Lesen. Hören. Und ein bisschen schreiben.

Schlagwort: erzählung

Unboxing eines Kunstwerkes

Unboxing ist ja eigent­lich ein Sport/​Hobby, das sich vor allem bei elek­tro­ni­schen Gerä­ten aus­tobt. Ich habe das lett­zens mal mit einem Kunst­werk gemacht – einem Kunst­werk, zu des­sen Gehalt und Wert ich noch nichts sagen kann (das kommt spä­ter …), das aber immer­hin mit erheb­li­chem Anspruch daher­kommt: XO von Fran­cis Nenik. Das ist kein Buch, son­dern eine Lose­blatt­samm­lung (die übri­gens unter eine CC-Lizenz steht und auch kos­ten­los zugäng­lich ist) mit Text-Tei­len,1 ver­packt in einem Kar­ton, der Teil des Tex­tes ist und so wei­ter – ich lie­be ja sol­che Meta-Spielereien.

Show 1 footnote

  1. Die Idee, die linea­re Lek­tü­re von erzäh­len­den Tex­ten auf­zu­bre­chen, ist ja nicht so wahn­sin­nig neu. Zuletzt den­ke ich da etwa an Benja­min SteinsLein­wand“, die nicht nur die Lek­tü­re­rei­hen­fol­ge der zwei Groß­tei­le in die Ent­schei­dung des Leser stellt, son­dern aus­drück­lich das Wech­seln auch zwi­schen den Tei­len ermu­tigt und vor­schlägt. Oder an Aka Mor­chil­ad­ze, des­sen „San­ta Espe­ran­za“ auch durch die Ver­pa­ckung auf­fällt: eine Tasche mit 36 beli­big kom­bi­nier­ba­ren Ein­zel­hef­ten. Nicht zuletzt kann man auch Kaf­kas „Pro­cess“ so lesen, zumin­dest in der Aus­ga­be bei Wagen­bach, die sich der edi­to­ri­schen Ent­schei­dung der Anord­nung der Text­hef­te Kaf­kas ver­wei­gert. Man sieht: Es gibt also nichts Neu­es unter der Son­ne …

Überall nur Blau

Auch wenn der Ein­band ganz gelb ist: „Blue­screen“ von Mark Greif ist ein fan­tas­ti­sches Buch. Mir war Greif ja noch unbe­kannt – eine ech­te Lücke. Die Essays, die er „Ein Argu­ment vor sechs Hin­ter­grün­den“ unter­ti­tel­te und die in der – von Greif mit­her­aus­ge­ge­be­nen – Zeit­schrift n+1 erschie­nen sind, dre­hen sich um Erschei­nun­gen des moder­nen Lebens der Gegen­wart, um den sexu­el­le Fetisch der Jugend­lich­keit, um Über- und Unter­se­xua­li­se­rung, um You­Tube oder um die Geschich­te des Hip­Hop (einer der bes­ten Essays über­haupt: „Rap­pen ler­nen“, der aus­ge­hend von einer ganz per­sön­li­chen Erfah­rung einen brei­ten Abriss des Hip­Hops und sei­ner Bedeu­tun­gen entwickelt).

Die Ästhe­ti­sie­rung des gan­zen Lebens ist die zen­tra­le The­se Greifs. Aber dar­um spinnt sich ein wun­der­ba­rer Kos­mos der Beob­ach­tun­gen und Erklä­run­gen des All­tags der Gegen­wart und sei­ner media­len, ästhe­ti­schen und kul­tu­rel­len Erschei­nun­gen – so etwas wie eine Zeit­dia­gno­se in Schlag­lich­tern. Da geht es dann auch nicht mehr nur um die eigent­li­che Ästhe­ti­sie­rung, son­dern etwas all­ge­mei­ner um das Pro­blem der media­le Ver­mitt­lung unse­rer Erfah­run­gen und im Beson­de­ren um das Leben in Nar­ra­tio­nen: Greif sieht die Men­schen der Gegen­wart umstellt von Erzäh­lun­gen, die den Blick auf die „Wirk­lich­keit“ behin­dern. Da kann man frei­lich auch ande­rer Mei­nung sein: Die nar­ra­ti­ve und media­le Erfah­rung muss nicht unbe­dingt schlecht sein. Greif neigt sich da manch­mal etwas der kul­tur­pes­si­mis­ti­schen Sicht zu, die die media­le Ver­mitt­lung als Hin­der­nis ansieht, als Abkehr von einem – von Greif selbst durch­aus als sol­chen in sei­ner Pro­ble­ma­tik erkann­ten – idea­len Zustand der Unmittelbarkeit.

