Lesen. Hören. Und ein bisschen schreiben.

Autor: Matthias Seite 104 von 208

Leser mit allerlei Ansprüchen und ausdauernder Läufer. Je nach Tagesform auch mal ausdauernder Leser und Läufer mit allerlei Ansprüchen.

Prozesse, kürzeste

Thomas Lehr, Größenwahn passt in die kleinste Hütte

Tho­mas Lehr, Grö­ßen­wahn passt in die kleins­te Hütte

Viel steht ja nicht drin. Aber das weni­ge macht Freu­de. Denn auf den 107 Sei­ten (mit viel Weiß­raum …) von Tho­mas Lehr steht unter dem Titel Grö­ßen­wahn passt in die kleins­te Hüt­te. Kur­ze Pro­zes­se viel Zustim­mungs­fä­hi­ges, viel Kopf­ni­cker­for­dern­des (man bekommt fast Genick­schmer­zen). Und vie­le, ganz ganz vie­le Pun­ch­li­nes. Man­cher Witz, man­cher Hieb ist (natür­lich) arg bil­lig, man­ches sind blo­ße Bin­sen­weis­hei­ten, aber vie­les trifft der spitz bis spitz­fin­dig for­mu­lie­ren­de Tho­mas Lehr genau. Die Spra­che die­ser Minia­tu­ren, die­ser Sät­ze – viel mehr ist es of nicht – ist immer poin­tiert. Vie­le von Lehrs Sät­zen sind frech und unge­niert sprach­spie­le­risch. Gna­den- und rück­sicht­los arbei­tet er sich durch Welt und Kunst, Lite­ra­tur und Leben, Moral und Mensch, Geld und Geist und vie­le ande­re Gebiete. 

Hin und wie­der ist das auch herr­lich alt­mo­disch – wenn er sich über Com­pu­ter lus­tig macht, über digi­ta­le Foto­gra­fie spöt­telt und das Inter­net als Müll­hal­de, die es manch­mal ja auch ist (und sein will bzw. soll), bloß­stellt: „Lebt län­ger, lest Bücher.“ (26) steht dann ein­fach nur noch da. Und stimmt für sich erst ein­mal. Und bleibt auch ein­fach so stehen.

Immer wie­der schim­mert und blitzt die Bril­lanz durch, für die man Tho­mas Lehr sowie­so lie­ben muss. Nur dass sie hier extrem kon­zen­triert ist – man wird geblen­det, fast blind …: 

Das Licht des Apho­ris­mus fun­kelt in einem Tau­trop­fen und blitzt im Mün­dungs­feu­er des Stand­ge­richts. So weit ist manch­mal der Weg von Lich­ten­berg zu Kraus.“ (49)

Das ist eine schnel­le Lek­tü­re für zwi­schen­durch, die aber die Kraft und Indi­vi­dua­li­tät hat, nach­zu­hal­len. Vor allem gefällt mir dar­an (noch mehr als z.B. an Hen­ning Rit­ters Notiz­hef­ten) die Klar­heit der Gedan­ken und ihre direk­te Wider­spie­ge­lung im sprach­li­chen Aus­druck. Sicher, das sind kei­ne gro­ßen Sys­tem, die hier gedacht wer­den, kei­ne weit ent­wi­ckel­ten Theo­re­me. Aber in ihrer Knapp­heit und Prä­gnanz sind sie immer wie­der (auch schmerz­haft) tref­fend. Und das ist sicher­lich nicht das schlech­tes­te. Dafür kann ich die­ses klei­ne Büch­lein auf jeden Fall voll­kom­men empfehlen. 

Nicht die Wahr­heit siegt, son­dern die Klar­heit, mag die­se auch noch so falsch sein. Die Leh­re gilt von Pla­ton zu Nietz­sche, und um zu wis­sen, wir es heu­te um sie steht, fragt man sich nur, es einem völ­lig ein­leuch­tend und gewiss erscheint. (86)

Übri­gens auch gut (und natür­lich voll­kom­men richtig): 

Jedes Auto­mo­bil ist auch ent­wen­de­ter öffent­li­cher Raum. Schier weg­ge­stoh­le­ne Stra­ßen und Plät­ze, gan­ze Innen­städ­te, die zeit­wei­lig ver­schwin­den. (26)

Noch mehr zu emp­feh­len sind aber übri­gens alle ande­ren Texte/​Romane von Tho­mas Lehr ;-)

Tho­mas Lehr: Grö­ßen­wahn passt in die kleins­te Hüt­te. Kur­ze Pro­zes­se. Mün­chen: Han­ser 2012. 107 Sei­ten. ISBN 978−3−446−23983−8. 12,90 Euro.

