Eine andere Form von Müdigkeit: die der »Stellung«, des »Verhältnisses zu«: »Wie stehen Sie zum Marxismus, zum Freudianismus, zu x, zu y?«, »Welche Haltung nehmen Sie in dieser Frage ein?« Ermüdung: die Frage nach der Position. Die heutige Welt ist voll davon (Wortmeldungen, Manifeste, Unterschriften usw.), und deshalb ist sie ermüdend: Schwierigkeit, frei zu flottieren, den Platz zu wechseln. (Schweben heißt dagegen einen Raum bewohnen, ohne sich an einen Platz fest zu binden = erholsamste Körperhaltung: Bad, Schiff.)Roland Barthes, Das Neutrum, 52
(Das stimmt heute vielleicht noch mehr als vor knapp 40 Jahren (1978), als Barthes das so beobachtete …)
Man könnte Doris KnechtsWald als „Streeruwitz für Anfänger“ bezeichnen: Ein dezidiert feministischer Roman, der auf aktuelle Gegebenheiten reagiert. Für „Anfänger“ deshalb – das ist nicht abwertend gemeint -, weil Knecht die Radikalität und Härte, auch im stilistischen, von Streeruwitz fehlt. Das macht Wald zunächst mal einfacher lesbar. Die nahtlos wechselnden, fast ineinander gleitenden verschiedenen Stillagen und das beschwörende, fern an Thomas Bernhard erinnernde (oder sind das nur die Austriazismen?) insistierende Wiederholen bestimmter (Schlüssel-)Begriffe verleihen dem Text einen ganz eigenen, interessanten und oft fesselnden Klang.
Es geht hier um ein Reaktion auf die letzte Weltwirtschaftskrise – die ganz spezielle der Luxus-Mode-Designerin Marian, die sich mit der Erweiterung ihres exklusiven Geschäftes verspekuliert hat und, um der drohenden Privatinsolvenz zu entgehen, aus ihrem Leben, der Stadt und der Gesellschaft flieht in ein dörfliches Haus im Familienbesitz, wo sie nun versucht, ohne Geld in einer Art Subsistenzwirtschaft zu überleben. Das klappt natürlich nicht so ganz, da sind ein paar Hühnerdiebstähle ebenso notwendig wie eine Art Prostitution mit dem im Dorf residierenden Großbauern/Gutsbesitzer.
In der radikal weiblichen Perspektive kristallisiert sich das und die Hintergrundgeschichte Marian in der von Knecht sehr klug und harmonisch gestalteten Informationsvergabe erst sehr allmählich und Stück für Stück heraus. Gut gefallen hat mir, wie Knecht hier auf die Labilität des mordernen Wohlstandlebens hinweist und die neue Archaik unter den Bedingungen der absoluten Existenzsicherung auf einmal jede Romantik verliert. Wenn man Marian dann als Exempel liest, entwickelt Wald also eine allgemeine Dystopie: Die moderne kapitalistische Gesellschaft ist nur eine sehr dünne Hülle. Und es gibt wenig Möglichkeiten, sich dem zu entziehen – auch im Wald bleibt Marian ja im System gefangen, die Beziehung zu Franz, ihrem „Gönner“ unterscheidet sich eigentlich nur in einem Punkt zu ihrem bisherigen Leben im Marktkapitalismus: Die Abhängigkeit, das Ausgeliefert Sein ist nun direkt, liegt für alle Beteiligten (und die Zuschauenden der Dorfgemeinschaft) offen, im Gegensatz zu der verdeckt-indirekten Abhängigkeit von wenigen wohlhabenden Käuferinnen zuvor. Einen Ausweg gibt es also nicht – auch das etwas lieto-fine-mäßige Happy-End führt aus dem System nicht heraus, sondern stabilisiert nur die Abhängigkeiten.
