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Lesen. Hören. Und ein bisschen schreiben.

spinnennetz mit tautropfen

Ins Netz gegangen (3.4.)

Ins Netz gegan­gen am 3.4.:

  • Oh-rani­en­platz, Ih-rani­en­platz | taz → roland berg über die feh­len­de schöne/​ästhetische gestal­tung von bau­ten in der stadt heute:

    Und stets ori­en­tiert man sich dabei an der ver­meint­lich „schö­nen“ Ver­gan­gen­heit. Zeit­ge­nös­sisch-ver­bind­li­che Vor­stel­lun­gen über das Schö­ne schei­nen zu feh­len. Also das, was Imma­nu­el Kant sei­ner­zeit „Gemein­sinn“ nann­te. Heu­te scheint das Vor­mo­der­ne aus der Geschich­te als ein­zi­ge Norm für die Gegen­wart als ver­bind­lich. Und selt­sa­mer­wei­se wird – zumin­dest in ästhe­ti­scher Hin­sicht – von den meis­ten das Frü­he­re dem Heu­ti­gen vor­ge­zo­gen. […] Retro­spek­ti­ve Ästhe­tik und Rekon­struk­ti­on von (Alt‑)Bauten und gan­zer Stadt­räu­me bis hin zu Wie­der­auf­er­ste­hung des abge­ris­se­nen Ber­li­ner Schlos­ses fül­len die Lee­re, die der Ver­lust des Gemein­sinns für das Schö­ne in der Gegen­wart mit sich gebracht hat. 

  • Wer Gedich­te liest, weiss mehr über das Leben | NZZ → die nzz doku­men­tiert leicht gekürzt die dan­kes­re­de von micha­el brauch für den alfred-kerr-preis

    Bei der Beschäf­ti­gung mit der Fra­ge, war­um sich einer wie ich mit Gedich­ten befasst und Rezen­sio­nen zu Gedicht­bän­den schreibt, gelangt man zu ähn­li­chen Ein­sich­ten, wie sie Nico­las Born 1970 for­mu­liert hat: Es hat mit dem eige­nen Exis­tie­ren zu tun, mit dem Ver­such, dem Rät­sel des eige­nen Daseins auf die Spur zu kom­men. Beim Lesen von Gedich­ten ist man fast immer mit den Fra­gen nach den letz­ten Din­gen kon­fron­tiert, wir wer­den unmit­tel­bar und ohne schüt­zen­de Ein­lei­tung in medi­as res gewor­fen. Die Ver­se der Gedich­te, die wir lesen, ver­mit­teln uns das «punk­tu­el­le Zün­den der Welt im Sub­jec­te», wie es ein Schü­ler des Phi­lo­so­phen Hegel for­mu­lier­te. […] Beim Lesen von Gedich­ten wird ein Riss sicht­bar in dem Welt­ge­bäu­de, das uns eben noch ver­traut schien. Ein Riss wird sicht­bar im Welt­ge­bäu­de, und – so sagt es ein­mal der rus­si­sche Welt­po­et Ossip Man­del­s­tam – die poe­ti­sche Rede weckt uns mit­ten im Wort auf. Gedich­te spre­chen von dem skan­da­lö­sen Fak­tum, dass wir gebo­ren wor­den sind und dass wir in noch nicht vor­stell­ba­rer, aber doch nicht all­zu fer­ner Zukunft ster­ben werden. 

  • Über ein rich­ti­ges Leh­rer-Leben im fal­schen Schul­sys­tem | Bil­dungs­lü­cken → schreibt über kri­tik an schu­le und ihrem sys­tem und mög­lich­kei­ten der ver­bes­se­rung und ver­än­de­rung, auch auf indi­vi­du­el­ler ebene

    Denn unser Schul­sys­tem hat so vie­le grund­le­gen­de Män­gel, dass ich mir oft die Fra­ge stel­le, ob es das über­haupt geben kann: ein rich­ti­ges Lehr­erle­ben im fal­schen Schul­sys­tem. Im Lau­fe der Zeit habe ich eini­ge (Über-)Lebensstrategien entwickelt.

