Lesen. Hören. Und ein bisschen schreiben.

Schlagwort: musiktheater

Ins Netz gegangen (19.3.)

Ins Netz gegan­gen am 19.3.:

  • Die zwölf Arbei­ten des Ver­le­gers | Edit – jan wen­zel cha­ra­ke­ri­siert die tätig­keit des ver­le­gens in 12 arbei­ten und beginnt mit dem „ein­krei­sen der gegen­wart“, bevor er sich eher pro­sa­ischen arbei­ten widmet

    Die Arbeit des Ver­le­gers ist vor allem eine Suche. […] Der Wunsch, die flüch­ti­ge Gegen­wart les­bar zu machen, ist sein Antrieb. Die Spur sei­ner Such­be­we­gung sind die Bücher, die ent­ste­hen. Jetzt und jetzt und jetzt.

  • Vor­schlä­ge für eine bes­se­re Opern­welt. | Bad Blog Of Musick – moritz eggert macht – ziem­lich ein­fa­che – vor­schlä­ge, wie die opern­welt deutsch­lands bes­ser (und vor allem: aktu­el­ler) wer­den könn­te: ein­fach mehr neue opern spie­len – und zwar nicht nur urauf­füh­run­gen, son­dern auch nach-inszenierungen …

    Gäbe es aber viel Neu­es, Ver­rück­tes und Expe­ri­men­tel­les in den Opern­häu­sern zu sehen, so wür­de man sich auch ger­ne mal eine Mozar­t­oper anschau­en, die ohne sinn­lo­sen Schnick­schnack aus­kommt und in der sich nie­mand anpis­sen muss. Das wäre dann auch nicht spie­ßig, son­dern leben­di­ge Tra­di­ti­on in Kom­mu­ni­ka­ti­on mit dem Neu­en. Wenn ich mir die “Mona Lisa” anschaue, so ist es halt die “Mona Lisa”, und das ist auch in Ord­nung so. Ein Doku­ment einer bestimm­ten Zeit, einer bestimm­ten Sicht auf die Din­ge. Ich muss das nicht zer­stö­ren, son­dern kann es auch so mal ste­hen lassen.
    Es wäre alles so einfach.
    Wenn sich nur jemand mal end­lich trau­en wür­de, etwas dau­er­haft zu ändern.

  • Heid­eg­ger-Lehr­stuhl-Streit: Rek­tor ver­steht nicht – jür­gen kau­be über die „auf­re­gung“ um die umwid­mung eines lehr­stuhls zur juni­or-pro­fes­sur an der uni freiburg:

    Doch der Rek­tor der Uni­ver­si­tät Frei­burg ver­steht die gan­ze Auf­re­gung nicht. Wir glau­ben ihm. Er ver­steht es ein­fach nicht, aber genau das ist ja das Pro­blem. An deut­schen Uni­ver­si­tä­ten, die dau­ernd Exzel­lenz beschwö­ren und nach Stan­ford schau­en, gibt es zu viel Spit­zen­per­so­nal, das ein­fach nicht ver­steht, wenn sich ande­re über die Phra­sen auf­re­gen, mit denen es sei­ne merk­wür­di­gen Ent­schei­dun­gen dekoriert.

  • BND-Über­wa­chung: War­um schickt der BND der Bun­des­wehr abge­hör­te Daten? | ZEIT ONLINE – es hört nicht auf mit den spio­na­ge­skan­da­len – der bnd scheint wirk­lich kei­ner­lei respekt für irgend­wel­che deut­schen geset­ze und gren­zen zu haben:

    War­um gibt der BND der Bun­des­wehr abge­hör­te Daten? Und lässt von ihr Spio­na­ge­mel­dun­gen über­set­zen? Es ist illegal 

  • Vor­rats­da­ten­spei­che­rung : Ein Schritt zur tota­len Über­wa­chung | ZEIT ONLINE – kai bier­mann erin­nert (mal wie­der, lei­der aber eben auch mal wie­der not­wen­di­ger­wei­se) dar­an, war­um eine lücken­lo­se über­wa­chung der gesam­ten bevöl­ke­rung mit der vor­rad­tsda­ten­spei­che­rung kei­ne so gute idee ist:

    Dar­um aber, die Arbeit der Poli­zei beque­mer zu machen, darf es nicht gehen. Sicher­heit ist nicht das obers­te Ziel eines Staa­tes, auch wenn Innen­mi­nis­ter das ger­ne behaup­ten. Wäre es das, wür­de die­ser Staat bald all sei­ne Bür­ger voll­stän­dig über­wa­chen. Genau um das zu ver­hin­dern, gibt es das Grund­ge­setz, es ist eine Samm­lung von Abwehr­rech­ten, mit denen sich die Bür­ger den Staat vom Leib hal­ten sol­len. Und dort steht, die Wür­de der Men­schen zu schüt­zen und zu erhal­ten, sei die ers­te Regel.
    […] Kein Anschlag der ver­gan­ge­nen Jah­re war im Nach­hin­ein eine Über­ra­schung, alle Täter waren bereits zuvor auf­ge­fal­len. Für die­se Erkennt­nis­se brauch­te es kei­ne gesetz­li­che Vorratsdatenspeicherung. 

  • Peter Engst­ler: Die Frei­heit, lang­sam zu sein | Frank­fur­ter Rund­schau – sabi­ne vog­ler hat den wun­der­ba­ren peter engst­ler und sei­nen ver­lag besucht und ein schö­nes por­trät eines idea­lis­ten geschrieben:

    Als Engst­ler 1986 mit dem Bücher­ver­le­gen begann, hat­te er kei­ner­lei Finanz­ka­pi­tal im Hin­ter­grund. Das ist bis heu­te so. Sein Ein­mann­be­trieb rech­net sich markt­wirt­schaft­lich nicht. Engst­lers Bücher, nun­mehr knapp 200 und fast alle noch lie­fer­bar, sind Nischen­pro­duk­te: Lyrik, expe­ri­men­tel­le Prosa.
    […] Engst­ler ist ein Bei­spiel dafür, dass doch ein rich­ti­ges Leben im fal­schen mög­lich ist. Ein glück­li­cher Rebell, dem nichts man­gelt. […] Was immer da abläuft, es ist unbezahlbar.

  • ICE-Anbin­dung Darm­stadts: Kniff­li­ge Über­le­gun­gen – neue Eisen­bahn­stre­cken zu pla­nen kann ganz schön kom­pli­ziert sein. Hier: ICE in Darm­stadt – hält er oder nicht?

Ins Netz gegangen (12.10.)

Ins Netz gegan­gen am 12.10.:

  • Lite­ra­tur-Nobel­preis: Georg Diez über Patrick Modia­no und Lutz Sei­ler – SPIEGEL ONLINE – georg diez hadert mit dem „ästhe­ti­schen und stru­ku­rel­len kon­ser­va­tis­mus der buchbranche“:

    Das ist der Hin­ter­grund, vor dem der ästhe­ti­sche Kon­ser­va­tis­mus eines Romans wie „Kru­so“ zele­briert wird und erklär­bar wird: der digi­ta­le, wirt­schaft­li­che, mög­li­cher­wei­se auch poli­ti­sche Epo­chen­bruch. Die­ser Roman, der Roman an sich, so wie er gera­de defi­niert wird, ist damit vor allem eine Schutz­be­haup­tung der Erinnerung. 

