeby, der sich immer mehr zu einem sehr inter­es­san­ten Pia­nist ent­wi­ckeln zu scheint, hat mir hier vor allem die oft sehr span­nen­de, über­ra­schen­de Spiel­wei­se des Schlag­zeu­gers Michi Stulz gefal­len. Gitar­rist Dave Gis­ler und Irni­gers Saxo­phon umspie­len sich oft sehr eng. Ent­schei­dend aber in allen sechs Titeln: Das bleibt immer im Fluss, die Ide­en ver­san­den eigent­li­ch nie, son­dern fin­den immer neue Pfa­de und Wege.

Chris­to­ph Irni­ger Pil­grim: Big Wheel Live. Intakt Recor­ds CD 271, 2016. 62:44 Minu­ten.

Das unsterbliche Trio

schlippenbach trio, warsaw concert (cover)Viel­leicht ist es das euro­päi­sche Jazz­trio schlecht­hin, sicher­li­ch wohl das am längs­ten amtie­ren­de: Alex­an­der von Schlip­pen­bach, Evan Par­ker und Paul Lovens sind das Schlip­pen­bach-Trio. Und zwar schon ewig. Und jedes Jahr sind wie wie­der unter­wegs (die schö­ne Film-Doku­men­ta­ti­on Aber das Wort Hund bellt ja nicht hat die jähr­li­che „Win­ter­rei­se“ des Tri­os ja sehr anschau­li­ch gemacht), immer wie­der in der glei­chen Beset­zung mit immer ande­rer Musik – nicht ohne Selbst­iro­nie nennt Schlip­pen­bach das im Begleit­heft des­halb „das unsterb­li­che Trio“.
Erstaun­li­ch dar­an ist vor allem, dass es nicht lang­wei­lig wird, dass die­se gro­ße Ver­traut­heit mit­ein­an­der nicht in Belang­lo­sig­kei­ten mün­det. Auch das War­saw Con­cert ist wie­der eine auf­nah­me­tech­ni­sch und musi­ka­li­sch gut gelun­ge­ne Live-Auf­nah­me vom Okto­ber 2015. Und beim Schlip­pen­bach-Trio heißt das: Eine ein­zi­ge lan­ge Impro­vi­sa­ti­on ohne Pau­sen oder Unter­bre­chun­gen, ohne Ver­ab­re­dun­gen und ohne Kom­po­si­ti­on – knapp 52 Minu­ten sind das (dazu kommt noch eine kur­ze, fast humo­ris­ti­sche Zuga­be).
Der ers­te Ein­druck: Net­te Musik – das funk­tio­niert ein­fach, das passt. Und das ist wirk­li­ch Musik der Frei­heit: Weil sie sich (und dem Publi­kum) nichts (mehr) bewei­sen müs­sen. Und: Weil sie viel kön­nen, enorm viel, sowohl allei­ne mit ihren Instru­men­ten als auch zusam­men als Trio. Des­halb schöpf­ten sie mit locke­rer Hand auch in War­schau eine Viel­falt der Stim­mun­gen. Vie­les klingt viel­leicht etwas alters­mil­de in der Klar­heit und dem lyri­schen Aus­druck (wenn man das so deu­ten möch­te), stel­len­wei­se aber durch­aus auch boh­rend und insis­tie­rend. Das ist ein­fach aus­ge­zeich­ne­ter, gelun­ge­ner, „klas­si­scher“ Free Jazz, den man ger­ne wie­der­holt anhört und ver­sucht nach­zu­voll­zie­hen.

Schlip­pen­bach Trio: War­saw Con­cert. Intakt Recor­ds CD 275, 2016. 56:36 Minu­ten.

