Taglied 25.7.2016

schweizer, piano solo 1 (cover)

Aus irgend einem Grund waren mir die ersten Aufnahmen von Irène Schweizer bei Intakt bisher unbekannt. Das ist eine große Schande, denn das ist großartige Musik. Zum Beispiel die beiden Solo-Alben (mit dem etwas einfallslosen Titel "Piano Solo, Vol. 1" bzw. "... 2"). Da ist auch die wunderbare "Ballad of the sad Cafe" zu finden:

Arbeitsplatz (6)

orgel
Die ganze Orgel. Man sieht sehr schön, wie die Gehäusetüren auch als Liedtafel genutzt werden ...

Der Michel­städ­ter Stadt­teil Stein­bach hat kei­ne „klas­si­sche“ Kir­che, aber ein sehr schö­nes, zweck­mä­ßi­ges Gemein­de­haus mit einem gro­ßen und gut gestal­te­tem Got­tes­dienst­raum. Die Orgel von Förs­ter und Nico­laus, die dort steht, ist lei­der nicht beson­ders span­nend – und hat zwei „Qua­li­tä­ten“, die ich nicht beson­ders gou­tie­re: Geteil­te Lade und ange­häng­tes Pedal. Da das Pedal nicht mal ein ein­zi­ges eige­nes Regis­ter hat, ist es nicht mehr als eine Spiel­hil­fe … Und für die geteil­te Lade habe ich eigent­li­ch nie wirk­li­ch Ver­wen­dung, das macht nur zusätz­li­che Arbeit beim Regis­trie­ren. Dafür hat das klei­ne Werk ordent­li­ch Power, die der Orga­nist auch voll abbe­kommt: Schon der 4-Fuß-Prin­zi­pal ist schön kräf­tig und die Zim­bel setzt dem eine schö­ne Kro­ne auf.

Angst

einsam (unsplash.com)Pablo Garcia Saldaña

Es klingt viel zyni­scher, als es gemeint: Aber (inzwi­schen) habe ich mehr Angst vor den poli­ti­schen und gesell­schaft­li­chen Dis­kus­sio­nen (und natür­li­ch den ent­spre­chen­den Geset­zes­än­de­run­gen) nach Gewalt­ta­ten als vor der Gewalt selbst.

Sozu­sa­gen aus psy­cho­so­zia­ler Hygie­ne ver­ord­ne ich mir inzwi­schen regel­mä­ßig beim Bekannt­wer­den von gewalt­tä­ti­gen Ereig­nis­sen eine gewis­se Medi­en­ab­sti­nenz. Sobald klar und abseh­bar ist, dass es mich nicht unmit­tel­bar betrifft – weil ich zum Bei­spiel nicht in Mün­chen bin und auch nie­mand, der mir nahe steht, gera­de dort weilt – mei­de ich den Bli­ck auf Twit­ter, Red­dit, die Nach­rich­ten­sei­ten etc. Denn dort wird es gefühlt immer schlim­mer und ritua­li­sier­ter. Noch wäh­rend sich ein Ereig­nis ent­fal­tet, noch wäh­rend Men­schen ster­ben und die meis­ten ganz und gar kei­ne genau­en Infor­ma­tio­nen haben (und ja auch nicht unmit­tel­bar und sofort benö­ti­gen), tau­chen die Leu­te auf, die es schon immer gewusst haben. Und dann auch die Leu­te, die schon immer wuss­ten, dass jetzt die Leu­te, dies es schon immer gewusst haben, auf­tau­chen. Und so wei­ter – das spi­ra­li­siert sich ganz schnell und ganz unan­ge­nehm.

Und natür­li­ch gibt es immer wie­der die glei­chen Refle­xe: Noch mehr Poli­zei, noch mehr Über­wa­chung, noch mehr Geheim­dienst, jetzt neu: noch mehr bewaff­ne­te Streit­kräf­te im Inne­ren (also zwangs­läu­fig, denn dafür sind sie ja da: Noch mehr Tote.). Und die Meta­di­s­kus­si­on läuft auch gleich noch mit, ohne wahr­nehm­ba­re Zeit­ver­zö­ge­rung. Das gan­ze wirkt auch mich inzwi­schen regel­recht sur­re­al, weil es von den tat­säch­li­chen Ereig­nis­sen (und vor allem: dem Wis­sen dar­über, das in gro­ßen Tei­len der Dis­kus­si­on zwangs­läu­fig ein Nicht­wis­sen ist) so abge­kop­pelt und bei­na­he unbe­rührt erscheint. Da hel­fen dann auch die ritua­li­sier­ten Mit­leids­be­kun­dun­gen nicht mehr. Die wer­den ja auch immer monu­men­ta­ler – jetzt leuch­tet der Eif­fel­turm in den Far­ben der deut­schen Flag­ge (nach­dem Hol­lan­de sich am Wochen­en­de ja mit sei­nen absei­ti­gen Spe­ku­la­tio­nen nicht gera­de mit Ruhm bekle­cker­te …). Aber ist das, was in Mün­chen pas­sier­te, wirk­li­ch unbe­dingt eine natio­na­le Tra­gö­die? Wie vie­le Men­schen müs­sen gewalt­sam ster­ben, damit die Beleuch­tung ein­ge­schal­tet wird? Und wo müs­sen sie ster­ben? Natür­li­ch ist es trau­rig und aus der Fer­ne kaum fass­bar, wie viel Leid ein Men­sch so schnell anrich­ten kann. Aber stim­men unse­re Mit­leids­maß­stä­be? Sind die acht bis zehn Men­schen, die Tag für Tag durch den moto­ri­sier­ten Ver­kehr in Deutsch­land umge­bracht wer­den, weni­ger Mit­leid wert? Von den Toten in ande­ren Län­dern, ande­ren Krie­gen, ande­ren Kon­ti­nen­ten gar nicht zu reden (natür­li­ch spielt Nähe immer eine Rol­le). Mir geht es nicht dar­um, die Toten gegen­ein­an­der auf­zu­rech­nen. Mir geht es dar­um, Ver­nunft zu wal­ten las­sen – Ver­nunft und ratio­na­le Abwä­gung bei den Gefah­ren, denen wir aus­ge­setzt sind. Und natür­li­ch auch bei den Maß­nah­men, die zur Gefah­ren­ab­wehr (wie es so schön tech­no­kra­ti­sch heißt) not­wen­dig oder mög­li­cher­wei­se zu ergrei­fen sind. 

