Die Idee trieb mich schon län­ger um: Wäre es nicht mög­lich, von Regens­burg in die Hei­mat, also nach Erbach im Oden­wald, an einem Tag mit dem Fahr­rad zu fah­ren? Ers­te Test mit Komoot und BRou­ter erga­ben: Das sind unge­fähr 300 Kilo­me­ter. Das soll­te doch mach­bar sein! Mei­ne längs­te Tages­stre­cke bis­her war 240 Kilo­me­ter lang – und von da bis 300 Kilo­me­ter sind es ja nur noch ein Katzensprung …

Also habe ich das mal ins Auge gefasst und ange­fan­gen, eine Rou­te aus­zu­ar­bei­ten. Wie bei lan­gen Stre­cken­tou­ren habe ich die Rou­te zunächst mit Bik­e­rou­ter (also BRou­ter-Web) erstellt (mit dem Renn­rad­pro­fil für mini­ma­len Ver­kehr, das hat mir bis­her immer gute Diens­te geleis­tet) und den Track danach in Komoot noch mini­mal bear­bei­tet. Vor allem bei den Orts­durch­fahr­ten, gera­de bei Dör­fern und klei­nen Städ­ten, macht BRou­ter oft etwas unnö­ti­ge Umwe­ge über Sei­ten-/Wohn­stra­ßen, wo ich die direk­te­re Durch­fahrt bevor­zu­ge. Aber viel habe ich nicht geän­dert, bevor die Stre­cke auf mei­nen Gar­min kam. Am Tag zuvor hat­te ich die groß­ar­ti­ge Idee, noch ein­mal alles zu upda­ten – und da hat Gar­min Express wohl Mist gemacht, denn trotz Erfolgs­mel­dung hat­te ich am nächs­ten Tag ein­fach über­haupt kei­ne Kar­te auf dem Gerät (abge­se­hen von der Base­map, die ja über­haupt nicht hilft für irgend­et­was). Das merk­te ich aber natür­lich erst, als ich unter­wegs war – und dann war es zu spät. Also fuhr ich den gan­zen Tag nur mit Brot­kru­men­na­vi­ga­ti­on. Das ging aber übeer­ra­schend gut: Klar, mit Kar­te ist es ange­neh­mer, vor allem an unüber­sicht­li­chen Stel­len und ver­zwick­ten Abzwei­gen. Aber mit nur weni­gen Fehl­in­ter­pre­ta­tio­nen, bei denen mich der Gar­min ja schnell auf die Stre­cken­ab­wei­chung hin­wies, habe ich den Weg auch so gut gefunden.

Dann war nur noch ein geeig­ne­ter Ter­min zu fin­den … Das es im Juni/​Juli sein soll­te, war schnell klar – ich brau­che ja einen lan­gen, hel­len Tag für so eine lan­ge Tour, um mög­lichst wenig mit Licht fah­ren zu müs­sen. Und ein Sams­tag soll­te es wer­den: Da erwar­te­te ich etwas weni­ger Ver­kehr, aber die Läden sind den­noch offen und bie­ten mir ein­fa­che Mög­lich­keit, mich unter­wegs (nach) zu ver­sor­gen, so dass ich nicht immer auf Fried­hö­fe aus­wei­chen muss.

Da ich ja „heim“ fuhr, woll­te ich mit mini­ma­lem Gepäck fah­ren und habe Klei­dung für die nächs­ten Tage per Post vor­aus­ge­schickt. So hat­te ich am Rad nur die klei­ne Sat­tel­ta­sche und eine Ober­rohr­ta­sche für zusätz­li­che Rie­gel und eine Power­bank, denn mein Gar­min (Edge 520 Plus) hält auf kei­nen Fall so lan­ge durch, ich brau­che also Strom, um unter­wegs nach­la­den zu kön­nen. Außer­dem habe ich das Varia-Rück­licht (das ich ja vor allem wegen des Radars habe) um ein klei­ne­res, star­kes Rück­licht ergänzt und ein Front­schein­wer­fer ergänzt, der unten an der Com­pu­ter­hal­tung zum Hän­gen kam.

In gewohn­ter und erprob­ter Manier habe ich dann zwei 0,75-Liter-Flaschen im Rah­men gehabt und eine zusätz­li­che Was­ser­fla­sche glei­cher Grö­ße im Tri­kot. Das Tri­kot trug außer­dem eini­ge Cliff-Bars und zusätz­lich noch etwas Gel-Vor­rat (Ham­mer­gels und Sankt Bern­hard Liquid Ener­gie Pur in den etwas gewöh­nungs­be­dürf­ti­gen Tuben).