  • Secu­ri­ty | Ohne Text singt kein Mensch mit

    Die Chan­ge-Manage­ment-Fach­kraft einer gro­ßen Unter­neh­mens­be­ra­tung und ein Stu­dent im dunk­len Kapu­zen­pul­li legen in der Schlan­ge nach­ein­an­der ihre Gür­tel, die Geld­bör­sen und ihre Lap­tops in die Durch­leuch­tungs-Scha­len auf das Band der Sicher­heits­kon­trol­le. Sie schau­en sich kurz lächelnd an, weil bei­de das­sel­be Lap­top-Modell aus ihren Hand­ge­päck-Rei­se­ta­schen nesteln.

  • Rad­fah­ren in Kopen­ha­gen und Ber­lin: Vom Para­dies in die Vor­höl­le| Deutsch­land­funk Kul­tur → die über­schrift sagt eigent­lich schon alles – ein kur­zer, sub­jek­ti­ver ver­gleich der rad­fahr­mög­lich­kei­ten in den bei­den städten

    Lie­ber über gute Rad­we­ge ohne Helm als über schlech­te mit.

  • Jüdisch, ehren­hal­ber | FAZ → clau­di­us seidl sehr rich­tig zu dem blöd­sin­ni­gen geschwätz von „jüdisch-christ­li­cher prägung“:

    Inso­fern schließt die Rede von der „jüdisch-christ­li­chen Prä­gung“ nicht nur den Islam aus – was ja der eigent­li­che Zweck die­ser Behaup­tung ist. Auch Auf­klä­rung und Athe­is­mus, auch die, gera­de in der deut­schen Lite­ra­tur­ge­schich­te, so wich­ti­ge Sehn­sucht nach jenem hei­te­re­ren Him­mel, in wel­chem die mensch­li­che­ren Göt­ter der Grie­chen woh­nen, wer­den von die­ser Rede, wenn nicht aus­ge­schlos­sen, dann doch zu den Apo­kry­phen einer Tra­di­ti­on, deren Kanon angeb­lich jüdisch-christ­lich ist (man möch­te die Namen all derer, die die­se Rede zu Frem­den macht in der deut­schen Kul­tur, gar nicht auf­zäh­len müssen).

  • Wun­der­ba­rer Eigen­sinn| Faust Kul­tur → ein wun­der­ba­res, klu­ges gespräch mit dem lyrik­kri­ti­ker micha­el braun, den ich immer wie­der ger­ne lese (auch wenn ich nicht in allem mit ihm übereinstimme …):

    Ich wür­de für mich sagen: Es muss eine Stö­rung der geläu­fi­gen Sprach­struk­tu­ren erfol­gen, wir müs­sen beim Spre­chen und Schrei­ben die Ver­traut­heit ver­lie­ren – auch in unse­rem Ver­ste­hen -, wir müs­sen aus­ge­he­belt wer­den beim Lesen sol­cher Ver­se, sonst kann kein gutes Gedicht ent­ste­hen. […] Das poe­ti­sche Selbst­ge­spräch ver­mag manch­mal eben doch ande­re zu errei­chen. Und ob das nun 17 oder 97 oder 1.354 sind, spielt kei­ne Rol­le. Also, 1.354, die­se berühm­te Enzens­ber­ger­sche Kon­stan­te, ist ja noch zu opti­mis­tisch ange­legt. Nicht 1.354 Men­schen pro Popu­la­ti­on, ob in Island oder den USA, grei­fen zu Gedicht­bän­den, son­dern nur 135,4 Lyri­k­le­ser! Also die Enzens­ber­ger­sche Kon­stan­te müss­te durch 10 geteilt wer­den. 135,4 Rezi­pi­en­ten pro Gedicht­band ist die neue Kon­stan­te für öffent­li­che Auf­merk­sam­keit auf Gedichte.