  • Peter Kurz­eck: Der Mann, der immer gear­bei­tet hat – der stroem­feld-ver­lag wird/​will wohl alles, was kurz­eck hin­ter­las­sen hat, zu geld machen. bei einem autor, der der­ma­ßen fast manisch kor­ri­gier­te und ver­bes­ser­te bis zum schluss, hal­te ich frag­ment-aus­ga­ben ja nur für mäßig sinn­voll (und es ist ja nicht so, als gäbe es nicht genug kurz­eck zu lesen …). aber trotz­dem freue ich mich und bin gespannt, was da noch kommt in den nächs­ten jahren

    Und dann sind da noch die Notiz­zet­tel, die Kurz­eck zu Mate­ri­al­samm­lun­gen zusam­men­ge­stellt hat, mit Titeln wie „Stau­fen­berg II“ und „Stau­fen­berg III“. Sie dien­ten ihm zur Arbeit an „Kein Früh­ling“ und „Vor­abend“, zei­gen aber auch, dass „Ein Som­mer, der bleibt“, das ers­te der erfolg­rei­chen Erzähl-Hör­bü­cher, die Kurz­eck seit 2007 ein­sprach, schrift­li­che Vor­stu­fen gehabt hat. Mit­ten­drin ein Notiz­zet­tel, der wie der Anfang von allem anmu­tet: „Das Dorf steht auf einem Basalt­fel­sen eh + je. Jetzt soll es das Dorf wer­den (sein) + liegt uner­reich­bar im Jahr 1947, im Abend.“ Uner­reich­bar. Das Ver­gan­ge­ne wie­der erreich­bar zu machen, hat Kurz­eck bis zuletzt ver­sucht. Los­se erin­nert sich an eine Bemer­kung des Autors im Frank­fur­ter Kran­ken­haus: „Wir hät­ten noch mehr arbei­ten müs­sen.“ An der Prä­sen­ta­ti­on des­sen, was fer­tig gewor­den ist, arbei­tet Kurz­ecks Verlag.

  • Schat­ten­bi­blio­the­ken: Pira­te­rie oder Not­wen­dig­keit? – sehr span­nend: In gewal­ti­gen, frei zugäng­li­chen Online-Daten­ban­ken ver­brei­ten anony­me Betrei­ber wis­sen­schaft­li­che Lite­ra­tur, ohne Beach­tung des Urhe­ber­rech­tes. Doch die digi­ta­len Samm­lun­gen sind nicht nur Pira­te­rie, sie wei­sen auch auf gro­ße Ver­säum­nis­se der Wis­sen­schafts­ver­la­ge hin – sagt der unga­ri­sche Pira­te­rie-For­scher Balázs Bodó. Im Inter­view mit der Jour­na­lis­tin Miri­am Ruhen­stroth erklärt er, wie­so die Schat­ten­bi­blio­the­ken in Ost- und Mit­tel­uro­pa so gefragt sind und wie das Pro­blem zu lösen wäre.
  • Mari­hua­na: Die selt­sa­me Ver­fol­gung der nüch­ter­nen Kif­fer | ZEIT ONLINE -

    Wer kifft, gefähr­det den Stra­ßen­ver­kehr. Auch ohne Rausch, jeder­zeit. Das glau­ben zumin­dest Behör­den. Sie ent­zie­hen selbst nüch­ter­nen Taxi­kun­den den Füh­rer­schein. […] Behör­den haben anschei­nend Gefal­len dar­an gefun­den, über den Umweg des Ver­wal­tungs­rechts, eigen­mäch­tig ein biss­chen für Ord­nung unter Can­na­bis-Kon­su­men­ten zu sorgen.

  • xkcd: The Sake of Argu­ment – xkcd über’s Argu­men­tie­ren: The Sake of Argument
  • Ado­be is Spy­ing on Users, Coll­ec­ting Data on Their eBook Libra­ri­es – The Digi­tal Rea­der – ado­be spio­niert mit digi­tal edi­ti­ons 4 die nut­zer aus: im klar­text (!) wer­den nicht nurin de4 geöff­ne­te bücher mit ihren meta­da­ten und denen der lese­rin über­tra­gen, son­dern de4 durch­sucht auch ohne sich das geneh­mi­gen zu las­sen den gesam­ten com­pu­ter nach irgend­wel­chen ebooks (auch sol­chen, die nicht in de4 benutzt wer­den), um deren daten eben­falls an ado­be zu sen­den. grausam.
  • Ego­is­ti­sche Zwei­sam­keit: Ersatz­re­li­gi­on Lie­be – Men­schen – FAZ – mar­kus gün­ther über die „ersatz­re­li­gi­on lie­be“, die sich in letz­ter zeit immer mehr aus­brei­tet (und abso­lut setzt):

    Zu den Kol­la­te­ral­schä­den der Ersatz­re­li­gi­on Lie­be gehö­ren aber auch die vie­len Men­schen, die allein sind. Ihr Leben wird als defi­zi­tär wahr­ge­nom­men. Man ver­mu­tet, dass etwas mit ihnen nicht stimmt. Dass jemand frei­wil­lig einen ande­ren als den Weg in die Part­ner­schaft geht, ist schlech­ter­dings unver­ständ­lich. Dass jemand einen geeig­ne­ten Part­ner nicht gefun­den hat, gilt als sein ganz per­sön­li­ches Ver­sa­gen. So oder so, er hat von sei­ner Umwelt bes­ten­falls Mit­leid zu erwarten.
    […] Ist der Mythos Lie­be nicht wenigs­tens dafür gut, den Men­schen aus sei­nem Ego­is­mus her­aus­zu­füh­ren? Ist die Sehn­sucht nach Part­ner­schaft nicht immer noch bes­ser als die Selbst­sucht? Die Ant­wort lau­tet: Die­se Art der Lie­be ist nur schein­bar eine Über­win­dung der eige­nen Gren­zen. In Wahr­heit han­delt es sich um eine Fort­set­zung der Ich-Bezo­gen­heit mit ande­ren Mit­teln, denn die Trieb­kraft, die wirkt, ist ja, wenn man ehr­lich ist, gar nicht der Wunsch zu lie­ben, son­dern der, geliebt zu werden.

  • Deut­scher His­to­ri­ker­tag: Die The­se vom Son­der­weg war ja selbst einer – jür­gen kau­be berich­tet sehr lau­nig, poin­tiert (und mit gemei­nen, natür­lich abso­lut fehl­ge­lei­te­ten sei­ten­hie­ben gegen die ger­ma­nis­tik …) vom göt­tin­ger historikertag:

    Man kann ver­mut­lich lan­ge war­ten, bis zum ers­ten Mal ein Ban­kier, eine Schrift­stel­le­rin oder ein Aus­län­der den His­to­ri­ker­tag eröffnet.

    Wäre es nicht an der Zeit, ein­mal zum The­ma „Ver­gan­gen­heit“ zu tagen?

    Eine sinn­vol­le Ein­heit des­sen, was die His­to­ri­ker tun, die sich durch alle ihre For­schun­gen zöge, gibt es nicht. Und wenn die Göt­tin­ger Stich­pro­be nicht täusch­te, dann gibt es nicht ein­mal Haupt­li­ni­en oder Trends.

  • Wil­der Kai­ser extre­me on Vimeo – wohl das ver­rück­tes­te video, das ich in letz­ter zeit sah (fahr­rad­fah­ren kann man die­sen stunt aller­dings kaum noch nen­nen. und ver­nünf­tig ist natür­lich auch etwas ganz anderes …)
  • Aus­wüch­se des Regie­thea­ters: Oper der Belie­big­kei­ten – Büh­ne Nach­rich­ten – NZZ​.ch – der musik­wis­sen­schaft­ler lau­renz lüt­te­ken rech­net mit dem regie­thea­ter aktu­el­ler prä­gung auf der opern­büh­ne ab:

    Denn die land­läu­fi­ge Behaup­tung, dass man etwas heu­te «so» nicht mehr machen kön­ne, ist nicht nur teleo­lo­gi­scher Unfug, sie ist über­dies unlau­ter. In den Opern­häu­sern regiert näm­lich ein unan­ge­foch­te­ner Kanon, der weit­aus fes­ter zemen­tiert ist als noch vor fünf­zig Jah­ren. So spricht gewiss nichts dage­gen, den Anteil neu­er Wer­ke zu erhö­hen, aber es ist mehr als frag­wür­dig, die alten Wer­ke mit immer neu­en Bil­dern ver­meint­lich «modern» zu machen und sich damit behag­lich im Kanon ein­zu­rich­ten. Zudem hat der Moder­ne-Begriff, der hier bedient wird – das «Ver­stö­ren­de», «Pro­vo­zie­ren­de», «Bestür­zen­de» –, inzwi­schen selbst so viel Pati­na ange­setzt, dass man ihn getrost in die Geschich­te ent­las­sen sollte.

