Lesen. Hören. Und ein bisschen schreiben.

Schlagwort: spd

Ins Netz gegangen (10.10.)

Ins Netz gegan­gen am 10.10.:

  • Fleu­ron → coo­le sache: eine daten­bank von orna­men­ten des buch­drucks des 18. jahrhunderts

    Fleu­ron is a data­ba­se of eigh­te­enth-cen­tu­ry prin­ters’ orna­ments. Eigh­te­enth-cen­tu­ry books were high­ly deco­ra­ted and deco­ra­ti­ve. Their pages were ador­ned with orna­ments that ran­ged from small flo­ral embel­lish­ments to lar­ge and intri­ca­te head- and tail­pie­ces, depic­ting all man­ner of peo­p­le, places, and things. Fleu­ron includes orna­ments cut by hand in blocks of wood or metal, as well as cast orna­ments, engra­vings, and fleu­rons (orna­men­tal typography).

    Prin­ters’ orna­ments are of inte­rest to his­to­ri­ans from many disci­pli­nes (learn more here), not least for their importance as examp­les of ear­ly gra­phic design and craft­sman­ship. The­se minia­tu­re works of art can help sol­ve the mys­te­ries of the book trade, and they can be used to detect pira­cy and fraud.

  • We Need to Save the Inter­net from the Inter­net of Things | Mother­board → bruce schnei­er über die sicher­heits­pro­ble­me, die – schon jetzt abseh- und spür­bar, in naher zukunft aber um ein viel­fa­ches poten­ziert – das „inter­net of things“ darstellt

    What this all means is that the IoT will remain inse­cu­re unless govern­ment steps in and fixes the pro­blem. When we have mar­ket fail­ures, govern­ment is the only solu­ti­on. The govern­ment could impo­se secu­ri­ty regu­la­ti­ons on IoT manu­fac­tu­r­ers, for­cing them to make their devices secu­re even though their cus­to­mers don’t care. They could impo­se lia­bi­li­ties on manufacturers

    we need to build an inter­net that is resi­li­ent against attacks like this. But that’s a long time coming.

  • „vor­wärts“ und nicht ver­ges­sen? | car­ta → klaus vater über den „vor­wärts“, mit inter­es­san­ten anekdoten
  • Was läuft: Musik war immer wich­tig | der Frei­tag → über die musik, die seri­en für die end-cre­dits benutzen …
  • Wei­ma­rer Repu­blik: Hat­te Wei­mar eine Chan­ce? | ZEIT ONLINE → die „zeit“ stellt zwei bewer­tun­gen der wei­ma­rer repu­blik gegen­über – von tim b. mül­ler und andre­as wir­sching. inter­es­sant die unter­schie­de (mül­ler wie­der­holt, was er seit zwei jah­ren auf allen kanä­len mit­teilt …), aber auch die gemein­sam­kei­ten. und viel­leicht soll­te man die bei­den ansätze/​bewertungen über­haupt gar nicht so sehr als gegen­sät­ze, son­dern als ergän­zun­gen betrachten …

Ins Netz gegangen (19.5.)

Ins Netz gegan­gen am 19.5.:

  • Euro­kri­se: „Es gibt kei­ne ein­deu­ti­gen Geg­ner“ | ZEIT ONLINE – joseph vogl im gespräch mit der „zeit“:

    Einer­seits hat es ein gewal­ti­ges Umver­tei­lungs­pro­gramm gege­ben, bei dem pri­va­te Schuld­ner – also vor allem die hoch ver­schul­de­ten Groß­ban­ken – mit­hil­fe öffent­li­cher Gel­der saniert wur­den. Ande­rer­seits hat man mit der Restau­ra­ti­on des Finanz­sys­tems auch das alte Schla­mas­sel der Zeit vor 2008 wie­der her­bei­fi­nan­ziert: Es herr­schen heu­te wie­der die glei­chen Risi­ko­la­gen, die glei­che Insta­bi­li­tät an den Finanz­märk­ten. Para­do­xer­wei­se ent­steht die­se neue Unsi­cher­heit eben genau durch die Maß­nah­men, also das Aus­schüt­ten von viel Geld, mit denen die Kri­se bekämpft wer­den soll­te. Was sich in die­ser Zeit hin­ge­gen tat­säch­lich ver­än­dert hat, ist die Art und Wei­se, wie wir regiert wer­den. […] Wir erle­ben also gera­de ein finanz­po­li­ti­sches Dou­ble­bind: Einer­seits gibt die herr­schen­de Dog­ma­tik vor, dass das Wirt­schafts­wachs­tum nur mit Inves­ti­tio­nen und neu­em bil­li­gem Geld zu errei­chen ist. Ande­rer­seits erhöht das glei­che bil­li­ge Geld die Risi­ko­an­fäl­lig­keit auf den Märk­ten. Die­ses Dilem­ma kenn­zeich­net also an einem Punkt ihre Macht und gleich­zei­tig ihre struk­tu­rel­le Ohnmacht.

