Lesen. Hören. Und ein bisschen schreiben.

Autor: Matthias Seite 103 von 208

Leser mit allerlei Ansprüchen und ausdauernder Läufer. Je nach Tagesform auch mal ausdauernder Leser und Läufer mit allerlei Ansprüchen.

Noch zwei Jahre etwas Freiheit

Der Bun­des­tag hat ges­tern (wie­der ein­mal ganz kurz vor knapp, bevor die Frist am Jah­res­en­de aus­läuft) beschlos­sen, die befris­te­te Rege­lung des Urhe­ber­rechts in §52a noch ein­mal zwei Jah­re zu ver­län­gern. Damit ist es immer­hin zunächst noch mög­lich, in Schu­len und Uni­ver­si­tä­ten Tex­te auch digi­tal zur Ver­fü­gung zu stel­len und nicht nur als Kopier­vor­la­ge im Ord­ner … Wie man aber – wie die Regie­rungs­par­tei­en – davon spre­chen kann, dass die Aus­wir­kun­gen „in der Pra­xis noch nicht abschlie­ßend bewer­tet“ wer­den könn­ten, ist mir ein Rät­sel. Die SPD hat­te immer­hin bean­tragt, dass gleich zu ent­fris­ten, weil die Rege­lung in §52a gera­de pra­xis­taug­lich sei. Und um die Schi­zo­phre­nie noch etwas wei­ter zu trei­ben, haben CDU & FDP gleich ange­kün­digt, in den nächs­ten Jah­ren über eine dau­er­haf­te Rege­lung nach­zu­den­ken. Wel­che neue Erkennt­nis­se man da in den nächs­ten Mona­ten erwar­tet und war­um man da so viel nach­den­ken und ent­schei­den muss, erschließt sich mir ja nicht so recht und ver­rät die Pres­se­mit­tei­lung des Bun­des­ta­ges lei­der auch nicht …

Die Mit­tei­lung des Bun­des­ta­ges dazu im Wortlaut: 

Gegen die Stim­men der Lin­ken bei Ent­hal­tung der Grü­nen hat der Bun­des­tag am 29. Novem­ber den Gesetz­ent­wurf von CDU/​CSU und FDP zur Ände­rung des Urhe­ber­rechts­ge­set­zes (17÷11317) auf Emp­feh­lung des Rechts­aus­schus­ses (17÷11699) ange­nom­men. Damit kön­nen urhe­ber­recht­lich geschütz­te Inhal­te zwei Jah­re län­ger, näm­lich bis Ende 2014, unter bestimm­ten Vor­aus­set­zun­gen einem abge­grenz­ten Per­so­nen­kreis für Unter­richts- und For­schungs­zwe­cke zugäng­lich gemacht wer­den, zum Bei­spiel, indem sie in das Intra­net von Schu­len oder Uni­ver­si­tä­ten ein­ge­stellt wer­den. Für das Ein­stel­len muss eine Ver­gü­tung an eine Ver­wer­tungs­ge­sell­schaft gezahlt wer­den. Die Koali­ti­on begrün­det die Ver­län­ge­rung die­ser Rege­lung um zwei Jah­re damit, dass in die­ser Zeit über den Inhalt einer end­gül­ti­gen, unbe­fris­te­ten Rege­lung ent­schie­den wer­den soll. Die Aus­wir­kun­gen der mehr­mals befris­te­ten Rege­lung in Para­graf 52a des Urhe­ber­rechts­ge­set­zes könn­ten in der Pra­xis noch nicht abschlie­ßend bewer­tet wer­den, heißt es zur Begrün­dung. Gegen das Votum der Oppo­si­ti­on lehn­te der Bun­des­tag einen Gesetz­ent­wurf der SPD (17÷10087) ab, der dar­auf abziel­te, die Rege­lung in Para­graf 52a nicht län­ger zu befris­ten, weil sie sich bewährt habe.