Zur Erleuchtung

aeby trio, to the light (cover)Ste­fan Aeby war ja auch schon im Chris­to­ph Irni­ger Pil­grim ver­tre­ten, hier ist nun noch ein­mal als „Chef“ mit sei­nem eige­nen Trio zu hören, das aber mit Michi Stulz am Schlag­zeug noch eine wei­te­re Per­son mit dem Pil­grim-Ensem­ble teilt. To the Light ist eine Musik des Klan­ges: Ich höre hier nicht so sehr rhyth­mi­sch und/oder har­mo­ni­sche Struk­tu­ren, son­dern vor allem Klän­ge. Klän­ge, die sich immer wie­der zu klei­nen Sze­nen und ima­gi­nä­ren Bil­dern for­men. Das Trio passt da in die­ser Hin­sicht aus­ge­zeich­net zusam­men: Nicht nur Ste­fan Aeby am Kla­vier ist ein biss­chen ein Klang­ma­gier, auch der Bass von André Pou­saz hat erstaun­li­che Qua­li­tä­ten (beson­ders schön im Titel­stück wahr­zu­neh­men, das sowie­so eine ziem­li­ch groß­ar­ti­ge Sache ist). Und Michi Stulz, mit hal­li­gen Becken und eng klin­gen­den Toms zau­bert für einen Schlag­zeu­ger erstaun­li­ch flä­chi­ge Klän­ge. Das ist ein poe­ti­scher Sound, eine wei­che und wan­del­ba­re Klang­ge­stalt, die mir aus­ge­zeich­net gefällt. Vie­les ist (min­des­tens ten­den­zi­ell) leicht ver­träumt und klingt mit roman­ti­sch-impres­sio­nis­ti­schem Ein­schlag, ist dabei aber kei­nes­wegs schwind­süch­tig, son­dern durch­aus mit gesun­der Kraft und Potenz musi­ziert, die aber nie auf­trump­fend aus­ge­spielt wird: So klin­gen Musi­ker, die sich nichts bewei­sen müs­sen, möch­te ich ver­mu­ten. Die Musi­ker muss man sich wohl immer als lau­schen­de Instru­men­ta­lis­ten vor­stel­len: Viel­leicht ist es ja sowie­so gera­de das (Zu-)Hören, das gute Impro­vi­sa­to­rin­nen (oder Jaz­zer) aus­macht. Oder, wie es Flo­ri­an Kel­ler im Begleit­text sehr tref­fend for­mu­liert: „Eine Musik, die die Figur des Lau­schers ent­ste­hen lässt. Und die­sem viel Raum für sei­ne Fan­ta­sie gewährt.“

Ste­fan Aeby Trio: To the Light. Intakt Recor­ds CD 274, 2016. xx:28 Minu­ten.

Arbeitsplatz (10)

unter-sensbach, prospekt

Am letz­ten Sams­tag war ich – am Vor­abend des drit­ten Advents – zur Eröff­nung des Weih­nachts­markt im Sens­bach­tal, genau­er gesagt: in der Dorf­kir­che Unter-Sens­bach. Da der Män­ner­ge­sang­ver­ein sang, hat­te ich nicht so arg viel tun … Die Kir­che, ein Neu­bau von 1961, hat eine etwas unge­wöhn­li­che bau­li­che Lösung für die 1963 erbau­te Orgel (an der sich dem Anschein nach seit damals nichts geän­dert hat, noch nicht ein­mal der Motor­schlüs­sel …): Die steht in einer Nische neben dem Altar, an der Rück­wand der Kir­che – so hat man als Orga­nist lei­der sehr wenig Kon­takt zur Gemein­de.

Ins Netz gegangen (15.12.)

spinnenetz mit tautropfenMichael Podger

Ins Netz gegan­gen am 15.12.:

  • Kom­men­tar: Adblo­cker| Kuketz IT-Secu­ri­ty Blog → mike kuketz nennt adblo­cker nicht ohne grund „digi­ta­le selbst­ver­tei­di­gung“ – die sind näm­li­ch der bes­te weg, die ver­brei­tung von mal­wa­re ein­zu­däm­men.
  • Frank­reich: Wenn der Not­stand zur Nor­ma­li­tät wird | Netz­po­li­tik → seit über einem jahr herrscht nun schon in frank­reich der aus­nah­me­zu­stand, der wich­ti­ge rechts­staat­li­che garan­ti­en außer kraft setzt – und ein ende ist nicht abzu­se­hen. und von außen ist das schon lan­ge nicht mehr grenz­wer­tig, son­dern eben eines demo­kra­ti­schen rechts­staa­tes aus­ge­spro­chen unwür­dig …
  • Mit Gegen­warts­mu­sik die Son­der­sphä­re ver­las­sen | neue musik­zei­tung → der kom­po­nist claus-stef­fen mahn­kopf möch­te den begriff „neue musik“ los­wer­den und schlägt als ersatz „gegen­warts­mu­sik“ vor:

    Der Begriff neue Musik sagt nichts. Denn gleich, wie man zu den Pro­duk­tio­nen sti­lis­ti­sch, ideo­lo­gi­sch oder geschmack­li­ch steht, ein gera­de kom­po­nier­tes, auf­ge­führ­tes impro­vi­sier­tes, instal­liers­tes „Werk“ ist immer neu, per defi­ni­tio­nem. Der Begriff neue Musik ist irre­füh­rend, denn er unter­stellt, dass etwas, was kürz­li­ch aus der Tau­fe geho­ben wur­de, auch etwas Neu­es brin­ge. Das ist meis­tens nicht der Fall. Und dass die­ses Neue auch die Wich­tig­keit begrün­de. Das ist eben­falls meis­tens nicht der Fall. Die Neu­heit kommt sozu­sa­gen frei Haus, garan­tiert, ohne Anstren­gung und – schlim­mer noch – ohne Hin­ter­fra­gung. Der Begriff neue Musik ist ein Armuts­zeug­nis.
    […] Die (im wei­tes­ten Sin­ne) kom­po­nier­te Musik von heu­te, die in der GEMA als E-Musik gehan­delt wird, ist somit Kunst­mu­sik, die aus der Gegen­wart kommt. Sie müss­te somit Gegen­warts­kunst­mu­sik hei­ßen. Oder abge­kürzt: Gegen­warts­mu­sik. Das ist der Begriff, der mir noch am geeig­nets­ten erscheint.

  • Die Digi­tal­char­ta – und was wir statt­des­sen brau­chen | irights.info → der anwalt marc pütz-poula­lion mit mei­nes erach­tens guten argu­men­ten gegen die digi­tal­char­ta und vor­schlä­ge, was statt­des­sen nötig wäre (im grun­de: durch­set­zung und wei­ter­ent­wick­lung des ein­fa­chen rech­tes anstatt nebu­lö­ser grund­rech­te …)
  • Paal Nils­sen-Love: Auf dem Schoß von Art Bla­key | Zeit → tobi­as lehm­kuhl hat für die „zeit“ den free-jazz-schlag­zeu­ger paal nils­sen-love por­trä­tiert

    Fra­ge zum Schluss: Ob es auch Din­ge auf dem Schlag­zeug gebe, die er expli­zit anders habe machen wol­len als all die ande­ren Schlag­zeu­ger, die er als Kind in Sta­van­ger gehört habe? Nein, das kön­ne man so nicht sagen. Er habe eher alles in sich auf­ge­saugt und sei­ne eige­ne Sache dar­aus gemacht. Musik geht eben durch den gan­zen Kör­per. Beson­ders die des Schlag­zeugs.

Gute-Laune-Musik von basta

basta (bandfoto)

basta, freizeichen (cover)Net­ter­wei­se sagen die fünf Jungs von Bas­ta gleich dazu, was sie machen: Gute-Lau­ne-Musik. Das ist nicht nur ein Song­ti­tel auf dem neu­en Album „Frei­zei­chen“, son­dern auch die bes­te Art, das Quin­tett und ihre Musik zu cha­rak­te­ri­sie­ren. Gute Lau­ne quillt näm­li­ch sozu­sa­gen aus allen akus­ti­schen Poren ihrer ach­ten CD, die sie in einem Wohn­zim­mer auf dem Land vor den Toren Kölns auf­ge­nom­men haben. Die ent­spann­te Atmo­sphä­re bei der Ent­ste­hung hat sich hör­bar nie­der­ge­schla­gen. Man hat unwei­ger­li­ch immer fünf nett lächeln­de jun­ge Män­ner vor dem inne­ren Auge – manch­mal geht das Lächeln etwas mehr ins Schel­mi­sche, manch­mal wird es eher iro­ni­sch. So klingt’s auch: Bas­ta bedient sich hier und da, lässt sogar mal ein biss­chen Bossa-Nova-Fee­ling auf­kom­men. Die Haupt­sa­che aber ist: Es klingt immer schön ein­gän­gig, leicht und zugäng­li­ch. Und manch­mal schreit das gera­de­zu nach Live-Auf­füh­rung: „Ich Bass“ zum Bei­spiel, bei dem Arndt Schm­ö­le zei­gen kann, was so ein Bass drauf hat, aber auch „Nach­kom­men“ sind Songs, die auf der CD ihr Poten­zi­al nur andeu­ten kön­nen.