    ich bin durch­aus geneigt, ihm da zumin­dest in tei­len zuzu­stim­men: die regie hat sich oft genug ver­selb­stän­digt (auch wenn ich eine total­ab­leh­nung, die ich bei ihm zwi­schen den zei­len lese, nicht befür­wor­te). dage­gen führt er an: 

    Die his­to­ri­sche Ver­ant­wor­tung im Umgang mit Tex­ten der Ver­gan­gen­heit ist nichts Ent­behr­li­ches, sie ist auch nicht, wie so oft behaup­tet, ein Relikt alt­mo­di­schen Phi­lo­lo­gen­tums, zumal das Argu­ment für die Musik nicht gel­tend gemacht wird. Was aber nützt eine kri­ti­sche Aus­ga­be des «Don Gio­van­ni», wenn die Sze­ne­rie kur­zer­hand (wie in Linz) von Sex and Crime der Pop-Stars erzählt? Tex­te, Par­ti­tu­ren der Ver­gan­gen­heit bedür­fen viel­mehr einer beson­de­ren Sen­si­bi­li­tät, denn erst, wenn es gelingt, im Ver­gan­ge­nen das Gegen­wär­ti­ge auf­zu­spü­ren (statt die Gegen­wart dem His­to­ri­schen ein­fach nur über­zu­stül­pen), kann sich der Rang eines Kunst­werks, auch eines musi­ka­li­schen Büh­nen­kunst­werks, bewähren.

    sein argu­ment übri­gens, statt immer wie­der das sel­be neu auf­zu­fri­schen öfters mal neu­es zu spie­len, wür­de ich unbe­dingt ger­ne ver­wirk­licht sehen – ich ver­ste­he die reper­toire-fixie­rung der oper eh’ nicht so ganz (die ja auch gewis­ser­ma­ßen unhis­to­risch ist – „die ent­füh­rung aus dem serail“ bei­spiels­wei­se war kaum dazu gedacht, heu­te noch auf­ge­führt zu werden …)

Ins Netz gegangen (21.7.)

Ins Netz gegan­gen am 21.7.:

  • Zeit­ge­nös­si­sche Oper: „Aua, aua – Schme-e-erzen!“ | ZEIT ONLINE – chris­ti­nen lem­ke-matwey reka­pi­tu­liert die opern-urauf­füh­run­gen der letz­ten mona­te – und die situa­ti­on des zeit­ge­nös­si­schen musik­thea­ters überhaupt:

    Die Oper bleibt, was sie immer war, trä­ge, kuli­na­risch, teu­er, selbst­ver­liebt – und die Kom­po­nis­ten, auch die, die ihr abge­schwo­ren haben, ver­sam­meln sich halb reu­mü­tig, halb blau­äu­gig in ihrem war­men Schoß.

    nicht ohne hoff­nung, aber so rich­tig begeis­tert scheint sie auch nicht zu sein – und auch kei­ne idee zu haben, was eine (neue) begeis­te­rung aus­lö­sen könnte: 

    Man mag es schlimm fin­den oder nicht, wenn die Men­schen nicht mehr in Mozarts Zau­ber­flö­te oder Bizets Car­men gin­gen; rich­tig schlimm, ja ver­hee­rend wäre es, wenn es kei­ne ritu­el­len Orte mehr gäbe, an denen sich eine Gemein­schaft über ihre Emo­tio­nen und Affek­te ver­stän­dig­te, ohne immer gleich dar­über reden zu müs­sen, einer Sek­te bei­zu­tre­ten oder ins nächs­te Fuß­ball­sta­di­on zu ren­nen. Orte für Musik, Orte für Augen, Ohren und Sin­ne, Opern­häu­ser eben. 

    (ich wüss­te ja nur gern ein­mal, ob das wirk­lich stimmt, dass „der­zeit so vie­le [neue Stü­cke] wie noch nie“ ent­ste­hen – zah­len und ver­glei­che nennt sie lei­der keine …)

  • Uwe John­son: Daheim in der Par­al­lel­welt | ZEIT ONLINE – jan brandt schießt in sei­ner begeis­te­rung für uwe john­son, der ges­tern 80 jah­re alt gewor­den wäre, ein wenig übers ziel hinaus:

    Dabei war John­son der inno­va­tivs­te, radi­kals­te, manischs­te deut­sche Nachkriegsautor.

    trotz­dem aber eine gelun­ge­ne und rich­ti­ge und not­wen­di­ge hom­mage an einen gro­ßen autor

  • Klas­sen­ge­sell­schaft: Stan­des­ge­mäß | Kar­rie­re | ZEIT ONLINE – die „Zeit“ zeigt schö­ne und inter­es­san­te (porträt-)fotos aus der wei­ma­rer republik:

    Der Foto­graf August San­der hat die Stän­de­ge­sell­schaft der Wei­ma­rer Repu­blik por­trä­tiert. Er foto­gra­fier­te die Men­schen in ihrer typi­schen Umge­bung, mit cha­rak­te­ris­ti­scher Klei­dung oder in typi­scher Haltung.

    (von „Stän­de­ge­sell­schaft“ wür­de ich zwar nicht spre­chen, aber seis drum …)

  • IAS­Lon­line Net­Art: Geschich­te der Com­pu­ter­kunst Inhalts­ver­zeich­nis – tho­mas dre­her hat eine „Geschich­te der Com­pu­ter­kunst“ geschrie­ben und pas­send im netz veröffentlicht:

    Nach fünf Jahr­zehn­ten Com­pu­ter­kunst sind aus­führ­li­che­re Rekon­struk­tio­nen der his­to­ri­schen Ent­wick­lungs­li­ni­en des Ein­sat­zes von Rech­nern und Rechen­pro­zes­sen in künst­le­ri­schen Pro­jek­ten fäl­lig, um Com­pu­ter­kunst als eigen­stän­di­gen Bereich der Medi­en­kunst erken­nen zu können.

  • Kolum­ne Luft und Lie­be: So cra­zy wie gol­de­ne Leg­gins – taz​.de -

    Nein, ver­mut­lich hilft die „x“-Endung nicht im Nah­ost­kon­flikt. Viel­leicht löst sie über­haupt ganz wenig und wird schon bald durch irgend­was mit „y“ abge­löst. Men­schen, die sich an Baby­spi­nat-Man­gold-Smoothies gewöh­nen, wer­den sich mit der Zeit auch an neue Sprach­for­men gewöh­nen. Men­schen, die ver­su­chen, einer Wis­sen­schaft­le­rin zu erklä­ren, was sie vor geschätz­ten 37 Jah­ren in der Schu­le gelernt haben, von jeman­dem, der 20 Jah­re vor­her Bio­lo­gie auf Lehr­amt stu­diert hat: schwierig. 

  • Sym­bol­ge­halt ǀ Wir sind wie­der wer anders—der Frei­tag – georg seeß­len über fuß­ball, poli­tik, nati­on, sym­bol und verwertungszusammenhänge:

    Ein Fuß­ball­spiel hat kei­ne poli­ti­sche Bot­schaft, so wenig wie die Fri­sur eines Bun­des­trai­ners einen kul­tur­ge­schicht­li­chen Wen­de­punkt mar­kiert. Die poli­ti­sche Meta­pho­rik wird erst danach pro­du­ziert. Je nach Bedarf. Je nach Inter­es­se. Je nach Ein­fluss. Wie schön wäre es, wie­der ein­mal sagen zu kön­nen, gewon­nen hät­ten ein­fach die­je­ni­gen, die an dem ein oder ande­ren Tag am bes­ten Fuß­ball gespielt haben. Ein schö­nes Spiel sei ein schö­nes Spiel. Und sonst nichts. Aber das ist eben das Kreuz mit den Rea­li­täts­mo­del­len. Sie ver­lie­ren ihre eige­ne Rea­li­tät. Wie viel Wahr­heit ist noch auf dem Platz, wenn die Macht der Insze­na­to­ren und Pro­fi­teu­re ins Uner­mess­li­che geht?

