Hineingehört #1

free music (unsplash.com)William White

Eine klei­ne Intakt–Aus­le­se aus dem zwei­ten Halb­jahr – dank des vor­treff­li­chen Abon­ne­ments bekom­me ich ja immer alle Ver­öf­fent­li­chun­gen post­wen­dend gelie­fert:

Musikalische Monster

musical monsters (cover)Die Musi­cal Mons­ters sind eigent­li­ch gar kei­ne neue Musik. Auf­ge­nom­men wur­de das näm­li­ch schon 1980 bein Jazz­fes­ti­val Wil­li­sau. Des­sen Chef Nik­laus Trox­ler hat die Bän­der gut auf­ge­ho­ben. Und Intakt konn­te sie jetzt, nach umständ­li­cher Rech­te­ab­klä­rung, end­li­ch ver­öf­fent­li­chen. Zu hören ist ein Quin­tett mit gro­ßen Namen: Don Cher­ry, Irè­ne Schwei­zer, Pier­re Fav­re, John Tchi­cai und Léon Fran­cio­li, das es so son­st nicht zu hören gibt. Am erstaun­lichs­ten fand ich, wie wenig man die 36 Jah­re, die die Auf­nah­me alt ist, der Musik anhört. Die vier groß­for­ma­ti­gen, größ­ten­teils frei­en Impro­vi­sa­tio­nen – es gibt ein paar melo­di­sch fixier­te Anker­punk­te, die als fest­ge­leg­te Schar­nie­re zwi­schen Solo- und Kol­lek­tiv­im­pro­sia­tio­nen die­nen – klin­gen erstaun­li­ch fri­sch, ja fast zeit­los: Die intui­ti­ve Spon­ta­nei­tät und Inten­si­tät ist ziem­li­ch fes­selnd. Vor allem, weil sie von allem etwas bie­tet – ver­spiel­te Faxen, inti­me Momen­te, packen­de Ener­gi­en … Und weil die fünf ziem­li­ch gleich­wer­ti­ge, glei­cher­ma­ßen fas­zi­nie­ren­de Musi­ke­rin­nen sind, die sich immer wie­der zu gro­ßen Momen­ten inne­rer Stär­ke auf­schwin­gen, die in erstaun­li­cher Dich­te auf­ein­an­der fol­gen und zuwei­len sogar ech­tes Pathos erzeu­gen. Beson­ders fas­zi­nie­rend fand ich das in der zwei­ten Impro­vi­sa­ti­on, mit über zwan­zig Minu­ten auch die längs­te, in der sich groß­ar­ti­ge Soli (vor allem Tchi­cai sticht hier her­vor) und span­nen­de, in ihrer fra­gen­den Offen­heit unge­mein fes­seln­de Grup­pen­im­pro­vi­sa­tio­nen bal­len.

Don Cher­ry, John Tchi­cai, Irè­ne Schwei­zer, Léon Fran­cio­li, Pier­re Fav­re: Musi­cal Mons­ters. Intakt Recor­ds CD 269, 2016. 59:28 Minu­ten.

Tiefe Gedächtnismusik

deep memory (cover)Für Deep Memo­ry hat sich Bar­ry Guy, der die CD im Trio mit Mari­lyn Cris­pell und Paul Lyt­ton auf­nahm, von den Bil­dern Hughie O’ Dono­ghu­es zu Kom­po­si­tio­nen anre­gen las­sen. Die sie­ben Stü­cke tra­gen die Titel der Bil­der: Slee­per, Dark Days, Fal­len Angeld oder Silen­ced Music hei­ßen sie etwa. Das sind aber kei­ne musi­ka­li­schen Ekphra­sen, son­dern eher Kom­po­si­tio­nen, die sich von dem Bild – sei­nen Far­ben, sei­ner Gestalt und vor allem viel­leicht: sei­ner Stim­mung – zu akus­ti­schen Ein­drü­cken inspi­rie­ren las­sen. Vie­les davon lässt sich in wei­ten Bögen, oft ver­träumt-ver­spon­nen und/oder nach­denk­li­ch, tra­gen und spei­st sich nicht unwe­sent­li­ch aus dem inti­men Zusam­men­spiel des Tri­os, das ja schon seit gefühl­ten Ewig­kei­ten immer wie­der mit­ein­an­der musi­ziert und der Effekt­ha­sche­rei aus­ge­spro­chen abhold ist. Und das auch auf Deep Memo­ry vor allem durch sei­ne kam­mer­mu­si­ka­li­sche Dich­te und Inten­si­tät der far­ben­präch­ti­gen, ten­den­zi­ell melan­cho­li­schen Klang­ma­le­rei gefällt. Die befin­den sich, so hört es sich an, eigent­li­ch immer auf der glei­chen Wel­len­län­ge, um die­ses stra­pa­zier­te, hier aber sehr pas­sen­de Bild zu benut­zen.

Bar­ry Guy, Mari­lyn Cris­pell, Paul Lyt­ton: Deep Memo­ry. Intakt Recor­ds CD 273, 2016. 52:07 Minu­ten.

