Lesen. Hören. Und ein bisschen schreiben.

Schlagwort: zitat Seite 1 von 15

Zitat

Ein Zitat
ist kei­ne Abschrift.
Ein Zitat
ist eine Zika­de.
Es läßt sich nicht
zum Schwei­gen brin­gen.
Hat es sich erst
eing­stimmt,
hört es nicht mehr auf.

—Ossip Man­del­s­tam, Gepräch über Dan­ke (TItel)

Radikalisierung

es ist an der zeit

sich zu radikalisieren
dafür muss ich aber erst ein­mal aufhören
die woll­mäu­se unter
dem bett
wegzufegen
[…]
- Lüt­fi­ye Güzel, elle-​rebelle (2017)

Ins Netz gegangen (3.7.)

Ins Netz gegan­gen am 3.7.:

  • Twit­ter /​ Stroem­feld: Sind Schwä­ne gif­tig? Notiz­zet­tel …RT @Stroemfeld: Sind Schwä­ne gif­tig? Notiz­zet­tel aus dem Nach­laß von Peter Kurz­eck, vmtl. Ende der 1960er Jahre
  • Richard Sen­nett: „Wir müs­sen die Arbeit umver­tei­len“ | ZEIT ONLINE – richard sen­net im inter­view mit zeit-online:

    Mehr Sozia­lis­mus, mehr Mit­be­stim­mung, klei­ne­re Fir­men und die Schwä­chung des Finanz­ka­pi­tals zuguns­ten pro­duk­ti­ver Arbeit. Wir benö­ti­gen alter­na­ti­ve Manage­ment­mo­del­le, die auf eine kon­ti­nu­ier­li­che (Weiter-)Entwicklung der Men­schen set­zen. Das Pro­blem, mit dem wir es im moder­nen Kapi­ta­lis­mus zu tun haben, ist die Mani­pu­la­ti­on der Zeit. 

    und am schluss emp­fiehlt er das grund­ein­kom­men als lösung: 

    Mei­ner Auf­fas­sung nach wäre die Ein­füh­rung eines exis­tenz­si­chern­den Grund­ein­kom­mens eine Erfolg ver­spre­chen­de Her­an­ge­hens­wei­se. Man ver­sucht, die vor­han­de­ne Arbeit zu bestim­men, um sie dann unter zwei oder drei Leu­ten zu ver­tei­len. Die­se wer­den als Teil­zeit­kräf­te bezahlt. Der Staat gibt ihnen dann zusätz­lich ein Grund­ein­kom­men, um den Unter­schied auszugleichen.

  • Kopen­ha­gen: „Rad­fah­rer machen eine Stadt erst rich­tig leben­dig“ | ZEIT ONLINE – noch ein paar grün­de, war­um es (gera­de städ­ten) gut tut, sich um den rad­ver­kehr zu kümmern

    Rad­fah­rer machen eine Stadt erst rich­tig leben­dig. Man sieht Gesich­ter auf der Stra­ße, und nicht nur hin­ter Wind­schutz­schei­ben. Die Stadt wird als men­schen­freund­lich wahr­ge­nom­men und dadurch attraktiv. 

  • Ein spä­ter Sieg der his­to­ri­schen Wahr­heit – taz.de – klaus hil­len­berg ist sehr ange­tan von der neu­en dau­er­aus­stel­lung zum wider­stand gegen das ns-​régime im bendlerblock:

    Mit die­ser Aus­stel­lung hat die Rezep­ti­on der Wider­stands­ge­schich­te einen vor­läu­fi­gen Schluss­punkt gefun­den, oder anders gesagt: Die Wahr­heit hat nach Jahr­zehn­ten der Geschichts­klit­te­rung, der offe­nen und ver­deck­ten Ein­fluss­nah­me von Poli­ti­kern, Kir­chen­ver­tre­tern, ehe­ma­li­gen Offi­zie­ren und, ja das auch, von Wider­stands­kämp­fern und deren Ange­hö­ri­gen gesiegt. Es ist ein ver­dammt spä­ter Sieg, der wohl nur mög­lich wur­de, weil die Täter­ge­nera­ti­on nicht mehr unter den Leben­den weilt. Aber es ist doch ein his­to­ri­scher Sieg. 