  • Ber­li­ner Phil­har­mo­ni­ker Recor­dings: Im Lei­nen-Schmuck­pack samt Blu-ray | Musik – Ber­li­ner Zei­tung – Inter­es­sant, wie tief­ge­hend man Klas­sik­kri­ti­ker mit einer außer­ge­wöhn­li­chen CD-Ver­pa­ckung irri­tie­ren & ver­stö­ren kann

Ins Netz gegangen (28.10.)

Ins Netz gegan­gen am 28.10.:

  • Ein kri­mi­na­lis­ti­sches Lehr­stück – taz​.de – Fas­zi­nie­rend: Die Phy­si­ke­rin Inge Schmitz-Feu­er­ha­ke erzählt Gabrie­le Goett­le in der taz, wie unwis­sen­schaft­lich die Wis­sen­schaft (der Kern­phy­sik und ver­wand­ter Berei­che etwa) lan­ge und oft han­delt und arbeit – und mit wel­chen schreck­li­chen Folgen:

    Ich bin da ganz naiv ran­ge­gan­gen. Es war mir aller­dings auf­ge­fal­len, wie groß­zü­gig die Sicher­heits­be­stim­mun­gen waren. Ich hat­te den Sicher­heits­be­richt ver­fasst, ohne den kei­ne Nukle­ar­an­la­ge betrie­ben wer­den kann, und war über­rascht, wie wohl­wol­lend das Minis­te­ri­um war und wie wohl­wol­lend der TÜV sich gegen­über dem Pro­jekt zeig­te. Spä­ter habe ich dann fest­ge­stellt, dass das­sel­be Wohl­wol­len auch bei den gro­ßen Anla­gen vor­herrscht und dass im Grun­de kei­ne zwei­te unab­hän­gi­ge Kon­trol­le da ist. Das ist die Erfah­rung, die ich dann spä­ter auch mit dem KKW Krüm­mel bzw. mit der Über­wa­chung sei­ner Anla­gen gemacht habe. Es gibt aller­dings doch noch eine unab­hän­gi­ge Über­wa­chung durch die Auf­sichts­be­hör­de, die dar­in besteht, dass im gan­zen Land Detek­to­ren auf­ge­stellt wer­den, die im Gefah­ren­fall dann anzei­gen sol­len. Wir haben aber erlebt bei Krüm­mel, dass wenn ein Detek­tor anschlägt, man erst mal davon aus­geht, dass er kaputt ist und aus­ge­wech­selt wer­den muss. Wenn er dann noch mal anschlägt, wird er wie­der ausgewechselt.

    Dank bio­lo­gi­scher Dosi­me­trie konn­ten wir dann in der Elb­marsch nach­wei­sen, dass Umge­bungs­kon­ta­mi­na­tio­nen tat­säch­lich Leu­te ver­strahlt haben, rund ums KKW Krüm­mel. Krüm­mel war für uns das Lehr­stück. An 20 Erwach­se­nen und 10 Kin­dern haben wir mit­tels bio­lo­gi­scher Dosi­me­trie fest­ge­stellt, die haben tat­säch­lich eine Dosis abge­kriegt. Wir hat­ten zum Teil bis zu zehn­fach erhöh­te Chro­mo­so­men­ab­erra­tio­nen, also Abwei­chun­gen. So war klar, die offi­zi­el­len Dosis­an­ga­ben stim­men nicht! Aber unse­re Befun­de wur­den ener­gisch bestritten!

    und spä­ter erzählt sie:

    Die Auf­sichts­be­hör­de, die selbst den Unfall ver­tuscht hat, war zugleich die Kon­troll­be­hör­de unse­rer Ergeb­nis­se! Der Bock als Gärt­ner, das glaubt kei­ner. Für die wis­sen­schaft­li­chen Kri­ti­ker ist es sehr schwie­rig – selbst ihren Sym­pa­thi­san­ten gegen­über -, das Aus­maß der Kum­pa­nei zwi­schen Behör­den und Betrei­bern glaub­haft zu machen. Aber das ist inter­na­tio­na­ler Standard!

    total cra­zy, das alles …

  • Stre­se­mann-Reden – Gus­tav Stre­se­mann, 1923–1929 – kom­men­tier­te Edi­ti­on von Wolf­gang Elz, bis­her für die Jah­re 1923–1925 (auch) online erschie­nen (zwar „nur“ als pdf-Datei­en, aber immerhin …)
  • Kom­po­nis­tin Adria­na Höl­sz­ky: „Ich muss es ans Licht brin­gen“ | ZEIT ONLINE – Adria­na Höl­sz­ky lässt sich von Chris­ti­ne Lem­ke-Matwey ein paar Stich­wör­ter geben, um über Oper, Bal­lett, Fremd­heit und den Pro­zess des Kom­po­nie­rens zu reden (Inter­view kann man das kaum nennen …)

    Kom­po­nie­ren ist, wenn man ein­mal vor dem lee­ren Noten­blatt am Schreib­tisch sitzt, eine sehr kon­kre­te Arbeit. Die Beschaf­fen­heit eines Klangs spü­re ich kör­per­lich, wie eine Not­wen­dig­keit. Es ist alles da, ich muss es nur ans Licht brin­gen. Und dann hören es viel­leicht auch andere. 

    – wenn ich rich­tig sehe, sind Grund und The­ma des Gesprä­ches zwei Musik­thea­ter­wer­ke, die im Mai des nächs­ten Jah­res (!) urauf­ge­führt wer­den (die also kei­ner kennt und die ziem­lich sicher auch noch gar nicht fer­tig sind …)

  • ARD-Pro­gramm­di­rek­tor ver­hin­dert “Brenn­punkt” zur Späh-Affä­re « Ste­fan Nig­ge­mei­er – ARD-Pro­gramm­di­rek­tor ver­hin­dert »Brenn­punkt« zur Späh-Affä­re (via Published articles)

Taglied 27.5.2012

Weil ich mir heu­te in der Digi­tal­con­cert­hall die beein­dru­cken­de kon­zer­tan­te Auf­füh­rung der „Wal­kü­re“ der Ber­li­ner Phil­har­mo­ni­ker angesehen/​angehört habe:


Beim Kli­cken auf das und beim Abspie­len des von You­Tube ein­ge­bet­te­ten Vide­os wer­den (u. U. per­so­nen­be­zo­ge­ne) Daten wie die IP-Adres­se an You­Tube übertragen.

Der Weltuntergang findet nicht statt – Ligetis „Macabre“ in Mainz

Györ­gy Lige­tis „Le Grand Macab­re“ habe ich bis ges­tern noch nie live gese­hen, son­dern bis­her nur als Musik bzw. Text gekannt. Und die Main­zer Insze­nie­rung (auch für Mainz übri­gens das ers­te Mal, das auf die Büh­ne des Staats­thea­ters zu brin­gen) ist nicht dazu ange­tan, das wesent­lich zu ändern. Zumin­dest im Moment nicht. Denn das, was Regis­seur Loren­zo Fio­ro­ni auf die Büh­ne von Paul Zol­ler gebracht hat, ließ mich ziem­lich rat­los zurück. Rat­los inso­fern, als mir über­haupt nicht klar wur­de, was die Idee die­ser Insze­nie­rung war.

Die musi­ka­li­sche Sei­te, die der Gene­ral­mu­sik­di­rek­tor Her­mann Bäu­mer zu ver­ant­wor­tet, hat es mir sehr ange­tan. Bäu­mer lässt Lige­tis nicht ganz ein­fa­che Par­ti­tur mit kla­rer Kraft spie­len, die Orga­ni­sa­ti­on der Klän­ge, die ein aus­ge­spro­chen wei­tes Spek­trum vom feins­ten Wischen bis zum mas­sivs­ten Dröh­nen umfas­sen, gelingt ihm aus­ge­zeich­net. Erstaunt und über­rascht hat mich, das muss ich sagen, wie deut­lich und klar, wie sau­ber und durch­hör­bar das Main­zer Orches­ter die Par­ti­tur aus­leuch­tet. Bäu­mer schafft es auch ziem­lich gut, die for­ma­le Viel­falt von Lige­tis Oper auf­zu­zei­gen, ohne ins rein aka­de­mi­sche Musi­zie­ren zu ver­fal­len. Zudem auch die Sän­ger des Ensem­bles sich bei der Pre­miè­re sehr gut prä­sen­tie­ren, vor allem der Piet von Alex­an­der Spe­mann war sehr über­zeu­gend, aber auch der gewich­ti­ge Nek­trot­zar von Ste­fan Stoll ver­moch­te zu gefal­len. Vor allem aber war das eine schö­ne Ensem­ble­leis­tung, bei der das Niveau durch­weg sehr anspre­chend war.