Am großen Rad drehen

christoph irniger pilgrim, big wheel live (cover)Big Wheel Live ist die zwei­te CD von Chris­to­pher Irni­ger Pil­grim, wie der span­nen­de Saxo­fo­nist, Kom­po­nist & Band­lea­der Irni­ger sein Quin­tett mit Ste­fan Aeby, Davie Gis­ler, Raf­fae­le Bos­sard und Michi Stulz nennt. Auch wenn das „Live“ wirk­li­ch auf Live-Auf­nah­men (in Ber­lin, Rat­ze­burg und Alten­burg) zurück­geht, klingt die CD rich­tig gut. Und das ist in sofern beson­ders schön, weil gera­de Aeby ein sehr klang­sin­ni­ger Pia­nist ist.
Die gan­ze Musik auf Big Wheel Live zeich­net sich mei­nes Erach­tens nicht nur durch ihren kraft­vol­len Sound aus, son­dern vor allem durch ihre Räum­lich­keit und Tie­fe. Oft ist das nur lose ver­bun­den, nur locker gewebt, gibt so den Fün­fen aber viel Chan­cen zum aus­grei­fen­den Erfor­schen. Und der Frei­raum zum Erkun­den, die Öff­nung in alle Him­mels­rich­tun­gen wird weid­li­ch genutzt: Man hört eigent­li­ch immer eine per­ma­nen­te Such­be­we­gung, die stets fort­schrei­tet, die beim schö­nen Augen­bli­ck ver­weilt, son­dern immer wei­ter will – wie es gute impro­vi­sier­te Musik eben (fast) immer tut. Neben Aeby, der sich immer mehr zu einem sehr inter­es­san­ten Pia­nist ent­wi­ckeln zu scheint, hat mir hier vor allem die oft sehr span­nen­de, über­ra­schen­de Spiel­wei­se des Schlag­zeu­gers Michi Stulz gefal­len. Gitar­rist Dave Gis­ler und Irni­gers Saxo­phon umspie­len sich oft sehr eng. Ent­schei­dend aber in allen sechs Titeln: Das bleibt immer im Fluss, die Ide­en ver­san­den eigent­li­ch nie, son­dern fin­den immer neue Pfa­de und Wege.

Chris­to­ph Irni­ger Pil­grim: Big Wheel Live. Intakt Recor­ds CD 271, 2016. 62:44 Minu­ten.

Das unsterbliche Trio

schlippenbach trio, warsaw concert (cover)Viel­leicht ist es das euro­päi­sche Jazz­trio schlecht­hin, sicher­li­ch wohl das am längs­ten amtie­ren­de: Alex­an­der von Schlip­pen­bach, Evan Par­ker und Paul Lovens sind das Schlip­pen­bach-Trio. Und zwar schon ewig. Und jedes Jahr sind wie wie­der unter­wegs (die schö­ne Film-Doku­men­ta­ti­on Aber das Wort Hund bellt ja nicht hat die jähr­li­che „Win­ter­rei­se“ des Tri­os ja sehr anschau­li­ch gemacht), immer wie­der in der glei­chen Beset­zung mit immer ande­rer Musik – nicht ohne Selbst­iro­nie nennt Schlip­pen­bach das im Begleit­heft des­halb „das unsterb­li­che Trio“.
Erstaun­li­ch dar­an ist vor allem, dass es nicht lang­wei­lig wird, dass die­se gro­ße Ver­traut­heit mit­ein­an­der nicht in Belang­lo­sig­kei­ten mün­det. Auch das War­saw Con­cert ist wie­der eine auf­nah­me­tech­ni­sch und musi­ka­li­sch gut gelun­ge­ne Live-Auf­nah­me vom Okto­ber 2015. Und beim Schlip­pen­bach-Trio heißt das: Eine ein­zi­ge lan­ge Impro­vi­sa­ti­on ohne Pau­sen oder Unter­bre­chun­gen, ohne Ver­ab­re­dun­gen und ohne Kom­po­si­ti­on – knapp 52 Minu­ten sind das (dazu kommt noch eine kur­ze, fast humo­ris­ti­sche Zuga­be).
Der ers­te Ein­druck: Net­te Musik – das funk­tio­niert ein­fach, das passt. Und das ist wirk­li­ch Musik der Frei­heit: Weil sie sich (und dem Publi­kum) nichts (mehr) bewei­sen müs­sen. Und: Weil sie viel kön­nen, enorm viel, sowohl allei­ne mit ihren Instru­men­ten als auch zusam­men als Trio. Des­halb schöpf­ten sie mit locke­rer Hand auch in War­schau eine Viel­falt der Stim­mun­gen. Vie­les klingt viel­leicht etwas alters­mil­de in der Klar­heit und dem lyri­schen Aus­druck (wenn man das so deu­ten möch­te), stel­len­wei­se aber durch­aus auch boh­rend und insis­tie­rend. Das ist ein­fach aus­ge­zeich­ne­ter, gelun­ge­ner, „klas­si­scher“ Free Jazz, den man ger­ne wie­der­holt anhört und ver­sucht nach­zu­voll­zie­hen.

Schlip­pen­bach Trio: War­saw Con­cert. Intakt Recor­ds CD 275, 2016. 56:36 Minu­ten.