Orgelempore

Arbeitsplatz (15)

Am ver­gan­ge­nen Woche war ich für einen Besuchs­ein­satz in Traisa im Mühl­tal. Die dor­ti­ge evan­ge­li­sche Kir­che, Ende der 1950er Jah­re im Wohn­ge­biet erbaut, hat eine recht net­te, erstaun­lich viel­fäl­tig nutz­ba­re Orgel. Die zwöl­f­re­gist­ri­ge Orgel wur­de von Karl Schu­ke (Ber­lin) gebaut. Bei zwei Manua­len mit Pedal ist sie recht anspre­chend dis­po­niert und passt sehr gut in den schlich­ten Kir­chen­raum. Sie scheint auch gut gepflegt zu sein – bei mei­nem kur­zen Gast­spiel klapp­te jeden­falls alles pro­blem­los wun­der­bar. Nur eine ver­nünf­ti­ge, trag­fä­hi­ge 8′-Stimme fehlt lei­der auch hier, wie so oft bei klei­ne­ren Orgeln …

Radikalisierung

es ist an der zeit

sich zu radikalisieren
dafür muss ich aber erst ein­mal aufhören
die woll­mäu­se unter
dem bett
wegzufegen
[…] - Lüt­fi­ye Güzel, elle-rebel­le (2017)

gefrorenes spinnennetz

Ins Netz gegangen (14.3.)

Ins Netz gegan­gen am 14.3.:

  • «Ulysses»-Neuedition: «Recht­lich ist die Sache tot»| NZZ → ange­la scha­der fasst die vor­gän­ge um die revi­dier­te joy­ce-über­set­zung anschau­lich zusam­men – dass einem ver­lag wie suhr­kamp so etwas pas­siert, ist schon reich­lich peinlich …
  • Staats­mi­nis­te­rin für fal­sche Ver­spre­chun­gen und flie­gen­de Autos | Zeit → fried­helm greis nimmt die beru­fung bärs zur staats­mi­nis­te­ring für digi­ta­les und ihre ers­ten inter­views sehr zu recht kri­tisch unter die lupe

    Ihre bis­he­ri­gen Äuße­run­gen las­sen dar­auf schlie­ßen, dass sich Bär vor allem als Lob­by­is­tin der Digi­tal­wirt­schaft und der Pro­vi­der sieht. […] Bärs Ziel scheint es dage­gen zu sein, die Daten­schutz­re­geln für alle Nut­zer auf­zu­wei­chen, damit deut­sche Fir­men mit der Daten­sam­mel­wut der US-Kon­zer­ne kon­kur­rie­ren können.

  • „Eine Poli­zei, die sich auf Micro­soft stan­dar­di­siert, betreibt Daten-Hara­ki­ri“ | Süd­deut­sche → ein gutes inter­view mit rafa­el lagu­na über open source, das freie netz, ver­ant­wor­tung und sicherheit

    Wenn die öffent­li­che Hand Geld für Soft­ware-Ent­wick­lung inves­tiert, soll­te sie es immer so tun, dass am Ende Open-Source-Soft­ware raus­kommt. Dann kön­nen auch ande­re Behör­den in Euro­pa die Ergeb­nis­se nut­zen. Und wenn man sen­si­bels­te Daten einer Bun­des- oder Lan­des­be­hör­de abspei­chert, dann doch bit­te in einem Sys­tem mit volls­ter Kon­trol­le – das geht nur mit Open Source. Eine Poli­zei, die sich auf Micro­soft stan­dar­di­siert, betreibt Daten-Harakiri.