Klamauk statt Groteske

Lige­tis Oper ist sicher schwie­rig, ich bin mir auch über­haupt nicht sicher, ob ich sie irgend­wie ver­ste­he. Aber, wie gesagt, die­se Insze­nie­rung hilft mir dabei über­haupt nicht. Denn eine Inter­pre­ta­ti­on kann ich dar­aus kaum erken­nen. Das, was bei Lige­ti im gro­ßen und gan­zen als gro­tesk erscheint, zeigt sich hier vor allem als Kla­mauk. Und wenn es das nicht ist, ist es lang­wei­li­ge Lee­re – so die ers­te Sze­ne, völ­lig belang­lo­ses Her­um­ste­hen und Her­um­ges­ti­ku­lie­ren auf der Büh­ne. Der Anfang war noch „nor­mal“, schlich­tes rea­lis­ti­sches Spiel einer Hoch­zeits­ge­sell­schaft. Aber zuneh­mend drif­tet das immer mehr in den Kla­mauk ab, regres­siert zum Blö­deln – und das war nicht gemeint, da bin ich mir halb­wegs sicher.

Die Büh­ne ist auch wie­der so ein Fall. Rie­si­ge Kacheln prä­gen das Bild – oder auch nicht: Das ist irgend­wie ganz neu­tral, ohne Bedeu­tung. Dafür hat Zol­ler eine schön varia­ble Büh­ne gebaut, mit der Dreh­büh­ne und vie­len ein­zel­nen Ele­men­te, die de Büh­nen­ar­bei­ter flei­ßig hin und her schie­ben dür­fen und kom­bi­nie­ren (und die sich dafür auch ver­beu­gen dür­fen am Schluss). Teil­wei­se gibt das rea­lis­ti­sche Räu­me (das Schlaf­zim­mer und das Bad, sogar mit ganz detail­ge­treu mit den typi­schen Requi­si­ten eines Bade­zim­mers), teil­wei­se aber ein­fach abs­trak­te Flä­chen, die ein­fahc den Raum irgend­wie auf­tei­len. Auch eine rie­si­ge Spie­gel­wand darf ab und an mit­spie­len. Und über allem schwebt eine oran­ge­ne Licht­schei­be (die Son­ne?) und eine klei­ne­re wei­ße (der Mond?), die zum Schluss gemein­sam leuch­ten. Und selt­sa­mer­wei­se ist sie oben offen, die nicht sehr hoch gebau­te Büh­ne, so dass der Schnür­bo­den und die Beleuch­tung zu sehen ist (nicht nur, wenn sie als Komet in den Zuschau­er­raum strahlt). Das ist jetzt irgend­wie nicht ver­kehrt, sagt mir alles aber über­haupt nichts. Gera­de in der Mischung aus abs­trak­ter Büh­ne und Rea­lis­mus (der in den Requi­si­ten udn Kos­tü­men noch deut­li­cher ist)

Leere Gesten

So leer im Sin­ne von bedeu­tungs­los, wie sich die Büh­ne mir zeigt, wirk­te auch vie­les von dem, was auf der Büh­ne geschah. Man könn­te ja durch­aus auf die Idee kom­men, dass die Geschich­te eines von Astro­no­men vor­her­ge­sag­ten Welt­un­ter­gangs mit­samt des Wel­ten­ver­nich­ters Nekrot­zar, der in Per­son auf­tritt und ein­greift, nicht nur auf der Ebe­ne der Thea­ter­hand­lung eine – dort, im „schö­nen Breu­ghel­land“, auch eine poli­ti­sche – Bedeu­tung hat. Davon kann ich aber ein­fach nichts erken­nen. Dar­an krankt in mei­nen Augen ein­fach die gan­ze Insze­nie­rung: Sie sagt mir nichts. Neh­men wir etwa die Video­ka­me­ra und ‑pro­jek­ti­on. Am Anfang ist das aus der Hand­lung moti­viert, als Kame­ra­mann bei einer Hoch­zeits­ge­sell­schaft. Das funk­tio­niert aber halt nur in der ers­ten Sze­ne. Bei den wei­te­ren Auf­trit­ten der Kame­ra und ihrer Pro­jek­ti­on ist mir die Moti­va­ti­on – und der Sinn – dann völ­lig schlei­er­haft geblie­ben. Vor allem, wenn wir die Hand­lung auf der Büh­ne in einem klei­nen, teil­wei­se ver­scho­be­nen, Aus­schnitt aus der Vogel­per­spek­ti­ve meh­re­re Meter über den Figu­ren noch ein­mal sehen dür­fen. Was soll das?

Bezeich­nend für die Lee­re der Ins­zie­rung sind aber auch ande­re Idee, z. B. auch die Idee, den Chor als Volk im Zuschau­er­raum pro­tes­tie­ren zu las­sen: Das ist natür­lich sehr nahe­lie­gend, aber dann ein­fach nicht sehr span­nend und nicht sehr auf­schluss­reich umge­setzt. Die Trans­pa­ren­te sind Platz­hal­ter, das steht „Neid“ und „Geiz“ drauf – was das wohl wie­der soll? Dafür wer­fen sie mit zusam­men­ge­knäul­tem Papier, fuch­teln mit den Armen nd ver­tei­len Zet­tel – aber davon habe ich lei­der kei­nen bekom­men – ich ver­mu­te aber, dass da nichts wesent­li­ches drauf­stand … Und natür­lich darf heu­te auch eine Anony­mous-/Guy-Faw­kes-Mas­ke nicht feh­len. Aber was sagt die uns hier? Was will die? Völ­lig schleierhaft …

Das klingt jetzt viel­leicht alles nega­ti­ver als es eigent­lich gemeint ist: Wirk­lich schlecht im Sin­ne von absto­ßend, falsch oder unsin­nig war das gar nicht so sehr. Mir schien nur die Insze­nie­rung ein­fach leer und belang­los zu sein. Und das war mir ein biss­chen wenig, da ret­tet es die Musik allei­ne auch nicht mehr. Viel­leicht sind mei­ne Erwar­tun­gen aber auch etwas hoch gewe­sen – wenn man eine Oper, ein Musik­thea­ter­werk schon als Musik (und his­to­ri­schen Moment der Musik­ge­schich­te) eini­ger­ma­ßen gut kennt und oft gehört hat, hat es nach so lan­ger Zeit eine Insze­nie­rung natür­lich schwer, die auf­ge­bau­ten Erwar­tun­gen zu erfüllen.