Aber Essays wie „Rap­pen ler­nen“ oder auch der „Hoch­som­mer der Sexkin­der“ sind trotz­dem gro­ße Kul­tur­kri­tik: Erklä­rend, aber durch­aus von einem Stand­punkt aus kri­tisch hin­ter­fra­gend, ohne bes­ser­wis­se­ri­schen Ges­tus des Alles­wis­sers und alle­ser­klä­rers aller­dings, der sowie­so schon weiß, was er von allem hält. In die­ser Hin­sicht sind das eben Essays im bes­ten Sin­ne: Ver­su­che, Erklä­run­gen zu fin­den – Erklä­run­gen z.B. für Phä­no­me­ne wie das Rea­li­ty-Fern­se­hen. Und davon aus­ge­hend immer die Über­le­gung: Was macht das mit uns? Wie ver­än­dert das uns, unse­re Hal­tung, unse­re Wahr­neh­mun­gen, unse­re Ein­stel­lun­gen, unser Ver­hält­nis zur Welt und zu unse­ren Mit­men­schen. In bes­ter Essay-Tra­di­ti­on nimmt Greif sich da als Zweif­ler und Sucher auch nicht zu sehr zurück, son­dern bleibt als Per­son, als Erle­ben­der und Fra­gen­stel­ler, immer prä­sent. Dass das außer­dem klar for­mu­liert, über­zeu­gend argu­men­tiert und luzi­de geschrie­ben ist, gehört unbe­dingt zum posi­ti­ven Ein­druck die­ses emp­feh­lens­wer­ten Bandes. 

Mark Greif: Blue­screen. Ein Argu­ment vor sechs Hin­ter­grün­den. Ber­lin: Suhr­kamp 2011. 231 Sei­ten. ISBN 978−3−518−12629−5.

Seerücken, Einsamkeit und ein bisschen Erfüllung

„See­rü­cken“ ist ein typi­sches Stamm-Buch. Alle not­wen­di­gen Ing­re­den­zi­en sind im neu­en Erzäh­lungs­band von Peter Stamm vor­han­den, auch die Mischung stimmt wie­der.1. Da wären sie also wie­der, die Gewöh­lich­kei­ten des Peter Stamm. Aus den Bana­li­tä­ten des Alltgs, des „nor­ma­len“ Lebens schöpft er sei­ne Erzäh­lun­gen. Tris­tesse und eine leich­te Melan­cho­lie als Grund­stim­mung darf und kann man hier schon kon­sta­tie­ren – aber nur eine leich­te, eine schwe­ben­de, die mehr durch ihre Anmut als durch ihre Melan­cho­lie bezaubert.

Das zeigt sich schon ganz neben­säch­lich – aber Neben­säch­lich­kei­ten gibt es bei Stamm eben nicht, hier zählt jedes Wort mit Bedacht – in der vor­han­de­nen und erfah­re­nen Natur und Umwelt im wei­tes­ten Sin­ne, denn auch Dorf (das eher) und Stadt, Arbeits­platz und Woh­nung gehö­ren da schon dazu: Als gege­be­ne Umstän­de, umwelt­li­che Rah­mun­gen des/​der Prot­ago­nis­ten – und bei­ben übri­gens auf­fal­lend men­schen­leer, selbst in „Mas­sen­sze­nen“ wie einem Open-Air-Kon­zert mit meh­re­ren Hun­dert Besu­chern gibt es eigent­lich nur vier oder fünf Men­schen, der Rest ist Umwelt, ist Rau­schen, Hin­ter­grund … Die Lan­schaft ist hier oft der Boden­see, wie­der­holt duns­tig, neb­lig, mit unkla­rem Wet­ter – kei­ne Son­nen­schein-Stim­mung auf jeden Fall …

