Immer noch kein schöner Land

wilfried fischer, kein schöner landVon Loth­rin­gen bis nach Ost­preu­ßen, vom Shan­ty im nie­der­deut­schen Platt bis zum mozärt­li­chen Wien der Zau­ber­flö­te reicht das Ein­zugs­ge­biet von „Kein schö­ner Land“. Noch eine Volks­lied-Samm­lung für Chö­re also? Gibt es davon nicht längst genug? Sicher, aber nicht so eine. Denn die übli­chen Edi­tio­nen set­zen immer noch einen klas­si­schen vier­stim­mi­gen Chor vor­aus – und sind des­halb für Ensem­bles mit knap­per Män­ner­be­set­zung oft kaum geeig­net.

Wil­fried Fischer ist nun schon seit eini­ger Zeit unter dem Titel „Chor zu dritt“ dabei, ein Reper­toire für drei­stim­mi­gen Chor auf­zu­bau­en, genau­er: für Chö­re mit eben nur einer Män­ner­stim­me. Auch der vier­te Band setzt sich die­ses Ziel, bleibt dafür aber nicht bei purer Drei­stim­mig­keit ste­hen: Stimm­tei­lun­gen, haupt­säch­li­ch im Sopran, gehö­ren auch hier natür­li­ch zum Hand­werks­zeug der Arran­geu­re. Aber für Män­ner wird eben nie mehr als eine Stim­me gesetzt – die aller­dings hin und wie­der für Bäs­se recht hoch liegt.
Die Idee des Volks­lie­des hat Fischer dabei recht breit gefasst: Unter den hier ves­am­mel­ten 93 Sät­zen sind nicht weni­ge geist­li­che Lie­der und Cho­rä­le. Über­haupt ist die Aus­wahl nicht immer ganz nach­voll­zieh­bar: Eini­ges sehr bekann­tes fehlt, dafür ist ande­res nicht so weit ver­brei­te­tes ent­hal­ten – aber bei knapp 100 Lie­dern bleibt das nicht aus. Mate­ri­al bie­tet der Band auf sei­nen gut 200 Sei­ten aber mehr als genug. Ger­ne greift Fischer dabei auch auf vor­han­de­ne Sät­ze nam­haf­ter Kom­po­nis­ten zurück, die den neu­en Anfor­de­run­gen behut­sam ange­passt wer­den: Von Hein­rich Isaac bis Ern­st Pep­ping, von Felix Men­dels­sohn Bar­thol­dy und Johan­nes Brahms bis Her­mann Schro­eder reicht der Griff ins Archiv.

Neben Fischer selbst, der ein Groß­teil der Arran­ge­ments und Bear­bei­tun­gen bei­steu­ert, sind u.a. Pas­cal Mar­ti­né, Cars­ten Ger­litz und Burk­hard Kinz­ler mit diver­sen neu­en Sät­zen ver­tre­ten. Die Arran­ge­ments selbst sind immer min­des­tens soli­de, aber oft für drei­stim­mi­ge Sät­ze auhc über­ra­schend klang­voll und wir­kungs­voll. Den meis­ten merkt man posi­tiv an, dass die Drei­stim­mig­keit hier nicht nur als Man­gel gedacht wird, son­dern als Her­aus­for­de­rung und Chan­ce. Aus der genaue­ren Beschäf­ti­gung mit den Mög­lich­kei­ten der Beset­zung ent­wi­ckeln die Arran­geu­re dabei immer wie­der sehr kla­re und fili­gra­ne, sehr leben­di­ge und beweg­te Sät­ze, die im vier­stim­mi­gen Chor so kaum funk­tio­nier­ten.
Dabei sind die Sät­ze dem Sujet ent­spre­chend ins­ge­samt – selbst noch in den aus­ge­feil­te­ren Bear­bei­tun­gen – eher zurück­hal­tend und schlicht in dem Sin­ne, dass Sät­ze ger­ne hin­ter Melo­die und Text zurück­ste­hen. Stil­si­cher und ver­nünf­tig spricht aus den Arran­ge­ments weni­ger Expe­ri­men­tier­freu­de, dafür viel Erfah­rung und Ein­füh­lungs­ver­mö­gen – und nicht zuletzt der Ver­su­ch, ein mög­lichst brei­tes Publi­kum – sin­gend und hörend – zu errei­chen.