Zur Erleuchtung

aeby trio, to the light (cover)Ste­fan Aeby war ja auch schon im Chris­to­ph Irni­ger Pil­grim ver­tre­ten, hier ist nun noch ein­mal als „Chef“ mit sei­nem eige­nen Trio zu hören, das aber mit Michi Stulz am Schlag­zeug noch eine wei­te­re Per­son mit dem Pil­grim-Ensem­ble teilt. To the Light ist eine Musik des Klan­ges: Ich höre hier nicht so sehr rhyth­mi­sch und/oder har­mo­ni­sche Struk­tu­ren, son­dern vor allem Klän­ge. Klän­ge, die sich immer wie­der zu klei­nen Sze­nen und ima­gi­nä­ren Bil­dern for­men. Das Trio passt da in die­ser Hin­sicht aus­ge­zeich­net zusam­men: Nicht nur Ste­fan Aeby am Kla­vier ist ein biss­chen ein Klang­ma­gier, auch der Bass von André Pou­saz hat erstaun­li­che Qua­li­tä­ten (beson­ders schön im Titel­stück wahr­zu­neh­men, das sowie­so eine ziem­li­ch groß­ar­ti­ge Sache ist). Und Michi Stulz, mit hal­li­gen Becken und eng klin­gen­den Toms zau­bert für einen Schlag­zeu­ger erstaun­li­ch flä­chi­ge Klän­ge. Das ist ein poe­ti­scher Sound, eine wei­che und wan­del­ba­re Klang­ge­stalt, die mir aus­ge­zeich­net gefällt. Vie­les ist (min­des­tens ten­den­zi­ell) leicht ver­träumt und klingt mit roman­ti­sch-impres­sio­nis­ti­schem Ein­schlag, ist dabei aber kei­nes­wegs schwind­süch­tig, son­dern durch­aus mit gesun­der Kraft und Potenz musi­ziert, die aber nie auf­trump­fend aus­ge­spielt wird: So klin­gen Musi­ker, die sich nichts bewei­sen müs­sen, möch­te ich ver­mu­ten. Die Musi­ker muss man sich wohl immer als lau­schen­de Instru­men­ta­lis­ten vor­stel­len: Viel­leicht ist es ja sowie­so gera­de das (Zu-)Hören, das gute Impro­vi­sa­to­rin­nen (oder Jaz­zer) aus­macht. Oder, wie es Flo­ri­an Kel­ler im Begleit­text sehr tref­fend for­mu­liert: „Eine Musik, die die Figur des Lau­schers ent­ste­hen lässt. Und die­sem viel Raum für sei­ne Fan­ta­sie gewährt.“

Ste­fan Aeby Trio: To the Light. Intakt Recor­ds CD 274, 2016. xx:28 Minu­ten.

Ins Netz gegangen (25.9.)

Milada Vigerova

Ins Netz gegan­gen am 25.9.:

  • Ent­gren­zung und die Spra­che der Flücht­lings­de­bat­te | FAZ → ein sehr guter text von tobi­as rüt­her über die zuneh­mend unsäg­li­che, untrag­ba­re, ver­hee­ren­de rhe­to­rik im poli­ti­schen dis­kurs, vor allem wenn es um „flücht­lings­fra­gen“ geht (wor­an die faz aber auch ihren anteil hat …)
  • #Open_Ac­cess: Wie der aka­de­mi­sche Kapi­ta­lis­mus die Wis­sen­schaf­ten ver­än­dert – Geschich­te der Gegen­wart → micha­el hagner wirf einen eher pes­si­mis­ti­schen bli­ck auf die momen­ta­nen ent­wick­lun­gen von open access

    Als Geschäfts­modell des akade­mi­schen Kapita­lismus ist OA Rea­li­tät, als Pro­gramm dafür, die Mensch­heit im gemein­samen intel­lek­tu­ellen Gespräch und Stre­ben nach Wis­sen zu verei­nigen, ist es eine Uto­pie.

    OA hat das auch vor­her schon viru­len­te Pro­blem eines hemmungs­losen Publi­ka­ti­ons­wahns noch wei­ter ver­schärft und mit der vermeint­lichen Trans­parenz eine noch grö­ße­re Unüber­sicht­lichkeit geschaf­fen.

  • Die Schwar­zen Schwä­ne der Ener­gie­wen­de | Neue Ener­gie → ein inter­es­san­tes inter­view über risi­ken für die ener­gie­wen­de

    Das kri­tischs­te Risi­ko für die Ener­gie­wen­de wirkt im Ver­gleich gar nicht so span­nend: dau­er­haft nied­ri­ge Welt­markt­prei­se für fos­si­le Ener­gi­en.

  • Das Geld wan­dert ab aus die­sem Beruf“ | Voll­text → inter­es­san­tes inter­view mit ulri­ke draes­ner über lyrik und deren wert­schät­zung, die ände­run­gen für das schrei­ben, die die all­zeit ver­füg­ba­ren daten & infor­ma­tio­nen mit sich brin­gen
  • US Air­ways Flight 1549: Ana­to­my of a Mira­cle | Vani­ty Fair → groß­ar­ti­ge (wirk­li­ch!) – und auch ziem­li­ch lan­ge – repor­ta­ge über das flug­zeug, das auf dem hud­son river kurz nach dem start not­lan­de­te. tol­ler text!
  • Alfred Harth: Jen­seits von Para­dox (Erin­ne­run­gen) | geti­dan → der groß­ar­ti­ge alfred 23 harth erin­nert sich an die 80er:

    Am Abend medi­tie­re ich auf dem Saxo­fon die jüngs­ten Ereig­nis­se die­ser enig­ma­ti­schen Rei­se, ihre nume­ro­lo­gi­schen Impli­ka­tio­nen, und bin ab sofort als 23 neu inkar­niert.
    […] Zer­split­ter­te Zeit­py­ra­mi­de. Simu­la­ti­ons­zeit­al­ter. Any­thing Goes – Jazz ist eigent­li­ch ein quer­ste­hen­des Gefühl.