  • Im Stahl­ge­zwit­scher | Pop-Zeit­schrift → jörg schel­ler und wolf­gang ull­rich „bespre­chen“ gekonnt und umfas­send den twit­ter-account von nor­bert bolz, über den ich auch kürz­lich gestol­pert bin und den ich auf­grund sei­ner inhal­te nicht (mehr) für voll neh­men kann

    Der wich­ti­ge­re Grund für unse­re Beschäf­ti­gung mit dem Account von Bolz ist jedoch, dass sich in ihm die Geschich­te einer Radi­ka­li­sie­rung abspielt. Und eben dar­in ist er wohl sym­pto­ma­tisch. Bolz gehört zu der Gene­ra­ti­on älte­rer Män­ner, aus deren Rei­hen seit dem Herbst 2015 viel­fach schar­fe Kri­tik an der Flücht­lings­po­li­tik der Bun­des­re­gie­rung, nament­lich an Ange­la Mer­kel geübt wird. Wie etwa auch Peter Slo­ter­di­jk, Rüdi­ger Safran­ski oder Jörg Bab­e­row­ski steht Nor­bert Bolz damit auf ein­mal in der Nähe von Rechts­po­pu­lis­mus, AfD und Pegi­da. Sei­ne Tweets erfah­ren von dort viel Zuspruch, der ihn offen­bar nicht nur nicht stört, son­dern sogar anspornt, noch pole­mi­scher zu for­mu­lie­ren und sich die Reiz- und Kampf­vo­ka­beln der rech­ten Sze­nen zu eigen zu machen. […] So sieht also die Twit­ter-Kar­rie­re von jeman­dem aus, der sei­ne libe­ral-kon­ser­va­ti­ve Hal­tung einem Ver­fol­gungs­wahn opfert. […] In Bolz‘ Tweets wal­tet der „Thy­mos“, also der von der Neu­en Rech­ten beschwo­re­ne „Zorn“ und „Stolz“, in Beam­ten­ge­stalt. Aus kom­for­ta­bler Distanz, umhegt von Väter­chen Staat, gut abge­si­chert durch ein unkünd­ba­res Beschäf­ti­gungs­ver­hält­nis, das Bolz all sei­nen Kla­gen über das Elend der Uni­ver­si­tä­ten zum Trotz auf­recht­erhält. Was das mit dem von ihm häu­fig beschwo­re­nen libe­ra­len Geist und Mut zu tun haben soll, ist mir schlei­er­haft. Bolz zählt ja zu den­je­ni­gen Pro­fes­so­ren, die auch in der Pri­vat­wirt­schaft über­le­ben könn­ten. Er ist in den Mas­sen­me­di­en prä­sent, er ist ein gefrag­ter Red­ner und er ver­dient gut damit.

  • Sett­ling the score: cele­bra­ting the women era­sed from the musi­cal canon | Guar­di­an → ana­sta­sia beli­na erin­nert an ver­ges­se­ne kom­po­nis­tin­nen, ins­be­son­de­re an augus­ta holmès

    We are the poorer for her absence. Wit­hout kno­wing and under­stan­ding the work of fema­le com­po­sers, we will always have a limi­t­ed view on the histo­ry of com­po­si­ti­on. Why do we still dif­fe­ren­tia­te bet­ween male and fema­le com­po­sers? Sure­ly gen­der has no bea­ring on the qua­li­ty of the music.

  • ÖPP-Plei­te mit Ansa­ge – der exem­pla­ri­sche Fall A1 mobil | Luna­park 21 → carl waß­muth über die grün­de, war­um öpps für die gesell­schaft (und das gemein­wohl) eher kei­ne gute idee sind – was in der regel mit den ver­trä­gen zusammenhängt:

    ÖPP-Ver­trä­ge bewir­ken, dass der Staat für Ände­run­gen immer bezah­len muss.

