„Das Schöne an Freud ist: daß er alles sagt, wenn man es ihn nur sagen läßt.“ (Henning Ritter, Notizhefte, 75)
Von Ferne tönen sie schon vor dem Beginn, die Hörner. Sie solle heute, im 7. Meisterkonzert, eine besondere Rolle spielen. „Die Romantiker“ ist das Konzert mit der Deutschen Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz unter Karl-Heinz Steffens betitelt. Und da gehören Hörner unbedingt dazu – schließlich ist das Horn neben der Harfe wohl eines der romantischen Instrumente überhaupt. Sie sind das, auch wenn das zweite Hornkonzert von Richard Strauss natürlich m engeren Sinne nicht mehr zur eigentlichen Romantik gehört: Die Uraufführung des druckfrischen Werkes fand 1943 statt und sei „ganz nett ausgefallen“, wie der Komponist anmerkte.
Nun ist „nett“ meistens kein besonders wohlwollendes ästhetisches Urteil. Aber es trifft doch sehr gut, was Strauss hier geschrieben hat. Und der Hornist Stefan Dohr steigt gleich mit den ersten Tönen voll ein. Mit viel Einsatz lässt er alle Seiten der Musik lebendig werden: Das kraftvolle Schmettern ebenso wie die weichen Melodielinien. Gerade die sanften Kantilenen gelingen ihm hervorragend, aber auch seine wunderbare Übergänge zum forschen, kraftvollen Spiel, mit dem er das Orchester mühelos dominiert, zeigen Dohr als überlegten Solisten. Zumal Stefffens sich und das Ensemble sehr zurückhält und sich vorwiegend auf das Begleiten konzentriert. Zusammen ergibt das eine sehr vitale, lebendig strömende Musik – vor allem dank des energischen Zugriffs Dohrs, der aus der manchmal etwas trockenen Partitur alles herausholt, was sie an begeisterndem Witz und Esprit überhaupt hergibt.
Unzweifelhafte zur Romantik gehört Bruckners vierte Symphonie – die trägt das ja schon im Beinamen. Und Steffens sucht genau das auch gezielt zu verwirklichen. Mit einem ausgesprochen geheimnisumwitterterten Beginn fängt er an. Und die dunklen, etwas verschatteten Seiten der Musik bleiben das Beste in Steffens Interpretation. Auch sonst setzt der Dirigent weiterhin vor allem auf Stimmungen statt Strukturen und ist nicht so sehr auf die Subtilitäten des Klanggeschehens aus, sondern vor allem auf seine Wirkung. Und dafür hat er ein geschicktes Händchen: Er verliert sich nicht in Details, er lässt die monumentale Sinfonik Bruckners nicht erstarren, sondern hält sie als Dirigent, der immer auf den jeweiligen Moment bedacht ist, in unablässiger Bewegung. Gerade deshalb bleibt das hier aber auch sehr irdisch. Und manchmal, vor allem zum Ende hin, nehmen die große Gesten etwas überhand. Dabei lässt Steffens auch einige lose Fäden hängen und Übergänge unerledigt. Immerhin, die Staatsphilharmonie hält durch und bleibt bis zum Schluss sehr klanggewaltig und durchsetzungsstark. Und damit ist bei Bruckner schon das meiste getan – und der Romantik auch zu ihrem Recht verholfen.
(geschrieben für die Mainzer Rhein-Zeitung.)
Weil ich den Odenwald habe.
Und hier beginnt 300 Meter hinter der Haustüre die Wiese. Nach der Wiese kommt der Acker. Und dann der Wald. Und da kann man sich toll austoben. Nie bin ich beim Laufen so schnell kaputt wie an den Tagen, an denen ich die Wege verlasse und mich im freien Gelände bewege. Denn nicht nur geht es da über Stock und Stein—im Odenwald heißt freies Gelände (fast) immer auch: hoch und runter. Und gerne auch mal richtig steil.
