»Nächstens mehr.«

Lesen. Hören. Und ein bisschen schreiben.

Freud

„Das Schö­ne an Freud ist: daß er alles sagt, wenn man es ihn nur sagen läßt.“ (Hen­ning Rit­ter, Notiz­hef­te, 75)

Romantik en masse

Von Fer­ne tönen sie schon vor dem Beginn, die Hör­ner. Sie sol­le heu­te, im 7. Meis­ter­kon­zert, eine beson­de­re Rol­le spie­len. „Die Roman­ti­ker“ ist das Kon­zert mit der Deut­schen Staats­phil­har­mo­nie Rhein­land-Pfalz unter Karl-Heinz Stef­fens beti­telt. Und da gehö­ren Hör­ner unbe­dingt dazu – schließ­lich ist das Horn neben der Har­fe wohl eines der roman­ti­schen Instru­men­te über­haupt. Sie sind das, auch wenn das zwei­te Horn­kon­zert von Richard Strauss natür­lich m enge­ren Sin­ne nicht mehr zur eigent­li­chen Roman­tik gehört: Die Urauf­füh­rung des druck­fri­schen Wer­kes fand 1943 statt und sei „ganz nett aus­ge­fal­len“, wie der Kom­po­nist anmerkte.

Nun ist „nett“ meis­tens kein beson­ders wohl­wol­len­des ästhe­ti­sches Urteil. Aber es trifft doch sehr gut, was Strauss hier geschrie­ben hat. Und der Hor­nist Ste­fan Dohr steigt gleich mit den ers­ten Tönen voll ein. Mit viel Ein­satz lässt er alle Sei­ten der Musik leben­dig wer­den: Das kraft­vol­le Schmet­tern eben­so wie die wei­chen Melo­die­li­ni­en. Gera­de die sanf­ten Kan­ti­le­nen gelin­gen ihm her­vor­ra­gend, aber auch sei­ne wun­der­ba­re Über­gän­ge zum for­schen, kraft­vol­len Spiel, mit dem er das Orches­ter mühe­los domi­niert, zei­gen Dohr als über­leg­ten Solis­ten. Zumal Steff­fens sich und das Ensem­ble sehr zurück­hält und sich vor­wie­gend auf das Beglei­ten kon­zen­triert. Zusam­men ergibt das eine sehr vita­le, leben­dig strö­men­de Musik – vor allem dank des ener­gi­schen Zugriffs Dohrs, der aus der manch­mal etwas tro­cke­nen Par­ti­tur alles her­aus­holt, was sie an begeis­tern­dem Witz und Esprit über­haupt hergibt.

Unzwei­fel­haf­te zur Roman­tik gehört Bruck­ners vier­te Sym­pho­nie – die trägt das ja schon im Bei­na­men. Und Stef­fens sucht genau das auch gezielt zu ver­wirk­li­chen. Mit einem aus­ge­spro­chen geheim­nis­um­wit­ter­ter­ten Beginn fängt er an. Und die dunk­len, etwas ver­schat­te­ten Sei­ten der Musik blei­ben das Bes­te in Stef­fens Inter­pre­ta­ti­on. Auch sonst setzt der Diri­gent wei­ter­hin vor allem auf Stim­mun­gen statt Struk­tu­ren und ist nicht so sehr auf die Sub­ti­li­tä­ten des Klang­ge­sche­hens aus, son­dern vor allem auf sei­ne Wir­kung. Und dafür hat er ein geschick­tes Händ­chen: Er ver­liert sich nicht in Details, er lässt die monu­men­ta­le Sin­fo­nik Bruck­ners nicht erstar­ren, son­dern hält sie als Diri­gent, der immer auf den jewei­li­gen Moment bedacht ist, in unab­läs­si­ger Bewe­gung. Gera­de des­halb bleibt das hier aber auch sehr irdisch. Und manch­mal, vor allem zum Ende hin, neh­men die gro­ße Ges­ten etwas über­hand. Dabei lässt Stef­fens auch eini­ge lose Fäden hän­gen und Über­gän­ge uner­le­digt. Immer­hin, die Staats­phil­har­mo­nie hält durch und bleibt bis zum Schluss sehr klang­ge­wal­tig und durch­set­zungs­stark. Und damit ist bei Bruck­ner schon das meis­te getan – und der Roman­tik auch zu ihrem Recht verholfen.

(geschrie­ben für die Main­zer Rhein-Zeitung.)

Warum ich keinen Strong-Man-Run oder Tough-Guy-Race brauche

Weil ich den Oden­wald habe.

Und hier beginnt 300 Meter hin­ter der Haus­tü­re die Wie­se. Nach der Wie­se kommt der Acker. Und dann der Wald. Und da kann man sich toll aus­to­ben. Nie bin ich beim Lau­fen so schnell kaputt wie an den Tagen, an denen ich die Wege ver­las­se und mich im frei­en Gelän­de bewe­ge. Denn nicht nur geht es da über Stock und Stein—im Oden­wald heißt frei­es Gelän­de (fast) immer auch: hoch und run­ter. Und ger­ne auch mal rich­tig steil.