Wil­fried Fischer (Hrsg.): Kein schö­ner Land. Deut­sche Volks­lie­der aus 4 Jahr­hun­der­ten (Chor zu dritt, Band 4). Mainz: Schott 2015. 214 Sei­ten. 19,50 Euro.

— Zuer­st erschie­nen in Chor­zeit — Das Vokal­ma­ga­zin, Aus­gabe #18, Juli/August 2015.

Liebe ist scheiße und andere wichtige Lebensweisheiten

basta, dominoBas­ta ist selbst­be­wusst: „Oh, wir haben so viel Niveau“ sin­gen sie, auch wenn’s „nur a-cap­pel­la ist“, wie es an ande­rer Stel­le heißt. Und sie kön­nen sich das durch­aus erlau­ben. Ihre Tex­te sind zwar nicht immer ganz geschmacks­si­cher, aber die Musik bring­ts garan­tiert auf den Punkt: „Bas­ta“ macht ein­fach gute Lau­ne – bas­ta.

Die fünf Män­ner aus Köln haben ihre Vor­bil­der oder Kon­kur­renz jeden­falls hör­bar gut stu­diert – nicht zufäl­lig greift Oli­ver Gies von May­be­bop dem Bas­ta-Ten­or Wil­liam Wahl, der son­st haupt­säch­li­ch für Musik und Arran­ge­ments ver­ant­wort­li­ch ist, bei eini­gen Songs unter die Arme. 

Egal von wem, allen Stü­cken des „Domi­no“ beti­tel­ten Albums sind die leben­di­gen, durch­weg sehr bewegt und gezielt abwechs­lungs­reich gebau­ten Arran­ge­ments eigen, die ein Ohr und Gespür für die Details des Hin­ter­grunds ver­ra­ten. Dass „Bas­ta“ aber gera­de einen der schwächs­ten Songs zum Titel der CD beför­dert hat, ist scha­de. Denn das mitt­ler­wei­le sieb­te Album der seit 2000 akti­ven Band hat viel mehr und vor allem viel bes­se­res zu bie­ten als eben die kit­schi­ge, halb­lus­ti­ge Spie­le­rei mit Wort und Klang lit­ur­gi­scher Gesän­ge, die „Bas­ta“ im Song „Domi­no“ betreibt. 

Son­st geht es ihnen viel um das Sin­gen selbst, die Exis­tenz des Quin­tetts als Boy­group und vor allem als A-Cap­pel­la-Ensem­ble. Die wird vor allem in dem durch­aus als Wer­bung für die­se Musik geeig­ne­ten „Es ist nur a cap­pel­la, doch ich mag es“ besun­gen. Aber auch ganz wun­der­bar tra­gi­sch kann die Musik betei­ligt sein, wie „Der Mann, der kei­ne Beat­box konn­te“ zeigt – so eine erbärm­li­ch schlech­te, grau­si­ge Beat­box-Imi­ta­ti­on muss man erst ein­mal hin­be­kom­men! Über­haupt die Imi­ta­tio­nen: Auch Rein­hard Mey wird von „Bas­ta“ geschickt nach­ge­ahmt. Dabei – und das ist ein wenig das Han­di­cap von „Domi­no“ – ist nicht alles glei­cher­ma­ßen niveau­voll: Inspi­rier­te und intel­li­gen­te Unter­hal­tung steht hier immer wie­der neben schwa­chem Abklatsch.
Eines der bes­se­ren Lie­der ist etwa ihre Ver­si­on der „Schöp­fung“. Nein, das hat nichts mit Haydn zu tun und auch nur ein biss­chen mit der Bibel. Denn ihre „Schöp­fung“ erzählt musi­ka­li­sch sehr geschickt und, nun­ja, theo­lo­gi­sch etwas eigen­wil­lig, von Got­tes ers­tem Ver­su­ch mit der Welt, den er längst als Feh­ler sich selbst – und der FDP – über­las­sen hat. Nicht nur hier bricht sich immer wie­der ihre Ten­denz zur gro­ßen (musi­ka­li­schen) Geste Bahn: Immer wie­der setzt „Bas­ta“ auf gro­ße Stei­ge­run­gen, immer wie­der kul­mi­nie­ren ihre Songs im gro­ßen Fina­le, immer wie­der loten sie die Gren­zen des Quin­tetts klang­li­ch aus. Manch­mal gelingt das so schön wie beim „Wel­len­rei­ter“, manch­mal bleibt es aber auch etwas auf­ge­setzt wie etwa bei „Bevor ich bei dir war“. Ein gemisch­ter Ein­druck also – jeder darf und soll hier etwas fin­den, jeder wird ande­re Lieb­lin­ge haben. 