Ande­res zün­det dage­gen auch hier. „Gute-Lau­ne-Musik“ nimmt die ein­fa­chen Pop-Hit-Rezep­te mit stamp­fen­dem Beat und um jeden Preis ein­gän­gi­gen Refrains schön aufs Korn. „Ein klei­nes biss­chen Hass“ ist eine schö­ne Pophym­ne gegen das Unter­drü­cken eige­ner Gefüh­le. Und mit „Buh­ne 4“ ist auch eine rich­tig schwär­me­ri­sch-sehn­süch­ti­ge Lie­bes­bal­la­de als „Sehn­suchts­sin­fo­nie“, wie es im Text heißt, mit dabei. Es geht dann auch immer wie­der leicht zeit- und kul­tur­kri­ti­sch zu – schon gleich beim Opener „Off­line“, der das Off­line-Gehen als das „letz­te Aben­teu­er“ gegen die Online­sucht stellt, oder beim musi­ka­li­sch sehr mit­rei­ßen­dem „Sodom und Gome­ra“, das die Aus­wüch­se des Pau­schal­tou­ris­mus mit fre­cher Zun­ge vor­führt.

Bas­ta sind eben ganz schön aus­ge­fuchst, rou­ti­niert und smart. Wil­liam Wahl, der mit ein wenig Hil­fe bei den Arran­ge­ments von Oli­ver Gies, fast allei­ne für Tex­te und Musik zustän­dig ist, hat sich vie­le net­te Details ein­fal­len las­sen. Ins­ge­samt wirkt „Frei­zei­chen“ aber etwas atem­los, Schlag auf Schlag folgt hier immer mehr von fast dem Glei­chen. Das ist alles ohne Fra­ge auf glei­chem, hohen Niveau. Aber kaum ein Song sticht wirk­li­ch her­aus. Alle sind sie zwei­fel­los gut gemacht, haben net­te Ide­en und fei­nen Witz, geschick­te Arran­ge­ments und wer­den aus­ge­zeich­net gesun­gen.

So klingt das gan­ze „Frei­zei­chen“ aus­ge­spro­chen geschmei­dig, bleibt dabei aber auch etwas ober­fläch­li­ch. Das ist alles so ein­gän­gig, dass man sich bei jedem Song sofort zu Hau­se fühlt. Aber lei­der sind sie auch schnell wie­der aus den Ohren und aus dem Sinn. Bas­ta macht auf „Frei­zei­chen“ eigent­li­ch nichts ver­kehrt, tech­ni­sch und sän­ge­ri­sch sowie­so nicht. Aber den­no­ch gibt es eher wenig, was so rich­tig voll begeis­tert und Zustim­mung erzwingt. Aber immer­hin hat Bas­ta damit viel Mate­ri­al für groß­ar­ti­ge Live-Kon­zer­te.

Bas­ta: Frei­zei­chen. The Record Com­pany 2016. Spiel­zeit: 47:42.

(Zuer­st erschie­nen in »Chor­zeit – Das Vokal­ma­ga­zin« No. 33, Dezem­ber 2016.)