Irgend­wie gehen Erre­gungs- Mit­leids- und Ver­nunft­maß­stä­be Stück für Stück, Schritt für Schritt, Inter­view für Inter­view immer mehr ver­lo­ren (und das ist bei­lei­be nicht nur ein Pro­blem der AfD oder ande­rer rechts(radikaler) Par­tei­en, son­dern nahe­zu des gesam­ten poli­ti­schen Sys­tems) und ver­än­dern so unse­re Gesell­schaft mehr und nach­hal­ti­ger, als Gewalt und Gewalt­tä­ter – sei­en sie extre­mis­ti­sche Ter­ro­ris­ten oder psy­chi­sch Kran­ke – es bis­her ver­mö­gen.

Und es bleibt die Angst, dass die­se Gesell­schaft vor lau­ter Hys­te­rie und Sicher­heits­wahn bald nicht mehr mei­ne ist. Und die Rat­lo­sig­keit, was dage­gen zu tun wäre …

Nach­trag: Der klu­ge Georg Seeß­len hat bei der „Zeit“ eini­ge inter­es­san­te Über­le­gun­gen zu Gewalt, Medi­en und Gesell­schaft auf­ge­schrie­ben. Er schließt mit dem auf­klä­re­ri­schen Appell:

Es ist nötig, was an auf­klä­re­ri­scher Ener­gie noch vor­han­den ist, zu bün­deln, um eine offe­ne, an kei­ne Ver­drän­gungs­ge­bo­te oder sozia­le Tak­ti­ken gebun­de­ne Theo­rie der Sub­jek­te des Ter­rors zu ent­wi­ckeln, die nicht anders kann, als auch eine Theo­rie der Gesell­schaft und ihrer Ero­si­on und eine Theo­rie der Medi­en und ihrer Ent­fes­se­lung zu ent­hal­ten. Nie­mand kann eine Kata­stro­phe ver­hin­dern, denn es gibt kein Sys­tem, das immun gegen Angrif­fe und immun gegen inne­re Wider­sprü­che sei. Eines der gro­ßen Ver­spre­chen der Demo­kra­tie aller­dings war es, dass es nicht nur ein anpas­sungs­fä­hi­ges, son­dern auch ein ler­nen­des Sys­tem sei, eines, das immer mehr Bewusst­sein von sich und der Welt hat, kur­zum, dass es zugleich Garant von Frei­hei­ten und Instru­ment der Auf­klä­rung sei.

Zum Pro­jekt der Auf­klä­rung zurück zu fin­den ist eine schwe­re Auf­ga­be, umso mehr, als auch sie sich in einer para­do­xen Fal­le befin­det: Jeder Ter­ror­an­schlag und jeder Amok­lauf ist auch ein Anschlag auf die Mög­lich­keit von Auf­klä­rung. Jeder Ter­ror­an­schlag und jeder Amok­lauf ist auch eine For­de­rung, Auf­klä­rung zu ver­wirk­li­chen. Inso­fern wären wir schon einen Schritt wei­ter, wenn wir nicht län­ger so gebannt der Dra­ma­tur­gie von Hys­te­ri­sie­rung und Ver­ges­sen folg­ten.

Wir kön­nen nicht ver­hin­dern, dass sozia­le, poli­ti­sche und mensch­li­che Kata­stro­phen gesche­hen. Aber wir kön­nen ver­hin­dern, dass sie zum unauf­ge­klär­ten, unver­stan­de­nen, media­li­sier­ten, ideo­lo­gi­sch mani­pu­lier­ten, poli­ti­sch und öko­no­mi­sch miss­brauch­ten Nor­mal­fall wer­den.

Und auch Mario Six­tus weist auf einen inter­es­san­ten Punkt hin, der even­tu­ell einen Aus­weg aus dem immer­glei­chen Reflex böte: 

Wenn man Taten wie die in Mün­chen ver­hin­dern will, muss man den müh­sa­men Per­spek­tiv­wech­sel nach innen vor­neh­men, in die eige­ne Gesell­schaft hin­ein­bli­cken, auf die eige­nen Leu­te, auf die eige­nen Wer­te.