    – er sagt noch eini­ges mehr, was das inter­view sehr lesens­wert macht. und sehr bezeich­nend ist, dass sol­che eigent­lich emi­nent öko­no­mi­schen (und poli­ti­schen) beob­ach­tun­gen gera­de ein kul­tur­wis­sen­schaft­ler machen muss – die „fach­leu­te“ schei­nen da (zumin­dest in der deut­schen öffent­lich­keit) kei­ne posi­ti­on und/​oder stim­me zu finden …

  • Wolf­gang Ull­rich: „Urhe­ber­rech­te für die sozia­len Netz­wer­ke gänz­lich sus­pen­die­ren“ – iRights​.info – der kunst­his­to­ri­ker wolf­gang ull­rich im inter­view mit irights über kunst, inter­net, jus­tiz, das urhe­ber­recht – und technoviking

    Das Urhe­ber­recht denkt auch in den sozia­len Netz­wer­ken viel zu sehr vom klas­si­schen Werk­be­griff her und nicht vom Ort, an dem etwas statt­fin­det. Und da sehe ich die Par­al­le­len zur Pro­ble­ma­tik in der Kunst. Wer etwas in die Social Media plat­ziert, gibt es frei – und die Welt kann damit machen, was sie will. Aber in den meis­ten Fäl­len macht die Welt gar nichts damit. Ab und zu pas­siert dann doch etwas, es ent­steht gar ein Mem.[…] Mei­ner Mei­nung nach hinkt bei etli­chen Urtei­len die Recht­spre­chung der Kunst­pra­xis um zwei bis drei Jahr­zehn­te hin­ter­her. Und das ist auch beim Tech­no­vi­king der Fall.

  • Wehr­macht: Die ver­ges­se­nen Sol­da­tin­nen | ZEIT ONLINE – die his­to­ri­ke­rin karen hage­mann erin­nert an die rol­le der frau­en im zwei­ten weltkrieg

    Nicht nur in der popu­lä­ren Erin­ne­rung wur­de das Aus­maß der mili­tä­ri­schen Kriegs­un­ter­stüt­zung von Frau­en lan­ge ver­ges­sen, selbst in der umfang­rei­chen Geschichts­schrei­bung zum Zwei­ten Welt­krieg wer­den Frau­en zumeist nur als Arbei­te­rin­nen in der Kriegs­in­dus­trie oder Kran­ken­schwes­tern por­trä­tiert. Dies ist um so bemer­kens­wer­ter, als wir heu­te auf fast drei­ßig Jah­re For­schung zum The­ma Geschlecht, Mili­tär und Krieg zurück­bli­cken kön­nen und die Ära der Welt­krie­ge zu den am bes­ten erforsch­ten Peri­oden über­haupt gehört. Die­ser Befund gilt nicht nur für die deut­sche, son­dern ähn­lich auch für die inter­na­tio­na­le Geschichts­wis­sen­schaft. Wie ist die Ver­drän­gung zu erklä­ren? War­um fällt es vie­len offen­bar noch heu­te so schwer, sich Frau­en als Sol­da­tin­nen vorzustellen?
    Ein Grund hier­für dürf­te die Bedeu­tung sein, die dem Recht, im Diens­te des Staa­tes oder einer ande­ren höhe­ren Macht Waf­fen tra­gen und töten zu dür­fen – oder im Kriegs­fall zu müs­sen – für die Mar­kie­rung der Geschlech­ter­dif­fe­ren­zen zukommt. Seit der Anti­ke ist die­ses Recht männ­lich kon­no­tiert. Die kom­ple­men­tä­re Rol­le der Frau­en bestand bis ins frü­he 20. Jahr­hun­dert hin­ein vor allem dar­in, Män­ner zum Kampf zu moti­vie­ren, Ver­wun­de­te zu pfle­gen und Gefal­le­ne zu betrau­ern. […]Teil der Demo­bi­li­sie­rung in der Nach­kriegs­zeit war in allen kriegs­be­tei­lig­ten Staa­ten eine Poli­tik, die die Vor­kriegs­ge­schlecht­er­ord­nung und damit die sozia­le Sta­bi­li­tät wie­der­her­stel­len soll­te. Frau­en wur­den aus den Armeen ent­las­sen und muss­ten ihre wäh­rend des Krie­ges ein­ge­nom­me­nen Arbeits­plät­ze in Indus­trie, Han­del und Ver­wal­tung für die heim­keh­ren­den Vete­ra­nen frei machen, die wie­der allei­ni­ge Fami­li­en­er­näh­rer wer­den soll­ten. Die 1950er Jah­ren mit ihrem Wirt­schafts­wun­der wur­den in West­deutsch­land und ande­ren Län­dern West­eu­ro­pas dank einer ent­spre­chen­den Fami­li­en­po­li­tik zum „gol­de­nen Zeit­al­ter“ des Modells der „Alleinverdiener-Hausfrau“-Familie.