Denn es sind ja immer etwas holp­ri­ge Lebens­ent­wür­fe, die Stamm beschäf­ti­gen. Sei­ne Erzä­hun­gen oder Kurz­ge­schich­ten haben hier – zumin­dest teil­wei­se – durch­aus einen Hang zur Novel­le: Einen gewis­sen Dreh, ein unvor­her­ge­se­he­ne Ereig­nis, eine uner­war­te­te Wen­dung bekom­men die Geschich­ten durch­aus öfters mit. Aber, und das ist eben typisch für Stamm, meis­tens nur einen klit­ze­klei­nen, manch­mal sogar nur einen kaum merk­ba­ren – und manch­mal auch gar kei­nen … Und die­ses „Ereig­nis“ – das auch eine blo­ße Wahr­neh­mung sein kann – ist kei­nes­wegs unbe­dingt das Zen­trum oder das Ziel des Tex­tes – inso­fern stimmt das mit den Novel­len auch wie­der nicht und man muss wohl bei dem etwas gene­ri­schen Begriff der „Erzäh­lung“ bleiben.

Sei­ne Gestal­ten sind Anti-Hel­den – die Kri­tik klas­si­fi­ziert sie oft als Ver­lie­rer. Aber das scheint mir zu weit: Ver­lo­ren sind sie in der Regel nur in der All­täg­lich­keit, der Gewöhn­lich­keit ihrer Lebens­ent­wür­fe. Aber auch Sehn­suchtspielt nur eine unter­ge­ord­ne­te Rol­le – die aller­dings schon: Sie lau­ert unter der Ober­flä­che, die (oft mit Mühe) auf­recht erhal­ten wird. Gewiss, das Schei­tern ist hier häu­fi­ger als das Gelin­gen. Aber so ist das Leben nun ein­mal. Und nicht jedes Miss­lin­gen ist ein Schei­tern, manch­mal reicht auch ein Bei­na­he oder ein Gera­de­so­ge­l­in­gen für den Erfolg. Die Figu­ren Stamms sind jeden­falls gan sicher kei­ne Drauf­gän­ger – Risi­ko gehen sie nur ungern ein, sie rich­ten sich ger­ne ein in ihrem Leben, ihren Umstän­den, ihrer eige­nen Welt. Und manch­mal ist der Autor so gemein, sie mit klit­ze­klei­nen Unschein­bar­kei­ten, mit zufäl­li­gen Begeg­nun­gen, mit klei­nen Ereig­nis­sen zumin­dest für einen Moment aus ihrem gemüt­li­chen, aber nie ganz erfül­len­den All­tag und des­sen Trott zu rei­ßen, ihnen so die Mög­lich­keit des Den­kens, des Seh­nens, des Wün­schens zu eröff­nen und die Welt und das Leben etwas hel­ler wer­den zu lassen.

Wahr­schein­lich kommt daher das hohe Iden­ti­f­kat­i­on­po­ten­zi­al, dass die Stamm­sche LIte­ra­tur anbie­tet und sie so erfolg­reich macht. Trotz­dem, trotz der (zumin­dest schein­ba­ren) Bana­li­tät sei­ner Figu­ren, Psy­chen und Hand­lun­gen, ist Stamm aber in der Lage, Schön­hei­ten zu ent­de­cken. Das st wohl sei­ne größ­te Leis­tung: Die ästhe­ti­sche Fas­zi­na­ti­on, die rei­ne, fast unschul­dig zu nen­nen­de Schön­hei der Bana­li­tät nicht nur zu ent­de­cken und mit­zu­tei­len, son­dern ihr auch eine Form zu geben. Denn Stamms Spra­che ist ja gera­de­zu belei­di­gend ein­fach, schlicht – aber genau­es­tens kom­po­niert. Denn gera­de die Sim­pli­zi­tät sei­ner Schil­de­rung, die leich­te Distanz zu Men­schen und Din­gen ermög­licht ihm Genau­ig­keit, Prä­zi­si­on der Wahr­neh­mung des Erzäh­lers und Prä­zi­si­on der Schil­de­rung. Die­se Pas­sung, die Über­ein­stim­mung von Thema/​Sujet und Stil macht einen gro­ßen Teil des Kön­nens Stamms aus.