Heute war wieder so ein Tag. Bei strahlendem Sonnenschein, über 20 °C und einem lauen Frühlingslüftchen hat’s mich einfach gepackt. Und dann bin ich auch noch auf die Idee gekommen, nicht nur querfeldein zu traben, sondern das auch in den Five Fingers zu tun. Die hatte ich ewig nicht mehr beim Laufen an. Und da die Läufe abseits der Wege bei mir meist die kürzeren Einheiten sind, schien mir das eine gute Gelegenheit, mal wieder das Barfußlaufen zu simulieren. Und es war wirkich eine gute Idee. Gut, auf dem Fußrücken hätte ich mit „richtigen“ Trailschuhen mir keine Schrammen geholt. Aber sonst ging es mit den minimalistischen Schlappen von Vibram erstaunlich gut—viel besser als ich dachte. Der Boden war—durch die Regenfälle der letzten Tage—schön weich. Das kam mir natürlich entgegen, so konnten sich meine Zehen richtig schön festkrallen. Das ist auch so etwas: Wer mal ein paar Dutzend Schritte nur auf den Zehen im Wald bergauf unterwegs war, weiß ziemlich genau, wie schwer er ist …
Der Wald hat natürlich wieder seine Spuren hinterlassen—ohne Schrammen geht das Querfeldeinlaufen bei mir selten ab. Irgendwann übersehe ich immer eine Brombeerenranke (oder finde keinen Weg mehr außenrum und muss eben durch’s Dickicht, um nicht umkehren zu müssen). So war’s heute auch wieder. Und irgendwie gehört es auch dazu—das sanfte Brennen, wenn der Schweiß in die Kratzer läuft. Die Mischung aus Blut, Schweiß und Dreck, die so schöne Krusten gibt.
Lauftechnisch sind solche Tage eher ernüchternd:
—eine Geschwindigkeit von 6:38 bekomme ich sonst eher selten auf den Forerunner. Aber darum geht es bei diesen Läufen ja auch überhaupt nicht. Und Spaß machen sie bei jedem Tempo. Zumal das ja sehr relativ ist—wer mal durch einen nicht besonders aufgeräumten Wald den Hang hinunter gerannt ist oder die Wiese am örtlichen Skilifthang runtergebretter ist, weiß, was da alles für Fußangeln, Löcher, Überraschungen und Ausrutscher auf den Läufer warten.
Aus Taiwan habe ich bisher nur wenige, dafür aber sehr gute Tees getrunken. In diese Reihe passt der Paochung (oder Bao Zhong) wunderbar hinein. Das ist nämlich nicht nur ein sehr feiner, sondern auch ein sehr großartiger Tee. Er kommt aus der Gemeinde Mingjian des Nantou-Kreises in Taiwan, ziemlich genau in der Mitte des Landes.
Die großen Blätter, die sich zu voller Pracht entfalten und schon trocken sommerlich-fruchtig duften (kaum ein Tee riecht trocken so gut wie ein klassischer Oolong …), sind kaum gefaltet/gerollt, sondern ganz natürlich getrocknet und nur ganz leicht oxidiert. Sehr verheißungsvoll also schon, bevor das erste Blatt überhaupt Kontakt mit Wasser hatte. Nach dem Aufguss zeigt er sich mit einer sehr hell leuchtenden Tasse, leicht grünlich und überaus klar. Vor allem aber besticht sein unvergleichlicher Duft: So entzückt hat mich noch kein Tee vor dem ersten Schluck – ganz schwer zu beschreiben ist das: Leicht und dezent, sanft würzig, irgendwie vornehm und, ja, adlig riecht das.
Und entsprechend schmeckt er auch: Würdig und vornehm, sehr zurückhaltend, aber fein, eine angenehm entfaltete, komplexe Würzigkeit bestimmt den Tee, der kaum nach Tee schmeckt. Denn zu der feinsinnigen Würze gesellt sich noch eine etwas fruchtig angehauchte Süße, die das Teeblatt vor dem Aufguss ja schon angedeutet hat. In der Kombination schmeckt das für mich irgendwie ganz alt, wie aus tiefer Vergangenheit zu uns überkommen – aber auf jeden Fall ausgespochen vorzüglich. Erstaunlich auch, wie die guten Tees sich doch mit leichten Variationen der Ziehzeit verändern lassen – und beim dritten, vierten Aufguss ebenso langsam anders schmecken als beim ersten. Das sorgt dafür, dass der Tee nie langweilig wird …
Tee: Taiwan Paochung Nr. 622 von Kolodziej & Lieder
Zubereitung: Bei 95 °C in der Seitengriffkanne, 20 Sekunden Ziehzeit beim ersten Aufguss, 15 Sekunden beim zweiten, 30 bei den folgenden Aufgüssen.