  • Byung-Chul Han: Wir hat­ten eine gute Zeit | ZEIT ONLINE → Magnus Klaue zeigt wie das Den­ken und Schrei­ben von Byung-Chul Han funk­tio­niert und erfolg­reich sein kann

Aus-Lese #48

Thomas Brussig: Wasserfarben. Berlin: Aufbau Digital 2016. 183 Seiten. ISBN 978-3-8412-1084-5.

brussig, wasserfarben (cover)Wasserfarben ist der erste Roman von Brussig, 1991 unter einem Pseudonym erschienen und jetzt als E-Book veröffentlicht, deshalb ist er sozusagen bei mir gelandet. Es wird erzählt von einem Abiturient in Ost-Berlin am Übergangspunkt zwischen noch Schule und bald Leben. Es soll also ganz offensichtlich ein coming-of-age-Roman sein. Das ist es aber nicht so recht - weil der "Held" sich wenig bis gar nicht entwickelt und erst am Ende von seinem älteren Bruder erklärt bekommt, wie man erwachsen wird ... Der Text ist vielleicht typisch Brussig: gewollt rotzig und trotzig. Und dieses bemühte Wollen merkt man dem Text leider immer wieder an - nicht an allen Stellen, aber doch häufig. Genau wie er bemüht "frech" sein will ist er auch etwas bemüht witzig. Vor allem aber fehlt mir die eigentliche Motivation des Erzählers, warum er so ist, wie er ist. Das wird einfach nicht klar.

Wasserfarben ist dabei sowieso von einem eher lahmen Witz und hinkendem Esprit gekennzeichnet. Das passt insofern, als auch die beschriebene DDR-Jugend in den 80ern so halb aufsässig ist: nicht ganz angepasst, aber auch kein Hang zur Totalverweigerung oder wenigstens "ordentlicher" Opposition. Das, der Held und seine Freunde und Bekannte, denen er im Lauf der Erzählung begegnet, zeigen dafür sehr schön den Druck, den das System aufbauen und ausüben konnte, vor allem in der Schule, aber auch im Privatleben, wo Arnold, der Protagonist und Erzähler (der den Leser schön brav siezt und auch sonst so seine extrem angepassten Momente hat), durchaus aneckt - vor allem wohl aus einem unspezifischen Freiheitsdrang, weniger aus grundsätzlicher Opposition. Das Buch hat durchaus einige nette Momente, die auch mal zum Schmunzeln anregen können, erschien mir auf die Dauer aber etwas fad - so wie die Jugend und die DDR selbst vielleicht. Nicht umsonst beschreiben die sich als "wasserfarben" im Sinne von: diese Jugend hat die Farbe von Wasser, ist also ziemlich blass, durchscheinend, aber auch vielfältig.

Alke Stachler: Dünner Ort. Mit fotografischen Illustrationen von Sarah Oswald. Salzburg: edition mosaik 2016 (edition mosaik 1.2). 64 Seiten. ISBN 9783200044548.

Meinen Eindruck dieses feinen Büchleins, dass es mir nach anfänglicher Distanz doch ziemlich angetan hat, habe ich an einem anderen Ort aufgeschrieben: klick.

John Corbett/span>: A Listener's Guide to Free Improvisation. Chicago, London: The University of Chicago Press 2016. 172 Seiten. ISBN 978-0-226-35380-7.

Diese gelungene Einführung in die frei improvisierte Musik für interessierte Hörer und Hörerinnen habe ich auch schon in einem Extra-Beitrag gelobt: klick.

Nora Gomringer: ach du je. Luzern: Der gesunde Menschenversand 2015 (edition spoken script/Sprechtexte 16).153 Seiten. ISBN 9783038530138.

gomringer, ach du je (cover)Dieser Band versammelt Sprechtexte Gomringers. Die zielen auf die Stimme und ihre körperliche Materialität, sie setzen sie voraus, sie machen sie zu einem Teil des Textes selbst - oder, wie es im Nachwort heißt: "Die Niederschrift ist für sie ein Behelf, um das lyrische schlechthin zur Erfüllung zu bringen." (144). Das ist gewissermaßen Vorteil und Problem zugleich. Dass man den Texten ihre Stimme sozusagen immer anmerkt, ist konsequent. Und sie passen damit natürlich sehr gut in die "edition spoken script". Ich - und das ist eben eine rein subjektive Position - mag das allerdings oft nicht so gerne, zu sprechende/gesprochene Texte lesen - da fehlt einfach wesentliche Dimension beim "bloßen" Lesen. Und was übrig bleibt, funktioniert nicht immer, nicht unbedingt so richtig gut. Das soll aber auch gar keine Rüge sein und keinen Mangel anzeigen: Sprechtexte, die als solche konzipiert und geschrieben wurden, sind eben mit bzw. in der Stimme gedacht. Ist ja logisch. Wenn die nun im gedruckten Text wegfällt, fehlt eine Dimension des Textes, die sich imaginativ für mich nicht immer reibungs-/nahtlos ersetzen lässt. Ich denke durchaus, dass mindeste ein Teil der Texte gut sind. Gefallen hat mir zum Beispiel das wiederholte Ausprobieren und Bedenken, was Sprache vermag und in welcher Form: was sich also (wie) sagen lässt. Anderes dagegen schien mir doch recht banal. Und manchmal auch etwas laut und etwas „in your face“, eine Spur zu aufdringlich und über-direkt. Insgesamt hinterlässt der Band damit bei mir einen sehr divergenten, uneinheitlichen Eindruck.

Modern

Einen Baum pflanzen
Auf ihm ein Haus bauen
Da rein ein Kind setzen
Das Kind zweisprachig
Anschreien (116)

Urs Leimgruber/Jacques Demierre/Barre Phillips: Listening. Carnet de Route - LDP 2015. Nantes: Lenka Lente 2016. 269 Seiten. ISBN 9791094601051.