Sie hatte nicht im Auge gehabt, dass die Weltwirtschaftskrise die Zeiten und Gegebenheiten viel radikaler veränderte, als es auf den ersten Blick, ihren Blick, schien: dass die Zeiten nämlich für alle unübersichtlich geworden waren, auch für die ganz Smarten. (59)
Mara Genschel: Referenzfläche #5. 2016
Zu den Referenzflächen von Mara Genschel etwas kluges oder auch nur halbwegs vernünftiges zu schreiben fällt mir sehr schwer. Deswegen hier nur so viel: Auch die fünfte Ausgabe hat mich (wieder) fasziniert. Sie beginnt – etwas überraschend – zunächst fast mir einer richtigen Story: Der Zerstörung (die an Pierre Boulez’ Aufforderung, die Opernhäuser in die Luft zu sprengen, erinnert) des Wiesbadener Literaturhauses Villa Clementine. Aber das, was zerstört wird, ist natürlich wieder nur der Text der Villa Clementine. Bilder werden zu Texten: ein mit Tesafilm eingeklebter Zettel „Türknauf“ repräsentiert im Bildrahmen die Repräsentation des repräsentativen Bauwerks der repräsentativen Kunst (oder so ähnlich). Dieses Spiel mit den Eben von Text und außertextlicher Welt, die Aufhebung der traditionellen strikten Unterscheidung dieser Signifikationsbereiche ist ja das, was mir an Genschels Referenzflächen so viel Freude bereitet. Und das funktioniert auch hier wieder: Der Text ist Text ist Wirklichkeit, ist aber schon als Text nicht mehr nur Text, sondern auch Bild und Montage (eingeklebte und eingeschriebene Texte), ist aber auch als Text schon zerstört durch Überschreibungen, verrutschte Zeilen und Durchstreichungen etc. Und er wird in seiner Materialität ad absurdum geführt (?), wenn leere Seiten einen Rahmen erhalten, auf dem ein eingeklebtes „Blatt 3“ die Leere repräsentiert und natürlich zugleich wieder zerstört. In diesem ewigen sic-et-non, diesem verspielten hier-und-da muss man wohl den Raum der Referenzfläche sehen und schätzen.
Daniela Danz: V. Göttingen: Wallstein 2014. 80 Seiten.
Und wo das Vaterland anfängt ist ein dunkler Ort wie Schnee der die Umrisse zeigt wie alles was aufhört (49)
„Gedichte“ verheißt V im Untertitel. Und doch beginnt es nach dem Auftakt im prinicipium nach dem weit zurückgreifenden Zitat aus Zedlers Universallexikon zum Begriff „Vaterland“ erst einmal mit Prosa (mit dunkel funkelnder, die mich etwas an Klaus HoffersBieresch-Romane erinnert), die neue Mythen erzählt. Oder: Kurze Prosa, die Beobachtungen als mythische erzählt, leicht melancholisch angehaucht. Immer schwingt da auch ein bisschen Verfall und Niedergang mit.
Schon hier, noch viel stärker dann aber in den folgenden Gedichten, ist Heimat bei Danz immer ein problematischer Begriff: Gerade wie selbstverständlich ist er immer gefährdet und immer im Wandel – einem Wandel, der nicht Verbesserung, sondern in der Regel eher Verschlechterung und Verfall bringt und Probleme offenlegt, Probleme auch im Verhältnis des lyrischen Ichs zu Heimat und Vaterland. Schon der Anfang zeigt das schwierige/problematische Verhältnis der Autorin/Erzählerin zur „Heimat“ sehr deutlich auf. Der Band setzt mit den Zeilen ein: „Das ist das Land von dem man sagt /das alles hier aufhört und alles anfängt“. Das erste Gedicht endet dann am Ende der ersten Seite mit dem Vers: „aber du wolltest umkehren“ – also die Rückkehr (?) in die Heimat wird problematisiert, sie geschieht nicht (ganz) freiwillig, sie bleibt mit Widerständen verbunden.