Digitale Medien

Durch die trans­pa­ren­te Fas­sa­de sah sie den Jour­na­lis­ten auf sich zukom­men, durch eine Art sekun­dä­rer Absper­rung oder Klapp­glas­schran­ke, wie bei einem Saloon in einem futu­ris­ti­schen Wes­tern. So also sah das hier aus: Die Öffent­lich­keit, dach­te Anna, ver­än­der­te sich zwar schnel­ler als die Tat­sa­chen, für die sich die­se Öffent­lich­keit inter­es­sier­te. Das geschah aber nicht ein­fach in der Art, erkann­te sie jetzt, dass die alten Mäch­te sofort nach­ga­ben und sich von den neu­en stür­men lie­ßen. Solan­ge der tra­di­tio­nel­le Jour­na­lis­mus noch in Bau­ten wie die­sem ver­an­stal­tet wur­de, wäh­rend die Blogs in schä­bi­gen Woh­nun­gen wie ihrer ent­stan­den, wo zwei Frau­en zusam­men nicht mal ein kom­plet­tes Bett besa­ßen, war die gan­ze scheiß­di­gi­ta­le Scheiß­re­vo­lu­ti­on jeden­falls noch nicht voll­endet. Diet­mar Dath, Lei­der bin ich tot, 349

Ins Netz gegangen (20.7.)

Andrés Canchón

Ins Netz gegan­gen am 20.7.:

  • Ter­ro­ris­mus: „Unse­re Welt gerät aus den Fugen“ | Zeit → harald wel­zer hat im inter­view mit der „zeit“ wenig genau­es oder ori­gi­nel­les zu sagen, aber das sagt er sehr gut

    Aber man muss im Auge haben, dass Ängs­te poli­ti­sch mobi­li­sier­bar sind. Das ist die eigent­li­che Kata­stro­phe. Eine Poli­tik der Angst führt immer zur Pola­ri­sie­rung der Gesell­schaft und damit zu dem, was die Ter­ro­ris­ten beab­sich­ti­gen.

  • Lann Horn­scheidt: „Es ist eine Fra­ge der Zeit, bis wir bei der Geburt kein Geschlecht mehr zuge­wie­sen bekom­men“ | zeit → lann horn­scheidt im lan­gen inter­view mit zeit-wis­sen, natür­li­ch über sex, gen­der, geschlecht, spra­che, iden­ti­tät und gesell­schaft. und hass.(kanada ist übri­gens gera­de dabei, sich um die im titel ange­spro­che­ne ver­än­de­rung zu küm­mern …)
    (und wie immer: die kom­men­ta­re sind trotz nicht gera­de weni­gen löschun­gen nicht so wirk­li­ch erfreu­li­ch)
  • Coun­ter­ten­or über Geschlech­ter­rol­len: „Es ist so ein Erfüllt­sein“ | taz → ein wun­der­ba­res inter­view mit dem gro­ßen andre­as scholl, der ganz viel rich­ti­ges und wich­ti­ges sagt …

    Das Kon­zert, und da kom­men wir wie­der zurück auf die Reli­gio­si­tät, auf die Spi­ri­tua­li­tät, hat die Auf­ga­be, trans­for­mie­rend zu wir­ken. Das heißt: Das Publi­kum betritt den Saal. Und wenn das Publi­kum den Saal ver­lässt, ist es ver­än­dert.

  • Das Post­post oder Wege aus dem Ich | Per­len­tau­cher → char­lot­te kraft beim „per­len­tau­cher“ über die gegen­wär­ti­ge jun­ge lite­ra­tur und ihre inhal­te

    Was prägt also die­se Zeit und ihre Lite­ra­tur: Die Angst vor Epi­go­na­li­tät, die Angst vor Mei­nun­gen, die Angst vor Ent­schei­dun­gen, die Angst vor dem uner­gründ­ba­ren Frem­den, vor Träu­men, Lei­den­schaft und Nai­vi­tät, denn all dies bedeu­tet Aus­schluss, gefähr­li­che Ein­di­men­sio­na­li­tät. Lei­den­schaft für das eine schlös­se Lei­den­schaft für all das ande­re aus, das Frem­de ist nie in sei­ner Gän­ze zu begrei­fen, die gan­ze Wahr­heit bleibt immer unaus­ge­spro­chen und das Bewusst­sein dar­über ist unser Dra­ma. Am Ende kann ich mich nie für eines ent­schei­den. Am Ende bleibt nur die Resi­gna­ti­on und das Ver­lan­gen, über mei­ne Not zu schrei­ben, zu reflek­tie­ren und die­se Refle­xi­on wie­der­um zu reflek­tie­ren und immer so wei­ter. Die Kon­zen­tra­ti­on auf ein ande­res The­ma als das Ich, das Zen­trum unend­li­cher Mög­lich­kei­ten, scheint unmög­li­ch. Ego­zen­tris­mus ist kei­ne Ent­schei­dung.

