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bücher (von oben & hinten)

Aus-Lese #51

Almut Tina Schmidt: Zeit­ver­schie­bung. Graz, Wien: Dro­schl 2016. 189 Sei­ten. ISBN 978−3−85420−978−2.

schmidt, zeitverschiebung (cover)Eigent­lich ist Schmidts Zeit­ver­schie­bung eine Geschich­te des erwei­ter­ten Erwach­sen­wer­dens: Das Ende des Stu­di­ums, die ers­ten Jobs, sich ver­fes­ti­gen­de Bezie­hun­gen, die Lie­be und dann das Kind, ein neu­er Job, Zusam­men­zie­hen mit dem Part­ner und ein Hap­py End – das ist das Gerüst des Romans. Aber das ist auch der weni­ger inter­es­san­te Teil des Romans. Schnell wird aber klar – der Titel ist in die­ser Hin­sicht ja über­deut­lich … -, dass etwas ande­res das eigent­li­che The­ma ist: Die Zeit, genau­er viel­leicht: ihre Wahr­neh­mung, oder die wahr­ge­nom­me­ne Posi­tio­nie­rung der Ich-Erzäh­le­rin in ihrem strö­men­den Fließen. 

Zeit ist ohne­hin eine Illu­si­on. (140)

Das Erle­ben und vor allem das Erzäh­len der Zeit ver­bin­det sich mit ähn­lich abs­trak­ten Kon­zep­ten wie For­tu­na oder Zufall.
Denn die Ver­spä­tung – um die Zeit­ver­schie­bung etwas bana­ler zu ver­pas­sen – ist das zen­tra­le Moment des Tex­te. Die chro­no­lo­gi­sche Ver­spä­tung ist das eine, aber Ver­spä­tung ist eben auch ein Lebens­ge­fühl (oder genau­er: das Lebens­ge­fühl einer Pha­se des Lebens): Das über­mäch­ti­ge Gefühl des Ver­pas­sens, des „zwi­schen“, „noch nicht“, und des immer schon zu spät sein, des Ein­drucks, immer schon den Anfang ver­passt zu haben … Aber selbst das hap­py end schlägt sich doch auch noch auf das Zeit(empfinden) – hier des eige­nen, klei­nen Kin­des – nie­der: „Und nimmt sich alle Zeit der Welt.“ (189) ist der Schluss­satz, der schön zum Anfangs­satz passt: „Ich war ohne­hin zu spät, konn­te mir also Zeit las­sen.“ (5)

Das The­ma der Zeit­ver­schie­bung ist damit auf indi­vi­du­el­ler Ebe­ne sozu­sa­gen erle­digt. Aber es wird eben deut­lich (wie so oft in die­sem Roman: über­deut­lich), dass es in der nächs­ten Gene­ra­ti­on (wieder/​noch) ein The­ma sein kann. Aller­dings, da schließt sich der Kreis nicht ganz: Noch ist das ein Kind, das „alle Zeit der Welt“ hat. Viel­leicht gelingt ihm/​ihr (?) ja das Erwach­sen­wer­den der Zeit(empfindung) gemäß den gesell­schaft­li­chen Konventionen/​Erwartungen par­al­lel zum rest­li­chen Erwach­sen­wer­den? (Wobei Zeit­ver­schie­bung ja eigent­lich eher die Fra­ge auf­wirft, ob man ohne die­ses spe­zi­el­le, d.h. „nor­ma­le“ Emp­fin­den der Zeit, das Beha­gen dar­in, über­haupt erwach­sen gewor­den ist – der Text ver­neint das eher und situ­iert sei­ne Prot­ago­nis­tin ja mehr als deut­lich in einem Zwi­schen, einem Über­gangs­sta­di­um (klas­sisch: Puber­tät), unab­hän­gig von ihrem Alter. 

Gera­de der Anfang ist durch­aus char­mant erzählt, das muss man Schmidt attes­tie­ren, mit läs­si­ger und hei­te­rer Iro­nie-Distanz. Über­haupt ist die Spra­che oft lako­nisch, knapp und direkt mit Ten­denz zum Humor. Es gibt wenig Aus­schmü­ckung, das hohe Tem­po des Gesche­hens nimmt der Text gut auf: Die Zeit ist ein­fach nie genug, vor allem – so behaup­tet die Erzäh­le­rin immer wie­der – lebt sie im Bewusst­sein, sie zu ver­schwen­den und hat per­ma­nent das Gefühl, die Zeit nicht genü­gend aus­zu­kos­ten, nicht aus­rei­chend zu nut­zen, immer nicht das Digent­li­che (des Lebens) zu tun, son­dern nur einen Not­be­helf, eine Zwi­schen­lö­sung. Lei­der wird die Erzäh­lung und die Spra­che zuneh­mend kon­ven­tio­nel­ler – sozu­sa­gen par­al­lel zum Leben, dem Lebens­ent­wurf der Erzäh­le­rin. Und damit ver­liert der Text lei­der mei­nes Erach­tens etwas: Sicher, das ist in Über­ein­stim­mung mit der geschil­der­ten Ent­wick­lung. Aber es mach­te den Text für mich gegen Ende auch deut­lich langweiliger.