Heu­te war wie­der so ein Tag. Bei strah­len­dem Son­nen­schein, über 20 °C und einem lau­en Früh­lings­lüft­chen hat’s mich ein­fach gepackt. Und dann bin ich auch noch auf die Idee gekom­men, nicht nur quer­feld­ein zu tra­ben, son­dern das auch in den Five Fin­gers zu tun. Die hat­te ich ewig nicht mehr beim Lau­fen an. Und da die Läu­fe abseits der Wege bei mir meist die kür­ze­ren Ein­hei­ten sind, schien mir das eine gute Gele­gen­heit, mal wie­der das Bar­fuß­lau­fen zu simu­lie­ren. Und es war wir­kich eine gute Idee. Gut, auf dem Fuß­rü­cken hät­te ich mit „rich­ti­gen“ Trail­schu­hen mir kei­ne Schram­men geholt. Aber sonst ging es mit den mini­ma­lis­ti­schen Schlap­pen von Vibram erstaun­lich gut—viel bes­ser als ich dach­te. Der Boden war—durch die Regen­fäl­le der letz­ten Tage—schön weich. Das kam mir natür­lich ent­ge­gen, so konn­ten sich mei­ne Zehen rich­tig schön fest­kral­len. Das ist auch so etwas: Wer mal ein paar Dut­zend Schrit­te nur auf den Zehen im Wald berg­auf unter­wegs war, weiß ziem­lich genau, wie schwer er ist …

Der Wald hat natür­lich wie­der sei­ne Spu­ren hinterlassen—ohne Schram­men geht das Quer­feld­ein­lau­fen bei mir sel­ten ab. Irgend­wann über­se­he ich immer eine Brom­bee­ren­ran­ke (oder fin­de kei­nen Weg mehr außen­rum und muss eben durch’s Dickicht, um nicht umkeh­ren zu müs­sen). So war’s heu­te auch wie­der. Und irgend­wie gehört es auch dazu—das sanf­te Bren­nen, wenn der Schweiß in die Krat­zer läuft. Die Mischung aus Blut, Schweiß und Dreck, die so schö­ne Krus­ten gibt.

Lauf­tech­nisch sind sol­che Tage eher ernüch­ternd: —eine Geschwin­dig­keit von 6:38 bekom­me ich sonst eher sel­ten auf den Forerun­ner. Aber dar­um geht es bei die­sen Läu­fen ja auch über­haupt nicht. Und Spaß machen sie bei jedem Tem­po. Zumal das ja sehr rela­tiv ist—wer mal durch einen nicht beson­ders auf­ge­räum­ten Wald den Hang hin­un­ter gerannt ist oder die Wie­se am ört­li­chen Ski­lift­hang run­ter­ge­bret­ter ist, weiß, was da alles für Fuß­an­geln, Löcher, Über­ra­schun­gen und Aus­rut­scher auf den Läu­fer warten.

Himmlische Düfte aus Taiwan

Aus Tai­wan habe ich bis­her nur weni­ge, dafür aber sehr gute Tees getrun­ken. In die­se Rei­he passt der Pao­chung (oder Bao Zhong) wun­der­bar hin­ein. Das ist näm­lich nicht nur ein sehr fei­ner, son­dern auch ein sehr groß­ar­ti­ger Tee. Er kommt aus der Gemein­de Ming­ji­an des Nan­tou-Krei­ses in Tai­wan, ziem­lich genau in der Mit­te des Landes.

Die gro­ßen Blät­ter, die sich zu vol­ler Pracht ent­fal­ten und schon tro­cken som­mer­lich-fruch­tig duf­ten (kaum ein Tee riecht tro­cken so gut wie ein klas­si­scher Oolong …), sind kaum gefaltet/​gerollt, son­dern ganz natür­lich getrock­net und nur ganz leicht oxi­diert. Sehr ver­hei­ßungs­voll also schon, bevor das ers­te Blatt über­haupt Kon­takt mit Was­ser hat­te. Nach dem Auf­guss zeigt er sich mit einer sehr hell leuch­ten­den Tas­se, leicht grün­lich und über­aus klar. Vor allem aber besticht sein unver­gleich­li­cher Duft: So ent­zückt hat mich noch kein Tee vor dem ers­ten Schluck – ganz schwer zu beschrei­ben ist das: Leicht und dezent, sanft wür­zig, irgend­wie vor­nehm und, ja, adlig riecht das.

Und ent­spre­chend schmeckt er auch: Wür­dig und vor­nehm, sehr zurück­hal­tend, aber fein, eine ange­nehm ent­fal­te­te, kom­ple­xe Wür­zig­keit bestimmt den Tee, der kaum nach Tee schmeckt. Denn zu der fein­sin­ni­gen Wür­ze gesellt sich noch eine etwas fruch­tig ange­hauch­te Süße, die das Tee­blatt vor dem Auf­guss ja schon ange­deu­tet hat. In der Kom­bi­na­ti­on schmeckt das für mich irgend­wie ganz alt, wie aus tie­fer Ver­gan­gen­heit zu uns über­kom­men – aber auf jeden Fall aus­ge­spo­chen vor­züg­lich. Erstaun­lich auch, wie die guten Tees sich doch mit leich­ten Varia­tio­nen der Zieh­zeit ver­än­dern las­sen – und beim drit­ten, vier­ten Auf­guss eben­so lang­sam anders schme­cken als beim ers­ten. Das sorgt dafür, dass der Tee nie lang­wei­lig wird …

Tee: Tai­wan Pao­chung Nr. 622 von Kolod­ziej & Lieder
Zube­rei­tung: Bei 95 °C in der Sei­ten­griff­kan­ne, 20 Sekun­den Zieh­zeit beim ers­ten Auf­guss, 15 Sekun­den beim zwei­ten, 30 bei den fol­gen­den Aufgüssen.