  • Der Fall Rockel-Loen­hoff: Eine Heb­am­me und die töd­li­che Brauch­tums­pfle­ge (Teil 2: Täte­rin und Tat) | Psi­ram → Psi­ram legt die gescheh­nis­se anhand der urteils­schrift dar – wesent­li­ch nüch­ter­ner als etwa die „süd­deut­sche“ in ihrem ten­den­ziö­sen pro-heb­am­me-arti­kel vor eini­ger zeit
  • The Open Let­ter Denoun­cing Trump You’re Going to Read on Face­book for the Next Four Months | The New Yor­ker → der new yor­ker hat den repu­bli­ka­nern mal etwas arbeit abge­nom­men und einen mus­ter-blog­post (schön gene­ri­sch) zur indi­vi­du­el­len dis­tan­zie­rung und ver­dam­mung von donald trump ver­fasst
  • François-Xavier Roth: „Rund­funk­or­ches­ter sind unglaub­li­che Maschi­nen für die Musik, für die Zukunft“ | nmz

    Es wäre natür­li­ch bes­ser gewe­sen, wenn das Orches­ter erhal­ten geblie­ben wäre, aber die­se Ent­schei­dung neh­me ich nicht per­sön­li­ch. Es geht nicht um mich. Aber ich habe viel gelernt dar­über, in wel­cher Zeit wir leben. Dass sich die Ten­den­zen in Deutsch­land gera­de gegen die Kunst rich­ten. Die­se Fusi­on war ein ers­tes Kapi­tel – und ich hof­fe, es war auch das letz­te. Die­se Ent­schei­dung hat sehr viel zu tun mit Popu­lis­mus. Ich bin sehr ent­täuscht dar­über, dass sich Ver­tre­ter der Rund­funk­or­ches­ter Deutsch­lands nicht an einem run­den Tisch getrof­fen haben. Nach unse­rer Geschich­te, die wir erle­ben muss­ten, wäre dies wirk­li­ch abso­lut not­wen­dig. Rund­funk­or­ches­ter sind unglaub­li­che Maschi­nen für die Musik, für die Zukunft. Aber man muss dies her­aus­strei­chen in der öffent­li­chen Dis­kus­si­on. Man muss sehr laut und krea­tiv sein.

Arbeitsplatz (5)

Der gest­ri­ge Arbeits­platz schaut etwas anders aus: Auf­grund einer sehr lang­wie­ri­gen Reparatur/Sanierung des Daches der Evan­ge­li­schen Stadt­kir­che in Erbach fin­det der Got­tes­dienst momen­tan im dor­ti­gen Gemein­de­haus statt. Und da steht „nur“ ein chi­ne­si­scher Stutz­flü­gel. Da der Got­tes­dienst­be­su­ch im Ver­gleich zur Gemein­de­grö­ße aber auch nicht gera­de umwer­fend ist, reicht der auch durch­aus aus. (Und schön: Beim Got­tes­dienst blei­ben die Fens­ter offen, da kön­nen die Vögel auch mit­hö­ren und mit­sin­gen …)

erbach, gemeindehaus - flügel

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Aus-Lese #46

manu schwendener
Hans Jür­gen von der Wen­se: Über das Ste­hen. Hrsg. von Rei­ner Nie­hoff. Ber­lin: blau­wer­ke 2014 (split­ter 02). 76 Sei­ten. ISBN 978–3-945002–01-8.
Hans Jür­gen von der Wen­se: Die Schau­kel. Her­aus­ge­ge­ben und mit einem Vor­wort ver­se­hen von Rei­ner Nie­hoff. Mit einer Lek­tü­re von Val­e­s­ka Ber­ton­ci­ni. Ber­lin: blau­wer­ke 2016 (split­ter 08). 52 Sei­ten. ISBN 9783945002087.

wense, die schaukel (cover)Das sind zwei (sehr) klei­ne Tex­te – Essays wohl am bes­ten zu nen­nen – die sich auf den ers­ten Bli­ck ganz unter­schied­li­chen The­men wid­men: Über das Ste­hen wid­met sich der Sta­tik (des Men­schen), Die Schau­kel dage­gen einem Ding, das wie kaum ein ande­res Bewe­gung ver­ge­gen­ständ­licht.

Natür­li­ch stimmt der Gegen­satz bei Hans Jür­gen von der Wen­se so eigent­li­ch gar nicht. Das merkt man schon, wenn man den ers­ten Satz in Über das Ste­hen liest: 

Ste­hen ist eine bewe­gung; es ist schwan­ken und wan­ken, um sich im gleich­ge­wich­te zu hal­ten, auf­recht.. Ste­hen ist eine lage. (13)

Dem folgt ein manch­mal mei­nes Erach­tens etwas aus­fa­sern­der Essay über das Ste­hen, der mich vor allem in sei­nen wel­t­e­ty­mo­lo­gi­schen Abschnit­ten nicht immer glei­cher­ma­ßen fas­zi­nie­ren konn­te. Trotz­dem ein schö­nes „Gro­schen­heft des Welt­geis­tes“ – so nennt der klei­ne, rüh­ri­ge blau­wer­ke-Ver­lag sei­ne split­ter-Rei­he, die im klei­nen Notiz­heft­for­mat klei­ne Tex­te mit viel zusätz­li­chem (Archiv-)Material vor­bild­li­ch ediert und zu wohl­fei­len Prei­sen (näm­li­ch jeweils 1 Euro) zugäng­li­ch macht. Auch die­se bei­den Wen­se-Essays haben jeweils ein ein­füh­ren­des Vor­wort von Rei­ner Nie­hoff, das unter ande­rem über Ent­ste­hungs­zu­sam­men­hän­ge und Publi­ka­ti­ons- bzw. Über­lie­fe­rungs­ge­schich­te berich­tet, und ein ein­ord­nen­des, erklä­ren­des „Nach­wort“ von Val­e­s­ka Ber­ton­ci­ni, das als „Lek­tü­re“ fun­giert.