Taglied 12.11.2012

Bar­ba­ra Mor­gen­stern – Sweet Silence (Offi­ci­al Music Video)

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Taglied 11.11.2012

[wpau­dio url=„http://dropbox.com/u/7455136/music/Limited%20Approximations.mp3“ text=„Georg Fried­rich Haas, Limi­t­ed Appro­xi­ma­ti­ons“ dl=„0“] via ato​na​li​ty​.net

ûf der worte heide #9

»pes­si­miert«

(Goog­le fin­det eini­ge weni­ge Tref­fer aus dem IT-Bereich—ich habe es hier zum ers­ten Mal gelesen …)

Taglied 10.11.2012

aus Grün­den – näm­lich dem Besuch der unge­mein span­nen­den, anre­gen­den, begeis­tern­den „Win­ter­rei­se“ von Jeli­nek hier im Main­zer Thea­ter heute:

Schu­bert /​Zen­der: Der Lei­er­mann – Pregardien/​Cambreling*

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Taglied 8.11.2012

John Zorn’s Ennio Mor­rico­ne Tri­bu­te Band, plays main title from „Taxi Driver“


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Taglied 7.11.2012


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Taglied 6.11.2012

Aus trau­ri­gem Anlass heu­te etwas Elliott Carter:
eines mei­ner Lieblingsstücke:


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oder: 2 con­tro­ver­sies and a con­ver­sa­ti­on (2011) (allein der Titel ist ja schon großartig …)


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Klamauk ohne Bedeutung: Suppés „Fatinitza“ in Mainz

„Raus hier.“ schließt die FAS ihre Kri­tik der Main­zer Insze­nie­rung der Fat­i­n­itza von Franz von Sup­pé. Ganz so harsch wür­de ich die Regie­ar­beit von Lydia Stei­er nicht beur­tei­len, aber in der Ten­denz kom­me ich zum glei­chen Ergeb­nis: Das war dann doch etwas unbe­frie­di­gend und ein biss­chen ent­täu­schend, was das Team aus der sel­ten gespiel­ten komi­schen Oper/​Operette, die im Kai­ser­reich ein bom­bas­ti­scher Erfolg war, gemacht hat. Geblie­ben ist näm­lich rei­ner Kla­mauk … Natür­lich darf (und muss!) Ope­ret­te auch unter­hal­ten, da hat Stei­er schon recht. Aber sie kann es auch mit Niveau tun. Vor allem mit solch einem Libret­to und so einer Par­ti­tur wie bei der Fat­i­n­itza.

Olga bleibt stumm: Das Huhn nickt nur hin und wie­der oder schüt­telt den Kopf. Aber eigent­lich geht es um etwas ganz ande­res in Franz von Sup­pés komi­scher Oper Fat­i­n­itza, die im Staats­thea­ter Mainz Pre­miè­re hat­te: Da ist Wla­di­mir, der sich mit sei­nem Lie­bes­kum­mer im trost­lo­sen Kriegs­la­ger lang­weilt. Her­un­ter­ge­kom­men ist der jun­ge Offi­zier, auch das ver­wahr­los­te Con­tai­ner­la­ger im rus­si­schen Nir­gend­wo hat schon bes­se­re Zei­ten gese­hen (Büh­nen­bild: Katha­ri­na Schlipf). Und noch ver­wahr­los­ter sind die Kadet­ten – Sol­da­ten kann man sie in ihren schmud­de­li­gen pin­ken Schlaf­an­zü­gen kaum nen­nen (Kos­tü­me: Ursu­la Kudr­na). Vor dem Auge der Kame­ra des Fern­seh­re­por­ters Juli­an von Golz rei­ßen sie sich aber zusam­men – und begin­nen ein klei­nes Thea­ter­spiel mit Wla­di­mir in der weib­li­chen Haupt­rol­le. So nimmt das Vexier­spiel sei­nen Lauf: Natür­lich kommt gera­de in dem Moment, als Wla­di­mir als Frau ver­klei­det ist, der Gene­ral zur Inspek­ti­on. Und natür­lich hat er „Fat­i­n­itza“ schon ein­mal gese­hen – und sich hef­tig in sie ver­liebt. Die bzw. Wla­di­mir liebt aber aus­ge­rech­net Lydia, die Nich­te des Gene­rals, die auch ganz zufäl­lig gera­de jetzt ihren Onkel besu­chen kommt. Und dann wer­den die bei­den „Frau­en“ auch noch von einem tür­ki­schen Pascha, der im rhein­hes­si­schen Dia­lekt groß­schwätzt (herr­lich unernst: Alex­an­der Spe­mann), ent­führt … Das alles zum Hap­py-End zu brin­gen, dafür benö­tigt der Repor­ter, den Thors­ten Bütt­ner wun­der­bar selbst­ge­recht und eitel ver­kör­pert und der sich die Wirk­lich­keit ger­ne mal so macht, wie er sie haben will, dann noch die zwei­te Hälf­te der Operette. 