Selbst

Ent­schla­ge Dich des Bewußt­seyns, Dir selbst zu gehö­ren. Dann sey! Dann lebe! In aller Bedeu­tung! Fürch­te nichts! Hof­fe die Gegen­wart! Erwar­te nichts! Dann fin­dest Du, daß Du Alles hast. Es zu erhal­ten, hast Du in dem Augen­blick schon gelernt. Bist Du nun, was Du bist, so fin­det sich Dir was Du besit­zen sollst. —Johann Wil­helm Rit­ter: Neun Brie­fe an Cle­mens Bren­ta­no aus dem Jah­re 1802. Her­aus­ge­ge­ben & mit einem Nach­wort ver­se­hen von Rai­ner Nie­hoff. Ber­lin: blau­wer­ke 2017 (split­ter 13), 9 (18−3−1802)

zaun im schnee

Ins Netz gegangen (28.2.)

Ins Netz gegan­gen am 28.2.:

  • Düs­sel­dor­fer Ver­klä­rung | Begleit­schrei­ben → anläss­lich der „Düs­sel­dor­fer Erklä­rung“ der klein(eren) ver­la­ge und den wunsch nach för­de­rung und prei­se für die immense kul­tu­rel­le (sie behaup­ten sogar, es sei eine künst­le­risch) leis­tung die­ser ver­la­ge schlägt gre­gor keu­sch­nig vor, gleich nägel mit köp­fen zu machen:

    Aber es gibt noch Stei­ge­rungs­po­ten­ti­al. Wie wäre es mit einem Auf­ruf, den Leser, die Lese­rin mit einem adäqua­ten Preis staat­lich zu unter­stüt­zen? Die Kri­te­ri­en für die Preis­ver­ga­be sind leicht zu eru­ie­ren: Der preis­wür­di­ge Leser, die preis­wür­di­ge Lese­rin, muss min­des­tens 50 Bücher im Jahr lesen (3 davon Lyrik und min­des­tens 20% von soge­nann­ten unab­hän­gi­gen Ver­la­gen). Er/​Sie ver­steht sein Tun als künst­le­ri­sche Leis­tung. Ein Dienst an der Literatur.

  • Wie ich bei­na­he ein Pla­gi­at ent­hüll­te | Zeit → eine net­te geschich­te über (klas­si­sche) musik und die ver­wir­rung, die fal­sche met­da­da­ten bei strea­ming­diens­ten aus­lö­sen kön­nen, hat gabri­el yoran hier aufgeschrieben
  • Bür­ger­meis­ter, fangt ein­fach an! | Zeit → ste­fan ramm­ler for­dert nicht ganz zu unrecht dazu auf, bei der ver­kehrs­po­li­tik und vor allem der ver­kehrs­wen­de nicht immer nur auf die bun­des­po­li­tik zu star­ren und zu war­ten, son­dern auch lokal und kom­mu­nal zu den­ken und vor allem zu handeln

    Es ist ja nicht so, dass klu­ge, gut ver­wo­be­ne und lang­fris­tig aus­ge­rich­te­te Kon­zep­te für einen zukunfts­ge­rech­ten Umbau des Mobi­li­täts­sys­tems in Deutsch­land fehl­ten. Man wüss­te sehr wohl, wie es gin­ge – man will es aber nicht wol­len oder glaubt, es nicht wol­len zu kön­nen. Noch immer haben die Han­deln­den nicht ver­stan­den, dass das Behar­ren beim Alten oder wei­te­re Inno­va­tio­nen in der fos­si­len Mas­sen­mo­to­ri­sie­rung eben gera­de nicht die Zukunft der deut­schen Auto­in­dus­trie sichern. 