Seerücken, Einsamkeit und ein bisschen Erfüllung

„See­rü­cken“ ist ein typi­sches Stamm-Buch. Alle not­wen­di­gen Ing­re­den­zi­en sind im neu­en Erzäh­lungs­band von Peter Stamm vor­han­den, auch die Mischung stimmt wie­der.1. Da wären sie also wie­der, die Gewöh­lich­kei­ten des Peter Stamm. Aus den Bana­li­tä­ten des Alltgs, des „nor­ma­len“ Lebens schöpft er sei­ne Erzäh­lun­gen. Tris­tesse und eine leich­te Melan­cho­lie als Grund­stim­mung darf und kann man hier schon kon­sta­tie­ren – aber nur eine leich­te, eine schwe­ben­de, die mehr durch ihre Anmut als durch ihre Melan­cho­lie bezaubert.

Das zeigt sich schon ganz neben­säch­lich – aber Neben­säch­lich­kei­ten gibt es bei Stamm eben nicht, hier zählt jedes Wort mit Bedacht – in der vor­han­de­nen und erfah­re­nen Natur und Umwelt im wei­tes­ten Sin­ne, denn auch Dorf (das eher) und Stadt, Arbeits­platz und Woh­nung gehö­ren da schon dazu: Als gege­be­ne Umstän­de, umwelt­li­che Rah­mun­gen des/​der Prot­ago­nis­ten – und bei­ben übri­gens auf­fal­lend men­schen­leer, selbst in „Mas­sen­sze­nen“ wie einem Open-Air-Kon­zert mit meh­re­ren Hun­dert Besu­chern gibt es eigent­lich nur vier oder fünf Men­schen, der Rest ist Umwelt, ist Rau­schen, Hin­ter­grund … Die Lan­schaft ist hier oft der Boden­see, wie­der­holt duns­tig, neb­lig, mit unkla­rem Wet­ter – kei­ne Son­nen­schein-Stim­mung auf jeden Fall …

Denn es sind ja immer etwas holp­ri­ge Lebens­ent­wür­fe, die Stamm beschäf­ti­gen. Sei­ne Erzä­hun­gen oder Kurz­ge­schich­ten haben hier – zumin­dest teil­wei­se – durch­aus einen Hang zur Novel­le: Einen gewis­sen Dreh, ein unvor­her­ge­se­he­ne Ereig­nis, eine uner­war­te­te Wen­dung bekom­men die Geschich­ten durch­aus öfters mit. Aber, und das ist eben typisch für Stamm, meis­tens nur einen klit­ze­klei­nen, manch­mal sogar nur einen kaum merk­ba­ren – und manch­mal auch gar kei­nen … Und die­ses „Ereig­nis“ – das auch eine blo­ße Wahr­neh­mung sein kann – ist kei­nes­wegs unbe­dingt das Zen­trum oder das Ziel des Tex­tes – inso­fern stimmt das mit den Novel­len auch wie­der nicht und man muss wohl bei dem etwas gene­ri­schen Begriff der „Erzäh­lung“ bleiben.

Sei­ne Gestal­ten sind Anti-Hel­den – die Kri­tik klas­si­fi­ziert sie oft als Ver­lie­rer. Aber das scheint mir zu weit: Ver­lo­ren sind sie in der Regel nur in der All­täg­lich­keit, der Gewöhn­lich­keit ihrer Lebens­ent­wür­fe. Aber auch Sehn­suchtspielt nur eine unter­ge­ord­ne­te Rol­le – die aller­dings schon: Sie lau­ert unter der Ober­flä­che, die (oft mit Mühe) auf­recht erhal­ten wird. Gewiss, das Schei­tern ist hier häu­fi­ger als das Gelin­gen. Aber so ist das Leben nun ein­mal. Und nicht jedes Miss­lin­gen ist ein Schei­tern, manch­mal reicht auch ein Bei­na­he oder ein Gera­de­so­ge­l­in­gen für den Erfolg. Die Figu­ren Stamms sind jeden­falls gan sicher kei­ne Drauf­gän­ger – Risi­ko gehen sie nur ungern ein, sie rich­ten sich ger­ne ein in ihrem Leben, ihren Umstän­den, ihrer eige­nen Welt. Und manch­mal ist der Autor so gemein, sie mit klit­ze­klei­nen Unschein­bar­kei­ten, mit zufäl­li­gen Begeg­nun­gen, mit klei­nen Ereig­nis­sen zumin­dest für einen Moment aus ihrem gemüt­li­chen, aber nie ganz erfül­len­den All­tag und des­sen Trott zu rei­ßen, ihnen so die Mög­lich­keit des Den­kens, des Seh­nens, des Wün­schens zu eröff­nen und die Welt und das Leben etwas hel­ler wer­den zu lassen.

Wahr­schein­lich kommt daher das hohe Iden­ti­f­kat­i­on­po­ten­zi­al, dass die Stamm­sche LIte­ra­tur anbie­tet und sie so erfolg­reich macht. Trotz­dem, trotz der (zumin­dest schein­ba­ren) Bana­li­tät sei­ner Figu­ren, Psy­chen und Hand­lun­gen, ist Stamm aber in der Lage, Schön­hei­ten zu ent­de­cken. Das st wohl sei­ne größ­te Leis­tung: Die ästhe­ti­sche Fas­zi­na­ti­on, die rei­ne, fast unschul­dig zu nen­nen­de Schön­hei der Bana­li­tät nicht nur zu ent­de­cken und mit­zu­tei­len, son­dern ihr auch eine Form zu geben. Denn Stamms Spra­che ist ja gera­de­zu belei­di­gend ein­fach, schlicht – aber genau­es­tens kom­po­niert. Denn gera­de die Sim­pli­zi­tät sei­ner Schil­de­rung, die leich­te Distanz zu Men­schen und Din­gen ermög­licht ihm Genau­ig­keit, Prä­zi­si­on der Wahr­neh­mung des Erzäh­lers und Prä­zi­si­on der Schil­de­rung. Die­se Pas­sung, die Über­ein­stim­mung von Thema/​Sujet und Stil macht einen gro­ßen Teil des Kön­nens Stamms aus.