V lebt immer schon im distanzierten, kritischen Verhältnis zum Vaterland und zur Heimat: aus der (auch emotionalen) Spannung zwischen diesen beiden Begriffen, auch zwischen Natur/Landschaft und Menschen/Politik (der Nationalstaaten) ziehen die meisten Texte ihre Potential. Die sind oft lakonisch, immer genau und manchmal schmerzhaft. Vor allem im „Exemplum“-Teil wird dann die politische Komponente von Heimat (auch von Landschaft!) besonders deutlich, aber auch die „echte“ Politik – und der Mythos (auch der neu erfundene, selbst gemachte – vgl. die Prosastücke des Beginns) – spielen hier eine große Rolle. Im Ganzen ist Veine manchmal seltsame Mischung aus romantisch (?) verträumter Empfindungs- und Gefühlslyrik und harter Realitätsaufnahme der Gegenwart der Postmoderne (und der nationalstaatlichen Politik), zusätzlich gekoppelt und aufgeladen mit mythologischen Aspekten – der Clash dieser beiden Blicke wird im letzten Gedicht sehr deutlich vorgeführt.
Ein Band mit anregender, oft fesselnder Kurzprosa und Lyrik (aber diese teilende Unterscheidung wird ja gerade sowieso zunehmend brüchig, von beiden Seiten gibt es Auflösungserscheinungen) also, der formal zwar keine Grenzen austestet, es mir aber durch seine Vielfalt in Form und Inhalt (und der meiner sehr nahestehenden Position zu „Heimat“) sehr angetan hat.
Die schnellen Zügen halten kaum in unserer Gegend wer sieht den Weg schon hier das Feld umfassen seitlich so als hielte er allein es davon ab das Korn mit einer Husche in die Furchen zu verstreuen so wie die Männer hier auf Rädern sich begrüßen es nichts bedarf als eines Nickens anerkennend um zu sagen: ich seh du lebst vom Zug aus ist das alles immer schon in rechts und links geschieden bleibt die Landschaft nur ein Anblick […] (23, Hier)
Leonhard Frank: Der Mensch ist gut. Zürich, Leipzig: Max Rascher 1918. 209 Seiten. (Europäische Bücher)
Eigentlich unvorstellbar, dass so etwas heute geschrieben werden könnte: Nicht nur wegen des Pazifismus (der ja aus dem gesellschaftlichen Diskurs ziemlich radikal verdrängt wurde von den „Realpolitikern“ …), sondern gerade auch wegen des ungeheuren Optimismus, der aus allen Zeilen dieser mitten im größten Schlachten aller Zeiten verfassten Erzählungen spricht, ja eigentlich sogar schreit, wirkt Der Mensch ist gut von Leonhard Frank total unzeitgemäß. Dabei steht dieses mal als das „leidenschaftlichste Buch gegen den Krieg […], das die Weltliteratur“ aufweise bezeichnete Werk in seiner Zeit – es erschien erstmals 1918, als der Erste Weltkrieg noch tobte – gar nicht mal allein. Heute mag vieles naiv anmutend: Der Glaube an eine kommende Revolution, die Fähigkeit der (Nächsten-)Liebe, alles Böse (und den Krieg) zu überwinden – das ist heute etwas fremd. Aber so radikal Franks „Lösung“ – er spricht sogar von einem „Revolutionszug der Liebe“ (111) – ist, so radikal und erschütternd ist auch seine Schilderung der blutigsten Grausamkeiten des „Großen Krieges“, des sinnlosen Stellungskrieges und des Unsinns des Fallens auf dem sogenannten „Feld der Ehre“ – die Leere dieses Topos thematisieren die Novellen von Frank immer wieder.