Bas­ta: Domi­no. Eat The Beat Music ETB 001, 2014.

(zuer­st erschie­nen in „Chor­zeit – Das Vokal­ma­ga­zin“, Aus­ga­be 2/2015)

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Mozart mit japanischer Disziplin: Masaaki Suzukis „Requiem“

mozart, requiemNun also auch Masaaki Suzuki: Der Dirigent hat mit seinem Bach Collegium Japan jetzt auch den namensgebenden Bach und sein direktes Umfeld verlassen. Die großen Dirigenten der historisch informierten Aufführungspraxis machen das ja schon einige Zeit vor und sind inzwischen bereits im 20. Jahrhundert angelangt. Ganz so weit reist Suzuki in der Zeit nicht - aber bis Mozart hat er es inzwischen auch geschafft. Und sogar bis ganz an dessen Ende: Da steht das Requiem - so dicht am Tod, dass es unvollendet blieb.

Fertigstellungen des Fragments gibt es ohne Zahl, nur übertroffen von den Mythen, die sich um das Requiem und den Tod seines Schöpfers ranken. Masaaki Suzuki fügt dem für seine jetzt erschiene Aufnahme des Requiems eine eigene Vervollständigung hinzu - die aber wiederum sehr stark auf den bekannten Ergänzungen Franz Xaver Süßmayers beruht, sie hauptsächlich um kleine Änderungen in der Instrumentation fortschreibt sowie mit Joseph Eyblers Arbeiten ergänzt. Neu ist hier vor allem eine kurze Amen-Fuge am Ende der Sequenz, die Suzuki selbst auf der Basis einer Mozart-Skizze (die dem Requiem nicht eindeutig zugeordnet werden kann) gesetzt hat.

Und neu ist bei dieser Aufnahme vor allem der herrliche Klang des Bach Collegiums Japan, der Mozart bisher versagt blieb. Und da sie all ihre Vorzüge, zu denen an erster Stelle ihr disziplinierter, klarer und heller Klang mit deutlichster Artikulation gehört, auch bei Mozart einsetzen, wird das Requiem zu einem sehr reinen Vergnügen. Zumal Suzuki auch hier emotional sehr kontrolliert bleibt - es gibt zweifellos überschäumendere Aufnahmen - und auf pathetische Gesten oder aufsehen erregende Effekte ganz verzichtet. Die stringent leuchtende Klarheit, die er – und vor allem die Sänger des Bach Collegiums – dem Lacrimosa mitgeben: Das ist großartig. Denn die Hauptqualität seiner Aufnahme ist unbestreitbar: Man hört einfach alles, was in der Partitur passiert. Suzuki musiziert das Requiem mit einer schlanken Lebendigkeit und pointierter Platizität: Nichts scheint seiner Aufmerksamkeit zu entgehen, alle Teile erklingen in einer vibrierenden Ausgeglichenheit. Die Präzision der Artikulation und Phrasierung lassen auch die durchaus sehr zügigen Tempi ganz unproblematisch und natürlich erscheinen: Die Spannung bleibt über das gesamte Requiem hinweg hoch, ein Nachlassen kennt Suzuki kaum. Der feine, detailreiche Klang - an dem auch die um neutrale und genaue Abbildung bemühte Tontechnik von BIS großen Anteil hat - zeugt von akkurater Vorbereitung und präziser Ausführung, selbst in bewegten und turbulenten Sätzen wie dem Kyrie. Chor und Orchester - beides nicht sehr groß besetzt - befinden sich hier immer in wunderbarster Balance. In jedem Moment hat man den Eindruck, den ganzen, den reinen Mozart zu hören - und vergisst darüber gerne, dass hier gar nicht so viel vom Meister selbst erklingt. Auch die Solisten, allen voran die Sopranistin Carolyn Sampson, passen sich in dieses fein austarierte Klanggeschehen fugenlos ein, wie das fast opernhafte Recordare schon beim ersten Hören beweist. Ergänzt wird das formidable Requiem auf der vorliegenden SACD noch um eine energisch strahlende Aufnahme der "Vesperae solennes de confessore" (KV 339) aus Mozarts Salzburger Zeit.