Zehn Geschich­ten, jede ganz eigen und doch alle zusam­men gehö­rig, eben als ewi­ge Varia­ti­on des Stamm­schen The­mas. Aber das kann man durch­aus öfter lesen. Und allein die letz­te Geschich­te die­ses Ban­des, „Coney Island“, ist schon groß­ar­tig genug: Auf genau drei Sei­ten schil­dert Stamm nur eine ganz all­täg­li­che, bana­le Situa­ti­on – ein Rau­cher am Mehr, eine zufäl­li­ge Begeg­nung, ein Foto – und doch ist das alles viel mehr, öff­net es ein Fens­ter in ein gan­zes Leben, ein Ent­wurf, eine Idee des „rich­ti­gen“ oder ordent­li­chen Lebens. Die schwächs­te der Erzäh­lun­gen scheint mir genau die zu sein, die am stärks­ten zur Novel­le ten­diert, wo am „meis­ten“ pas­siert: „Der Lauf der Din­ge“ – ein Paar im Urlaub, die Nach­barn in der Feri­en­woh­nung als lär­men­de Fami­lie, die urplötz­lich ver­stummt: Der Vater hat sei­nen eige­nen Sohn beim Wen­den aus Ver­se­hen über­fah­ren. Typisch Stamm ist natür­lich, dass die­ses Ereig­nis nicht aus der betrof­fe­nen Fami­lie heaus erzählt wird, son­dern über den „Umweg“ der nicht/​kaum betrof­fe­nen zufäl­li­gen Nach­barn auf Zeit. Aber doch schei­nen mir die stär­ker redu­zier­ten Tex­te, die ohne grö­ße­re Sze­ne­rie und ohne viel­fäl­ti­ges Per­so­nal aus­kom­men,2 die ein­dring­li­che­ren und überzeugenderen. 

Peter Stamm: See­rü­cken. Erzäh­lun­gen. Frank­furt am Main: Fischer 2011. 190 Sei­ten. ISBN 978−3−10−075133−1.

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  1. Mal sehen, wie lan­ge er es noch durch­hält – all­zu oft braucht man das wohl nicht mehr lesen .… ↩
  2. Das ist natür­lich aus­ge­spro­chen rela­tiv – selbst die „größ­ten“, auf­wen­digs­ten Erzäh­lun­gen sind immer noch Kam­mer­spie­le im Ver­gleich zu ande­ren Autoren. ↩

Musik aus Stein

Hek­ti­sche Betrieb­sam­keit herrscht im Kon­zert­saal des Peter-Cor­ne­li­us-Kon­ser­va­to­ri­um: Fern­seh­ka­me­ras wer­den jus­tiert, die Pho­to­gra­phen ver­tei­len sich an stra­te­gisch güns­ti­gen Posi­tio­nen im gan­zen Saal, die letz­ten Besu­cher suchen ver­geb­lich nach frei­en Sitz­plät­zen. Es ist ganz deut­lich: Hier geschieht etwas Beson­de­res, die Erwar­tung liegt in der Luft.

„East meets West” heißt das, was hier gleich pas­siert. Und es soll die Fra­ge beant­wor­ten: Wie klingt Stein? Denn nicht nur tref­fen hier im Main­zer Kon­ser­va­to­ri­um chi­ne­si­sche und deut­sche Musik und Musi­ker zusam­men, die Instru­men­te aus Chi­na sind außer­dem auch aus einem ganz beson­de­ren Stoff: Aus Stein eben. Zhong­ti­an Shao hat sie gebaut. Das ist auch wie­der unge­wöhn­lich, denn Shao ist eigent­lich Bild­hau­er. Aber er hat die Soft­ja­de, einen spe­zi­el­len Stein, für sich ent­deckt und irgend­wann nicht nur Plas­ti­ken bear­bei­tet, son­dern auch tadi­tio­nel­le chi­ne­si­sche Musik­in­stru­men­te aus dem grün schim­mern­den Stein geformt: Eine Erhu zum Bei­spiel, eine ein­fa­che zwei­sei­ti­ge chi­ne­si­sche Fie­del. Oder die Pipa, eine Art Lau­te. Und auch grö­ße­re Instru­men­te wie die Guz­h­eng, eine Zither­va­ri­an­te und ein chi­ne­si­sches Hack­brett, Yang­qing genannt, ent­stan­den aus dem für Instru­men­ten­bau­er unge­wöhn­li­chen Stoff.

Vier Solis­tin­nen aus Chi­na führ­ten die vier Instru­men­te vor, mit mehr oder weni­ger tra­di­tio­nel­ler Musik aus allen Tei­len des Rei­ches. Und über­ra­schen­der Wei­se klingt der Stein gar nicht so anders: Etwas weni­ger Kör­per, weni­ger Volu­men haben die Sai­ten­in­stru­men­te in ieser Form. Aber ihr cha­ra­ke­ris­ti­scher Klang bleibt durch­aus erhal­ten und zu erkennen.