  • World Cup Phi­lo­so­phy: Ger­ma­ny vs France – Exis­ten­ti­al Comics – cool. (für die phi­lo­so­phie­ge­schicht­lich nicht so bewan­der­ten gibt es auch eine aus­führ­li­che erklä­rung dazu …)
  • Autoren­schaft revis­ted | Fix­poet­ry – »Autoren von Qua­li­tät tun und sagen Uner­hör­ters, Schwer­hör­ba­res, Neu­hör­ba­res, sie experimentieren«
  • Font­blog | Ed Sheeran’s Album Cover Fail – Klei­ner Typo-​Fehler ganz groß (was es nicht alles gibt!)

Zeitenwandel

1985: Fritz J. Rad­datz erfin­det ein Goethe-​Zitat, in dem der Dich­ter über den Wan­del Frank­furts nach dem Bahn­hofs­bau schreibt (was eben nicht geht, weil die ers­ten Eisen­bah­nen in Deusch­land erst 1835, 3 Jah­re nach Goe­thes Tod, fuhren): 

Man begann damals, das Gebiet hin­ter dem Bahn­hof zu verändern.

– Rad­datz ver­liert danach sei­nen Pos­ten als Lei­ter des Feuil­le­tons der „Zeit“.

2014: Elke Hei­den­reich erfin­det ein Heidegger-​Zitat, in dem der Phi­lo­soph die Ver­nich­tung der Juden Deutsch­lands fordert: 

Die ver­bor­ge­ne Deutsch­heit müs­sen wir ent­ber­gen, und das tun wir, indem wir die Juden end­lich besei­ti­gen aus Deutschland.

Der Sen­der, in des­sen Sen­dung Hei­den­reich trotz Wider­spruchs des Kri­ti­kers und Mode­ra­tors Ste­fan Zwei­fel auf der Wahr­haf­tig­keit ihres Zitats beharrt, wei­gert sich erst, das Zitat zu veri­fi­zie­ren bzw. zu prü­fen und kün­digt dann – Zweifel.
Mehr muss man wohl zum Nie­der­gang der „Qua­li­täts­me­di­en“ und ihrer Lite­ra­tur­kri­tik nicht mehr sagen.

Aus-​Lese #5

Mat­thi­as Becher: Karl der Gro­ße. 5. Auf­la­ge. Mün­chen: Beck 2007. 128 Seiten.

Eine Bio­gra­phie, die kei­ne Bio­gra­phie sein will. Und vor allem kei­ne sein kann: Denn die im eigent­li­chen Sin­ne bio­gra­phi­schen Zeug­nis­se über Karl den Gro­ßen sind extrem rar gesät. Becher greift des­halb recht weit aus, bis zu den Anfän­gen der Mero­win­gern – deren Geschich­te wird auf weni­gen Sei­ten ganz dicht erzählt. Nah an den Quel­len, aber mir ange­neh­mer Distanz zum (angeb­li­chen) Kron­zeu­gen Ein­hard beschreibt Becher das Leben und die Leis­tun­gen Karl des Gro­ßen wohl­tu­end nüch­tern und aus­ge­wo­gen, aller­dings in man­chen Din­gen zwangs­läu­fig auch sehr knapp, v.a. was die Orga­ni­sa­ti­on des Fran­ken­rei­ches und ins­be­son­de­re die „kul­tu­rel­le“ Sei­te sei­ner Herr­schaft angeht.