Ich ver­schwen­de­te mehr und mehr Zeit damit zu fürch­ten, mei­ne Zeit ernst­haft zu ver­schwen­den. (105)

Gwen­aël­le Aubry: Nie­mand. Graz, Wien: Dro­schl 2013. 150 Sei­ten. ISBN 978−3−85420−843−3.

aubry, niemand (cover)Nie­mand ist das Alpha­bet einer selt­sa­men, schwie­ri­gen Vater-Toch­ter-Bezie­hung, die durch Abwe­sen­hei­ten wesent­lich mit­be­stimmt ist und von der Toch­ter nach dem Tod ihres Vaters erforscht und auf­ge­schrie­ben wird. Der wird uns als Melan­cho­li­ker gezeigt, der auch dar­an stirbt (naja, eigent­lich dann doch am Herz­in­farkt), des­sen Leben bestimmt ist vom Wahn­sinn der Melan­cho­lie (?) und der sich immer wie­der tem­po­rär in sta­tio­nä­rer Behand­lung befin­det, zugleich aber (!) hoch ange­se­he­ner Jura-Pro­fes­sor. Nie­mand nutzt für die­sen nach­träg­li­chen Abschied den emo­tio­na­len, psy­chi­schen und lite­ra­ri­schen Nach­lass des Vater, aus des­sen Schrif­ten (teil­wei­se auch fik­tio­nal gedacht) wird immer wie­der zitiert. Denn zugleich ist der Roman auch ein Ver­such des Erin­nerns, mehr noch: der Ver­ge­gen­wär­ti­gung des Vaters durch die Aus­ein­an­der­set­zung, Auf­ar­bei­tung (Durch­ar­bei­tung) des Ver­hält­nis­ses der Ich-Erzäh­le­rin mit ihm und ein Ver­such, ihn – als Men­schen, als Per­son – zu ver­ste­hen. Schwie­rig ist das inso­fern, als er schon wäh­rend dem Leben ver­schwin­det, (oder das zumin­dest als – in sei­nen Nie­der­schrif­ten offen­bar­tes – Ziel hat­te): eben ein Nie­mand wer­den, ein Mann ohne Eigenschaften. 

Die Erzäh­le­rin ver­liert sich wun­der­bar in ihren eige­nen Sät­zen, häuft immer mehr Details und Erin­ne­run­gen an, türmt das auf, fügt immer neue Ergän­zun­gen, Prä­zi­sie­run­gen, Erwei­te­run­gen an. Die Sät­ze fan­gen oft ganz harm­los an und ufern dann maß­los aus. Aber das ist ja aber gera­de der schö­ne und sym­pa­thi­sche Witz des Tex­tes: die unge­tü­me, wil­de, chao­tisch-frag­men­ta­ri­sche Erin­ne­rung wird nur durch das Alpha­bet der Kapi­tel gezähmt – zumin­dest schein­bar. Und letzt­lich bleibt der Ver­such der Ord­nung, ein kohä­ren­tes Gan­zes dadurch zu schaf­fen (von Anfang bis Schluss in einer fest­ge­füg­ten Abfol­ge) auch ver­geb­lich, eben nur ein Ver­such, der im Text ein­mal als „Ord­nung ohne Bedeu­tung“ klas­si­fi­ziert wird (147). Aber sie ist wohl doch mehr: Denn die Buch­sta­ben ste­hen ja nicht allei­ne, son­dern wer­den in den Kapi­tel­über­schrif­ten zum Wort (mit Aus­nah­me des „Y“, wo die Ord­nung dann eben auch reflek­tiert wird …).