Die Musi­ke­rin­nen zei­gen die Fähig­kei­ten der tra­di­tio­nel­len Instru­men­te mit pas­sen­der Musik: Pit­to­res­ke Ton­ma­le­rei­en vor allem, immer mit pro­gram­ma­ti­schen Titeln, sie schil­dern Land­schafts­schön­hei­ten und die brav arbei­ten­den Leu­te dort. Das heißt dann Pfer­de­ren­nen, Tanz der gol­de­nen Schlan­ge, Kampf gegen den Tai­fun oder „Klei­ne Schwes­ter auf der Step­pe”. So poe­tisch die Titel sind, so gefäl­lig ist die Musik – über­ra­schend fast, wie wenig fremd das klingt. Am stärks­ten und beein­dru­ckens­ten gelingt das bei der von Hang Zhang vir­tu­os gespiel­ten Guz­h­eng – auch wegen der fremd­ar­ti­gen Stim­mung und der

Eigent­lich war außer­dem für die wirk­li­che, direk­te Begeg­nung von Ost und West eine Urauf­füh­rung vor­ge­se­hen, die die öst­li­chen Instru­men­te mit dem Marim­ba­phon von Mar­tin Fuchs ver­eint hät­te – lei­der ist der Kom­po­nist Min­gxin Du aber krank gewor­den. Immer­hin hat das chi­ne­si­sche Quar­tett mit Fuchs zusam­men in der kan­to­ne­si­schen Unter­hal­tungs­mu­sik „Xi Yan Yan” von Liu Ming Yan einen Ersatz gefun­den. Der Titel ver­heißt Fröh­lich­keit – und die Musik löst das auch ein. Eine beschwin­gen­de, posi­tiv gestimm­te Musik aus einer hei­len Welt.

Und weil das Marim­ba­phon schon auf der Büh­ne stand, spiel­te Fuchs dann auch gleich noch das ers­te Marim­ba­phon-Kon­zert von Ney Rosau­ro. Das bot vor allem ihm viel Raum, sei­ne vir­tuo­se und nuan­cen­rei­hen Schlag­tech­nik zu bewei­sen – gemein­sam mit dem eben­falls enga­giert und bes­selt musi­zie­ren­den Orches­te des Kon­ser­va­to­ri­ums unter Ger­not Sahler.

(geschrie­ben für die Main­zer Rhein-Zeitung.)

Kreuz und quer durch die Musikgeschichte

Von Mozart zu Šen­dero­vas, dann noch ein­mal von Mahler zu Are­n­sky (zurück ins tie­fe­re 19. Jahr­hun­dert): Das Kon­zert in der Vil­la Musi­ca mit den Dozen­ten Kal­le Ran­da­lu und David Gering­as sowie einer Men­ge Sti­pen­dia­ten fin­det kei­ne Ruhe:

Grö­ße­re Gegen­sät­ze sind kaum denk­bar: Einer­seits ste­hen Mozart und Mahler auf dem Pro­gramm. So hat die Vil­la Musi­ca ihr Sti­pen­dia­ten­kon­zert auch beti­telt. Aber das reicht noch nicht für ein Kon­zert. Also kom­men noch zwei Wer­ke von Ana­to­li­jus Šen­dero­vas und Anton Are­n­sky dazu. Zwei halb oder gar nicht bekann­te Kom­po­si­tio­nen, die dann aber wesent­lich span­nen­der und inter­es­san­ter waren als der Rest.

Denn Mozarts Kla­vier­quar­tett in Es-Dur schien hier eher belang­los und als brav absol­vier­te Pflicht­übung. Mahlers Quar­tett­satz immer­hin kam breit aus­ge­spielt und kraft­voll ent­schlos­sen mit gro­ßem Ges­tus daher – ein­deu­tig als ein unein­ge­lös­tes Ver­spre­chen: Was hät­te Gus­tav Mahler nicht auch für die Kam­mer­mu­sik leis­ten kön­nen, wenn er sich nicht auf orches­tra­le Groß­wer­ke beschränkt hät­te. Das kur­ze Werk des jugend­li­chen Genies ist eine ein­zi­ge Vor­ah­nung auf Spä­te­res. Und genau so, mit dem Wis­sen der spä­te­ren Ent­wick­lung des Kom­po­nis­ten, spiel­ten die die Sti­pen­dia­ten um Kal­le Ran­da­lu die ein­zi­ge erhal­te­ne Kam­mer­mu­sik Mahlers auch. 

Im a‑Moll-Quar­tett des rus­si­schen Kom­po­nis­ten Anton Are­n­sky läuft das Den­ken in die ent­ge­gen­ge­setz­te Rich­tung: In die Ver­gan­gen­heit. Denn die­ses Streich­quar­tett in der unüb­li­chen Beset­zung mit Vio­li­ne, Brat­sche und zwei Cel­li ist von Are­n­sky als Toten­kla­ge auf sei­nen Freund Tschai­kow­sky kom­po­niert. Vir­tu­os und weit aus­ho­lend beginnt es, spiel­tech­nisch anspruchs­voll bleibt es auch in den Varia­tio­nen über The­ma von Tschai­kow­sky – ein berüh­ren­der Satz, gründ­lich durch­ge­ar­bei­tet und getra­gen von der Dun­kel­heit des Abschie­des. Die drei Sti­pen­dia­ten und Dozent David Gering­as am Cel­lo spie­len das glei­cher­ma­ßen wuch­tig und ath­mo­sphä­risch, fol­gen den ele­gi­schen Erin­ne­run­gen mit viel Klang­sinn und Gespür für die mach­mal schmerz­vol­le, manch­mal weh­mü­ti­ge und manch­mal auch etwas ver­träum­te Musik.