  • Stra­di­va­ris Cel­lo: Oh, Mara! | ZEIT ONLINE – caro­lin pirich über eines der berühm­tes­ten cel­los aus der stra­di­va­ri-werk­statt und sei­nen momen­tan­ten besit­zer, chris­ti­an poltéra:

    „Das Mara zu spie­len ist wie mit der Stim­me eines ande­ren zu spre­chen“, sagt der neue Part­ner des Mara. „Das dau­ert ein, zwei Jah­re, bis es nach mir klingt.“

  • Social Media: Das Netz bist du! | ZEIT ONLINE – kili­an tro­tier por­trä­tiert den bri­ti­schen anthro­po­lo­gen dani­el mil­ler (und sei­ne for­schung), der welt­weit die nut­zung sozia­ler netz­wer­ke erforscht und schon mal eines fest­ge­stellt hat: die regio­na­len nut­zungs­un­ter­schie­de sind gewaltig.
  • Eine Lan­ze für blog­gen­de Stu­die­ren­de: Patrick Bah­ners zur Cau­sa Mün­k­ler-Watch | Redak­ti­ons­blog – patrick bah­ners legt dar, war­um es nicht ganz so abstrus, unver­schämt und ohne vor­bild ist, als blog­gen­de stu­die­ren­de mit einem kri­ti­schen blog anonym blei­ben zu wol­len. und macht neben­bei eine inter­es­san­te anmerkung:

    Hei­kel für Mün­k­ler ist, dass eini­ge der ihm zuge­schrie­be­nen Ein­las­sun­gen, die ihn in kei­nem guten Licht daste­hen las­sen, für Leu­te, die ihn ken­nen, einen nur all­zu glaub­wür­di­gen Sound haben.

  • Nach­ruf auf Odo Mar­quard – Mit Witz zum Den­ken anre­gen – ein Nach­ruf auf den Phi­lo­so­phen Odo Mar­quard beim deutschlandradio
  • Gewalt | Schma​len​stroer​.net – micha­el schma­len­stroer bringt auf den punkt, war­um man bei der dar­stel­lung von gewalt­tä­ti­gen momen­ten der geschich­te manch­mal sich einer sehr kras­sen spra­che (und/​oder bil­der) bedie­nen muss:

    Wenn Digi­tal­Past also bru­tal ist, dann beschwert euch bei euren Groß­el­tern. Weil die bru­tal waren.