So hehr Überzeugung und Ziel Franks sind – sein hier unerschüttlicher Glaube an das Gute in den Menschen, das alles Böse überwinden und verdrängen wird – ästhetisch ist das mit hundert Jahren Abstand doch etwas dünn. Nicht nur die vielen Wiederholungen, die fehlende Varianz, sondern gerade die Formelhaftigkeit des Textes und seines Inhaltes schwächen Der Mensch ist gut deutlich. Ich kann das nur noch als eine Art Zeitzeugnis lesen: Das war ja keineswegs eine total abseitige Position, die Frank hier einnimmt – Der Mensch ist gut war ein ungeheuer erfolgreiches Buch. (Und doch blieb er, schaut man auf den weiteren Verlauf der Geschichte, im großen und ganzen wirkungslos …)
»Wir wollen nicht das Unmögliche versuchen: die Gewalt mit Gewalt auszurotten. Wir wollen nicht töten. Aber von dieser Sekunde an soll alle Arbeit ruhen. Denn alle Arbeit würde noch im Dienste dieses Zeitalters des organisierten Mordes stehen. Das Zeitalter des Egoismus und des Geldes, der organisierten Gewalt und der Lüge hat in dieser weißen Sekunde, hat in uns eben sein Ende erreicht. Zwischen zwei Zeitalter schiebt sich eine Pause ein. Alles ruht. Die Zeit steht. Und wir wollen über die Erde, durch die Städte, durch die Straßen gehen und im Geiste des kommenden neuen Zeitalters, des Zeitalters der Liebe, das eben begonnen hat, jedem sagen: ‚Wir sind Brüder. Der Mensch ist gut.‘ Das sei unser einziges Handeln in der Pause zwischen den Zeitaltern. Wir wollen mit solch überzeugender Kraft des Glaubens sagen: ‚Der Mensch ist gut‘, daß auch der von uns Angesprochene das tief in ihm verschüttete Gefühl ‚der Mensch ist gut‘, unter hellen Schauern empfindet und uns bittet: ‚Mein Haus ist dein Haus, mein Brot ist dein Brot.‘ Eine Welle der Liebe wird die Herzen der Menschen öffnen im Angesichte der ungeheuerlichsten Menschheitsschändung.« (64)
Hans Thill: in riso /der dürre Vogel Bin /kälter als /Dunlop. Berlin, Heidelberg, Edenkoben, Santiago de Chile, Schupfart: roughbooks 2016 (roughbook 035). 102 Seiten.
Das ist ein roughbook, mit dem ich gar nichts anfangen konnte. Thill nutzt hier Gedichte von Petrarca, John Donne, Robert Herrick, Paul Fleming, Hölderlin, Trakl, Daniel Heinsius, Günter Plessow, Pablo Neruda und anderen – also quer durch die Zeiten und Sprachen – als eine Art Vorlage oder erweiterte Inspiration für seine eigenen Verse. Die stehen dann in kleinen Gruppen – meist um die zehn Verse – direkt unter einem im Original zitierten Vers der Vorlage. Mal lassen sie sich sprachlich direkt darauf beziehen, wenn Thill etwa ein einzelnes Wort, eine Wortgruppe nutzt, um es zu variieren, der Bedeutung assoziierend nachzuforschen. Mal ist der Bezug auch eher inhaltlich. Und mal – sogar gar nicht so selten – ist der Bezug auch sehr opak, nur irgendwie (?) assozierend, inspirierend. Mir ist dabei eigentlich immer unklar geblieben, was die Methode will und/oder was Thills eigene Texte dann wollen. Vielleicht war ich auch einfach nicht in der Stimmung – aber bei mehreren Versuchen hat mich da, von einigen kleinen feinen Ideen, nichts fasziniert oder irgendwie gepackt. Und, wie gesagt, ich kapiere den Zusammenhang zwischen Vorlage und Neuschöpfung einfach nicht.
Die Stand stand auf Krücken (Fachwerk) als sie sich zeigte mit dem Gang einer Erwachsenen, der auf den Steinen keine Spur hinterläßt (4)
Traugott Xaverius Unruh: Von der Sorberwenden Wesenheit und Herkommen. Herausgegeben von Eduard Werner. Leipzig: Reinecke & Voß 2015. 60 Seiten.