Wolfgang Amadeus Mozart: Requiem d-moll (KV 626), vervollständigt von Masaaki Suzuki; Vesperae solennes de confessore (KV 339). Carolyn Sampson, Marianne B. Kielland, Makoto Sakurada, Christian Immler, Bach Collegium Japan, Masaaki Suzuki. BIS 2091, 2014.

(zuerst erschienen in "Chorzeit - Das Vokalmagazin", #13 Februar 2015)

Wunschzettel zum Singen

gies, wunschzettelWenn Oli­ver Gies sei­nen Wunsch­zet­tel selbst abar­bei­tet, dann dür­fen sich die Chö­re und ihre Chor­lei­te­rin­nen freu­en: Denn dann gibt es fei­ne neue Musik. Das gilt natür­li­ch auch für das Chor­heft „Wunsch­zet­tel. Neue Weih­nachts­lie­der für gemisch­ten Chor“, in dem Gies das auf­ge­schrie­ben hat, was er an Wein­han­ch­ten selbst ger­ne hören (und sin­gen) wür­de. Trotz des Unter­ti­tels haben sich dann doch drei tra­di­tio­nel­le Weih­nachts­lie­der in das neun Songs star­ke Heft ein­ge­schli­chen. Die sind aller­dings von Oli­ver Gies einer Gene­ral­über­ho­lung unter­zo­gen wor­den, so dass sie durch­aus wie­der (oder noch) als neu durch­ge­hen kön­nen: „Es kommt ein Schiff gela­den“, „Hört der Engel hel­le Lie­der“ und „Josef, lie­ber Josef mein“, das neben dem vier­stim­mi­gen Chor auch noch zwei Solis­ten benö­tigt, muss­ten ihren Staub und zumin­dest teil­wei­se auch ihre Tra­di­ti­on auf­ge­ben und sich ein neu­es Klang­ge­wand über­stül­pen las­sen. Eine Frisch­zel­len­kur nennt der Arran­geur das – und fri­sch klin­gen sie tat­säch­li­ch, die alten Lie­der. Am deut­lichs­ten wird das bei „Es kommt ein Schiff gela­den“, das viel von sei­ner alter­tüm­li­chen Fremd­heit ver­lo­ren hat: Die Melo­die wur­de rhyth­mi­sch über­holt und die Har­mo­nik radi­kal moder­ni­siert. Vor allem aber hat Gies in sei­nem Arran­ge­ment mit etwas Klang­ma­le­rei jeder Stro­phe und den kur­zen Zwi­schen­stü­cken einen jeweils eige­nen Cha­rak­ter ver­passt, der dem Text – den wogen­den Wel­len, dem siche­ren Hafen und dem Erlö­ser (der natür­li­ch im rei­nen Dur erscheint) – ganz treu ent­spricht.