Dann ging es also los: Der Wecker klin­gel­te um 4 Uhr, ein kur­zes Früh­stück und ein Becher Tee soll­ten schon noch sein. Die Abfahrt war dann doch erst um 4.45 Uhr und nicht wie ange­peilt 15 Minu­ten frü­her. Das war aber früh genug … Und noch rich­tig frisch drau­ßen, in kur­zer Bib und kur­zem Tri­kot. Auf den ers­ten Kilo­me­tern war ich erst ein­mal allein, nur an der Eisen­bahn­brü­cke Sin­zig arbei­te­te die Nacht­schicht an der Bau­stel­len­ein­rich­tung. Die Rou­ter führ­te mich zunächst ent­spannt von Regens­burg an der Naab ent­lang nach Etterz­hau­sen. Da ging es dann das ers­te Mal spür­bar berg­auf, in Rich­tung Undorf aus dem Naab­tal her­aus und hin­über in das Tal der Laaber. Da blieb ich aber auch nicht lang, son­dern mach­te mich auf in Rich­tung Hemau über Hohen­scham­bach. Da oben, auf der Ebe­ne, wur­de es dann ruck­ar­tig wär­mer: Die Son­ne kam über den Hori­zont und fing an, spür­bar zu wär­men. Vom Son­nen­auf­gang bekam ich aller­dings kaum etwas mit, die Son­ne war ja in mei­nem Rücken, denn mei­ne Rou­te führ­te mich ja nach Wes­ten und Nordwesten.

So peda­lier­te ich also durch die Ober­pfalz, die Orte wach­ten lang­sam auf … Und schon war es Zeit für mei­ne ers­te Pau­se. Mein Plan war, unge­fähr alle 50 Kilo­me­ter eine kur­ze Pau­se ein­zu­le­gen, wenn es sich anbot – um kurz zu ent­span­nen und den Gar­min nach­zu­la­den. Das hat genau ein­mal geklappt, beim ers­ten Mal – die zwei­te Pau­se war dann schon etwas ver­spä­tet, bei etwa 120 Kilo­me­ter. Und danach habe ich den Plan ganz auf­ge­ge­ben und eher nach Gefühl pau­siert. Also dann, wenn es mir zweck­dien­lich erschien oder wenn ich Nach­schub brauch­te. Das hat natür­lich zu ungleich­mä­ßi­gen Pau­sen geführt. Aber sei’s drum, es zwingt mich ja kei­ner zu irgend etwas. Na gut, ich mich selbst. Denn sobald ich wirk­lich unter­wegs war, gab es kaum mehr ein Zurück: Ein Abbre­chen wur­de zuneh­mend schwie­rig, je län­ger ich unter­wegs war. Gut, ich kam am Rand von Nürn­berg vor­bei, da hät­te ich auch zum Bahn­hof fah­ren kön­nen. Aber spä­ter wur­de das zuneh­mend unrea­lis­ti­scher bis unmög­lich, weil kei­ne mach­ba­ren Ver­bin­dun­gen, weder zurück zum Start noch zum Ziel, mehr an der Stre­cke erreich­bar waren. Ich war mir also selbst aus­ge­lie­fert … Zunächst hat­te ich ja auch durch­aus Zwei­fel, ob das so alles klap­pen wür­de: Die Stre­cke selbst war ja län­ger als alles, was ich bis dahin gefah­ren bin. Und kurz vor Schluss kam noch der längs­te und höchs­te Anstieg, der sich lei­der abso­lut nicht anders pla­nen ließ, irgend­wie muss­te ich ja in den Oden­wald und ins Müm­ling­tal gelan­gen. Aber irgend­wann am Nach­mit­tag ver­schwan­den die Zwei­fel zuneh­mend, gera­de jen­seits der 200-Kilo­me­ter-Mar­ke wur­de all­mäh­lich klar: Das bekom­me ich irgend­wie schon hin. Und so war es ja dann auch …

Aber so weit war ich noch nicht. Zunächst ging es wei­ter ein wenig auf und ab, ich kam gut vor­an. Zwi­schen­durch wur­de es merk­lich wär­mer – in zwei Schü­ben gegen 11 Uhr und am Nach­mit­tag, gegen 15 Uhr schien die Tem­pe­ra­tur jeweils zu sprin­gen. Aber trotz Wer­ten um 30 °C war das noch gut aus­zu­hal­ten. Nur war ich recht viel – mehr als ich erwar­te­te – in der direk­ten Son­ne unterwegs.