Zu der sehr amüsanten und geschickt angefertigten neuen Edition einer aufklärerischen sprach‑, kultur- und brauchtumsgeschichtlichten Untersuchung der Sorberwenden habe ich in einem separaten Beitrag schon genügend geschrieben …
Michael W. Austin, Peter Reichenbach (Hrsg.): Die Philosophie des Laufens. Hamburg: mairisch 2015. 197 Seiten.
Auch zu diesem trotz des verheißungsvollen Titels eher enttäuschenden Buch gibt es nebenan im Bewegungsblog schon ausreichende Ausführungen, die ich hier nicht noch einmal wiederholen muss.
außerdem gelesen:
Katharina Schultens: Geld. Eine Abrechnung mit privaten Ressourcen. Berlin: Verlagshaus Berlin 2015 (Edition Poeticon 11). 48 Seiten.
Täter geschützt, Opfer entwürdigt | taz – der korpsgeist deutscher polizisten und staatsanwälte scheint zu funktionieren: die taz berichtet über die – von außen sehr seltsame – entscheidung der staatsanwaltschaft hannover, einen ehemaligen bundespolizisten, der mit der folter eines flüchtlichgs geprahlt hat, dafür nicht anzuklagen (nebenbei: der anwalt des nebenklägers hat nach fast einem jahr noch keine akteneinsicht erhalten) – so funktioniert das in deutschland
Verkehrsunfallstatistik – jedes Jahr die gleiche Prozedur und es verbessert sich doch nichts… | it started with a fight – anlässlich der neuen verkehrsunfallstatistik – im zweiten jahr in folge stiegen in deutschland die toten durch verkehr, auf mittlerweile 3475 – hat thomas berger hier einen interessanten 10-punkte-plan, der unter anderem deutliche geschwindigkeitsreduzierungen und deren überwachungen sowie andere (technische) hilfen fordert, um die unfallzahlen – und damit gerade auch die zahl der toten, die wir jedes jahr einfach so in kauf nehmen – endlich zu senken
Gesellschaften der westlichen Moderne bzw. Postmoderne zeichnen sich neben ihren Klassendifferenzen aber auch dadurch aus, dass sich jede inhaltlich irgendwie bestimmte, positiv ausweisbare Vorstellung davon, wie ‚man‘ in ihnen zu leben und sich zu verhalten habe, in mehreren kulturrevolutionären Schüben aufgelöst hat. Diese historisch einzigartige Pluralisierung der Lebensstile hat sich seit dem Ende der 1960er Jahre so sehr verstärkt, dass sie heute gar als harte Norm gegenüber Migrantinnen und Migranten erscheint („Wie würden Sie reagieren, wenn Ihr Sohn Ihnen sagt, er sei schwul?“ Achtung: Toleranzfalle!). Es geht nicht darum, dass Migranten ‚sich an die Gesetze halten‘ (das tun die allermeisten von ihnen, so wie die allermeisten anderen das auch tun), ob sie die Sprache der Mehrheitsgesellschaft lernen (sie tun es in aller Regel), oder ob sie in den Arbeitsmarkt integriert werden (dito). Die Frage ist einzig, ob die westliche, ohnehin heterogene Mehrheitsgesellschaft die zusätzliche, neue Differenz akzeptiert, die die Zuzüger in unsere Gesellschaften einbringen.
und er schließt (ich kann ihm da nur zustimmen …):
Es wird daher Zeit, den Begriff ‚Integration‘ ganz aus dem politischen Vokabular zu streichen. Die Chance, dass er im öffentlichen Gebrauch positiv als ‚Schaffung eines neuen Ganzen‘ begriffen werden könnte, ist gering. Zu mächtig sind jene, die den Begriff als Waffe verwenden, mit dem sie von den Zuwanderern Unterwerfung einfordern. Wir brauchen dieses durch und durch unbestimmte Wort nicht mehr. Wir alle leben vergleichsweise friedlich, aber auch herrlich anonym in unseren heterogenen Gesellschaften, ohne dass uns ständig jemand auffordern müsste, uns gefälligst zu ‚integrieren‘.