Fri­sch klin­gen aber auch die neu­en Lie­der von Oli­ver Gies eigent­li­ch durch­weg. Am wenigs­ten viel­leicht „Der alte Mann“, in dem Gies recht aus­führ­li­ch Glo­cken­klän­ge ver­ar­bei­tet und den alten Mann und die Zuhö­rer eine har­mo­ni­sch Fest­mes­se erle­ben lässt. Schick ist auch die „Wei­se aus dem Mor­gen­land“, deren Titel nicht ganz unab­sicht­li­ch dop­pel­deu­tig zu lesen ist, denn hier geht es um die Hei­li­gen Drei Köni­ge. Die prä­sen­tie­ren sich hier nicht nur mit einer ori­en­ta­li­sch klin­gen­den Melo­die, son­dern vor allem als aus­ge­spro­chen rei­se­mü­de Köni­ge, mür­ri­sch und gereizt – und müs­sen ohne ein Hap­py End aus­kom­men. Das ist in die­sem Heft aber sel­ten, denn Freu­de und Fröh­lich­keit herr­schen natür­li­ch auch dann vor, wenn Aus­wüch­se des Weih­nachts­fests the­ma­ti­siert wer­den wie die Hek­tik des Geschen­ke­kau­fens in „Weih­nachts­lie­der sin­gen“ oder die kuli­na­ri­sche Völ­le­rei bei „Hap­py Meal“. Das ist trotz sei­nes Titels ein gut-deut­sche Ange­le­gen­heit, mit Wild­schwein­bra­ten, Schnit­zel und natür­li­ch der unver­meid­li­chen Weih­nachts­gans – kein Wun­der, dass der gan­ze Chor da stöhnt: „heu­te gibt es alles und von allem zu viel“. Für den „Wunsch­zet­tel“ gilt das frei­li­ch nicht: Zu viel gibt es hier bestimmt nicht. Im Gegen­teil, das Kon­zept schreit gera­de­zu nach einer Fort­set­zung. Denn die Kom­po­si­tio­nen und Arran­ge­ments von Oli­ver Gies bie­ten nicht nur dem Publi­kum Unter­hal­tung, son­dern auch Abwechs­lung für alle vier Stim­men – die sich übri­gens, da war der Arran­geur prag­ma­ti­sch, mit gerin­gen (jeweils ver­merk­ten) Ände­run­gen auch auf SSAB ver­tei­len dür­fen. Das Rad wird dafür nicht neu erfun­den, aber auch mit blo­ßer akus­ti­schen Haus­manns­kost gibt sich Gies auch nicht zufrie­den: Alle Sät­ze zeich­nen sich durch ihr Ein­füh­lungs­ver­mö­gen in die jeweils eige­ne klang­li­che Gestalt aus, sind aber nie über­frach­tet mit „Ein­fäl­len“. Zumal den „Wunsch­zet­tel“ zwar sicher nicht jeder Chor vom Blatt sin­gen kön­nen wird, die tech­ni­schen Her­aus­for­de­run­gen im Gegen­teil zum klang­li­chen Ergeb­nis aber trotz­dem mäßig sind.

Oli­ver Gies: Wunsch­zet­tel. Neue Weih­nachts­lie­der für gemisch­ten Chor. Bos­se 2014. BE 495.
(zuer­st erschie­nen in „Chor­zeit – Das Vokal­ma­ga­zin“, Aus­ga­be 11/2014)

Jörn Rüsen: Historik

Für die sieb­te Aus­ga­be der stu­den­ti­schen geschichts­wis­sen­schaft­li­chen Zeit­schrift „Skrip­t­um“ habe ich Jörn Rüsens His­to­rik. Theo­rie der Geschichts­wis­sen­schaft mit eini­gen weni­gen Ein­schrän­kun­gen durch­aus posi­tiv bespro­chen:

Trotz der hier dar­ge­leg­ten Ein­schrän­kun­gen legt Rüsen ein durch­aus zeit­ge­mä­ßes sys­te­ma­ti­sches Ver­ständ­nis der Geschichts­wis­sen­schaf­ten mit ihren Mög­lich­kei­ten und Leis­tun­gen vor. Dass vie­les davon in den letz­ten Jah­ren und Jahr­zehn­ten an ande­ren Orten – oft aus­führ­li­cher – schon ein­mal aus­ge­führt wur­de, scha­det kaum und ist wohl bei einem der­ar­ti­gen opus magnum unver­meid­li­ch. Denn als umfas­sen­de „Theo­rie der Geschichts­wis­sen­schaft“ bie­tet die ‚His­to­rik‘ eben eine über die Ein­zel­stu­die hin­aus­ge­hen­de sys­te­ma­ti­sch-syn­op­ti­sche Ver­knüp­fung bekann­ter Kon­zep­te und Theo­rie­bau­stei­ne aus Rüsen’scher Feder. Und dazu gehört eben auch, und dies ist einer der unbe­ding­ten gro­ßen Vor­zü­ge von Rüsens ‚His­to­rik‘, dass auch die Geschichts­di­dak­tik und das Pro­blem­feld Geschichts­be­wusst­sein im gesam­ten Raum des kul­tu­rel­len Lebens ele­men­ta­rer Teil sei­ner viel­di­men­sio­na­len His­to­rik sind – wie es sich für die Theo­rie einer Geschichts­wis­sen­schaft, die sich als unmit­tel­bar und unbe­dingt lebens­prak­ti­sche Wis­sen­schaft begreift, ja fast von selbst ver­steht.

