Lesen. Hören. Und ein bisschen schreiben.

nachsommer

die letz­ten war­men tage im sep­tem­ber. noch ist die son­ne nicht
über die höhen und eine dun­kel­heit streicht um die fens­ter, als ob
sie sie zu sich nach drau­ßen rie­fe: weni­ge lau­te, kei­ne vögel.

die blau­en fer­nen der schwä­bi­schen alb. es rauscht der traum
ver­wir­rend aus der tie­fe. im ers­ten mor­gen­licht die könig­stra­ße lang
und hoch zum markt, zum schwar­zen tor, vor­bei am kapu­zi­ner und

der gäns­brun­nen­gas­se, und erst am hoch­turm ruht sie auf der bank
wo sich schon ein­ge­färb­te blät­ter um die schu­he ran­ken. und
stil­le, wecke nicht, es war, als schlie­fe in der hoch­turm­gas­se noch

der geist der stadt. im kon­fek­ti­ons­haus bal­le steht die stun­de still.
geht dort ein mäd­chen durch die wald­tor­stra­ße, vor­bei am schild
von vik­tor hezin­ger fla­sch­ner, vor­bei am pflug­bräu, alte post, und

nur der grü­ne heiß­luft­bal­lon grüßt, als schwe­be er nie­mals davon.
sie schlägt den weg zjm müns­ter ein. kurz vor lau­des, kei­ne stim­men
hat sie die orgel ganz für sich allein und kann kein kreuz im mor­gen

schla­gen, aber das lech­ten­de rot der gewän­der strahlt von den
hohen kir­chen­fens­tern und schiebt sie in die lorenz­gas­se vor
zur kapel­le an die neckar­schlei­fe und weckt den lei­sen strom

von zau­ber­klän­gen, als ob die blei­chen und die müh­len sän­gen
rings von der alten schö­nen zeit. vom via­dukt ein kur­zer blick.
die letz­ten war­men tage im sep­tem­ber. es rauscht der traum

ver­wir­rend aus der tie­fe und von den vögeln tönt jetzt ein gesang
im ers­ten mor­gen­licht die könig­stra­ße lang: es ist, als ob die son­ne
sie aus ihrem innern rie­fe. sie kehrt ins zim­mer unterm dach zurück. 

Nad­ja Küchen­meis­ter (in: Unter dem Wachol­der. Frank­furt am Main: Schöff­ling 2020, S. 91.)

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    Bleibt immer wie­der fas­zi­nie­rend, wie Küchen­meis­ter die Stadt mit ihren Details ein­fängt. Die­se ruhi­gen Momen­te zwi­schen den Sze­nen sind beson­ders berüh­rend. Ein klei­ner, aber fei­ner Text.

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