Das gera­de erst erschie­nen Heft Die Schau­kel bie­tet einen recht kur­zen Wen­se-Text von weni­gen Sei­ten, der sich – qua­si kul­tur­ge­schicht­li­ch avant la lett­re – mit dem Gegen­stand, dem Ding „Schau­kel“ und vor allem sei­nen Bedeu­tun­gen und Impli­ka­tio­nen für den Men­schen (ob er nun schau­kelt, anstößt oder zuschaut …) befasst. Auch eine sehr ver­gnüg­li­che, klu­ge und berei­chern­de Lek­tü­re. Denn an der Schau­kel fas­zi­niert Wen­se offen­bar die Gleich­zei­tig­keit bzw. ding­li­che Iden­ti­tät von Bewe­gung und Ruhe, von der Mög­lich­keit, bei sich selbst zu sein und zugleich über sich hin­aus zu gelan­gen:

Schau­keln ist Mut-Wil­le. Es ist Ent­fer­nen, Abwei­chen von der Mit­te, dem Ruhe-Punk­te, Ab-Fall. (23)

Micha­el Starcke: Das Meer ist ein alter Bekann­ter, der war­ten kann. Net­te­tal: Elif 2016. 74 Sei­ten. ISBN 9783981750928.

starcke, das meer ist ein alter bekannter, der warten kann (cover)

Das Meer ist ein alter Bekann­ter, der war­ten kann ist ein inter­es­san­ter Gedicht­band. Nicht nur des schö­nen Titels wegen. Und auch nicht nur der gra­phi­schen Aus­stat­tung wegen. Son­dern vor allem wegen der schöp­fe­ri­schen Kraft, die Starcke aus letzt­li­ch einem The­man, einem Gegen­stand ent­wi­ckelt: Dem Meer. Denn dar­um geht es in fast allen Gedich­ten. Und trotz der mono­the­ma­ti­schen Anla­ge des Ban­des – neben dem Meer spie­len Sand, Wol­ken und der hohe Baum vor dem Haus noch eine gewis­se Rol­le –, der erstaun­li­ch engen Fixie­rung auf einen Ort und eine Posi­ti­on des Betrach­ters und Schrei­ben­den ist das alles ande­re als lang­wei­lig. Eine Rol­le spielt dabei sicher­li­ch die ver­ge­hen­de Zeit, deren Lauf man beim Lesen des Ban­des gewis­ser­ma­ßen nach­voll­zie­hend mit­er­le­ben kann. 

Man ist dabei, sozu­sa­gen, allei­ne mit dem Meer. Men­schen kom­men näm­li­ch recht sel­ten (wenn über­haupt vor). Das Meer selbst ist in die­sen Gedich­ten vor allem als insta­bi­le Sta­bi­li­tät, als dau­er­haf­ter Wan­del, als vergehende/bewegte/bewegende/fortschreitende Zeit prä­sent. Auch wenn oft ein recht pro­sai­scher Duk­tus vor­herrscht, kaum Sprach­spie­le oder aus­ge­fal­le­ne, gesuch­te Bil­der zu ent­de­cken und ent­schlüs­seln sind, ist das den­no­ch gera­de in den Details oft sehr span­nend, in den klei­nen Abwei­chun­gen, den mini­ma­len Stö­run­gen und poe­ti­schen Signa­len (etwa bei der Wort­stel­lung, der Kom­ma­set­zung, der (unter­bro­che­nen) Rei­hung). Fast jedes Gedicht hat einen Moment, einen (Teil-)Satz, der beson­ders berührt, der beson­ders die Inten­si­tät (des Erle­bens vor allem) aus­strahlt. Als „weg­zeh­rung der erin­ne­rung“ (56) sind die Gedich­te aber immer auch ein Ver­su­ch, die Ver­gäng­lich­keit fest­zu­hal­ten.