Zu der – recht umfang­rei­chen – Rezen­si­on geht es bit­te hier ent­lang: kli­ck.

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  • Hans Well zur Land­tags­wahl Bay­ern – Süddeutsche.de – Hans Well steht der Süd­deut­schen zur Bay­ern-Wahl Rede und Ant­wort – zum Bei­spiel auf die Fra­ge: „War See­ho­fer über­haupt der geeig­ne­te Spit­zen­kan­di­dat?“

    Ich möch­te die­sen Ingol­städ­ter Wan­kel­mo­tor in Schutz neh­men: Anders als Stoi­ber geht See­ho­fer spar­sam mit „Ähs“ um und zwängt sich nicht in Gebirgs­schüt­zen­uni­form. See­ho­fer ist end­li­ch mal ein Poli­ti­ker, der sich nie fest­legt – außer auf zwei Kilo­me­ter Abstand zu Wind­parks, um somit ohne Wind­rä­der den Atom­aus­stieg durch­zu­peit­schen. Das nen­ne ich kla­re Kan­te. Kommt beim Som­mer­wäh­ler­schluss­ver­kauf super an. Der braucht von der Kanz­le­rin nix zu ler­nen. Der hat schon alles selbst drauf.

  • Auch Anti-Euro­zen­tris­mus kann zur Ideo­lo­gie wer­den – Inter­view mit Jür­gen Oster­ham­mel | Das 19. Jahr­hun­dert in Per­spek­ti­ve – Marei­ke König hat sich mir Jür­gen Oster­ham­mel über Welt­ge­schich­te unter­hal­ten, und natür­li­ch vor allem über sein rie­si­ges Buch „Die Ver­wand­lung der Welt. Eine Geschich­te des 19. jahr­hun­derts“. Jetzt habe ich noch mehr Lust, den Wäl­zer anzu­ge­hen (aber vor der zeit­fres­sen­den Lek­tü­re schre­cke ich irgend­wie immer noch zurück …)
  • Peter Gabri­el : „Im Alter ist man immer noch ein Kind“ – DIE WELT – Peter Gabri­el meint (in einem selt­sam höl­zer­nen Inter­view), es wäre Zeit für einen Regie­rungs­wech­sel in Deutsch­land …
  • NDR löscht nach Pro­test von CDU-Poli­ti­ker Doku­men­ta­ti­on über SPD-Poli­ti­ker « Ste­fan Nig­ge­mei­erNDR löscht nach Pro­test von CDU-Poli­ti­ker Doku­men­ta­ti­on über SPD-Poli­ti­ker (via Publis­hed arti­cles)
  • Roman „Tabu“: Der Mord, der kei­ner war | ZEIT ONLINE – Wow, Ulrich Grei­ner hat Fer­di­nand von Schi­rachs Roman „Tabu“ gele­sen. Und ist über­haupt nicht zufrie­den gewe­sen:

    Der Roman jedoch ist schlecht. Schi­rach liebt das phi­lo­so­phi­sche Faseln, den bedeu­tungs­schwan­ge­ren Psy­cho­lo­gis­mus. Und er han­tiert mit einer ästhe­ti­schen Theo­rie, die das Inein­an­der und das Gegen­ein­an­der ver­schie­de­ner Ebe­nen von Wirk­lich­keit anschau­li­ch machen soll. Es geht auch um die Fra­ge, was Wahr­heit in der Kunst bedeu­tet und was im Leben. Sol­ch schwe­ren The­men ist Schi­rachs Spra­che nicht gewach­sen, und gründ­li­ch durch­dacht wirkt das Gan­ze eben­falls nicht. Wenn ich recht sehe, han­delt es sich alles in allem um einen gro­ßen Bluff.