„Seerücken“ ist ein typisches Stamm-Buch. Alle notwendigen Ingredenzien sind im neuen Erzählungsband von Peter Stamm vorhanden, auch die Mischung stimmt wieder.1. Da wären sie also wieder, die Gewöhlichkeiten des Peter Stamm. Aus den Banalitäten des Alltgs, des „normalen“ Lebens schöpft er seine Erzählungen. Tristesse und eine leichte Melancholie als Grundstimmung darf und kann man hier schon konstatieren – aber nur eine leichte, eine schwebende, die mehr durch ihre Anmut als durch ihre Melancholie bezaubert.
Das zeigt sich schon ganz nebensächlich – aber Nebensächlichkeiten gibt es bei Stamm eben nicht, hier zählt jedes Wort mit Bedacht – in der vorhandenen und erfahrenen Natur und Umwelt im weitesten Sinne, denn auch Dorf (das eher) und Stadt, Arbeitsplatz und Wohnung gehören da schon dazu: Als gegebene Umstände, umweltliche Rahmungen des/der Protagonisten – und beiben übrigens auffallend menschenleer, selbst in „Massenszenen“ wie einem Open-Air-Konzert mit mehreren Hundert Besuchern gibt es eigentlich nur vier oder fünf Menschen, der Rest ist Umwelt, ist Rauschen, Hintergrund … Die Lanschaft ist hier oft der Bodensee, wiederholt dunstig, neblig, mit unklarem Wetter – keine Sonnenschein-Stimmung auf jeden Fall …
Denn es sind ja immer etwas holprige Lebensentwürfe, die Stamm beschäftigen. Seine Erzähungen oder Kurzgeschichten haben hier – zumindest teilweise – durchaus einen Hang zur Novelle: Einen gewissen Dreh, ein unvorhergesehene Ereignis, eine unerwartete Wendung bekommen die Geschichten durchaus öfters mit. Aber, und das ist eben typisch für Stamm, meistens nur einen klitzekleinen, manchmal sogar nur einen kaum merkbaren – und manchmal auch gar keinen … Und dieses „Ereignis“ – das auch eine bloße Wahrnehmung sein kann – ist keineswegs unbedingt das Zentrum oder das Ziel des Textes – insofern stimmt das mit den Novellen auch wieder nicht und man muss wohl bei dem etwas generischen Begriff der „Erzählung“ bleiben.
Seine Gestalten sind Anti-Helden – die Kritik klassifiziert sie oft als Verlierer. Aber das scheint mir zu weit: Verloren sind sie in der Regel nur in der Alltäglichkeit, der Gewöhnlichkeit ihrer Lebensentwürfe. Aber auch Sehnsuchtspielt nur eine untergeordnete Rolle – die allerdings schon: Sie lauert unter der Oberfläche, die (oft mit Mühe) aufrecht erhalten wird. Gewiss, das Scheitern ist hier häufiger als das Gelingen. Aber so ist das Leben nun einmal. Und nicht jedes Misslingen ist ein Scheitern, manchmal reicht auch ein Beinahe oder ein Geradesogelingen für den Erfolg. Die Figuren Stamms sind jedenfalls gan sicher keine Draufgänger – Risiko gehen sie nur ungern ein, sie richten sich gerne ein in ihrem Leben, ihren Umständen, ihrer eigenen Welt. Und manchmal ist der Autor so gemein, sie mit klitzekleinen Unscheinbarkeiten, mit zufälligen Begegnungen, mit kleinen Ereignissen zumindest für einen Moment aus ihrem gemütlichen, aber nie ganz erfüllenden Alltag und dessen Trott zu reißen, ihnen so die Möglichkeit des Denkens, des Sehnens, des Wünschens zu eröffnen und die Welt und das Leben etwas heller werden zu lassen.