  • Die Köni­gin des poe­ti­schen Eigen­sinns | Zeit → micha­el braun wür­digt die gro­ße lyri­ke­rin elke er zu ihrem 80. geburtstag
  • Platt­form-Kapi­ta­lis­mus: „Wir müs­sen über Ver­staat­li­chung nach­den­ken“| Zeit → inter­es­san­tes inter­view mit Nick Srnicek über platt­for­men, die platt­form­öko­no­mie und die damit ver­bun­de­nen veränderungen

Satz

Der Inhalt allein kann nie einen Satz recht­fer­ti­gen. —Tho­mas Stangl

The King's Singers, Bandfoto

Goldene Klänge: King’s Singers feiern

the king's singers, gold (cover)Zum 50. Geburts­tag darf man sich als Ensem­ble schon mal etwas gön­nen. Zum Bei­spiel drei CDs, auf­wen­dig und geschmack­voll ver­packt und ganz schlicht „Gold“ beti­telt. Dann haben auch die ande­ren – das Publi­kum – etwas vom Jubi­lä­um. Und wenn alles gut läuft, ist das Pro­dukt dann nicht nur ein Zeug­nis der lan­gen Geschich­te, son­dern auch musi­ka­lisch über­zeu­gend. Bei den King’s Sin­gers hat offen­sicht­lich alles geklappt. Denn ihr „Gold“-Album, die mehr als drei Stun­den neu­en Auf­nah­men, die sie sich und uns zum Fünf­zigs­ten gön­nen, ist ein wun­der­ba­res Juwel – und zeigt auch sehr schön, auf wel­chem hohen Niveau die aktu­el­le Beset­zung der King’s Sin­gers heu­te singt. Denn obwohl „Gold“ weit­ge­hend ohne vir­tuo­se Schnit­te im Stu­dio auf­ge­nom­men wur­de, ist die voka­le und musi­ka­li­sche Per­fek­ti­on der sechs Eng­län­der erneut atem­be­rau­bend. Und, das ist auch nicht neu, aber den­noch immer wie­der ver­blüf­fend: Es ist ziem­lich egal, ob sie Renais­sance-Motet­ten oder raf­fi­nier­te Arran­ge­ments von Pop-Songs sin­gen. Alles, was sie sich vor­neh­men, machen sie sich unab­ding­bar zu eigen. Und so klin­gen dann fünf Jahr­hun­der­te Musik doch ziem­lich gleich – wie fünf Jahr­zehn­te King’s Sin­gers eben.

Denn die drei CDs von Gold umspan­nen nicht nur das wei­te Reper­toire der King’s Sin­gers, son­dern auch gro­ße Tei­le der Musik­ge­schich­te: 80 kur­ze und kür­ze­re Stü­cke habe sie aus­ge­wählt, eini­ges davon spe­zi­ell für die­sen Anlass arran­gie­ren oder kom­po­nie­ren las­sen. Die ers­te CD, „Clo­se Harm­o­ny“, ver­zau­bert schon mit den ers­ten Tak­ten von „We are“ von Bob Chil­cott, dem lan­gen Weg­ge­fähr­ten des Ensem­bles, der als ein­zi­ger auch Musik zum zwei­ten Teil von „Gold“, der geist­li­chen Musik, und dem drit­ten Teil, der welt­li­chen A‑Cap­pel­la-Musik bei­gesteu­ert hat. 

Jeder wird natur­ge­mäß ande­re Lieb­lin­ge haben, aber Lieb­lin­ge soll­te hier jeder fin­den. Denn in den über drei Stun­den Musik dürf­te jeder Geschmack mehr als ein­mal getrof­fen wer­den. Zumal die King’s Sin­gers John Legend genau­so lie­be­voll und über­zeu­gend sin­gen wie Orlan­do Las­sus. Hein­rich Schütz kommt eben­so zu Ehren wie Rhein­ber­gers „Abend­lied“, das hier tat­säch­lich auch ohne Chor sehr emo­tio­nal wirkt, auch wenn die deut­sche Aus­spra­che nicht unbe­dingt die Spe­zia­li­tät der Bri­ten ist. John Rut­ter hat für sie ein paar Shake­speare-Zei­len mit sehr inten­si­ver Musik ver­se­hen, Bob Chil­cotts „Thou, my love, art fair“ steht völ­lig rich­tig zwi­schen Wiliam Byrd und Pal­estri­na. So lie­ße sich die Rei­he der Höhe­punk­te noch lan­ge fort­set­zen. Denn die King’s Sin­gers sin­gen all das so wun­der­bar geschmei­dig und per­fekt abge­stimmt, jeweils so cha­rak­te­ris­tisch zart oder druck­voll, äthe­risch schwe­bend oder soli­de grun­diert, dass man bei allen drei CDs von deren Ende immer wie­der über­rascht wird. 