„Nun gehen die Buch­sta­ben aus, die­se Ord­nung ohne Bedeu­tung, mit deren Hil­fe ich ver­sucht habe, sei­ne Unord­nung und mei­ne in den Griff zu bekom­men, unse­re Erin­ne­run­gen zu glät­ten und stam­melnd die­ses sehr alte Wis­sen zu buch­sta­bie­ren, zu dem ich nicht durch­ge­drun­gen bin, als ob die­se Wör­ter und Sät­ze, die unter dem Impuls und der Not­wen­dig­keit einer ande­rern Ord­nung, der sei­ni­gen – einer Auf­for­de­rung oder eines Ver­spre­chens (einen Roman dar­aus machen) –, hin­ge­schrie­ben wur­den, sogleich wie­der in ihre ursprüng­li­chen Bestand­tei­le aus­ein­an­der­fal­len wür­den […] (147)

Micha­el Fehr: Glanz und Schat­ten. Erzäh­lun­gen. Luzern: Der gesun­de Men­schen­ver­sand 2017. 141 Sei­ten. ISBN 9783038530398.

fehr, glanz und schatten (cover)Sime­li­berg hat­te mich ziem­lich begeis­tert. Glanz und Schat­ten kann da lei­der nicht ganz mit­hal­ten. Vor allem die star­ke Kon­zen­tra­ti­on und die frem­de Här­te, jeweils in Form und Spra­che, von Sime­li­berg fehlt mir hier. Ganz oft weiß ich spon­tan (und spä­ter) über­haupt nicht, was die Tex­te wol­len und/​oder sol­len, die Fremd­heit ist und bleibt oft ziem­lich groß: Irgend­wie fin­de ich nicht zu dem Text. Des­sen „The­ma“ könn­te man oft nen­nen: die kal­te, erbar­mungs­lo­se Welt des (Spät-)Kapitalismus und des Kon­sums, die Zurich­tungs­ma­schi­nen und ‑mecha­nis­men der („frei­en“) Gesell­schaft, wie sie sich vor allem in der Fremd­be­stim­mung (statt Indi­vi­dua­li­tät) äußern – aber der Fremd­be­stim­mung einer gesichts­lo­sen, anony­men Macht. Das spie­len die Tex­te mit dem Vor­füh­ren von Rol­len­bil­dern und ‑kli­schees, v.a. denen der Geschlech­ter, durch. Gewalt spielt dabei immer wie­der eine außer­or­dent­lich Rol­le: als Ven­til, als Aus­bruch aus den unent­komm­ba­ren Zwän­gen, als Umschla­gen der Ener­gien. Nico Bleut­ge hat in sei­ner Rezen­si­on des Ban­des vor­ge­schla­gen, die Tex­te als zum Vor­trag bestimm­te zu lesen – viel­leicht ist das wirk­lich hilf­reich, denn „allei­ne“, als blan­ker Text, fin­de ich nur in eini­gen weni­gen (zum Bei­spiel dem inten­si­ven „Stu­den­tin“ oder „Mais“) genü­gend Fas­zi­na­ti­on bei der Lektüre. 

Felix Hart­laub: Don Juan d’Aus­tria und die Schlacht bei Lepan­to. Her­aus­ge­ge­ben von Wolf­ram Pyta und Wolf­gang M. Schwiedrzik. Neckar­ge­münd, Wien: Edi­ti­on Mne­mo­sy­ne 2017 (Gegen­Satz 8). 292 Sei­ten. ISBN 9783934012301.

felix hartlaub, don juan d'austria (cover)
Eine geschichts­wis­sen­schaft­li­che Dis­ser­ta­ti­on aus dem Jahr 1940 über ein Ereig­nis aus dem Jahr 1571 – lohnt die Lek­tü­re eines sol­chen Tex­tes heu­te noch? Durch­aus, kann man sagen, wenn der Ver­fas­ser For­mat hat­te. Und das muss man Felix Hart­laub beschei­ni­gen. Des­halb ist Don Juan d’Aus­tria und die Schlacht bei Lepan­to tat­säch­lich auch noch inter­es­sant, als his­to­ri­sche Dar­stel­lung eines his­to­ri­schen Ereig­nis­ses. Inter­es­sant ist auch die Form: Hart­laub arbei­tet erzäh­lend, er bringt (fast) kei­ne Zita­te und nutzt auch ver­gleichs­wei­se weni­ge Quel­len (und sowie­so zur gedruck­te): Als geschichts­wis­sen­schaft­li­che Qua­li­fi­ka­ti­ons­schrift hät­te das heu­te wohl kei­ne Chan­ce mehr. Auch als „Sach­buch“ bin ich mir nicht ganz sicher, ob sich die Lek­tü­re heu­te wirk­lich noch so unbe­dingt lohnt, wie die Her­aus­ge­ber beto­nen … Sicher, die Sti­li­sie­rung des sowie­so schon zur Welt­ge­schich­te hoch­sti­li­sier­ten Ereig­nis­ses ist gekonnt umge­setzt. Aber viel mehr sehe ich da jetzt nicht unbedingt …