Györ­gy Lige­ti: Le Grand Macab­re. Oper in vier Bil­dern. Staats­thea­ter Mainz, Pre­miè­re: 17.3.2012. Insze­nie­rung. Lor­ne­zo Fio­ro­ni. Musi­ka­li­sche Lei­tung: Her­mann Bäumer.

gestern gestorben: mauricio kagel

mau­ricio kagel – einer der weni­gen kom­po­nis­ten, die das (neue) musik­thea­ter und das (neue) hör­spiel in den letz­ten jahr­zehn­ten wirk­lich berei­chert, ver­än­dert und beein­flusst hat. und natür­lich über­haupt ein groß­ar­ti­ger kom­po­nist mit viel humor – („er lieb­te die musik durch die mas­ke des har­le­kins“ – schreibt die frank­fur­ter rund­schau) aber nie flach, immer auch künst­le­risch auf der höhe der zeit.

ges­tern starb er nach mehr als 75 jah­ren leben und kom­po­nie­ren und lan­ger krankheit.

nach­ruf von hart­mut lück (frank­fur­ter rund­schau), gespräch mit wer­ner klüp­pel­holz (bei deutsch­land­ra­dio kul­tur, die selt­sa­mer­wei­se kagel mal mau­ricio, mal mau­ri­ziod schreiben)

und noch mehr nach­ru­fe: wolf­gang sand­ner auf faz​.net, elmar kre­ke­l­er bei welt​.de und ein rich­tig guter text von max nyf­fe­l­er für die nzz.

manfred trojahn schreibt über (seine) musik

Ein Kom­po­nist, der nicht schrei­ben kann, hat es schwer heut­zu­ta­ge. Werk­kom­men­ta­re für Urauf­füh­run­gen, Pro­gramm­hef­te, musik­ge­schicht­li­che Betrach­tun­gen und der eine oder ande­re bio­gra­phi­sche Split­ter sowie hin und wie­der ein Werk­statt­be­richt sind Pflicht­übun­gen bei der Ver­mark­tung des musi­ka­li­schen Schaf­fens. Nicht alle Ton­set­zer sind dazu aber glei­cher­ma­ßen begabt. Man­fred Tro­jahn gehört sicher­lich zu den bes­se­ren: An die Wort­ge­walt eines Wolf­gang Rihm reicht er zwar nicht her­an, genau­so wenig wie an die abs­trakt-ana­ly­ti­sche Schär­fe Hel­mut Lachen­manns oder Hans Zen­ders (von denen allen auch aus­ge­zeich­ne­te Sam­mel­bän­de ihrer schrei­ben­den Tätig­keit vor­lie­gen) – aber erzäh­len und schrei­ben kann er zwei­fel­los. Vor allem aber kann er durch­aus für sich ein­ste­hen und sei­ne Posi­ti­on ver­tei­di­gen. Und man kann die­se Neben­pro­duk­te des schrei­ben­den Musi­kers nicht nur mit Gewinn, son­dern oft auch mit erheb­li­chem Ver­gnü­gen lesen. Das man dafür nicht lan­ge in den Archi­ven her­um­wüh­len muss, hat man Hans-Joa­chim Wag­ner und dem Frank­fur­ter Stroem­feld-Ver­lag, sonst eigent­lich nicht gera­de eine Heim­statt musik(-wissenschaftlichen) Schrift­tums, zu ver­dan­ken. Denn dort ist jetzt ein umfang­rei­cher Band mit Tro­jahns „Schrif­ten zur Musik“ erschie­nen. Das sind mitt­ler­wei­le, nach eini­gen Jahr­zehn­ten des Kom­po­nie­rens und Schrei­bens, über 500 gedruck­te Sei­ten: Tex­te zu ästhe­ti­schen Fra­gen, bio­gra­phi­sche Skiz­zen, Glos­sen, Noti­zen, vie­le Gesprä­che und natür­lich die Ein­füh­rungs­tex­te zu den eige­nen Wer­ken. „Was wird es für ein Buch wer­den“, so fragt sich Tro­jahn im Vor­wort. Und er gibt drei Mög­lich­kei­ten der Ant­wort vor: „Eine ver­steck­te Bio­gra­phie? Eine ver­kapp­te Ästhe­tik? Oder doch die Beschrei­bung einer Rei­se zu mir selbst?“ Ent­schei­den lässt sich das kaum. Denn es von allem etwas dabei.Vor allem ist es aber ganz viel Recht­fer­ti­gung: Recht­fer­ti­gung des eige­nen Tuns vor sich selbst und der Welt. Denn Tro­jahn zeigt sich als unbe­ding­ter, scharf­zün­gi­ger Ver­fech­ter der Frei­heit der Kunst. Und des­halb bekommt – natur­ge­mäß – vor allem der Musik­be­trieb mit sei­nen Fes­ti­vals, Thea­tern, Ver­an­stal­tern und den bösen, unwil­li­gen und unver­stän­di­gen Men­schen des Feuil­le­tons zu Zei­ten post­mo­der­ner Kunst­be­trieb­sam­keit immer wie­der eine geball­te Ladung Kri­tik ab. Ge- und beschrie­ben ist das durch­aus mit einer Ver­an­la­gung zum geist­rei­chen, gebil­de­ten Bon­mot. Und auch Tro­jahns fast unver­brüch­lich schei­nen­de Tra­di­ti­onver­bun­den­heit schim­mert ganz selbst­ver­ständ­lich immer durch. Wich­ti­ger und ein­fluss­rei­cher ist aber sein unb­ding­ter Glau­be an die Bestän­dig­keit der emo­tio­na­len Kraft der Musik – und dabei ins­be­son­de­re der Oper, des musi­ka­li­schen Thea­ters oder wie auch immer man es nen­nen mag: Die­se Gat­tung hat ihn – als Hörer – schon früh gepackt, davon erzählt er immer wie­der. Beson­ders in den Fokus sei­ner Dar­stel­lung rückt dabei das Wun­der der „Dar­stel­lung“: „Denn schon damals [d.h. in sei­ner Kind­heit] waren mir die dar­ge­stell­ten Per­so­nen wesent­lich wich­ti­ger als die dar­stel­len­den.“ Das Unge­heu­er­li­che, das aus dem Nichts „Per­so­nen“, Figu­ren, Cha­rak­te­re ent­ste­hen, geschaf­fen mit Wor­ten und Musik (da der jun­ge Man­fred Tro­jahn Oper in ers­ter Linie am Radio ken­nen­lern­te ohne die ergän­zen­den Zei­chen der Büh­ne und der Ges­ten): Die­ses Fas­zi­no­sum der Jugend und der Rei­fe schil­dert Tro­jahn mit glü­hen­der Begeis­te­rung. Zum Unter­neh­men der Werk­ein­fü­hun­gen (dem Tro­jahn wie die meis­ten Kom­po­nis­ten sehr skep­tisch gegen­über­steht) äußert er sich dage­gen eher pes­si­mis­tisch: „Im all­ge­mei­nen sind das aus­sichts­lo­se Ver­su­che, denn nur die Dra­ma­tur­gie denkt, daß der Hörer den­ken soll­te, was der Kom­po­nist denkt, daß der Hörer den­ken müß­te.“ Und da ist er auch schon wie­der bei sei­nem Lieb­lings­the­ma, wie es in den „Schrif­ten zur Musik“ ganz deut­lich zu erken­nen ist: Der Frei­heit der Musik. Das heißt für einen Kom­po­nis­ten wie Tro­jahn natür­lich kei­nes­wegs sub­jek­ti­ve Belie­big­keit, unge­bun­de­nes Aus­to­ben sei­ner Träu­me und Vor­stel­lun­gen: „Künst­le­ri­sche Frei­heit ist Syn­onym für die Arbeit an einer Uto­pie gesell­schaft­li­chen Lebens, und sie ent­hält den Anspruch aufs Gan­ze.“ Die­se gesell­schaft­li­che Situ­ie­rung der Musik, sie zieht sich in ver­schie­den star­ken Aus­prä­gun­gen immer wie­der durch sei­ne Tex­te. Über­haupt liegt Tro­jahn viel dar­an, sein eige­nes Schaf­fen zu kon­tex­tua­li­sie­ren und zu zei­gen, dass er mit den Mit­teln und den Ergeb­nis­sen sei­ner musi­ka­li­schen Krea­ti­vi­tät nicht allei­ne ist. Und so sehr er Kom­po­si­ti­on als Pro­zess, als Zwi­schen­er­geb­nis einer fort­wäh­ren­den Ent­wick­lungs­ge­schich­te und damit engs­tens ver­knüpft mit dem (Er-)Leben sei­nes Schöp­fers, dem Kom­po­nis­ten und sei­nen (Lebens-)Bedingungen, ver­steht, so sehr besteht er glei­cher­ma­ßen auf dem Hand­werk des Kom­po­nie­rens. Sol­che gekonnt gemach­te und erar­bei­te­te Musik möch­te er dann aber auch noch ger­ne offen hal­ten – nicht offen im Ver­ständ­nis der offe­nen Form“, son­dern offen für die Rezep­ti­on: „Das zielt auf eine Musik abseits von Mas­sen­wir­kung“, indem es ganz wie zu den Zei­ten der bür­ger­li­chen Bil­dung, inten­si­ve Beschäf­ti­gung mit Musik vor­aus­setzt, „aber ohne exklu­si­ven Abschluß durch Unzu­gäng­lich­keit.“ Denn auch das wird in sei­nen gesam­mel­ten Schrif­ten noch ein­mal und immer wie­der deut­lich: Tro­jahn ver­steht sein Kom­po­nie­ren als gesell­schaft­li­ches Tun. Und gera­de des­halb ist er fast unauf­hör­lich dar­um bemüht, sich selbst und sei­ne Wer­ke in den rich­ti­gen Kon­text ein­zu­ord­nen. Der frü­he Schock der Eti­ket­tie­rung, der kaum einen Kom­po­nis­ten der letz­ten Gene­ra­ti­on so zei­tig und so hef­tig getrof­fen hat wie ihn, macht sich hier immer wie­der bemerk­bar. Fast ver­bis­sen und in der Sache uner­bitt­lich kämpft er dage­gen an – bio­gra­phisch durch­aus ver­ständ­lich, heu­te frei­lich in der Obses­si­vi­tät durch­aus obso­let erschei­nend: Sol­che Din­ge nimmt doch kaum noch ein Hörer, der sei­nen Ohren auch nur ein biss­chen ver­traut, wirk­lich ernst. Die­se hef­ti­gen Kämp­fe um die (Deutungs-)Hoheit sind zwar längst Ver­gan­gen­heit. Damit sind sie in die­ser Samm­lung aber auch Erin­ne­rung an Zei­ten, als Neue Musik noch für Bewe­gung gut war, Auf­merk­sam­keit erre­gen konn­te, mehr als nur ein leich­tes Säu­seln im Blät­ter­wald erreichte.