Wahrscheinlich kommt daher das hohe Identifkationpotenzial, dass die Stammsche LIteratur anbietet und sie so erfolgreich macht. Trotzdem, trotz der (zumindest scheinbaren) Banalität seiner Figuren, Psychen und Handlungen, ist Stamm aber in der Lage, Schönheiten zu entdecken. Das st wohl seine größte Leistung: Die ästhetische Faszination, die reine, fast unschuldig zu nennende Schönhei der Banalität nicht nur zu entdecken und mitzuteilen, sondern ihr auch eine Form zu geben. Denn Stamms Sprache ist ja geradezu beleidigend einfach, schlicht – aber genauestens komponiert. Denn gerade die Simplizität seiner Schilderung, die leichte Distanz zu Menschen und Dingen ermöglicht ihm Genauigkeit, Präzision der Wahrnehmung des Erzählers und Präzision der Schilderung. Diese Passung, die Übereinstimmung von Thema/Sujet und Stil macht einen großen Teil des Könnens Stamms aus.
Zehn Geschichten, jede ganz eigen und doch alle zusammen gehörig, eben als ewige Variation des Stammschen Themas. Aber das kann man durchaus öfter lesen. Und allein die letzte Geschichte dieses Bandes, „Coney Island“, ist schon großartig genug: Auf genau drei Seiten schildert Stamm nur eine ganz alltägliche, banale Situation – ein Raucher am Mehr, eine zufällige Begegnung, ein Foto – und doch ist das alles viel mehr, öffnet es ein Fenster in ein ganzes Leben, ein Entwurf, eine Idee des „richtigen“ oder ordentlichen Lebens. Die schwächste der Erzählungen scheint mir genau die zu sein, die am stärksten zur Novelle tendiert, wo am „meisten“ passiert: „Der Lauf der Dinge“ – ein Paar im Urlaub, die Nachbarn in der Ferienwohnung als lärmende Familie, die urplötzlich verstummt: Der Vater hat seinen eigenen Sohn beim Wenden aus Versehen überfahren. Typisch Stamm ist natürlich, dass dieses Ereignis nicht aus der betroffenen Familie heaus erzählt wird, sondern über den „Umweg“ der nicht/kaum betroffenen zufälligen Nachbarn auf Zeit. Aber doch scheinen mir die stärker reduzierten Texte, die ohne größere Szenerie und ohne vielfältiges Personal auskommen,2 die eindringlicheren und überzeugenderen.
Peter Stamm: Seerücken. Erzählungen. Frankfurt am Main: Fischer 2011. 190 Seiten. ISBN 978−3−10−075133−1.
Hektische Betriebsamkeit herrscht im Konzertsaal des Peter-Cornelius-Konservatorium: Fernsehkameras werden justiert, die Photographen verteilen sich an strategisch günstigen Positionen im ganzen Saal, die letzten Besucher suchen vergeblich nach freien Sitzplätzen. Es ist ganz deutlich: Hier geschieht etwas Besonderes, die Erwartung liegt in der Luft.
„East meets West” heißt das, was hier gleich passiert. Und es soll die Frage beantworten: Wie klingt Stein? Denn nicht nur treffen hier im Mainzer Konservatorium chinesische und deutsche Musik und Musiker zusammen, die Instrumente aus China sind außerdem auch aus einem ganz besonderen Stoff: Aus Stein eben. Zhongtian Shao hat sie gebaut. Das ist auch wieder ungewöhnlich, denn Shao ist eigentlich Bildhauer. Aber er hat die Softjade, einen speziellen Stein, für sich entdeckt und irgendwann nicht nur Plastiken bearbeitet, sondern auch taditionelle chinesische Musikinstrumente aus dem grün schimmernden Stein geformt: Eine Erhu zum Beispiel, eine einfache zweiseitige chinesische Fiedel. Oder die Pipa, eine Art Laute. Und auch größere Instrumente wie die Guzheng, eine Zithervariante und ein chinesisches Hackbrett, Yangqing genannt, entstanden aus dem für Instrumentenbauer ungewöhnlichen Stoff.