The King’s Sin­gers: Gold. 3 CDs. Signum Records 2017. 67:37 + 61:15 + 65:37 Minu­ten Spielzeit.

(Zuerst erschie­nen in „Chor­zeit – Das Vokal­ma­ga­zin“, #45, Janu­ar 2018)

gefrorenes spinnennetz

Ins Netz gegangen (31.1.)

Ins Netz gegan­gen am 31.1.:

  • Inter­view: „Die Rele­vanz von Geschlecht nimmt ab“ | Cam­pus Mainz → die ger­ma­nis­ti­sche sprach­wis­sen­schaft­le­rin dama­ris nüb­ling über spra­che und geschlecht, gen­der und gerechtigkeit

    Lang­fris­tig wäre es gut, die Kate­go­rie Geschlecht auf­zu­lö­sen, statt sie zu dra­ma­ti­sie­ren. Das funk­tio­niert neben dem Streu­en auch mit neu­tra­li­sie­ren­den Pro­no­men im Plu­ral wie „alle“, „vie­le“ oder „man­che“. Außer­dem kann man auch anstel­le von Per­so­nen­be­zeich­nun­gen abs­trak­te­re Begrif­fe ver­wen­den, zum Bei­spiel: „Das Insti­tut hat ent­schie­den“ anstel­le von „Der Insti­tuts­lei­ter hat ent­schie­den“ und so weiter.
    Aller­dings kommt das immer auf den Kon­text an. Fes­te Rezep­te gibt es nicht, Krea­ti­vi­tät ist gefragt. Dazu gehö­ren auch die zuneh­men­den Prä­sens­par­ti­zi­pi­en im Plu­ral wie „Stu­die­ren­de“. Sin­gu­la­re wie „der Stu­die­ren­de“ tau­gen dage­gen nicht, da Sin­gu­la­re immer mit Genus auf­ge­la­den sind. Mei­ne Erfah­rung ist, dass es weni­ger eine Fra­ge der Mög­lich­kei­ten als des Wil­lens ist. 

  • Kul­tur­gut Buch – brö­ckelt der Mythos? | Deutsch­land­funk Kul­tur → ein nach­denk­li­ches inter­view mit jörg sun­dermei­er vom famo­sen ver­bre­cher-ver­lag zur lage des buch­mark­tes und der lite­ra­tur im ganz allgemeinen

    Ich glau­be, momen­tan ist eher das Pro­blem nicht so sehr, dass die Leu­te nicht lesen wol­len oder nicht lesen kön­nen, son­dern dass es ein biss­chen demi mode ist, und ich habe aber den Ein­druck, dass es sich ändert und dass das Lesen wie­der zurückkommt,

  • „Gewon­nen hat die deut­sche Nati­on“ | Zeit → noch ein älte­res inter­view, das schon lan­ge in mei­ner lese­lis­te schlum­mert: georg schmidt spricht über den drei­ßig­jäh­ri­gen krieg (die leser­kom­men­ta­re igno­riert man aber besser …)
  • The Ulti­ma­te Pro­duc­ti­vi­ty Blog → groß­ar­tig, sehr tref­fend auf den punkt gebracht
  • Abwe­sen­heit als Kri­se | Sozi­al­theo­ris­ten → span­nen­de über­le­gun­gen von ste­fan kühl zum pro­blem der anwe­sen­heits­kon­trol­len an universitäten

