Lesen. Hören. Und ein bisschen schreiben.

Autor: Matthias Seite 110 von 208

Leser mit allerlei Ansprüchen und ausdauernder Läufer. Je nach Tagesform auch mal ausdauernder Leser und Läufer mit allerlei Ansprüchen.

Die Liebe des Lesens und der Bücher

Über die Lie­be des Lesens und der Bücher hat Charles Dant­zig ein net­tes, unter­halt­sa­mes Buch geschrie­ben. Eigent­lich ist es gar kein Buch, son­dern die Samm­lung von klei­nen Tex­ten, die der fran­zö­si­sche Schrift­stel­ler schon woan­ders publi­ziert hat­te. Unter dem Titel Wozu Lesen? hat der Steidl-Ver­lag das als ein schö­nes Buch herausgebracht.

Wozu Lesen? ist in aller ers­ter Linie ein abso­lu­tes, unbe­ding­tes Glau­bens­be­kennt­nis zum Lesen, ein Lob­preis, eine Selig­spre­chung: Gott ist nicht nur lesend, „Gott ist auf der Biblio­theks­lei­ter“ (28) – der Gott der Lek­tü­re näm­lich. Die Lek­tü­re ist es, die den lesen­den Men­schen ver­än­dert, begeis­tert und fas­zi­niert: Immer wie­der denkt Dant­zig (sich und alle ernst­haf­ten) den Leser als ein empa­thisch-den­ken­den Leser, einen emp­fäng­li­chen Leser: Emp­fäng­lich in dem Sin­ne, das er offen für die Schön­heit eines Tex­tes, eines ein­zel­nen Sat­zes oder eines blo­ßen Wor­tes ist …

Des­halb ist es auch nicht ver­wun­der­lich, dass er zu dem Schluss kommt:

Wir lesen aus purem Ego­is­mus, bewir­ken damit jedoch unge­wollt etwas Altru­is­ti­sches. Denn durch unse­re Lek­tü­re hau­chen wir einem schla­fen­den Gedan­ken neu­es Leben ein. (32)

Das Ver­gnü­gen am Lesen selbst, am Vor­gang des Ent­zif­fern, Auf­neh­men, Absor­bie­ren, Ver­wan­deln, zu-eigen-machen – also am mit­le­ben­den Lesen bestimmt sei­ne Kas­ka­de mög­li­cher Ant­wor­ten auf die zen­tra­le Fra­ge des Ban­des, näm­lich: Wozu ist das Lesen gut? Und was macht es mit uns? Zum Bei­spiel das hier:

Man liest ein Buch nicht um der Geschich­te wil­len, man liest ein Buch, um mit sei­nem Autor ein Tänz­chen zu wagen. (41)

Dant­zig sam­melt hier lau­ter klei­ne und kleins­te Minia­tur-Essays, die meist von eige­nen Lek­tü­re-Erleb­nis­sen Dant­zigs (die er unge­heu­er prä­sent zu haben scheint) aus­ge­hen und oft nur ein etwas aus­ge­führ­ter Gedan­ke oder Ein­fall sind, ver­packt in einer grif­fi­gen Sen­tenz oder For­mu­lie­rung. Zum Bei­spiel klingt das so:

Die Leu­te bestehen auf ihre Gedan­ken­lo­sig­keit. Dabei sind wir nur,[sic] wäh­rend wir lesen, vor der Päd­ago­gik sicher. (43)1

Immer wie­der mani­fes­tiert sich in die­sen Nota­ten (die mich in man­chem an Hen­ning Rit­ters Notiz­hef­te erin­ner­ten) die Ideee, gegen sich selbst zu lesen, sich selbst beim Lesen, durch das Lesen, mit dem Lesen in Fra­ge zu stel­len – also Neu­es zu pro­bie­ren, Argu­men­te aus­zu­tes­ten, Bücher/​Autoren wie­der­holt zu lesen, um eine Abnei­gung zu über­win­den … Im Grund ist das also das klas­si­sche Lek­tü­re-Argu­ment schlecht­hin: Lesen ermög­licht es, Alter­na­ti­ven zum Leben und der Welt zu erfah­ren und ken­nen zu ler­nen, sich selbst aus­zu­pro­bie­ren in der Phan­ta­sie : „Stel­len Sie sich selbst in Fra­ge. Stel­len Sie das in Fra­ge, was SIe in die­sem Moment lesen.“ (66), – ja, genau, das gilt natür­lich auch für die­se Sen­ten­zen, die Dant­zig­schen Schluss-Mora­li­tä­ten sei­ner Kurz­tex­te selbst:

Die ein­zi­ge Fage, die man sich im Hin­blick auf einen Chef stel­len soll­te, lau­tet: Wür­de er die Biblio­thek von Alex­an­dria anzün­den? […] Man möge lie­ber mei­ne Bücher ver­bren­nen als Men­schen. (50)

Egal, wel­che der vie­len Modi des Lesens Dant­zigs reflek­tiert und prei­send betrach­tet – leich­tes und schwe­res Lesen, spie­le­ri­sches und erns­tes, unter­hal­ten­des und for­schen­des: Immer ist das Lesen und Sein Leser begeis­te­rungs- und lie­bes­fä­hig. Selbst in der Ableh­nung schlech­ter Bücher (es ist wohl kein Zufall, dass ein Leser (und Schrift­stel­ler) wie Dant­zig, dem es so sehr (fast aus­schließ­lich) auf die empa­thi­sche Lek­tü­re ankommt, von Büchern und nicht von Tex­ten spricht).

Wozu Lesen? selbst ist übri­gens ein schö­nes Buch, bei dem Innen und Außen in gewis­ser Wei­se zur Deckung kom­men – da merkt man die Hand des Ver­le­gers … Und es ist ein Buch, wie es viel­leicht wirk­lich nur ein Fran­zo­se schrei­ben kann (um die­ses natio­nat­lis­ti­sche Kli­schee auch ein­mal zu bedie­nen=: leicht und ele­gant, mit Tief­gang, aber unauf­ge­regt, nie über­heb­lich, dafür immer lust­voll – vol­ler Lust an den Lek­tü­ren, die zu die­sen Tex­ten führ­ten und vol­ler Lust am Schrei­ben – und damit sprü­hend vor Lust am Ver­füh­ren zum Lesen. Denn das ist ja das gro­ße, heh­re und ein­zi­ge Ziel die­ses Buches: Nicht nur über das Lesen, sei­ne vie­ler­lei Vor- und Nach­tei­le, zu sin­nie­ren, son­dern vor allem zum lust­vol­len, erfüll­ten Lesen anre­gen: „Leben ist Pro­sa, kei­ne Poe­sie.“ (63) – Viel­leicht, viel­leicht aber auch nicht – wenn man nur genug liest …

Charles Dant­zig: Wozu Lesen? Göt­tin­gen: Steidl 2011. 205 Sei­ten. 16 Euro. ISBN 9783869303666.

Show 1 footnote

  1. Die Kom­ma­set­zung ist hier ein ech­tes Ver­bre­chen am Text, das ich aber der Über­set­ze­rin und nicht dem Autor anlas­te …

Taglied 12.8.2012

… das Mar­ke­ting hat noch nicht begon­nen für die­sen Tag …
… Ich ist geis­tes­krank und kauf mir was …


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(Peter­Licht, Mar­ke­ting, aus: Melan­cho­lie und Gesellschaft)

Autobahn und Natur

Wie sehr die Auto­sucht nicht nur die Luft ver­pes­tet, son­dern auch die Hirn­win­dun­gen man­cher Betei­lig­ten vezwir­belt, kann man immer wie­der so neben­bei beob­ach­ten. Zum Bei­spiel in die­sem Text der FAZ zum Neu­bau der Schier­stei­ner Brü­cke zwi­schen Mainz und Wies­ba­den. Der schließt: 

So kommt die neue Brü­cke zwi­schen Mainz und Wies­ba­den am Ende der Natur im Rhein­gau zugute.

Nun, das ist wahr­lich eine preis­ver­däch­ti­ge Argu­men­ta­ti­on: Der Bau einer Brü­cke, die mehr Ver­kehr ermög­li­chen soll, hilft also der Natur. Gemeint ist natür­lich die Aus­gleichs­ab­ga­be, die hier für die „Reak­ti­vie­rung“ eines Alt­rhein­ar­mes ver­wandt wird – was auch immer das ist: Wird da der Rhein wie­der durch sein altes Bett gelei­tet? Das ist natür­lich rei­ne Augen­wi­sche­rei, denn das wie gut auch immer gemein­te Geld­aus­ge­ben „für“ die Natur an einer Stel­le hebt ja den Ein­griff an einer ande­ren Stel­le nicht auf. Schon gar nicht, wenn es um den Bau von Ver­kehrs­we­gen geht, die ja bekann­ter­ma­ßen gewis­se Nach­fol­ge­wir­kun­gen auf die Umwelt mit sich brin­gen. Aber so weit kann man als Auto­süch­ti­ger wahr­schein­lich nicht mehr denken …

Taglied 4.8.2012

lan­ge nicht mehr gehört, heu­te im Kon­zert beim Erba­cher Orgel­som­mer und hier (auch sehr schön gespielt von Roland Münch): Carl Phil­ipp Ema­nu­el Bach, Fan­ta­sie & Fuge c‑moll


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Taglied 3.8.2012

Never Col­lap­se, Always Dazzle!