Vier Solistinnen aus China führten die vier Instrumente vor, mit mehr oder weniger traditioneller Musik aus allen Teilen des Reiches. Und überraschender Weise klingt der Stein gar nicht so anders: Etwas weniger Körper, weniger Volumen haben die Saiteninstrumente in ieser Form. Aber ihr charakeristischer Klang bleibt durchaus erhalten und zu erkennen.
Die Musikerinnen zeigen die Fähigkeiten der traditionellen Instrumente mit passender Musik: Pittoreske Tonmalereien vor allem, immer mit programmatischen Titeln, sie schildern Landschaftsschönheiten und die brav arbeitenden Leute dort. Das heißt dann Pferderennen, Tanz der goldenen Schlange, Kampf gegen den Taifun oder „Kleine Schwester auf der Steppe”. So poetisch die Titel sind, so gefällig ist die Musik – überraschend fast, wie wenig fremd das klingt. Am stärksten und beeindruckensten gelingt das bei der von Hang Zhang virtuos gespielten Guzheng – auch wegen der fremdartigen Stimmung und der
Eigentlich war außerdem für die wirkliche, direkte Begegnung von Ost und West eine Uraufführung vorgesehen, die die östlichen Instrumente mit dem Marimbaphon von Martin Fuchs vereint hätte – leider ist der Komponist Mingxin Du aber krank geworden. Immerhin hat das chinesische Quartett mit Fuchs zusammen in der kantonesischen Unterhaltungsmusik „Xi Yan Yan” von Liu Ming Yan einen Ersatz gefunden. Der Titel verheißt Fröhlichkeit – und die Musik löst das auch ein. Eine beschwingende, positiv gestimmte Musik aus einer heilen Welt.
Und weil das Marimbaphon schon auf der Bühne stand, spielte Fuchs dann auch gleich noch das erste Marimbaphon-Konzert von Ney Rosauro. Das bot vor allem ihm viel Raum, seine virtuose und nuancenreihen Schlagtechnik zu beweisen – gemeinsam mit dem ebenfalls engagiert und besselt musizierenden Orcheste des Konservatoriums unter Gernot Sahler.
(geschrieben für die Mainzer Rhein-Zeitung.)
Von Mozart zu Šenderovas, dann noch einmal von Mahler zu Arensky (zurück ins tiefere 19. Jahrhundert): Das Konzert in der Villa Musica mit den Dozenten Kalle Randalu und David Geringas sowie einer Menge Stipendiaten findet keine Ruhe:
Größere Gegensätze sind kaum denkbar: Einerseits stehen Mozart und Mahler auf dem Programm. So hat die Villa Musica ihr Stipendiatenkonzert auch betitelt. Aber das reicht noch nicht für ein Konzert. Also kommen noch zwei Werke von Anatolijus Šenderovas und Anton Arensky dazu. Zwei halb oder gar nicht bekannte Kompositionen, die dann aber wesentlich spannender und interessanter waren als der Rest.
Denn Mozarts Klavierquartett in Es-Dur schien hier eher belanglos und als brav absolvierte Pflichtübung. Mahlers Quartettsatz immerhin kam breit ausgespielt und kraftvoll entschlossen mit großem Gestus daher – eindeutig als ein uneingelöstes Versprechen: Was hätte Gustav Mahler nicht auch für die Kammermusik leisten können, wenn er sich nicht auf orchestrale Großwerke beschränkt hätte. Das kurze Werk des jugendlichen Genies ist eine einzige Vorahnung auf Späteres. Und genau so, mit dem Wissen der späteren Entwicklung des Komponisten, spielten die die Stipendiaten um Kalle Randalu die einzige erhaltene Kammermusik Mahlers auch.