Listening ist das Tourtagebuch des Improvisationstrios LDP, also des Saxophonisten Urs Leimgruber, des Pianisten Jacques Demierre und des Bassisten Barre Phillips. Ursprünglich haben die drei das als Blog geschrieben und auch veröffentlicht. Drei Musiker also, die in drei Sprachen schreiben - was dazu führt, dass ich es nicht ganz gelesen habe, mein Französisch ist doch etwas arg eingerostet. Das geht mal ein paar Sätze, so manches habe ich dann aber doch übersprungen. Und die ganz unterschiedliche Sichtweisen und Stile beim Erzählen des Tourens haben. Da geht es natürlich auch um den Touralltag, das Reisen spielt eine große Rolle. Wichtiger aber noch sind die Veranstalter, die Organisation und vor allem die Orte und Räume, in den sich die Musik des Trios entwickeln kann. Und immer wieder wird die Mühe des Ganzen deutlich: Stunden- bis tagelang fahren, unterwegs sein für ein bis zwei Stunden Musik. Und doch ist es das wert, sowohl den Produzenten als auch den Rezipienten der freien Musik.

The performing musician’s handicap is that each concert is the last one ever. It’s never going to get any better than it is today. The concert is ‚do or die‘ time. This moment is your truth and the groups truth. (65)

Die Räume, Publika und auch die bespielten Instrumente werden immer wieder beschrieben und bewerten. Demierre führt zum Beispiel genau Buch, welche Klaviere und Flügel er bespielt, bis hin zur Seriennummer der Instrumente. Und da ist vom Steinway-Konzertflügel der D-Reihe bis zum abgewrackten "upright" alles dabei ... Leimgruber interessiert sich mehr für die Städte und Organisationszusammenhänge, in denen die Konzerte stattfinden. Und natürlich immer wieder die Musik: Wie sie entsteht und was dabei herauskommt, wenn man in vertrauter Besetzung Tag für Tag woanders neu und immer wieder frei improvisiert. Und wie die Reaktionen sind. Da finden sich, im Text des Tourtagebuch verteilt, immer wieder interessante Reflexionen des Improvisierens und Selbstpositionierungen, die ja bei solcher, in gewisser Weise marginaler, Musik immer auch Selbstvergewisserungen sind. Nur geübt wird eigentlich überhaupt nicht (außer Barre Phillips, der sich nach monatelanger Abstinenz aus Krankheitsgründen wieder neu mit seinem Bass vertraut machen muss). Und im Trio gibt’s immerhin kurze Soundchecks, die aber wohl vor allem der Erprobung und Anpassung an die jeweilige Raumakustik dienen. Und nicht zuletzt bietet der Band noch viele schöne Fotos von Jacques Demierre.

Konzentriertes Hören, Verantwortung, materielle Voraussetzungen und spontane Eingaben bilden die Basis der Musik. Wir agieren, intensivieren, dekonstruieren, eliminieren, addieren und multiplizieren… Wir praktizieren Musik in Echtzeit, sie entsteht, indem sie entsteht. Gesten und Spielweisen vermischen sich und lösen sich ab. Wir halten nichts fest. Das Ausgelassene zählt genauso wie das Eingefügte. Jedes Konzert ist auf seine Art ein Original. Jede Situation ist anders. Der akustische Raum, das Publikum, die gesamte Stimmung im Hier und Jetzt. (134f.)

Hubert Fichte: Ich beiße Dich zum Abschied ganz zart. Briefe an Leonore Mau. Hrsg. von Peter Braun. Frankfurt am Main: S. Fischer 2016. 256 Seiten. ISBN 978-3-10-002515-9.

fichte, briefe (umschlag)Zusammengerechnet sind es knapp 60 Seiten Briefe, für die man 26 Euro bezahlt. Und viele der Briefe Hubert Fichtes an seine Lebensgefährtin Leonore Mau sind (sehr) knappe, kurze Mitteilungen, die oft in erster Linie die Banalitäten des (Zusammen-)Lebens zum Inhalt haben.

Ich will: keinerlei familiäre Bindungen. Ich will frei leben - als Sohn Pans - wenn Du willst und ich will schreiben. (28)

Die Briefe zeichnen nicht unbedingt ein neues Fichte-Bild - aber als Fan muss man das natürlich lesen. Auch wenn ich mit schlechtem Gewissen lese, weil es dem Autorwillen ausdrücklich widerspricht, denn der wollte diese Dokumente vernichtet haben (was Leonore Mau in Bezug auf seinen sonstigen schriftlichen Nachlass auch weitgehend befolgte, bei den Briefen (zumindest diesen) aber unterließ, so dass sie nach ihrem Tod jetzt sozusagen gegen beider willen doch öffentlich werden können und das Private der beiden Künstlerpersonen also der Öffentlichkeit einverleibt werden kann ...) Vor allem bin ich mir nicht sicher, ob sich - wie Herausgeber Peter Braun im Nachwort breit ausführt - daraus wirklich ein "Relief" im Zusammenspiel mit den Werken bildet. Und wie immer bin ich mir ziemlich unsicher, ob das den Werken (es geht ja vor allem um die unfertige "Geschichte der Empfindlichkeit") wirklich gut tut (bzw. der Lektüre), wenn man sie mit den Briefen - und damit mit ihrem Autor - so eng verschränkt. Und ob es in irgend einer Weise notwendig ist, scheint mir auch zweifelhaft. Ja, man erkennt die autobiographische Grundierung mancher Jäcki-Züge und auch der Irma-Figur nach der Lektüre der Briefe noch einmal. Aber verleitet das Briefe-Lesen dann nicht doch dazu, aus Jäcki Hubert und aus Irm Leonore zu machen und damit wieder am Text der Werke vorbei zu lesen? Andererseits: ein wirklich neues Bild, eine unentdeckte Lesart der Glossen oder der Alten Welt scheint sich dann selbst für Braun doch nicht zu ergeben.