What the researchers discovered, unfortunately, was a gap in coverage that betrays a dispiritingly common problem in technological innovation: how to make sure women’s needs don’t become an afterthought.
– ein studie untersuchte, wie gut siri, cortana & co. bei medizinischen problemen helfen – und fand, dass sie das für „männer-probleme“ wesentlich besser tun als für „frauen-notfälle“
Lyrikkritik Diskurs | Fixpoetry – bei den „signaturen“ und auf „fixpoetry“ tobte (?) ende märz eine diskussion (naja, ein schlagabtausch zumindest) über (den zustand der|die möglichkeiten der|die anforderungen an|die voraussetzungen der) lyrikkritik (kritik der kritik ist ja sowieso eine beliebte spielerei unter literaten, bei lyrikern aber nicht so ganz häufig (vielleicht mangels masse …)) ausgelöst übrigens von einer kritischen besprechung der „lyrik von jetzt 3“-anthologie (die bei mir immer noch ungelesen herumliegt …)
Ich habe mir die Lektüre dieses kleinen Bändchens extra für den ersten April aufgehoben. Denn was Traugott Xaverius Unruh in dem von Eduard Werner herausgegebenem Von der Sorberwenden Wesenheit und Herkommen treibt, das ist beste Unterhaltung und ein ziemlich großer Spaß.
Ein Spaß, der schon auf den ersten Seiten beginnt. In den beiden Vorreden wird nämlich die Enstehung und Überlieferung des folgenden Textes erklärt: Geschrieben von einem Traugott Xaverius Unruh in Görlitz am „4. Junius, im Jahres des Herren 1784“, von seinem ungenannte Urenkel dann „mehr als fünfzig Jahre“ später in einer zweiten, unveränderten Ausgabe veröffentlicht und nun – als Fragment – mit fast 20 Seiten Anmerkungen von Eduard Werner im Verlag Reinecke & Voß ediert.
Der eigentliche Text beginnt mit dem Kapitel „Vom Ursprunge der Sorberwenden Sprache“, das dann noch ergänzt wird um Anmerkungen und Erläuterungen zur Luftfahrt der Sorberwenden, ihren Tieren und ihren Bräuchen und so weiter. Entwickelt wird hier eine in ihrer Absurdität amüsante Sprachgeschichte als Stammesgeschichte. Damit führt Werner durch Unruhs Feder wissenschaftliche Tendenzen des 18. Jahrhunderts schön ad absurdum. Das funktioniert vor allem über die Beobachtung (und mitunter recht rabiate Herstellung) von „similitudines“, die dann dazu führen, dass das Sorberwendische auf ungeahnte Weise dem Japanischen unheimlich ähnlich ist bzw. eher sein soll. Da der Verfasser ein Meister der so weit wie möglich hergeholten Analogie ist, kommt er „per scientiam et logicam“ geradezu zwangsläufig zu für uns erstaunlichen Ergebnissen, die mich immer wieder laut auflachen ließen. Und er kommt zu dem Schluss: Die Sorben müssen in alter Zeit von Japan her migriert sein. Konzilant gesteht er ihnen aber zu, den Weg nicht in einem zurückgelegt zu haben und dabei durchaus auch mal Pausen gemacht zu haben …
Ich mag solche (Meta-)Spielereien mit Texten und Wissenschaft(en) ja sehr. Der Spaß ist zwar schnell durchsichtig. Der Witz ist aber, dass der Text von Eduard Werner (den gibt es tatsächlich, im Gegensatz zum fiktiven Autor) auch dann noch unterhaltsam bleibt, wenn man das Konstruktionsprinzip durchschaut hat (und das ging bei mir doch recht flott ;-) …), weil Werner eine geschickte sprachliche Mimesis betreibt, die – so meine ich – aber ihre Modernität (also ihre Mimesis) nicht verschleiert und eine aparte Mischung aus modern und alt(ertümelnd) ergibt. So bleibt ein schmales Bändchen voll Esprit und Raffinesse – ein richtig witzige Unterhaltung.