Zehn Geschich­ten, jede ganz eigen und doch alle zusam­men gehö­rig, eben als ewi­ge Varia­ti­on des Stamm­schen The­mas. Aber das kann man durch­aus öfter lesen. Und allein die letz­te Geschich­te die­ses Ban­des, „Coney Island“, ist schon groß­ar­tig genug: Auf genau drei Sei­ten schil­dert Stamm nur eine ganz all­täg­li­che, bana­le Situa­ti­on – ein Rau­cher am Mehr, eine zufäl­li­ge Begeg­nung, ein Foto – und doch ist das alles viel mehr, öff­net es ein Fens­ter in ein gan­zes Leben, ein Ent­wurf, eine Idee des „rich­ti­gen“ oder ordent­li­chen Lebens. Die schwächs­te der Erzäh­lun­gen scheint mir genau die zu sein, die am stärks­ten zur Novel­le ten­diert, wo am „meis­ten“ pas­siert: „Der Lauf der Din­ge“ – ein Paar im Urlaub, die Nach­barn in der Feri­en­woh­nung als lär­men­de Fami­lie, die urplötz­lich ver­stummt: Der Vater hat sei­nen eige­nen Sohn beim Wen­den aus Ver­se­hen über­fah­ren. Typisch Stamm ist natür­lich, dass die­ses Ereig­nis nicht aus der betrof­fe­nen Fami­lie heaus erzählt wird, son­dern über den „Umweg“ der nicht/​kaum betrof­fe­nen zufäl­li­gen Nach­barn auf Zeit. Aber doch schei­nen mir die stär­ker redu­zier­ten Tex­te, die ohne grö­ße­re Sze­ne­rie und ohne viel­fäl­ti­ges Per­so­nal aus­kom­men,2 die ein­dring­li­che­ren und überzeugenderen. 

Peter Stamm: See­rü­cken. Erzäh­lun­gen. Frank­furt am Main: Fischer 2011. 190 Sei­ten. ISBN 978−3−10−075133−1.

Show 2 footnotes

  1. Mal sehen, wie lan­ge er es noch durch­hält – all­zu oft braucht man das wohl nicht mehr lesen .…
  2. Das ist natür­lich aus­ge­spro­chen rela­tiv – selbst die „größ­ten“, auf­wen­digs­ten Erzäh­lun­gen sind immer noch Kam­mer­spie­le im Ver­gleich zu ande­ren Autoren.

feldforschung oder erzählung?