Kam­mer­flim­mer Kol­lek­tief – Never Col­lap­se, Always Dazz­le! (unof­fi­ci­al fan video) 2011)

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Abschied von der Weltgeschichte

Der Ver­zicht auf die euro­päi­sche Eini­gung wäre auch ein Abschied von der Weltgeschichte

- so zitiert die FAZ heu­te aus einem noch unver­öf­fent­li­chen Posi­ti­ons­pa­pier von Jür­gen Haber­mas, Juli­an Nida-Rüme­lin und Peter Bofin­ger für ein zu schrei­ben­des SPD-Pro­gramm. Und da fra­ge ich mich doch mal wie­der (und nicht zum ers­ten Mal), ob die­se Her­ren (natür­lich alles Män­ner, auch der Vor­sitz der SPD, aus der die Anre­gung dazu kam, ist ja fest in Män­ner­hand …) eigent­lich noch lesen, was sie so alles schrei­ben. Und ob sie mer­ken, was sie da äußern. Denn was soll das denn bit­te sein, „ein Abschied von der Welt­ge­schich­te“? Das die Geschich­te kein Ende hat, auch wenn man­che ande­res behaup­ten, hat sich inzwi­schen ja doch wie­der ver­brei­te­te. Aber kann man – gemeint sind hier, so erra­te ich das aus dem kur­zen Text, die Natio­nal­staa­ten in der EU – sich von „der Geschich­te“ ver­ab­schie­den? Wie geht das? Muss man sich abmel­den? Muss der His­to­ri­ker­tag zustim­men? Und was heißt das, wenn man sich von der Welt­ge­schich­te“ ver­ab­schie­det? Bleibt man dann in der Lokal‑, Regio­nal- oder Natio­nal­ge­schich­te noch „drin“? Fra­gen über Fra­gen … Viel­leicht sind die drei alten Män­ner aber unschul­dig und die FAZ hat nur unge­schickt zitiert. Wer­den wir auch noch herausbekommen …

Pracht im Sommer

Am Anfang steht ein Abschied: Das Eröff­nungs­kon­zert des dies­jäh­ri­gen Main­zer Musik­som­mers ist das aller­letz­te Kon­zert, das Mathi­as Breit­schaft in sei­ner Eigen­schaft als Dom­ka­pell­meis­ter diri­giert. Das ist aber kei­nes­wegs ein schlech­tes Omen, auch wenn der dies­jäh­ri­ge Musik­som­mer die drei­zehn­te Auf­la­ge des Som­mer­fes­ti­vals ist. Denn das Eröff­nungs­kon­zert im Dom besticht mit sei­nem Rund­gang durch fast fünf­hun­dert Jah­re Musik­ge­schich­te im Sau­se­schritt: Von Pal­estri­na bis Richard Strauss reicht der Rei­gen, den der Dom­kam­mer­chor, die Main­zer Dom­blä­ser und Orga­nist Dani­el Beck­mann gemischt haben. In aller­ers­ter Linie ist es aber der Dom­kam­mer­chor, der für Begeis­te­rung sorgt. Nicht zu unrecht, denn Breit­schaft hat ihn sehr genau vor­be­rei­tet. Im Zen­trum steht die Bach-Motet­te „Fürch­te dich nicht“ als ein sehr dich­tes und trotz des klang­lich homo­gen sin­gen­den Cho­res erstaun­lich über­sicht­li­ches, immer­hin acht­stim­mi­ges Klang­ge­we­be. Vor allem, weil Breit­schaft immer wie­der die zen­tra­le Aus­sa­ge, das „Fürch­te dich nicht“, zu beto­nen weiß – und jeder Wie­der­ho­lung eine neue Klang­nu­an­ce mit­ge­ben kann: Die­ses „Fürch­te dich nicht“ wird durch­aus von Zwei­feln erschüt­tert, ver­liert aber hör­bar nie die Gewiss­heit eines all­zeit anwe­sen­den Gottes. 