Ins Netz gegangen (12.12.)

netzgebilde (unsplash.com)Clint Adair

Ins Netz gegangen am 12.12.:

Das Weihnachtsliederbuch der King’s Singers

the king's singers (gruppenbild)Andy Staples

the king's singers, christmas songbook (cover)Mehr als zehn Jahre nach ihrem letzten Weihnachtsalbum gibt es endlich das neue "Christmas Songbook" der King's Singers. Das bietet eine knappe Stunde traditionelle und moderne Weihnachtslieder: Von "Stille Nacht" und Gustav Holsts "In the Bleak Midwinter" über Irving Berlins "White Christmas" bis zu "We Wish You a Merry Christmas" sind - sozusagen als saisonale Ergänzung des "Great American Sonbooks" - lauter Klassiker dabei, mit einem deutlichen Schwerpunkt auf dem amerikanischen Repertoire.

So klassisch die Auswahl ist, so modern und frisch klingen die ideenreichen Arrangements der drei Arrangeure, die mit den Fähigkeiten der sechs Engländer bestens vertraut sind: Alexander L'Estrange, Keith Robert und Robert Rice. Deren gewitzte und abwechslungsreiche Arrangements bilden ein großartiges Fundament, auf das die King's Singer mal swingend, mal mit ausgefeilt kunstvoller Ernsthaftigkeit, aber immer im unnachahmlichen King's-Singers-Sound singend ein wunderbar intensives Weihnachten bauen. Das "Christmas Songbook" hat genau die richtige Mischung aus Bewährtem und Neuem, aus frischen Klängen und bekannten Melodien, damit die Weihnachtszeit nicht langweilig wird.

The King's Singers: Christmas Songbook. Signum Classics 2016, SIGCD459. Spielzeit: 56:24.

(Zuerst erschienen in »Chorzeit – Das Vokalmagazin« No. 33, Dezember 2016.)

Hier gibt's noch ein Erklär- und Werbevideo der Gruppe:

Ins Netz gegangen (9.12.)

web (unsplash.com)Michael Podger

Ins Netz gegan­gen am 9.12.:

  • The Late Medi­eval Christ­mas Feast | Doing His­to­ry in Public → Ele­an­or Rus­sell über das spät­mit­tel­al­ter­li­che weih­nachts­fest in eng­land:

    Like today, the most spec­ta­cu­lar and anti­ci­pa­ted part of the medi­eval Christ­mas was not the Mass, then man­da­to­ry, but Christ­mas feast, an event which offe­red not only an oppor­tu­ni­ty to cele­bra­te the bir­th of Christ, recon­nect with fami­ly and fri­en­ds, and eat to burst­ing, but also the chan­ce to express soci­al hier­ar­chies and iden­ti­ty.

    To under­stand the rami­fi­ca­ti­ons of the Christ­mas feast, we should view it as much of a per­for­man­ce as the enter­tain­ments which accom­pa­nied it. Guests who per­for­med admi­ra­b­ly might recei­ve a mark of favour, whil­st soci­al sole­cis­ms, such as star­ting to eat befo­re the host did, could mean dis­gra­ce.

    Like today, the medi­eval Christ­mas feast was as much about con­sump­ti­on, com­men­sa­li­ty, and soci­al mano­eu­vring as it was about reli­gi­on.

  • Die­se Sum­me hat man nicht auf der hohen Kan­te“ | bör­sen­blatt → noch so ein ten­den­ziö­ser bericht über ver­la­ge und die vg wort. ich hab‘ immer noch nicht kapiert, war­um die ver­la­ge die vg-wort-ein­nah­men so drin­gend brau­chen. wenn sie so krea­tiv und schöp­fe­ri­sch tätig sind und eige­ne rei­hen ent­wi­ckeln (!) – war­um pas­sen sie die auto­r­ho­no­ra­re bzw. auto­rin­nen­be­tei­li­gun­gen an den buch­um­sät­zen in ihren ver­trä­gen nicht ent­spre­chend an? war­um müs­sen sie das ille­gal über die vg wort finan­zie­ren?
  • Intel­lek­tu­el­len-Däm­me­rung |Tages-Anzei­ger → eine ziem­li­ch gute ver­tei­di­gung (und erklä­rung) des typus „intellektuelle/r“ und sei­ner not­wen­dig­keit von mar­tin ebel:

    Prüf­stein intel­lek­tu­el­len Enga­ge­ments ist allein, ob es über das eige­ne Inter­es­se hin­aus­geht, ob es das Wohl des Gan­zen im Auge hat. Es geht nicht um eine Cha­rak­ter- oder Mut­prü­fung des Intel­lek­tu­el­len, son­dern um sein Urteils­ver­mö­gen, sei­ne Fan­ta­sie, sei­ne Ori­gi­na­li­tät.

