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Lesen. Hören. Und ein bisschen schreiben.

Paraphrase

„Gro­ße Pro­sa läßt sich so wenig para­phra­sie­ren wie Lyrik, ist unüber­setz­bar wie die­se.“ (Hen­ning Rit­ter, Notiz­hef­te, 178)

Gott

Wäh­rend Nietz­sche mit Getö­se den Tod Got­tes ver­kün­de­te, star­ben unbe­merkt die Göt­ter des alten Pan­the­ons in den Gie­bel­fel­dern und Deko­ra­tio­nen der offi­zi­el­len Bau­ten sei­ne rZeit, wo sie ihr letz­tes, schon ver­küm­mer­tes Dasein fris­te­ten.“ (Hen­ning Rich­ter, Notiz­hef­te, 152)

Dieter berichtet von der Front

Gera­de fin­de ich die­ses span­nen­de Pro­jekt: Das Kriegs­ta­ge­buch des Sol­da­ten Die­ter Fin­zen wid gera­de (zeit­ver­setzt) als Blog ver­öf­fent­licht (von dem Kriegs­ta­ge­buch-Archiv). Zu Fin­zen, deut­scher Sol­dat im Ers­ten Welt­krieg, heißt es dort:

In Mori (Sto­ckels­dorf) bei Lübeck auf­ge­wach­sen, habe ich nach Absol­vie­ren des Abiturs mei­nen Mili­tär­dienst im FR 86 ange­tre­ten. Dort wer­de ich seit über einem Jahr in der Fern­sprech­ab­tei­lung ein­ge­setzt. In die­sem Blog ver­öf­fent­li­che ich mein Kriegs­ta­ge­buch um 93 Jah­re versetzt.

Publi­ziert wird das recht detail­lier­te, genau beob­ach­ten­de und reflek­tie­ren­de Tage­buch nicht nur mit eng­li­schen, fran­zö­si­schen und ita­lie­ni­schen Über­set­zun­gen, son­dern auch mit eini­gem Zusatz­ma­te­ri­al – mit Fotos der Lage­zeich­nun­gen des Autors, ande­ren Foto­gra­fien und Kar­ten etwa. Eine sehr reich­hal­ti­ge Fundgrube!

Herz, Hand und viel Erfahrung

Anläss­lich der Ein­wei­hung neu­er Her­stel­lungs­räu­me habe ich in der letz­ten Woche für die Main­zer Rhein-Zei­tung dem tra­di­tio­nel­len Main­zer Blas­in­stru­men­te­her­stel­ler Gebrü­der Alex­an­der in den neu­en Räum­lich­kei­ten einen Besuch abge­stat­tet. Das ist dabei herausgekommen:

Vor der Tür leg­ten die Gärt­ner noch letz­te Hand an, im Trep­pen­haus stan­den die­se Woche noch die Anstrei­cher – bis zum letz­ten Moment wird an der neu­en Manu­fak­tur der Gebrü­der Alex­an­der gear­bei­tet. Heu­te ist fest­li­che Ein­wei­hung der neu­en Werk­stät­te. Denn für den Main­zer Her­stel­ler von Blech­blas­in­stru­men­ten ist das mehr als ein blo­ßer Umzug: Über hun­dert Jah­re wur­den die welt­be­rühm­ten Hör­ner, Tuben und Trom­pe­ten nun in den alten Räu­men in der Bahn­hofs­stra­ße her­ge­stellt. Jetzt ist die Manu­fak­tur in die ehe­ma­li­gen Werk­stät­ten für Behin­der­te in der Hechts­hei­mer Robert-Koch-Stra­ße umgesiedelt.

Manu­fak­tur – der alt­mo­di­sche Begriff trifft hier aus­nahms­wei­se wirk­lich. Denn das aller­meis­te geschieht tat­säch­lich in Hand­ar­beit, ganz tra­di­tio­nell, fast wie vor hun­dert Jah­ren. Nur eben inzwi­schen an modern aus­ge­stat­te­ten, ergo­no­misch opti­mier­ten Arbeits­plät­zen. Und mit Absaug­an­la­gen, Luft­rei­ni­gung, Norm­licht – wie sich das für einen moder­nen Betrieb gehört. Die Her­stel­lung in den neu­en Werk­stät­ten läuft schon zwei Wochen und hat sich bereits nor­ma­li­siert, wäh­rend im Rest des Hau­ses noch reno­viert wird. Das heißt, die unge­fähr 60 Instru­men­ten­ma­cher bie­gen, for­men, löten und häm­mern die Instru­men­te in Form – und pro­bie­ren sie immer wie­der aus.