Die letz­te Sinn­ge­bung des Tages von Lepan­to gewann wir auch so noch nicht. An die Sei­te sol­cher Über­le­gun­gen muß wohl die Ahnung tre­ten, daß der Tag von Lepan­to zu den sel­te­nen Ereig­nis­sen gehört, die, wenn man es so aus­drü­cken darf, auf einer höhe­ren Ebe­ne der Geschich­te lie­gen und bei denen die Fra­ge nach den tat­säch­li­chen Fol­gen im letz­ten nicht ange­mes­sen ist. Nur mate­ri­ell betrach­tet, gehör­te der Sieg frei­lich wohl zu den – im Ver­hält­nis zu dem Erfol­ge – all­zu ver­schwen­de­ri­schen Blut­op­fern, an denen vor allem auch die deut­sche Geschich­te so reich ist. In die­ser Hin­sicht ist man­che aus den unmit­tel­bar fol­gen­den Jah­ren erhal­te­ne Äuße­rung auf­schluß­reich. Das ide­al Bild der Schlacht aber, die noch über­all, in den Galee­ren im Hafen, in den Waf­fen und Nar­ben gegen­wär­tig war, lös­te sich rasch aus dem Gefü­ge mensch­li­cher Pla­nun­gen; es war ganz in sich abge­schlos­sen, man konn­te kei­ner­lei Abwand­lun­gen und Fort­set­zun­gen ersin­nen. (237)

außer­dem gelesen:

  • Axel Matthes: Geor­ges Batail­le nach Allem. Ber­lin: blau­wer­ke 2016 (split­ter 07). 66 Sei­ten. ISBN 978−3−945002−07−0.
  • Gün­ter de Bruyn: Das Leben des Jean Paul Fried­rich Rich­ter. Eine Bio­gra­phie. Über­ar­bei­te­te und ver­mehr­te Neu­fas­sung. Frank­furt: Fischer 2013. 350 Sei­ten. ISBN 9783100096449.
  • Hans Jür­gen von der Wen­se: Das Nord­licht. Her­aus­ge­ge­ben von Val­eska Ber­ton­ci­ni und Rei­ner Nie­hoff. Mit einem Bei­wort von Val­eska Ber­ton­ci­ni. Ber­lin: blau­wer­ke 2016 (split­ter 11). 58 Sei­ten. ISBN 9783945002117.
  • Hans Jür­gen von der Wen­se: Das lose Werk. Map­pe Nr. 01: Wol­ken. Ber­lin: blau­e­wer­ke 2016. ISBN 978−3−945002−02−5.
  • Ruth Klü­ger: Marie von Ebner-Eschen­bach. Anwäl­tin der Unter­drück­ten. Wien: Man­del­baum 2016 (Autorin­nen fei­ern Autorin­nen). 56 Sei­ten. ISBN 9783854765219.
  • Mar­le­ne Stre­eru­witz: Mar­le­ne Stre­eru­witz über Ber­tha von Sutt­ner. Wien: Man­del­baum 2014 (Autorin­nen fei­ern Autorin­nen). 61 Sei­ten. ISBN 9783854764564.

Ein Wort

A word is dead, when it is said
Some say –
I say it just beg­ins to live
That day
Emi­ly Dick­in­son (1862)

spinnennetz in blühpflanzen

Ins Netz gegangen (2.5.)

Ins Netz gegan­gen am 2.5.:

  • Umso schlim­mer für die Tat­sa­chen | Süd­deut­sche → wolf­gang kraus­haar wirft einen instruk­ti­ven blick auf die „ergeb­nis­se“ des gedenk­jah­res zum 50. jubi­lä­um von „1968“

    Kaum jemand, der sich damals auf die Bewe­gung ein­ge­las­sen hat­te, dürf­te so wie­der aus ihr her­aus­ge­kom­men sein, wie er zuvor in sie hin­ein­ge­gan­gen war. Das war ein kom­pri­mier­ter, äußerst dyna­mi­scher Pro­zess, der die Ein­zel­nen nur zu häu­fig grund­le­gend ver­än­dert hat.

    Die­se Bewe­gung war aber in ihrem Kern auch etwas völ­lig Neu­ar­ti­ges. Ihre Akteu­re woll­ten ja nicht ein­fach wie noch die Arbei­ter- oder Gewerkschafts‑, die Frie­dens- oder Oster­marsch­be­we­gung durch ihren Pro­test Inter­es­sen ver­fol­gen und bestimm­te Zie­le errei­chen. Nein, sie woll­ten sich dabei auch selbst ent­wi­ckeln, ver­än­dern, man­che sogar „befrei­en“. Es ging 1968 zugleich auch immer um die Beweg­ten selbst, um ihre Bedürf­nis­se, ihre Wün­sche, ihre Träu­me – in einem empha­ti­schen Sin­ne um Sub­jek­ti­vi­tät. Die Scha­len der alten Per­son soll­ten abge­schüt­telt und dar­un­ter ein neu­es Ich ent­deckt und gebor­gen wer­den. Damit hat­te sie allen Irrun­gen und Wir­run­gen zum Trotz ein Bewe­gungs­for­mat geschaf­fen, das für ande­re Pro­tes­tie­ren­de zum Fix­punkt wur­de und an dem sich vie­le spä­ter ori­en­tiert haben.