am wochen­en­de gele­sen: tho­mas meine­ckes schma­les bänd­chen feld­for­schung (frank­furt am main: suhr­kamp 2006). der unter­ti­tel behaup­tet, das sei­en erzäh­lun­gen. ich habe da so mei­ne zweifel.
eigent­lich war ich bis­her von meine­ckes schrift­stel­le­ri­schen arbei­ten immer recht ange­tan: tom­boy habe ich vor eini­gen jah­ren mit gro­ßem ver­gnü­gen gele­sen, dann auch holz und The church of John F. Ken­ne­dy sehr genos­sen. die vor­ein­stim­mung auf die­sen band, der als &gdquo;narrativer Bei­trag zur im AUgust 2006 eröff­ne­ten Aus­set­lung ‚das ach­te feld. geschlech­ter, leben und begeh­ren in der kunst sein 1960’“ ent­stand, war also durch­aus posi­tiv. den hin­ter­grund zitie­re ich aus dem klap­pen­text des­halb so aus­führ­lich, weil er wahr­schein­lich nicht ganz unwe­sent­lich für die form des tex­tes bzw. der elf stü­cke ver­ant­wort­lich ist. vor allem aber, weil er so auf­fäl­lig noch ein­mal das wort „nar­ra­tiv“ bemüht. denn das ist eigent­lich der knack­punkt bei die­sem werk: wird hier über­haupt erzählt? ist es erzäh­len, wenn sei­ten­lang die dis­kus­si­on einer eng­lisch­spra­chi­gen mai­ling­lis­te über drag queens und kings bzw. ihre zwi­schen­stu­fen und über­la­ge­run­ge und deren ange­mes­se­ne und kor­rek­te bezeich­nung zitiert wird? oder ist das zitat nur fik­ti­on? die per­so­nen­na­men sind jeden­falls real und könn­ten auch – nach einer kur­zen inter­net­su­che – zu den ent­spre­chen­den aus­sa­gen pas­sen. eigent­lich ist es aber egal, denn die wirk­lich­keit ist offen­bar nur noch der/​ein/​text – und das heißt ja auch, dass wirk­lich­keit (und erst recht natür­lich mime­sis) kein kri­te­ri­um mehr ist. also, die fra­ge bleibt aber auch unab­hän­gig von der fik­tio­na­li­tät die­ser pas­sa­ge: was wird hier eigent­lich erzählt? natür­lich geht es um geschlecht(er), um ihrer kon­struk­ti­on, wahr­neh­mung etc. – fast hät­te ich geschrie­ben: das übli­che meine­cke-the­ma. aber noch ein­mal: ist das erzählt? es wir ja nur „be“-schrieben, nur situa­tio­nen geschil­dert. nur ganz sel­ten geschieht etwas, gibt es ent­wick­lun­gen und nur in weni­gen ansät­zen gibt es so etwas wie zeit. und das scheint mir doch schon ein merk­mal von erzäh­len zu sein, dass zeit in irgend einer form anwe­send ist, eine rol­le spielt. wenn über­haupt noch res­te sozu­sa­gen von dem, was man geläu­fig unter erzäh­len fasst, zu fin­den sind, sind sie ganz meine­cke-typisch neu­tra­li­siert1: das grund­sätz­li­che prä­sens zum bei­spiel. die unklar­heit von gender/​sex der erzähl­stim­me – wo es sie noch gibt. zum bei­spiel in mis­ter gay, der rekon­struk­ti­on eines über­falls auf eine schwu­len­bar, bei der es natür­lich auch wie­der um die ver­schwim­men­den gren­zen geht: die über­gän­ge von rea­li­tät in fik­ti­on, von bericht (des­sen stil­mit­tel vor­herr­schen) zur erzäh­lung zum dreh­buch, von psy­schi­cher „nor­ma­li­tät“ zu „krank­heit“ usw. usf. oder, auch eine eher spe­zi­el­le art des erzäh­lens: ody­see, wo der text nur noch aus einer zeit­ta­fel und der – deu­ten­den – über­schrift besteht.
da lie­ße sich bestimmt noch viel mehr dazu sagen. aber ob es sich lohnt? denn immer wie­der dreht es sich aber – in die­ser häu­fung dann auch schon sehr pene­trant – um die unklar­hei­ten des geschlechts, sei­ne kon­struk­tio­nen, sei­ne iden­ti­tä­ten (und deren kon­struk­tio­nen)2 und so wei­ter: „schon als klei­ner jun­ge war sie“ (63). wer das aber kapiert hat – und die meine­cke-leser ken­nen das ja eh’ schon -, dem ist eigent­lich auch schon alles klar, was die­se tex­te wol­len. und der rest ist vor allem langweile.