Musikalischer Weltentrost

Es war dann doch eini­ges mehr als „Trost für Trau­ern­de“: Ralf Otto und der Bach­chor trös­te­ten gleich die gan­ze Mensch­heit. Genau die rich­ti­ge Musik am Vor­abend des Ewig­keits­sonn­ta­ges also. Was auf dem Papier etwas selt­sam aus­sieht, funk­tio­niert in der Chris­tusk­ri­che jeden­falls so gut, dass man sich fragt, war­um noch nie­mand auf die Idee geko­men ist: Die Kom­bi­na­ti­on des Brahms­schen „Deut­schen Requi­em“ mit den „Can­ti di pri­gio­nia“ von Lui­gi Dallapiccola. 

Natür­lich ist das ein Bruch – aber ein frucht­ba­rer. Brahms, den man so oft hört, erfährt durch die 70 Jah­re jün­ge­re Musik des Ita­lie­ners eine neue Per­spek­ti­ve. Und umge­keht wer­den auch Dal­la­pic­co­las drei Gesän­ge für Chor und Schlag­werk anders wahr­ge­nom­men, wenn man sie mit­ten im rei­nen Wohl­klang von Brahms hört. Denn das war es natür­lich mal wie­der: Rei­ner Wohl­klang. Was ande­res ist bei Ralf Otto und dem Bach­chor nicht zu erwar­ten. Der Chor, noch ver­stärkt durch die jun­gen Stim­men der Cho­ris­ten der Main­zer Musik­hoch­schu­le, agiert klang­be­wusst wie immer . Aber auch klar und kon­zi­se , immer – selbst in den zurück­ge­nom­mens­ten, leis­tes­ten Pas­sa­gen, mit beein­dru­cken­der Prä­senz und Deut­lich­keit. Mög­lich war das vor allem, weil er nicht gegen ein Orches­ter ansin­gen muss: Denn Otto hat­te für die­ses Expe­ri­ment das „Deut­sche Requi­em“ in der Ver­si­on für zwei Kla­vie­re mit Pau­ke (die eini­ge unge­heu­er­lich ein­drucks­vol­le Ein­sät­ze hat) aus­ge­wählt – nicht, dass ein Orches­ter für den Mas­sen­chor ein Pro­blem gewe­sen wäre. So kön­nen die Sän­ger aber immer ent­spannt blei­ben, immer in – für einen Chor die­ser Grö­ße – sehr lei­sen bis mitt­le­ren Laut­stär­ken sin­gen. Das macht den Klang nicht nur locker, son­dern lässt offen­bar Kapi­zi­tä­ten frei, die der Klang­viel­falt und dem Aus­druck zu gute kommen. 

Otto sucht für sei­ne Inter­pre­ta­ti­on des Klas­si­kers sehr deut­li­che Posi­tio­nen, er baut die sie­ben Sät­ze alle um zen­tra­le Wor­te und Moti­ve her­um . Und er scheut die Sprei­zung nicht: Lang­sa­me Abschnitt dehnt er schon mal sehr deut­lich und gibt dafür an ande­ren Stel­len spür­bar Gas. Sei­ne Solis­ten, die Sopra­nis­tin Julia Klei­ter und der Bari­ton Jochen Kup­fer, unter­stüt­zen ihn damit mit viel Kraft.
Und war die­ses „Deut­sche Requi­em“ schon ein Lehr­bei­spiel für expres­si­ve Chor­mu­sik, so gilt das für Dal­la­pic­co­las „Can­ti“ noch stär­ker . 1939 im faschis­ti­schen Ita­li­en ent­stan­den, sind sie mit ihren Tex­ten berühm­ter Gefan­ge­ner – Maria Stuart, Boe­thi­us und Sav­vo­na­ro­la – und ihrer raf­fi­nier­ten Mischung tona­ler und zwölf­tö­ni­ger Tech­ni­ken ein frü­hes Exem­pel der enga­gier­ten Musik. 