Hans Leo Hass­lers Mes­se vor­her, über hun­dert Jah­re älter, nahm Breit­schaft mit dem Dom­kam­mer­chor fast im Sau­se­schritt und voll­kom­men anders, als man es von den Spe­zia­lis­ten his­to­ri­scher Auf­füh­rungs­pra­xis gewohnt ist: Mit gro­ßem, aber durch­aus beweg­li­chem Chor klingt das ganz und gar gegen­wär­tig und unbe­dingt ehr­lich: Mal beschwingt, mal monu­men­tal – immer den Raum vor­züg­lich als Klang­part­ner mit­nut­zend schwingt die kur­ze Mes­se fle­xi­bel zwi­schen gro­ßer Ges­te und detail­lier­ter Feinzeichnung.

Und dann, neben die­ser nur nomi­nell „alten“ Musik, Bruck­ner und Men­dels­sohn Bar­thol­dy: Das ist der Moment des Abends, wo die Detail­freu­dig­keit noch inten­si­viert wird und der Chor­klang zur Voll­endung kom­men darf. Zumin­dest annä­hernd. Denn manch­mal fehlt gera­de bei den Motet­ten von Bruck­ner in den sehr deut­lich gesun­ge­nen Lini­en ein biss­chen die ver­ti­ka­le har­mo­ni­sche Klam­mer. Wun­der­bar won­nig zau­bert Breit­schaft dann aber die Innig­keit der „Ave Maria“-Motette: Wie fein er die zen­tra­len Wor­te abzu­tö­nen weiß, wie er das „Jesus“ und das abschlie­ßen­de „Amen“ zu auf ganz weni­gen Noten zusam­men­ge­dräng­ten Erzäh­lun­gen einer gesam­ten Theo­lo­gie ver­dich­tet – das ver­rät die erfah­re­ne Hand eines Diri­gen­ten, der genau weiß, was er aus dem Dom­kam­mer­chor her­aus­kit­zeln kann. 

Auch die unbe­ding­te Hin­ga­be an Musik und ihren Inhalt macht das so über­wäl­ti­gend und unbe­dingt bewe­gend. Nir­gends wird das so deut­lich wie in Felix Men­dels­sohn Bar­thol­dys Motet­te „Mein Gott, mein Gott, war­um hast du mich ver­las­sen“: Im feins­ten pia­nis­si­mo wie im kraft­volls­ten for­te ach­tet Breit­schaft pein­lich genau auf die moti­vier­te Ver­bin­dung von Text und Klang, die sich gegen­sei­tig ver­dich­ten und zum groß­ar­ti­gen Abschluss ver­stär­ken. Der „Fest­li­che Aus­zug“ von Richard Strauss mit Orgel und Blech­blä­sern ist nach die­sem gran­dio­sen Chor­fi­nish fast über­flüs­sig. Ganz fol­ge­rich­tig greift Breit­schaft dann noch ein­mal zur Stimm­ga­be und lässt den Dom­kam­mer­chor mit einer wei­te­ren Bruck­ner­mot­tet­te als Zuga­be doch das letz­te Wort haben: „Locus iste“, ganz berüh­rend in ihrer Schlicht­heit. Und das Lob die­ses Ortes passt per­fekt ans Ende des Eröff­nungs­kon­zer­tes – schließ­lich ver­spricht der Main­zer Musik­som­mer „Klas­si­sche Musik im klas­si­schen Raum“.

(In einer etwas kür­ze­ren Ver­si­on geschrie­ben für die Main­zer Rhein-Zeitung.)

Taglied 2.8.2012

Geor­ge Ben­son, White Rabbit:


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Olympia für Verweigerer

Ich muss schon sagen, nach fast einer Woche steht für mich fest: Die bes­te Olym­pia-Bericht­erstat­tung macht ein­deu­tig die taz. Wie immer ziem­lich respekt­los, aber mit allen halb­wegs wich­ti­gen Infor­ma­tio­nen und Plat­zie­run­gen, vor allem aber nicht so lang­wei­lig und tro­cken wie vie­le ande­re. Sicher, man­che Wit­zel­chen sind manch­mal auch hier etwas arg bemüht. Aber das For­mat mag ich trotz­dem. Obwohl ich ja gar kein gro­ßer Freund von Sport­groß­ver­an­stal­tun­gen bin … Inzwi­schen führt das dazu, dass ich die gan­zen Son­der­sei­ten der ande­ren Zei­tun­gen getrost igno­rie­re und nur ab und an bei der taz online auf­schla­ge. Da macht das wenigs­tens Spaß, auch ganz ohne über­schüs­si­gen Pseu­do­pa­trio­tis­mus. Und die Fehl­leis­tun­gen ande­rer Medi­en bekommt man auch gleich noch ser­viert – was will ich mehr?

Lieblingstweets Juli 2012

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