Traugott Xaverius Unruh: Von der Sorberwenden Wesenheit und Herkommen. Herausgegeben von Eduard Werner. Leipzig: Reinecke & Voß 2015. 60 Seiten. ISBN 9783942901123
Ein Leser, der nicht zugleich Kritiker ist, ist eigentlich auch kein Leser, sondern ein Blätterer, unabhängig davon, ob er seine Kritik formuliert und schriftlich fixiert oder nicht.
Recht hat er, das gilt auch unabhängig vom konkreten Enstehungs- & Diskurzusammenhang. Übrigens liegt Kuhlbrodt auch mit den anderen seiner 11 Antworten/Sätze zur Debatte richtig, die sehr auf meiner eigenen Linie liegen … Der Rest der „Debatte“ ist für mich in weiten Teilen nur so mittelmäßig erkenntnisfördernd, aber immerhin ein guter Anlass zur Selbstvergewisserung der eigenen Position (so scheinen das auch die meisten Teilnehmer zu verstehen – ich sehe nicht, dass sich jemand von jemandem von irgend etwas hätte überzeugen lassen …).
PS: Bertram Reinecke legt noch einmal (sehr umfassend) sortierend/abschließend bei der lyrikzeitung nach …: „Jeder wird ohnehin so weiterrezensieren, wie sein Furor es ihm gebietet.“
Es dient nicht der Entschuldigung der derzeit im Namen Allahs ausgeübten Verbrechen, mögliche historische Parallelen sichtbar und auf die Gewaltpotentiale in allen Religionen aufmerksam zu machen. Aber es verhindert eine falsche, essentialistische Sicht auf den Islam, den es so wenig wie das Christentum gibt. Die muslimischen Religionskulturen in Europa sind in sich höchst vielfältig und durch ganz unterschiedliche kollektive Erfahrungen geprägt. Muslime in Kreuzberg, deren Eltern oder Großeltern einst aus der Türkei kamen, teilen nicht die traumatisierenden Erinnerungen an koloniale Fremdherrschaft, die für viele französische, noch vom Algerien-Krieg geprägte Muslime kennzeichnend sind.
Nach den Anschlägen von Paris und nun auch Brüssel ließ sich im politischen Betrieb eine Reaktion beobachten, die nur als falsches semantisches Investment bezeichnet werden kann: Staatspräsidenten, Regierungschefs und Parteivorsitzende beschworen einhellig „die Werte Europas“ oder „des Westens“, die man gegen alle terroristischen Angriffe verteidigen werde. […] Aber mit Werte-Rhetorik ist niemandem geholfen.
„Wert“ war ursprünglich ein Begriff der ökonomischen Sprache, und seine Einwanderung in ethische Debatten und juristische Diskurse hat nur dazu geführt, die freiheitsdienliche Unterscheidung von gesetzlich kodifizierten Rechtsnormen und moralischen Verbindlichkeiten zu unterlaufen. Deshalb ist es fatal, wenn Vertreter des Rechtsstaates diesen im Kampf gegen den Terrorismus nun als eine „Wertegemeinschaft“ deuten.
für einen theologen auch fast überraschend, aber natürlich absolut richtig und ein punkt, der immer wieder gestärkt und verdeutlicht werden muss (weil er so gerne vergessen wird):
Für wirklich alle gilt allein das Recht, und deshalb sind Rechtsbrecher zu verfolgen und zu bestrafen.