Im a‑Moll-Quartett des russischen Komponisten Anton Arensky läuft das Denken in die entgegengesetzte Richtung: In die Vergangenheit. Denn dieses Streichquartett in der unüblichen Besetzung mit Violine, Bratsche und zwei Celli ist von Arensky als Totenklage auf seinen Freund Tschaikowsky komponiert. Virtuos und weit ausholend beginnt es, spieltechnisch anspruchsvoll bleibt es auch in den Variationen über Thema von Tschaikowsky – ein berührender Satz, gründlich durchgearbeitet und getragen von der Dunkelheit des Abschiedes. Die drei Stipendiaten und Dozent David Geringas am Cello spielen das gleichermaßen wuchtig und athmosphärisch, folgen den elegischen Erinnerungen mit viel Klangsinn und Gespür für die machmal schmerzvolle, manchmal wehmütige und manchmal auch etwas verträumte Musik.
Athmosphärische und stimmungsvolle Klänge bietet auchdas zweite Klaviertrio des Litauers Anatolijus Šenderovas. 1984 komponiert, wie Arenskys Quartett in memoriam eines Freundes geschrieben, bietet es in moderne Tonsprache eine breite Ausdruckspalette. Und jungen Musiker widmen sich dem mit viel Hingabe und Konzentration und können die volle Vielfalt dieser Musik eindringlich beschwören. So entsteht, von den ersten Flageoletts als Bild der fahle Wirklichkeit über weite Kantilenen und harsch-dramatische Einbrüchen, aus dem sprachlosen Raum der Trauer und der Erinnerung eine echte Seelenmusik. Frei von formalen Zwängen, ganz dem Ausdruck verschrieben, setzt Senderovas der schalen Realität die mannigfaltigen Möglichkeiten der Kunst entgegen. Vielfalt ist eben immer wieder ein großer Gewinn. Und wenn sie nur dazu führt, unbekannte Musik zu entdecken.
(geschrieben für die Mainzer Rhein-Zeitung.)
Das Beatboxen und die Vocal Percussion ist ja eine vergleichsweise junge Art des „Singens“, deren Geheiminisse, Techniken, Modalitäten und Ideen fast nur im direkten Kontakt, in Clubs – und über YouTube – weitergegeben wurden. Aber das ändert sich gerade – weil Beatboxen aus der Clubnische befreit wurde und immer breitere Verbreitung findet. Es kommt also gerade recht, dass Richard Filz die Basics dieser Profession vermitteln will. Und die DVD ist dafür natürlich ein naheliegendes Medium – mit einem Buch ließe sich das Nachahmen von Schlaginstrumenten höchstens halb so gut erreichen. Bei „vocal percussion basics“ darf man nicht nur Erklärungen lauschen, sondern Filz auch dabei zusehen, wie das alles entsteht. Und Filz ist nicht nur ein Beatboxer, sondern auch ein Coach mit viel Erfahrung.
Die gibt er mehr als zwei Stunden auf dieser DVD weiter. Sein Konzept ist einfach, schlüssig und übersichtlich: Ausgehend von den Grundsounds des Mund-Schlagwerks entwickelt er einfache grundlegende Rhythmen vom Rock über Funk, Hip Hop & Swing zu Latin Grooves, baut diese aus verschiedenen Bausteine zusammen, stellt mögliche Fills und Ergänzungen vor, bis hin zur eigentlichen Songbegleitung – immer mit dem Ziel der praktischen Anwendung, schießlich soll das Geübte auch im musikalischen Zusammenhang erprobt werden. Und Filz ermuntert darüber hinaus ausdrücklich zum eigenen Experimentieren und Improvisieren mit den hier vermittelten Grundlagen.
Durchweg merkt man die Erfahrung des Unterrichtens: Richard Filz macht das nämlich nicht nur vor, sondern kann auch sehr genau erklären, was wo mit welchem Teil des Mundes zu tun ist, was besonders am Anfang hilfreich ist, wie man das mit etwas Übung weiterentwickeln kann. Und nebenbei zeigt er auch immer wieder, welche Klänge und Instrumente man als Vocal Percussionist eigentlich imitiert.
Der eigentliche Lehrgang, ein interaktiver Workshop im „Call and Response“-Verfahren, wird auch immer wieder von hilfreichen Ergänzungen zur Atmung, zur Visualierung der Sounds (dem Airdrumming, bei dem die Hände das Schlagzeugspiel parallel zum Mundwerk mitvollziehen) oder zum Lippen-Warm-Up und der Mikrofonierung unterbrochen.