Vie­le die­ser Meer-Gedich­te funk­tio­nie­ren dabei wie ein „inne­res fern­glas“ (56): der Bli­ck auf die Land­schaft der Küs­te (ich glau­be, das Wort „Küs­te“ kommt dabei gar nicht vor, nur Meer, Sand, Wol­ken und Him­mel als Ele­men­te des Über­gangs­raums) ermög­licht und för­dert den Bli­ck nach innen, mit dem glei­chen Instru­men­ta­ri­um, das zugleich das gro­ße, wei­te Pan­ora­ma erfasst und das klei­ne, maß­geb­li­che Detail. Und obwohl es oft um Ver­gäng­lich­keit und Abschied geht, um Ort- und Hei­mat­lo­sig­keit, bleibt den Gedich­ten eine auf­fäl­li­ge Leich­tig­keit eigen: Die Spra­che bleibt locker, die Bil­der beweg­li­ch, das Syn­tax­ge­fü­ge fle­xi­bel, die Begrif­fe immer kon­kret: „sie [d.i. die geschich­ten vom meer] lie­ben das offe­ne / im ver­bor­ge­nen.“ (47) heißt es ein­mal – und damit ist Metho­de Starckes in Das Meer ist ein alter Bekann­ter, der war­ten kann als Mot­to ziem­li­ch gen­au beschrie­ben.

viel­leicht, dass sich
unterm meer ein
wei­te­res meer ver­steckt
wie erin­ne­run­gen im
sand der gedan­ken, die,
für geheim­nis­se offen,
momen­te von stil­le ver­kör­pern.
an sei­nen geräu­schen, schluss­ver­se (72)

Juli Zeh: Unter­leu­ten. Mün­chen: Lucht­erhand 2016. 508 Sei­ten.

zeh, unterleuten (cover)

Juli Zehs Unter­leu­ten hält sich zwar hart­näch­kig auf der Best­sel­ler-Lis­te, ist aber eigent­li­ch ein eher lang­wei­li­ges, unbe­mer­kens­wer­tes Buch. Das ist rou­ti­niert erzählt und kann ent­spre­chend mit unbe­tei­lig­ter Neu­gier ohne nach­hal­ti­gen Ein­drcuk gele­sen wer­den. Vie­les in dem Plot – den ich jetzt nicht nach­er­zäh­le – ist ein­fach zu abseh­bar. Dazu kommt noch ein erzäh­le­ri­sches Pro­blem: Der Text wird mir per­ma­nent erho­be­nem Zei­ge­fin­ger erzählt, bei jeder Figur ist immer (und meist sofort) klar, was von ihr zu den­ken ist – das wird erzäh­le­rich über­deut­li­ch gemacht. Dazu eig­net sich der wech­seln­de erzäh­le­ri­sche­re Fokus der auk­to­ria­len Erzäh­le­rin natür­li­ch beson­ders gut. Das Schluss­ka­pi­tel, in dem sie (bzw. eine ihrer Instan­zen) als Jour­na­lis­tin, die Unter­leu­ten recher­chiert hat, auf­tritt und die Fäden sehr unele­gant zum Ende führt, zeigt sehr schön die feh­len­de künstlerische/poetische Ima­gi­na­ti­on der Auto­rin: Das ist so ziem­li­ch die bil­ligs­te Lösung, einen Schluss zu fin­den – und zugleich auch so über­aus unnö­tig … Ande­rer­seits hat mich die erzäh­le­ri­sche Anla­ge schnell genervt, weil das so deut­li­ch als die ein­fachs­te Mög­lich­keit erkenn­bar wir, alle Sei­ten, Posi­tio­nen und Betei­lig­ten des Kon­flikts in der Pseu­do-Tie­fe dar­zu­stel­len.

[E]ine weit­rei­chen­de Welt­be­trach­tung, einen Gesell­schafts­ro­man mit einer bestechen­den Viel­falt lite­ra­ri­scher Ton­la­gen, vol­ler Esprit und Tra­gik, Iro­nie und Dras­tik“, die Klaus Zey­rin­ger im „Stan­dard“ beob­ach­tet hat, kann ich da beim bes­ten Wil­len nicht erken­nen. (Jörg Magen­au hat die „Qua­li­tä­ten“ des Romans in der „Süd­deut­schen Zei­tung“ bes­ser und deut­li­cher gese­hen.) Letzt­li­ch bleibt Unter­leu­ten ein eher unspan­nen­der Dorf­kri­mi, der sich flott weg­liest, (mich) aber weder inhalt­li­ch noch künst­le­ri­sch beson­ders berei­chern konn­te. Scha­de eigent­li­ch.

Sophie Rey­er: :nach­kom­men nackt­kom­men. Wien: hoch­ro­th 2015. 34 Sei­ten. ISBN 9783902871664.

Auch :nach­kom­men nackt­kom­men ist wie­der so ein Zufalls­fund, bei dem ich dem Ver­lag – hoch­ro­th – ver­traut habe … Sophie Rey­ers Gedich­te sind knapp kon­zen­trier­te Kurz­zei­ler, die oft abgrün­dig leicht sind, aber immer sehr auf den Punkt gedacht und for­mu­liert sind – bezie­hungs­wei­se auf den Dop­pel­punkt als Gren­ze und Über­gang, der den Beginn aller Gedich­te zei­chen­haft mar­kiert. Immer wie­der fal­len mir die küh­nen, wil­den, ja gera­de­zu über­bor­den­den und über­schie­ßen­den Bil­der auf, die jeg­li­cher sprach­li­cher Öko­no­mie Hoh­ne spre­chen und die, so scheint es mir, manch­mal auch ein­fach nur um ihrer selbst wil­len da sind. Außer­dem scheint Rey­er eine gro­ße Freu­de am Spiel mit Asso­nan­zen und Alli­te­ra­tio­nen zu haben. Über­haupt ist viel­leicht das Spiel, der spie­le­ri­sche Umgang mit Spra­che und Ein­fäl­len trotz der The­men, die einen gewis­sen Hang zum Dun­keln auf­wei­sen, beson­ders bezeich­nend für ihre Lyrik. 