Ath­mo­sphä­ri­sche und stim­mungs­vol­le Klän­ge bie­tet auch­das zwei­te Kla­vier­trio des Litau­ers Ana­to­li­jus Šen­dero­vas. 1984 kom­po­niert, wie Are­n­skys Quar­tett in memo­ri­am eines Freun­des geschrie­ben, bie­tet es in moder­ne Ton­spra­che eine brei­te Aus­drucks­pa­let­te. Und jun­gen Musi­ker wid­men sich dem mit viel Hin­ga­be und Kon­zen­tra­ti­on und kön­nen die vol­le Viel­falt die­ser Musik ein­dring­lich beschwö­ren. So ent­steht, von den ers­ten Fla­geo­letts als Bild der fah­le Wirk­lich­keit über wei­te Kan­ti­le­nen und harsch-dra­ma­ti­sche Ein­brü­chen, aus dem sprach­lo­sen Raum der Trau­er und der Erin­ne­rung eine ech­te See­len­mu­sik. Frei von for­ma­len Zwän­gen, ganz dem Aus­druck ver­schrie­ben, setzt Sen­dero­vas der scha­len Rea­li­tät die man­nig­fal­ti­gen Mög­lich­kei­ten der Kunst ent­ge­gen. Viel­falt ist eben immer wie­der ein gro­ßer Gewinn. Und wenn sie nur dazu führt, unbe­kann­te Musik zu entdecken.

(geschrie­ben für die Main­zer Rhein-Zeitung.)

Vocal Percussion und Beatbox selbst gemacht

Das Beat­bo­xen und die Vocal Per­cus­sion ist ja eine ver­gleichs­wei­se jun­ge Art des „Sin­gens“, deren Geheimi­nis­se, Tech­ni­ken, Moda­li­tä­ten und Ideen fast nur im direk­ten Kon­takt, in Clubs – und über You­Tube – wei­ter­ge­ge­ben wur­den. Aber das ändert sich gera­de – weil Beat­bo­xen aus der Club­ni­sche befreit wur­de und immer brei­te­re Ver­brei­tung fin­det. Es kommt also gera­de recht, dass Richard Filz die Basics die­ser Pro­fes­si­on ver­mit­teln will. Und die DVD ist dafür natür­lich ein nahe­lie­gen­des Medi­um – mit einem Buch lie­ße sich das Nach­ah­men von Schlag­in­stru­men­ten höchs­tens halb so gut errei­chen. Bei „vocal per­cus­sion basics“ darf man nicht nur Erklä­run­gen lau­schen, son­dern Filz auch dabei zuse­hen, wie das alles ent­steht. Und Filz ist nicht nur ein Beat­bo­xer, son­dern auch ein Coach mit viel Erfahrung.

Die gibt er mehr als zwei Stun­den auf die­ser DVD wei­ter. Sein Kon­zept ist ein­fach, schlüs­sig und über­sicht­lich: Aus­ge­hend von den Grund­sounds des Mund-Schlag­werks ent­wi­ckelt er ein­fa­che grund­le­gen­de Rhyth­men vom Rock über Funk, Hip Hop & Swing zu Latin Groo­ves, baut die­se aus ver­schie­de­nen Bau­stei­ne zusam­men, stellt mög­li­che Fills und Ergän­zun­gen vor, bis hin zur eigent­li­chen Songbe­glei­tung – immer mit dem Ziel der prak­ti­schen Anwen­dung, schieß­lich soll das Geüb­te auch im musi­ka­li­schen Zusam­men­hang erprobt wer­den. Und Filz ermun­tert dar­über hin­aus aus­drück­lich zum eige­nen Expe­ri­men­tie­ren und Impro­vi­sie­ren mit den hier ver­mit­tel­ten Grundlagen. 

Durch­weg merkt man die Erfah­rung des Unter­rich­tens: Richard Filz macht das näm­lich nicht nur vor, son­dern kann auch sehr genau erklä­ren, was wo mit wel­chem Teil des Mun­des zu tun ist, was beson­ders am Anfang hilf­reich ist, wie man das mit etwas Übung wei­ter­ent­wi­ckeln kann. Und neben­bei zeigt er auch immer wie­der, wel­che Klän­ge und Instru­men­te man als Vocal Per­cus­sio­nist eigent­lich imitiert.
Der eigent­li­che Lehr­gang, ein inter­ak­ti­ver Work­shop im „Call and Response“-Verfahren, wird auch immer wie­der von hilf­rei­chen Ergän­zun­gen zur Atmung, zur Visua­lie­rung der Sounds (dem Air­d­rum­ming, bei dem die Hän­de das Schlag­zeug­spiel par­al­lel zum Mund­werk mit­voll­zie­hen) oder zum Lip­pen-Warm-Up und der Mikro­fo­nie­rung unterbrochen. 

„Vocal Per­cus­sion basics“ wird beglei­tet von einem klei­nen Heft mit notier­ten Basis-Rhyth­men (das den etwas hoch­ge­grif­fe­nen Titel „Vocal Groo­ve Lexi­kon“ trägt) und einem frei zugäng­li­chen Inter­net-Ange­bot unter http://​www​.vocal​-per​cus​sion​.com. Filz ist über­zeugt: „Vocal Per­cus­sion kann jeder machen“ – immer und über­all, bei­lei­be nicht nur Sän­ger, auch Schlag­zeu­ger. Und mit die­ser DVD soll­te zumin­dest der Ein­stieg mög­lich werden. 

Richard Filz: Vocal Per­cus­sion basics. Inter­ak­ti­ver Work­shop. DVD, 124 Minu­ten. Uni­ver­sal Edi­ton UE 45017. 2009.

(geschrie­ben für die Neue Chorzeit.)