    Spä­ter wei­tet er sein ver­nich­ten­des Urteil – so einen deut­li­chen, kras­sen und kom­plet­ten Ver­riss habe ich schon lan­ge nicht mehr gele­sen – noch aus:

    Um es deut­li­ch zu sagen: Fer­di­nand von Schi­rach kann nicht schrei­ben. Natür­li­ch kann er Tex­te ver­fas­sen, sach­dien­li­che, scharf­sin­ni­ge, klu­ge, schließ­li­ch ist er ein erfolg­rei­cher Anwalt. Aber es fehlt ihm die Gabe der Ima­gi­na­ti­on, des Her­bei­zau­berns einer neu­en Welt, der lite­ra­ri­schen Sub­ti­li­tät. Bloß aus Haupt­sät­zen baut man kei­nen Palast, allen­falls eine Hüt­te.

    Das/Der ist erle­digt.

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Ins Netz gegan­gen (16.5.):

  • Digi­ta­le Lern­um­ge­bun­gen in Uni­ver­si­täts­se­mi­na­ren mit Wikis und Ether­pads | papier­los – ein­fach – kol­la­bo­ra­tiv – BYOD | His­to­ri­sch den­ken | Geschich­te machen – Digi­ta­le Lern­um­ge­bun­gen in Uni­ver­si­täts­se­mi­na­ren mit Wikis und Ether­pads | papier­los – ein­fach – kol­la­bo­ra­tiv – BYOD (via Publis­hed arti­cles)
  • Klei­ne Bröt­chen backen – taz.de – Det­lef Kuh­l­brodt war beim Geburts­tags­fest zum zehn­jäh­ri­gen Bestehen des kook­book-Ver­la­ges:

    Vor zehn Jah­ren grün­de­ten die 28-jäh­ri­ge Dich­te­rin und Lek­to­rin Danie­la Seel und der Gra­fi­ker Andre­as Töp­fer Kook­books. Zehn Jah­re und 55 Bücher spä­ter gilt der Ver­lag als einer der renom­mier­tes­ten deut­schen Ver­la­ge. Die Lis­te der Auto­ren, die hier ihre Hei­mat und Zuflucht gefun­den haben, liest sich wie ein Lexi­ko­nein­trag „Deut­sche Lyrik des 21. Jahr­hun­derts“, ver­fasst im Jah­re 2050.

  • Wer­bung vs. Pri­vat­sphä­re – ben_ hat sehr recht:

    Aber solan­ge sich Wer­bung und Pri­vat­sphä­re aus­schlie­ßen […], blei­ben halt auch Wer­be­mit­tel geblockt.

    Ich habe vor­ges­tern auch getes­tet: Das Aus­schal­ten des AdBlo­ckers erreicht nur, dass an man­chen Stel­len der Web­sei­te das Wört­chen „Anzei­ge“ auf­taucht – die Anzei­gen sind aber durch NoScript und v.a. Request­Po­li­cy immer noch geblockt. Da muss man schon sehr viel Schnüff­ler zulas­sen, bis die auf­tau­chen …

  • Neue Gedich­te von Nico Bleut­ge: Fei­ne Ver­we­hun­gen – Nach­rich­ten – NZZ.ch -

    Ganz dicht an den Kon­tu­ren der Din­ge ent­lang ent­fal­ten die­se Gedich­te eine detail­ver­ses­se­ne Phä­no­me­no­lo­gie der Natur­stof­fe, wobei die ein­zel­nen Tei­le stets in eine Kreis- oder Dreh­be­we­gung ver­setzt wer­den.

    – Micha­el Braun ist von Nico Bleut­ges neu­es­tem Gedicht­band „ver­deck­tes gelän­de“ sehr ange­tan

Es geht auch ohne Band: Jazzchor Freiburg a-cappella

Jeder neu­en CD des Jazz­chor Frei­burg wird mit Span­nung und Vor­freu­de ent­ge­gen­ge­fie­bert, die Erwar­tun­gen sind hoch. Und die 11 Songs von „A Cap­pel­la“ ent­täu­schen sicher nie­mand – auch wenn der Jazz­chor hier das ers­te Mal pur zu hören ist, ganz ohne instru­men­ta­le Rhyth­mus­grup­pe. Das beginnt schon mit dem klang­mäch­ti­gen Start des Titel­songs, „A Cap­pel­la“. Mit stark gefea­tur­ter Beat­box von Juli­an Knör­zer – der wird noch öfters begeg­nen – ist das ein pefek­ter Opener für die bun­te Mischung die­ser CD