Man­fred Tro­jahn: Schrif­ten zur Musik. Hrsg. von Hans-Joa­chim Wag­ner. Frank­furt am Main, Basel: Stroem­feld 2006.
(erschie­nen in „die ton­kunst”, jg. 1 (2007), heft 3, sei­te 322–323)

strauss und das musiktheater – ein weites, aber sehr verholztes und ausgelaugtes feld

sam­mel­bän­de zu bespre­chen ist meist kei­ne beson­ders dank­ba­re auf­ga­be – das edi­tie­ren aller­dings oft auch nicht. die regel­mä­ßig über­gro­ße zahl der bei­trä­ge, ihre metho­di­sche und the­ma­ti­sche viel­falt und oft auch noch ihre stark diver­gie­ren­de qua­li­tät machen ein ein­heit­li­ches urteil fast unmög­lich. das gilt auch für den band „richard strauss und das musik­thea­ter“, der die vor­trä­ge der gleich­na­mi­gen inter­na­tio­na­len fach­kon­fe­renz in bochum 2001 ver­sam­melt. schon der titel zeigt ja an, wie umfas­send das spek­trum sein wird. zwei dut­zend bei­trä­ge unter­schied­lichs­ten umfangs und erkennt­nis­dich­te fül­len dann auch gut vier­hun­dert sei­ten. und die her­aus­ge­be­rin julia lieb­scher betont auch aus­drück­lich, das richard strauss aus allen mög­li­chen blick­win­keln betrach­tet wer­den soll, im ver­ein mit thea­ter- und film­wis­sen­schaft, mit der libretto­for­schung und der dra­ma­tur­gie. den ange­streb­ten „metho­do­lo­gi­schen plu­ra­lis­mus“ hebt sie zudem beson­ders hervor.

ein zwei­ter leit­ge­dan­ke, der die meis­ten arbei­ten prägt, ist die über­zeu­gung von der moder­ni­tät und fort­schritt­lich­keit sowie der „uni­ver­sa­li­tät“ des strauss’schen oeu­vre: „zwei­fel­los ist strauss als letz­ter musi­ker der euro­päi­schen muik­ge­schich­te zu wür­di­gen, der jene uni­ver­sa­li­tät der musi­ka­li­schen kul­tur reprä­sen­tier­te, die in den plu­ra­len kunst­strö­mun­gen und spe­zia­li­sie­run­gen des 20. jahr­hun­derts end­gül­tig zer­bro­chen ist“ heißt es in der ein­füh­rung von lieb­scher. den anhal­ten­den ruhm strauss’ auf die­se fak­to­ren zurück­zu­füh­ren, hat sich ja in den letz­ten jah­ren – gegen etwa ador­nos frü­hes ver­dikt – zuneh­mend durchgesetzt.

der ers­te teil des ban­des ist „musi­ka­li­sche dra­ma­tur­gie“ über­schrie­ben und wid­met sich vor allem den ver­schie­de­nen for­men der über­füh­rung des (theater-)textes in musik­thea­ter. und obwohl er damit auf eine lan­ge for­schungs­tra­di­ti­on auf­bau­en kann, ist er doch ins­ge­samt der schwächs­te teil des ban­des. die meis­ten auf­sät­ze kau­en näm­lich bloß – teil­wei­se sehr minu­ti­ös – die ent­ste­hungs­ge­schich­ten, die pro­zes­se der zusam­men­ar­beit zwi­schen libret­tist und kom­po­nist, also die trans­for­ma­tio­nen von thea­ter in oper bzw. musik­thea­ter, durch. beson­de­re erkennt­nis­se erwach­sen dar­aus nicht oder zumin­dest arg sel­ten. eine deut­li­che aus­nah­me ist aller­dings jür­gen maeh­ders gekonn­te stu­die zur „klang­far­ben­kom­po­si­ti­on und dra­ma­ti­schen instru­men­ta­ti­ons­kunst in den opern von richard strauss“. die­se grund­le­gen­de arbeit, eine instru­men­ta­ti­ons­ana­ly­se in der nach­fol­ge von egon wel­lesz, macht sich die „inter­de­pen­denz von klang­far­be und orches­ter­satz“ mit der dra­ma­tur­gi­schen akti­on zu ihrem the­ma. und genau in die­ser schnitt­men­ge begibt er sich auf die suche nach der werk­in­ten­ti­on – eine müh­sa­me auf­ga­be. vor allem die ein­füh­rung neu­er instru­men­te, die erwei­te­rung und ver­dich­tung des appa­ra­tes las­sen maeh­der dann strauss als nach­fol­ger und fort­set­zer der bemü­hun­gen richard wag­ners erken­nen – ein nach­fol­ger, der aller­dings weit über sei­nen vor­gän­ger hin­aus­reicht. das vor­drin­gen in und aus­lo­ten von grenz­be­rei­chen orches­tra­ler klang­far­ben wie dem ton­hö­hen­lo­sen akkord und dem über­gang zum geräusch, dem umschwung des ver­schmel­zungs­klan­ges in die ver­schleie­rung beto­nen die fort­schritt­lich­keit des opern­kom­po­nis­ten: „durch wech­sel­sei­ti­ge dena­tu­rie­rung der ein­zel­nen töne erzeug­te der kom­po­nist das ers­te »syn­the­ti­sche geräusch« der musik­ge­schich­te, den grenz­fall extre­men instru­men­ta­to­ri­schen raf­fi­ne­ments.“ und mit der hil­fe einer detail­lier­ten situ­ie­rung der strauss’schen tech­ni­ken in der orchestra­ti­ons­tech­nik des fin de siè­cle kann maeh­der zu dem schluss kom­men, dass mit strauss der abschied von der epi­go­na­len nach­fol­ge des musik­dra­mas aus der „ein­sicht in das inners­te sei­ner musi­ka­li­schen spra­che“ voll­zo­gen wor­den sei.

der zwei­te teil, „insze­nie­rung – dar­stel­lung – gesang“ vesam­melt eini­ge über­le­gun­gen zur auf­füh­rungs­pra­xis. joa­chim herz als prak­ti­ker pro­pa­giert den begriff der „werk­ge­rech­tig­keit“ anstel­le der für ihn unmög­li­chen „werk­treue“ und legt anhand der „frau ohne schat­ten“ die beweg­grün­de sei­ner insze­nie­rung dar. dabei kreist er in ers­ter linie um das pro­blem der ver­ständ­lich­keit – eine insze­nie­rung sol­le, so herz, sich dar­um bemü­hen, text, musik und vor allem die büh­ne, d.h. letzt­lich die gan­ze insze­nie­rung beson­ders zur „expli­ka­ti­on der fabel“ zu nut­zen – im fal­le sei­ner „frau ohne schat­ten“ wäre das für ihn ein „hohe­lied von der ver­än­der­bar­keit des menschen“.