  • Die Schein­frei­heit der Bibel | taz → heinz-wer­ner kubitz­ka erklärt, war­um es falsch (und schein­hei­lig) ist, sich für moder­ne wer­te auf das chris­ten­tum zu berufen:

    Tole­ranz und Frei­heit sind eben nicht orga­nisch aus dem Chris­ten­tum erwach­sen, son­dern muss­ten gera­de­zu in Geg­ner­schaft zum Chris­ten­tum ver­wirk­licht wer­den. […] Befrei­ung fin­det und fand nicht mit, son­dern meist gegen die Reli­gio­nen statt. Moder­ne Wer­te nimmt man nicht aus alten Schriften.

  • Ver­ba­le Aus­schuss­wa­re | Spie­gel → sascha lobo ver­zwei­felt an face­books com­mu­ni­ty-stan­dards – und zwar aus­drück­lich schon an ihrer sprach­li­chen verfasstheit
  • Mein ers­ter DSGVO Rant – Zu vie­le Mythen und gefähr­li­ches Halb­wis­sen zum neu­en euro­päi­schen Daten­schutz­recht | Recht 2.0 → cars­ten ulb­richt ärgert sich über panik und fal­sche infor­ma­tio­nen in bezug auf die dsgvo

    Wer sich hier von der Panik­ma­che nicht anste­cken lässt, son­dern sich aus ver­nünf­ti­gen Quel­len oder bei Bera­tern infor­miert, die einen prak­ti­ka­blen Weg zur Umset­zung zei­gen und nicht nur mit­tei­len, wie unsi­cher und ris­kant alles wird, der wird auch die Vor­ga­ben der DSGVO sinn­voll umge­setzt bekommen.

  • Von der Lügen­pres­se zur Lügen­wis­sen­schaft? | Zeit­ge­schich­te online → andre­as wir­sching macht sich gedan­ken über den platz und die rele­vanz der (zeit-)geschichte in der heu­ti­gen gesellschaft:

    Mit ihrem plu­ra­len Blick auf die Ver­gan­gen­heit ver­mei­det die Pro­blemer­zeu­gungs­ge­schich­te zugleich die Frag­men­tie­rung ihres Gegen­stan­des ent­lang iden­ti­tä­rer Abgren­zun­gen. Sie lässt sich daher nicht vor den Kar­ren außer­wis­sen­schaft­li­cher Iden­ti­täts­kon­struk­ti­ons­be­dürf­nis­se span­nen, son­dern ana­ly­siert die­se selbst als Pro­blem­ho­ri­zont der Gegenwart.
    So – und wie ich mei­ne nur so – lässt sich die Zeit­ge­schich­te als Vor­ge­schich­te der Gegen­wart ver­ste­hen. Und als sol­che kann sie nicht nur, son­dern soll­te unbe­dingt ihre Stim­me in der Deu­tung aktu­el­ler Pro­blem­la­gen erhe­ben. Gegen­über den Reduk­tio­nis­ten aller Cou­leur wirkt sie stö­rend, aber eben das erweist ihre öffent­li­che Relevanz.
    Und in nicht weni­gen Dis­kus­sio­nen liegt dar­in auch ihre beson­de­re Kom­pe­tenz. His­to­ri­sche Wis­sen­schaf­ten sind näm­lich die ein­zi­gen Dis­zi­pli­nen, die gleich­sam mit zwei Augen sehen. Wäh­rend das eine Auge in der Zeit- und Stand­ort­ge­bun­den­heit des Wis­sen­schaft­lers haf­ten bleibt, rich­tet sich das ande­re auf die his­to­ri­sche Tie­fe. Und erlau­ben Sie mir zum Schluss eine nicht ganz ernst­zu­neh­men­de Wei­ter­füh­rung des Bil­des. Denn sind nicht die rein gegen­warts­ori­en­tier­ten Wis­sen­schaf­ten gleich­sam die Ein­äu­gi­gen unter den Blin­den – den blin­den Zeit­ge­nos­sen, die ihre Gegen­wart nicht zu ver­ste­hen ver­mö­gen? Und ist es dem­ge­gen­über nicht allein die Zeit­ge­schich­te, die mit ihren bei­den Augen zusam­men räum­lich sehen kann. Wenn es sich so ver­hält, ist die Zeit­ge­schich­te weder anti­qua­ri­sche noch Lügen­wis­sen­schaft und um ihre Rele­vanz braucht uns nicht ban­ge zu sein.