My Heroic and Lazy Stand Against IFTTT | Pinboard Blog – der pinboard-gründer/betreiber maciej cegłowski erklärt, warum es seinen (übrigens sehr empfehlenswerten) service nicht mehr bei ifttt gibt. die kurzfassung: deren unverschämten, erpresserischen bedingungen für entwickler
Das Thema der „Vogue“ ist: „Langeweile“. Sowohl in den Anzeigen als auch in der Fotostrecke. „Komm Baby, stell Dich mal so hin und schau so pikiert, als würdest Du an einen völlig verkochten Grünkohl denken.“ Die Mädchen sind dünn, die Gesichter leer, die Klamotten teuer. In den Sechzigern gab es einen Dr. Oetker-Spot, in dem eine Frau am Herd steht, ein Fertiggericht zaubert und ein Sprecher sagt: „Eine Frau hat zwei Lebensfragen: Was soll ich anziehen? Und was soll ich kochen?“ Die Frauen der „Vogue“ haben sogar nur eine Lebensfrage, und selbst die macht ihnen offensichtlich keinen Spaß.
Ingeborg Bachmann: „In mir ist die Hölle los“ | ZEIT ONLINE – der germanist Joseph McVeigh durfte frühe briefe von ingeborg bachmann benutzen und zitieren und ist nun sicher, dass man das werk der autorin nur biographisch verstehen kann. zum glück ist die „zeit“ gegenüber solchem methodischen unsinn etwas skeptischer …
„Ich habe keine Matratzenschnüffelei betreiben wollen“, sagt Biograf McVeigh, „aber wenn man die zerstörerische Wirkung der beiden katastrophal gescheiterten Beziehungen auf das Leben von Ingeborg Bachmann nicht berücksichtigt, kann man ihr späteres Werk kaum verstehen.“
Endlich gibt es auch zum wunderbar pathetischen „Festung“ von Maybebop ein Video:
Festung – MAYBEBOP (2016)
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Dennoch sind gerade kleinere Verlage unermüdlich damit beschäftigt, Vergangenes, Verdrängtes, Vergessenes auszugraben. Inzwischen sind es auch die fünfziger bis siebziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts, die vor allem auf damals Unverstandenes, Skandalöses oder vermeintlich zu Schwieriges, Anspruchsvolles durchsucht werden. Aber noch immer ist es die Weimarer Republik, die die meisten Neuauflagen liefert. Zum einen mag die Faszination an der frechen Leichtigkeit der Liebes- und Alltagsverhältnisse, an der verqueren Lust am Konsum und am Unglücklichsein der Grund hierfür sein. Häufig sind es Romane von Frauen, in deren Tradition all die heutigen Sternschnuppen stehen, die eine Saison lang bestsellern. Zum anderen ist es die scharfe Kritik, die noch immer reizt, sei es in den Antikriegstexten, die aus gegebenem Anlass gerade wieder neuaufgelegt werden – der apokryphe Elektrische Verlag z.B. bietet da eine ganze Reihe auf –, sei es in der Kritik politischer und sozialer Verhältnisse.
Armut: „Wer unten ist, bleibt unten“ | ZEIT – interview mit dem ökonom marcel fratzscher über gesellschaftliche & ökonomische ungleichheit, umverteilung und aufstiegsmöglichkeiten in deutschland
Der Gärtner ist immer der Mörder, und der Lektor ist immer schuld. Ein falscher Name, ein schiefes Bild, historische Irrtümer, Stilblüten, Langatmigkeit und Rechtschreibfehler – was immer an einem Buch nicht stimmt: Der Lektor ist’s gewesen. Wird er in Rezensionen erwähnt, ist „schlampig“ das Attribut, das man ihm am liebsten anklebt. Nie wird man in einer Besprechung lesen: Das hat er aber fein gemacht. Denn was der Lektor getan hat, weiß der Kritiker nicht.
E‑Book-Kolumne „E‑Lektüren“: Ein Lyrik-Code als Anreiz | FAZ – elke heinemann über neue lyrik als/fürs ebook – offenbar nicht so wahnsinng überzeugend, was da bisher vorliegt – allerdings aus ästhetischen, nicht aus technischen gründen