Denn nicht nur der ers­te Titel, son­dern das gan­ze Album ist per­fek­te Wer­bung für den Jazz­chor (und nicht nur für die Frei­bur­ger): Wer hier nichts fin­det, ist für die­se Musik wohl ver­lo­ren. Aber die CD ist dabei auch unge­heu­er dis­pa­rat. Alle drei bis vier Minu­ten kommt völ­lig ande­re Musik aus den Laut­spre­chern. Auf das wei­che, war­me „In Per­son“ zum Bei­spiel folgt naht­los „A May Song“ von Bertrand Grö­ger eine aus­ge­spro­chen raf­fi­nier­te voka­le Spie­le­rei, bevor es mit „Shiny Sto­ckings“ zum klas­si­schen Swing wech­selt: Gera­de das ist durch­aus gran­di­os in sei­ner Makel­lo­sig­keit und wun­der­bar inspi­rie­rend. Über­haupt nut­zen die Arran­ge­mens die Fähig­kei­ten des Jazz­cho­res sehr gut. Die ekle­ti­sche Stil­mi­schung ist näm­li­ch als Leis­tungs­aus­weis sehr geeig­net und war­tet mit zahl­lo­sen fas­zi­nie­ren­den Momen­ten auf. Und bleibt dabei doch auch unge­heu­er ver­spielt: Das hat oft etwas sehr unmit­tel­bar begeis­ter­tes – fast scheint es, als wol­le der Chor aus­pro­bie­ren, was er noch alles kann (und das ist viel). „Cute“ mischt etwa schön einen alten Big-Band-Hit von Neal Hef­ti mit Beat­box-Ele­men­ten, einem druck­vol­len Chor und span­nen­dem Scat-Solo von Lar­ry Brow­ne, wäh­rend Piaz­zol­las Tan­go „La Muer­te del Angel“ zu einer veri­ta­blen Chor-Etü­de wird, die man durchs Tan­zen über­haupt nicht ent­eh­ren will.

Auch die afri­ka­ni­sche Ein­flüs­se machen sich nicht nur in Grö­gers „Afri­can Call“ mehr als deut­li­ch bemerk­bar – selbst im Hap­py Bir­th­day schei­nen sie durch. Aber das Arran­ge­ment von Klaus Frech ist sowie­so sehr frei – und über­ra­schend span­nend, auch weil der Text voll­kom­men ersetzt wur­de. Doch das Bes­te kommt erst ganz am Schluss: Eine wun­der­ba­re Ver­si­on des Beat­les-Song „Good Night“ – scharf am Kit­sch ent­lang balan­cie­rend, aber von Betrand Grö­ger mit sou­ve­rä­ner Hand arran­giert und diri­giert, vom Jazz­chor Frei­burg ganz wie gewohnt tadel­los gesun­gen, zeigt das fast wie ein Fazit noch ein­mal, war­um der Jazz­chor Frei­burg immer noch und immer wie­der Stan­dards setzt.

Jazz­chor Frei­burg: A Cap­pel­la. 2012. Jazz­haus Recor­ds JHR 055.
(geschrie­ben für die Neue Chor­zeit.)

Verreißen

In der „Süd­deut­schen Zei­tung“ kann man heu­te ein wun­der­ba­res Bei­spiel für einen Total­ver­riss fin­den: Jens Hacke lässt kein ein­zi­ges gutes Haar an der Habi­li­ta­ti­ons­schrift von Fried­rich Kieß­ling, der die alte Bun­des­re­pu­blik auf ihre/eine Ide­en­ge­schich­te unter­sucht. Und Hacke bemän­gelt wirk­li­ch alles, was man an einer his­to­ri­schen Stu­die kri­ti­sie­ren kann: Die (feh­len­de) Metho­de, die man­geln­de Berück­sich­ti­gung neu­er Lite­ra­tur, die dün­ne und unver­ständ­li­che Quel­len­aus­wahl und sogar den Titel. Und natür­li­ch die mage­ren Ergeb­nis­se. Gründ­li­cher kann man einen His­to­ri­ker­kol­le­gen kann erle­di­gen. Zumin­dest nicht mit Feder und Tin­te …

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