Taglied 30.4.2018

Johann Sebas­ti­an Bach, Toc­ca­ta & Fuge d‑moll BWV 565 – aller­dings nicht auf der Orgel gespielt, son­dern sehr schön auf einem Pedalcembalo:

J.S. Bach, Toc­ca­ta in d minor /​en ré mineur, BWV 565

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Ins Netz gegangen (19.4.)

Ins Netz gegan­gen am 19.4.:

  • Fata, Libel­li. Lite­ra­tur­ko­lum­ne | Mer­kur → ekke­hard knö­rer wirft einen instruk­ti­ven blick auf den buch­markt und sei­ne (haupt-) akteur*innen

    Ein Buch ist ide­al­ty­pisch das, was eine Autorin ver­fasst, ein Agent in ihrem Namen ver­kauft, eine Lek­to­rin lek­to­riert, ein Ver­lag set­zen lässt, publi­ziert und bewirbt, was ein Händ­ler online oder im Laden ver­kauft, eine Rezen­sen­tin rezen­siert, eine Käu­fe­rin kauft. Ein Buch ist also ein ziem­lich kom­ple­xes, aus geis­ti­gen, mate­ri­el­len, öko­no­mi­schen Aspek­ten zusam­men­ge­setz­tes Objekt. […] Das Schrei­ben von Büchern ist eine in jeder Hin­sicht auf­wän­di­ge und anstren­gen­de Sache. Die aller­meis­ten Autorin­nen und Autoren von Lite­ra­tur kön­nen, wie sich aus den genann­ten Zah­len ohne viel Rech­nen ergibt, weder von den Ver­käu­fen ihrer Bücher noch von den Vor­schüs­sen leben. Das gilt für die USA, das gilt für Deutsch­land, es gilt wohl über­all auf der Welt. Den­noch erschei­nen Jahr für Jahr unfass­bar vie­le bel­le­tris­ti­sche Titel. Wovon leben all die­se Menschen?

  • Geschlos­sen gegen ima­gi­nier­te Bedro­hun­gen | Süd­deut­sche → ein ziem­lich guter essay von felix ste­phan über die ver­bies­ter­ten, eng­stir­ni­gen kämp­fe um (deutungs-)hoheit (auch) in der kul­tur­sze­ne, die er er im ver­har­ren in den eige­nen echo­kam­mern begrün­det sieht
  • Aber über Juden­hass nicht lachen wol­len! | Über­mei­den → gabri­el yoran regt sich ziem­lich zu recht über dum­me fra­gen beim dlf auf:
    [Levit] soll allen Erns­tes erklä­ren, wie sich sein Twit­tern jüdi­scher Wit­ze mit Kri­tik an einem Preis für Ver­ächt­lich­ma­chung von Ausch­witz-Häft­lin­gen ver­trägt. Was ist das für ein furcht­ba­res Land, in dem ein füh­ren­des, seriö­ses Medi­um sol­che Fra­gen stellt? 
  • Moni­ka Grüt­ters im Inter­view | Tages­spie­gel → ein total irres inter­view mit moni­ka grüt­ters, die sich ernst­haft dar­über beschwert, dass bei kul­tur­po­li­ti­schen ent­schei­dun­gen (zu) vie­le mit­re­den wol­len. nun ja:

    Manch­mal wür­de auch der Kul­tur­be­trieb eine Auto­ri­tät gut vertragen.

  • Die gro­ße Inklu­si­on | taz → vor­ab­druck eines auzu­ges aus armin nas­sehs neu­em buch über 1968, „Gab es 1968?“, das – wenn ich den hier ver­öf­fent­lich­ten text als maß­stab neh­me – sehr inter­es­sant zu sein scheint:

    Als wirk­sa­mes Erbe [von 1968] haben sich Inklu­si­ons­schü­be voll­zo­gen, in deren Fol­ge es zu einer Gene­ra­lin­k­lu­si­on der Bevöl­ke­rung kam. Dadurch ist es, so mei­ne The­se, in allen west­eu­ro­päi­schen Län­dern zu einem mehr oder weni­ger merk­li­chen impli­zi­ten Links­ruck gekom­men – nicht expli­zit links gemäß der Vor­stel­lung der radi­ka­len Revo­lu­ti­ons­per­spek­ti­ve des klei­nen har­ten Kerns von „1968“, wonach die Gesell­schaft ein umbau­ba­res Objekt dar­stellt. Doch die Inklu­si­ons­dy­na­mik hat durch­aus zu einer dis­kur­si­ven Betei­li­gung grö­ße­rer Grup­pen geführt, und es kam zu einer grup­pen­über­grei­fen­den Prä­mi­ie­rung von Abwei­chung allein des­halb, weil die „Arbeits­tei­lung“ von Schich­ten und Milieus durcheinandergeriet.
    […] Die Poli­ti­sie­rung der Inklu­sion ist das, was ich hier als das impli­zit Lin­ke bezeich­nen möch­te. Es ist links, weil es die ega­li­tä­ren, auf sozia­le Ungleich­heit zie­len­den For­men von Mit­glied­schaft und Gene­ra­lin­k­lu­si­on von Bevöl­ke­run­gen offen­siv angeht und sich mit jedem Schritt in Rich­tung Gene­ra­lin­k­lu­si­on die Unmög­lich­keit ein­han­delt, sol­che For­men wie­der zurück­zu­dre­hen. Und es ist impli­zit links, weil es für die Ver­fol­gung sol­cher Poli­tik kei­ner expli­zit lin­ken Seman­tik und Pro­gram­ma­tik bedarf. 

Taglied 13.4.2018

Björk, Uto­pia:


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Taglied 12.4.2018

Heu­te ein ganz beson­de­res Schmuck­stück, der „Mar­che fata­le“ von Hel­mut Lachenmann:

Staats­or­ches­ter Stutt­gart – „Mar­che fata­le“ für gro­ßes Orches­ter von Hel­mut Lachenmann

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So schreibt der Kom­po­nist im Pro­gramm­heft der Urauf­füh­rung:

Mar­che fata­le – ist eine unvor­sich­tig gewag­te Eska­pa­de, sie dürf­te den Kenner
mei­ner Kom­po­si­tio­nen mehr irri­tie­ren als mei­ne frü­he­ren Wer­ke, von denen
nicht weni­ge sich erst nach Skan­da­len bei ihrer Urauf­füh­rung durchgesetzt
haben. Mei­ne Mar­che fata­le hat aller­dings sti­lis­tisch mit mei­nem bisherigen
kom­po­si­to­ri­schen Weg wenig zu tun, sie prä­sen­tiert sich hem­mungs­los wenn
nicht als Rück­fall, so doch als Rück­griff auf jene Flos­keln, an wel­che die
moder­ne Zivi­li­sa­ti­on in ihrer täg­li­chen »Gebrauchs­mu­sik« nach wie vor sich
klam­mert, wäh­rend doch die Musik im 20. und 21. Jahr­hun­dert längst zu
neu­en, unge­wohn­ten Klang­land­schaf­ten und Aus­drucks­mög­lich­kei­ten vorgedrungen
ist.
[…] Ist ein Marsch mit sei­nem kol­lek­tiv in krie­ge­ri­sche oder festliche
Stim­mung zwin­gen­den Anspruch nicht a prio­ri lächer­lich? Ist er überhaupt
»Musik«? Kann man mar­schie­ren und zugleich hören?
[…] Mei­ne alte For­de­rung an mich und mei­ne musik­schaf­fen­de Umgebung,
eine »Nicht-Musik« zu schrei­ben, von wo aus der ver­trau­te Musikbegriff
sich neu und immer wie­der anders bestimmt, so dass der Kon­zert­saal statt
zur Zuflucht in trü­ge­ri­sche Gebor­gen­hei­ten zum Ort von geist-öffnenden
Aben­teu­ern wird, ist hier – viel­leicht? – auf ver­rä­te­ri­sche Wei­se »ent­gleist«.
Wie konn­te das passieren?
Der Rest ist – Denken.

Einen klei­nen Kom­men­tar zum Werk von Moritz Eggert gibt es auch beim Bad Blog of Musick: klick.

the king's men (official photo)