peter-micha­el fischer lie­fert eine sehr grund­le­gen­de und tech­nisch soli­de arbeit zu den „anfor­de­run­gen an die pro­fes­sio­nel­le sän­ger­stim­me“ und reflek­tiert dabei vor allem das pro­blem des „opern­mu­se­ums“: jede zeit­epo­che hat nicht nur ein ande­res stimm­ide­al, son­dern auch ande­re stimm­tech­ni­schen fähig­kei­ten und mög­lich­kei­ten, die es heu­te sowohl bei der beset­zung als auch bei der inter­pre­ta­ti­on ent­spre­chend zu berück­sich­ti­gen gilt. im fal­le strauss sieht er das beson­de­re in der eta­blie­rung eines neu­en, aus dem natür­li­chen sprach­duk­tus ent­wi­ckel­ten gesangs­stil durch den kom­po­nis­ten, der den bel­can­to um neue anfor­de­run­gen – bedingt durch die erwei­ter­te ver­to­nung von spra­che – ergänzt. tho­mas see­dorf ver­voll­stän­digt die­se aus­füh­run­gen mit sei­nem bei­trag „kom­po­si­to­ri­sche rol­len­kon­zep­ti­on und sän­ge­ri­sche rea­li­sie­rung“ im wesent­lich details. see­dorf kann näm­lich anhand der vor­be­rei­tung der urauf­füh­run­gen zei­gen, dass strauss, immer der thea­ter­rea­li­tät ver­pflich­tet, „im prag­ma­ti­schen umgang mit dem eige­nen werk“ zu gro­ßen kon­zes­sio­nen hin­sicht­lich der details der stimm­füh­rung bereit war, um aus dar­stel­le­risch und musi­ka­li­schen grün­den gewünsch­ten sän­ge­rin­nen die ent­spre­chen­den par­tien zu ermög­li­chen und fol­gert dar­aus: „strauss hat auf sei­nem ursprüng­li­chen ide­al nicht bestan­den, son­dern ande­re inter­pre­ta­tio­nen zuge­las­sen.“ eine sol­che, näm­lich die ari­ad­ne-insze­nie­rung von jos­si wie­ler und ser­gio morabi­to, nimmt sich robert braun­mül­ler zum gegen­stand. er lie­fert eine aus­führ­li­che auf­füh­rungs­ana­ly­se und ver­gleicht dabei die kon­kre­te insze­nie­rungs­pra­xis mit den vor­ga­ben von strauss – mit ernüch­tern­dem ergeb­nis. „seit jah­ren erschöp­fen sich die meis­ten insze­nie­run­gen in der kon­ti­nu­ier­li­chen fort­füh­rung einer tradition.“

von dort aus ist der weg nicht weit zur unter­su­chung der rezeption(sgeschichte): die im drit­ten teil ver­sam­mel­ten bei­trä­ge beto­nen durch­weg die fle­xi­bi­li­tät des kom­po­nis­ten hin­sicht­lich der werk­treue – solan­ge die „inten­ti­on“ gewahrt blieb oder ihr damit gar gedient wur­de, war strauss zu kür­zun­gen und umstel­lun­gen, in guten augen­bli­cken sogar zur umar­bei­tung fähig.

wäh­rend ros­wi­tha schlöt­te­rer-trai­mer bei ihrer unter­su­chung der „mus­ter­auf­füh­run­gen“ unter cle­mens krauss in mün­chen immer­hin noch so etwas wie eine grund­ten­denz der insze­nie­ren­den inter­pre­ta­ti­on, näm­lich das „stre­ben nach größt­mög­li­cher deut­lich­keit“ fin­det, begnügt sich gün­ther les­nig gleich mit einer rei­nen daten­samm­lung zu den salo­me-auf­füh­run­gen in wien, mai­land und new york. sonst glänzt der drit­te, mit „rezep­ti­on“ über­schrie­be­ne teil vor allem durch sei­ne glanz­lo­sig­keit. hans-ulrich fuss kann in sei­ner unter­su­chung ver­schied­ner auf­nah­men der salo­me immer­hin zei­gen, dass es bei strauss nicht immer sinn­voll ist, mög­lichst exakt zu spie­len: bestimm­te tex­tu­ren for­dern die undeut­lich­keit als eigen­stän­di­ges ästhe­ti­sches attri­but über­haupt erst her­aus. und mar­tin els­te macht sich eini­ge gedan­ken über den unter­schied einer oper als ton­auf­nah­me oder als thea­ter: grund­ver­schie­de­ne tem­pi-not­wen­dig­kei­ten für ent­spre­chen­de dra­ma­tur­gi­sche effek­te for­dert er etwa. vor allem aber: „das blo­ße hören einer oper kommt dem ein­tau­chen in eine traum‑, in eine schein­welt gleich“ – und kon­stan­tiert dann noch wenig über­ra­schend: „oper von schall­plat­te wird pri­mär als abso­lu­te musik gehört.“ das ver­bin­det er – ein wenig para­dox – mit der qua­si-natür­li­chen bevor­zu­gung der spra­che, d.h. der gesangs­stim­men bei ton­auf­nah­men. er sieht dann dar­in auch eine nahe­zu idea­le rezep­ti­ons­wei­se der oper – befreit von allen neben­säch­lich­kei­ten, als purer akus­ti­scher traum. das scheint mir aber dann doch ein arger fehl­schluss, der viel zu stark von der per­sön­li­chen fas­zi­na­ti­on des autors durch opern­auf­nah­men aus­geht – es gibt ja durch­aus auch rezi­pi­en­ten, die opern mehr oder weni­ger aus­schließ­lich in der kom­bi­na­ti­on aus akus­ti­schen und visu­el­len rei­zen genie­ßen können.

ande­res schließ­lich sam­melt sich unter der rubrik „tri­via“: richard strauss’ leben und wer­ke sind ja nicht ganz uner­forscht. da kann man sich also auch durch­aus mal auf neben­schau­plät­zen tum­meln und dort nach inter­es­san­tem mate­ri­al suchen. der ertrag lässt frei­lich wie­der­um meist zu wün­schen übrig. und den­noch, schließ­lich ist strauss’ werk auch noch nicht wirk­lich umfas­send und detail­liert unter­sucht – da böten sich durch­aus noch mög­lich­kei­ten für inter­es­san­te ana­ly­sen – die aller­dings auch zeit­ge­mä­ße metho­den erfor­der­ten. aber damit hat, und das zeigt die­ser band in sei­ner gesamt­heit eben auch, die musik­wis­sen­schaft nicht immer die glück­lichs­te hand: das meis­te hier vesam­mel­te ist in die­ser hin­sicht vor allem hoch­gra­dig unspek­ta­ku­lär, unbe­darft bis unre­flek­tiert und arbei­tet mit alt­mo­di­scher, teil­wei­se auch ein­fach unzu­rei­chen­der metho­dik. dass etwa die musik strauss „an der leben­di­gen auf­füh­rung ori­en­tiert“ und „auf unmit­tel­bar sinn­li­che gegen­wart“ aus­ge­rich­tet ist (hans-ulrich fuss), wird zwar wie­der­holt ange­merkt, schlägt sich in den ana­ly­sen aber erstaun­lich wenig nie­der. ver­mut­lich ist genau das einer grün­de, war­um die erfor­schung der musik­thea­ter­pro­duk­ti­on richard strauss’, wie sie die­ser band prä­sen­tiert, oft so bie­der und alt­ba­cken wirkt.

julia lieb­scher (hrsg.): richard strauss und das musik­thea­ter. bericht über die inter­na­tio­na­le fach­kon­fe­ren­ze bochum, 14. bis 17. novem­ber 2001. ber­lin: hen­schel 2005.

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