Ich will Freiheit, Freiheit - und dazu bedarfs Witzes und Lachens. (42)

Selbst Willi Winkler, durchaus enthusiastischer Fichteaner, befindet in der Süddeutschen Zeitung: "Diese Briefe, einmal muss es doch heraus, sind nämlich von sensationeller Belanglosigkeit" und schießt dann noch recht böse gegen die tatsächlich manchmal auffallenden Banalitäten des Kommentars (mein Lieblingskommentar: „Darmgeräusche: Darmgeräusche sind ein Ausdruck der Peristaltik von Magen und Darm und insofern Anzeichen für deren normale oder gestörte Tätigkeit.“ (167)) und das etwas hochtrabende Nachwort von Herausgeber Braun. Überhaupt macht das Drumherum, das ja eine ganze Menge Raum einnimmt, eher wenig Spaß. Das liegt auch an der eher unschönen, lieblose Gestaltung. Und den - wie man es bei Fichte und Fischer ja leider gewöhnt ist - vagen, ungenauen Editionsrichtlinien. Der Titel müsste eigentlich auch anders heißen, das Zitat geht nämlich noch ein Wort weiter und heißt dann: "Ich beiße dich zum Abschied ganz zart / wohin." So steht es zumindest im entsprechenden Brief, war dem Verlag aber wohl zu heikel. Und das ist dann doch schade ...

Aber für uns ist ja nur das Unvorsichtige das richtige. (141)

außerdem gelesen:

  • T. E. Lawrence: Wüsten-Guerilla. Übersetzt von Florian Tremba. Herausgegeben von Reiner Niehoff. Berlin: blauwerke 2015 (= splitter 05/06). 98 Seiten. ISBN 9783945002056.
  • Björn Kuhligk: Ich habe den Tag zerschnitten. Riga: hochroth 2013. 26 Seiten. ISBN 97839934838309.
  • Christian Meierhofer: Georg Philipp Harsdörffer. Hannover: Wehrhahn 2014 (Meteore 15). 134 Seiten. ISBN 978-3-86525-418-4.
  • Edit #66
  • Mütze #12 & #13 (mit interessanten Gedichten von Kurt Aebli und Rainer René Mueller)

Wie hört man frei improvisierte Musik? John Corbett verrät es

livemusic (unsplash.com)Clem Onojeghuo

corbett, guide (cover)Der Listener's Guide von John Corbett ist eine tolle Einführung ins Hören von freier Improvisation - und natürlich auch in die Musik selbst. Das kleine Buch ist in drei große Teile gegliedert. Einer Einleitung folgen die (sehr konkreten) Grundlagen des Hörens frei improvisierter Musik, denen sich dann die fortgeschrittene Techniken (die oft recht abstrakt und stärker subjektiv als der Hauptteil bleiben) anschließen.

In den Grundlagen versucht Corbett - meines Erachtens ziemlich schlüssig und erfolgreich, aber ich bin ja nicht (mehr) ganz in der Zielgruppe - über verschiedene Aspekte der Musik und des Hörens einen Zugang zur improvisierten Musik zu schaffen. Dafür erklärt er die Besonderheit von Rhythmus und Dauer, geht der Frage nach, wer was macht und welche Interaktionen passieren sowie welche Übergänge und welche Strukturen sich beim Hören erkennen lassen. Für "Fortgeschrittene" geht es dann, wiederum in konzentrierten, übersichtlichen Kapiteln, um das gleichzeitige Sehen und Hören, um die Frage "live oder Aufnahme?", um die der freien Improvisation innewohnenden Geheimnisse genau wie um ihre Ambiguitäten und Unabgeschlossenheiten sowie in einem Abstecher auch um die "poly-free-music" - also Musik, die nur noch teilweise frei improvisiert ist, die zumindest zeitweise auf genaueren Absprachen oder Komposition beruht. Außerdem gibt es noch knappe Überlegungen zum Schlaf und anderen Ablenkungen während dem Musik hören (Corbett ist dem nicht abgeneigt, weil das periphere Hören neue Entdeckungen ermöglicht ...), zur Rolle des Publikums bei der Entstehung freier Musik und auch zur moralischen Überlegenheit dieser Musik - die Corbett klar verneint.

Das alles ist sehr direkt und prägnant geschrieben. Man merkt durchgängig, wie sehr der Autor vom Gegenstand und der Vermittlung der Freude an dieser Musik begeistert ist. Und mir gefielt der trockene Witz und die interessanten Metaphern, die Corbett findet:

Improvised music is like a balloon, it needs some tension to keep it taut; lose the tension, and the music farts around and falls limp on the floor. (65)
Listening to moment-form improvising is like surfing. (76f.)

Dabei ist das nicht musikologisch-akademisch, auch wenn sich erkennbar eine ziemlich genaue Kenntnis und große Vertrautheit mit der frei improvisierten Musik hinter dem Text verbirgt. Schon die Definition, was denn "Free Improvisation" überhaupt sei, ist sehr pragmatisch und durchaus typisch für Corbett: "Improvised music is music made using improvisation. Simple enough." (XII) Genau, was muss man mehr sagen? Zur Abgrenzung von anderen improvisierten Musiken fügt er noch hinzu, dass hier eben wirklich alle Fixierung fehlt, alle Absprache (die über äußerst Basales hinaus geht) unterbleibt und nur die Freiheit des Moments bleibt.