    Selbst in Über­wa­chungs­prak­ti­ken begab­te Leh­ren­de wer­den fest­stel­len, dass sie trotz ein­zel­ner Sie­ge über beson­ders auf­fäl­li­ge Drü­cke­ber­ger am Ende die­se Kon­troll­kämp­fe ver­lie­ren wer­den. Die Krea­ti­vi­tät von Stu­die­ren­den beim Erfin­den von Wegen, die­se Kon­trol­len zu unter­lau­fen, wird immer grö­ßer sein als die Krea­ti­vi­tät von Leh­ren­den im Erfin­den neu­er Wege der Kon­trol­le. Anwe­sen­heits­lis­ten sind des­we­gen ein stump­fes Schwert, um das Leis­tungs­ni­veau von Stu­die­ren­den anzu­he­ben. […] Das Pro­blem der Abwe­sen­heit von Stu­die­ren­den ist also nicht vor­ran­gig ein Pro­blem der Qua­li­tät der Leh­ren­den, son­dern liegt viel­mehr in der Gestal­tung der Stu­di­en­gän­ge selbst […] Statt auf das Pro­blem der Abwe­sen­heit mit dem eher bra­chia­len Mit­tel der Anwe­sen­heits­lis­te zu reagie­ren, gäbe es eine Alter­na­ti­ve. Man könn­te chro­ni­sche Abwe­sen­hei­ten – oder Anwe­sen­hei­ten, die nur über Anwe­sen­heits­lis­ten durch­ge­setzt wer­den kön­nen – als ein Zei­chen dafür sehen, dass irgend­et­was in dem Stu­di­en­gang nicht stimmt. 

  • Trump ist der Geburts­hel­fer von „Me Too“ | SZ → eine gute – und wie mir scheint, sehr tref­fen­de – ein­ord­nung von hed­wig rich­ter der #MeToo-bewe­gung in den wan­del von män­ner-/männ­lich­keits­bil­dern und die geschich­te der gleichberechtigung

    Die Empö­rung über die Gewal­ti­gen, die sich der Lei­ber der ande­ren bedie­nen, ist mehr als ein Hash­tag und etwas ande­res als eine Hetz­jagd. Sie ist das Ende der letz­ten Selbst­ver­ständ­lich­keit: Das Zwei­fel- und Beden­ken­lo­se einer männ­li­chen Herr­schaft, das in die Kör­per ein­ge­schrie­ben war, scheint end­gül­tig außer Kraft gesetzt zu sein.

  • The Hori­zon of Desi­re | Longreads → ein her­vor­ra­gen­der essay von lau­rie pen­ny über kon­sens, rape cul­tu­re, männ­lich- und weib­lich­keit und die damit ein­her­ge­hen­den (ste­reo­ty­pen) erwar­tun­gen an das ver­hal­ten beim sex

    Rape cul­tu­re is not about demo­ni­zing men. It is about con­trol­ling fema­le sexua­li­ty. It is anti-sex and anti-plea­su­re. It tea­ches us to deny our own desi­re as an adap­ti­ve stra­tegy for sur­vi­ving a sexist world. […] But unless we talk about desi­re, about agen­cy, about con­sent, then we’ll only ever be fight­ing this cul­tu­re war in retre­at. It’s a real war, one that impacts our bodi­ly auto­no­my and our eco­no­mic and poli­ti­cal power. The batt­le for fema­le desi­re and agen­cy goes way bey­ond the bed­room, and it’s a batt­le that right now ever­yo­ne is losing. 

Goethe erkennen

Wer möch­te denn Goe­the sein? So gna­den­reich es ist, ihn gewe­sen zu wis­sen, so pei­ni­gend wäre es, er noch ein­mal sein zu müs­sen. Erken­nen heißt doch gera­de, besit­zen zu dür­fen, ohne es sein zu müs­sen. Hans Blu­men­berg: Lebens­the­men. Aus dem Nach­laß, 151

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