Königliche Liebe: Love from The King’s Men

Zum Glück ist die Lie­be im wah­ren Leben nicht ganz so aus­ge­gli­chen und har­mo­nisch wie auf dem neu­en Album der „King’s Men“ aus Cam­bridge – das wäre ja etwas lang­wei­lig (und es gebe wohl auch weni­ger Lie­bes­lie­der zu sin­gen). In 14 Songs geht es hier nur um das Eine: „Love from King’s“. Scha­de ist aller­dings, dass die jun­gen Män­ner das Risi­ko etwas scheu­en. Denn die Mög­lich­kei­ten dazu hät­ten sie durch­aus, das bewei­sen sie auch mit die­ser Auf­nah­me immer wie­der: Der form­ba­re Klang, die Fül­le des Tut­tis, die Viel­falt der Stim­men, vor allem aber die orga­ni­sche Prä­zi­si­on bei Timing und Into­na­ti­on – eigent­lich sind alle Zuta­ten für eine groß­ar­ti­ge CD vor­han­den. Aber groß­ar­tig ist „Love from King’s“ lei­der nur in eini­gen Tei­len. Denn vie­les bleibt doch etwas arg brav und betulich.
Gleich die Eröff­nung ist so ein Fall: Ganz klas­sisch und tra­di­tio­nell gesun­gen, bleibt „Is You Is or Is You Ain’t My Baby?“ erstaun­lich belang­log und lang­wei­lig. Auch auf dem Rest der Schei­be erfin­den die „King’s Men“ die Gat­tung nicht gera­de neu. Behut­sam, sehr vor­sich­tig fast, moder­ni­sie­ren sie den Kanon der Lie­be­lie­der in Clo­se Harm­o­ny. Und zunächst denkt man noch, dass ihre Zurück­hal­tung auch an der ten­den­zi­ell über­mi­kro­fo­nier­ten Auf­nah­me liegt, die es dem Klang unnö­tig schwer macht, sich wirk­lich zu ent­fal­ten. Aber dann hört man Micha­el Jack­sons wun­der­bar fein­sin­nig arran­gier­tes „Bil­lie Jean“ und ist begeis­tert von der ele­gan­ten Sprit­zig­keit des Ensem­bles. Auch das direkt anschlie­ßen­de „When she loved me“ von Ran­dy New­man kann die Fähig­kei­ten der sieb­zehn Män­ner aus­ge­zeich­net zur Gel­tung brin­gen: Wie die „King’s Men“ hier mit eher beschei­de­nen musi­ka­li­schen Mit­teln einen enor­men akus­ti­schen und emo­tio­na­len Raum und eine gera­de­zu über­wäl­ti­gen­de klang­li­che Fül­le zau­bern, das ist ein­fach wunderbar.
Das Mus­ter setzt sich fort: Die Klas­si­ker – unter ande­rem ein schläf­ri­ges „Won­derful Word“ und ein unin­spi­rier­tes „Scar­bo­rough Fair“ – sind auf „Love from King‘s“ eher eine Schwach­stel­le. Dass die neue­ren (Pop-)Songs, die eigent­lich mit den glei­chen Mit­teln und typi­schen Ideen arran­giert wur­den, so deut­lich her­vor­ste­chen, mag an der Jugend der Sän­ger lie­gen. Aber eigent­lich ist das auch egal, denn Songs wie „Isn’t she love­ly“ sind ech­te Dia­man­ten: Hier brin­gen die „King’s Men“ die Musik und den Stim­men­klang immer wie­der wirk­lich zum Fun­keln und auch fast zum eksta­ti­schen Tan­zen – so wie man sich auch die Lie­be wünscht.

The King’s Men: Love from King’s. The Recor­dings of King’s Col­lege Cam­bridge 2018. Spiel­zeit: 47:22.

(Zuerst erschie­nen in „Chor­zeit – Das Vokal­ma­ga­zin“, #48, April 2018)

Cecil Taylor am Klavier

Cecil Taylor (1929−2018)

What a shame: Der gro­ße und groß­ar­ti­ge Cecil Tay­lor ist ges­tern ver­stor­ben. Die Ent­de­ckung sei­ner Musik hat nicht ganz unwe­sent­lich dazu bei­getra­gen, dass sich mir der Kos­mos des Free Jazz und der Impro­vi­sier­ten Musik erschlos­sen hat. Und sei­ne Auf­nah­men – unter ande­rem „The Wil­li­s­au Con­cert“ (2000) – sind immer noch und immer wie­der unter mei­nen Lieb­lings­plat­ten, die ich am öftes­ten und immer wie­der mit Begeis­te­rung hören kann. Beim Free Jazz Coll­ec­ti­ve gibt es einen sym­pa­thi­schen Nach­ruf.

Cecil Tay­lor (ca. 1965)

Wahrheit

Nie­mand hat je bezwei­felt, daß es um die Wahr­heit in der Poli­tik schlecht bestellt ist, nie­mand hat je die Wahr­haf­tig­keit zu den poli­ti­schen Tugen­den gerech­net. Lügen scheint zum Hand­werk nicht nur der Dem­ago­gen, son­dern auch des Poli­ti­kers und sogar des Staats­man­nes zu gehö­ren. Han­nah Are­ndt, Wahr­heit und Poli­tik (1963)

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