Liszt zum Zweihundertsten

2011 als Jubi­lä­ums­jahr – sein Geburts­tag jährt sich zum 200. Mal – war der offen­sicht­li­che Anlass für die­se Buch: Wolf­gang Döm­lings klei­ne Bio­gra­phie „Franz Liszt“. Erschie­nen ist das in der von mir grund­sätz­lich sehr geschät­zen Rei­he „Wis­sen“ des Beck-Ver­lags. Aber da passt die­ses Buch kaum rein – im Gegen­satz zu ande­ren dort erschie­nen Bänd­chen hat es mich sehr ent­täuscht, obwohl es in der Taschen­buch­ko­lum­ne der Süd­deut­schen Zei­tung sehr direkt emp­foh­len wur­de. Und zwar war ich sowohl inhalt­lich als auch for­mal und sprach­lich ziem­lich enttäuscht.

Fan­gen wir mit dem pin­ge­ligs­ten an, den For­ma­la­li­tä­ten: Ent­ge­gen der Rei­hen-Gepflo­gen­hei­ten gibt es hier über­haupt kei­ne ver­nünf­ti­gen Lite­ra­tur­hin­wei­se: Döm­ling erwähnt den MGG-Arti­kel – und genau ein Buch.1 Das war’s auch schon – sehr ent­täu­schend. Und auch wenig hilf­reich. Es gibt doch bestimmt auch gute musik­wis­sen­schaft­li­che, werk­ana­ly­ti­sche Lite­ra­tur zu Liszt, die dem Leser etwas wei­ter­hel­fen könn­te.2 Damit hängt viel­leicht auch das inhalt­li­che Pro­blem zusam­men … – aber dazu spä­ter noch etwas.

Sprach­lich fal­len sofort die Satz-Unge­tü­me oder ‑Unge­heu­er auf: Döm­ling häuft näm­lich ger­ne in einem Satz alles an, was ihm so an Infor­ma­ti­on über den Weg läuft – mit unzäh­li­gen Ein­schü­ben, Appo­si­tio­nen, Rela­tiv­sät­zen und so wei­ter. Und irgend­wann, das ist bei ihm gar nicht sel­ten, ist der ursprüng­li­che Satz gar nicht mehr zu erken­nen. Ob der tro­cke­ne, sprö­de Stil (der nur auf den letz­ten Sei­ten, wo es um Liszts Spät­werk geht, eini­ge Fun­ken schlägt) als Plus- oder Minus­punkt zu wer­ten ist, bleibt sicher Geschmack­sa­che. Ich fand es oft arg dürr.

Und inhalt­lich? Das hängt durch­aus wie­der mit der sprach­li­chen Gestal­tung zusam­men. Döm­ling gibt sich ger­ne etwas bes­ser­wis­se­risch, etwas pater­na­lis­tisch beleh­rend erzählt er den Lebens­weg in gro­ben (oft nur sehr bruch­stück­haf­ten) Umris­sen, greift ger­ne mal auf das „wie bekannt“ zurück. Dabei hat er offen­bar durch­aus den Lai­en im Blick, vie­les musik­fach­li­ches wird von ihm näm­lich gut und knapp erklärt, die fach­li­chen Vor­aus­set­zun­gen hält er aus­ge­spro­chen nied­rig: Selbst eigent­lich bana­le Din­ge wie das Trans­po­nie­ren oder vom-Blatt-Spie­len erklärt er mehr­fach (aber wer eine Vir­tuo­sen- & Kom­po­nis­ten­bio­gra­phie liest, wird solch ele­men­ta­re Sach­ver­hal­ten doch wohl unge­fähr parat haben …). Das sieht dann z.B. mal so aus:

1834 begeg­ne­te Liszt der Schrift­stel­le­rin Geor­ge Sand (nom de plu­me für Auro­re Dude­vant), einer Frau, deren Kli­schee­bild in der Nach­welt, beson­ders der deut­schen, recht unfreund­lich ist: als hosen­tra­gen­de, zigar­ren- und män­ner­ver­schlín­gen­de Eman­ze, die vie­le schlech­te Roma­ne geschrie­ben hat und nur als Pfle­ge­rin-Muse des unglück­li­chen Cho­pin in Erin­ne­rung bleibt. (Eine der mit ste­ter Regel­mä­ßig­keit auf­tau­chen­den Kul­tur­ver­an­stal­tun­gen in deut­schen Städ­ten heißt „Ein Win­ter auf Mal­lor­ca“, mul­ti­me­di­al gestal­tet mit einer Lesung aus Sands gleich­na­mi­gem Buch, mit Licht­bil­dern und mit Cho­pins Musik – dar­un­ter natür­lich das „Regen­trop­fen-Pré­lude“, das frei­lich als sol­ches nur in der popu­lä­ren Über­lie­fe­rung iden­tifi­zier­bar scheint …) Sand und Cho­pin lern­ten sich übri­gens bei Liszt ken­nen. Der Win­ter auf Mal­lor­ca 1838/​1859, wor­un­ter man sich heu­te viel­leicht etwas „Rornan­ti­sches“ vor­stellt, war vol­ler mehr oder weni­ger schreck­li­cher Erleb­nis­se. (Welch selt­sa­me Idee ja auch, mit zwei Kin­dern und einem Pia­nis­ten und Kom­po­nis­ten, Groß­stadt­mensch und krank dazu, sich im Win­ter auf eine unwirt­li­che und ungast­li­che Insel zurück­zu­zie­hen!) 3

Gut gelingt Döm­ling aber auch man­ches, vor allem die (musik-)historische Situ­ie­rung und Ein­ord­nung Liszts, sei­ner Kon­zert­pra­xis und sei­ner Kom­po­si­tio­nen. Das nimmt zar nur sehr wenig Raum ein, aber immer­hin nimmt er sich die Zeit und den Platz – ger­ne auch mit ent­spre­chen­den Rück­bli­cken, zu klar soll es ja nicht wer­den – zu schil­dern, was an Listzs Trei­ben Beson­der­heit oder Nor­ma­li­tät im 19. Jahr­hun­dert war – das ist ein sehr guter Zug.