Man­ches wirkt in :nach­kom­men nackt­kom­men auch eher wie das spon­ta­ne Notat einer Idee, wie eine Ein­falls­skiz­ze im Notiz­buch der Auto­rin und noch nicht wie ein fer­ti­ges Gedicht. Zwei­zei­ler wie der auf S. 27 zum Bei­spiel:

die kur­siv­schrift des korn­felds
son­nen strah­len ste­no­gra­phie

Inter­es­sant fand ich bei der Lek­tü­re auch, dass Takt und Rhyth­mus der Lyrik wie­der­holt (im Text selbst) anzi­tiert wer­den, durch die Tex­te aber nur sehr bedingt (wenn über­haupt) umge­setzt wer­den. Viel­leicht kommt daher auch der Ein­druck der Spon­ta­ni­tät, des augen­blick­li­chen Ein­falls …

:nach­kom­men nackt­kom­men ist dabei ein typi­sches klei­nes hoch­ro­th-Bänd­chen – ich mag das ja, ich brau­che nicht immer gleich 80–100 Sei­ten Lyrik von einer Auto­rin, es rei­chen oft auch 20, 30 (klei­ne­re) Tex­te. Und die Kauf­hür­de ist auch nicht so hoch, wenn das nur 8 Euro statt 25 sind … Zudem sind die hoch­ro­th-Publi­ka­tio­nen eigent­li­ch immer schön gemacht, lie­be­voll und umsich­tig gestal­tet. Die hier ist die ers­te, bei der mir typo­gra­phi­sche Feh­ler auf­ge­fal­len sind – ein nach unten „fal­len­des“ l, das ich auf sechs Sei­ten ziem­li­ch wahl­los ver­streut gefun­den habe (aber wer weiß, viel­leicht ist das ja auch ein gehei­mes fea­ture der Tex­te, das sie auch ganz geschickt mit dem Para­text ver­bin­det?).

Wolf von Kalck­reu­th: schlum­mer­schwar­ze Näch­te. Gedich­te. Leip­zig: hoch­ro­th 2015. 26 Sei­ten. ISBN 978–3-902871–67-1.
Wolf Graf von Kalck­reu­th: Gedich­te und Über­tra­gun­gen. Her­aus­ge­ge­ben von Hell­mut Kru­se. Hei­del­berg: Lam­bert Schnei­der 1962. 190 Sei­ten.

kalckreuth, gedichte (cover)Über die schma­le Aus­wahl beim fei­nen hoch­ro­th-Ver­lag bin ich eher zufäl­lig auf die Lyrik Wolf von Kalck­reuths gesto­ßen. Kalck­reu­th ist gewis­ser­ma­ßen eine tra­gi­sche Figur: 1887 in eine Mili­tär- und Künst­ler­fa­mi­lie gebo­ren, setzt er sei­nem Leben bereits 1906 ein Ende. Bis dahin war er in der Schu­le, hat sein Abitur gemacht, ist etwas gereist und dann – trotz eigent­li­cher Nicht-Eig­nung – im Okto­ber 1906 auf eige­nen Wunsch ins Mili­tär ein­ge­tre­ten, wo er es kei­ne zehn Tage bis zu sei­nem Frei­tod aus­hielt. In die­ser kur­zen Lebens­zeit ent­stan­den aber nicht nur eige­ne Gedich­te, son­dern auch diver­se (wich­ti­ge) Über­set­zun­gen der Lyrik Ver­lai­nes und Bau­de­lai­res.

Erstaun­li­ch ist in sei­nen Gedich­ten immer wie­der die aus­ge­spro­chen siche­re (hand­werk­li­che) Sprach- und Form­be­herr­schung trotz des jun­gen Alters. Nicht immer und nicht alles ist wahn­sin­nig ori­gi­nell, vie­les ist sehr deut­li­ch einer spä­ten Spät­ro­man­tik ver­haf­tet, die aber durch die mal mehr, mal weni­ger zag­haf­ten Ein­flüs­se des Expres­sio­nis­mus inter­es­sant wird. Vie­le sei­ner Gedich­te pen­deln sich gewis­ser­ma­ßen in der Dia­lek­tik von Ver­fall und Sehn­sucht ein. Und aus ihnen spricht auch immer wie­der das Bewusst­sein um die eige­ne (Ver-)Spätung, um End­zeit, Unter­gang, vor allem aber Ster­bens­wunsch und Todes­sehn­sucht etc. – nicht ohne Grund spie­len die Däm­me­rung (und natür­li­ch die Nacht), der Abend und der Herbst eine gro­ße Rol­le in die­sen Gedich­ten.