Show 2 footnotes

  1. ein typi­scher anfang bei meine­cke geht z.b. so: „bras­sai, unter dem unga­ri­schen namen gyu­la halá­sz gebo­ren im sie­ben­bür­gi­schen kron­stadt, rumä­nisch bra­sov, wovon er sein pseud­onym pho­ne­tisch ablei­te­te, des­sen lebens­weg von öster­reich-ungarn über deutsch­land nach frank­reich führt, in den frü­hen 1930er jah­ren, auf sei­nen nok­tur­nen foto­gra­fi­schen streif­zü­gen durch das soge­nann­te gehei­me paris, augen­blick­lich im le mono­cle, einer, wie er sich, hete­ro­nor­miert, aus­drückt, aus­schließ­lich dem schö­nen geschlecht gewid­me­ten bar, in wel­cher sämt­li­che frau­en, die wir­tin, sie hört auf den namen lulu de mont­par­nas­se, die andern­orts leicht­be­klei­de­ten bar- und ani­mier­mäd­chen, die kell­ne­rin­nen, selbst die gar­de­ro­bie­re, män­ner­klei­der tra­gen.“ (58) und das ist gera­de ein­mal der ers­te absatz, es geht noch fünf sei­ten so wei­ter.
  2. „er brach­te mir bei, was ich war, denn ich hat­te ja nie zuvor von fag hags gehört.“ (104)

marlene streeruwitz’ „der abend …“ beim neuen verlag weissbooks

das ist nun also mein ers­tes buch des neu­en ver­la­ges weiss­books: mar­le­ne stre­eru­witz: der abend nach dem begräb­nis der bes­ten freun­din. was sofort auf­fällt: das hand­li­che for­mat. es ist nur eine sehr schma­les bänd­chen, gera­de mal 60 sei­ten – dafür ist es unver­schämt teu­er. weiss­books ist der neue ver­lag des ehe­ma­li­gen geschäfts­füh­rers des suhr­kamp-ver­la­ges, rei­ner weiß, der den frank­fur­ter ver­lag im ungu­ten ver­ließ und jetzt sein eige­nes ding auf­zieht. die inne­re aus­stat­tung und gestal­tung sieht – wenig über­ra­schend – auf­fäl­lig nach suhr­kamp-büchern aus – wo das wohl her­kommt. dafür gibt sich das gan­ze (noch sehr beschei­de­ne) ver­lags­pro­gram­me ein­fach und sim­pel, außen sind die büchet wohl­tu­end schlicht: rei­nes schwarz-weiß – das ist mal ganz nett. aller­dings steht dann der ver­lags­na­me auch rich­tig groß auf dem umschlag – das fin­de ich wie­der­um etwas befremd­lich. und was das .w am ende soll (weissbooks.w), ist mir auch nicht so klar. genau­so wenig wie der grund, war­um ein deut­scher ver­lag …books hei­ßen muss. aber damit ist er ja nicht der ein­zi­ge. der satz ist übri­gens in mei­nen augen nur mit­tel­mä­ßig – mir sind die rän­der zu klein, auch bei einem sol­che klei­nen for­mat. aber immer­hin ist er regis­ter­hal­tig und mit absichts­vol­ler ver­mei­dung von schus­ter­jun­gen und huren­kin­dern – das ist ja schon mehr als bei fast allen gro­ßen deut­schen ver­la­gen heu­te zu bekom­men ist.

der text ist übri­gens sehr schön – ein ech­ter stre­eru­witz, so gese­hen: knapp und deut­lich, aber nie gefühl­los; über­legt, aber nicht intel­lek­tu­ell-ver­quast. er beschreibt den abschied einer frau von „der bes­ten freun­din” – das defi­ni­tiv­pro­no­men (anstel­le eines übli­chen pos­se­siv-pro­no­men) im titel ist gleich schon typisch für die autorin: es gibt nicht so sehr die (emo­tio­na­le) ver­ein­nah­mung von figu­ren durch den autor bzw. von figu­ren inner­halb des tex­tes, es wird immer eine wohl­tu­en­de, manch­mal etwas kühl wir­ken­de distanz gewahrt. die ich-erzäh­le­rin sin­niert also ange­sichts des begräb­nis­ses über tod und ster­ben nach, über abschied und (weiter-)leben: „sie war so damit beschäf­tigt, das ster­ben ernst zu neh­men, daß sie den tod über­se­hen hat.” (30) wie immer bei stre­eru­witz sind ihre cha­rak­te­re mehr oder min­der allein – was nicht unbe­dingt per se schlecht sein muss: „dann gehen wir bei­de in unse­re allein­wel­ten.” (33) und das nach­den­ken über das ster­ben – „ich weiß nicht, wie man das machen soll. ster­ben. wie die­se panik. die angst vor dem sarg. schon die vor­stel­lung den kör­per sprengt. panik. und kei­ne atta­cken. ein ste­tes anwach­sen. als müß­te die angst alles aus­fül­len, um dem tod kei­nen platz zu las­sen.” (50) – wird natür­lich ver­deckt und offen, bewusst und unbe­wusst für die erzäh­le­rin, zum nach­den­ken und sin­nie­ren über das (rich­ti­ge) leben. und weil das alles so schön unauf­ge­regt, ohne auf­ge­bla­se­ne empha­se, daher­kommt, wirkt es auch so authen­tisch. nur den schluss, den habe ich nicht so recht ver­stan­den: die letz­ten sei­ten ist der erzähl­text zur lyrik auf­ge­löst, mit kurz­zei­len in gleich­mä­ßi­gem zei­len­fall, mit noch mehr luft – das erschloss sich mir bis­her nocht nicht.