  • Streik: Hur­ra, Deutsch­land liegt lahm | ZEIT ONLINE – sehr guter kom­men­tar zum strei­ken in deutschlnd, unter ande­rem mit die­sem schö­nen und lei­der so abso­lut zutref­fen­den satz: »Die SPD agiert momen­tan also unge­fähr so sozi­al­de­mo­kra­tisch wie Ayn Rand beim Restpostenverkauf.«
  • The Ope­ra Plat­form – schö­ne initiative:

    Die Opern­platt­form ist eine Part­ner­schaft zwi­schen Ope­ra Euro­pa, einem 155 Opern und Fest­spie­le umfas­sen­den Netz­werk, dem Kul­tur­sen­der ARTE und 15 Opern­häu­sern aus ganz Euro­pa. Sie wird vom Pro­gramm Krea­ti­ves Euro­pa der Euro­päi­schen Kom­mis­si­on unter­stützt und ist für alle Bei­trä­ge offen, die Oper einem brei­te­ren Publi­kum zugäng­lich machen wollen.

  • Bahn-Streik: Dan­ke, Claus Weselsky! – Aug­stein-Kolum­ne – SPIEGEL ONLINE – sehr rich­ti­ger kom­men­tar von jakob aug­stein zur rele­vanz des gdl-streiks & war­um die deut­schen der gdl dan­ken sollten

Ins Netz gegangen (10.3.)

Ins Netz gegan­gen am 10.3.:

  • Lie­be Raub­ko­pie­rer bei der SPD, | taz Haus­blog – Sebas­ti­an Hei­ser mahnt SPD-Grup­pie­run­gen ab, weil sie eines sei­ner Fotos nicht lizenz­ge­mäß verwandten:

    Nor­ma­ler­wei­se stört es mich nicht, wenn ande­re Leu­te mei­ne Tex­te oder Bil­der wei­ter­ver­brei­ten. Falls es mich doch mal stört, schrei­be ich eine freund­li­che E‑Mail oder grei­fe zum Tele­fon (außer bei Kai Diek­mann). Aber in die­sem Fall dach­te ich mir: War­um sol­len unter dem kaput­ten Urhe­ber­recht immer nur die Leu­te lei­den, die damit täg­lich arbei­ten müs­sen? Und nicht auch mal die, die dafür ver­ant­wor­lich sind?

  • Hubert Fich­te – Der schwar­ze Engel – (Nach­trag zur Erin­ne­rung an sei­nen Todes­tag am 8. März)
  • Sybil­le Lewitschar­off: Sybil­le Bergs Gedan­ken zur Skan­dal­re­de – SPIEGEL ONLINE – Sybil­le Bergs heu­ti­ge Kolum­ne könn­te man Satz für Satz zitie­ren – sie hat ein­fach Recht …

    Unver­ständ­lich jedoch: Was bringt schein­bar gesun­de, gut­si­tu­ier­te Men­schen dazu, unver­dros­sen über Din­ge zu reden, die sie nicht betref­fen, son­dern nur die Träg­heit ihres Geis­tes offen­ba­ren? Homo­pho­bie, Angst vor Rand­grup­pen und Ekel vor in Retor­ten gezeug­tem Leben sagen nur etwas über den Ver­stand der lal­len­den Kri­ti­ker aus. Sie sagen: Ich bin am Ende mit mei­ner Weis­heit. Ich will nicht den­ken, ich will mich nicht neu ori­en­tie­ren. Ich will kei­ne Welt, in der alle Men­schen gleich sind.

  • Jus­tiz: Bit­te ent­schul­di­gen Sie, Herr Edathy | ZEIT ONLINE – Tho­mas Fischer, Rich­ter am BGH, in der „Zeit“ über die Rol­le der Staats­an­walt­schaft im Straf­recht, ihre Ent­wick­lung und ihren gegen­wär­ti­gen Zustand – natür­lich aus aktu­el­lem Anlass:

    Man wagt es kaum zu sagen: Viel­leicht soll­te sich der Rechts­staat – jeden­falls vor­läu­fig, bis zum Beweis des Gegen­teils – bei dem Beschul­dig­ten Sebas­ti­an Edathy ein­fach ent­schul­di­gen. Er hat, nach allem, was wir wis­sen, nichts Ver­bo­te­nes getan. Viel­leicht soll­ten die­je­ni­gen, die ihn gar nicht schnell genug in die Höl­le schi­cken wol­len, vor­erst ein­mal die eige­nen Wichs­vor­la­gen zur Begut­ach­tung an die Pres­se über­sen­den. Viel­leicht soll­ten Staats­an­walt­schaf­ten weni­ger auf­ge­regt sein und sich ihrer Pflich­ten ent­sin­nen. Viel­leicht soll­ten Par­tei­po­li­ti­ker ihren durch nichts gerecht­fer­tig­ten herr­schaft­li­chen Zugriff auf den Staat min­dern. Viel­leicht soll­ten auf­ge­klär­te Bür­ger ernst­haft dar­über nach­den­ken, wo sie die Gren­ze zie­hen möch­ten zwi­schen Gut und Böse, zwi­schen dem Innen und Außen von Gedan­ken und Fan­ta­sien, zwi­schen lega­lem und ille­ga­lem Ver­hal­ten. Zwi­schen dem nack­ten Men­schen und einer „Poli­zey“, die alles von ihm weiß.

  • Ann Cot­ten im Inter­view: Die Abwei­chung beja­hen | Frank­fur­ter Rund­schau – Judith von Stern­burg spricht mit Ann Cotten

    Als ich ein­mal Orna­men­te gezeich­net habe, fiel mir auf, dass in mei­ner Struk­tur offen­bar etwas ange­legt ist, das die Abwei­chung immer bejaht. Ich ver­su­che, den abso­lut schö­nen Kreis, die gera­de Linie zu zeich­nen, aber mei­ne Fin­ger sind bis in die Spit­zen dar­auf trai­niert, die Abwei­chung gut­zu­hei­ßen. […] Ich glau­be, es wäre vor­ei­lig, sich damit zufrie­den zu geben, nicht per­fekt sein zu wol­len. Natür­lich kann ich nicht wie ein Com­pu­ter zeich­nen, aber die Bemü­hung dar­um macht etwas mit mir. Ich habe genug Cha­os in mir, um froh zu sein, wenn ich mich um kla­re For­men bemü­he. Ohne die Lie­be zur uner­reich­ba­ren Per­fek­ti­on, zu Gott, wie immer Sie es nen­nen wol­len, wäre Kunst auch nur so ein Kacken. Wenn man sich damit zufrie­den gibt, das Fleisch­li­che, Feh­ler­haf­te zu feiern. 

Aus-Lese #22

Nils Mink­mar: Der Zir­kus. Ein Jahr im Inners­ten der Poli­tik. Zwi­schen­be­richt. Frank­furt am Main: Fischer 2013. 220 Seiten.

Das vor­züg­li­che Buch von Nils Mink­mar ist – da darf man sich vom Unter­ti­tel nicht irre­füh­ren las­sen – kei­ne Repor­ta­ge im eigent­lich Sin­ne, und schon gar kei­ne, die uns über Poli­tik und Macht wirk­lich auf­klärt. Mink­mar ist näm­lich zual­ler­erst ein Meis­ter der Wahr­neh­mung, Beschrei­bung und Deu­tung von (poli­ti­schem) Han­deln als sym­bo­li­schen Han­deln: Er kann Zei­chen lesen – da ist er guter Kul­tur­wis­sen­schaft­ler. Und er kann es prä­zi­se (be-)schreiben. Dabei beschränkt er sich im Zir­kus aber nicht auf den Zei­chen­cha­rak­ter des von ihm beob­ach­te­ten Wahl­kampf von Peer Stein­brück und sei­nen Hand­lun­gen, son­dern ver­bin­det das mit poli­ti­scher Erdung. So tau­chen immer wie­der die Fra­gen nach der tat­säch­li­chen und media­len Macht der ver­schie­de­nen Akteu­re auf. Sehr gut gefal­len hat mir, wie er sei­nen kon­kre­ten Gegen­stand – Peer Stein­brück und sei­nen Wahl­kampf – in grö­ße­re Kom­ple­xe ein­bet­tet, etwa in Über­le­gun­gen zum Ver­trau­en in die/​der Poli­tik, zur psy­cho­lo­gi­schen Situa­ti­on der deut­schen Bevöl­ke­rung 2013, zu Post­de­mo­kra­tie und den Medien.