    Intel­lek­tu­el­le sind auch kei­ne Welt­erklä­rer noch gar Pro­phe­ten, denen man blind fol­gen kann. Sie sind aber dazu da, in einer Welt, in der Grup­pen­e­go­is­men sich immer stär­ker arti­ku­lie­ren, dar­an zu erin­nern, dass es Wer­te und Inter­es­sen gibt, die über den Eigen­nutz hin­aus­ge­hen – zum Nut­zen aller. Frau­en­rech­te und Mei­nungs­frei­heit, Min­der­hei­ten­schutz und Rechts­si­cher­heit sind sol­che zen­tra­len Wer­te.

Ins Netz gegangen (5.12.)

web (unsplash.com)Michael Podger

Ins Netz gegan­gen am 5.12.:

  • Politi­cal Cor­rect­ness: Genug mit dem dum­men Geschwätz! | Zeit → wie­der eine sehr gute & tref­fen­de kolum­ne von Mely Kiyak

    Politi­cal Cor­rect­ness kann man weder über­zie­hen noch über­trei­ben. Es sei denn, man hat genug vom Den­ken und von der Lust, Gleich­heit unter Men­schen zu schaf­fen. Genug davon, Viel­falt als Gleich­wer­tig­keit zu betrach­ten. Wer degra­die­ren­de Begrif­fe für Schwar­ze, Homo­se­xu­el­le oder Mus­li­me im poli­ti­schen Dis­kurs für unver­zicht­bar hält, muss von vorn begin­nen. Nicht die­je­ni­gen, die die­sen Zivi­li­sa­ti­ons­sprung schon hin­ter sich gebracht haben, müs­sen sich den poli­ti­sch Unkor­rek­ten anpas­sen, son­dern umge­kehrt.

  • Politi­cal cor­rect­ness: how the right inven­ted a phan­tom ene­my | Guar­di­an → moi­ra wei­gel vom „guar­di­an“ unter­sucht sehr aus­führ­li­ch und mit viel hin­ter­grund das kon­zept der „poli­ti­schen kor­rekt­heit“ als vor­wurf und ankla­ge

    None of the sto­ries that intro­du­ced the menace of politi­cal cor­rect­ness could pin­point whe­re or when it had begun. Nor were they very pre­cise when they explai­ned the orig­ins of the phra­se its­elf. Jour­na­lists fre­quent­ly men­tio­ned the Soviets – Bern­stein obser­ved that the phra­se “smacks of Sta­li­nist ortho­d­oxy”– but the­re is no exact equi­va­lent in Rus­si­an. (The clo­sest would be “idein­ost”, which trans­la­tes as “ideo­lo­gi­cal cor­rect­ness”. But that word has not­hing to do with dis­ad­van­ta­ged peop­le or mino­ri­ties.) The intel­lec­tual his­to­ri­an LD Bur­nett has found scat­te­red examp­les of doc­tri­nes or peop­le being descri­bed as “politi­cal­ly cor­rect” in Ame­ri­can com­mu­nist publi­ca­ti­ons from the 1930s – usual­ly, she says, in a tone of mocke­ry.

    The phra­se came into more wides­pre­ad use in Ame­ri­can lef­tist cir­cles in the 1960s and 1970s – most likely as an iro­nic bor­ro­wing from Mao, who deli­ver­ed a famous spee­ch in 1957 that was trans­la­ted into Eng­lish with the tit­le “On the Cor­rect Hand­ling of Con­tra­dic­tions Among the Peop­le”.