Verpackt ist das alles nicht als eine Erkundung der Musik selbst, sondern als eine Art Anleitung zum genussvollen Hören. Deshalb gibt es immer viele Hinweise und Tipps zum möglichst ergiebigen (nicht richtigen!) Hören (oder besser: zum Genießen der Freiheit in dieser Musik). Denn es geht ihm nicht um richtig oder falsch, um die wahre Musik und ihr einzig wahres Verständnis, sondern darum, Zugänge zu schaffen - und damit Begeisterung zu wecken: Begeisterung für die "Fremdheit" dieser Musik, also für eine Befreiung (von Beschränkungen), für das Schaffen von ungeahnten, großartigen, unzähligen Möglichkeiten. Viele der Möglichkeiten der Improvisierten Musik stecken für Corbett in der Interaktion. Sie ist für ihn ganz klar der Kern, das eigentliche feature der freien Improvisation. Und entsprechen stark auf diesen Prozess bezogen sind auch seine Hörtipps. Und deswegen ist er auch eher skeptisch gegenüber Soli (und großen Ensembles): "Improvisation is social music." (56)

Im Ganzen lernt man beim Lesen fast so viel wie beim Hören, Corbett gibt viele gute, fast großartige Ratschläge, die den interessierten Leser oder die Leserin mit einem Werkzeugsatz, einer Art Besteck zum Hören, Beschreiben und Analysieren der improvisierten Musik ausstatten und das Hören somit interessanter und ertragreicher machen.. Schön ist, dass er dabei - trotz des grundlegend analytischen Zugangs - in seinem emphatischen Werben für die Musik auch Platz für deren Geheimnisse. Und hervorzuheben ist auch, dass er immer wieder einräumt und klar macht, dass Freie Improvisationen nicht die bessere, beste oder einzig wahre Musik sind. Und dass sie auch nicht im ethischen Sinn besser sind oder besser machen. Mir scheint aber, dass er dabei auslässt, dass das Hören (bzw. das Goutieren) dieser Musik durchaus soziale/ethische Qualitäten fördert, die man (wenn man möchte - und ich tue das) durchaus bewerten und hochschätzen kann. Insbesondere das "Aushalten" (das ja mehr ein Wertschätzen als ein Tolerieren ist) von Freiheit, d.h. von Ungewissheit, das positive, erwartungsvolle Erfahren von Neuem, Unbekanntem ist schon, so meine ich, eine wertvolle Sache. Deshalb müssen free-improvisations-Anhängerinnen natürlich nicht zwangsläufig bessere Menschen sein - aber sie tendieren dazu, unter anderem offen für eine Gesellschaft zu sein, die sich (auch) verändert - zumindest ist das meine Erfahrung.

Ergänzt wird Corbetts Text übrigens noch um ein paar Listen - nämlich drei sehr kurze und damit sehr angreifbar konzentrierte Auflistungen den grundlegenden/wichigen Aufnahmen der freien Improvisation sowie einer zweiten Liste der „poly-free-music“ und schließlich dem Hinweis auf einige Bücher zum Thema. Und im Anhang findet sich noch eine deutlich ausführlichere Liste wichtiger/bekannter Musiker und Musikerinnen der Improvisations-Szene, die alle zusammen zugleich den Rest des Buches in einer angenehmen Weise vom namedropping entlasten. So macht nämlich nicht nur das Hören, sondern auch das Lesen Spaß. Vor allem, wenn man dazu die passende Musik hört - bei mir waren es Wadada Leo Smiths CDs "Kabell Years: 1971-1979".

Our duty, as listeners, is to be restlessly curious, to root around this big globe and dig up new things to fill our ears and minds. It’s more a matter of being inquisitive than of being eclectic. (162)

John Corbett: A Listener's Guide to Free Improvisation. Chicago, London: The University of Chicago Press 2016. 172 Seiten. ISBN 978-0-226-35380-7.

Geheimarmee von Improvisatoren

Das sind Erfah­run­gen und Hal­tun­gen, die ver­bin­den. Aus heu­ti­ger Sicht wür­de ich sagen, dass wir eine Geheim­ar­mee von Impro­vi­sa­to­ren waren, ver­schwo­ren, rebel­li­sch, unbe­irr­bar. Unse­re Mis­si­on war der Avant­gar­de-Jazz und Irè­ne [Schwei­zer] war an vor­ders­ter Front. Keith Tip­pett, in: Chris­ti­an Bro­ecking, Die­ses unbän­di­ge Gefühl der Frei­heit, 117

Ins Netz gegangen (8.1.)

Ins Netz gegan­gen am 8.1.:

  • Mein Kampf“: Wer hat Angst vor einem Buch? | Zeit – ich glau­be, nils mark­wardt text zur „mein kampf“-edition hat das poten­ti­al, der bes­te dazu zu wer­den – schon wegen dem beginn („Faschis­mus ist bewaff­ne­ter Pho­no­zen­tris­mus. Klingt komi­sch, ist aber so.“), aber auch wegen sät­zen wie

    Die Tat­sa­che, dass Hit­ler drin ist, wo Hit­ler drauf­steht, soll­te 2016 in Gui­do-Knopp-Coun­try ja eigent­li­ch kei­nen mehr über­ra­schen.