Ganz unten, ver­steckt in der Ecke, steht das Aus­gangs­ma­te­ri­al: unschein­ba­re Mes­sing­roh­re, die fast wie bana­le Hei­zungs­roh­re aus­se­hen. Aber aus die­sem Grund­ma­te­ri­al wird hier – mit Aus­nah­me des Schall­trich­ters – das voll­stän­di­ge Horn gefer­tigt. In meh­re­ren Arbeits­gän­ge wer­den die Roh­re sorg­sam gebo­gen und auf die „Alex­an­der-Wei­te” gebracht. Und ein Horn hat ziem­lich vie­le Bögen. In der gro­ßen Haupt­werk­statt wer­den die vie­len Ein­zel­tei­le dann zum fer­ti­gen Instru­ment zusam­men­ge­baut. Hier wer­den auch Repe­ra­tu­ren aus­ge­führt – so ein Horn kann schließ­lich pro­blem­los ein oder zwei Gene­ra­tio­nen Musi­ker über­le­ben. Und am Ende wer­den die Instru­men­te schieß­lich noch poliert und lackiert. Das pas­siert fast unter Rein­raum­be­din­gun­gen – denn wenn auch nur ein ein­zel­nes Staub­korn unter dem Lack bleibt, fängt alles noch ein­mal von vor­ne an. Die moder­ne Tech­nik beim Lackie­ren war auch einer der Grün­de, war­um sich die schon län­ger geheg­ten Plä­ne für einen Umzug im letz­ten Jahr konkretisierten.

Aber nicht nur im Lackier­raum sind die Instru­men­ten­ma­cher bei Gebrü­der Alex­an­der Per­fek­tio­nis­ten. Des­halb auch jedes Instru­ment von einem Solis­ten des Phil­har­mo­ni­schen Orches­ters vor dem Ver­kauf aus­gie­big getes­tet. Und das Stre­ben nach Voll­endung war auch der Haupt­grund für den Umzug ins Indus­trie­ge­biet: „Die alten Werk­stät­ten sind zwar sehr pit­to­resk, aber nicht immer unbe­dingt prak­tisch. Und sie platz­ten aus allen Näh­ten”, erklärt Ste­phan Kahl von der Geschäfts­lei­tung. „Mate­ri­al und Form der Hör­ner sind sowie­so aus­ge­reift, bes­ser kann nur noch der Her­stel­lungs­pro­zess werden.”

Gebrü­der Alex­an­der setzt da ganz auf das Kön­nen und die Erfah­rung sei­ner Mit­ar­bei­ter, dar­un­ter zehn Meis­ter und momen­tan neun Aus­zu­bil­den­de. „Ein Robo­ter kann das offen­bar ein­fach nicht wie ein Mensch, der das Horn vom Anfang bis zum Ende ent­ste­hen sieht”, erläu­tert Kahl die Über­zeu­gung des tra­di­ti­ons­rei­chen Main­zer Betrie­bes. Ver­sucht wur­de das übri­gens schon, ein japa­ni­scher Kon­kur­rent hat pro­biert, die Main­zer Hör­ner in allen Dimen­sio­nen zu mes­sen und zu ana­ly­sie­ren und dann nach­zu­bau­en – funk­tio­niert hat es aber nicht.

Und wäh­rend die Büro­räu­me noch den letz­ten Schliff ver­passt bekom­men, sind die Instru­men­ten­ma­cher schon längst wie­der zu ihrer geschäf­ti­gen Rou­ti­ne über­ge­gan­gen: Die Polier­ma­schi­nen sur­ren, die Löt­flam­men brut­zeln, die Fei­len schrap­pen – und zwi­schen­durch erklingt immer wie­der ein Horn- oder Trom­pe­ten­ton. Damit man auch merkt, was hier entsteht.