    But soon enough, the term was reb­ran­ded by the right, who tur­ned its mea­ning insi­de out. All of a sud­den, ins­tead of being a phra­se that lef­tists used to check dog­ma­tic ten­den­ci­es wit­hin their move­ment, “politi­cal cor­rect­ness” beca­me a tal­king point for neo­con­ser­va­ti­ves. They said that PC con­sti­tuted a left­wing politi­cal pro­gram­me that was sei­zing con­trol of Ame­ri­can uni­ver­si­ties and cul­tu­ral insti­tu­ti­ons – and they were deter­mi­ned to stop it. 

  • Der Hass ist nicht neu. Für uns nicht. | Ueber­me­di­en → noch ein­mal mely kiyak, hier ihre rede von der ver­lei­hung des otto-bren­ner-prei­ses, in der sie auf pro­ble­ma­ti­sche ent­wick­lun­gen in gesell­schaft und v.a. den medi­en hin­weist, die immer noch nicht ras­sis­mus ras­sis­mus nen­nen wol­len und anders­ar­tig­keit oder ver­schie­den­heit immer noch nicht ver­ste­hen
  • Es gibt kei­ne digi­ta­len Grund­rech­te |algorithmwatch.org → algo­rith­m­watch ana­ly­siert den vor­schlag für eine eu-char­ta digi­ta­ler grund­rech­te. ich ten­die­re dazu, mit die­ser ana­ly­se (und eini­gen ande­ren kri­tik­punk­ten, u.a. bei tante.cc) über­ein­zu­stim­men …

    Wir brau­chen nicht neue Grund­rech­te, wir brau­chen eine Revi­si­on der vor­han­de­nen Kri­te­ri­en für deren Anwen­dung im digi­ta­len Zeit­al­ter.

Winterliche Romantik mit Katie Melua

katie melua & gori women's choir (gruppenbild)

katie melua, in winter (cover)Katie Meluas "In Winter" ist die akustische Version einer kuscheligen Szene vor dem Kamin, während draußen die Kälte klirrt: Das Feuer knistert, die Gitarre klimpert und Melua singt. Aber nicht allein: Für ihr Weihnachtsalbum hat sie den georgischen Gori Women's Choir und Bob Chilcott als Arrangeur verpflichtet.

Zusammen bieten sie eine Mischung aus eigenen Songs und traditioneller georgischer, rumänischer und ukrainischer Weihnachtsmusik, und ein Teil von Rachmaninoffs Vespervertonung. Vor allem ist "In Winter" aber eine Katie-Melua-CD: Nicht nur die eigenen Songs, auch der Rest des Programms klingt unverkennbar nach ihr, ob das nun Joni Mitchells "River" oder Adolphe Adams "Holy Night" ist. Nur dass die hier mit sehr verhaltener Instrumentierung auskommen und dafür den Gori Women's Chor quasi als Instrument mitbenutzen. Der kann nämlich, von Bob Chilcott versiert arrangiert, wunderbar im Hintergrund farbige, sanft schimmernde Klangflächen aufbauen, vor der sich Meluas Stimme frei entfaltet. Besonders anrührend schön gelingt das im rumänischen Wiegenlied "Leganelul Lui Lisus": Der einfache Chorsatz unterstützt die schlichte, graziöse Melodie sehr einfühlsam. Auch im georgischen "If you are so beautiful" spielen Meluas volltönendes Solo und der dunkel, rauh und ursprünglich-intensiv klingende Gori Women's Choir in der Abwechslung überzeugend zusammn. "In Winter" genießt man wohl dann am besten, wenn man sich dieser totalen Rührung einfach hingibt und sich zu einer musikalischen Winterfeier überreden lässt, die Weihnachten (fast) ohne sowieso nur störenden religiösen Bezüge feiert. Und das dafür mit aller Emphase und ein bisschen Kitsch tut.

Katie Melua: In Winter. Featuring Gori Women's Choir. BMG 2016. Spielzeit: 35:27.

(Zuerst in einer etwas kürzeren Version erschienen in »Chorzeit – Das Vokalmagazin« No. 33, Dezember 2016.)

Zu "Perfect World" gibt es hier auch noch ein schön kitschiges Video:

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