Und tat­säch­lich: Trost bie­tet die­se Musik, ob sie nun von Brahms oder Dal­la­pic­co­la stammt, nicht nur in ihren Tex­ten, son­dern auch in ihrem emo­tio­na­len Gehalt. Zumin­dest wenn man sie so raf­fi­niert und mit Mut zu kla­ren Kan­ten auf­führt wie Otto das kann. Trost, der aus dem Ver­trau­en geschöpft ist – in Gott und die Men­schen, in die Ewig­keit und eine (bes­se­re) Welt. Das kann man hören, in fast jeder Pas­sa­ge: Unver­rück­bar und unan­fecht­bar im Glau­ben, trotz aller Auf­ruhr und Anfech­tung vol­ler Gewiss­heit und Sicher­heit, kreist die­se gro­ße Aus­drucks­mu­sik immer wie­der um Trau­er und Trost. Man muss sie nur so wört­lich neh­men wie Ralf Otto.

(geschrie­ben für die main­zer rhein-zeitung.)

abendlied

abend­lied, lago di como

herbst, wenn die kas­ta­ni­en die waf­fen stecken,
mor­gen­ster­ne rings­um ver­streut am boden
lie­gen. in den zwei­gen die vogelbeeren
 prah­len mit ihrem 

gift. nun ruhen sie, all die angelhaken
auf dem grund, die holz­boo­te in den schuppen
wäh­rend sich die blät­ter in rauch verwandeln,
 ruhen die villen

aus von ihrem prunk, und ein saum laternen
trennt die pro­me­na­de vom see. die leere
auto­fäh­re trägt eine letz­te ladung
 licht übers wasser. 

— Jan Wag­ner, Aus­tra­li­en, 21

Taglied 25.12.2012

Lui­gi Dal­la­pic­co­la, Can­ti di Prigionia

Lui­gi Dal­la­pic­co­la: Can­ti di Pri­gio­nia (1938÷1941)

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Mitmenschen

Eugen Roth, Mitmenschen

Eugen Roth, Mit­men­schen (im Lyrikkalender)

– das kann man ein­fach mal so ste­hen lassen …

Kaputt

Gebt mir ein Fahr­rad­teil – ich bin mir sicher, ich bekom­me es kaputt. Inzwi­schen habe ich wohl schon ein gan­zes Fahr­rad in Ein­zel­tei­len durch (obwohl, ein Sitz­rohr habe ich noch nie wech­seln müs­sen …). Der neu­es Erfolg: Das rech­te Pedal ist seit zwei Tagen eini­ge Gramm leich­ter. Die­ses Mal habe ich aber kei­ne Ahnung, wie­so – beim Los­fah­ren hat es ein biss­chen geklirrt und an der nächs­ten Ampel merk­te ich, was das war: Das Außen­teil des Pedals. Jetzt habe ich halt ein Kampf­rad, an des­sen schar­fen Kan­ten man sich Haut und Hosen noch bes­ser auf­rei­ßen kann …

Defektes Pedal

Ein Blick auf die Zerstörung …

Defektes Pedal

Detail am defek­ten Pedal

und zum Vergleich:
Ganzes Pedal

So sieht das Pedal nor­ma­ler­wei­se aus …

Taglied 21.11.2012

Maur­cie Ravel, Bole­ro (klang­lich eine der schöns­ten Auf­nah­men die ich kenne …)

Ravel Bole­ro by Immer­seel, Ani­ma Eter­na – Part 1/​2 (2008)

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Ravel Bole­ro by Immer­seel, Ani­ma Eter­na – Part 2/​2 (2008)

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Taglied 20.11.2012

Micha­el Fin­nis­sy per­forms his own work, Autum­nal, for solo piano:


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Taglied 15.11.2012

Györ­gy Lige­ti, Lux aeterna


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kann man übri­gens auch sehr schön bei „The Infi­ni­te Juke­boxanhö­ren

Taglied 14.11.2012

immer wie­der klas­se: Die Ham­let­ma­schi­ne der Ein­stür­zen­den Neubauten


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