Aber immer wie­der ist auch Ver­zweif­lung zu spü­ren: Ver­zweif­lung, dass der Kan­di­dat, der so rich­tig und gut ist, an so vie­len eigent­lich bana­len und neben­säch­li­chen Din­gen schei­tert, dass so vie­les ein­fach nicht funk­tio­niert (bei ihm selbst, im Appa­rat, in der SPD, in den Medi­en …). Das wird manch­mal für mei­nen Geschmack etwas sug­ges­tiv. Des­halb fal­len vor allem die gantz kon­kre­ten Ana­ly­sen beson­ders posi­tiv auf: Wie Mink­mar das Wahl­pro­gramm und vor allem den Slo­gan der SPD („Das Wir ent­schei­det“) aus­ein­an­der­nimmt und deu­tet, das hat gro­ße Klasse. 

Immer wie­der treibt ihn bei sei­ner Beob­ach­tung des Wahl­kampfs vor allem das Ver­hält­nis von Kan­di­dat und Par­tei um: Stein­brück schil­dert er als klu­gen, sach­lich und nuan­ciert den­ken­den und argu­men­tie­ren­den Über­zeu­gungs­tä­ter, die Par­tei vor allem als unfä­hig, chao­tisch und unwil­lig. Unwil­lig­keit kommt beim Kan­di­da­ten in Mink­mars Beschrei­bung vor allem in einem Punkt auf: In der Wei­ge­rung, die Medi­en­ma­schi­ne bzw. ihr Sys­tem wirk­lich zu bedie­nen und zu benut­zen – was im Ver­ein mit der unfä­hi­gen PR der Par­tei zu den ent­spre­chen­den Kata­stro­phen führt.

Aber dann ist das Buch für sich auch ein biss­chen hilf­los: Das gan­ze ist, wenn man es so beschreibt, halt ein Zir­kus, da kann man nichts machen. Und wenn man, wie Stein­brück, nach eige­nen Regeln zu spie­len ver­sucht oder auf sei­nen bewähr­ten Stan­dards beharrt, schei­tert man eben und verliert …

Wolf­gang Schlen­ker: Dok­tor Zeit. Solo­thurn: rough­books 2012 (rough­book 020) 54 Seiten.

Ein klei­nes Erin­ne­rungs­buch an den 2011 ver­stor­be­nen Schlen­ker mit zwei Zyklen sei­ner Gedich­te. Auf­fäl­lig ist bei die­sen schnell ihre sug­ges­ti­ve Sprach-/Vers­me­lo­die mit den kur­zen Ver­sen. Die Spra­che wird hier prä­gnant durch Glas­klar­heit und efährt dadurch auch eine gewis­se Här­te. Immer wie­der greift Schlen­ker auf kur­ze Paar­ver­se zurück: Knapp­heit und Dich­te, star­ke Kon­zen­tra­ti­on auf Zustän­de und Ergeb­nis­se sind viel­leicht wesent­li­che Merk­ma­le sei­ner Lyrik. Nicht so sehr inter­es­sie­ren ihn dage­gen Pro­zes­se und Abläu­fe: Ver­ben sind des­halb gar nicht so bedeut­sam in die­sen Texte:

genau­ig­keit
als gäbe es
kei­ne gren­zen (sankt nun, 49)

Schlen­kers Lyrik, die hier immer wie­der um das Pro­blem der Frei­heit kreist („gut wäre auch frei­er wil­le“ (15)), ent­wi­ckelt dabei so etwas wie eine Topo­gra­phie des Den­kens mit Orten der Reflek­ti­on und der Selbst­ver­ge­wis­se­rung. Wege, Pfa­de etc. spie­len hier eine beson­de­re Rol­le. Vor allem aber schafft sie es, durch ihre poin­tier­ten Erkennt­nis­se dabei sehr „schlau“ zu wirken:

die zeit ist nun linear
wie ein fadenkreuz 

ich weiß du bist da
bevor ich glau­be wer ich bin. (4)

Deut­lich wird das auch in dem wun­der­ba­ren „Lich­tung“ (8), für mich wohl das bes­te die­ser Gedichte:

als ich eini­ge glaubenssätze
zum ers­ten mal
laut nach­spre­chen konnte
hör­te ich den donner
in der leitung
leg­te auf
und wähl­te neu 

Moni­ka Rinck: Hasen­hass. Eine Fibel in 47 Bil­dern. Ostheim/​Rhön: Peter Engst­ler 2013. 40 Seiten.
Hasenhass - der Umschlag