    oder

    Für alle ande­ren dürf­te die glei­cher­ma­ßen stump­fe wie mäan­dern­de Melan­ge aus Ras­sis­mus, Anti­se­mi­tis­mus und Impe­ria­lis­mus, die nur ansatz­wei­se den Ver­su­ch macht, so etwas wie eine Argu­men­ta­ti­on zu simu­lie­ren, kaum ver­füh­re­ri­sch wir­ken. Men­schen­hass zu pre­di­gen, das kriegt heu­te jede mit­tel­mä­ßig gemach­te Bro­schü­re von Rechts­ra­di­ka­len hin.

    oder dem schluss 

    Falls jemand die­ser Tage nun aber gar nicht ohne „Irgend­was-mit-Hit­ler“ aus­kom­men kann, dem sei viel­leicht ein­fach ans Herz gelegt, sich statt Mein Kampf einen der aus­ge­wie­se­nen Lieb­lings­fil­me von Hit­ler zu besor­gen: Walt Dis­neys Schnee­witt­chen und die Sie­ben Zwer­ge. Da hat auch die gan­ze Fami­lie was von. 

  • Nach­ruf: Frei­geist mit dem Ohr nach innen | taz – die taz reicht ihren nach­ruf von fran­zis­ka buh­re auf paul bley nach:

    Wohl des­halb hat Paul Bley eine Viel­zahl an Alben mit Solo-Impro­vi­sa­tio­nen ein­ge­spielt, sich dem eige­nen Frei­geist auf die­se Wei­se von Neu­em ver­ge­wis­sert. Aus dem beträcht­li­chen Reper­toire an Komposi­tio­nen sei­ner ers­ten Frau, der Pia­nis­tin Car­la Bley, schöpf­te er ein Leben lang, gemein­sam mit ihr und ande­ren expe­ri­men­tier­freu­di­gen Gleich­ge­sinn­ten, dar­un­ter die Saxo­fo­nis­ten Son­ny Rol­l­ins und Archie Shepp, die Pia­nisten Sun Ra und Cecil Tay­lor sowie die Trom­pe­ter Bill Dixon und Micha­el Mant­ler, hat­te er 1964 in New York die „Okto­ber­re­vo­lu­ti­on des Jazz“ ange­zet­telt und die Jazz Com­po­sers Guild gegrün­det.

  • Joa­chim Bes­sing: »2016 – The Year Punk Bro­ke« Tage­buch – joa­chim bes­sing hat ange­fan­gen, zu blog­gen (er nennt es tage­buch …), unter dem schö­nen titel „the year punk bro­ke“ – manch­mal etwas arg insi­de­ri­sch, aber das könn­te durch­aus span­nend wer­den …
  • Pier­re Bou­lez – Der Unru­he­stif­ter | Süd­deut­sche Zei­tung – rein­hard brem­be­ck hebt in sei­nem bou­lez-nach­ruf die his­to­ri­sche dimen­si­on von des­sen schaf­fen beson­ders her­vor.
  • Zum Tod des Diri­gen­ten Pier­re Bou­lez: Der Vor­kämp­fer der Moder­ne | NZZ – der gro­ße nach­ruf von peter hag­mann auf pier­re bou­lez

    Weg­wei­send und ein­fluss­reich, wie er war, hin­ter­lässt er ein Erbe von impo­san­ter Dimen­si­on.

    Mit Bou­lez‘ Tod geht die Moder­ne zu Ende – die Moder­ne im stren­gen Sinn. Ihr hat er sich ver­schrie­ben, als er 1944 in Paris Oli­vi­er Mes­sia­en begeg­ne­te. Und ihr ist er treu geblie­ben über alle restau­ra­ti­ven Bewe­gun­gen des spä­ten 20. Jahr­hun­derts hin­weg: in sei­nen Grund­auf­fas­sun­gen, im Reper­toire des­sen, was ihn inter­es­sier­te, in sei­nem Kom­po­nie­ren. Wie kein ande­rer Ver­tre­ter sei­ner Zunft reprä­sen­tier­te, ja leb­te er die Moder­ne – und hat er für sie gestrit­ten, bis­sig zunächst, in den rei­fe­ren Jah­ren mit güti­ger Hart­nä­ckig­keit.

  • Zum Tod des Jazz­pia­nis­ten Paul Bley: Spie­len mit dem Risi­ko | NZZ – ueli ber­nays schreibt in der nzz den nach­ruf auf den am sams­tag ver­stor­be­nen paul bley

Tanz mit dem Saxophon

Wie geil ist das denn: Eine ganz groß­ar­ti­ge Sol­o­per­for­man­ce von Mats Gustafs­son mit sei­nem Bari­ton­s­a­xo­phon (und zwi­schen­durch auch mit dem Sopran) in Rek­ja­vik gibt es auf YouTube zu sehen. Eines der bes­ten Sets, die ich in letz­ter Zeit in die Ohren und vor die Augen bekom­men habe. Und das Schau­en lohnt sich, beim Betrach­ten der Bewe­gung und der Arbeit im Moment des Ent­ste­hens die­ser groß­ar­ti­gen Musik erhält sie noch eine ganz ande­re Tie­fe. Das ist so – selbst in die­ser eher beschei­de­nen Auf­nah­me­qua­li­tät – schon beein­dru­ckend und fas­zi­nie­rend. Und aus Erfah­rung weiß ich, dass das live noch viel mit­rei­ßen­der und über­wäl­ti­gen­der sein kann. Die Ener­gie, die sol­che Momen­te frei­set­zen, ist es, die den Free Jazz immer wie­der so span­nend, berüh­rend und ein­fach groß­ar­tig machen – und so loh­nend! (Ich bin gera­de ein­fach ziem­li­ch begeis­tert …)

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