U. D. Bau­er: O.T.. Ber­lin: Die Ande­re Biblio­thek 2013. 245 Seiten.

Ein schö­nes Spiel: Ein Buch – ein Roman? – der aus­schließ­lich eine Mon­ta­ge ist: Die „Autorin“ reiht 2857 Zita­te anein­an­der und macht dar­aus so etwas wie einen Text. Also ein Spiel mit post­mo­der­nen Theo­rien von Inter­tex­tua­li­tät und Autoren­funk­ti­on. Aber eigent­lich ein recht plat­tes, sozu­sa­gen die Dummy-​Version der Theo­rien: Denn gera­de durch das Aus­stel­len des Zitat­cha­rak­ters – das Buch ist so gedruckt, das sich das Mon­tie­ren als Kle­ben von Zettelchen/​Textschnipseln ver­mit­telt – und vor allem durch den peni­blen Nach­weis der Zita­te und ihrer Fund­stel­len wird natür­lich die eigent­li­che Idee der Inter­tex­tua­li­tät, des „il n’y a pas de hors-​texte“, des Ver­schwin­dens des Autors gleich wie­der kon­ter­ka­riert und ad absur­dum geführt. Also eher eine Kurio­si­tät als irgend etwas wirk­lich überzeugendes …
Der Leser (zumin­dest ich) bleibt auf Distanz, das stän­di­ge Wech­seln der Zita­te und Sti­le sorgt dafür schon allei­ne. Wenn man etwas bewun­dern kann, dann ist es wohl haupt­säch­lich die Fleiß­ar­beit, die in dem Buch steckt – und die Pass­ge­nau­ig­keit, mit der U. D. Bau­er die Zita­te mon­tiert. Eine schö­ne Idee, deren Umset­zung mir aber etwas ent­lar­vend und etwas banal oder schlicht scheint.

Wahn und Wirklichkeit

Du weißt wohl nicht, daß der Wahn, den du von dir selbst hast, wah­rer ist als die Wirk­lich­keit der Frau­en. Ach, glau­ben die Men­schen immer noch an die­se arm­se­li­ge Erfin­dung, die­se erbärm­li­che Hilfs­kon­struk­ti­on, die Wirk­lich­keit? Die­se Ver­här­tung, Krus­te, schwin­den­de und wie­der auf­ge­kratz­te Nar­bie, die uns juckt auf den atmen­den Wun­den unse­res flie­ßen­den Blutes.“

—Franz Hes­sel, Heim­li­ches Ber­lin (2012 [1927]), 47

double meanings

All words have dou­ble mea­nings, even the litt­lest of ones, that’s why you can’t trust words.“

Dodge, in: Sebas­ti­an Gut­ier­rez, Girl Walks Into A Bar (2011)

Universitäres Blutgeld

schön und auch gar nicht wei­ter kom­men­tie­rungs­be­dürf­tig, die­ser Sei­ten­hieb, den Diede­rich­sen (der die Uni­ver­si­tät ja inzwi­schen von innen kennt) in sei­nem Büch­lein zu den „Sopra­nos“ da schnell noch in Rich­tung (privat-)spendenfinanierte Uni­ver­si­tä­ten austeilt:

In die­ser Epi­so­de ist nicht nur end­lich ein­mal befrie­di­gens beschrie­ben wor­den, wie Hoch­schu­len sich dort finan­zie­ren, wo dies der Staat nicht tut – indem sie durch geschul­te Kräf­te Druck auf die ideo­lo­gisch unsi­che­ren und legi­ti­ma­ti­ons­be­dürf­ti­gen Teil­de des privatwirtschaftlich-​mafiösen Kom­ple­xes aus­üben -, son­dern vor allem sehen wir zu, wie die Akteu­re der „Sopra­nos“ sich ihren See­len­frie­den zurechtkonstruieren 

Died­rich Diede­rich­sen: The Sopra­nos. Zürich: Dia­pha­nes 2012, S. 84

… es kommt ein Gedicht …

Kay. Brau­chen wir einen Absatz für eine Zeile.
Oder? Ruf ich ein Wort, und es kommt ein Gedicht,
steht beläm­mert her­um wie Ril­kes Zombiemädchen,
wie die einst Geru­fe­nen noch immer, mit karolisch
lang­sa­men Bär­ten Redak­ti­ons­ge­sän­ge durchsegeln,
wie das nied­li­che Gestampf in der Bar, die gern unse­re wäre,
so haben alle recht, denn die Tem­pe­ra­tu­ren sind da,
„10 Der­ri­da“, sagt man zuein­an­der, und noch mal,
denn der Witz ist scharf genug für ne gan­ze Zeile.

— Ann Cot­ten, Das Pferd, 14</div)

Kindheit

[…]
Herbst­ne­bel, Draht­zäu­ne, Grenz­stei­ne die 
gebil­de­te Welt.“

— Elke Erb, Kind­heit (meins, 39)

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