Zwi­schen­zeit­lich fin­gen die Rad­hand­schu­he an zu ner­ven. Nun, da ich unter­wegs war, erin­ner­te ich mich, war­um ich doch immer wie­der bevor­zugt die alten, fast aus­ein­an­der­fal­len­den benutz­te. Denn die neue­ren Exem­pla­re von Rose haben die unan­ge­neh­me Eigen­schaft, anch eini­gen Stun­den Tra­ge­zeit sich in die Zwi­schen­räu­me der Fin­ge förm­lich hin­ein­zu­fres­sen. Und zwar so, dass das durch­aus weh tut. Also bin ich über wei­te Stre­cken ab spä­ten Vor­mit­tag ohne Hand­schu­he gefah­ren. Zum Glück hat­te ich kurz vor der Tour das Len­ker­band neu gewi­ckelt. Mit dem alten, schon fast aus­ein­an­der­fal­len­den Exem­plar, wäre das nicht so ange­nehm gewe­sen. Den­noch, die Hän­de und, nicht ganz so stark, die Füße wur­den im Lau­fe der Zeit die größ­ten Schmerz­punk­te. Die Hän­de müs­sen ja viel Gewicht abstüt­zen, dass sind sie nicht so aus­dau­ernd gewöhnt. Und die Füße waren Stun­de um Stun­de in den Rad­schu­hen ein­ge­sperrt. Mit ein wenig Locke­run­gen in den Pau­sen ging das dann noch. Immer­hin mach­te mein Hin­tern mir kei­ne Pro­ble­me. Die gute und bewähr­te Me-Hose von Ever­ve sorg­te da für unpro­ble­ma­ti­sches lan­ges Sit­zen im Sattel.

Nach­mit­tags hat­te ich dann zuneh­mend und für län­ge­re Zeit Gegen­wind, meist schräg von links vor­ne. Das kam mir vor, als wür­de es gar nicht auf­hö­ren … Natür­lich war ich zu dem Zeit­punkt auch alles ande­re als frisch. Die Sprit­zig­keit und die ech­te Kraft für den Druck auf den Peda­len war sowie­so schnell weg. Ich hat­te mir im Wis­sen um die lan­ge Stre­cke vor­ge­nom­men, so lan­ge wie mög­lich mit eher mäßi­ger Kraft zu fah­ren und gera­de klei­ne­re Stei­gun­gen und Wel­len nicht ein­fach mit hohem Kraft­ein­satz weg­zu­drü­cken, son­dern bewusst her­un­ter­zu­schal­ten und die Ver­lang­sa­mung in Kauf zu neh­men. Das hat auch anschei­nend gut geklappt, denn auch nach­mit­tags und in den Abend­stun­den konn­te ich noch pro­blem­los peda­lie­ren. Ergän­zend hat­te ich immer einen Blick auf den Puls, um den nach Mög­lich­keit gar nicht erst in die obe­ren Berei­che zu trei­ben. Erfah­rungs­ge­mäß dau­ert es dann näm­lich, gera­de bei gro­ßer Wär­me, doch recht lan­ge, bis der wie­der her­un­ter geht. Das hat sicher­lich auch gehol­fen, die lan­ge Stre­cke gut durchzustehen.

So führ­te mich also mein Weg, von Regens­burg durch die Ober­pfalz vor­bei an Pars­berg und Neu­markt (wo ich mich beim Ein­gang zum Fir­men­ge­län­de von Max Bögl kurz ein wenig ver­hed­der­te) in den Süden Nürn­bergs. Die eigent­lich Stadt konn­te ich ver­mei­den, aber die Außen­be­zir­ke und dann vor allem der Hafen und das umge­ben­de Gebiet mit den mit­tel­mä­ßi­gen Rad­we­gen haben mir schon gereicht. Von Nürn­berg aus ging es west­wärts durch die Fel­der und Wie­sen, knapp an Bad Winds­heim vor­bei über die Mili­tär­stra­ßen bei dem ame­ri­ka­ni­schen Stütz­punkt in Ille­sheim nach Uffen­heim. Dort nutz­te ich die Gele­gen­heit für einen kur­zen Zwi­schen­stopp im Super­markt, frisch­te mei­ne Was­ser­vor­rä­te auf und gönn­te mir ein Eis ;-)

Wei­ter ging es durch eine Bau­stel­le (zum Glück waren die Bür­ger­stei­ge, im Gegen­satz zu der Stra­ße in Goll­ho­fen, nicht auf­ge­ris­sen) in leich­ten Bögen oder Zick-Zack-Wen­dun­gen nach Nord­wes­ten. Bei Son­der­ho­fen fiel die 200-Kilo­me­ter-Mar­ke, der Wind nerv­te so lang­sam. So gelang­te ich schon bald ins Tau­ber­tal und schlich mich an Tau­ber­bi­schofs­heim vor­bei. Die­ses Mal hat­te ich mei­ne Rou­te über König­heim und Schwein­berg geplant – aus dem Tau­ber­tal wie­der her­aus­zu­kom­men, ist immer mit gewis­sen Anstren­gun­gen ver­bun­den ;-) So auch hier, obwohl das die bes­se­re Vari­an­te schien. Denn der Anstieg ist lan­ge recht kon­stant in einer annehm­ba­ren Stei­gung, nur gegen Ende wird das mal (aber auch nur ver­hält­nis­mä­ßig kurz) deut­lich steiler.