mar­le­ne stree­ur­witz; der abend nach dem begräb­nis der bes­ten freun­din. frank­furt am main: weiss­books 2008.

wenn es regnet, dann immer gleich auf den kopf

- halt, nein, so heißt es ja gera­de nicht bei chris­ti­na grie­bel: wenn es reg­net, dann reg­net es immer gleich auf den kopf heißt ihr erzäh­lungs-band. und das ist ein gro­ßer unter­schied. denn er gibt der – genau bese­hen ja reich­lich bana­len – aus­sa­ge eine völ­lig neue wen­dung, macht sie – ja, poe­tisch eben: zu einer sprach­wirk­lich­keit. und dar­in ist grie­bel aus­ge­spro­chen gut. das war’s dann aber auch schon fast. denn so rich­tig konn­te ich mich für das büch­lein nicht erwär­men. sicher, schö­ne stel­len, tol­le beschrei­bung, super-genaue beob­ach­tun­gen ind prä­zi­ser, chir­ur­gi­scher sprach­schär­fe nie­der­ge­schrie­ben (erzählt übri­gens wird eigent­lich nicht, nur beschrie­ben – bli­cke, beob­ach­tun­gen, bege­ben­hei­ten …). so ganz kann ich des­halb auch die begeis­te­rung der rezen­sen­ten (die mich zum kauf und zur lek­tü­re ver­führt haben) auch nicht verstehen.

hans-peter kunisch schrieb in der süd­deut­schen zei­tung: „ Doch vor allem ist der ers­te Ein­druck von die­sem Erzäh­len einer der prä­zi­sen, sinn­li­chen Wahr­neh­mung.” d’ac­cord. aber wie­so er behaup­tet, „dra­ma­tur­gisch über­zeu­gen die meis­ten Tex­te”, ist mir schon nicht mehr so ganz klar. und sei­ne fest­stel­lung: „Sel­ten glaubt man von einer Erzähl-Debü­tan­tin so deut­lich, ihr kön­ne ein guter Roman gelin­gen.” kann ich gar nicht tei­len. im gegen­satz – ich befürch­te eher, dass ihr dies gera­de nicht gelin­gen wür­de, weil ihre tech­nik dafür, für die lan­ge stre­cke näm­lich, mir nicht trag­fä­hig genug erscheint.

gisa funck war in der faz auch eher hin- und her­ge­ris­sen – in ihrer rezen­si­on erken­ne ich vie­le mei­ner eige­nen lek­tü­re­er­leb­nis­se: näm­lich fas­zi­nie­ren­de spra­che, geschick­te beschrei­bun­gen etc., ande­rer­seits aber oft über­trie­be­ne geheim­nis­tue­rei, ziel­lo­sig­keit und so fort …

chris­ti­na grie­bel: wenn es reg­net, dann reg­net es immer gleich auf den kopf. frank­furt am main: fischer 2003 (coll­ec­tion fischer).

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