Es ist vollbracht: Gardiners Brahms-Aufnahmen

John Eli­ot Gar­di­ner hat eine Vor­lie­be für gro­ße und unge­wöhn­li­che Pro­jek­te. Nach der Bach-Pil­grimage hat er sich inzwi­schen einem ande­ren gro­ßen B zuge­wen­det: Brahms und sei­nen Sin­fo­nien. Des­sen vier Sym­pho­nien rei­chen aber nicht, das war dem Diri­gen­ten offen­bar zu wenig. Also hat Gar­di­ner für sei­ne Live-Auf­nah­men noch gro­ße Chor­wer­ke hin­zu­ge­fügt – vorn Brahms, sei­nen Zeit­ge­nos­sen, aber auch von ganz alten Meis­tern wie Gabrie­li, Schütz und Bach. Er will damit vor allem die Vok­al­tät der Brahms­schen Orches­ter­wer­ke her­vor­he­ben. Inzwi­schen ist er damit auch fer­tig: Vier wun­der­schön klin­gen­de und auch schön anzu­schau­en­de CDs sind es gewor­den, die er mit „sei­nem“ Orches­ter, dem Orchest­re Révo­lu­ti­on­naie et Roman­tique, und dem Mon­te­ver­di-Choir ein­ge­spielt hat und auf sei­nem eig­nen Label Soli Deo Glo­ria ver­öf­fent­licht hat (vgl. Neue Chor­zeit xx/​xx).

Die drit­te Sym­pho­nie wird aus­schließ­lich von Chor­wer­ken des Meis­ters selbst gerahmt. Vor allem der „Gesang der Par­zen” und die „Nänie” ste­chen posi­tiv her­vor: Mit Augen­maß lässt Gar­di­ner den Mon­te­ver­di-Choir sowohl den dra­ma­ti­schen Ges­tus als auch fei­ne Details der Text­aus­deu­tung realisieren.

Auch die vier­te CD die­ser Rei­he fängt ganz aus­ge­spro­chen dra­ma­tisch an, mit Beet­ho­vens Corio­lan-Ouver­tü­re. Und geht dann auch so wei­ter . Geschmei­dig und dis­zi­pli­niert zugleich ist Gar­di­ners Inter­pre­ta­ti­on aller vier Sym­pho­nien, die schwung­voll die Dra­ma­tik der Par­ti­tur weckt, ohne je bemüht zu wir­ken. Genau­so natür­lich und ganz ent­spannt selbst­ver­ständ­lich (dar­in wir­ken die­se Auf­nah­men fast klas­sisch) lässt er den Mon­te­ver­di-Choir auch die Vokal­wer­ke sin­gen. Selbst die etwas sprö­de­ren Brahms­schen „Fest- und Gedenk­sprü­che” flie­ßen bei ihm ganz har­mo­nisch aus den Laut­spre­chern. Nicht nur hier, auch bei den aus­ge­wähl­ten Chor­sät­zen von Gio­van­ni Gabrie­li, Hein­rich Schütz und Johann Sebas­ti­an Bach, zeich­nen sich die­se Auf­nah­men immer durch eine ange­neh­me Kom­bi­na­ti­on aus Freu­de an der Detail­ge­nau­ig­keit und groß­zü­gi­ger klang­li­cher Gestal­tung aus.

Ob die unmit­tel­ba­re Nach­bar­schaft der gro­ßen Vokal­wer­ke die Sym­pho­nien nun wirk­lich in einem ganz ande­ren Licht erschei­nen lässt, ist eigent­lich egal. Jeden­falls gelin­gen Gar­di­ner alle vier in vor­züg­li­cher Wei­se. Und wenn es dazu noch inter­es­san­te Chor­mu­sik gibt – umso besser.

(geschrie­ben für die Neue Chorzeit.)

Tun Sie das!

aus dem unbe­dingt zur Lek­tü­re emp­foh­le­nen vor­züg­li­chen Blog von Esowatch.

Haftung

„In der Geschich­te haf­ten die Kin­der für ihre Eltern.“ (Hen­ning Rit­ter, Notiz­hef­te, 122)

Kultur

„Am Anfang jeder Kul­tur steht die Unter­schei­dung und an ihrem Ende die Unfä­hig­keit dazu.“ (Hen­ning Rit­ter, Notiz­hef­te, 106)

Wissenschaft

„Wis­sen­schaft kann zwi­schen Wich­ti­gem und Unwich­ti­gem nicht unter­schei­den.“ (Hen­ning Rit­ter, Notiz­hef­te, 101)

18. Jahrhundert

„Das acht­zehn­te Jahr­hun­dert über­ragt die ande­ren Jahr­hun­der­te, weil es am meis­ten ent­hält von dem, was ihm vor­aus­ging, wie von dem, was ihm folgt.“ (Hen­ning Rit­ter, Notiz­hef­te, 81)

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