Im gan­zen wirkt das aber auf mich noch arg unfer­tig, wie eine Vor­stu­die für ein „rich­ti­ges“ Buch: Döm­ling springt flei­ßig hin und her, ohne das immer aus­rei­chend deut­lich zu machen, beginnt irgend­wie immer wie­der neu. Deut­lich wird das vor allem in sei­ner Dar­stel­lung der 1830er: Liszts Kon­zert­kar­rie­re darf hier unzäh­li­ge Male neu begin­nen – aber über das wie, das was und vor allem das war­um erfährt man dann doch herz­lich wenig. Über­haupt, der Kon­zert­künst­ler Liszt ist hier total unter­be­lich­tet, gera­de was die zeit­ge­nös­si­sche Rezep­ti­on angeht, aber auch, was sei­ne eigent­li­chen Unter­neh­mun­gen betrifft.
Dazwi­schen, in die­ser Mate­ri­al­samm­lung oder die­sem Stein­bruch, ste­hen dann doch immer wie­der klu­ge Sät­ze, die Ein­sicht und Ein­füh­lungs­ver­mö­gen ver­ra­ten und den Leser wie­der ver­söh­nen.4 Scha­de nur, dass es so weni­ge blei­ben und dass sie so ver­streut sind. Sei­ne Andeu­tun­gen haben aber irgend­wie Metho­de: Das geschieht immer auf ähn­li­che Wei­se, wie z.B. Liszts Bezie­hung zu Wagner:

Cosi­mas detail­lier­te Tage­buch­no­ta­te sagen dazu mehr als genug.5

Toll, dass Döm­ling das weiß. Ich hät­te es auch ger­ne erfahren …

Mein Haupt-„Problem“ bei der Lek­tü­re des bio­gra­phi­schen Abris­ses aber: Mir scheint, er hat kei­ne wirk­li­che Deu­tung des Lebens, kei­ne Inter­pre­ta­ti­on des Lebens­we­ges – des­we­gen wirkt das so aka­de­misch, weil er über gro­ße Tei­le des Tex­tes nur die äuße­ren Sta­tio­nen abhan­delt, die Psy­cho­lo­gie des Kom­po­nis­ten aber kei­ne (bzw. nur eine klei­ne) Rol­le spielt. Dazu kommt dann noch eine eher ver­wun­der­li­che Zurück­hal­tung, was die Beschrei­bung und/​oder Ana­ly­se der Musik Liszts angeht – das ist oft erschre­ckend und ärger­lich kurz, ober­fläch­lich und nichts­sa­gend. Von einem Musik­wis­sen­schaft­ler, der sich schon län­ger mit Liszt beschäf­tigt, hät­te ich gera­de in die­sem Punkt deut­lich mehr erwartet.

Also, in mei­nen Augen kei­ne emp­feh­lens­wer­te Bio­gra­phie, auch im Jubi­lä­ums­jahr nicht: Wer noch kei­ne Kennt­nis­se der Bio­gra­phie Liszts hat, wird sich hier­mit wohl schwer­tun. Und war­um die Süd­deut­sche das emp­feh­lens­wert fand, erschloss sich mir über­haupt nicht.

Wolf­gang Döm­ling: Franz Liszt. Mün­chen: Beck 2011 (Wis­sen). ISBN 978−3−406−61195−7. 112 Seiten.

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  1. Der MGG-Arti­kel von Det­lef Alten­burg ist durch­aus zu recht erwähnt, der ist schon sehr gut. Und dass Döm­ling sich bei Bur­gers Bild- und Doku­ment­band flei­ßig bedient hat (natür­lich nur, was die Tex­te angeht, Bil­der gibt es in die­ser Rei­he ja nicht), merkt man im Text deut­lich. ↩
  2. Ich ken­ne mich da nicht wirk­lich aus – aber Döm­ling ist ja mit Werk­ana­ly­sen oder wenigs­tens ‑beschrei­bun­gen auch ärger­lich extrem zurück­hal­tend. ↩
  3. S. 34f. – so steht das wirk­lich mit­ten in einer Liszt-Bio­gra­phie. Und das ist nicht die ein­zi­ge der­ar­ti­ge Stel­le, sol­che und ähn­li­che Sei­ten­hie­be gibt es unzäh­li­ge … ↩
  4. Zum Bei­spiel die weni­gen, knap­pen, aber m. E. sehr genau tref­fen­den Sät­ze zur Hei­mat-Idee Liszts, zu sei­ner Bezie­hung zu Ungarn – das hät­te durch­aus Poten­zi­al zur Aus­ar­bei­tung gehabt … ↩
  5. Und damit ist Döm­ling auch fast am Ende sei­ner knap­pe Schil­de­rung der Begeg­nung Wag­ner-Liszt im Win­ter 1882/​83, S. 100. ↩

Knöchel

„Wie vie­le zer­schred­der­te Knö­chel wohl auf das Kon­to der Trol­ley-Indus­trie gehen, das müss­te man eigent­lich mal unter­su­chen.“ (Nagel, Was kos­tet die Welt, 40)

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