Aber was mich wirk­li­ch am meis­ten fas­zi­niert hat, war doch die sorg­sa­me Fügung der Gedich­te, gera­de der Sonet­te, die nahe an per­fek­te Gedich­te her­an­rei­chen. Die hoch­ro­th-typi­sch sehr klei­ne Aus­wahl – 26 Sei­ten inkl. Nach­wort! – hat mich dann immer­hin neu­gie­rig gemacht und mich zu der deut­li­ch umfang­rei­che­ren Aus­wahl von 1962 grei­fen las­sen. Da fin­den sich natür­li­ch auch wie­der vie­le fas­zi­nie­ren­de Sonet­te, aber auch inter­es­san­te und anre­gen­de Gedich­te, eigent­li­ch ja Elo­gen, auf Napo­leon, den Kalck­reu­th wohl sehr bewun­der­te. Und schließ­li­ch ent­hält der Band auch noch eine umfang­rei­che Abtei­lung mit Über­set­zun­gen der Lyrik Ver­lai­nes und Bau­de­lai­res, bei­de auch wesent­li­che Vor­bil­der und Ein­flüs­se Kalck­reuths.

Das Leben eilt zum Zie­le wie eines Welt­stroms Flut
Die uns ins Meer ent­führt mit dunk­len Wogen­mas­sen,
In schwin­del­haf­ter Hast, die nie ent­schlum­mernd ruht,
Bis wir das eig­ne Herz erken­nen und erfas­sen. (72)

Annet­te Pehnt: Hier kommt Michel­le. Ein Cam­pus­ro­man. Mün­chen: Piper 2012. 140 Sei­ten. ISBN 9783492300827.

pehnt, hier kommt michelle (cover)Eine net­te klei­ne Sati­re – das heißt, ein schar­fer und bis­si­ger Text, der das deut­sche Uni­ver­si­täts­sys­tem und -leben, ins­be­son­de­re aber die zeit­ge­nös­si­sche Stu­die­ren­den­ge­ne­ra­ti­on gekonnt auf­spießt. Nur not­dürf­tig fik­tio­na­li­siert, bekom­men so ziem­li­ch alle ihr Fett weg: Die Stu­die­ren­den, die Leh­ren­den vom aka­de­mi­schen „Unter­bau“ über den Mit­tel­bau bis zu den ver­trot­tel­ten Eme­ri­ti, von der Ver­wal­tung bis zur Pres­se und Poli­tik. Selbst die Haupt­fi­gur, Michel­le, ist so über­haupt nicht lie­bens­wert, son­dern – natür­li­ch als Zerr­bild – eher ein abschre­cken­des Bei­spiel der Ziel- und Ver­nunft­lo­sig­keit als ein Iden­ti­fi­ka­ti­ons­an­ge­bot für den Lesen. Sehr schön fand ich den erzäh­le­ri­schen Kunst­griff, dass sich die Erzäh­le­rin selbst mit ihrer eige­nen Stim­me wie­der­holt ein­mischt und sich und ihren (?) Text im Text selbst gleich mit­kom­men­tiert (auf die eher unwit­zi­ge Her­aus­ge­ber­fik­ti­on hät­te ich dafür ger­ne ver­zich­ten kön­nen).

Hier ist die Erzäh­le­rin. Sie reibt sich die Hän­de, weil sie die­ses harm­lo­se Mäd­chen mit gro­ben Stri­chen ent­wor­fen hat und sich jetzt schon, wo die Erfin­dung doch gera­de erst zu leben begon­nen hat, dar­auf freut, ihr Knüp­pel zwi­schen die Bei­ne zu wer­fen. (13)

Trotz eini­ger hand­werk­li­cher Män­gel wie etwa einem schlecht gear­bei­te­ten Zeit­sprung oder einer etwas unge­fü­gen Makro­struk­tur ist Hier kommt Michel­le ein­fach nett zu lesen, aber halt auch – der Umfang ver­rät es ja schon – recht dünn. Der Witz ist eben schnell ver­braucht, die Unter­hal­tung trägt auch nicht viel län­ger. Zum Glück hat Annet­te Pehnt das nicht über­mä­ßig aus­ge­walzt, denn viel mehr als die­sen klei­nen Text gibt die Grund­idee allei­ne wohl nicht her.

Das war auch eine wich­ti­ge Lek­ti­on: Nicht alles geht sie etwas an, es ist gut, all­zu frem­den oder schwie­ri­gen Zusam­men­hän­gen nicht auf den Grund zu gehen, man muss sich zurück­hal­ten und sich auf das beschrän­ken, was man kennt und kann, und das gilt auf jeden Fall auch für das Stu­di­um in Som­mer­stadt, das Michel­le nun mit neu­em Elan, aber auch einer Rei­fe angeht, die sie schon am zwei­ten Tag befä­higt, zum Jun­gang­lis­ten zu gehen und zu fra­gen, ob er sie brau­chen kann. (120)

außer­dem gele­sen:

  • Phil­ipp Ting­ler: Juwe­len des Schick­sals. Kur­ze Pro­sa. Zürich: Kein und Aber 2005. 
  • Geor­ges Batail­le: Der gro­ße Zeh. Hrsg. & übers. von Val­e­s­ka Ber­ton­ci­ni. Ber­lin: blau­wer­ke 2015 (split­ter 01). 80 Sei­ten.
  • Rai­ner Hoff­mann: Abduk­tio­nen, Aberra­tio­nen I. Bern: edi­ti­on taber­na kri­ti­ka 2011. 57 Sei­ten.
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