„Vocal Percussion basics“ wird begleitet von einem kleinen Heft mit notierten Basis-Rhythmen (das den etwas hochgegriffenen Titel „Vocal Groove Lexikon“ trägt) und einem frei zugänglichen Internet-Angebot unter http://www.vocal-percussion.com. Filz ist überzeugt: „Vocal Percussion kann jeder machen“ – immer und überall, beileibe nicht nur Sänger, auch Schlagzeuger. Und mit dieser DVD sollte zumindest der Einstieg möglich werden.
Richard Filz: Vocal Percussion basics. Interaktiver Workshop. DVD, 124 Minuten. Universal Editon UE 45017. 2009.
(geschrieben für die Neue Chorzeit.)
2011 als Jubiläumsjahr – sein Geburtstag jährt sich zum 200. Mal – war der offensichtliche Anlass für diese Buch: Wolfgang Dömlings kleine Biographie „Franz Liszt“. Erschienen ist das in der von mir grundsätzlich sehr geschätzen Reihe „Wissen“ des Beck-Verlags. Aber da passt dieses Buch kaum rein – im Gegensatz zu anderen dort erschienen Bändchen hat es mich sehr enttäuscht, obwohl es in der Taschenbuchkolumne der Süddeutschen Zeitung sehr direkt empfohlen wurde. Und zwar war ich sowohl inhaltlich als auch formal und sprachlich ziemlich enttäuscht.
Fangen wir mit dem pingeligsten an, den Formalalitäten: Entgegen der Reihen-Gepflogenheiten gibt es hier überhaupt keine vernünftigen Literaturhinweise: Dömling erwähnt den MGG-Artikel – und genau ein Buch.1 Das war’s auch schon – sehr enttäuschend. Und auch wenig hilfreich. Es gibt doch bestimmt auch gute musikwissenschaftliche, werkanalytische Literatur zu Liszt, die dem Leser etwas weiterhelfen könnte.2 Damit hängt vielleicht auch das inhaltliche Problem zusammen … – aber dazu später noch etwas.
Sprachlich fallen sofort die Satz-Ungetüme oder ‑Ungeheuer auf: Dömling häuft nämlich gerne in einem Satz alles an, was ihm so an Information über den Weg läuft – mit unzähligen Einschüben, Appositionen, Relativsätzen und so weiter. Und irgendwann, das ist bei ihm gar nicht selten, ist der ursprüngliche Satz gar nicht mehr zu erkennen. Ob der trockene, spröde Stil (der nur auf den letzten Seiten, wo es um Liszts Spätwerk geht, einige Funken schlägt) als Plus- oder Minuspunkt zu werten ist, bleibt sicher Geschmacksache. Ich fand es oft arg dürr.
Und inhaltlich? Das hängt durchaus wieder mit der sprachlichen Gestaltung zusammen. Dömling gibt sich gerne etwas besserwisserisch, etwas paternalistisch belehrend erzählt er den Lebensweg in groben (oft nur sehr bruchstückhaften) Umrissen, greift gerne mal auf das „wie bekannt“ zurück. Dabei hat er offenbar durchaus den Laien im Blick, vieles musikfachliches wird von ihm nämlich gut und knapp erklärt, die fachlichen Voraussetzungen hält er ausgesprochen niedrig: Selbst eigentlich banale Dinge wie das Transponieren oder vom-Blatt-Spielen erklärt er mehrfach (aber wer eine Virtuosen- & Komponistenbiographie liest, wird solch elementare Sachverhalten doch wohl ungefähr parat haben …). Das sieht dann z.B. mal so aus:
1834 begegnete Liszt der Schriftstellerin George Sand (nom de plume für Aurore Dudevant), einer Frau, deren Klischeebild in der Nachwelt, besonders der deutschen, recht unfreundlich ist: als hosentragende, zigarren- und männerverschlíngende Emanze, die viele schlechte Romane geschrieben hat und nur als Pflegerin-Muse des unglücklichen Chopin in Erinnerung bleibt. (Eine der mit steter Regelmäßigkeit auftauchenden Kulturveranstaltungen in deutschen Städten heißt „Ein Winter auf Mallorca“, multimedial gestaltet mit einer Lesung aus Sands gleichnamigem Buch, mit Lichtbildern und mit Chopins Musik – darunter natürlich das „Regentropfen-Prélude“, das freilich als solches nur in der populären Überlieferung identifizierbar scheint …) Sand und Chopin lernten sich übrigens bei Liszt kennen. Der Winter auf Mallorca 1838/1859, worunter man sich heute vielleicht etwas „Rornantisches“ vorstellt, war voller mehr oder weniger schrecklicher Erlebnisse. (Welch seltsame Idee ja auch, mit zwei Kindern und einem Pianisten und Komponisten, Großstadtmensch und krank dazu, sich im Winter auf eine unwirtliche und ungastliche Insel zurückzuziehen!) 3
Gut gelingt Dömling aber auch manches, vor allem die (musik-)historische Situierung und Einordnung Liszts, seiner Konzertpraxis und seiner Kompositionen. Das nimmt zar nur sehr wenig Raum ein, aber immerhin nimmt er sich die Zeit und den Platz – gerne auch mit entsprechenden Rückblicken, zu klar soll es ja nicht werden – zu schildern, was an Listzs Treiben Besonderheit oder Normalität im 19. Jahrhundert war – das ist ein sehr guter Zug.
Im ganzen wirkt das aber auf mich noch arg unfertig, wie eine Vorstudie für ein „richtiges“ Buch: Dömling springt fleißig hin und her, ohne das immer ausreichend deutlich zu machen, beginnt irgendwie immer wieder neu. Deutlich wird das vor allem in seiner Darstellung der 1830er: Liszts Konzertkarriere darf hier unzählige Male neu beginnen – aber über das wie, das was und vor allem das warum erfährt man dann doch herzlich wenig. Überhaupt, der Konzertkünstler Liszt ist hier total unterbelichtet, gerade was die zeitgenössische Rezeption angeht, aber auch, was seine eigentlichen Unternehmungen betrifft.
Dazwischen, in dieser Materialsammlung oder diesem Steinbruch, stehen dann doch immer wieder kluge Sätze, die Einsicht und Einfühlungsvermögen verraten und den Leser wieder versöhnen.4 Schade nur, dass es so wenige bleiben und dass sie so verstreut sind. Seine Andeutungen haben aber irgendwie Methode: Das geschieht immer auf ähnliche Weise, wie z.B. Liszts Beziehung zu Wagner:
Cosimas detaillierte Tagebuchnotate sagen dazu mehr als genug.5
Toll, dass Dömling das weiß. Ich hätte es auch gerne erfahren …
Mein Haupt-„Problem“ bei der Lektüre des biographischen Abrisses aber: Mir scheint, er hat keine wirkliche Deutung des Lebens, keine Interpretation des Lebensweges – deswegen wirkt das so akademisch, weil er über große Teile des Textes nur die äußeren Stationen abhandelt, die Psychologie des Komponisten aber keine (bzw. nur eine kleine) Rolle spielt. Dazu kommt dann noch eine eher verwunderliche Zurückhaltung, was die Beschreibung und/oder Analyse der Musik Liszts angeht – das ist oft erschreckend und ärgerlich kurz, oberflächlich und nichtssagend. Von einem Musikwissenschaftler, der sich schon länger mit Liszt beschäftigt, hätte ich gerade in diesem Punkt deutlich mehr erwartet.
Also, in meinen Augen keine empfehlenswerte Biographie, auch im Jubiläumsjahr nicht: Wer noch keine Kenntnisse der Biographie Liszts hat, wird sich hiermit wohl schwertun. Und warum die Süddeutsche das empfehlenswert fand, erschloss sich mir überhaupt nicht.
Wolfgang Dömling: Franz Liszt. München: Beck 2011 (Wissen). ISBN 978−3−406−61195−7. 112 Seiten.
„Wie viele zerschredderte Knöchel wohl auf das Konto der Trolley-Industrie gehen, das müsste man eigentlich mal untersuchen.“ (Nagel, Was kostet die Welt, 40)