Jetzt stieß ich auch wie­der in bekann­te Gefil­de vor. Zwi­schen Nürn­ber und Tau­ber­bi­schofs­heim bin ich ziem­lich ori­en­tie­rungs­los, auch wenn ich Tei­le der Rou­te von frü­he­ren Fahr­ten immer­hin wie­der erkann­te. Spä­tes­tens ab Hard­heim – wo ich noch ein­mal einen schnel­len Ein­kaufs­stopp ein­leg­te – hät­te ich aber auch ohne Gar­min nach Hau­se gefun­den. Dabei führ­te mich mei­ne Rou­te von Hard­heim zunächst über das Erftal nach Mil­ten­berg. Das war, gera­de jetzt, nach knapp 260 Kilo­me­tern, ein Traum: Kon­stant in leich­tem Gefäl­le auf guter Stra­ße mit wenig Ver­kehr berg­ab. Da konn­te ich tat­säch­lich mal mei­nen Schnitt etwas hoch­trei­ben. Die Rou­te über Mil­ten­berg ist zwar nicht der direk­tes­te Weg nach Amorbach,aber die Alter­na­ti­ve über Wall­dürn hat einer­seits mehr Stei­gung und ande­rer­seits vor allem deut­lich mehr Verkehr.

In Mil­ten­berg selbst muss­te ich mich dann dum­mer­wei­se mit­ten durch die Alt­stadt (und Kopf­stein­pflas­ter!) quä­len, weil die Main­stra­ße wegen Volks­fest gesperrt war. Aber auch das ging vor­über und ich war wie­der auf dem Weg Rich­tung Amor­bach. Kurz vor Amor­bach ging es dann auf die B47 und – nach einer kur­zen Ver­pfle­gungs­pau­se – hin­auf in die größ­te Stei­gung des Tages. Die ließ sich aber erwar­tungs­ge­mäß so gut fah­ren, wie ich das auf­grund der Daten erwar­te­te: Die Stei­gung ist zwar über meh­re­re Kilo­me­ter kon­stant, aber recht gleich­mä­ßig und nicht zu extrem. Mit 9–10 km/​h ließ sich das noch alles schön gemäch­lich und gleich­mä­ßig durch­ge­hend im sel­ben Gang peda­lie­rend bewäl­ti­gen. Die Autos waren auch gar nicht so schlimm, nur ein paar Motor­rad­spin­ner nerv­ten bei der ein­setz­ten­den Dun­kel­heit mit extrem dich­ten Über­ho­len und aus­ge­prägt über­höh­ten Geschwin­dig­kei­ten. Über­haupt waren die aller­meis­ten Autofahrer*innen zumin­dest bemüht, aus­rei­chend Abstand ein­zu­hal­ten – nur weni­ge haben das deut­lich unterschritten.

Irgend­wann – genau­er gesagt, nach einer knap­pen Drei­vier­tel­stun­de, war dann die Höhe von Box­brunn erreicht. Nach einer letz­ten Pau­se am Wald­rand ging es dann in den letz­ten Abschnitt. Zunächst auf der Höhe nach Eul­bach und dann geschwind hin­un­ter nach Erbach. Zum Glück war zu die­ser Uhr­zeit sehr wenig Ver­kehr, da konn­te ich wun­der­bar mei­ne Geschwin­dig­keit fah­ren. Nur ein paar weni­ge Autos kamen mir ent­ge­gen – die dach­ten sicher, da ist ein ganz schö­ner Spin­ner unter­wegs, im Dun­keln mit dem Renn­rad auf die­ser Stre­cke … Aber der Front­schein­we­fer hat sich hier gut bewährt, auch bei über 60 km/​h war das hell genug aus­gegleuch­tet. Der letz­te Kilo­me­ter in Befrie­di­gung über die voll­brach­te Tat kei­nen Abbruch mehr tun.

Die Daten:

  • 307 Kilo­me­ter
  • +2.047/-2.162 Höhen­me­ter (Gar­min hat mehr, ca. 2.400 m Anstieg)
  • 13:27:50 gefah­re­ne Zeit
  • 17:46:59 ver­stri­che­ne Zeit (also mit Pau­sen – das macht sich, obwohl ich die auf 15–20 Minu­ten beschränk­te, doch sehr bemerkbar …)
  • 3 Bun­des­län­der ;-)

Die Stre­cke:

Gefahrene Strecke von Regensburg nach Erbach, eingefärbt in gefahrener Geschwindigkeit
Gefah­re­ne Stre­cke von Regens­burg nach Erbach