Hasen­hass – der Umschlag

Ein befremd­li­ches und erhei­tern­des Buch: Moni­ka Rinck treibt sich schrei­bend und zeich­nend in einer Phan­ta­sie­welt her­um, in der Hasen­hass ein geweis­se Rol­le spielt, in der Haydn zwi­schen Dis­ko-Kugel und Schei­ben­qual­le dis­ku­tiert wird und ähn­lich Unge­heu­er­lich­kei­ten geheu­er sind. Das sind kur­ze Ver­su­che in & mit Sprach- und Denk­be­we­gun­gen, dazu noch sku­ri­le Zeich­nun­gen in und um die Wit­ze her­um – viel­leicht kann man das auch als dozie­ren­de Sprach­spie­le lesen, die asso­zia­tiv ver­ket­tet und mäan­dernd über das Nichts, die Lee­re und ande­re Abwe­sen­hei­ten nach­den­ken („unschö­ne Über­le­gun­gen zur Pra­xis des Nicht­ens“ (9)) und als eine „Reform der See­len­gram­ma­tik“ (14) erhei­tern. „Die Din­ge ver­wan­deln sich, die Bezie­hun­gen blei­ben bestehen.“ (37) heißt es im kur­zen „Nach­trag“. Und so ver­wan­deln sich auch Text und Zeich­nung, Wort und Bild in die­ser Fibel:

Der Wind der Apo­ka­lyp­se weht durch das kaput­te Gedächt­nis. Und wie­der tref­fen wir auf ein Ver­hält­nis von tau­meln­der Äqui­va­lenz. (7)

Der gemeins­te Witz ver­steckt sich übri­gens auf der letz­ten Sei­te, im Impres­sum – und ich bin mir immer noch nicht sicher, ob das ein Witz sein soll oder nur ein bana­ler Feh­ler ist – nach der Lek­tü­re sol­cher Tex­te sucht (und fin­det) man eben über­all Sinn ;-):

Hinrichtung

Hin­rich­tung

Ins Netz gegangen (24.6.)

Ins Netz gegan­gen (24.6.):

  • Inter­net-Über­wa­chung – Tou­ris­ten als unhy­gie­ni­sche Ter­ror­ver­däch­ti­ge – Süddeutsche.de – Jörg Häntzschel über die unmä­ßi­ge Angst vor dem Ter­ro­ris­mus und die Fol­gen für uns alle …

    Ver­führt von der Macht, die die gehei­men Über­wa­chungs­ap­pa­ra­te ihm ver­lei­hen, und vol­ler Angst, dass man ihm Ver­harm­lo­sung vor­wer­fen könn­te, wenn es doch ein­mal zu einem Anschlag kom­men soll­te, zwingt ihn die von ihm selbst ange­fach­te Ter­ror­angst dazu, sie wei­ter zu schüren.
    Spä­tes­tens in die­sem Moment, wo Tou­ris­ten und Geschäfts­leu­ten wie unhy­gie­ni­sche Ver­däch­ti­ge behan­delt wer­den, soll­te auf­fal­len, dass die Ter­ror­hys­te­rie nicht dem aus Hol­ly­wood bekann­ten Mus­ter Wir gegen die Ande­ren folgt. Die Ter­ror­angst taugt nicht zur Selbst­ver­si­che­rung, sie stellt bis hin­auf zum Prä­si­den­ten alle unter Verdacht.

  • Peer Stein­brück: Trä­nen lügen nicht – FAZ – Vol­ker Zas­trow, einer der bes­ten Autoren der FAZ, zeigt das „Pro­blem“ des Kanz­ler­kan­di­da­ten Peer Stein­brück in vol­ler Schärfe:

    Er war noch gar nicht in der Küche, wie man immer dach­te. Jeden­falls nicht am Herd, nicht in der stärks­ten Hit­ze. Einen Wahl­kampf zu ver­lie­ren, bedeu­tet nicht nur das Abwra­cken eines Anspruchs, son­dern auch die Dekon­struk­ti­on der Per­son – jeden­falls ihrer sozia­len Scha­le, jener dün­nen Schicht zwi­schen dem Ich und den Ande­ren, in der über­ein­stimmt, wie jemand gese­hen wird und wie er gese­hen wer­den will. Auf dem Par­tei­kon­vent soll­te sie wie­der­her­ge­stellt, es soll­te gezeigt wer­den, dass Stein­brück ganz anders ist, als er jetzt scheint. Man woll­te ihn „als Mensch“ vor­stel­len. Angeb­lich ist sein gan­zes Pro­blem, dass er nur noch als knor­ri­ger, kan­ti­ger, kau­zi­ger, kot­zen­der Kerl dar­ge­stellt und wahr­ge­nom­men wird.