Im Akt II

Akt II (Thors­ten Bütt­ner, Vida Mik­ne­vici­ute, Patri­cia Roach) – Foto: Mar­ti­na Pipprich

Aber auf der Büh­ne ergibt sich das in der Insze­nie­rung von Lydia Stei­er dank des spiel­freu­di­gen Ensem­bles erstaun­lich natür­lich. Patri­cia Roach in der Titel­rol­le gibt eine wun­der­ba­re männ­li­che Dar­stel­lung einer Frau – und singt durch­set­zungs­fä­hig und kraft­voll, wie es sich gehört. Auch Vida Mik­ne­vici­ute als Lydia gefällt mit ent­spann­ter Kraft und Leich­tig­keit , etwa im zen­tra­len Duett im zwei­ten Akt, in dem sich Wladimir/​Fatinitza ihr zu erken­nen gibt . 

Scha­de ist nur, dass die Musik of fast ver­schwin­det. Denn in der Par­ti­tur ver­hei­ra­tet Sup­pé Wie­ner Ope­ret­te mit ita­lie­ni­scher Leich­tig­keit – beim Phil­har­mo­ni­schen Orches­ter unter Flo­ri­an Csiz­ma­dia hört man das wun­der­bar leben­dig-ein­füh­lend und klang­schön. Aber der Kla­mauk auf der Büh­ne drängt das immer wie­der in den Hin­ter­grund. Das Huhn Olga ist typisch für die Insze­nie­rung: Alles ist der Regis­seu­rin recht, solan­ge sich nur ein Witz draus machen lässt. Das hat groß­ar­ti­ge, wun­der­bar unter­halt­sa­me Momen­te – im neu getex­te­ten Repor­ter-Lied Juli­ans etwa, der lan­ge erzählt, wel­che Skan­da­le er angeb­lich auf­ge­deckt und wie er Wulff aus dem Schloss Bel­le­vue geschrie­ben hat. Aber das sind nur Momen­te, Ver­satz­stü­cke – das bleibt eine Art ver­früh­te Fast­nachts­pos­se inklu­si­ve Kon­fet­ti­re­gen im Hap­py-End-Fina­le, die es vor­züg­lich schafft, sich von Kla­mauk zu Kla­mauk zu han­geln. Am deut­lichs­ten wird das im drit­ten Akt (der dra­ma­tur­gisch aber auch bei Sup­pé eher schwach ist): Da ist das auf der Main­zer Büh­ne nur noch eine Rei­he von losen, vor sich hin plät­schern­den Gags. Der Fat­i­n­itza von Sup­pé und sei­nen Libret­tis­ten wird es jedoch nur halb gerecht: Alles, was über den unter­halt­sa­men Spaß hin­aus­geht, fehlt – zum Bei­spiel die hier the­ma­ti­sier­te Rol­le der Medi­en und ihr Bezug zur Wahr­heit und Wirk­lich­keit, aber auch die Rol­le der Geschlechter(-verwirrungen) und natür­lich die des Krie­ges – das deu­tet Stei­er höchs­tens hin und wie­der an. Und dann ist am Schluss auch noch Olga ver­schwun­den, so dass der arme Stei­pann (sehr poin­tiert: Jür­gen Rust) doch ganz allei­ne im all­ge­mei­nen Froh­sinn unglück­lich suchend her­um­ir­ren muss.

(so ähn­lich, etwas kür­zer vor allem, habe ich das für die Rhein-Zei­tung geschrieben.)

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