  • Mög­li­ches Büch­ner-Por­trät: Pira­ten­be­ra­tung – FAZ – „Büch­ner, ein sin­gen­der Pirat?“ – über das kürz­lich auf­ge­fun­de­ne Por­trät, das August Hoff­mann 1833 gezeich­net hat – und das viel­leicht Georg Büch­ner zeigt oder auch nicht …

Ins Netz gegangen (19.6.)

Ins Netz gegan­gen (17.6.–19.6.):

  • Die Jour­na­lis­mus-Kata­stro­phe | Dr. Mut­ti – Die Jour­na­lis­mus-Kata­stro­phe (via Published articles)
  • Mus­ter­er­ken­nung: Für Algo­rith­men ist jeder ver­däch­tig | ZEIT ONLINE – Kai Bier­mann ord­net das Pro­blem von Über­wa­chungs­me­cha­nis­men wie Prism in der „Zeit“ rich­tig ein:

    Wer nichts zu ver­ber­gen hat, hat nichts zu befürch­ten? Nein, das ist eine Lüge. Denn weil die zugrun­de lie­gen­den Hand­lun­gen so all­täg­lich und die dar­aus gewo­be­nen Mus­ter so kom­plex sind, kann sich nie­mand die­ser Ras­te­rung ent­zie­hen. Es ist unmög­lich, bewusst fried­lich zu leben, um dem Staat und sei­ner Neu­gier aus dem Weg zu gehen. An sich harm­lo­se Ver­hal­tens­wei­sen kön­nen genü­gen, um über­wacht und ver­folgt zu wer­den. Es reicht, ähn­li­che Din­ge getan zu haben, wie ein Verbrecher. 

  • Jour­na­lis­ten in Ber­lin – Du kommst hier nicht rein – Süddeutsche.de – Ein selt­sa­mer Text von Ruth Schnee­ber­ger – irgend­wie beschwert sie sich, dass die Pro­mis auf Par­tys nicht mit den Jour­na­lis­ten reden wol­len – und scheint das schlimm zu fin­den, weil das doch irgend­wie das Recht der Jour­na­lis­ten ist … Aber die „schö­nen“ Bil­der nut­zen die Medi­en dann doch gerne …

    Der Trend in der Ber­li­ner Blitz­licht­sze­ne geht zur VIP-VIP-Par­ty. Gast­ge­ber laden zu illus­tren Ver­an­stal­tun­gen, doch die wirk­lich wich­ti­gen Gäs­te wer­den irgend­wann separiert.

  • Adress­comp­toir: FWF-E-Book-Libra­ry: Ein exqui­si­tes Ange­bot im Ver­bor­ge­nen – FWF-E-Book-Libra­ry: Ein exqui­si­tes Ange­bot im Ver­bor­ge­nen (via Published articles)
  • Wochen­ge­dicht #62: Elke Erb |  Tages­Wo­che  – Rudolf Buss­mann kom­men­tiert das Wochen­ge­dicht in der Tages­wo­che, „Fol­gen“ von Elke Erb:

    Die Schluss­zei­le wäre dann als die leicht iro­ni­sche Erkennt­nis zu lesen, dass sich die Angst ver­selb­stän­digt hat und ohne kla­re Moti­ve ein­fach hin­ten­nach trot­tet – Spät­fol­ge weit zurück­lie­gen­der, im Dun­kel blei­ben­der Ursachen.

  • Für die­sen Text bin ich aus der SPD aus­ge­tre­ten « Mich­a­lis Pan­te­lou­ris – Für die­sen Text bin ich aus der SPD aus­ge­tre­ten (via Published articles)

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